Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung!

Diesen Artikel teilen:
FacebookTwitterGoogle+ Share

Naturheilkunde boomt. Gleichzeitig mit diesem Höhenflug zeigen sich aber auch je länger desto deutlicher die gravierenden Probleme in diesem faszinierenden Bereich. Nach über 25jähriger Tätigkeit in der Naturheilkunde vermisse ich immer stärker eine selbstkritische Auseinandersetzung. In naturheilkundlichen Büchern, Seminaren und Ausbildungen werden Behauptungen und Heilungsversprechungen in grosser Zahl in die Welt gesetzt. Dabei fehlt aber grossmehrheitlich jede sorgfältige Begründung. Meistens wird nur sehr diffus auf “positive Erfahrungen“ verwiesen. Und kritische Nachfragen werden oft mit “Totschlag-Argumenten” im Stile von “Wer heilt hat recht!” abgeblockt. So wird eine Schutzwand hochgezogen, hinter der man sich nicht mehr sorgfältig und selbstkritisch mit Argumenten und Begründungen auseinandersetzen muss. Mindestens vier fundamental wichtige Punkte werden dabei meines Erachtens oft ausgeblendet:
1. Der Placebo-Effekt.
Bei jeder Heilanwendung – sei sie nun phytotherapeutisch, homöopathisch, medizinisch oder was weiss ich auch immer sonst – ist mit einem Placebo-Effekt zu rechnen. Der Placebo-Effekt ist offenbar verbunden mit der Erwartungshaltung, die eine Behandlung auslöst. Wer einfach sagt: “Es wirkt!” und davon eine spezifische Wirksamkeit der Behandlung oder des angewandten Heilmittels ableitet, verschliesst vor dem faszinierenden Phänomen “Placebo” die Augen.
2. Selbstheilung des Organismus.
Die Mehrheit der Beschwerden und Krankheiten heilen auch ohne Therapie. Wer ein Heilmittel anwendet und eine Besserung verspürt, kann daraus noch nicht auf die Wirksamkeit des Heilmittels schliessen. Wer das trotzdem tut, missachtet die Selbstheilungskräfte des Organismus. Es stellt sich also immer die Frage, wie der Krankheitsprozess ohne das angewandte Heilmittel verlaufen wäre.
3. Schwankender Verlauf bei chronischen Krankheiten.
Chronische Krankheiten haben oft einen stark schwankenden Verlauf mit einem charakteristischen Auf und Ab der Beschwerden. Neue Behandlungen kommen sehr oft an einem Tiefpunkt zum Einsatz. Die Chance auf eine nachfolgende Besserung ist dabei gross, doch kann anstelle der Therapie auch schlicht der normale Verlauf dafür verantwortlich sein, weil auf ein Tief eben in der Regel die (vorübergehende) Besserung folgt.
4. Erfahrung kann täuschen – und sie tut es oft!
Die reine Erfahrung, die uns direkt zeigt, wie die Welt wirklich ist, existiert so nicht. Wenn wir von Erfahrung reden, handelt es sich immer schon um von uns interpretierte Erfahrung. Jede Erfahrung, die wir machen, wird zudem durch unsere Überzeugungen und Theorien vorstrukturiert. Dazu kommt noch, dass unser Gedächtnis mit Erfahrungen selektiv umgeht: Es speichert diejenigen Erfahrungen, die mit unseren Überzeugungen übereinstimmen, wesentlich besser als Erfahrungen, die mit unseren Überzeugungen im Widerspruch stehen. Das sind alles Gründe dafür, dass wir uns sehr selbstkritisch mit unseren Erfahrungen auseinandersetzen müssen.

Meinem Eindruck nach steckt ein grosser Teil der Naturheilkunde-Szene vor diesen vier Punkten den Kopf in den Sand und vermeidet es dadurch, sich mit solchen Fragen ernsthaft auseinandersetzen zu müssen.
Ich bin dagegen mit Nachdruck der Ansicht, dass Naturheilkunde und Pflanzenheilkunde sich diesen vier Herausforderungen stellen sollten.
Ihnen als Leserin oder Leser empfehle ich, naturheilkundliche Bücher, Seminare, Ausbildungen, aber auch Therapeutinnen und Therapeuten daraufhin genau unter die Lupe zu nehmen, wie sie mit diesen vier Punkten umgehen.
Ich selber fühle mich demjenigen Teil der Phytotherapie / Pflanzenheilkunde zugehörig, der diese vier Herausforderungen annimmt und sich damit auseinandersetzt. Die engagierte Suche nach einer offen-selbstkritischen Grundhaltung prägt auch meine Arbeit als Dozent in Phytotherapie-Ausbildungen und Heilpflanzen-Seminaren. Im Buchshop auf dieser Website finden Sie zudem eine ganze Reihe von Pflanzenheilkunde-Büchern, die in diesem Geist geschrieben sind.

Ein weiterer Beitrag zu diesem Thema:
Naturheilkunde-Ausbildung: Mehr kritisches Denken – weniger blinden Dogmatismus

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Pflanzenheilkunde

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik, Palliative Care

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Diesen Artikel teilen:
0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>