Archive for the ‘Naturheilkunde-Debatte’ Category

Maisgriffel (Maisbarthaare, Maisgrannen) – ein Schlankheitsmittel?

Mittwoch, Februar 1st, 2012

Maisgriffel werden im Internet für die verschiedensten Anwendungsbereiche propagiert: Nierenbeschwerden, Blasenbeschwerden, Cellulite, Fettleibigkeit, Nierensteine, Ödeme, Bluthochdruck, Rheuma, Gicht, Arthritis, Schmerzen……

Immer wieder taucht auch die Empfehlung von Maisgriffel als Schlankheitsmittel auf.

Die Empfehlungen im Internet überborden und sind zum Teil ziemlich abenteuerlich. Dem entgegen steht eine ausgesprochen magere Datenlage. Als glaubwürdig dokumentiert gilt in der Phytotherapie-Fachliteratur nur gerade eine leichte harntreibende Wirkung, wahrscheinlich aufgrund des hohen Kaliumgehalts. That’s it. Davon wird jedenfalls niemand schlank.

Aber mit grossartigen Versprechungen lassen sich gute Geschäfte machen.

Immer wenn es um Heilungsanpreisungen geht, scheint mir ein Rat von Erich Fromm bedenkenswert:

„Da das meiste, was wir hören oder in den Zeitungen lesen, zu Tatsachen verdrehte Interpretationen sind, ist es weitaus am besten, äusserst skeptisch zu sein und von der Annahme auszugehen, dass der grösste Teil von dem, was wir hören, wahrscheinlich eine Lüge oder Verzerrung ist. Wenn dies zu hart und zynisch klingt, so möchte ich beifügen, dass ich dies nicht ganz wörtlich meine. Dennoch möchte ich betonen, dass diese Einstellung viel gesünder ist, als vom Gegenteil auszugehen, nämlich zu meinen, die Leute sagen die Wahrheit, ausser man kann das Gegenteil beweisen. Vielleicht klingt meine Empfehlung weniger menschenfeindlich, wenn ich betone, dass es um den Wahrheitsgehalt von Aussagen geht und nicht um die Frage, ob jemand lügt oder nicht. Aber erwiesenermassen glauben die meisten Menschen, deren Aussagen unwahr oder halbwahr sind, dass sie wirklich die Wahrheit sagen – oder zumindest überreden sie sich selbst dazu.“

Zitat aus: Erich Fromm, Vom Haben zum Sein, Beltz 1989

Hinweise darauf, dass Maisgriffel schädlich wäre, gibt es allerdings keine.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
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Geistheilung im Test

Samstag, Januar 28th, 2012

Edzard Ernst hat als Professor für Alternativmedizin (Universität Exeter) 18 Jahre lang erforscht, welche alternativen Heilmethoden wirken. Nun geht er in Pension und beantwortete im Interview Fragen der „Sonntagszeitung“. Die Interviewerin fragte, welches Ergebnis seiner Studien ihn am meisten überrascht habe:

„Bei einer Studie zur Effizienz von Geistheilern war ich sehr beeindruckt, wie stark ein Placeboeffekt, also eine Scheinbehandlung, sein kann. Geistheiler sind Menschen, die vorgeben, durch Handauflegen kosmische oder göttliche Energie in Heilkräfte umzuwandeln. In Grossbritannien war das weit verbreitet, als ich 1993 an der Universität von Exeter meinen Lehrstuhl antrat.“

Danach beantwortete Edzard Ernst die Frage, wie man Geistheiler testet.

„Wir beobachteten rund 130 Patienten, die von Geistheilern oder anderen Personen behandelt wurden. Wir teilten die Kranken in vier Gruppen ein. Die eine war in direktem Kontakt mit den Geistheilern. Bei der zweiten sassen die Heiler hinter einer undurchsichtigen Wand. Eine dritte Gruppe wurde von geschulten Schauspielern behandelt, und bei der vierten Gruppe sass niemand hinter der Wand, was die Studienteilnehmer aber nicht wussten.“

Und auf die Frage, wie es den Patienten in dieser Studie erging, sagt Edzard Ernst:

„Das war unglaublich. Da gab es Kranke, die aus dem Rollstuhl aufstanden und sagten, sie hätten sich schon lange nicht mehr so gut gefühlt. Diese positiven Effekte waren aber kein Beweis für eine Geistheilung, denn diese eklatanten Fälle traten in allen Gruppen auf – selbst dort, wo die Patienten allein im Raum waren.“

Quelle:

http://www.sonntagszeitung.ch/wissen/artikel-detailseite/?newsid=199734

Kommentar & Ergänzung:

Die geschilderten Untersuchungen zeigen eines deutlich. Wenn es um Geistheilung geht, dann ist der Geistheiler oder die Geistheilerin im Grunde genommen überflüssig. Entscheidend ist nur, dass der kranke Mensch daran glaubt oder die Vorstellung hat, dass da ein Geistheiler oder eine Geistheilerin vorhanden sei. Dann tut es ein leerer Stuhl hinter der Wand auch.

Die Geistheilung findet also im eigenen Kopf statt.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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“Brennnesseltee entschlackt” und lässt “die Kilos purzeln”

Montag, Januar 16th, 2012

Das schreibt die Boulevardzeitung „Krone“ und rät ihren Leserinnen und Lesern:

„Von wegen Unkraut! Um überschüssigen Kilos den Kampf anzusagen, empfiehlt sich nämlich Brennnessel-Tee. Er enthält Mineralsalze, Kiesel- und Essigsäure sowie Vitamin E und treibt Giftstoffe aus dem Körper. Einen gehäuften Teelöffel Brennnesselblätter (gibt’s in der Apotheke) mit kochendem Wasser übergießen und fünf Minuten ziehen lassen. Drei Mal täglich eine Tasse trinken und schon werden die Kilos purzeln.“

Quelle:

http://www.krone.at/Gesund-Fit/Beauty-Elixier_Tee_So_schoen_machen_Rooibos_und_Co.-Rundum_gepflegt-Story-308056

Kommentar & Ergänzung:

Eine glatte Lüge, dieser Ratschlag mit den purzelnden Kilos. Und Brennnesseltee enthält tatsächlich Essigsäure?

Beeindruckend. Kann ich damit vielleicht auch gleich die Blutgefässe entkalken? 100%ig korrekt ist hingegen, dass Brennnessel Vitamin E enthält – in den Brennnesselsamen. Aber wo kommen wir denn hin, wenn wir solche Unterscheidungen machen. Die Welt ist ja sonst schon komplex genug. Und welche Giftstoffe soll die Brennnessel denn genau aus dem Körper treiben? Und was mach ich dann mit den ausgeschiedenen Giftstoffen? Doch nicht etwa ins Klo?

Gar auf die Sondermülldeponie? – Schliesslich kommen da ja mehrere Kilos Giftstoffe zusammen, wenn die Kilos wirklich purzeln sollen.

Im Ernst: Brennnesseltee hat eine leicht harntreibende Wirkung. Genauer gesagt, wird dank Brennnesseltee mehr Wasser ausgeschieden. Und daraus folgt: Je mehr Brennnnesseltee man trinkt, desto mehr Wasser geht weg.

Erleichtert wird man dadurch kein Gramm.

Der Ratschlag der Kronenzeitung ist eine einzige Verarschung.

Um Missverständnissen vorzubeugen, sei aber noch erwähnt, dass ich gar nichts gegen Brennnesseltee habe und auch keinesfalls ein Brennnessel-Feind bin. Bewahre!

Nur solche völlig hohlen Versprechungen, die finde ich gar nicht nett.

Vertiefende Informationen zur Entschlackologie:

Mit Heilfasten und Entschlackungskuren ins Neue Jahr 2012

Darmreinigung: Mehr Schaden als Nutzen durch Entgiftungskur

Unsinnig und Irreführend: Sidroga® Wellness Entschlackungstee

Fasten und Entschlacken

Entschlackung – unnötig und ungesund

Entgiften und Entschlacken – Höchst fragwürdige Versprechungen

Entschlackung – illusionäre Hoffnung auf Gewichtsreduktion

Die Kronen-Zeitung hat übrigens ihren Leserinnen und Lesern schon einmal wirre Brennnessel-Entschlackungsfantasien vorgesetzt:

Frühjahrskur mit Brennnessel – Fragwürdige Tipps der Kronen-Zeitung

Der „Kurier“ ist aber auch nicht besser:

Begriffssalat um Schulmedizin  Komplementärmedizin – Alternativmedizin

Reiner Zufall, dass es sich da um zwei Zeitungen aus unserem östlichen Nachbarland Österreich handelt. Ich schwörs! Ich habe auch gar nichts gegen Österreich…..

Und nun zur „Ehrenrettung“ der Brennnessel:

1.) Hinweise aus der Phytotherapie-Forschung deuten auf günstige Effekte von Brennnesselmus bei Rheuma hin aufgrund einer entzündungshemmenden Wirkung:

Brennnesselkur gegen Rheuma

2.) Die von der Kronen–Zeitung empfohlene Brennnessel-Anwendung ist nach gegenwärtigem Wissensstand harmlos und ohne Nebenwirkungen.

3.) Ich finde, wir sollten im Umgang mit der Natur und den Pflanzen nicht immer nur unseren eigenen Nutzen im Kopf haben.

Am wichtigsten sind Brennnesseln nämlich für Schmetterlinge:

„Für die Raupen von rund 50 Schmetterlingsarten sind bestimmte Brennnessel-Arten eine Futterpflanze.

Die Schmetterlingsarten Admiral, Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs (auch als Nesselfalter bekannt), Silbergraue Nessel-Höckereule, Dunkelgraue Nessel-Höckereule, Brennnessel-Zünslereule (Hypena obesalis) und das Landkärtchen sind dafür sogar auf die Brennnessel angewiesen, andere Pflanzen kommen für diese Arten nicht in Betracht (Monophagie). Trotzdem scheinen sich diese Schmetterlingsarten kaum gegenseitig Konkurrenz zu machen, denn sie bevorzugen jeweils andere Wuchssorten der Brennnessel oder sind relativ selten.“

Quelle: Wikipedia

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Der Weltuntergang 2012 nach dem Mayakalender – Kommentar zu einem irren Phänomen

Freitag, Januar 6th, 2012

Ätzend, dieser Hype um den angeblichen Weltuntergang am 21. Dezember 2012 aufgrund angeblicher Vorhersagen eines Mayakalenders.

Ich habe mich gefragt, ob ich auch noch etwas dazu schreiben soll, oder ob es besser wäre, diesen esoterischen Blödsinn gar nicht zu beachten.

Interessant ist nicht die Frage, ob diese bescheuerte Prophezeiung wahr ist oder nicht – die Welt wird am 21. Dezember 2012 nicht untergehen.

Interessant ist vielmehr das Phänomen, wie solche Prophezeiungen konstruiert werden.

Unser Gehirn ist, wenn es auf „Welt“ trifft, ständig auf der Suche nach Ordnung und Zusammenhängen. Das ist auch bei vielen Tierarten schon so.

Besonders in unübersichtlichen Situationen neigt unser Gehirn dazu, auch dort Ordnung und Zusammenhänge zu sehen, wo gar keine sind.  Offenbar ziehen wir notfalls selbst konstruierte Ordnungen dem Chaos vor. Menschen,  die stark zu selbst konstruierten Zusammenhängen neigen, finden sich besonders häufig in den Bereichen der Esoterik und der Verschwörungstheorien. Das hat ganz einfach damit zu tun, dass diese Bereiche auf solchen Konstrukten basieren.

Stärker werden solche Konstrukte beispielsweise, wenn viele Menschen die selbst geschaffenen Ordnungen und Zusammenhänge einer passenden Führerperson übernehmen. Auf dieser Basis entstehen Sekten, Gurusysteme, fundamentalistische Ideologien, Verschwörungstheorien. Sie alle interpretieren die Welt entlang von forciert konstruierten Zusammenhängen und setzen ihre Interpretation absolut.

Rupert Lay hat dieses Phänomen prägnant beschrieben:

„In Situationen objektiver oder subjektiver Orientierungslosigkeit basteln wir Menschen oft die phantastischsten Theorien zusammen. Sie sind um so phantastischer, als sich der Grund oder die Erklärung eines Sachverhaltes oder einer Beziehung zwischen zwei oder mehreren Sachverhalten nicht gleich aus dem Repertoire des eigenen oder sozialvermittelten Lernens anbietet. Unser Vertrauen in die Richtigkeit dieser selbsterstellten Theorie ist nahezu unerschütterlich, und das um so mehr, je grösser der Aufwand bei ihrer Erstellung war und je sonderbarer sie ist. Informationen, die dieser Theorie widersprechen, führen in der Regel nicht zu Korrekturen, sondern zur weiteren Ausarbeitung und Verfeinerung der absurden Erklärung.“

(aus: Philosophie für Manager, Econ Verlag 1991)

Verschwörungstheorien, Weltuntergangs-Prophezeiungen und esoterische Konstrukte sind offenbar Phänomene, die ziemlich stark im menschlichen Hirn verwurzelt sind. Katzen produzieren wohl kaum solche Geschichten (wer weiss…?).

Erstaunlich ist es aber schon, dass  fast ohne reale Fakten, nur basierend auf konstruierten Zusammenhängen, ein solcher weltweiter Hype wie diese Weltuntergangs-Prophezeiung nach dem Mayakalender entstehen kann. „Maya“ genügt offenbar vielen Menschen als Qualitätslabel, das den Wahrheitsgehalt einer Behauptung bestätigt.

Für das Qualitätslabel „Maya“ spricht der Traditions-Bonus (Tradition hat bekanntlich immer Recht) und der Exoten-Bonus (Je exotischer, desto überzeugender – was man nicht kennt, eignet sich besser als weisse Leinwand für die Projektion eigener Wünsche und Bedürfnisse)…..

Komplementärmedizin: Hat Tradition Recht?

Und schwup, schon übernehmen offenbar ganze Heerscharen ein irres Konstrukt, das nichts enthält als erhitzte Luft. Dabei ist diese Mayakalender-Weltuntergangs-Prophezeiung ja noch vergleichsweise harmlos. Gut, einige Leute verdienen sich daran wohl eine goldene Nase, wie das im Esoterikmarkt mit seinen überrissenen Margen halt so üblich ist. Und einige Leute steigern ihren Eso-Kultstatus, indem sie sich durch Einsicht in diese tiefen Zusammenhänge und in uralte Weisheiten von der breiten, unerleuchteten Masse abheben. Heikler wird es, wenn Menschen im Hinblick auf den bevorstehenden Weltuntergang ihr Haus verkaufen, den Job kündigen, ihre Beziehung aufgeben oder sich und ihre Kinder umbringen, um den Horror eines Weltuntergangs nicht miterleben zu müssen. Das sind alles ganz reale Begleiterscheinungen bisheriger Weltuntergangsszenarien. Wer solche Prophezeiungen weiterverbreitet, trägt dafür Mitverantwortung.

Wer sich detailliert für die Fakten rund um diese angeblichen Wahrsagungen des Mayakalenders zum Weltuntergang interessiert, findet alles dazu hier:

http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/weltuntergang-2012-fragen-und-antworten.php

Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799), den ich sehr schätze, hat zur Wahrsagerei geschrieben:

„Vom Wahrsagen lässt sich wohl leben, aber nicht vom Wahrheit sagen.“

Wobei er aber wohl nicht eine absolute, zweifelsfreie Wahrheit gemeint hat, schreibt er doch auch:

„Wir irren allesamt, nur irret jeder anders.“

Faktenferne Konstrukte in der Politik

Richtig beunruhigend finde ich aber, dass vergleichbare Phänomene auch auf der politischen Ebene zu beobachten sind.  Bei Silvio Berlusconi beispielsweise – einem „exzellenten“ Verschwörungstheoretiker – liess sich sehr gut beobachten, dass seine Fantasien über hintergründige feindliche Einflüsse immer verstiegener wurden, je mehr er in Bedrängnis kam.

Konstruierte Zusammenhänge, die kollektive Bedeutung erlangten, waren aber auch zentral beteiligt am Hexenwahn (rund um den „Schadenzauber“) und im Sündenbocksystem der Nationalsozialisten (die Juden als Ursache für alles Übel). Wenn ich sehe, wie leicht und massenhaft Menschen auf diese Mayakalender-Weltuntergangs-Prophezeiung abfahren – ein leeres Konstrukt ohne Faktenbasis – dann scheint mir das vor allem aus gesellschaftspolitischer Sicht bedenklich..

Für das Funktionieren einer demokratischen Gesellschaftsform ist es unabdingbar, dass Bürgerinnen und Bürger den Willen und die Fähigkeit haben, angebotene Konstrukte auf ihren Faktengehalt hin abzuklopfen.

Die Überschwemmung mit esoterischen Konstrukten – wie beispielsweise dieser Mayakalender-Weltuntergangs-Prophezeiung – unterminiert meines Erachtens diese Fähigkeit und ist darum gesellschaftspolitisch schädlich.

Faktenferne oder faktenwidrige Konstrukte in der Komplementärmedizin

Faktenferne oder faktenwidrige Konstrukte spielen auch in der Komplementärmedizin eine grosse Rolle und werden vom Markt bestens aufgenommen. Faktenfreiheit ist dafür vielleicht sogar vorteilhaft. Ein gewisser Realitätsgehalt könnte auch dazu betragen, dass Konstrukte an der Erfahrung scheitern.

Dazu zwei Beispiele:

Borreliose-Behandlung mit Kardentinktur

Borreliose ist eine schwierig zu diagnostizierende und –  jedenfalls in späteren Stadien – schwer behandelbare Krankheit. Bei den späten Stadien der Borreliose kommt die Medizin an Grenzen (sie kommt immer wieder an Grenzen, weil selbstverständlich nicht alles machbar ist).

Jedenfalls kann Medizin in solchen Fällen meist keine Heilung versprechen, sondern allenfalls die Beschwerden lindern.

Wo die ganze Wissenschaft und Medizin weltweit an Grenzen stösst, weiss ein Buchautor die Lösung: Kardentinktur heilt Borreliose. Antibiotika sind unnötig und unwirksam. Unzählige Borreliosepatienten setzen ihre Hoffnung (vergeblich) auf Kardentinktur.

Endlich frei von “Schulmedizin”. Kultstatus für Wolf-Dieter Storl als Entdecker dieser natürlichen Behandlung. Schöne Umsätze für den AT-Buchverlag, der keine Skrupel hat, solche fahrlässigen Heilungsversprechungen zu vermarkten.

Wolf-Dieter Storl beschreibt, dass er vor vielen Jahren eine Wanderröte hatte (d. h.: er hatte offenbar Kontakt mit Borreliose-Erregern), sich mit Kardetinktur behandelte und immer noch gesund ist. Was Wolf-Dieter Storl verschweigt: Bei der grossen Mehrheit der Menschen, die Kontakt mit Borrelien haben, entwickelt sich auch ohne Behandlung keine Borreliose. Die Chance ist ausgesprochen gross, dass Storl zu dieser glücklichen Gruppe gehört. Nur eine kleine Minderheit erkrankt an Borreliose, sofern nicht im Frühstadium mit Antibiotika behandelt wird. Für diese kleine Minderheit ist die Antibiotika-Behandlung aber wichtig und die Behandlung mit Kardentinktur anstelle von Antibiotika fatal. Verpasst man nämlich die Antibiotika-Behandlung im Frühstadium, und die Krankheit entwickelt sich weiter, lassen sich die Borreliose-Erreger nur noch  schwer oder gar nicht mehr durch Antibiotika bekämpfen.

Die ganze Geschichte mit der Borreliosetherapie durch Kardentinktur basiert offensichtlich auf einer Fehlinterpretation der Storl’schen „Eigenheilung“  (ein Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss, siehe unten) und auf wunschbasiertem Denken.

Es handelt sich um ein faktenfernes Konstrukt mit hohem Risiko, wenn sich Menschen mit Wanderröte einzig darauf verlassen.

Mehr Details dazu hier:

Karde & Borreliosetherapie nach Storl

Miracle Mineral Supplement (MMS)

Ein Oxidations- und Reinigungsmittel, das in manchen Gegenden auch zur Trinkwasserchlorierung verwendet wir, soll gegen Malaria, Tuberkulose, Diabetes, Krebs, AIDS und vieles andere mehr helfen. Interessant ist hier, dass MMS auch gerne verwendet wird von Menschen, die aus Überzeugung Antioxidantien („Radikalfänger“) schlucken gegen freie Radikale. MMS entwickelt aber freie Radikale (Chlordioxid).

Auch hier haben wir es meines Erachtens mit einem faktenfreien Konstrukt zu tun.

Siehe auch:

Warnung: Miracle Mineral Supplement (MMS)

Faktenferne Konstrukte wie die Borreliose-Kardentinktur-Story und das Miracle Mineral Supplement werden jeweils gestützt durch zahlreiche Heilungsanekdoten. Dabei wird aber der Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss nicht beachtet.

Siehe dazu:

Komplementärmedizin: Der Post-hoc-ergo-procter-hoc-Fehlschluss

Komplementärmedizin: Wer heilt hat Recht?

Warum wir gesund werden

Jede Besserung wird also vorschnell und ungeprüft dem angewandten Mittel zugeschrieben. Placeboeffekt, Selbstheilung, temporäre Besserung im Verlauf chronischer Krankheit und andere mögliche Einflüsse werden ausgeblendet.

Es gibt einen ziemlich egozentrischen „Erfahrungsfundamentalismus“, der die eigene Erfahrung als Massstab unbezweifelbarer Wahrheit betrachtet. Dass die Interpretation der eigenen Erfahrung sehr komplex und mit vielfältigen Selbsttäuschungsmöglichkeiten behaftet ist, geht dabei völlig unter.

Wer um diese Selbsttäuschungsmöglichkeiten weiss wird bescheidener, setzt seine eigenen Erfahrung nicht mehr absolut und wird auch im Bereich Komplementärmedizin genau hinzuschauen und Heilungsversprechungen kritisch hinterfragen.

Und zu guter letzt:

Sollten dereinst Argumente auftauchen, die für eine Wirksamkeit von Kardentinktur bei Borreliose oder von Miracle Mineral Supplement sprechen (äusserst unwahrscheinlich, aber aus grundsätzlichen Überlegungen nicht mit letzter Gewissheit auszuschliessen), werde ich sie genau prüfen und nötigenfalls meine Ansichten modifizieren. Aber mit grossspurigen Geschichten allein kann man mich nicht überzeugen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Komplementärmedizin: Der “Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss” als häufige Irrtumsquelle

Freitag, Januar 6th, 2012

Wir Menschen neigen dazu, zeitlich zusammen fallende Ereignisse in einen ursächlichen Zusammenhang zu stellen, der gar nicht vorhanden sein muss.

Man nennt dies etwas umständlich den „Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlsschluss“.

Zu diesem Fehlschluss neigen wir häufig auch bei der Beurteilung von Heilwirkungen:

Ich leide an Krankheit Z

Ich nehme Präparat XY

Mir geht es besser

Schlussfolgerung: XY  ist wirksam gegen Krankheit Z

Alle anderen Einflüsse, die zu meiner Gesundung beigetragen haben könnten, werden mit diesem Kurzschluss ausgeklammert (besipielsweise Selbstheilungskräfte, Veränderungen in den Lebensumständen, andere therapeutische Massnahmen, Placebo-Effekte).

Und genauso gibt es den „Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss“ bezüglich unerwünschter Nebenwirkungen:

Ich nehme Arzneimittel X

Ich bekomme Beschwerden Z

Schlussfolgerung: Arzneimittel X ist Auslöser der Beschwerden Z

Alle anderen Einflüsse, die zu den Beschwerden Z geführt haben könnten, werden ausgeklammert (beispielsweise andere Medikamente, Veränderungen in den Lebensumständen, Infektionen, Nocebo-Effekte).

Der „Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss“ ist der wichtigste Grund dafür, dass die Beurteilung von Heilwirkungen und Nebenwirkungen von Arzneimitteln so komplex ist, und dafür, dass einzelne Erfahrungen in dieser Hinsicht meistens wenig aussagen. Vor allem in der Komplementärmedizin hört man oft das Schlagwort „Wer heilt hat Recht!“. Dass die Realität nicht so simpel ist, dafür sorgt der „Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss“. Wer heilt hat nämlich nur Recht, wenn das entsprechende Heilmittel tatsächlich für die Besserung oder Heilung verantwortlich ist. Das gilt natürlich nicht nur für die Komplementärmedizin.

Es gilt für synthetische Medikamente, Phytotherapeutika, Präparate aus Homöopathie oder Anthroposophischer Medizin etc.

Siehe auch:

Komplementärmedizin: Wer heilt hat Recht?

Der „Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss“ ist ein starkes Argument für das Bestreben, Wirkungen von Arzneimitteln mittels systematischeren Untersuchungen zu klären, zum Beispiel in Form von Doppelblind-Studien.

Aber selbst Doppelblind-Studien können zu unterschiedlichen und widersprüchlichen Resultaten kommen.

Daher fasst man dann mehrere Doppelblind-Studien zu einer Metastudie zusammen, um auf diese Art und Weise fundiertere Schlüsse ziehen zu können. Das macht zum Beispiel die renommierte Cochrane Collaboration.

Aber selbst Metastudien können sich widersprechen….

zum Beispiel weil die Studien, welche man zur Auswertung in eine Metastudie einschliesst, mittels unterschiedlicher Kriterien ausgewählt wurden.

So müssen wir wohl oder übel auf die endgültige und umfassende Gewissheit in den allermeisten Fällen verzichten, denn die Beurteilung von therapeutischen Wirkungen und unerwünschten Nebenwirkungen ist eben sehr komplex. Was uns aber nicht davon abhalten sollte, nach vorläufiger und notgedrungen bruchstückhafter Erkenntnis zu streben. Suchen ist manchmal wichtiger als Finden.

Keine kritischen Fragen stellen und jede Behauptung und Heilungsversprechung unbesehen für bare Münze zu nehmen ist jedenfalls keine Alternative.

Entscheidend scheint mir dabei ein sorgfältiger Umgang mit dem Begriff „Erfahrung“.

Siehe dazu:

Naturheilkunde – vom sorgfältigen Umgang mit Erfahrung

Naturheilkunde braucht sorgfältigeren Umgang mit Erfahrung

Naturheilkunde: Erfahrung genügt nicht als Begründung

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Mit Heilfasten und Entschlackungskuren ins neue Jahr 2012?

Montag, Januar 2nd, 2012

Rechtzeitig zur Nach-Feiertagszeit bringt der österreichische „Standard“ ein Interview mit dem Ernährungsmediziner Kurt Moosburger zum Thema Heilfasten und Entschlacken.

Zitat:

„STANDARD: Heilfasten und Entschlackungskuren stehen schon seit Jahren hoch im Kurs. Sie sollen den Körper entgiften. Aber welchen gesundheitlichen Nutzen haben solche Kuren tatsächlich?

Moosburger:  Gar keinen. Sie haben sogar eher gesundheitliche Nachteile. Fasten ist Raubbau am eigenen Körper. Sie induzieren damit einen Hungerstoffwechsel, bei dem nicht nur Fett, sondern auch Muskelprotein abgebaut wird. Dieser Muskelmasse-Abbau ist vor allem in der ersten Woche des Fastens enorm. Man frisst sich also quasi selbst auf. Das ist völlig grotesk. Und was die Schlackenstoffe betrifft: Solche gibt es in Hochöfen, aber nicht im menschlichen Körper. Wenn die Nieren des Menschen und seine Leber in Ordnung sind, werden wir täglich von selbst entgiftet. Darüber braucht man sich keine Gedanken zu machen.“

Quelle:

http://derstandard.at/1324501618894/Nahrungsverzicht-Fasten-Raubbau-am-eigenen-Koerper

Kommentar & Ergänzung:

Unumstritten scheint mir, dass Fasten bei manchen Menschen das Wohlbefinden verbessern kann. Dafür verantwortlich ist aber wohl nicht die Ausscheidung ominöser „Schlacken“, sondern die Ausschüttung von „Glückshormonen“:

„Fasten tut wohl, meinen viele, die es praktizieren, und berichten von Entspannung und Euphorie. Physiologisch lässt sich das leicht erklären. Der Körper schaltet beim Hungern auf Notfallprogramm um. Er schüttet verstärkt Endorphine, Glückshormone, aus. Christliche Asketen und andere tiefreligiöse Menschen konnten sich so vermutlich gar in ekstatische Zustände versetzen – Erscheinungen inklusive. Dem modernen Fasten-Fan dagegen geht es meist um “Wellness” irdischer Prägung. Leib und Seele sollen gestärkt und gereinigt werden. Und das lässt man sich mitunter auch gerne etwas kosten.“

Quelle: http://derstandard.at/1324501596187/Fastenkuren-Jetzt-mal-wieder-halblang

Gesunden Menschen, die solche Erfahrungen machen wollen, würde ich nicht davon abraten.

Allerdings sehe ich auch kaum Argumente dafür, dass solche Fastenkuren für die Gesundheit gut oder gar wichtig wären.

Von Heilfasten zu reden, ist jedenfalls sehr gewagt.

Und wer mit Fasten eine nachhaltige Gewichtsabnahme anstrebt, ist sowieso auf dem Holzweg.

Heikel können sich Fastenkuren auswirken bei älteren Personen, die sich auch sonst mangelhaft ernähren, und bei Menschen mit chronischen Krankheiten. In solchen Situationen würde ich empfehlen, eine geplante Fastenkur mit dem Hausarzt oder der Hausärztin vorgängig zu besprechen.

Problematisch an diesem ganzen Entschlackungskult scheint mir, dass uns damit mehr oder weniger subtil vermittelt wird, unser Körper sei „vermüllt“ und dadurch behandlungsbedürftig. Das unterminiert das Vertrauen in die „Entsorgungs-Kompetenz“ unseres Körpers. Ist dieses Vertrauen weg, übernimmt eine ganze Armada von Fastengurus mit einem Arsenal von Entschlackungsmitteln sehr gerne und immer wiederkehrend diese „Müllabfuhr“. Das ist meines Erachtens eine komplementärmedizinische Variante der Medikalisierung. Menschen werden per Theorie für behandlungsbedürftig erklärt und dann mit entsprechenden Therapien versorgt.

Dass der Begriff „Schlacken“ ausgesprochen fragwürdig ist, habe ich an anderer Stelle schon thematisiert:

Darmreinigung: Mehr Schaden als Nutzen durch Entgiftungkur

Darmreinigung ist überflüssig bis gefährlich

Schlechte Schlankheitsmethoden: Heilfasten

Entschlackung – was ist das?

Fasten – Entschlacken

Schlackenstoffe – ein Phantom macht Karriere

Entgiften und Entschlacken – höchst fragwürdige Versprechungen

Ist Heilfasten gesund?

Entschlackung – illusionäre Hoffnung auf Gewichtsabnahme

Wenn Ihnen jemand mit dem Begriff „Schlacken“ daher kommt und eine „Entschlackungskur“ anpreist, dann fragen Sie doch genau nach, um welche Stoffe es sich bei diesen „Schlacken“ handelt, wo sie im Körper abgelagert sind und wie genau sie durch das Entschlackungsmittel ausgeschieden werden sollen.

Aber lassen sie sich bei der Erklärung nicht abspeisen mit Begriffen, die genauso nebulös sind wie die zu erklärenden „Schlacken“. Meistens dreht sich die Erklärung nämlich im Nebel.

Die beiden Artikel im „Standard“ sind übrigens lohnenswert – auch die Diskussion in der Kommentarspalte. Immer wieder erstaunlich ist, welch heftige Reaktionen kritische Fragen zu den Themen Heilfasten und Entschlacken auslösen. Verteidiger dieser Verfahren gehen kaum je auf Argumente ein. Vielmehr werden Kritiker als Knechte der „Schulmedizin“ oder der „Pharmaindustrie“ in die Ecke gestellt. Mit dieser Art der Reaktion macht man es sich aber sehr einfach. Ähnliche Reaktionen sieht man oft bei Leuten, die ihre religiösen Überzeugungen in Frage gestellt sehen. Das ist nicht ganz erstaunlich. Viele Ernährungslehren scheinen zunehmend den Status von Ersatzreligionen zu erlangen.

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Edzard Ernst zur Pflanzenheilkunde

Sonntag, Januar 1st, 2012

Edzard Ernst hat als Professor für Alternativmedizin (Universität Exeter) 18 Jahre lang erforscht, welche alternativen Heilmethoden wirken. Nun geht er in Pension und beantwortete im Interview Fragen der „Sonntagszeitung“. Hier ein Ausschnitt aus dem Gespräch:

„Gibt es alternativmedizinische Behandlungen, die wirken?

Ja natürlich, vor allem im Bereich der Pflanzenheilkunde findet sich einiges: Rosskastanie bei
Venenleiden, Weissdorn bei Herzinsuffizienz, Teufelskralle gegen Schmerzen und vieles mehr.

Welche komplementärmedizinischen Behandlungen würden Sie bei sich anwenden?

Hätte ich Depressionen, würde ich Johanniskraut-Extrakt einnehmen. Noch besser gegen
depressive Verstimmungen hilft aber körperliche Aktivität. Ich selbst nehme täglich eine Kapsel Omega-3-Fettsäuren ein, weil da die Wirksamkeit sehr gut ist, um kardiovaskulären Erkrankungen vorzubeugen.“

Quelle:

http://www.sonntagszeitung.ch/wissen/artikel-detailseite/?newsid=199734

Kommentar & Ergänzung:

Prof. Edzard Ernst hat sich immer interessiert, aber auch kritisch mit den verschiedensten Methoden der Komplementärmedizin auseinandergesetzt. Er ist dafür aus Kreisen der Komplementärmedizin bzw. Alternativmedizin oft angefeindet worden. Und das wie es in dieser „Szene“ leider häufig vorkommt, vor allem durch Diffamierungsversuche auf der persönlichen Ebene, kaum je durch Argumente.

Ich möchte hier daher eine Lanze brechen für den kritischen Ansatz von Edzard Ernst. Es gibt einen unüberschaubaren Dschungel  an Produkten und Versprechungen im Bereich Komplementärmedizin / Alternativmedizin,  darunter auch eine sehr grosse Zahl von Hirngespinsten, die zwar den Bedürfnissen, Ängsten und Hoffnungen der Menschen entgegen kommen, aber keinerlei reale Basis haben. Es braucht nur schon aus Gründen des Konsumentenschutzes qualifizierte Instanzen, die solche Heilungsversprechen auf ihren Wahrheitsgehalt hin abklopfen.

Die staatlichen Arzneimittelbehörden haben sich aufgrund von politischen Vorgaben aus diesem Bereich zurückgezogen. Ganze Branchen sind kollektiv von der sonst üblichen Pflicht zum Wirksamkeitsnachweis befreit, zum Beispiel Präparate der Richtungen Homöopathie und Anthroposophische Medizin. Eine Firma wie „Similasan“ kann praktisch beliebig Produkte als Arzneimittel auf den Markt bringen, ohne relevanten Forschung- und Entwicklungsaufwand und ohne den Nutzen für die Konsumentinnen dokumentieren zu müssen. Für die Konsumentinnen und Konsumenten fehlt hier jede Transparenz.

Um so wichtiger sind unabhängige „Instanzen“ wie Edzard Ernst. Leider werden zunehmend Lehrstühle für komplementärmedizinische Forschung an Universitäten eingerichtet, die von der komplementärmedizinischen Pharmaindustrie finanziert werden. Solche Verflechtungen machen unabhängig-kritische Forschung nicht leichter.

Natürlich freut es mich, dass Prof. Edzard Ernst mit Weissdorn, Teufelskralle, Rosskastanie und Johanniskraut nach 18 Jahren Forschung vor allem Anwendungen aus der Phytotherapie Wirksamkeit bescheinigt. Dazu braucht es aber noch ein paar Ergänzungen:

1. Solche Bestätigungen sind schön, doch darf darüber nicht vergessen werden, dass es immer wieder auch negative Forschungsresultate gibt, also Studien, in denen Heilpflanzen-Extrakte die Wirkungen, die man sich erhoffte, nicht gezeigt haben. Es ist nämlich eine verbreitete „Seuche“ vor allem im Bereich Komplementärmedizin / Alternativmedizin, quasi mit der Lupe hoch motiviert nach Bestätigung zu suchen, negative Ergebnisse aber auszublenden oder schönzureden. Das ist eine komplett einseitige Buchhaltung, die nicht gerade vertrauenserweckend wirkt. Auch wenn’s dem Herzen manchmal weh tut: Beide Seiten müssen gleichwertig beachtet werden.

2. Genau genommen kann man in der Phytotherapie nicht sagen, Weissdorn wirkt bei Herzinsuffizienz, Teufelskralle gegen Schmerzen, Rosskastanie bei Venenleiden, Johanniskraut gegen Depressionen. Man müsst immer noch präzisieren, in welcher Arzneiform die betreffende Heilpflanze zu Wirkung kommen kann, zum Beispiel als Tee, Tinktur oder Extrakt.

3. Im Gespräch mit der Sonntagszeitung geht eine wichtige Differenzierung verloren. Ernst wird gefragt, ob es alternativmedizinische Behandlungen gibt, die wirken, und welche komplementärmedizinischen Behandlungen er bei sich selber anwenden würde. Auf beide Fragen antwortet er mit phytotherapeutischen Optionen.

Meines Erachtens gibt es aber kein auch nur einigermassen plausibles Argument, weshalb Phytotherapie zur Alternativmedizin oder zur Komplementärmedizin gezählt werden sollte.

Siehe dazu:

Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?

Wenn man die Phytotherapie irgendwo einordnen will, dann gehört sie zur Naturheilkunde und diese ist ein randständiger Bereich der Medizin.

Siehe:

Naturheilkunde – was ist das?

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe / Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde  Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Pflanzenheilkunde

www.phytotherapie-seminare.ch

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen?  www.patientenseminare.ch

Umfrage: Bestellungen beim Universum

Sonntag, Dezember 25th, 2011

Das Buch „Bestellungen beim Universum“ von Bärbel Mohr ist bekanntlich ein Bestseller. Tausende haben seither bereits ihre Bestellungen beim Universum deponiert.

Der Online-Händler „Sheng Fui“ ist die einzige autorisierte Bestellannahme für Bestellungen beim Universum im Internet.

„Sheng Fui“ hat in der Vergangenheit bereits unzählige Bestellanfragen abgewickelt, von kleinsten Gegenständen bis hin zum Einfamilienhaus, von der Anbahnung von Partnerschaften bis hin zur Stiftung von Ehen samt Nachwuchslieferung.

Umfrage: Wie zufrieden waren Sie mit Ihrer Bestellung beim Universum?

Nun startet „Sheng Fui“ eine Umfrage zur Ermittlung der Kundenzufriedenheit. Die Resultate werden direkten Einfluss auf Bestellabwicklung und Bestellprozesse haben. Beteiligen Sie sich daher rege an der Umfrage und nutzen Sie die verschiedenen Antwortmöglichkeiten. Sie finden auf „Sheng Fui“ auch Rückmeldungen zur Zufriedenheit anderer Kundinnen und Kunden des Universums.

Noch offen ist, ob die Ergebnisse in die nächsten Bestseller von Bärbel Mohr einfliessen werden („Nachbestellungen beim Universum“, „Reklamationen beim Universum”,  ”Anleitung für Umtauschaktionen beim Universum”).

Auf der „Sheng Fui“-Plattform finden Sie die Unterlagen für Ihre Teilnahme an der Umfrage. Es lohnt sich, denn auch Sie sind bestimmt interessiert an einem reibungslosen Service.

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Inserat:

Spezialangebot (ernst gemeint): Für Angehörige von Menschen, die sich im Esoterik-Dschungel verirrt haben, biete ich zur Klärung und Unterstützung die Eidberger Gedankengänge an.

Martin Koradi

Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen

Ausbildungen in Phytotherapie / Weiterbildung Pflanzenheilkunde

www.phytotherapie-seminare.ch

Info-Treff Pflanzenheilkunde

Besuchen Sie auch unseren „Info-Treff Pflanzenheilkunde“ für Information und Erfahrungsaustausch in den Bereichen Phytotherapie / Pflanzenheilkunde / Naturheilkunde:

http://moodle.heilpflanzen-info.ch/


Pflanzenheilkunde / Komplementärmedizin: Vom Wert des Zweifels

Dienstag, Dezember 20th, 2011

Mich erstaunt immer wieder, wie weit verbreitet in den Bereichen  Pflanzenheilkunde, Komplementärmedizin und Naturheilkunde eine fraglose Gläubigkeit ist, die keinerlei Zweifel kennt. Auch völlig absurde Behauptungen und Heilungsversprechungen werden dankbar aufgesogen, ohne dass auch nur schon ansatzweise kritisch nachgehakt wird. Mehr Zweifel würde dieser Szene zweifellos gut tun.

„Zweifel“ scheint aber in diesem Terrain einen üblen Ruf zu besitzen.  Oft wird er fast schon in die Nähe von „Verrat“ gerückt.

Höchste Zeit also für ein Lob des Zweifels – an dieser Stelle mit den Worten von Alexander Varga von Kibéd (1902 – 1986):

„Den Wert des Zweifelns dürfen wir nicht unterschätzen. Ohne Zweifeln bleibt das Leben oberflächlich, weil problemlos. Nur durch das Zweifeln, ja durch die Verzweifelung erreichen wir die tieferen Schichten des Seins. Auch Kant lobt den Wert des Zweifelns als den des Anregers des menschlichen Denkens und Forschens. Der Zweifel lässt uns nicht bei den ersten, vorläufigen Ergebnissen der Forschung uns beruhigen, er zwingt uns zu einer immer eindringlicheren Vertiefung in die gegebene Problematik. Wer in die Tiefe will, muss den Weg des Zweifelns gehen……All dies müssen wir uns vergegenwärtigen, um die positive Bedeutung des Zweifels…….richtig einzuschätzen, wenn wir uns auch darüber im klaren sein müssen, dass der Zweifel allein keinen schöpferischen Wert bedeutet und kein neues Leben schaffen kann. Er ist als Auflockerer, als Zerstörer und als Aufräumer wichtig, wo es sich darum handelt, das Veraltete abzuschütteln, nicht mehr Lebendiges zu begraben und den Schutt fortzuräumen, um für neue Schöpfungen Platz zu schaffen.“

(aus: Einführung in die Erkenntnistheorie, Ernst Reinhard Verlag München, 1979, S. 63 / 64)

Kommentar & Ergänzung:

Patientinnen und Patienten werden in Komplementärmedizin bzw. Alternativmedizin oft zugemüllt mit grossen Heilungsversprechungen. Nur der Zweifel kann hier unsinnigen und zum Teil riskanten Schutt wegräumen. Ohne Zweifel herrscht die allumfassende Beliebigkeit. Das gilt natürlich nicht nur für Komplementärmedizin und Alternativmedizin. Es gilt zum Beispiel auch für grossartige Versprechungen in der Politik.

Wichtig dabei: Man muss lernen, die Grundhaltung des Zweifelns umzusetzen in möglichst präzise Fragen mit „Schutt-Aufräumer-Funktion“.

Welche Fragen man sinnvollerweise stellt, um Behauptungen und Versprechungen zu prüfen, können Sie lernen in meiner Phytotherapie-Ausbildung oder im Heilpflanzen-Seminar.

Falls Sie an sorgfältigem Wissen über Wirkung und Anwendung von Heilpflanzen interessiert sind, finden Sie dazu meine Kurse und Lehrgänge oben über den Menüpunkt „Kurse“.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen / Weiterbildung Pflanzenheilkunde / Kräuterwanderungen:

Infos auf www.phytotherapie-seminare.ch

Info-Treff Pflanzenheilkunde

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Phytotherapie / Pflanzenheilkunde / Naturheilkunde:

moodle.heilpflanzen-info.ch/

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Begriffssalat um “Schulmedizin – Komplementärmedizin – Alternativmedizin” im “Kurier”

Samstag, Dezember 17th, 2011

Die Begriffe Schulmedizin, Komplementärmedizin und Alternativmedizin sind zugegebenermassen schwierig und fragwürdig. Was sich aber die österreichische Boulevardzeitung „Kurier“ in diesem Bereich an Begriffssalat leistet, ist bemerkenswert.

Da erklärt der „Kurier“ also in einem ausgesprochen populistischen Artikel mit dem Titel „Der Boom der sanften Medizin“ die Unterschiede zwischen Schulmedizin, Komplementärmedizin und Alternativmedizin so:

„Info: Verschiedene Medizinsysteme

Schulmedizin Auch: Evidenzbasierte Medizin. Sie ist durch Wirkungsnachweise wissenschaftlich anerkannt. Krankheiten werden nach ihren Symptomen behandelt.
Komplementärmedizin Der Begriff setzt sich im deutschsprachigen Raum für ergänzende Methoden zur naturwissenschaftlichen Medizin durch. Sie sollen die Selbstheilungskräfte anregen. Dazu zählen u. a. Akupunktur, TCM, Homöopathie.
Alternativmedizin Lehnt Schulmedizin ab, Wirkungsnachweise fehlen häufig. Oft mit pseudomedizinischen Methoden.“

Quelle:

http://kurier.at/nachrichten/gesundheit/4309119.php

Kommentar & Ergänzung:

Diese Darstellung ist  irreführend und tendenziös. Genau nachfragen bringt mehr Klarheit.

Zum Abschnitt „Schulmedizin“:

Schon der Begriff „Schulmedizin“ ist fragwürdig. Was genau ist gemeint mit „Schul“-Medizin? Was meint „Schul“? „Schulmedizin“ ist ein Kampfbegriff aus den Anfängen der Homöopathie gegen die damalige dogmatisierte Medizin (Humoralpathologie).

Siehe dazu:

Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck

„Schulmedizin“ ist nicht gleich „evidenzbasierte Medizin“. Evidenzbasierte Medizin ist eine jüngere Entwicklungsrichtung in der Medizin.

Es sind nicht alle Vorgehendweisen in der Medizin wissenschaftlich anerkannt, aber man könnte sagen, dass die Medizin danach strebt, ihre Interventionen wissenschaftlich zu überprüfen und wo nötig zu revidieren.

Merkwürdig ist der Satz: „Krankheiten werden nach ihren Symptomen behandelt.“ Was soll damit genau gesagt werden?

Die Medizin kennt eindeutig symptomatische Therapien, zum Beispiel im Bereich der Schmerztherapie. Es gibt aber auch ursächlich ansetzende Therapien, wie die Antibiotika-Therapie bei Infektionen. Natürlich kann man sagen, die Infektion ist nicht die eigentliche Ursache, dahinter steckt erst die eigentliche Ursache, die zur Infektion führt. So kommt man aber nie an ein Ende, weil jede Ursache wieder eine oder mehrere Ursachen hat.

Wahrscheinlich steckt hinter dem Satz „Krankheiten werden nach ihren Symptomen behandelt“ die oft gehörte Aussage, die Schulmedizin behandle Symptome, die Komplementärmedizin aber die Ursachen. Die Ursachenbehandlung für sich exklusiv zu beanspruchen, ist allerdings eine ziemliche Anmassung der Komplementärmedizin. De facto wird nämlich dabei meist eine Ursache zuerst dogmatische festgelegt (Übersäuerung! Verschlackung etc.) und dann die entsprechende Therapie verabreicht. So kann man sich darüber hinweg täuschen, dass die Ursachenlage vieler Erkrankungen ausgesprochen komplex und schwer durchschaubar ist.

Der „Kurier“ nagelt also die „Schulmedizin“ einseitig auf Symptombehandlung fest, erwähnt aber eigenartigerweise nicht, dass beispielsweise die Homöopathie als Verfahren der „Komplementärmedizin“ sich nur nach Symptomen ausrichtet und sich um Ursachen von Krankheiten nicht kümmert.

Warum diese verzerrte Darstellung im “Kurier”?

Zum Abschnitt Komplementärmedizin:

Mit dem Begriff „naturwissenschaftliche Medizin“ wird die Medizin einseitig verengt dargestellt. Medizin basiert zwar in vielen Bereichen auf naturwissenschaftlichen Grundlagen, aber das ist bei weitem nicht alles. Und wenn der „Kurier“ schreibt, die Komplementärmedizin wolle die Selbstheilungskräfte anregen, dann müsste auch gesagt werden, dass beispielsweise die chinesische Medizin (TCM, Akupunktur) Selbstheilungskräfte nicht kennt.

Dazu der Sinologe und Medizinhistoriker Paul U. Unschuld in „Was ist Medizin – Westliche und östliche Wege der Heilkunst“:

„China kennt kein Vertrauen in das selbst regulierende Potential eines Organismus – weder des gesellschaftlichen noch des körperlichen….Die Selbstheilungskräfte waren kein Thema.“

(S. 121)

„Die Selbstheilungskräfte waren ihnen unbekannt….Wer an die Selbstheilungskräfte glaubt, der könnte zu lange warten. Das haben die Mediziner nicht gerne. Die chinesischen haben sich unter dem Einfluss konfuzianischer Früheingreifmaximen nie darauf eingelassen.“ (S. 250)

Weshalb diese einseitige, idealisierte Darstellung im „Kurier“?

Zum Abschnitt „Alternativmedizin“:

„Wirkungsnachweise fehlen häufig“ – Aha. Das gilt aber meistens für die Komplementärmedizin genauso. Sonst wären nämlich die Methoden der Komplementärmedizin in der Medizin.

Warum also wird der fehlende Wirkungsnachweis in’s Terrain der „Alternativmedizin“ abgeschoben?

Und im Bereich der „Alternativmedizin“ findet man also oft pseudomedizinische Methoden? Aha. Also Schein-Medizin.

Im Bereich der Komplementärmedizin gibt es die nicht?

Das ist eigenartig. Schliesslich ist nicht einmal klar, was denn zur Komplementärmedizin zählen soll. In Frage kommen da mehrere hundert Methoden, die zum Teil sehr skurril erscheinen.

Offenbar geht es hier darum, für alles Unseriöse eine Schublade „Alternativmedizin“ bereitzustellen, damit der Bereich „Komplementärmedizin“ umso besser, sauberer und seriöser dasteht.

Der „Kurier“ hat sich offenbar für diesen Artikel einseitig und ausschliesslich von Lobbyisten der Komplementärmedizin füttern lassen. Unabhängige und seriöse Berichterstattung sieht anders aus.

Wenn eine Zeitung nicht einfach nur Lautsprecher für Lobbyisten-Vereinigungen sein will, muss sie bei jedem Thema an gewissen Punkten kritisch nachhaken. Auch in den Bereichen Komplementärmedizin bzw. Alternativmedizin. Druckt eine Zeitung (wie der Kurier in diesem Artikel) nur wirre, irreführende, unkritische Lobhudeleien ab, ist sie ihren Preis nicht wert.

Falls Sie an sorgfältigem Wissen über Wirkung und Anwendung von Heilpflanzen interessiert sind, finden Sie dazu meine Kurse und Lehrgänge oben über den Menüpunkt „Kurse“.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Infos auf www.phytotherapie-seminare.ch

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