Paläo-Diät / Steinzeiternährung – ein Fantasieprodukt?

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Unsere Vorfahren aus der Urzeit seien für uns heutige Menschen bezüglich Ernährung das grosse Vorbild. Diese Ansicht vertreten heute manche Ernährungsratgeber.

Unter Steinzeiternährung, Steinzeitdiät oder Paläo-Diät versteht man daher eine Ernährungsform des Menschen, die sich an der vermuteten Ernährung der Altsteinzeit orientiert. Gemeint ist die Zeit vor der neolithischen Revolution (beginnend vor ca. 20.000 bis 10.000 Jahren), also vor der Zeit, in der vermehrt Ackerbau und Viehzucht  betrieben wurden.

Darum beinhaltet die Steinzeit-Diät viel Fleisch, gesammelte Früchte und Nüsse, aber kein Getreide – nach dem Vorbild der Ernährungsweise von Jägern und Sammlern.

Anders als in der kohlenhydratreduzierten Ernährung sind in der Steinzeitdiät unbegrenzte Mengen hochglykämischer Anteile erlaubt, beispielsweise getrocknete Datteln oder Feigen. Falls natürlich gewachsene Früchte und Honig weniger Anteil haben, entspricht die Paläoernährung einer Diät nach dem Low-Carb-Prinzip.

Die Evolutionsbiologin Marlene Zuk hält diese Ideen allerdings für pseudowissenschaftliche Erfindungen – oder „Paläo-Phantasie“, wie sie in einem Interview sagt. Sie hält es zwar für keine schlechte Idee, auf die Frühmenschen zu schauen, um Tipps für ein gesünderes Leben zu finden. Es sei jedoch sehr schwierig herauszufinden, was unsere Vorfahren in der Steinzeit wirklich aßen. Und seitdem hätten sich unsere Gene zudem verändert. Wenn schon heute mehr Menschen als in der Urzeit Milchzucker vertragen, könnte das bei Getreide genauso sein, erklärt die Wissenschaftlerin.

Quelle:

http://wissen.dradio.de/nachrichten.59.de.html?drn:news_id=209200

http://www.slate.com/articles/health_and_science/new_scientist/2013/04/marlene_zuk_s_paleofantasy_book_diets_and_exercise_based_on_ancient_humans.html

Kommentar & Ergänzung:

Die Steinzeitdiät ist nur schon dadurch fragwürdig, dass die Ernährung in der Steinzeit wohl nicht zu allen Zeiten und in allen Regionen identisch gewesen sein dürfte. Wir sind zudem über die tatsächliche Ernährung der Menschen in der Steinzeit nur unzureichend im Bilde, so dass die Vorstellungen einer Steinzeiternährung ziemlich viel Spekulation enthält.

Aber selbst wenn wir genau wüssten, wie die Steinzeitmenschen sich ernährt haben. Es ist einfach nicht sinnvoll, eine Ernährungweise aus der Vergangenheit einfach quasi mit „Copy & Paste“ aus der Urzeit unverändert in die Gegenwart zu holen. Das gilt im übrigen auch für traditionelle Konzepte der Heilkunde. Alte Konzepte soll man interessiert unter die Lupe nehmen und sich damit auseinandersetzen. So kann sich herausstellen, was wir von ihren lernen können. Sie einfach 1: 1 zu kopieren, ist ganz bestimmt nicht der Weisheit letzter Schluss.

Nachfolgend eine detaillierte Kritik der Steinzeiternährung, basierend auf Wikipedia:

„Die Vertreter der Steinzeitdiät geben an, dass der Mensch genetisch nicht an die moderne ‚Zivilisationskost‘ angepasst sei, sondern nur an Lebensmittel, die bereits in der Steinzeit gegessen worden seien. Deshalb führe die heute in westlichen Industriestaaten übliche Kost zu verschiedenen Erkrankungen, die als Zivilisationskrankheiten bekannt sind. Ein wesentlicher Kritikpunkt ist, dass es sich bei den Aussagen zur Ernährung in der Steinzeit und ihren Nutzen für die Gesundheit um reine Hypothesen ohne jeden wissenschaftlichen Beleg handelt.“

Unterschiedliche Menschengattungen – unterschiedliche Ernährung:

„Die Steinzeit umfasst einen Zeitraum von rund zwei Millionen Jahren; in diesem Zeitraum lebten verschiedene Spezies der Gattung Homo in unterschiedlichen Lebensräumen. Es gab daher keine einheitliche ‚Steinzeiternährung’, der Fleischanteil war sehr unterschiedlich. Für Evolutionsbiologen und Paläoanthropologen beginnt die Entwicklung des modernen Menschen (Homo sapiens), die so genannte Hominisation, auch nicht erst in der Steinzeit, sondern deutlich früher. Übliche Kriterien sind der aufrechte Gang, der bereits beim Australopithecus vorhanden war (biologische Evolution) oder die Nutzung von Kulturtechniken (kulturelle Evolution) beim Homo erectus. Der Australopithecus ernährte sich von Früchten, Samen, Pilzen, Wurzeln, Blättern, Eiern und kleinen Tieren, aber überwiegend vegetarisch. Die Kost des folgenden Homo habilis war ähnlich, ebenfalls mit geringem Fleischanteil. Homo erectus war dann in der Lage, die Pflanzennahrung durch Jagdbeute zu ergänzen.“

Unterschiedliche Lebensräume – unterschiedliche Ernährung:

„Die Vertreter der Steinzeiternährung geben an, dass diese auch der Ernährungsweise der als Jäger und Sammler lebenden Völker entspricht. Tatsächlich differiert die Ernährung dieser Populationen erheblich, je nach Lebensraum, und reicht von überwiegend vegetarischer Kost bei den afrikanischen Gwi und ǃKung bis zur fast ausschließlichen Ernährung von Fleisch und Fisch bei den Inuit in Grönland. Bei den Massai und den Turkana – beides Nomadenvölker – ist Milch das Hauptnahrungsmittel.“

Das menschliche Erbgut hat sich seit der Steinzeit verändert:

„Die Aussage, dass sich das menschliche Erbgut seit der Steinzeit nicht verändert hat, ist nicht haltbar. Wissenschaftler haben rund 700 genetische Veränderungen gefunden, die in den letzten 10.000 Jahren aufgetreten sind. Zu diesen genetischen Veränderungen gehört die Entwicklung der Lactosetoleranz bei Erwachsenen, und zwar vor allem bei den Nachkommen der Stämme, die vor rund 10.000 Jahren die Viehzucht einführten und die heute in Europa, den USA und Australien leben. Hier verfügen 80 bis 90 Prozent der adulten Bevölkerung über das für die Verarbeitung des Milchzuckers nötige Enzym Lactase. Entgegen der These der Steinzeitdiät-Vertreter habe diese Anpassung an ein neues Nahrungsmittel in einem relativ kurzen Zeitraum längst stattgefunden.“

Quelle: Wikipedia

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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