Gegenwärtig wird meine Mailbox wieder überschwemmt von alarmistischen Rundmails mit dramatischen Warnungen vor einem angeblich drohenden Heilpflanzenverbot in der EU und der dringlichen Aufforderung, eine Petition gegen dieses unerhörte Vorhaben zu unterschreiben. Ich kann dazu nur erneut festhalten:
Es gibt kein geplantes Verbot von Heilpflanzen in der EU. Die Geschichte basiert auf einer simplen Verschwörungstheorie, wonach „Big Pharma“ die Heilpflanzen eliminieren will.
Solche Verschwörungstheorien bewirtschaften Feindbilder und dienen nur der Festigung des eigenen Lagers.
Lagerdenken aber vernebelt die differenzierte Wahrnehmung von Situationen und Problemlagen. Mit einer an manchen Punkten durchaus berechtigten Kritik an der Pharmaindustrie hat das nichts zu tun. Sinnvolle Kritik stützt sich nämlich auf präzise Argumente und nicht auf manipulative Schlagworte.
Solche Verschwörungstheorien und Feindbild-Bewirtschaftungen sind schädlich, weil sie den Blick auf reale Probleme verdecken.
Wenn ich mir anschaue, wie leichtgläubig viele Leute auf solche Verschwörungstheorien hereinfallen, dann kann ich nur den Schluss ziehen: Bedroht sind nicht die Heilpflanzen, sondern ganz offensichtlich das kritische Denken im Bereich Komplementärmedizin / Naturheilkunde. Eine Petition für mehr kritisches Denken auf der Basis von Argumenten und weniger Leichtgläubigkeit würde also mehr Sinn machen, doch müssten dann die Unterzeichner des Anliegens gleichzeitig als Adressaten fungieren….
Hier die EU-Richtlinie aus dem Jahr 2004 (!), um die sich die ganze gegenwärtige (2011!) Aufregung dreht, die aber wohl von den so besorgten Verteidigern der Heilpflanzen kaum gelesen wurde:
http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2004:136:0085:0090:de:PDF
Eine Argumentation auf der Basis von Argumenten müsste nun darlegen, was genau in welcher Passage dieses Dokuments verboten werden soll. Dazu haben die Propagandisten dieser Petition allerdings bisher kaum etwas verlauten lassen. Sie warnen pauschal vor dem Verbot der Heilpflanzen – was komplett unsinnig ist.
Weitere Infos hier:
Eigene Beiträge:
- Naturheilkunde: Irreführende Petition gegen angebliches Heilpflanzenverbot.
- Zur Petition gegen ein angebliches Heilpflanzenverbot in der EU 2011
- Weitere Fakten zum angeblichen Heilpflanzenverbot in der EU
- Angebliches Heilpflanzenverbot in der EU: Immer noch viel Aufregung ohne konkreten Anlass
http://hoax-info.tubit.tu-berlin.de/hoax/thmpd.shtml
Stellungnahme des Fachverbandes Deutscher Heilpraktiker e. V.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen / Weiterbildung Pflanzenheilkunde / Kräuterwanderungen:
Infos auf www.phytotherapie-seminare.ch
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Phytotherapie / Pflanzenheilkunde / Naturheilkunde:




lesen und verstehen ist wohl was anderes…wenn sie die feinheiten lesen und verstehen würden dann würden sie auch nicht so unsachlich herumbloggen:Die vereinfachte Registrierung sollte nur dann zulässig
sein, wenn das pflanzliche Arzneimittel in der Gemeinschaft
ausreichend lange medizinisch verwendet wurde.
Die medizinische Verwendung außerhalb der Gemeinschaft
sollte nur dann berücksichtigt werden, wenn das
Arzneimittel eine Zeit lang in der Gemeinschaft verwendet
worden ist.
Außerhalb der Gemeinschaft bedeutet im Klartext dass viele natürliche Medikamente die gestern jeder überall beziehen konnte, morgen garnicht mehr erlaubt sind (insbesondere asiatischen Pflanzen) na denkens mal, wer profitiert? Wen kommt es zu gute und wen schadet es?
@ wasfürein
“Unsachlich herumbloggen” werfen Sie mir vor. Na. Unsachlich finde ich, wenn eine Zulassungsregelung für traditionelle Naturheilmittel (welche notabene diese Fertigpräparate durch Befreiung vom Wirksamkeitsnachweis privilegiert) als Heilpflanzenverbot dargestellt wird. Welche Aussage von mir empfinden Sie denn als unsachlich? – Ich habe im übrigen keinen Anspruch auf reine Sachlichkeit. Argumente sind mir zwar wichtig und ich führe ja auch einige davon auf. Ich ärgere mich jedoch auch über diese unsägliche Petition, die der Sache der Heilpflanzen einen Bärendienst erweist.
Sie schreiben “dass viele natürliche Medikamente die gestern jeder überall beziehen konnte, morgen gar nicht mehr erlaubt sind”.
Das scheint mir erstens übertrieben. Zweitens scheinen Sie zu übersehen, dass eine Firma, welche dieses Zulassungsverfahren für Medikamente nicht durchlaufen will, ihre Produkte auch als Nahrungsergänzungsmittel vermarkten kann, dann einfach ohne Health claim.
Finden Sie denn, es braucht gar kein Zulassungsverfahren?
Meiner Ansicht nach braucht es ein Zulassungsverfahren. Gerade asiatische Heilmittel aus China oder Indien sind oft massiv mit Schwermetallen, Pestiziden und Herbiziden belastet.
Oder falls Sie auch der Meinung sein sollten, dass es ein Zulassungsverfahren braucht: Welche Regeln würden Sie aufstellen? Über diesen Punkt könnte eine kontroverse Diskussion stattfinden und sie wäre möglicherweise sogar sinnvoll. Über ein pauschales, allumfassendes “Heilpflanzenverbot” – so stellt die Petition das Zulassungsverfahren dar – lässt sich aber mangels Realitätsgehalt nicht einmal diskutieren.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Sehr geehrter Herr Martin Koradi!
Sie stehen der “Petition gegen Heilpflanzenverbot” ablehnend gegenüber, obwohl Sie selbst mit Heilpflanzen zu tun haben. Dieses Thema kennen Sie daher besser als ich – aber erwarten Sie, dass jeder Bürger das gleiche Wissen haben muss?
Geben Sie nicht auch hin und wieder “ihre Stimme” anderen Themen oder Menschen weil Sie diese WICHTIG finden – obwohl Sie nicht jedes Detail kennen? Diese Petition sendet doch ein deutliches Signal aus: “Wir sind gegen ein Verbot von Heilpflanzen!” Wo liegt also Ihrer Meinung nach der Schaden, der durch das Eintreten FÜR Heilpflanzen durch diese Petition erfolgte?
@ Johannes
Ich kann das gerne zusammenfassen:
1. Eine Zulassungsregelung für traditionelle pflanzliche Arzneimittel, welche diese Fertigpräparate notabene gegenüber synthetischen Arzneimitteln privilegiert (!), indem sie sie vom Nachweis einer Wirksamkeit befreit, als Heilpflanzenverbot darzustellen, ist meines Erachtens Desinformation und ich betrachte das schlicht als Lüge. Und Lügen sind im Bereich der Politik generell schädlich. Sie vergiften unter anderem das Klima.
2. Die Kampagne rund um diese Petition strotzt vor Verschwörungselementen und bewirtschaftet damit Feindbilder. Das halte ich nicht für unterstützenswert.
3. Die Kampagne um diese Petition ist demagogisch hoch aufgeladen.
Wikipedia definiert Demagogie folgendermassen:
“‘Demagogie betreibt, wer bei günstiger Gelegenheit öffentlich für ein politisches Ziel wirbt, indem er der Masse schmeichelt, an ihre Gefühle, Instinkte und Vorurteile appelliert, ferner sich der Hetze und Lüge schuldig macht, Wahres übertrieben oder grob vereinfacht darstellt, die Sache, die er durchsetzen will, für die Sache aller Gutgesinnten ausgibt, und die Art und Weise, wie er sie durchsetzt oder durchzusetzen vorschlägt, als die einzig mögliche hinstellt.’
Martin Morlock 1977″
Ich bekomme Mails von Leuten, die absolut entsetzt schreiben: “Helft mit und unterschreibt, damit wir auch in Zukunft noch Heilkräuter im Garten anpflanzen dürfen! Rettet die Heilpflanzen!!!” – Die Propagandisten dieser Petition schüren und bewirtschaften solche unsinnigen Ängste und spielen mit den Gefühlen von “Heilpflanzenfreunden”. Das ist Manipulation und Demagogie. Beides ist Gift für eine demokratische Gesellschaft und solche Vorgehensweisen sollten meines Erachtens nicht unterstützt, sondern geächtet werden.
4. Diese Petition und die damit verbundene Kampagne schaden meines Erachtens eher der “Sache” der Heilpflanzen, als dass sie nützen, weil die Glaubwürdigkeit durch solche Irrläuffer demoliert wird.
Sie schreiben:
“Geben Sie nicht auch hin und wieder ‘ihre Stimme’ anderen Themen oder Menschen weil Sie diese WICHTIG finden – obwohl Sie nicht jedes Detail kennen?”
Ich kenne auch nicht jedes Detail dieser neuen Regelung. Wenn aber derart viele Hinweise auf Demogagie, Panikmache und Verschwörungstheorien auftauchen, dann leuchtet bei mir mehr als eine Warnlampe auf. Zudem fehlt mir jede automatische, reflexartige Lagersolidarität. Nur weil das Anliegen irgendwie sympatisch ist und das Thema mir nahesteht, muss ich nicht in eine “Heilpflanzenfront” eintreten und in den (Internet)-Kampf ziehen.
Im Gegenteil: Meiner Ansicht nach sollte man bei Anliegen aus dem eigenen “Lager” besonders gut und kritisch hinschauen oder besser noch – das versuche ich jedenfalls – sich gar nicht in einem “Lager” einrichten. Lagerdenken schränkt die Sicht zu stark ein.
Freundliche Grüsse
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Sehr geehrter Herr Koradi,
ich bin froh, das ich nicht die einzige bloggerin (vom Fach) bin, der die Warnlampen angehen. In meinem Artikel argumentiere ich ähnlich wie Sie (http://gesundheitzweinull.wordpress.com/2011/04/25/heilpflanzen-in-europa-verboten/) .
Herzlichen Dank und kollegiale Grüße aus Berlin.
Anja Hinrichs
Herr Koradi!
Sie haben sicherlich in vielen Dingen recht – doch verstehe ich trotz Ihrer Antworten nicht Ihre stikte Ablehnung. Lassen wir doch mal die Demagogie und Lüge außen vor und reduzieren die Petition auf den Titel. Und damit Sie vielleicht noch besser nachvollziehen können was ich meine, nehme ich ein ganz anderes, wohlgemerkt, fiktives Beispiel: Angenommen, es läuft eine Petition mit dem Titel “Wider der Gewalt gegen Kinder” (Titel von mir spontan erfunden – bitte daher sich nicht daran spießen). Kann es da nicht sein, dass Sie diese Petition alleine schon wegen dem
Inhalt des Titels unterzeichnen? Nur aus dem Grund, weil Sie dieses Thema aus der tiefe Ihres Herzens heraus unterstützen wollen? Oder würden Sie da auch “Demagogie” und “Lüge” feststellen wenn es Ihrer Meinung nach Überzeichnet und nicht richtig “rüberkommt” – und deshalb GEGEN diese Petition eintreten?
Mir fällt jedenfalls auf, dass Sie ausgesprochen Entrüstet sind – obwohl Sie sich eigentlich freuen könnten ob der Tatsache, dass es sehr viele Menschen gibt, die sich trotz allem FÜR die Heilpflanzen einsetzen – auch wenn es sich um einen “Irrtum” gehandelt haben soll und die Sorge unberechtigt ist.
Zum Schluss möchte ich auch noch anmerken, dass ich die Tatsache, dass pflanzliche Arzneimittel vom Nachweis einer Wirksamkeit befreit worden sind, auch kritisch sehe: hier wird nämlich die subtile Botschaft gesetzt “Heilpflanzen als solche wirken eh nicht wirklich – erst wenn die
Pharmaindustrie was Wirksames daraus gemacht hat”.
Es stellt sich nämlich die Frage: wie verändert diese Botschaft über Jahre hinweg das Denken der Menschen?
genau das würde ich auch sagen, Johannes. Lieber Admin… wollen sie wirklich, dass jene, welche schon all die Jahre zuvor dafür gesorgt haben, dass Heilpflanzen und alle anderen alternativen Heilmittel ein Schattendarsein fristen, nun die ermächtig erlangen, die zulässigkeit dieser zu beschliessen? Die selben Intressensgemeinschaften, welche es geschafft haben, unsere Bauern derart von der Natur zu trennen, dass diese ohne Stickstoffdünger und Pflug garnicht mehr zurecht kommen.
Ich rede hier nicht von dem einzelnen Chemiker, ich rede vom Industrie-Komplex der dahinter steht, also der Lobby … denken sie ja nicht, das es auf die Motivation und Ehrlichkeit des einzelnen Chemikers drauf an kommt, hier geht es um Interessen. Und diese Interessen haben auch dafür sorge getragen, das schon seit Jahrzehnten keine Kontrollmechanismen mehr da sind. Niergens! Nur der Schein, der davon übergeblieben ist. Und ich rede hier nicht von Theorien… wir haben mittlerweile ein Archiv von einem ganzen Jahrhundert voller Betrügereien und skrupellosesten Aktionen hinter dem Rücken der Bürger. Ausführend waren immer die selben, Profiteur war immer die Wirtschaft, nur die Hampelmänner, die es uns beibringen mussten, oder für ablenkung sorgen mussten, waren immer wieder andere. Und hier leichtfertig mit dem allseitsbeliebten aber kaum verstandenen Begriff “Verschwörungstheorie” herum zu schwingen, ist in der heutigen Zeit mehr als nur gefährlich. Sie mögen zwar ein Spezialist für Heilpflanzen sein, aber hier geht es um Wirtschaft und Psychologie. Ich würde mich auch nicht als Spezialist bezeichnen, aber dennoch habe ich im Verlauf meines Lebens ein haufen Leute kennen gelernt, welche schon alleine durch ihre Arbeit/Forschung den Rahmen unser aller Vorstellungsvermögen bei weitem überschreiten. Erst durch Leute wie sie und den Umständen wie sie Arbeiten und wie mit ihren Erfindungen umgegangen wird, bekommt man einen wirklichen Eindruck von den Interessen, welche heutzutage vorherschend sind. Wenn man dann auf die Jahre zuvor zurück blickt, sieht man plötzlich, das es schon immer diese Intressen gab, man hatte sie nur Schritt für Schritt umgesetzt. Anders gesagt, man hat die Leute nach und nach daran gewöhnt.
Das war bei der überwachung/Datenspeicherung so, das war beim Biometrischen Pass so,genau so wie beim Genmaipulation bei Pflanzen etc. Alles wird immer und immer wieder vor ss Volk gebracht, immer wieder mit neuer Bezeichnung, bis es durchkommt. Wenn nicht, tritt das Gesetz der Notwendigkeit in Kraft und es wird trotz des Volkswillen gemacht. Und so verhählt es sich auch in dieser Angelegenheit. Wie es Johannes schon erwähnt hat: Was wir uns auf dauer damit einetrichtert? Was müssen wir im Vorhinein akzeptieren/vergessen um so etwas gut zu heissen? Das natürliche Stoffe keine Heilwirkung haben, zumindest nicht bis die Pharmaindustrie es bestätigt! Das, was bis vor 2-3 Generation jedes Kind noch wusste müssen wir heutzutage überprüfen! Und denken sie nicht sie kriegen dann auch das serviert, was darauf steht. Denn jemand, der etwas perfektes nicht versteht, wird immer Wege finden es zu verbessern. Wobei “es” eigentlich ausgeschrieben heissen müsste:”den Teil den man fassen kann”.
Ps: Ob ein Feindbild vorhanden ist, oder nicht, kommt immer auf sie selbst drauf an. Denn eins ist Klar… jede Begebenheit hat einen/mehrere Urheber. Die Relevanz sich auf den Urheber zu beziehen, liegt auch in Ihrer Entscheidung. Und sie haben Recht! Feindbilder sind schlecht und es bediehnen sich leider sehr viele dieser Feindbilder, wenn sie über das Hintergrundgeschehen unserer Zeit berichten. Aber versuchen sie zu verstehen wiso es so ist. Unbegründet ist dies nicht, nur nicht richtig.
@ Johannes
Ihren Vorschlag, dass wir “Demagogie und Lüge” mal aussen vor lassen könnten, kann ich nicht annehmen, Das sind ja gerade meine Hauptkritikpunkte. Ich würde im Gegenteil sagen: Nehmen Sie dazu genauer Stellung.
Und Ihr Vergleich mit einer fiktiven Petition “Wider der Gewalt gegen Kinder” hinkt sehr stark. Diese Forderung wird ja wohl von allen menschen guten Willens geteilt. Und sie ist auch so allgemein gehalten, dass sie kaum Widerspruch auslösen wird. Das ändert sich aber nur schon, wenn Sie etwas konkreter Formulieren würden. Zum Beispiel: Keine körperliche Züchtigung in der Erziehung! Schon ist es mit der Einigkeit vorbei und Sie werden Leute haben, die sagen, dass eine Ohrfeige, wenn es nötig ist, noch niemandem geschadet habe. Daher sind solch allgemein gehaltene Idealforderungen immer auch etws billig zu haben.
Möglicherweise würde ich Ihre Petition “Wider der Gewalt gegen Kinder” also auch unterschreiben, weil ich dieses Anliegen teile, obwohl mir eine solche Petition wahrscheinlich zu unverbindlich wäre. Ein gut gemeinter Appell eben, der zudem keinerlei Täuschung, Demogagie und Verschwörungselemente enthält.
Ich sehe da keine Vergleichbarkeit mit dieser unsäglichen Petition gegen das angebliche Verbot ab 1. Mai 20011. Heute haben wir übrigens den 6. Mai. Haben Sie Ihren Beinwell schon aus dem Garten entfernt oder bereits Polizisten in der Nähe gesichtet, die demnächst mit einer Interventionstruppe Ihren Garten stürmen in die illegalen Kräuter eliminieren. Womöglich mit einem Helikopter wie bei Osama Bin Laden? Sind die Kräuter-Gestelle in Ihrem Reformhaus schon leergeräumt? – Sorry, meine Phantasie geht gerade etwas mit mir durch. Ich unterstelle Ihnennicht, dass Sie solche Horrorszenarien zelebrieren. Ich bekomme aber Mails und lese im Internet Texte, die solchen Szenarien nahekommen.
Sie sehen “die Tatsache, dass pflanzliche Arzneimittel vom Nachweis einer Wirksamkeit befreit worden sind, auch kritisch”, weil damit die subtile Botschaft gesetzt wird, dass “Heilpflanzen als solche” eh nicht wirklich wirken.
Ich glaube nicht, dass der Befreiung von traditionellen Pflanzenheilmitteln sowie von Präparaten aus Anthroposophischer Medizin und Homöopathie eine subtile Botschaft der Gesetzgeber und Zulassungsbehörden zugrunde liegt. Diese Privilegierung ist Folge von geschicktem Lobbying der Verbände und Pharmafirmen (!) aus dem Bereich Komplementärmedizin, gepaart mit einen Schuss Populismus der Politikerinnen und Politiker, die es mit ihrem “Wahlvolk” nicht verderben wollen. Es ist ein Zugeständnis an die Bedürfnisse vieler Menschen nach solchen Heilmitteln, denen diese nicht vorenthalten werden sollen, auch wenn der Beleg für eine Wirksamkeit nicht erbracht werden konnte.
Hier treffen halt sehr unterschiedliche Welten zusammen. Es scheint mir beispielsweise klar, dass es Menschen gibt, die bei bestimmten Beschwerden durch eine Homöopathie-Behandlung Linderung erfahren. Mit Studien versucht man herauszufinden, ob daran die Globuli mit einer spezifischen Wirkung beteiligt sind. Fasst man die Studien mit guter Qualität zusammen, gibt es dafür keine überzeugenden Belege. So sehen es meinem Eindruck nach die überwiegende Zahl der Wissenschaftler, aber auch viele Fachleute, die der Komplementärmedizin durchaus nahe stehen (z. B. Claudia Witt, Klaus Linde).
In der Anthroposophischen Medizin gibt es zur Misteltherapie eine grosse Anzahl von Studien mit zum überwiegenden Teil schlechter Qualität. Siehe:
http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2010/11/24/mistel-therapie-gegen-krebs-wirksam.html
Es gibt mit der Befreiung vom Wirksamkeitsnachweis einfach einen politisch gewollten Schonraum für solche Präparate.
Über den Sinn dieser Privilegierung kann man geteilter Ansicht sein und ich selber bin mit dem Abwägen der Pro- und Kontra-Argumente noch nicht zu einem Schluss gekommen. Transparenz wäre aber aus Sicht des Konsumentenschutzes wichtig. Patienten und Patientinnen müsste klar ersichtlich sein, ob ein Naturheilmittel mit einem Beleg für Wirksamkeit im Handel ist oder aufgrund von Privilegierungsklauseln ohne diese Nachweise. Ich halte es für völlig unakzeptabel, dass diese Unterschiede in höchstem Masse intransparent bleiben.
Die Tatsache, dass in der Bevölkerung kaum jemand von dieser Privilegierung und Nachweisbefreiung weiss, spricht übrigens gegen eine “subtile Botschaft”.
Freundliche Grüsse
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Sehr geehrter Herr Koradi!
Leider kann ich Ihnen meine Sichtweise zu dieser Petition nicht vermitteln – so wie ich es “nicht schaffe”, Ihre Ablehnung zu verstehen. Ich bekomme allerdings auch nichts von den extremen Auswüchsen dieser Petition mit (wie Sie es angedeutet haben) und kann darüber auch nur den Kopf schütteln. Aber genauso schüttle ich auch den Kopf, wenn ich z.B. Plakate sehe, wo riesige Zecken drohend über spielenden Kindern schweben (Zeckenaktionen bei uns in Österreich). Aus meiner Sicht ist das jedenfalls ein bedeutend größeres Übel, als wenn eine Petition kursiert, die von den allermeisten Menschen nicht mal registriert wird (durch die Vernetzung übers Internet erscheint es sehr viel – aber im Grunde genommen ist es wenig).
Und das mit der subtilen Botschaft: Es ist ein schwieriges Thema – das ist mir klar, aber um ein Beispiel zu nennen – Thema
Landwirtschaft und Subventionen: Das bedeutet – Lebensmittel werden subventioniert, damit sie sich alle Menschen ohne wesentliche Einschnitte ins Haushaltsbudget leisten können. Ein hehrer Gedanke der doch nur positiv gesehen werden kann – oder? Oder etwa doch nicht? Verlieren die Lebensmittel dadurch nicht an Wert? Werden sie dadurch nicht einfach nur selbstverständlich? Und die Landwirte kassieren Unsummen an
Förderungen!! Oder bekommen sie eigentlich nur das was ihnen ohnehin vom Grunde auf zusteht? Wohl auch nur die, die eigentlich keine Landwirte mehr sind, sondern Industrielle – der “kleine” Bauer geht zugrunde.
Mit Geld lässt sich einfach viel steuern und regulieren…
Daher zum Schluss: Mir ist klar, dass es viele Menschen gibt, die “den Teufel an die Wand malen” – ob sie das nun im guten oder im schlechten Glauben tun – und es ist daher von großer Bedeutung, sich selber ein Bild von einer Sache zu machen. Ich trage jedenfalls ein “Bild” in mir, welches die Heilkräuter als solches achtet und schätzt – und nicht was Pharmafirmen sich einbilden daraus zu machen.
Ich bedanke mich bei Ihnen für Ihr “zeitnehmen” und wünsche Ihnen alles Gute.
Da kann ich Herrn Koradi nur zustimmen. Im übrigen finde ich es hervorragend, wieviel Wertvoller input hier fliesst. Das ist doch eher selten im Internet zu finden