Forschungsberichte oft übertrieben optimistisch formuliert

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Dass Medienberichte über medizinische Studien oft allzu reisserisch formuliert sind, ist ein bekanntes Phänomen.

Ein Team um die Epidemiologin Isabelle Boutron von der Universität Paris Descartes hat nun in einer Studie gezeigt, dass auch die Berichte der Forscher selber oft mit einer allzu rosaroten Brille verfasst sind: Die Zusammenfassung ihrer Resultate ist oft spektakulärer als die zugrunde liegenden Daten.

Wie Boutron im Fachblatt „PLoS Medicine“ berichtet, ist die angebotene Interpretation oft zu optimistisch, und zwar sowohl bei den Forschern selbst, als auch bei den PR-Abteilungen der Universitäten und nicht zuletzt auch bei den Medien.

„Unsere Ergebnisse könnten zur Entwicklung von neuen Therapiemöglichkeiten bei Alzheimer führen“, heisst es dann beispielsweise.

Forschung muss mögliche Folgen und Anwendungen ihrer Ergebnisse kommunizieren, doch wecken solche Einschätzungen nicht selten übertriebene Erwartungen.

 

Boutron und ihr Team nahmen 70 medizinische Pressemeldungen von der Wissenschaftswebsite „Eurekalert!“ mit den dazugehörigen Studien und Medienberichten unter die Lupe. Das Schwergewicht der Untersuchungen legten sie auf so genannte randomisierte kontrollierte Studien – also solche mit einem hochwertigen Studiendesign.

Schon der „Abstract“, die Kurzzusammenfassung des wissenschaftlichen Berichts, ist Boutron zufolge verzerrt.

In 40 Prozent der Fälle sei diese kondensierte Darstellung der Resultate etwas freundlicher geraten, als es die Rohdaten belegen.

Die zu den Studien verfassten Pressemeldungen sind ebenfalls optimistisch geneigt (in 47 Prozent der Fälle). Und bei den Medienberichten übertreiben gar 51 Prozent der Artikel bei ihrer Darstellung. Boutron kommt zum Schluss, dass die überrissene Darstellung in den Medienberichten nicht nur an einer Missinterpretation der Originalarbeiten liegt. Der Impuls gehe meist schon von den Wissenschaftler aus – und werde danach von Journalisten noch verstärkt.

 

Diese Resultate der Studie zeigen eine symbiotische Beziehung zwischen Forschung und Medien.

Untersuchungen belegen nämlich, dass Presseberichte über wissenschaftliche Studien dazu führen, dass die beschriebenen Studien häufiger zitiert werden.

Die Zahl der Zitate gilt in der Wissenschaft häufig als Maßstab für Relevanz und Qualität. Mediale Aufmerksamkeit kommt so auch den Wissenschaftlern entgegen.

Die Medien wiederum mögen möglichst spektakuläre Forschung, weil Klickraten und Auflage davon profitieren.

So wird halt nicht allzu Spektakulären von Forscher, PR-Leuten und Journalisten gerne etwas aufgepeppt.

Ähnliche Resultate wie Boutron hat auch die deutsche Wissenschaftsforscherin Michaela Franzen vorgelegt.

Sie sieht einen „Kampf um Aufmerksamkeit zwischen Fachjournalen“, in dem durchaus ähnliche Tendenzen zu beobachten seien, wie man sie aus den Massenmedien bereits länger kennt.

In einem ORF-Interview erklärte sie kürzlich: „Forscher neigen dazu, ihre Ergebnisse zu überzeichnen, um überhaupt auf Interesse zu stoßen. Manchmal wird mehr versprochen, als die Daten hergeben.“

Quelle:

http://science.orf.at/stories/1704695/

 

Die Studie:

„Misrepresentation of Randomized Controlled Trials in Press Releases and News Coverage: A Cohort Study“ PLoS Medicine (9(9): e1001308, doi: 10.1371/journal.pmed.1001308).

http://www.plosmedicine.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pmed.1001308

 

Kommentar & Ergänzung:

Forschung braucht Geld. Und wer Lösungen in Aussicht stellt für Gesundheitsprobleme wie Demenz, Krebs etc. findet einfacher neue Finanzierungsquellen. Der Trend zur überoptimistischen Darstellung hat auf Seiten der Forschung verschiedene Quellen.

Positiv erwähnt werden muss allerdings, dass es in der Wissenschaft auch eine Kultur der Kritik und Relativierung gibt. Forschungsergebnisse, ihre Interpretation und Darstellung werden von anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Frage gestellt und auf ihre Solidität geprüft. Das geht manchmal zu langsam und dann dauert es zu lange, bis Irrtümer und Fehler entdeckt werden. Aber grundsätzlich finden ein solcher Vorgang statt.

Leider sind bei diesem Diskussionsprozess die PR-Abteilungen und die Medien meist nicht mehr dabei. Sie vermelden gerne die ersten, neusten, spektakulärsten Ergebnisse. Die darauf folgenden, oft ernüchternden Auseinandersetzungen und Relativierungen sind für die Medien eher selten interessant.

Eine solche Kultur der internen, kritischen Auseinandersetzung fehlt meinem Eindruck nach über weite Strecken bei vielen Methoden aus dem Bereich Komplementärmedizin / Alternativmedizin, die sich eher wie Sekten gebärden. Mit grosser Inbrunst und grossem Engagement wird hier alles zusammengetragen und verkündet, was die eigene Lehre zu bestätigen scheint, während kritische Fragen und Einwände sofort einem eingebildeten feindlichen Lager zugeordnet werden, zum Beispiel der „Pharmaindustrie“, die alle Kritiker gekauft haben soll….

Solche pauschalen Verschwörungstheorien sind bequem. Man muss sich mit kritischen Fragen im eigenen Terrain dann gar nicht befassen. Damit wird aber auch eine echte Auseinandersetzung mit Missständen in der Pharmaindustrie vermieden, bei der immer konkrete Missstände mit Fakten und Argumenten in Frage zu stellen wären.

 

Siehe auch:

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Komplementärmedizin: Genauer nachdenken, differenzierter argumentieren

Komplementärmedizin – mehr Argumente, weniger fraglose Gläubigkeit

Komplementärmedizin – Naturheilkunde – Pflanzenheilkunde: Nachfragen statt blind glauben

Pflanzenheilkunde – Komplementärmedizin: Vom Wert des Zweifels

Komplementärmedizin – alles nur Ansichtssache? 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Heilpflanzenexkursionen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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