Breusskur gegen Krebs?

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Kürzlich sprach mich an einem Vortrag jemand auf die Breusskur an.

Die Breusskur (Breuss-Diät) geht zurück auf den österreichischen Elektromonteur und Heilpraktiker Rudolf Breuß (1899 – 1990) aus Bludenz. Es versprach Krebsheilung durch seine Säftekur:

„Der Krebs lebt nur von festen Speisen, die der Mensch zu sich nimmt. Wenn man also 42 Tage nur Gemüsesaft + Tee trinkt, so stirbt die Krebsgeschwulst ab, der Mensch hingegen kann dabei noch gut leben.“

Und wie soll das gehen?

„Durch die Säftekur wird die Eiweißzufuhr von außen abgestoppt, das heißt, das Eiweiß wird in der täglichen Nahrung ausgeschaltet. Da aber der Organismus ohne diesen Stoff nicht leben kann, nagt nun das eiweißhungrige Blut im Körper an allem Überflüssigen, Wucherungen, Schlackenansammlungen und Geschwülsten. Es ist dies eine Operation ohne Messer,…“

Quelle: Wikipedia

Kommentar & Ergänzung:

Das Tumorzentrum Freiburg am Universitätsklinikum hat einen Patientenratgeber „Komplementäre Verfahren“ veröffentlicht.

Zur Breuss-Kur steht dort:

“Rudolf Breuss, Heilpraktiker aus Österreich, ist der Meinung „dass Krebs nur von festen Speisen lebt“, während dem Menschen selbst flüssige Nahrung ausreicht. Wenn man 42 Tage nur einen halben bis einen Liter Gemüsesaft und Tee trinkt, stirbt die Krebsgeschwulst ab, während man dabei noch gut leben kann. Die Ernährung umfasst nur Saftmischungen aus roten Rüben und Karotten, Sellerie, Rettich und eventuell einer kleinen Kartoffel, immer in Kombination mit besonderen Teesorten. Die ‚Krebskur- total‘  n. Breuss kann gefährlich sein, da diese Fastenkur zu erheblicher Mangelernährung und damit einer zusätzlichen Schwächung der körpereigenen Abwehr führt. Es kann zwar unter dem Fasten zu einer Verringerung oder einem  Stillstand des Tumorwachstums kommen, nach Wiederaufnahme einer normalen Ernährung kann sich das Krebswachstum jedoch sogar beschleunigen!“

Quelle: http://www.uniklinik-freiburg.de/tumorzentrum/live/Patienten-Info/Broschueren/komplementaere_verfahren_pat2006.pdf

Für die Ansicht von Breuss, dass Krebserkrankungen durch ein Aushungern und durch Verzicht auf feste Speisen geheilt werden könnten, gibt es keine unabhängige Belege.

Recherchiert man allerdings im Internet, taucht da eine ganze Reihe von Heilungsgeschichten mit der Breuss-Kur auf.

Leider fehlen bei solchen Schilderungen in aller Regel viele Informationen, die zur Beurteilung der Glaubwürdigkeit der Krebsheilung unverzichtbar sind. Beispielsweise: Wer hat wann mit welchen Methoden die Krebsdiagnose gestellt? Wer hat wann mit welcher Methode die Heilung festgestellt? Was wurde neben der Breuss-Kur sonst noch alles unternommen?

In Krebsforen finden sich zudem immer wieder Beiträge folgender Art:

Eintrag 1: Madeleine, 52, Brustkrebs, lehnt medizinische Behandlung ab, will Breuss-Kur durchführen und im Forum über den Verlauf ihrer Krankheit berichten.

Eintrag 2: Sechs Monate später berichtet Madeleine, dass sie die Breuss-Kur gemacht hat und dass es ihr super gehe.

Weitere Berichte von Madeleine gibt es keine. Zwei Jahre später erkundigt sich ein Teilnehmer im Forum nach Madeleine und fragt, wie es ihr gehe und ob sie über den weiteren Verlauf berichten könne. Eine Antwort von Madeleine kommt nicht. Die Website, welche Madeleine in ihrem Profil angab, ist ausser Betrieb.

Das spricht nicht für einen positiven Verlauf. Madeleine hätte allergrösster Wahrscheinlichkeit berichtet, wenn es ihr weiterhin gut gegangen wäre. Solche Erfolge teilt man gerne mit anderen.

Den Krebs mit einer Breuss-Kur weghungern wollte auch Carola Zimmermann Frey. Die Mutter von vier Kindern, darunter einem mit Down-Syndrom, entschied sich bei der Diagnose Brustkrebs gegen eine medizinische Behandlung und setzte auf die Breuss-Kur und auf eine Kinesiologie-Behandlung. Das Schweizer Fernsehen sendete darüber einen Film der Reporterin Nathalie Rufer, die Carola Zimmermann Frey begleitet hat, auch zum alternativen Zahnarzt Peter Schmid, der bei der Krebspatientin eine Amalgamvergiftung diagnostiziert und bei ihre angeblich Quecksilber ausleitet……

Den Film sehen Sie hier:

http://www.youtube.com/watch?v=ptO2GBhoSuQ

Hier die Beschreibung des Films auf SF:

„Carola Zimmermann Frey, Mutter von vier Kindern, ist mit einer niederschmetternden Diagnose konfrontiert. Der Knoten in ihrer Brust erwies sich als bösartig, die Ärzte raten zu Amputation der rechten Brust. Carola Zimmermann entscheidet sich gegen eine Operation und damit gegen die dringenden Empfehlungen der Schulmedizin. Sie wählt einen alternativen Weg und entschliesst sich, das Krebsgeschwür mit einer rigorosen Fastenkur zu bekämpfen.

Hält die gelernte Psychiatrieschwester die sechswöchige Null-Diät durch? Bleibt sie auf dem eingeschlagenen Weg? Nathalie Rufer begleitet die 47jährige während ihres schwierigen und riskanten Kampfes gegen den Krebs.“

Am 11. Mai 2012 folgt ein Film von Röbi Koller mit Carola Zimmermann Frey.

Hier die Beschreibung auf SF:

„Zwei Jahre später meldet sich der Knoten in Carola Zimmermanns Brust zurück. Trotzdem will die 49jährige ihrer Überzeugung treu bleiben und sich weiterhin allein auf die Alternativmedizin abstützen. Auch Lydia, eine Leidensgenossin aus Genf, traut den herkömmlichen Methoden der Mediziner nicht. Zusammen mit Carola macht sie sich Mut und sucht die Heilung bei Kinesiologen und Heilpraktikern.

Weitere zwei Jahre später ist alles anders: Lydia aus Genf ist gestorben und bei Carola hat sich der Krebs im ganzen Körper ausgebreitet. Das hat Carola bewogen, sich nun doch schulmedizinisch behandeln zu lassen.

Würde Carola Zimmermann wieder gleich entscheiden? Hadert sie manchmal? Carola Zimmermann ist zusammen mit ihrem Partner Ralf Kohlmann im Gespräch bei Röbi Koller.“

Den Film von 2012 sehen Sie hier:

http://www.videoportal.sf.tv/video?id=a6733b26-2aae-47c9-a2f0-7e6a09ded280

Eine weitere Sendung mit Carola Zimmermann Frey brachte das Nachtcafé der ARD am 28. 9. 2012: „Diagnose Krebs – wie damit umgehen.“

Diesen Film sehen Sie hier:

http://www.ardmediathek.de/swr-fernsehen/nachtcaf/nachtcaf-diagnose-krebs-wie-damit-umgehen?documentId=11912278

Die Geschichte von Carola Zimmermann Frey zeigt eindrücklich das Risiko, wenn man bei einer Krebserkrankung einseitig auf Breusskuren, Kinesiologie & Co. setzt.

Mir ist vor allem aufgefallen, wie stark Carola Zimmermann Frey betont hat, dass es ihr wichtig sei, die Ursache für den Brustkrebs zu finden. Bei dieser Ursachensuche vertraute sie offenbar der Alternativmedizin, während die „Schulmedizin“ sich nicht um Ursachen kümmert und nur Symptome behandelt. So lautet jedenfalls eine verbreitete Überzeugung in Alternativmedizin und Komplementärmedizin: „Wir behandeln die Ursachen der Krankheiten – die Schulmedizin nur die Symptome.“

Das halte ich für sehr einseitig und auch anmassend.

Erstens gibt es durchaus Situationen, in denen man die medizinische Behandlung als ursächlich bezeichnen könnte. Allerdings muss dazu gesagt werden, dass die Ursachenlage einer Krankheit oft sehr vielschichtig ist. An der Entstehung einer Grippe beispielsweise dürfte wohl nicht nur das Influenzavirus beteiligt sein, sondern auch die aktuelle Abwehrlage. Und da jede Ursache wieder eine oder mehrere Ursachen hat, kommt man mit dem ursächlichen Ansatz gar nicht so einfach an einen Schlusspunkt und landet nicht selten in sehr nebulösen und spekulativen Gefilden.

Das gilt aber natürlich auch für Komplementärmedizin und Alternativmedizin. Wenn also jemand behauptet, er oder sie behandle die Ursache(n), dann steht damit nicht schon einfach fest, dass es sich tatsächlich um reale Ursachen handelt. In Komplementärmedizin und Alternativmedizin werden in dieser Hinsicht oft Ursachen dogmatisch gesetzt, die nachher angeblich behandelt werden: Übersäuerung, Candida-Pilz im Darm,  Amalgamvergiftung, Leberschwäche,….

Häufig wird eine Ursache angenommen und fraglos als entscheidend gesetzt. Wenn man die „Ursache“ selbst festlegt, kann man leicht „ursächlich“ behandeln. Bei Carola Zimmermann Frey hat die Suche nach den Ursachen aber offenbar in eine Sackgasse geführt, wodurch wertvolle Zeit für die Behandlung verloren ging.

Es ist in den Filmen aber auch eindrücklich zu sehen, mit welcher Selbstüberschätzung ein „ganzheitlicher“ Zahnarzt, eine Kinesiologin und ein Heilpraktiker die Patientin in ihrer Suche nach den angeblichen Ursachen unterstützten und damit in diesem Irrweg  bestärkten.

Im übrigen ist diese Krankheitsgeschichte kein Einzelfall. Es ist ein Tabu im Bereich Komplementärmedizin / Alternativmedizin, dass eine nicht geringe Zahl von Therapeutinnen und Therapeuten Hoffnung auf Heilung suggerieren, die sie nicht einlösen können. Bei Misserfolgen wird dann in der Regel der Patient oder die Patientin verantwortlich geamcht, die „noch nicht so weit sind“, „noch nicht gesund werden wollen“ oder die Anweisungen für die Therapie nicht eingehalten haben.

Diese unkritische Selbstüberschätzung von Behandlerinnen und Behandlern kostet einer nicht genauer erfassten, aber nicht unbedeutenden Zahl von Kranken das Leben.

Aus diesem Grund kann nicht genug betont werden wie wichtig es ist, Heilungsversprechungen kritisch zu prüfen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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