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Donnerstag, Mai 17th, 2012
Die Psyche wirkt nicht als Auslöser für eine Tumorerkrankung und psychologische Betreuung kann Krebs auch nicht heilen. Sie kann aber zu mehr Lebensqualität der Betroffenen beitragen, hieß es bei einem Hintergrundgespräch zum Thema “Psychoonkologie” in Wien.
Erste Hinweise, dass gewisse Persönlichkeitsmerkmale die Entstehung von Tumorerkrankungen begünstigen würden, haben sich laut dem Klinischen Psychologen Georg Fraberger, von der Universitätsklinik für Orthopädie der Medizinischen Universität in Wien nie bestätigen lassen. Die Existenz einer sogenannten Krebspersönlichkeit ist demnach nichts weiter als ein Mythos.
Zur Frage einer allfälligen Krebspersönlichkeit existieren inzwischen viele Studien. Die meisten davon wurden jedoch retrospektiv durchgeführt. Das heisst: Schon an Krebs Erkrankte wurden untersucht und anhand gefundener Persönlichkeitsmerkmale wurden Rückschlüsse gezogen, welche “Menschentypen” die Betroffenen schon vor ihrer Erkrankung waren. Das ist jedoch nicht zulässig, weil die Erfahrung einer lebensbedrohlichen Krankheit einen Einfluss auf die Persönlichkeit und Interpretation der eigenen Lebensgeschichte hat.
In den wenigen prospektiven Studien, die durchgeführt wurden, haben Forscher Personen über Jahre hinweg beobachtet und untersucht, ob bestimmte Persönlichkeitsmerkmale eine spätere Krebserkrankung prognostizierbar machen. Überzeugende Zusammenhänge fanden die Wissenschaftler dabei aber nicht. Vielmehr häufen sich inzwischen die Hinweise, dass die hohen Depressivitätsraten unter Krebskranken auch als Folge der Erkrankung und der Behandlung verstanden werden können und den Verlauf der Krebserkrankung möglicherweise beeinflussen.
Eine Krebsdiagnose verändert das Leben eines Menschen von einer Sekunde auf die andere fundamental.
Der Erkrankung ausgeliefert, wollen Patientinnen und Patienten das Unbegreifbare verstehen. Beim Krebs umso mehr, als seine Ursache anders als zum Beispiel bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen schwer fassbar ist. Auf der Suche nach einer Erklärung für das eigene Leid tauchen dabei oft Schuldfragen auf. Die Vermutung, dass gewisse Charakterzüge ursächlich für die Entstehung von Krebs verantwortlich sind, wird von zahlreichen betroffenen Menschen ganz spontan assoziiert. Solche Selbstanklagen erfüllen insofern ihren Zweck, als sie die Hoffnung mit sich bringen, dass durch Änderung bestimmter Wesenszüge die Genesung gefördert wird. Der Hämatologe und Psychoonkologe Alexander Gaiger von der Universitätsklinik für Innere Medizin I am AKH in Wien betrachtet die Auseinandersetzung mit dem Mythos Krebspersönlichkeit und dem vermeintlich schuldhaften Verhalten als vergeudete Energie.
Trauma keine Krebsursache
Nicht immer wird das seelische Ungleichgewicht als Auslöser einer Krebserkrankung mit einer eventuell vorhandenen Krebspersönlichkeit begründet. “Eine Überlegung, bezogen auf den Einfluss psychischer Faktoren, war auch, dass massive Traumata in der Vergangenheit zum Ausbruch einer Krebserkrankung führen könnten”, erklärt Gaiger. Eine Theorie, die der Psychoonkologe allerdings sofort widerlegt: “Das mittlere Alter von Krebspatienten liegt zwischen 57 und 60 Jahren. Und so traurig es ist, aber in diesem Alter hat bereits fast jeder eine traumatische Erfahrung hinter sich.”
Wäre die „Trauma-Theorie“ für die Krebsentstehung relevant, müsste nicht nur praktisch jeder 60-Jährige unter einer Krebserkrankung leiden, sondern auch sämtliche Menschen, die in Kriegsgebieten leben beziehungsweise Opfer von Naturkatastrophen sind. “Das ist aber keineswegs der Fall”, stellt Gaiger klar und bezeichnet Krebs nach dem heutigen Verständnis selbst als Naturkatastrophe.
Ebenso wie Tsunamis und Erdbeben werden nämlich auch Krebserkrankungen multifaktoriell verursacht. Typischerweise werde psychischen Faktoren, die für die Entstehung einer schweren Erkrankung eigentlich irrelevant seien, eine sehr große Bedeutung beigemessen, während hochrelevante Umstände für die Entstehung oder den Verlauf einer Krankheit völlig ignoriert würden, betont der Psychoonkologe und nimmt hier Bezug auf den sozioökonomischen Status und Lebensstil.
Armut, Bildungsmangel, hoher BMI, ungesunde Ernährung und wenig körperliche Bewegung macht der Experte im Wesentlichen für den Umgang und die Bewältigung einer Krebserkrankung verantwortlich. Geld ändere zwar nichts am menschlichen Leid, erleichtere aber den finanziellen Druck und sei neben einem Informationsmangel ein gravierender Faktor in der Entwicklung von Depressionen.
Zum Wert psychologischer Hilfe
Einstellungen, emotionale Faktoren und psychologische Hilfen beim Bewältigen einer solchen Krise können die Lebensqualität erhöhen. Sie machen zudem oft belastende Therapien besser ertragbar und somit wirksamer.
Das Ziel besteht darin, die Betroffenen möglichst unbeschadet über die einzelnen Phasen der psychischen Bewältigung der Krebserkrankung hinüber zu bringen: vom ersten Schock über die Abwehr beziehungsweise die Verdrängung hin zur Verarbeitung. Der Krebspatient soll dazu in die Lage versetzt werden, die Krankheit zu akzeptieren und das Leben fortführen zu können, ohne dauernd durch Gedanken an den Krebs gestört zu sein.
Quelle:
http://derstandard.at/1336563054564/Psychoonkologie-Die-Psyche-macht-keinen-Krebs
http://derstandard.at/1328507286338/Mythos-Krebspersoenlichkeit-Vermeintlich-schuld-am-Krebs
Kommentar & Ergänzung:
Eine interessante Frage ist in diesem Zusammenhang, weshalb die Theorie vom der Krebs auslösenden Psyche so gut ankommt. Meines Erachtens hängt das vor allem damit zusammen, dass diese „Psycho-Theorie der Krebsentstehung“ den Bedürfnissen und Ängsten vieler Menschen entgegen kommt.
Mit dem Mythos der “Krebspersönlichkeit” halten sich die (noch) nicht Betroffenen meines Erachtens den schwer zu ertragenden Gedanken vom Leibe, dass der Ausbruch dieser Krankheit vielleicht doch zu einem sehr grossen Teil zufälligen/ genetisch bedingten/ sonstigen nicht einfach so steuerbaren Faktoren zuzuschreiben ist. Die Annahme, dass Krebs in der Psyche entsteht, ermöglicht die angstvermindernde Illusion, dass Krebs durch Einfluss auf die Psyche vermeidbar oder heilbar ist. Das lindert Ohnmachtgefühle, aber wenn man es nicht schafft und trotzdem an Krebs erkrankt, ist man nach dieser Theorie selber schuld.
Das macht diese „Psycho-Theorie der Krebsentstehung“ so problematisch und führt nicht selten zu menschenverachtenden Schuldzuweisungen an Krebspatientinnen und –patienten.
Statt sich in Unverwundbarkeits-Fantasien zu flüchten wäre es meiner Ansicht nach sinnvoller, wenn wir die grundlegende Verletzlichkeit und Fragilität der menschlichen Existenz anerkennen würden. Wenn es jeden und jede treffen kann, ist das auch Basis für zwischenmenschliche Solidarität.
Siehe auch: www.patienten-seminare.ch
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Dienstag, Mai 8th, 2012
Seit einiger Zeit wird in der Alternativmedizin-Szene Braunhirse gegen alle möglichen Beschwerden angeboten.
Was ist Braunhirse?
„Braunhirse ist ein Getreide aus der Familie der Süssgräser (Poaceae). Die Samen werden ungeschält mit Spelze und Schale zu einem Vollwertmehl verarbeitet. Das Pulver enthält unter anderem Eiweiss, Kohlenhydrate, Mineralstoffe und Kieselsäure mit einem hohen Anteil an Silicium. In der Alternativmedizin und in der Werbung wird es gegen zahlreiche Erkrankungen empfohlen, unter anderem gegen Arthrose, Osteoporose, Karies, Nagel- und Haarerkrankungen. Die Wirksamkeit in diesen Anwendungsgebieten ist nicht nachgewiesen und über mögliche Risiken und unerwünschte Wirkungen einer Behandlung ist nicht ausreichend bekannt. Braunhirse ist nicht als Arzneimittel zugelassen und wird als Nahrungsmittelergänzung verkauft.“
(Quelle: http://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Braunhirse)
Kommentar & Ergänzung:
Die Heilungsversprechungen bezüglich Braunhirse überschlagen sich geradezu und umfassen unterschiedlichste Erkrankungen. Das müsste eigentlich immer Anlass zu Skepsis sein und ist ein Beispiel für Indikationslyrik.
Wie andere Getreide auch, enthält Braunhirse verhältnismässig viel Mineralstoffe, darunter Kieselsäure. Diese besteht zu etwa einem Drittel aus Silizium, einem Spurenelement, das eine wichtige Rolle als Nährstoff und Aufbaustoff für Knorpelmasse, Bindegewebe, Haut, Haare und Nägel spielt und zur Mineralisation der Knochen beiträgt. Wahrscheinlich resultiert hieraus das Werbeversprechen, Braunhirse würde bei brüchigen Haaren und Nägeln, schlaffer Haut, Bindegewebsschwäche, Osteoporose und Arthrose helfen. Allerdings deckt eine normale Mischkost den Bedarf an Silicium problemlos.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Sonntag, Mai 6th, 2012
Der „Tages-Anzeiger“ berichtet über den Tod einer Ostschweizerin, die beim Absolvieren eines „Lichtnahrungsprozesses“ verhungert ist.
http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Von-Licht-ernaehrt–bis-in-den-Tod/story/28039574
Was ist der „Lichtnahrungsprozess“?
„Lichtnahrung oder auch Breatharianismus bezeichnet eine esoterische Methode, bei der nach Vorstellung ihrer Anhänger die für das Leben notwendige Energie aus feinstofflicher Energie („Licht“;…„Prana“ als universelle Lebensenergie) gewonnen werden soll. Dadurch soll man imstande sein, teilweise oder ganz ohne feste und flüssige Nahrung auskommen zu können, die sonst zum Überleben notwendig ist. Die Wissenschaft hält solche Behauptungen für unglaubwürdig und sieht mögliche Erklärungen in bewusstem Betrug oder Irrtum, wie Überschätzung der fürs Überleben notwendigen Menge an Kalorien, falsche Einschätzung der tatsächlich zugeführten Nahrungsmenge, Vernachlässigung der zugeführten Kalorienmenge in Flüssigkeiten oder unbewusste Nahrungsaufnahme beispielsweise beim Schlafwandeln. Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass eine Person dauerhaft ohne jegliche Nahrung überleben kann. Aus medizinischer Sicht würde ein dauerhafter Verzicht auf feste und flüssige Nahrung zwangsläufig zum Tod führen.“
(Quelle: Wikipedia)
Der Lichtnahrungsprozess wurde propagiert von der australische Esoterikerin und Buchautorin Jasmuheen, mit bürgerlichem Namen Ellen Greve (* 1957). Das Pseudonym Jasmuheen bedeutet „Duft der Ewigkeit“.
Ellen Greve behauptete, sich seit dem Jahr 1993 ausschließlich von Prana (Lebensenergie) zu ernähren. Diese sogenannte Nahrungslosigkeit nennt sie Lichtfasten. Sie wurde allerdings mehrmals bei Mahlzeiten beobachtet und ein Testversuch unter kontrollierten Bedingungen wurde nach 4 Tagen wegen Dehydrierung und rapidem Gewichtsverlust abgebrochen.
Auch der bekannteste „Lichtesser“ im deutschsprachigen Raum, der Anthroposoph Michael Werner, versagte bei einer Überprüfung am KIKOM der Universität Bern kläglich.
(Zusammenfassung des Tests hier)
Ein weiterer bekannter Propagandist des Lichtnahrungsprozesses ist der ehemalige Basler Chefarzt und Psychiater Jakob Bösch.
Der vom Tages-Anzeiger beschriebene Todesfall ist nicht der einzige.
Dass die Lichtesser-Methode medizinisch absurd und riskant ist, steht meines Erachtens fest.
Interessanter ist die Frage, weshalb Menschen derart abstrusen Vorstellungen anhängen.
Es ist doch eine Allmachtsphantasie sondergleichen zu glauben, man könne sich von der materiellen Basis unserer Existenz, von der Natur, abkoppeln und autonom machen.
Es ist eine Körperfeindlichkeit sondergleichen zu glauben, man könne materielle Bedürfnisse wie das Bedürfnis nach Nahrung durch einen Weg der Vergeistigung ausschalten. Damit katapultiert man sich in einen quasigöttlichen Zustand und verabschiedet sich von „primitiven“ Kreaturen wie Pflanzen, Tieren und weniger erleuchteten Mitmenschen.
Meinem Eindruck nach dient diese Abwertung des Körpers und der materiellen Grundlage unserer Existenz einer Verleugnung der Verletzlichkeit, die mit dieser körperlichen Basis verbunden sind. Als Menschen sind wir jederzeit in einer fragilen Situation und gefährdet durch Krankheit und Tod. Es ist hauptsächlich die Körperlichkeit, die uns in dieser Hinsicht Grenzen setzt.
Das Lichtnahrungsprogramm und viele andere esoterische Konstrukte sind ein illusionärer Fluchversuch weg von dieser Fragilität.
Meiner Ansicht nach wäre es stattdessen wichtig, die Fragilität der menschlichen Existenz und unsere Verletzbarkeit zu anerkennen. Das schafft auch einen Boden für Solidarität zwischen den Menschen, weil wir diesbezüglich alle im selben Boot sitzen. Wer sich dagegen zurecht phantasiert, er oder sie könne sich der Gebundenheit an die materiellen Basis durch Höherentwicklung entziehen, frönt einem Elitarismus und veraschiedet sich tendenziell von menschlicher Solidarität.
Essen ist zudem auch ein sinnlicher Vorgang und mehr oder weniger häufig sogar mit Genuss verbunden.
„Prana-Essen“ ist auf jeden Fall unsinnlich. Geschmack und Geruch dürften da keine Rolle spielen und mangels Erfahrung kann ich nicht beurteilen, ob man den Prana-Konsum auch geniessen kann. Aber ich würde das sehr bezweifeln.
Und wenn dann noch Lichtesser davon phantasieren, ihr Spleen sei ein Beitrag zur Lösung des Welthunger-Problems, dann kann man nur fragen, weshalb sie ihre Methode nicht schon längst in Hungergebieten gratis anbieten. Lichtesser-Knowhow könnte dort Nahrungsmittelhilfe und gerechtere Handelsbeziehungen ersetzen…….
Nimmt man den Lichtnahrungsprozess ernst, dann ist, wer an Unterernährung stirbt, in seiner spirituellen Entwicklung leider noch nicht genug fortgeschritten, um auf Prana- Nahrung umzusteigen. Pech für die Kinder in Somalia. Aber das ist dann wohl aus esoterischer Sicht karmisch bedingt und hat auch seine Richtigkeit.
Die Zukunft hält für die Lichtesser allerdings einige Chancen bereit. Bestimmt lässt sich ein Pflanzengen finden, das für die Photosynthese verantwortlich ist, und das sich in potenzielle Lichtesser implementieren lässt.
Bis die Prana-Genforschung soweit ist, können Interessierte schon mal Nahrungsergänzungsmittel auf der Basis von Chlorophyll zu sich nehmen. Achtung: Bei Überdosierung kann es zu Grünfärbung kommen, aber das wäre ja schon ein guter Anfang…..
Siehe auch:
Chlorophyll zur Entschlackung und Entgiftung?
P.S.:
Es wimmelt von abgehobenen esoterischen Vorstellungen, die irgendein sich berufen fühlender Mensch erfunden hat und nun in die Welt hinaus posaunt, um die Menschheit zu retten. Auch im Bereich Alternativmedizin / Komplementärmedizin.
Ich halte einen kritischen Umgang mit solchen Erlösungsphantasien für sehr angebracht.
Dazu ein Zitat von Erich Fromm:
„Da das meiste, was wir hören oder in den Zeitungen lesen, zu Tatsachen verzerrte Interpretationen sind, ist es weitaus am besten, äusserst skeptisch zu sein und von der Annahme auszugehen, dass der grösste Teil von dem, was wir hören, wahrscheinlich eine Lüge oder Verzerrung ist. Wenn dies zu hart und zynisch klingt, so möchte ich beifügen, dass ich dies nicht ganz wörtlich meine. Dennoch möchte ich betonen, dass diese Einstellung viel gesünder ist, als vom Gegenteil auszugehen, nämlich zu meinen, die Leute sagen die Wahrheit, ausser man kann das Gegenteil beweisen. Vielleicht klingt meine Empfehlung weniger menschenfeindlich, wenn ich betone, dass es um den Wahrheitsgehalt von Aussagen geht und nicht um die Frage, ob jemand lügt oder nicht. Aber erwiesenermassen glauben die meisten Menschen, deren Aussagen unwahr oder halbwahr sind, dass sie wirklich die Wahrheit sagen – oder zumindestens überreden sie sich selbst dazu.“
(aus: Erich Fromm; Vom Haben zum Sein, Beltz 1989, S. 62)
Siehe auch:
Esoterikfreie Pflanzenheilkunde – warum?
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Mittwoch, Mai 2nd, 2012
Vor kurzem wurde ich an einem Vortrag gefragt, wie giftig der Doldige Milchstern sei und ob die daraus hergestellten Bach-Blütentropfen bedenkenlos eingenommen werden könnten.
Der Doldige Milchstern (Ornithogalum umbellatum) enthält insbesondere in der Zwiebel zahlreiche Cardenolide. Das dominierende Glykosid, mit 0,04% in der getrockneten Zwiebel, ist Convallatoxin, welches auch im Maiglöckchen (Convallaria majalis) zu finden ist und auf das Herz wirkt.
Doldiger Milchstern (Foto auf Wikipedia) ist daher als Giftpflanze zu betrachten.
Als Bach-Blütenessenz Star of Bethlehem (Stern von Bethlehem) wird Doldiger Milchstern gegen Nachwirkungen eines Schocks empfohlen.
Da Bachblüten keine Wirkstoffe enthalten sind keine unerwünschten Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen mit Medikamenten zu befürchten. Allerdings gibt es auch keine fundierten Hinweise auf eine spezifische Wirkung gegen „Schock“.
Der Begriff Schock ist in diesem Zusammenhang im übrigen irreführend. Er „bezeichnet in der Medizin ein lebensbedrohliches Zustandsbild, bei dem die Blutzirkulation in den Kapillaren vermindert ist. Als Folge treten eine Sauerstoffunterversorgung der Gewebe und in letzter Konsequenz Stoffwechselstörungen auf.
Ursache ist eine absolute oder relative Verminderung des zirkulierenden Blutes. Ersteres tritt nach Blut- oder Flüssigkeitsverlust auf, letzteres bei einem Versagen der Kreislaufregulation in der Körperperipherie, etwa bei Blutvergiftung oder allergischen Reaktionen vom Soforttyp (Anaphylaxie). Auch wenn das Herz nicht mehr in der Lage ist, ausreichend Blut in die Peripherie zu pumpen, kann es zum Schock kommen.
Die Folgen einer extremen psychischen Belastung werden im Gegensatz zur Umgangssprache in der medizinischen Fachsprache nicht als Schock bezeichnet, sondern als Akute Belastungsreaktion.“
(Quelle: Wikipedia)
Im Umfeld der Bach-Blüten wird unter Schock eher ein Schreck verstanden oder ein Psychotrauma. Solche Reaktionen klingen typischerweise nach der akuten Phase von selbst wieder ab. Jedes Heilmittel, das in dieser Phase zur Anwendung kommt, wird daher eine grosse Erfolgsquote haben, einfach wegen dem natürlichen Verlauf der Dinge. Rechnet man mit dem Placeboeffekt und dem spontanen Verlauf einer Schreckreaktion, so ist die Wirksamkeit der angewendeten Heilmittel ohne Doppelblindstudie nicht beurteilbar.
Doldiger Milchstern / Star of Bethlehem ist Bestandteil der Bachblüten-Notfalltropfen (zusammen mit Rock Rose, Impatiens, Cerry Plum, Clematis).
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Freitag, April 27th, 2012
In der traditionellen chinesischen Medizin gilt die Galle von Bären als Heilmittel. Um an das “flüssige Gold” zu gelangen, werden die Bären grausam gequält. Jetzt allerdings regt sich laut einer Studie Kritik an der schmerzhafte Prozedur.
In China werden etwa 10.000 Bären für die traditionelle chinesische Medizin gequält. Zahlreiche Menschen halten die flüssige Bärengalle für ein wahres Wundermittel, doch nun rege sich Widerstand gegen die brutalen Praktiken an den Bären. wie ein Forscher-Team um Qiang Weng von der Universität für Forstwirtschaft in Peking im Fachblatt “Nature” schreibt.
Mit einer Nadel ziehen die Mitarbeiter spezieller Bären-Farmen die Gallenflüssigkeit aus der Gallenblase der lebendigen Bären. “Eine schmerzhafte und erschreckende Prozedur”, schreiben die Forscher in dem Artikel. Die begehrte Substanz kann mittlerweile auch künstlich im Labor produziert werden – zahlreiche Reiche wollen dennoch das echte “flüssige Gold”. Für einige Hersteller sei das Motivation genug, die Tierquälerei weiterhin aufrecht zu erhalten.
Die Tierschutzorganisation Animal Asia Foundation kämpft den Wissenschaftlern zufolge seit zehn Jahren gegen das Geschäft mit dem Gallensaft der Bären und bekommt jetzt starke öffentliche Rückendeckung. Das Forscher-Team verlangt in seinem Artikel, China müsse Ersatzprodukte stärker bewerben und die Bevölkerung besser aufklären. Außerdem solle ein Tierschutzgesetz erlassen werden, das eventuell sogar die Bären-Farmen untersage.
Quelle:
http://www.n-tv.de/wissen/Chinas-Baeren-leiden-Hoellenqualen-article6117816.html
Kommentar & Ergänzung:
Bärengalle zählt zur ursprünglichen traditionellen chinesischen Medizin. Man muss sich klarmachen, dass die Traditionelle Chinesische Medizin, wie wir sie im Westen kennen, ein ziemlich junges Exportprodukt ist, das auf westliche Bedürfnisse hin zugeschnitten wurde. Die originale chinesische Medizin hat zum Beispiel auch über zwei Jahrtausende ein sehr kriegerisches Vokabular verwendet, das im Exportprodukt TCM fehlt, in China jedoch durchaus noch im Gebrauch ist.
Ich bin selber häufig in China unterwegs und immer wieder erstaunt über die sehr unterschiedliche Sichtweise auf die traditionelle chinesische Medizin in China und im Westen.
Dass in China nun der Widerstand gegen diese Tierquälerei mit der Bärengalle zunimmt, ist sehr zu begrüssen.
Auch Tradition muss sich in Frage stellen lassen. Tradition hat nicht fraglos Recht. Das gilt natürlich für alle Arten und Methoden der Heilkunde.
Siehe auch:
China: Kritik an geplantem Börsengang einer Bärengalle-Produktionsfirma
Vietnam gegen Geschäft mit Bärengalle
Komplementärmedizin – hat Tradition Recht?
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Montag, April 16th, 2012
Zwei Studien zeigen Risiken bei manchen Heilpflanzen der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM)
Krebserkrankungen des Harntrakts kommen in Taiwan ungewöhnlich oft vor. Eine neue Studie kommt zu Schluss, dass höchstwahrscheinlich Pflanzenzubereitungen aus der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) bei zahlreichen Betroffenen die Tumoren ausgelöst haben dürften.
Ein internationales Forscherteam um Chung-Hsin Chen vom National Taiwan University Hospital in Taipeh hat mithilfe von Genanalysen 151 Krebserkrankungen der oberen Harnwege untersucht. Eine besondere Gensignatur ist charakteristisch für Tumoren, die unter der Einwirkung von sogenannter Aristolochiasäure entstanden sind. Diese Signatur entdeckten die Forscher bei 60 Prozent der Fälle.
In der Fachzeitschrift PNAS berichten die Wissenschaftler, dass zwischen 1997 und 2003 ein Drittel der taiwanischen Bevölkerung Aristolochia-Präparate einnahm. Sie basieren auf der sogenannten Gewöhnlichen Osterluzei (Aristolochia clematitis) und verwandten Pflanzen, die in der TCM über lange Zeit als Heilmittel galten.
Dass zahlreiche Taiwanesen durch Aristolochia-Präparate an Harnwegstumoren erkrankten, erkläre auch, weshalb sich die Verteilung dieser Krebsformen dort von der in anderen Staaten unterscheide, meinen die Wissenschaftler. Bei 35 Prozent der Patienten in Taiwan entwickeeln sich die Tumore nicht in der Blase, sondern in Harnleiter oder Nierenbecken. Weltweit sei dies bei weniger als zehn Prozent der Patienten der Fall. Auch erkrankten Frauen in Taiwan überdurchschnittlich häufig an diesen Tumorformen – und sie bekamen auch häufiger Aristolochia-Präparate verordnet als Männer.
Aristolochiasäure schädigt auch die Nieren, was im schlimmsten Fall zu Nierenversagen führen kann. In Belgien erkrankten in den neunziger Jahren mehrere Frauen an Nierenversagen, die die Präparate im Rahmen von Diätkuren eingenommen hatten.
Hierzulande sind Präparate, die Aristolochia-Säure enthalten, bereits länger untersagt. Auch in China und Taiwan wurden sie m Jahr 2003 verboten.
Während also das Problem mit den Aristolochia-Präparate mittlerweile auch in China vom Tisch ist, geben andere TCM-Präparate, die weiterhin im Handel sind und nun von australischen Wissenschaftlern untersucht wurden, Anlass zu berechtigter Sorge. Die Forscher fanden in den vom Zoll beschlagnahmten Präparaten Extrakte von total 68 verschiedenen Pflanzenfamilien, und einige davon sind alles andere als risikolos.
Einige der Mixturen enthielten beispielsweise Pflanzenbestandteile der Gattung Ephedra (Meerträubel) und Asarum (Haselwurz), die bei falscher Dosierung toxisch sind. In den Packungsbeilagen fehlte der Hinweis auf diese heiklen Inhaltsstoffe und die potenzielle Gefährlichkeit.
In ihrem Artikel im Fachplan PLoS Genetics weisen die australischen Wissenschaftler jedoch noch auf ein weiteres Problem hin: In einigen der analysierten TCM-Proben fanden sie Spuren von Tieren, die gefährdet oder gar vom Aussterben bedroht sind, wie der Kragenbär oder die asiatische Huftierart Saiga.
Quelle:
http://derstandard.at/1334132463824/Giftig-und-krebserregend-Ungesunde-TCM-Inhaltsstoffe
http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,826636,00.html
http://www.pnas.org/content/early/2012/04/03/1119920109
Kommentar & Ergänzung:
Dieses Beispiel zeigt, dass Tradition nicht immer Recht hat. In diesem Sinn kann man auch für die westliche Pflanzenheilkunde viel daraus lernen.
Siehe:
Komplementärmedizin: Hat Tradition Recht?
Erfahrung allein zeigt Irrtümer und Risiken nur sehr unzulänglich.
Siehe:
Naturheilkunde: Vom sorgfältigen Umgang mit Erfahrung
Naturheilkunde braucht sorgfältigeren Umgang mit Erfahrung
Naturheilkunde: Erfahrung genügt nicht als Begründung
Daher reicht es nicht zu sagen, diese Heilpflanze ist seit Tausenden von Jahren im Gebrauch, ergo ist sie wirksam und harmlos.
Manche Zusammenhänge sieht man erst, wenn man systematisch danach sucht. Dem sagt man dann Wissenschaft.
Aus diesem Grund verknüpft eine seriöse Phytotherapie die Erfahrungen traditioneller Pflanzenheilkunde mit den Erkenntnissen moderner Arzneipflanzenforschung.
Diese Kombination ist unverzichtbar zum Schutz von Patientinnen und Patienten.
Leider ist der Begriff „Phytotherapie“ nicht geschützt und deshalb laufen unter diesem Begriff inzwischen auch Vorstellungen mit, welche die wissenschaftliche Überprüfung der Wirksamkeit und Sicherheit von Heilpflanzen-Präparaten ablehnen, und sich statt dessen lieber an ihren eigenen Überzeugungen von der ausschliesslich heilenden und sanften Natur festhalten. Das ist meines Erachtens aber eine zu einseitige und riskante Betrachtungsweise.
Eine fundierte, seriöse Phytotherapie verbindet Tradition und Wissenschaft. Sie verlässt sich nicht einfach auf die Fantasien irgendeines Kräutergurus (wie heisst eigentlich die weibliche Form von Guru? Guresse?).
Das Beispiel mit den ungesunden TCM-Kräutern zeigt auch, wie wichtig eine staatliche Kontrolle des Heilmittelmarktes ist. Vor ein paar Monaten gab es einen Wirbel im Internet über ein angebliches Verbot der Heilpflanzen durch die EU, dabei ging es nur um ein Registrierungsverfahren für pflanzliche Arzneimittel.
Dazu ein Zitat von Reinhold Rathscheck:
„Der Nachweis der Wirksamkeit ist von jedem neuen Mittel zu fordern, das den Anspruch erhebt, ein Arzneimittel zu sein. Hiervon wird man nicht die Mittel ausnehmen dürfen, deren Unschädlichkeit zwar keineswegs bezweifelt wird, deren Wirkung aber einzig und allein auf dem Glauben beruht. Sonst müsste auch ein Placebo, ein Scheinarzneimittel, das keinen arzneilich wirksamen Stoff enthält, beim Bundesgesundheitsamt registrierbar sein, fehlen ihm doch toxische Effekte mit Sicherheit, wogegen psychische Wirkungen durchaus nachweisbar sein können.
Hier trägt der Staat eine Mitverantwortung: Ein Staat, der einerseits mit Recht Arzneimittelsicherheit fordert, hat seine Bürger andererseits vor Arzneimitteln zu schützen, die keine sind. Er hat kranke Menschen davor zu bewahren, dass Gutgläubigkeit oder Verzweiflung dank staatlicher Mithilfe ummünzbar werden in Profit, ohne dass eine wirkliche Aussicht auf Heilerfolg besteht.“
(aus: Konfliktstoff Arzneimittel, Suhrkamp 1974)
Klar ist aber auch, dass solche Registrierungsverfahren und Kontrollen verhältnismässig sein müssen und dass Entscheide der Arzneimittelbehörden aus fachlicher Sicht auch kritisiert werden dürfen und sollen (z. B. im Fall Kava-Kava)
Das Aristolochiasäure-Problem scheint zumindestens in Europa durch das Verbot entsprechender Bestandteile in Arzneimittel unter Kontrolle zu sein. Bei TCM-Kräutern, die unkontrolliert im Internet gehandelt werden, wäre ich da nicht so sicher.
Und zudem sind die generellen Qualitätsprobleme bei TCM-Kräutern nicht vom Tisch. Anbaubedingungen und Verarbeitungsbedingungen sind oft alles andere als einfach zu kontrollieren. Und ob in den entsprechenden Kräutermischungen auch drin ist, was drauf steht, bleibt oft fraglich – sofern überhaupt etwas draufsteht.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse
www.phytotherapie-seminare.ch
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Sonntag, April 15th, 2012
Ich bin immer wieder entsetzt, wieviel „Schrott“ im Internet unter den Etiketten „Alternativmedizin“ „Komplementärmedizin“ und „Naturheilkunde“ verkauft wird, weil hier jede Qualitätskontrolle fehlt.
Da verkauft beispielsweise ein österreichischer „Spezialist für ganzheitliche Gesundheit, Figur und Fitness“ Misteltinktur mit der Begründung, Mistel besitze immunverändernde Eigenschaften und könne bei manchen Krebsarten das Tumorwachstum hemmen.
Unterschlagen wird dabei, dass die immunstimulierenden Inhaltsstoffe der Mistel (Lektine, Viscotoxine) hochmolekular sind und aus dem Verdauungstrakt nicht in den Körper aufgenommen werden. In der anthroposophischen Krebstherapie wird die Mistel deshalb in Form von Injektionen verabreicht (z. B. als Iscador). Und selbst so ist die Wirkung alles andere als geklärt.
Siehe dazu:
Misteltherapie gegen Krebs - wirksam?
Misteltinktur (genauso wie Misteltee) ist jedoch auf jeden Fall eine ungeeignete Anwendungsform.
Aber wen interessiert das schon?
Weder die Verkäufer noch die Patientinnen und Patienten wollen das offenbar so genau wissen.
Wenn Sie lernen wollen, wie sich leere Versprechungen von glaubwürdigen Aussagen unterscheiden lassen, dann können Sie das bei mir im Heilpflanzen-Seminar oder in der Phytotherapie-Ausbildung.
Siehe auch:
Naturheilkunde: Woran erkennen Sie fragwürdige Aussagen?
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Sonntag, April 15th, 2012
Der Tages-Anzeiger publizierte ein Gespräch mit der Schriftstellerin Juli Zeh. Eine interessante Passage dreht sich um das Thema „Zurück zur Natur“.
Frage Tages-Anzeiger:
„Der Trend zurück zur Natur äussert sich auch in einer gesteigerten Impf-Skepsis – und zwar vor allem bei gut ausgebildeten Eltern.“
Antwort Juli Zeh:
„Das ist komplett reaktionär. Und ganz simpel gesagt, ist dieses übersteigerte Natur-Denken auch rechts. Konsequent müsste man doch sagen: Wenn die Natur immer recht hat, ist Selektion ein angemessenes Mittel, über die Lebenstauglichkeit zu befinden. Der äussere Rand der Öko-Bewegung ist rechts, obschon sich diese Leute politisch nach wie vor dem linken Spektrum zuordnen und sich als sehr fortschrittlich begreifen. Ich empfinde die neue Natur-Hörigkeit oft als degeneriert und dekadent und undankbar. Man muss ja nur ein Buch über die Pest lesen oder über die Zustände, die herrschten, bevor es Penicillin gab, dann kann man sich noch mal fragen, ob die Natur wirklich alles so toll eingerichtet hat. Ich kämpfe zwar gegen überbordende Gesundheitssysteme, aber auch hier geht es wieder darum, dass andere zu wissen meinen, was gut für mich sei. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich hab nichts dagegen, wenn jemand persönlich nicht impft. Was mich an diesem ganzen Thema stört, ist, dass es so religiös daherkommt, so missionarisch.“
Quelle:
http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Es-gibt-nichts-Teureres-als-ein-langes-Leben/story/10144823
Kommentar:
Zum Thema „Impfungen“: Ich finde eine kritische Haltung gegenüber Impfempfehlungen durchaus angebracht (genauso wie auch in allen anderen Bereichen kritisches Nachhaken nötig ist). Eine kritische Haltung sollte sich aber auf Argumente stützen. Und an diesem Punkt teile ich die Kritik von Juli Zeh voll und ganz. Es gibt eine missionarisch gefärbte Impfgegner-Szene, die sich nicht auf Argumente, sondern auf Verschwörungstheorien stützt. Das führt manchmal zu sehr drastischen Aussagen wie „Jede Impfung ist eine Kindsmisshandlung“.
Solche fundamentalistischen Positionen sind meines Erachtens ziemlich bescheuert, borniert und ignorant.
Zum Thema „Natur-Hörigkeit“:
Obwohl (oder vielleicht gerade weil) ich ein leidenschaftlicher Naturliebhaber bin, teile ich die Kritik von Juli Zeh hier voll und ganz.
Es gibt heute eine Idealisierung der Natur, die nur möglich ist aus grosser Naturferne.
Als Städter kann man die Natur in den Bergen leicht romantisch verklären. Ein Bergbauer, der das ganze Jahr auch mit Naturgefahren lebt, sich täglich mit „Natur“ auseinandersetzt und ihr den Lebensunterhalt abringen muss, sieht das wohl etwas anders.
“Wer eins mit der Natur werden will, beginnt damit am besten während einer Naturkatastrophe.”
Bertrand Russel (Brit. Philosoph u. Mathematiker, 1872 – 1970)
Die Idealisierung der Natur schlägt sich auch nieder im Bereich Komplementärmedizin / Naturheilkunde, nämlich dort, wo der „Natur“ (was ist da genau gemeint?) die Heilung jeder Krankheit zugetraut wird.
Das zeigt sich zum Beispiel in Aussagen wie:
„Gegen jede Krankheit ist ein Kraut gewachsen“
Siehe dazu:
Ist wirklich gegen jedes Übel ein Kraut gewachsen?
Pflanzenheilkunde: Ist gegen jede Krankheit ein Kraut gewachsen?
Fragwürdig sind auch Aussagen wie: Die Natur hat immer Recht (Maurice Mességué). Recht haben oder Unrecht haben – das sind menschliche Kategorien, die auf die Natur nicht so einfach angewendet werden können. Und zudem müsste man entgegnen, dass ein Tumor oder ein Malariaerreger auch Natur sind und dann genauso Recht hätten, wenn sie den Menschen umbringen.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Donnerstag, April 12th, 2012
„Rein pflanzlich“ und „frei von Nebenwirkungen“ – mit diesen Slogans werden Nahrungsergänzungsmittel zur Potenzsteigerung oder zur Gewichtsreduktion oftmals propagiert. Über das Europäische Schnellwarnsystem für Lebensmittel (RASFF) wird europaweit vor vielen Präparaten dieser Produktgruppe gewarnt. Einige Untersuchungen von Überwachungsbehörden haben gezeigt, dass manche dieser Produkte unerlaubte, nicht deklarierte arzneiliche Wirkstoffe enthielten.
Professor Dr. Dr. Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), rät deshalb zur Vorsicht bei Präparaten, die als Nahrungsergänzungsmittel zur Steigerung der Potenz oder zur Gewichtsreduktion angeboten werden: „Verbraucher werden in einigen Fällen über die wahre Zusammensetzung der Produkte und ihrer Eigenschaften, einschließlich ihrer Risiken, getäuscht.“
Nahrungsergänzungsmittel müssen als Lebensmittel nicht wie Arzneimittel staatlich zugelassen werden.
Als Nahrungsergänzungsmittel bezeichnete Präparate zur Potenzsteigerung werden überwiegend im Internet oder in Erotik-Shops unter verschiedenen Bezeichnungen vertrieben. Die Produkte sollen nach Angaben der Anbieter oft ausschließlich rein pflanzliche, natürliche Inhaltsstoffe enthalten. Bei einer Reihe von Präparaten zeigten Analysen allerdings, dass sie nicht deklarierte „verschreibungspflichtige“ arzneiliche Wirkstoffe (Sildenafil = Viagra, Tadalafil = Cialis) bzw. nicht zugelassene Sildenafil-Analoga (Hydroxyhomosildenafil, Hydroxythiohomosildenafil, Sulfoaildenafil) in pharmakologisch wirksamen Konzentrationen enthielten. Bei Einnahme von Arzneimitteln dieser Wirkstoffgruppe muss damit gerechnet werden, dass auch bei gegebener Indikation und bestimmungsgemäßem Gebrauch in seltenen Fällen schwere unerwünschte Wirkungen (z. B. Schlaganfall, Herzinfarkt) auftreten können.
Auch in als Nahrungsergänzungsmittel bezeichneten Präparaten zur Gewichtsreduktion wurden in der Vergangenheit wiederholt pharmakologisch wirksame Substanzen gefunden, u. a. der in Deutschland in Arzneimitteln nicht mehr zugelassene Wirkstoff Sibutramin. Derartige Produkte werden ebenfalls hauptsächlich über das Internet vertrieben und oft als „natürliche“ oder „100% pflanzliche“ Nahrungsergänzungsmittel propagiert. Sibutramin ist eine seit dem Februar 2010 in Deutschland nicht mehr zugelassene pharmakologisch wirksame Substanz aus der Gruppe der Appetitzügler. Aufgrund zum Teil erheblicher Nebenwirkungen, vor allem bei übergewichtigen Personen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, hatte die Europäische Arzneimittelagentur im Januar 2010 empfohlen, die Zulassung von Sibutramin-haltigen Arzneimitteln zu widerrufen.
Als Nahrungsergänzungsmittel hält das BfR Produkte mit den aufgeführten Wirkstoffen für nicht sicher. Vor allem über das Internet vermarktete Präparate sind durch die amtlichen Überwachungsbehörden schwer zu fassen. Es besteht das Risiko, dass Verbraucher über die wahre Zusammensetzung der Produkte und ihre Eigenschaften, einschließlich ihrer Gefahren, getäuscht werden.
Die Einnahme von als Nahrungsergänzungsmittel bezeichneten Produkten zur Potenzsteigerung oder zur Gewichtsreduktion kann mit einem hohen gesundheitlichen Risiko verbunden sein, wenn sie pharmakologisch wirksame Substanzen enthalten. Das BfR rät daher Verbrauchern zur Vorsicht und dazu, sich beim Hersteller über die genaue Zusammensetzung der Produkte zu informieren. Bei Zweifeln oder unklaren Auskünften sollte auf die Einnahme derartiger Präparate verzichtet werden.
Quelle:
http://idw-online.de/pages/de/news471060
Kommentar & Ergänzung:
Vor allem im Internet tauchen immer wieder angeblich rein pflanzliche Präparate auf, die mit riskanten und nicht zugelassenen Wirkstoffen versetzt sind. Sehr typisch ist dies bei Potenzmitteln und bei Schlankheitsmitteln, doch finden sich solche problematische Zusätze nicht selten auch in Heilmitteln der asiatischen Medizin. Beispielsweise in Rheumamitteln, die als Naturheilmittel propagiert werden, aber undeklariert Entzündungshemmer wie NSAR enthalten.
Der Gesundheitsmarkt wird überschwemmt mit Nahrungsergänzungsmitteln, die unerlaubterweise als Heilmittel propagiert werden. Deren Sicherheit ist oft nur ungenügend geklärt und die Wirksamkeit nicht ansatzweise belegt.
Im Gegensatz zum Internethandel kann man meines Erachtens in Apotheken und Drogerien (jedenfalls in der Schweiz, ich kenne nur die Drogerien in der Schweiz) davon ausgehen, dass Nahrungsergänzungsmittel frei sind von undeklarierten, riskanten Substanzen wie Sibutramin.
Bezüglich Wirksamkeit ist die Situation allerdings nicht so klar. Viele Apotheken und Drogerien verkaufen ziemlich skrupelfrei „rein natürliche“ oder „rein pflanzliche“ Nahrungsergänzungsmittel und „Pseudoheilmittel“, die zwar mit blumigen Versprechungen angepriesen werden, deren Wirksamkeit aber völlig in den Sternen steht.
Man kann also in keiner Art und Weise davon ausgehen, dass komplementärmedizinische oder pflanzliche Heilmittel und Nahrungsergänzungsmittel aus Apotheken oder Drogerien auch wirksam sind.
Den Konsumentinnen und Konsumenten kann man nur raten, allen Heilungsversprechungen mit einer gesunden Portion Skepsis zu begegnen und kritische Fragen zu stellen.
Pointiert ausgedrückt hat diese Haltung Erich Fromm:
„Da das meiste, was wir hören oder in den Zeitungen lesen, zu Tatsachen verzerrte Interpretationen sind, ist es weitaus am besten, äusserst skeptisch zu sein und von der Annahme auszugehen, dass der grösste Teil von dem, was wir hören, wahrscheinlich eine Lüge oder Verzerrung ist. Wenn dies zu hart und zynisch klingt, so möchte ich beifügen, dass ich dies nicht ganz wörtlich meine. Dennoch möchte ich betonen, dass diese Einstellung viel gesünder ist, als vom Gegenteil auszugehen, nämlich zu meinen, die Leute sagen die Wahrheit, ausser man kann das Gegenteil beweisen. Vielleicht klingt meine Empfehlung weniger menschenfeindlich, wenn ich betone, dass es um den Wahrheitsgehalt von Aussagen geht und nicht um die Frage, ob jemand lügt oder nicht. Aber erwiesenermassen glauben die meisten Menschen, deren Aussagen unwahr oder halbwahr sind, dass sie wirklich die Wahrheit sagen – oder zumindestens überreden sie sich selbst dazu.“
(aus: Erich Fromm; Vom Haben zum Sein, Beltz 1989, S. 62)
Erich Fromm (1900 – 1980) war ein deutsch-US-amerikanischer Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe.
Bedeutende Werke (Auswahl):
Die Furcht vor der Freiheit, 1941.
Psychoanalyse & Ethik, 1946.
Die Kunst des Liebens, 1956.
Zen-Buddhismus und Psychoanalyse (mit Daisetz Teitaro Suzuki, Richard de Martino) 1971.
Haben oder Sein, 1976.
Märchen, Mythen, Träume, 1951.
Die Seele des Menschen, Ihre Fähigkeit zum Guten und zum Bösen.
Siehe auch:
Komplementärmedizin – woran erkennen Sie fragwürdige Aussagen?
Komplementärmedizin – Qualität und Quacksalberei
Und ausserdem: Wenn Sie sich mehr Wissen aneignen möchten, um wirksame und unwirksame Naturheilmittel zu unterscheiden, dann können Sie das in meiner Phytotherapie-Ausbildung, im Heilpflanzen-Seminar und im Tagesseminar “Komplementärmedizin verstehen und beurteilen”
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse
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Montag, April 9th, 2012
Immer noch geistern Vorstellungen herum, im Kampf gegen Krebs sei positives Denken Voraussetzung für eine Heilung. Krebspatienten, denen dieses positive Denken nicht so leicht fällt, bekommen oft mehr oder weniger deutlich zu hören, dass sie ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben und dadurch nicht ganz unschuldig sind, wenn die Heilung auf sich warten lässt.
Es ist Zeit, diesen alten Zopf abzuschneiden.
Klar Stellung genommen zu dieser Frage hat vor kurzem Christian Zniva, Leiter der Abteilung für Klinische Psychologie am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz (Oberösterreich):
« “Patienten erwarten oft von uns, dass wir ihnen helfen, positiv zu denken – damit sie den ,Kampf gegen den Krebs’ aufnehmen können“. Dabei sei das überholt. „Wissenschaftliche Studien haben längst widerlegt, dass es einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Psyche und dem Krankheitsverlauf gibt“, sagt Zniva. „Diese Information kann Patienten entlasten.“ Denn es sei gar nicht nötig, ständig gut gelaunt gegen den Krebs zu kämpfen. „Das führt oft nur zu einem verkrampften Umgang und kostet außerdem viel zu viel Kraft.“
Heute würde man mit anderen Bildern arbeiten. „Ich beschreibe Krebs gerne als einen Weg mit Stolpersteinen, auf dem man – einen nach dem anderen – wegräumt.“»
Quelle:
http://www.nachrichten.at/ratgeber/gesundheit/art114,782756
Kommentar & Ergänzung:
Fazit: Wer positiv gestimmt ist soll sich davon nicht abbringen lassen. Aber auch angeblich negative Gefühle wie Wut, Ohnmacht, Trauer etc. haben quasi ein Existenzrecht. Und kein Krebspatient, keine Krebspatientin muss sich vorwerfen (lassen), das schade dem Kampf gegen die Krankheit, wenn er oder sie mal nicht so gut „drauf ist“.
Angestrengt positives Denken ist nämlich ziemlich bescheuert.
Ein noch heiklerer Punkt beim Thema Krebs & Psyche ist eine fürchterlich oberflächliche, oft esoterisch angehauchte Populär-Psychosomatik, die mit leichtfertig hingeworfenen psychologischen oder esoterischen Deutungen um sich wirft („Du musst deine Konflikte bearbeiten, damit du gesund wirst“).
Die Durchsetzung von Deutungen ist eine Machtfrage und es ist oft eine Form von Übergriff, wie in dieser „Szene“ Patientinnen und Patienten Deutungen aufgedrängt oder aufgedrückt werden.
Solche Schuldzuweisungen dienen der Kontingenzbewältigung. Mit Kontingenz ist hier gemeint, dass wir als Menschen Krankheit und Gesundheit nicht im Griff haben. Diese ohnmachtsträchtige Situation lässt sich lindern durch Theorien, welche Kranken Schuld und Verantwortung zuschieben.
Multiple Sklerose oder Krebs sind dann nicht Widerfahrnisse, die Menschen zustossen können, weil Krankheit auch zur menschlichen Existenz gehört. Sie sind Folge von Versäumnissen. So kann man sich dann zurechtphantasieren, dass man von solchen Krankheiten verschont wird, wenn man sich richtig verhält – genug an sich arbeitet, sich spirituell höher entwickelt, viel Vitamine konsumiert, nur moderat sündigt……
Konstruktiver wäre meines Erachtens, dass wir Kontingenz als Bestandteil menschlicher Existenz anerkennen und dass wir lernen, mit diesem manchmal bedrohlichen Faktum umzugehen.
Kontingenz-Kompetenz wäre dann also quasi gefragt, aber wo lernt man das schon?
Falls Sie sich vertiefter mit diesen Fragen auseinandersetzen wollen, empfehle ich einen Blick auf www.patienten-seminare.ch und auf Eidberger Gedankengänge.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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