Zeitschrift „Stern“ testet Alternativmedizin bei Krebs

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Das Magazin „Stern“ stellte die Beratung durch Vertreterinnen und Vertreter der Alternativmedizin beim Thema „Brustkrebs“ auf den Prüfstand.

Zitat:

„Was raten Alternativmediziner Krebs-Patienten, deren Krankheit durch eine einfache Operation heilbar wäre? Der stern hat 20 Heilpraktiker und Ärzte besucht – mit erschütterndem Ergebnis.“

Der Stern schickte eine Schauspielerin und einen Journalisten, als Paar „getarnt“, in die Praxen von alternativmedizinisch tätigen, auf Krebs spezialisierten Heilpraktikinnen und Heilpraktikern, Medizinerinnen und Medizinern.

Die Schauspielerin brachte den Befund einer Brustkrebspatientin mit, den sie als eigenen Befund ausgab. Aus dem Befund ging hervor, dass der Brustkrebs aggressiv war, aber noch klein, und daher mit hoher Heilungschance operabel.

Zitat:

„Unser Befund bedeutet: Nach einer OP wäre unsere Patientin mit 90 Prozent Wahrscheinlichkeit auch nach zehn Jahren krebsfrei.“

Die zentrale Frage, mit der das „Paar“ in den Praxen auftauchte, war:

Operieren oder nicht?

Zitat:

„Das erschütternde Resultat: Zwölf der zwanzig Testkandidaten, Ärzte und Heilpraktiker gemischt, hielten eine Operation für verzichtbar.“

Sechs von diesen zwölf hielten ihre Methoden gar für besser oder gar für unvereinbar mit der Schulmedizin.

Bei der Beurteilung des Befundes schnitten nach Einschätzung des „Stern-Teams“ die Ärzte schlechter abgeschnitten als die Heilpraktiker.

Zitat:

„Erschreckend: Die Ärzte fällten häufiger Fehlurteile als die Heilpraktiker. Fünf der zehn beurteilten den Krebs harmloser, als er war. Manche lasen wahrscheinlich schlicht nicht zu Ende und fanden nicht alle Schlüsselbegriffe, andere verstanden Grundwörter der Krebsmedizin wie ‚G3’ nicht, sondern werteten es als ‚günstiges Zeichen’ – G3 steht für Zelleigenschaften und bedeutet, dass der Krebs aggressiv ist und schnell wächst. Besser schlugen sich die Heilpraktiker: Nur einer der sechs, die eine Bewertung wagten, lag so grob daneben. Die anderen fünf übersetzten zwar teilweise Fachbegriffe falsch, zogen aber die richtige Schlussfolgerung: Dieser Tumor ist gefährlich.

Fatal ist das deshalb, weil die meisten Patienten zunächst neben Heilpraktikern auch Fachärzte konsultieren werden, sodass das Fehlurteil eines Heilpraktikers weniger gravierende Konsequenzen hätte. Die sechs Ärzte aber, die im Test versagten, boten ein Rundumsorglos-Paket: Ich kann Ihren Krebs mit den Augen der Schulmedizin sehen und plane danach meine alternativen Heilmethoden.“

Als positives Beispiel beschreibt der Stern-Autor die Stellungnahme einer Schweizer Geistheilerin, welche die Gefährlichkeit des Tumors aus dem Befund erkannt, mit Nachdruck zur Operation rät und der „Patientin“ mit einer Handauflegen-Sitzung zur Entspannung verhilft. Einziger Schwachpunkt: Die Heilerin hat den Tumor genau dort mit ihren Händen gespürt, wo der Befund ihn lokalisiert hat, obwohl der Befund von einer anderen Frau stammt. Fazit: Auch Heilerinnen sind nicht gegen Suggestion gefeit.

Quelle der Zitate:

Stern (Print), 3. 7. 2014

http://www.stern.de/gesundheit/das-geschaeft-mit-der-alternativmedizin-im-dschungel-der-wunderheiler-2118037.htm

Kommentar & Ergänzung:

Man kann natürlich einwenden, dass hier nur 20 Alternativmediziner getestet wurden. 10 Heilpraktiker, 10 Mediziner. Aber immerhin waren das Personen, die sich für die Behandlung von Krebs speziell anbieten. Und ich kann mir gut vorstellen, dass der entstandene Eindruck ziemlich repräsentativ ist und nicht einfach die absolut negative Auswahl darstellt.

So erschreckend das Ergebnis dieser Recherchen ist: Wirklich überrascht bin ich nicht.

Seit mehr als 30 Jahren bewege ich mich in diesem schillernden Terrain von Alternativmedizin / Komplementärmedizin / Naturheilkunde. In diesem Zeitraum bin ich zunehmend skeptischer und kritischer geworden.

Ein Hauptgrund dafür:

Die Grössen- und Allmachtsphantasien, welche die Alternativmedizin der „Schulmedizin“ oft vorwirft, sind in der Alternativmedizin bzw. Komplementärmedizin selber verbreitet zu finden, wenn man nur schon etwas genauer hinschaut.

Grenzen werden selten ernsthaft diskutiert. Eine fundierte Qualitätssicherung ist so gut wie inexistent. Der Stern-Artikel bestätigt diese Einschätzung voll und ganz.

Es wäre wünschenswert, wenn jeder Mensch mit Krebsdiagnose diesen Artikel kennen würde. Krebspatientinnen und -patienten sind in einer schwierigen Lage. Sie werden leicht zur Beute von verantwortungslosen Scharlatanen, die sich masslos selbst überschätzen. Das kann nicht nur Geld, Zeit und Kraft kosten, sondern auch das Leben.

Kritisches Nachfragen ist deshalb zentral, nicht nur für Krebspatientinnen und –patienten. Doch wo lernt man das?

Hier dazu ein paar unterstützende Anregungen:

Komplementärmedizin – woran erkennen Sie fragwürdige Aussagen

Komplementärmedizin – Qualität und Quacksalberei

 

Und im Übrigen: In meinen Lehrgängen wird neben viel Heilpflanzenwissen auch vermittelt, wie man Versprechungen, Aussagen etc. prüft und sich eine eigene, fundierte Meinung bildet.

Phytotherapie setzt nicht blinde Gläubigkeit voraus. Sie verträgt sich durchaus mit einer kritisch-prüfenden Haltung.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Heilpflanzenexkursionen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

 

 

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