Aderlass & Hildegard-Medizin

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Der Aderlass ist ein seit der Antike bekanntes und bis ins 19. Jahrhundert verbreitet angewandtes Heilverfahren.

Dabei wird dem Patienten eine unterschiedlich grosse Menge Blut entnommen.

In Griechenland war er seit der Zeit des Hippokrates bekannt und bis ins 17. Jahrhundert galt er als eine der wichtigsten medizinischen Therapieformen in der galenischen Medizin.

Die Überzeugung vom Nutzen des Aderlasses beruhte auf zwei Vorstellungen:

– Es wurde angenommen, Blut könne sich in den Gliedern stauen und verderben. „Schlechtes Blut“ müsse entfernt werden.

– Krankheiten wurden auf ein Ungleichgewicht der vier Säfte Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim zurückgeführt (Viersäftelehre)

Im Mittelalter war der Aderlass durch Ärzte und Bader eine übliche und weit verbreitete Praxis. Eine grosse Palette von Krankheiten wurde durch den Aderlass behandelt, so dass er fast als universelle Methode eingesetzt wurde. Die passenden Zeiten für den Aderlass und die entsprechenden Stellen am Körper wurden nach astrologischen Kriterien bestimmt.

Entsprechend den Gebräuchen ihrer Zeit, hat auch die Äbtissin Hildegard von Bingen den Aderlass empfohlen.

Erstaunlich ist allerdings, dass der Aderlass nach Hildegard auch heute noch propagiert und durchgeführt wird.

Die Aargauer Zeitung berichtet:

„Aderlass wird in der Region praktiziert – Emmi Erni schwört darauf. Dabei spielt der Vollmond eine wichtige Rolle, er bestimmt, ob Schadstoffe im Blut sind oder nicht.“

Ein Aderlass könne nicht zu beliebiger Zeit durchgeführt werden, erklärt Emmi Erni, die Leiterin eines Hildegard-Kreises, in der Aargauer Zeitung, weil der Vollmond dabei eine ganz wichtige Rolle spiele: Werde in den ersten Tagen nach Vollmond eine Vene angestochen, flössen mit dem ersten Blut auch Schadstoffe aus, sagt Erni. Der Aderlass reinige den Körper.

Aderlass-Veranstaltung im Katholischen Kirchenzentrum

Ihren letzten Aderlass habe sie erst kürzlich im Zentrum Guthirt in Niederrohrdorf mit zehn anderen Frauen machen lassen, erklärt Erni. Der Anlass sei vom Hildegard-Kreis organisiert worden und unter Beobachtung des Allgemeinmediziners Fabian Müller Fuchs aus Niederrohrdorf gestanden, erklärt Erni. Für die Blutabnahme sei die Heilpraktikerin Verena Rehmann zuständig gewesen.

Rehmann erklärt im Artikel, dass sie durch das Buch von Gottfried Hertzka auf die Hildegard-Heilkunde gestossen sei.

Für den Aderlass, erklärt sie,  stehen die drei sichtbaren Adern in der Armbeuge – die Kopf-, Leber- oder Herzvene zur Auswahl. Welche Ader gestochen wird, richte sich nach den Beschwerden des Patienten. Wichtig sei, dass das Blut ohne Stauung aus der Vene tröpfelt. Beim Aderlass sei es wegen den ausfliessenden Schlackenstoffen anfangs auffallend dunkel. Werde das Blut heller, müsse der Aderlass gestoppt werden.

Nach einem Aderlass soll man für zwei Tage die Aderlassdiät einhalten, erklärt Rehmann,  und sich drei Tage vor der Sonne und grellem Licht schützen. Das bedeute auch, sagt die Heilpraktikerin,  keine elektronischen Geräte zu verwenden. Der Aderlass mache die Gefässe um die Augen sehr empfindlich. Die Heilpraktikerin erklärt, sie habe gute Erfahrungen mit dem Aderlass gemacht bei Kopfschmerzen, depressiven Verstimmungen, Blutdruckproblemen, hormonellen Störungen, Schlafstörungen.

Quelle:

http://www.aargauerzeitung.ch/aargau/baden/bei-einem-aderlass-muss-das-blut-nach-vollmond-tropfen-125247812

Kommentar & Ergänzung:

Hildegard von Bingen ist eine faszinierende Frauengestalt aus dem Mittelalter.

Erstaunlich ist für mich einfach, wie viele ausgesprochen fragwürdige Aussagen in der sogenannten Hildegard-Medizin fraglos als Wahrheit in den Raum gestellt werden.

Hier ein paar Bespiele für Fragen, die meines Erachtens dazu gestellt werden müssten:

– Der Aderlass reinigt den Körper wovon genau? Welche Art von Schadstoffen bzw. „Schlackenstoffen“ werden genau ausgeschieden?

– Angenommen, es hat solche Schadstoffe, die mit dem Aderlass ausgeleitet werden, im Blut, dann müssten diese im Blut gleichmässig verteilt sein. Da bringt es nicht viel, wenn – nach Angaben von Emmi Erni – beim Aderlass 15ml Blut entnommen wird. Oder ist die Vorstellung, dass die Schadstoffe ausgerechnet in diesen 15ml konzentriert sind? Das wäre ja ein komischer Zufall. Oder gibt es Kräfte, welche die Schadstoffe dort hinziehen, damit sie konzentriert auf den Aderlass an der richtigen Stelle warten? Was sind das für Kräfte?

– Weshalb werden beim Aderlass angeblich konzentriert die Schadstoffe ausgeleitet, nützliche oder lebensnotwendige Stoffe aber offenbar kaum? Wie kommt diese Unterscheidung zustande?

– Was tut der Mond genau, damit in den Tagen nach Vollmond Schadstoffe via Aderlass ausgeschieden werden können, an anderen Tages dies aber nicht geschieht? Mobilisiert er die Schadstoffe? Schickt er sie zur Aderlassstelle? Warum nur Schadstoffe und andere Stoffe nicht? Wie macht der Mond diese Unterscheidung?

– Mit welcher Kraft bewirkt der Mond die Ausleitung der Schadstoffe? Mit Gravitation? Die Gravitation des Mondes bewirkt zwar die Gezeiten in den Ozeanen. Schon im Bodensee ist sie aber kaum mehr relevant, im Schwimmbad gar nicht mehr….wie soll sie in unserem Körper Schadstoffe in Bewegung setzen? Und wie geht die Gravitation damit um, dass wir uns ziemlich unberechenbar auf der Erdoberfläche drehen und wenden? Das muss dann ja für den Mond ziemlich schwierig werden, die Schadstoffe an die richtige Stelle zu dirigieren.

– Oder ist es das Licht des Vollmondes, welches die Schadstoffausscheidung bewirken soll? Der Mond ist ja gravitationsmässig immer da. Beim Vollmond ist er einfach aus der Betrachterposition am stärksten von der Sonne beleuchtet. Wenn das Mondlicht entscheidend ist, muss ich mich dann nicht auch dem Mondlicht aussetzen, damit die Ausleitung funktioniert (zum Beispiel nachts auf dem Balkon schlafen bei Vollmond). Funktioniert der Aderlass auch, wenn man während dem Vollmond in der Wohnung bleibt?

Zur Wirkung des Mondes siehe auch hier:

Der Einfluss des Mondes auf den Menschen

– Es wird in der Hildegard-Medizin je nach Beschwerden unterschieden zwischen einer Kopf- Herz- und Lebervene in der Armbeuge. Hat es in diesen drei Venen unterschiedliche Schadstoffe und wenn ja, wie kommt es dazu?

– Dunkles Blut, das beim Aderlass zuerst ausfliesst, soll Schadstoffe enthalten, helleres Blut, das darauf folgt, nicht mehr. Darum stoppt man den Aderlass dann. Normalerweise geht man aber einfach davon aus, dass dunkles Blut sauerstoffärmer ist und helles sauerstoffreicher. Ist diese Erklärung nach Ansicht der Hildegar-Medizin falsch? Wenn ja, warum?

– Weshalb genau soll man nach dem Aderlass eine Aderlassdiät einhalten? Was wird damit bezweckt?

– Warum genau werden durch den Aderlass die Gefässe um die Augen herum empfindlich? Das Ausleiten von Schadstoffen kann den Gefässen doch nicht schaden?

– Weshalb genau soll man nach dem Aderlass elektronische Geräte meiden? Wie hat Hildegard sich dazu geäussert? Was geschieht genau, wenn man sich nicht an diese Regel hält? Welche elektronischen Geräte soll man meiden? Ich nehme an Handy, Computer, Fernseher, Radio. Auch Bus? Bahn? Uhr? Kochherd? Waschmaschine?

– Die Heilpraktikerin spricht von guten Erfahrungen mit dem Aderlass bei Kopfschmerzen, depressiven Verstimmungen, Blutdruckproblemen, hormonellen Störungen und Schlafstörungen. Sind das alles Beschwerden, die durch Schlackenstoffe oder Schadstoffe ausgelöst werden, die durch den Aderlass eliminiert werden? Oder gibt es noch andere Ursachen für diese Beschwerden und andere Wirkungsmechanismen des Aderlasses? Ist es nicht etwas gar einseitig, alle Beschwerden auf ominöse „Schadstoffe“ bzw. „Schlackenstoffe“ zurückzuführen, die niemand genau benennen kann?

Fragen stellen ist wichtig, wenn man sich eine eigene Meinung bilden will. Das fehlt mir in der Hildegard-Medizin.

Die fraglose Nachbeterei, die mir hier vor allem begegnet, halte ich für bedenklich – auch aus politischen Gründen.

Wer verlernt hat, kritische Fragen zu stellen, läuft auch jedem populistischen Rattenfänger hinterher.

Ich bezweifle übrigens nicht, dass Menschen sich nach einem Aderlass besser fühlen können. Ein solches Ritual kann eine intensive Placebo-Wirkung auslösen. Es ist zum Beispiel aus der Placebo-Forschung bekannt, dass eine Placebo-Injektion stärker wirkt als eine Placebo-Tablette. Ein Aderlass ist eine eindrückliche Erfahrung, ein eindrückliches Ritual.

Und wenn die Heilpraktikerin von guten Erfahrungen mit dem Aderlass bei Kopfschmerzen, depressiven Verstimmungen, Blutdruckproblemen, hormonellen Störungen und Schlafstörungen spricht, dann muss dazu auch gesagt werden, dass diese Art von Beschwerden oft von Natur aus stark schwanken. Darum ist es kaum je eindeutig festzustellen, ob eine Besserung nun durch den Aderlass verursacht wurde oder dem natürlichen Verlauf zugeschrieben werden muss.

Hier finden Sie weitere Informationen zur Hildegard-Medizin:

Papst erhebt Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin

Und zum Begriff „Schlackenstoffe“:

Schlackenstoffe – ein Phantom macht Karriere

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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