Alternative Krebstherapie mit Amygdalin (bittere Aprikosenkerne / „Vitamin B17“): unwirksam und toxisch

Diesen Artikel teilen:
FacebookTwitterGoogle+ Share

Bittere Aprikosenkerne enthalten einen verhältnismässig hohen Anteil an Amygdalin. Das cyanogene Glycosid Amygdalin spaltet während der Verdauung hochgiftige Blausäure ab.

Bittere Aprikosenkerne werden insbesondere zur alternativen Krebsbehandlung angepriesen, wobei dieser Einsatz in keiner Weise wissenschaftlich belegt ist und Amygdalin für die Krebstherapie als toxische Substanz ohne Effekte einzustufen ist.

Vom europäischen EFSA, vom deutschen Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte BfArM und von Tox Info Suisse wurden schon mehrere Warnhinweise veröffentlicht.

Nach Angaben von Tox Info Suisse wird Verbrauchern dringend empfohlen, wenn überhaupt maximal ein bis zwei bittere Aprikosenkerne täglich zu essen oder besser ganz darauf zu verzichten.

Produkte mit Amygdalin oder seinen Abkömmlingen (Mandelonitril oder Amygdalonitril, Laetrile) haben in der Schweiz keine Zulassung und werden als bedenklich eingestuft. Dennoch werden sie seit einiger Zeit wieder verstärkt als alternatives Heilmittel für die Krebstherapie und zur Tumorprophylaxe beworben und eingesetzt – auch unter der irreführenden Bezeichnung „Vitamin B17“.

Literatur:

– EFSA: Aprikosenkerne bergen Risiko einer Cyanidvergiftung, 27.04.2016

– Tox Info Suisse: Gefahr durch bittere Aprikosenkerne: die Menge macht‘s, 12.02.2015

– BfArM Bulletin zur Arzneimittelsicherheit, Ausgabe 3 – September 2014

Quelle:

http://www.pharmavista.net/content/default.aspx?http://www.pharmavista.net/content/NewsMaker.aspx?ID=5098&NMID=5144&LANGID=2

Kommentar & Ergänzung:

Dass Krebskranke nach alternativen Behandlungsmethoden suchen ist gut nachvollziehbar. Dass sie dabei anfällig sind für Täuschungen, zeigt sich allerdings nur allzu oft. Das Internet überquellt von unseriösen Angeboten zur Krebsheilung, von denen jede garantierten Erfolg verspricht. Skepsis ist angebracht. Wenn die Versprechungen nur zu einem allerkleinsten Teil wahr wären, hätten wir keine Probleme mehr mit Krebserkrankungen.

Bittere Aprikosenkerne sind seit Jahren ein Renner in der alternativen Krebsheilerszene, obwohl es keinerlei fundierte Hinweise auf eine Wirksamkeit gibt. Man kann nur immer wieder dazu auffordern, nicht alles zu glauben, sondern Behauptungen kritisch zu prüfen – Fact checking heisst das ja neuerdings….

Rolf Thesen schreibt in der Pharmazeutischen Zeitung:

„Nach derzeitigem Kenntnisstand fehlen klinische Belege für die Wirksamkeit von Amygdalin in der Krebstherapie. Angebliche positive Belege von In-vitro-Zellexperimenten oder Tiermodellen sind für einen Wirksamkeitsnachweis nicht ausreichend, ebensowenig wie eine Vielzahl von Berichten über Einzelfälle und Fallserien mit angeblichen therapeutischen Erfolgen. Nur kontrollierte klinische Studien könnten diesen Nachweis erbringen. Die fehlen aber. Zudem gibt es eine Vielzahl von Berichten über erfolglose Behandlungen mit Amygdalin. Auch der häufig beworbene Nutzen von Amygdalin zur Krebsprophylaxe, etwa durch das Kauen von Aprikosenkernen, konnte nicht belegt werden.“

(http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=54542)

Eine gute Übersicht zum Stand des Wissens bietet ein Text im „Bulletin zur Arzneimittelsicherheit“ des Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM):

http://www.bfarm.de/SharedDocs/Downloads/DE/Arzneimittel/Pharmakovigilanz/Bulletin/2014/3-2014.pdf?__blob=publicationFile&v=2

Siehe auch:

Krebsmittel Amygdalin / „Vitamin B17″ – oft propagiert, aber unwirksam

Unsinnige Krebstherapie mit bitteren Aprikosenkernen

 

Zitat des Tages von Eckart von Hirschhausen

Eckart von Hirschhausen zur Frage: Sind Wunderheiler Scharlatane?

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

Diesen Artikel teilen:
2 Antworten
  1. Michael Doehr
    Michael Doehr says:

    Warum gibt es denn kaum klinische Belege für eine Wirksamkeit?
    Weil kein Pharmakonzern Studien finanziert für einen Wirkstoff mit dem man keine Miliarden verdient. Aber die verdienen ihr Geld lieber mit toxischen Substanzen, die in vielen Fällen den Patienten umbringen, weil die Nebenwirkungen zu Organversagen führen. Das ist klinisch auch bewiesen.
    In den USA hat man damals auf drängen vieler Menschen eine Studie durchgeführt, die in 80% der Fälle eine remission, einen Stillstand oder zumindest das Befinden des Patienten verbesserten. Kommentar damals:
    „Es kann nicht zweifelsfrei bewiesen werden, das die Erfolge durch Amygdalin herbeigeführt wurden“
    Die führen eine Studie durch und dann dieser Kommentar??
    Die Uniklinik Frankfurt führte 2013 eine Studie mit dem Ergebniss durch wonach Amygdalin im Labor wirkt. Und das ist denke ich eine seriöse Einrichtung, oder nicht? Es muss doch zumindesten den Zweifel erwecken“ Ist das Alles richtig, was man uns erzählt?“

  2. Martin Koradi
    Martin Koradi says:

    Guten Tag Herr Doehr

    Danke für Ihren Kommentar.

    „Warum gibt es denn kaum klinische Belege für eine Wirksamkeit?
    Weil kein Pharmakonzern Studien finanziert für einen Wirkstoff mit dem man keine Miliarden verdient.“

    Ja, Pharmafirmen investieren kaum in grösserem Stil in die Forschung zu unpatentierbaren Naturstoffen, weil sie die Forschungsaufwendungen ohne Patentschutz nicht wieder hereinbringen können. Überrascht Sie das? So ist unsere Wirtschaft organisiert. Wenn Sie das ändern wollen, müssten Sie sich für massiv mehr Forschungsgelder für die Universitäten einsetzen.

    „Aber die verdienen ihr Geld lieber mit toxischen Substanzen, die in vielen Fällen den Patienten umbringen, weil die Nebenwirkungen zu Organversagen führen. Das ist klinisch auch bewiesen.“

    Sie sind mir zu einseitig unterwegs. Chemotherapeutika sind tatsächlich sehr toxische Substanzen und ihr Einsatz in manchen Fällen nicht sinnvoll. Aber in einer bedeutsamen Zahl von Fällen sind sie sehr wirksam und lebensrettend.

    Man kann und soll die Pharmaindustrie an vielen konkreten Punkte kritisieren. Ihr pauschales Pharmabashing halte ich aber nicht für sinnvoll.

    „In den USA hat man damals auf drängen vieler Menschen eine Studie durchgeführt, die in 80% der Fälle eine remission, einen Stillstand oder zumindest das Befinden des Patienten verbesserten.“

    Und wo ist diese Studie publiziert worden? Quellenangabe? Link? Behauptungen kann jeder in die Welt setzen. Jede seriöse Studie muss irgendwo publizert werden, damit man die Aussagen und die Seriosität der Durchführung überprüfen kann.
    Hier gibts eine klinische Studie zu Amygdalin mit 178 Teilnehmenden:
    „A clinical trial of amygdalin (Laetrile) in the treatment of human cancer.“
    Schlussfolgerung:
    „Patients exposed to this agent should be instructed about the danger of cyanide poisoning, and their blood cyanide levels should be carefully monitored. Amygdalin (Laetrile) is a toxic drug that is not effective as a cancer treatment.“
    Quelle: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/7033783?dopt=Abstract

    Ausserdem gibt es eine Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft Prävention und Integrative Onkologie (PRIO) in der Deutschen Krebsgesellschaft zu Vitamin B17 (Amygdalin): http://www.mds-patienten-ig.org/files/dateien/aktuelles/vitamin_b17_0.pdf

    Und hier eine Ausschnitt aus einer Stellungnahme auf dem Portal Onkopedia:

    „Es wird behauptet, mit amygdalinhaltigen Produkten Krebs therapieren oder sogar heilen zu können. Cyanid wird dabei als aktive Substanz mit antitumoraler Wirksamkeit gesehen. Laetrile war in den 1970er und 1980er Jahren in den USA besonders populär und wurde später von der FDA als bedenklich eingestuft, nach­ dem 1982 eine kontrollierte Phase-II-Studie keine Anhaltspunkte für die Wirksam­ keit von Laetrile fand, aber erhebliche Risiken aufzeigte. Nach aktuellem wissen­ schaftlichem Erkenntnisstand gibt es keine Anhaltspunkte für die Wirksamkeit von amygdalinhaltigen Produkte in der Tumortherapie. Eine Stellungnahme des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) aus dem Jahr 2014 betrachtet Amygdalin bzw. Laetrile als unwirksam und sieht ein erhebliches Risiko für toxische Wirkungen durch das freigesetzte Cyanid. Aufgrund des beschriebe­ nen Risikoprofils und dem nach jahrzehntelangem Gebrauch fehlenden Wirksam­ keitsnachweis kommen auch neuere Reviews zu dem Schluss, dass Amygdalin bzw. Laetrile in der Krebstherapie nicht zu empfehlen ist.“

    Diese Stellungnahme wurde verfasst durch:
    CAM-Cancer Consortium
    NAFKAM – The National Research Center
    in Complementary and Alternative Medicine UiT The Arctic University of Norway
    NO 9037 Tromsø
    Übersetzt und ergänzt wurde sie durch:
    Kompetenznetz Komplementärmedizin in der Onkologie – KOKON
    Klinik für Innere Medizin 5, Schwerpunkt Onkologie/Hämatologie Universitätsklinik der Paracelsus Medizinische Privatuniversität Klinikum Nürnberg
    Prof.-Ernst-Nathan-Str. 1
    90419 Nürnberg
    Quelle:
    https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/amygdalin-laetrile-z-b-aprikosenkerne/@@view/pdf/index.pdf?filename=amygdalin-laetrile-z-b-aprikosenkerne.pdf.

    Sie schreiben weiter, Herr Doehr:

    „Die Uniklinik Frankfurt führte 2013 eine Studie mit dem Ergebniss durch wonach Amygdalin im Labor wirkt. Und das ist denke ich eine seriöse Einrichtung, oder nicht?“

    Auch hier: Wo wurde die Studie veröffentlicht? Quellenangabe? Link?
    Es gibt Hunderte wenn nicht Tausende Naturstoffe, die im Reagenzglas gegen Krebszellen wirken. Das sagt über eine mögliche therapeutische Wirkung beim Menschen so gut wie gar nichts aus. Im Reagenzglas können Sie Krebszellen mit einer Substanz vollpumpen, was im lebenden Organismus in der Regel wegen mangelhafter Resorption oder wegen Toxizität auch gegenüber gesunden Zellen nicht im selben mass geht.
    Es spricht meines Erachtens alles dafür, dass die Empfehlung von Amygdalin zur Krebstherapie grober Unfug wenn nicht gar Betrug ist. Hier wird mit den Ängsten und Hoffnungen der Krebskranken gespielt und damit Profit gemacht.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>