Aromatherapie unterm Weihnachtsbaum: Wacholderöl gegen Enttäuschungen?

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Ätherische Öle können uns Dufterlebnisse bieten und in bestimmten Bereichen heilende Wirkungen entfalten. Dass Düfte auch unsere Stimmungen beeinflussen können, dafür sprechen sowohl Jahrtausende alte Erfahrungen als auch moderne experimentelle Untersuchungen.

Wie aber mit den psychischen Wirkungen der ätherischen Öle in der Aromatherapie gegenwärtig umgegangen wird, scheint mir oft ausgesprochen fragwürdig.

In einer Dapd-Nachricht äussert sich eine Osmopraktikerin zum Einsatz von Düften in der Weihnachtszeit. Sie erklärt, dass Düfte eine grosse Wirkung auf das Unterbewusstsein haben und dabei bei jedem Menschen individuell wirken.

Tatsächlich ist der Einfluss von Düften auf die Gefühlslage eines Menschen in weiten Bereichen von seiner „Duftbiografie“ abhängig, also von den Erfahrungen, die jemand mit bestimmten Düften gemacht hat. Vor allem im Bereich von anregenden oder beruhigenden Wirkungen gibt es allerdings auch Duftwirkungen, die sich weitgehend verallgemeinern lassen (beispielsweise beruhigend: Lavendelöl, Melissenöl; anregend: Pfefferminzöl, Rosmarinöl, Kampfer). Aber abgesehen von solchen eng begrenzten Bereichen sind die Wirkungen der ätherischen Öle auf die Psyche wohl genau so  individuell verschieden, wie es die Osmopraktikerin darstellt.

Schwierig daran ist allerdings, dass auf der Basis dieser individuellen Effekte kaum allgemeine Tipps über die psychischen Wirkungen eines ätherischen Öles in Büchern, Schulungsunterlagen und Interviews abgegeben werden können.

Viele Aromatherapie-Bücher enthalten aber genau solche detaillierten und zugleich pauschalen Angaben in rauer Menge.

Auch die von Dapd befragte Osmopraktikerin läuft voll in diesen Widerspruch. Nachdem sie eingangs erklärt, die Wirkungen der ätherischen Öle seien bei jedem Menschen individuell, gibt sie abschliessend verallgemeinernd Tipps für „Gute Stimmung vor dem Baum“.

Die Wirkung von ätherischen Ölen könne auch gezielt eingesetzt werden, zum Beispiel um familiäre Spannungen vorm Weihnachtsbaum vorzubeugen oder zumindest zu reduzieren, erklärt sie, und empfiehlt „eine Ölmischung, die den Bedürfnissen der Familie entspricht“.

Das dürfte im Vorfeld der Weihnachtsfeier nicht ganz einfach werden. In Familien, in denen Spannungen im Raum stehen, sind die Bedürfnisse ja vielleicht gerade unterschiedlich.

Da fängt der Streit dann wohl schon bei der Diskussion um die angemessene Ölmischung an. Oder wird die Ölmischung, die den Bedürfnissen der Familie entspricht, von einem einzelnen Familienmitglied autokratisch bestimmt? Ohne Diskussion oder gar ohne Information der restlichen Mitglieder? Das wäre ein ziemlich manipulativer Ansatz.

Die Duftexpertin nennt im Beitrag sehr konkrete Möglichkeiten zur weihnachtlichen Spannungsprävention und stellt allgemeingültige Wirkungen der ätherischen Öle in Aussicht: Wacholder mindert Enttäuschungen, Jasmin und Blutorange stärken die Persönlichkeit, Geranium und Rose lassen Gefühle sprechen.

Anzuraten ist, diese ätherischen Öle bei nächster Gelegenheit zu erwerben, da sie nach dieser Meldung wohl demnächst ausverkauft sind…….

Im Ernst: Zu dieser Empfehlung gibt es einige offene Fragen.

Wacholderöl soll also Enttäuschungen mindern? Wie genau schafft das Wacholderöl sowas eigentlich?

Enttäuschungen sind ein ziemlich komplexes Phänomen. Hat mit Täuschung zu tun (Selbsttäuschung? Fremdtäuschung?) und mit (zu hohen?) Erwartungen.

Wo genau setzt das Wacholderöl an? Reduziert es die Erwartungen? Und hat es keine unerwünschten Nebenwirkungen, wenn man in ein so komplexes Geschehen eingreift?

Jasminöl und Blutorangenöl sollen die Persönlichkeit stärken. Das tönt jedenfalls gut. Aber auch hier stellt sich die Frage, wie ein ätherisches Öl solches bewerkstelligen kann.

Der Begriff Persönlichkeit, schreibt Wikipedia, „umfasst die einzigartigen psychischen Eigenschaften eines Individuums, in denen es sich von anderen unterscheidet. ‚Temperament’ und ‚Charakter’ sind ältere Bezeichnungen für Teilaspekte. Es werden zahlreiche Persönlichkeitseigenschaften unterschieden.“

Stärken Jasminöl und Blutorangenöl nun alle Persönlichkeitsmerkmale gleichermassen oder einzelne ganz besonders? Und ist das – falls eine solche Wirkung tatsächlich vorhanden sein sollte – nicht ein Eingriff in die Persönlichkeit, der sorgfältig geplant und mit den Betroffenen abgesprochen sein müsste? Und könnte es am Weihnachtsfest nicht kontraproduktiv sein, wenn Persönlichkeitseigenschaften („Temperament“) von Verwandten, über die man sich schon das ganze Jahr über aufregt, ausgerechnet jetzt noch verstärkt werden?

Geranium und Rose sollen Gefühle sprechen lassen. Das kann ja heiter werden: Ärger, Wut, Hass, Enttäuschung sind doch auch Gefühle? Oder lassen Geraniumöl und Rosenöl nur positive Gefühle sprechen wie Liebe, Freude…und lassen die unerwünschtere Seite der Gefühlspalette aussen vor? Das wäre dann wieder ein bisschen manipulativ, vor allem wenn dieser Einfluss nicht transparent gemacht würde. In einer spannungsgeladenen Atmosphäre harmonisierende Düfte verströmen zu lassen, wird wohl kaum von allen Konfliktparteien als konstruktiv erlebt werden. Daher dürfte Transparenz nicht so einfach zu erreichen sein.

Ich selber glaube nicht daran, dass Wacholderöl Enttäuschungen mindert, Blutorangenöl und Jasminöl die Persönlichkeit stärken und Geraniumöl und Rosenöl die Gefühle sprechen lassen.

Mir ist das zu simpel und zu konsumistisch-zeitgeistig.

Diese Tipps sind viel zu pauschal, insofern sie Wirkungen eines bestimmten ätherischen Öles auf alle Menschen postulieren. Und sie schreiben gleichzeitig den ätherischen Ölen eine viel zu differenzierten Einfluss auf psychische Prozesse wie „Enttäuschung“ zu.

Wer aber an solche Wirkungen glaubt, müsste sich ernsthaft mit den oben aufgeworfenen Fragen befassen.

Nur schön klingende, aber hohle Phrasen in den Raum stellen wie „stärkt die Persönlichkeit“ – das ist etwas mager.

Leider sind solch wolkig-blumige Worthülsen in der Aromatherapie-Literatur sehr verbreitet. Genau und hartnäckig nachfragen, was damit gemeint ist – das ist mein Tipp an Konsumentinnen und Konsumenten.

Damit bin ich weder „gegen Aromatherapie“ noch mache ich „die ätherischen Öle schlecht“. Mir liegt nur an einem sorgfältigen Umgang mit Aussagen zu Heilwirkungen – vor allem auch, wenn es um den psychischen Bereich geht.

Quelle:

http://de.nachrichten.yahoo.com/weihnachtsdüfte-können-gereizt-und-depressiv-machen-065234463.html

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
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www.phytotherapie-seminare.ch

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Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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