Wasserdost-Präparat gegen Erkältungen getestet

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Gegen Erkältungen gebe es auch eine Pflanze aus dem Arzneischatz der nordamerikanischen Indianer: den Wasserdost (Eupatorium perfoliatum). Das schreibt die „Ärztezeitung“ online. Die Pflanze habe ihre entzündungshemmende Wirkung etwa in einer Anwendungsbeobachtung gezeigt: Je 100 Säuglinge, Kleinkinder und Kinder bis zwölf Jahre bekamen die Arznei durchschnittlich sieben Tage lang.

Fieber, Husten, Schnupfen, Halsschmerzen sowie Kopfschmerzen und Gliederschmerzen besserten sich in dieser Studie deutlich. Alle Besserungsraten lagen über 50 Prozent und beim Fieber waren es sogar über 90 Prozent.

Die Effekte von Eupatorium-Extrakten auf Effektorzellen des unspezifischen Immunsystems wurden zudem mit mehreren In-vitro-Untersuchungen belegt. Zum Beispiel bewirkte aufgereinigtes Xylan (1 mg/ml) aus einem alkalischen Krautextrakt im Carbon-Clearance-Test eine gesteigerte Phagozytoseaktivität von Makrophagen der Maus.

Und auch im Granulozytentest zeigten sich Phagozytosesteigerungen von 20 bis 30 Prozent. Zudem bewirkte eine Urtinktur aus Eupatorium perfoliatum einen entzündungswidrigen Effekt in einem In-vitro-Modell an primären humanen Monozyten: Die Synthese der entzündungsfördernden Mediatoren Interleukin-1 und Prostaglandin E2 wurde in den Tests vermindert. Auf die Freisetzung der Matrixmetalloproteinase 1 (MMP-1) gab es nur kleine Effekte.

Quelle:

http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/infektionskrankheiten/erkaeltungskrankheiten/default.aspx?sid=634489&sh=2&h=-631802463&ticket=ST-2275-hul0QpUWhEqUrKWeSL3j5cXAYApP6GT2xJ4-20

Kommentar & Ergänzung:

Ich bin ja offen für Wirkungen von Heilpflanzen und sehr interessiert an Forschungsresultaten im Bereich Phytotherapie / Pflanzenheilkunde.

Das heisst aber natürlich nicht, dass man ungeprüft alles blind glauben sollte, was da gerade herumgeistert. Schauen wir uns daher den Bericht aus der Ärztezeitung genauer an.

Eine Anwendungsbeobachtung hat also ergeben: Wenn Säuglinge, Kleinkinder und Kinder mit Erkältung ein Wasserdost-Präparat einnehmen, dann bessern die Beschwerden nach einer durchschnittlichen Anwendungszeit von 7 Tagen bei über 50% der Patientinnen und Patienten. Bei Fieber sogar bei über 90 %!

Was soll man zu solchen Resultaten sagen?

Das ist doch der normale Verlauf einer Erkältung. Vor allem bei Kleinkindern würde ich erwarten, dass nach 7 Tagen bei der grossen Mehrheit das Fieber wieder weg ist, und dass bei über 50% die Symptome bessern. Über die Wirksamkeit der Heilpflanze Wasserdost sagt diese Anwendungsbeobachtung rein gar nichts aus. Sie ist lediglich brauchbar zu Werbezwecken bei gutgläubigen Konsumentinnen und Konsumenten. Die Werbestrategie jedenfalls ist ziemlich clever. Der Artikel steht unter der Schlagzeile „Indianische Heilkunst gegen Erkältungen“. Wer sich davon noch nicht beeindrucken lässt, den überzeugt vielleicht eine wissenschaftliche Studie. Wissenschaft und Indianermedizin Hand in Hand – gemeinsam für Wasserdost. Eine wahrlich schöne Vorstellung. Dass die Anwendungsbeobachtung eine reine Farce ist, fällt ja den meisten Leuten nicht auf. Bemerkenswert ist zudem, dass das untersuchte Heilpflanzen-Präparat aus mehreren Bestandteilen besteht und 1000 mal mehr Echinacea angustifolium (Sonnenhut) enthält als Wasserdost. Weshalb wohl wird hier trotzdem der Wasserdost in den Vordergrund gerückt?

Vielleicht ist „Echinacea“ ganz einfach werbemässig schon von allzu vielen Konkurrenzprodukten besetzt – quasi ausgelutscht.? Zudem wurden zu Echinacea in letzter Zeit auch Forschungsresultate bekannt, welche die Wirksamkeit in Frage stellten.

Da scheint es doch nahe liegend, werbemässig eine andere Pflanze in den Vordergrund zu stellen, auch wenn diese im Produkt verglichen mit Echinacea nur in symbolischen Konzentrationen vorkommt.

Im Artikel wird noch über verschiedene In-vitro-Untersuchungen mit Wasserdost berichtet. In-vitro heisst im Reagenzglas. Das sind Laboruntersuchungen, bei denen völlig offen bleibt, ob die gefundenen Effekte sich auch positiv bei erkälteten Menschen auswirken.

Gerade bei immunstimulierenden Heilpflanzen lassen sich im Labor oft vielfältige Wirkungen auf Abwehrzellen feststellen. Ob solche Resultate zur Vorbeugung oder Heilung von Erkältungskrankheiten beitragen können, ist eine ganz andere Frage.

Weder eine „Anwendungsbeobachtung“ noch In-vitro-Studien sagen also etwas aus über die Wirksamkeit von Wasserdost gegen Erkältungen.

Dazu wäre eine Patientenstudie nötig, bei der eine „Wasserdost-Gruppe“ mit einer „Placebo-Gruppe“ verglichen wird. Nur so kann festgestellt werden, ob die Besserung mit Wasserdost schneller oder stärker einsetzt als die natürliche Besserungstendenz aufgrund der Selbstheilungskräfte. Solche qualitativ besseren Studien fehlen aber beim Wasserdost.

Damit behaupte ich nicht, dass Wasserdost unwirksam ist. Aber auf der Basis dieser In-vitro-Resultate und dieser Anwendungsbeobachtung lässt sich dazu einfach nichts aussagen.

An diesem Beispiel lässt sich auch einiges lernen für den Umgang mit dem Thema „Komplementärmedizin“:

Es kommt hauptsächlich auf die Qualität der Studien an, nicht auf die Quantität.

Wenn beispielsweise Hansueli Albonico in einer Pressemitteilung der Union komplementärmedizinischer Ärzteorganisationen schreibt, dass 2000 klinische Studien für die Komplementärmedizin eine mit der Schulmedizin vergleichbare Wirksamkeit belegen, so tönt diese Zahl erst einmal eindrücklich. Die Aussage ist aber sehr tendenziös, weil sie erstens die Studien mit negativem Ausgang offensichtlich ausklammert und zweitens die entscheidende Frage nach der Qualität der Studien nicht stellt, sondern rein quantitativ bleibt. Bezieht man auch die Studien mit negativem Resultat und die qualitativen Kriterien mit ein, ist die Frage nach der Wirksamkeit der Komplementärmedizin nicht mehr so simpel, eindeutig und pauschal mit ja zu beantworten. An diesem Punkt könnte dann Differenzierung anfangen….

Ein ähnliches Beispiel bot Donat Baur, Marketing-Leiter der Homöopathie-Firma Similasan, in der sfdrs-Sendung „Club“ vom 12. 10. 2010 mit der Aussage, dass 22 Studien die Wirksamkeit der Homöopathie belegen. Auch hier werden alle Studien mit negativem Ausgang einfach weggelassen. Genauso wie auf der Website der Firma Similasan zwar positive Studien auftauchen, die zahlreichen gewichtigen Studien mit negativem Ausgang aber fehlen. Und die Qualität der ins Feld geführten Studien ist auch hier kein Thema. Das ist meines Erachtens irreführend und tendenziös.

Ich bewege mich seit über dreissig Jahren als Kursleiter und Ausbildner in und zwischen den Bereichen Naturheilkunde, Medizin und Komplementärmedizin – und es sind solche immer wiederkehrende einseitige Darstellungen, die mich skeptischer machten und mich zum kritischeren Hinschauen bewogen.

Konsumentinnen und Konsumenten kann ich nur empfehlen, im Bereich der sogenannten „Komplementärmedizin“ genauso kritisch hinzuschauen wie im Bereich der Medizin.

Zur Problematik der Begriffs Komplementärmedizin:

Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff

Und wie das Beispiel der Anwendungsbeobachtung mit Wasserdost zeigt, gilt das auch für den Bereich der Pflanzenheilkunde.

Wer nicht weiss, wie man Heilungsversprechungen prüft und sich eine fundierte Meinung dazu bildet, wird von der Werbung nach Strich und Faden manipuliert und von missionarischen Propagandisten in die Irre geführt.

Genauer nachfragen und sich eine eigene, fundierte Meinung bilden können Sie lernen in meinem Heilpflanzen-Seminar oder in der Phytotherapie-Ausbildung.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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