Taigabeeren gegen Arterienverkalkung?

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Sie sollen verkalkte Adern freiputzen und das Herz nachhaltig stärken. So oder ähnlich werden im Internet Nahrungsergänzungsmittel auf der Basis von „Taigabeeren“ propagiert. Taigabeeren – das tönt nach Wildnis mit einem Hauch von Exotik. Vor allem Esoterikerinnen und Esoteriker fliegen auf dieses Image und stellen sowieso kaum je kritische Fragen, wenn es um Naturheilmittel geht. Sie sind ja so froh um alles, was nicht „chemisch“ ist und aus dem uralten Wissen von Naturvölkern stammt. Damit hat man sie schon in der Tasche – eine einträglichere Kundschaft gibt es wahrlich nicht……

Verblüffend nur, dass die Taigabeeren (auch: Essigbeeren) von der Gemeinen Berberitze (Berberis vulgaris) stammen, dem Sauerdorn. Und dieser Strauch kommt ja bei uns häufig vor. Wie der Name schon sagt, sind die Berberitzenfrüchte sehr sauer. Konfitüre hat man aus den Berberitzenfrüchten schon seit langem hergestellt.

Berberitze enthält das giftige Alkaloid Berberin, die reifen Früchte sind aber fast alkaloidfrei.

Zur Verwendung schreibt Wikipedia:

„Die roten Früchte der Berberitze sind weitgehend frei von Berberin und Berbamin und daher essbar. Sie sind sehr vitaminreich und schmecken säuerlich. Traditionell werden sie in Europa zur Konfitürenbereitung genutzt. Getrocknet werden sie wie Rosinen z. B. in Müsli gegessen. Die Beeren der Berberitze werden in orientalischen Ländern, vor allem im Iran zum Kochen verwendet. Dort werden sie vor allem zum süß-sauren Würzen von Reis (z. B. Sereschk Polo „Berberitzenreis“), aber auch von Fisch und Braten verwendet. Allein in der Region Chorasan, dem Zentrum des Anbaugebietes im Nordosten des Iran, werden pro Jahr etwa 4.500 Tonnen Früchte geerntet.“

Das ist ja sehr verwirrend: Die Taigabeere ist sowohl exotisch (Taiga, Iran) als auch einheimisch (Riehen, Trin, Feldis….). Ein einheimischer Exot sozusagen.

Also: Die nächste Gelegenheit, um der wunderbaren Taigabeeren-Pflanze in der Natur in ihrem kraftvollen Lebensraum zu begegnen, ist meine Frühlingsexkursion in die Rheinschlucht. Dort wimmelt es nämlich von Taigabeeren-Pflanzen (äh: Berberitzen).

P.S.: Der leichte Hauch von Eso-Bissigkeit, der in diesem Beitrag aufschimmert, stammt daher, dass meiner Erfahrung nach sehr viele Esoterikerinnen und Esoteriker zwar kritiklos auf Heilmitteln oder Heilmethoden abfahren, die als natürlich propagiert werden, dass sie aber mit der konkreten, gewöhnlichen Natur, selbst wenn sie mitten in der Natur stehen, kaum Kontakt haben, weil sie nur mit ihren esoterisch aufgeladenen Vorstellungen von der Natur in Kontakt sind (sorry für diesen Bandwurmsatz…).

Und so kommt es eben, dass man auf die wundersame Taigabeere fliegt und sie teuer im Internetshop kauft, aber an der banalen Berberitzenbeere vielleicht täglich achtlos vorbei geht……

Teure Placebos waren übrigens schon immer wirksamer als billige Placebos.

Siehe:

Überraschender Placebo-Erfolg bei der Schmerztherapie

Und zum Schluss: Im Expertenrat der „Pharmazeutischen Zeitung“ hat vor kurzem Prof. Theo Dingermann Stellung genommen zur Frage, ob Taigabeeren wirksam seien zur Arteriosklerose-Prophylaxe:

„Ich würde dringend von dem Einsatz von Taigabeeren, in welcher Zubereitung auch immer, als Mittel gegen Arteriosklerose abraten. Für diesen Einsatz gibt es keinerlei Evidenz. Es handelt sich hier um eine Modeerscheinung, die durch alle möglichen Blogs und Medien geistert.

Taigabeeren sind die Früchte von Berberis vulgaris. Das ist, wie Sie wissen, eine Alkaloid-Pflanze mit einem beachtlichen Vergiftungspotenzial. Zwar sind die Früchte fast alkaloidfrei und können daher verzehrt werden (man soll eine sehr schmackhafte Marmelade daraus machen können), aber das bedeutet auch, dass ihnen das eigentliche pharmakodynamische Prinzip (das hier allerdings im Wesentlichen ein toxikologisches Prinzip ist) fehlt. Vielleicht ist es das, was «reizt»: ein akzeptabel ungiftiger Pflanzenteil einer Giftpflanze!“

Quelle: http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=40502

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

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Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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