Frauenmantel im Heilpflanzenlexikon

Diesen Artikel teilen:
FacebookTwitterGoogle+ Share

Im Magazin „Focus“ online ist ein Heilpflanzenlexikon zu finden.

Über den Frauenmantel (Alchemilla vulgaris) steht da folgendes:

„Die Pflanze enthält nur wenig Gerbstoffe, Bitterstoffe und ätherisches Öl. Der schulmedizinisch ausgerichteten Pflanzenheilkunde ist das zu wenig. Die traditionelle Kräutermedizin hat mit Frauenmantel aber gute Erfolge erzielt gegen Regelschmerzen, starke Menstruationsblutungen, Umstellungsprobleme in den Wechseljahren. Frauenmantel heilt Zahnfleisch- und Kehlkopfentzündungen.“

Quelle:

http://www.focus.de/gesundheit/gesundleben/alternativmedizin/kraeuter/heilpflanzen-lexikon/alchemilla-vulgaris_aid_57879.html

Kommentar & Ergänzung:

Der Text, so kurz er auch ist, wirft viele Fragen auf:

Was heisst genau: „Der schulmedizinisch ausgerichteten Pflanzenheilkunde ist das zuwenig“?

„Schulmedizinisch“ wird hier offenbar zwecks Abgrenzung und mit eher negativer Konnotation verwendet. „Schulmedizin“ ist generell ein höchst fragwürdiger Begriff.

Siehe:

Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck

Wer oft von „Schulmedizin“ spricht, festigt und bewirtschaftet meines Erachtens ein fragwürdiges Lagerdenken.

Ist mit „schulmedizinisch ausgerichtet“ eher „wissenschaftlich ausgerichtet“ gemeint? Wenn ja, warum wird es nicht auch so – und damit neutraler – formuliert?

Und was bedeutet genau „Der schulmedizinisch ausgerichteten Pflanzenheilkunde ist das zuwenig“. Ich sehe nirgendwo in der wissenschaftlich ausgerichteten Pflanzenheilkunde (= Phytotherapie) eine solche Wertung („zu wenig“). Wissenschaft hat in diesem Sinne nicht zu werten.

Dieser Satz unterstellt eine Kritik der „schulmedizinisch ausgerichteten Pflanzenheilkunde“, die dem Frauenmantel quasi einen Mangel an Wirkstoffen vorwirft. Das ist Unsinn.

Für eine wissenschaftlich ausgerichtete Pflanzenheilkunde dürften Wirkstoffe eher sekundär sein. Entscheidend ist dagegen, ob glaubwürdige Hinweise auf eine Wirksamkeit bei einer konkreten Erkrankung vorhanden sind. Bei den gynäkologischen Anwendungsbereichen des Frauenmantels ist das eben nicht der Fall. Darum enthält sich die wissenschaftlich ausgerichtete Pflanzenheilkunde in diesem Bereich einer Aussage. Das ist ehrlicher und bescheidener, als irgendwelche Phantasien in die Pflanze hinein zu interpretieren.

Dann steht da noch:

„Die traditionelle Kräutermedizin hat mit Frauenmantel aber gute Erfolge erzielt gegen Regelschmerzen, starke Menstruationsblutungen, Umstellungsprobleme in den Wechseljahren.“

Der Verweis auf eine lange Tradition ist nicht viel Wert. Die Medizingeschichte ist voll von Beispielen, in denen sich die Tradition über Jahrhunderte hartnäckig geirrt hat.

Auch Nashornpulver gegen Potenzschwäche hat eine lange Tradition. Millionen von Männern in China und Japan zeigt ihre Erfahrung, dass dieses Mittel hilft.

Siehe dazu:

Komplementärmedizin – hat Tradition Recht?

Naturheilkunde – Erfahrung genügt nicht als Begründung

Komplementärmedizin: Wer heilt hat Recht?

Fragwürdig ist auch die Angabe, dass Frauenmantel gegen „Umstellungsprobleme in den Wechseljahren* hilft. „Umstellungsprobleme“ – das ist ein ausgesprochen vager Begriff, unter dem man alles und jedes verstehen kann. Das hat den Vorteil, dass man einfach immer in den Wechseljahren Frauenmanteltee trinken kann, egal welche Beschwerden vorliegen. Das vereinfacht die Sache ungemein. Es ist aber unwahrscheinlich, dass ein Mittel in jeder Phase der Wechseljahre und bei allen möglichen Beschwerden hilft.

Das heisst nun meines Erachtens nicht, dass Frau keinen Frauenmanteltee trinken soll.

Wer davon überzeugt ist, dass Frauenmantel ihr gut tut, kann ihn gern nutzen. Man sollte nur wissen, wo man mit einer Heilpflanze steht. Und Frauenmantel steht eher auf einem kulturhistorischen Boden und weniger auf einem pharmakologisch-physiologischen.

Nachvollziehbar ist im übrigen eine Wirkung der Gerbstoffe bei Zahnfleischentzündungen (Spülen, Gurgeln). Für diesen Anwendungsbereich gibt es aber viele gleichwertige oder gar wirksamere Heilpflanzen (Schwarztee, Tormentill, Salbei…).

Schon bei der Kehlkopfentzündung wäre ich wieder skeptischer. Kommt der Gerbstoff beim Gurgeln wirklich so tief runter oder bleibt er nicht eher im Rachenbereich?

Ich bin mir bewusst, dass man nur schon aus Zeitgründen nicht jeden Text so detailliert auseinander nehmen kann. Ich wollte nur zeigen, wie viele Fragen sich auftun, wenn man damit anfängt.

Und ich möchte anregen, mehr Fragen an solche Texte zu stellen.

Meiner Ansicht nach herrscht viel zu viel Fraglosigkeit in den Bereichen Naturheilkunde / Alternativmedizin / Komplementärmedizin.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Heilpflanzenexkursionen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Diesen Artikel teilen:
0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>