Papst erhebt Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin

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Anlässlich der Eröffnungsmesse einer Synode mit über 250 Bischöfen aus aller Welt erhebt Papst Benedikt XVI. gestern die Heilige Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin. Der im 12. Jahrhundert in Bingen und Rüdesheim am Rhein wirkenden Nonne und Medizinerin wird damit die Stellung einer bedeutenden Theologin in der katholischen Kirche verliehen. Hildegard von Bingen wird die vierte Frau unter den mehr als 30 Kirchenlehrern sein.

Quelle:

http://de.nachrichten.yahoo.com/papst-ehrt-heilige-hildegard-bingen-064521927.html

Kommentar & Ergänzung:

Hildegard von Bingen (1098 – 1179) ist eine faszinierende Frauengestalt aus dem Mittelalter. Sie ist nicht nur für die Theologie, sondern auch für die Naturheilkunde von grosser Bedeutung.

Zur Bedeutung Hildegards von Bingen in der Medizin:

„ Bekannt ist, dass Hildegard in den 1150er Jahren auch medizinische Abhandlungen verfasste. Im Gegensatz zu den religiösen Schriften sind hier jedoch keine zeitnahen Nachweise erhalten. Alle zitierten Texte stammen aus späteren Zeiten (13. bis 15. Jahrhundert). In diesem Zeitraum gab es Abschriften, Ergänzungen und Umschreibungen. Heute sind 13 Schriften bekannt, die Hildegard als Verfasserin angeben, wobei deren Identität mit der Äbtissin angezweifelt wird. Der Begriff Hildegard-Medizin wurde als Marketingbegriff erst im 20. Jahrhundert eingeführt.

Interessant für Biologie und Medizin sind ihre Abhandlungen über Pflanzen und Krankheiten. Nach 1150 verfasste Hildegard mit Causae et Curae (Ursachen und Heilungen) ein Buch über die Entstehung und Behandlung von verschiedenen Krankheiten. Das zweite der naturkundlichen Werke heißt Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum, was auf Deutsch so viel bedeutet wie „Buch über das innere Wesen (Beschaffenheit und Heilkraft) der verschiedenen Kreaturen und Pflanzen“, weshalb Hildegard heute teilweise als erste deutsche Ärztin bezeichnet wird. Diese naturkundlichen Werke zählen u. a. zu den Standardwerken der mehr esoterisch orientierten Naturheilkunde. Zu ihrer Zeit waren Ärzte Klostermediziner und angebliche Wunderheiler; es gab kein wissenschaftliches Medizinstudium. Die Leistung Hildegards liegt unter anderem darin, dass sie das damalige Wissen über Krankheiten und Pflanzen aus der griechisch-lateinischen Tradition mit dem der Volksmedizin zusammenbrachte und erstmals die volkstümlichen Pflanzennamen nutzte. Sie entwickelte vor allem aber eigene Ansichten über die Entstehung von Krankheiten, Körperlichkeit und Sexualität (in der Scivias befindet sich vermutlich die erste Beschreibung eines Orgasmus aus weiblicher Sicht), weiterhin verurteilt sie jegliche sexuellen Handlungen, die nach damaligem theologischen Verständnis gegen die göttliche Schöpfungsordnung verstoßen. Dazu gehören männliche und weibliche Homosexualität, heterosexueller Analverkehr, Selbstbefriedigung und Sex mit Tieren etc. Eigene medizinische Verfahren entwickelte sie nicht, sondern trug lediglich bereits bekannte Behandlungsmethoden aus verschiedenen Quellen zusammen. Auch Edelsteine und Metalle bezog sie in ihre Behandlungsempfehlungen ein.

Der Gedanke der Einheit und Ganzheit ist auch ein Schlüssel zu Hildegards natur- und heilkundlichen Schriften. Diese sind ganz davon geprägt, dass Heil und Heilung des kranken Menschen allein von der Hinwendung zum Glauben, der allein gute Werke und eine maßvolle Lebens-Ordnung hervorbringt, ausgehen kann.“

Quelle: Wikipedia

Hildegard-Medizin

Das medizinische Werk Hildegards von Bingen boomt seit einigen Jahren und wird intensiv propagiert und vermarktet. Im Internet findet man zum Beispiel hunderte von Hildegard-Tees, obwohl Kräutertee bei Hildegard offenbar gar keine bedeutende Arzneiform war und die Äbtissin Kräuter vor allem in Wein abgekocht haben soll (Quelle: http://www.welt.de/gesundheit/article13486247/Richtig-gluecklich-und-entspannt-nach-dem-Aderlass.html).

Aber so ein Hildegard Energietee zum Beispiel  muss ja der Mega-Hammer sein…!

In den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts entstand die sogenannte Hildegardmedizin, die allerdings mit Hildegard nur sehr begrenzt etwas zu tun hat. Der Ausdruck Hildegard-Medizin wurde 1970 von dem Arzt Gottfried Hertzka eingeführt, der sich auf Schriften von Hildegard von Bingen beruft und daraus ein eigenes Konstrukt entwickelte. Dabei fehlte aber die notwendige historische Verarbeitung der Schriften. Hildegards Texte müssen im Kontext ihrer Zeit interpretiert werden. Diese anspruchsvolle Aufgabe haben Historiker wie Heinrich Schipperges und Irmgard Müller geleistet. Sie haben auch auf die Schwierigkeiten hingewiesen, die bei der Übertragen von mittelalterlichen Schriften in die heutige Heilkunde auftreten.

Da die Originalhandschriften der medizinischen Hildegard-Texte nicht erhalten sind und die Texte in Form von Abschriften der dritten Generation (13. bis 15. Jahrhundert) überliefert worden sind, ist die überwiegend vertretene Auffassung, dass Physica und Causae et curae in der vorliegenden Form nicht vollständig von Hildegard stammen. Gottfried Hertzka behauptete dagegen, es handle sich um einen auf weite Strecken praktisch unverfälschten Text.

Die Komplexität der Textgeschichte dieser beiden Werke fand in den Werken zur ‚Hildegard-Medizin‘ keine Rezeption, schreibt Prof. Dr. Wolf-Dieter Müller-Jahncke in der Pharmazeutischen Zeitung

(Quelle: http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=titel_51_1998&no_cache=1&sword_list[0]=bingen),

und Irmgard Müller wird dort zitiert mit dem Hinweis, wie fragwürdig die bisher unter Hildegards Namen tradierte Textgrundlage des medizinisch-naturkundlichen Werkes ist.

Als Forschungsstand kann festgehalten werden, schreibt Müller-Jahncke, dass die Texte ‚Physica‘ und ‚Causae et curae‘ zu den nicht visionären Schriften zählen, die in ihrer Textrezeption mannigfachen Veränderungen unterworfen waren.

Der Medizinhistoriker Prof. Dr. phil. Klaus-Dietrich Fischer schreibt:

„Die Autorität dieser Hildegard-Medizin beruht auf der Annahme bzw. Voraussetzung, bei den uns überkommenen medizinischen Schriften Hildegards handele es sich um göttliche Offenbarung, also Gottes medizinische Botschaft für die leidende Menschheit (wobei an den christlichen Gott, speziell den von Katholiken verehrten, gedacht ist). Die zahlreichen beobachteten Heilungen erwiesen diese Annahme als zutreffend; auch im eher theoretischen Bereich der Physiologie und Pathologie seien erstaunliche Kenntnisse dargelegt, die unserer heutigen wissenschaftlichen Sicht z. T. entsprächen, z. T. über sie hinausgingen. Diesen Anspruch erhebt Hildegard selbst allerdings nicht.“

Quelle: http:hildegard.org/medizin/medizin.html

Die Medizinhistorikerin Irmgard Müller, die zu den naturheilkundlichen Schriften Hildegards veröffentlicht hat, „bezeichnet die so genannte Hildegard-Medizin als nicht authentisch und nicht auf den Hildegard zugeschriebenen Schriften basierend. Zutreffend müsste sie daher eigentlich als ‚Hertzka-Medizin’ bezeichnet werden. Es handele sich um ein ‚therapeutisches Konstrukt profitbewußter Marktstrategen’“.

Quelle: Stichwort Hildegard-Medizin auf  Wikipedia

„ Diese kritische Auffassung vertritt auch der Historiker Axel Helmstädter: ‚Hertzka und Strehlow verfolgen einen stark kommerzialisierten Ansatz, indem sie suggerieren, dass die medizinischen Empfehlungen Hildegards göttlichen Ursprungs sind. Das kann jedoch nicht stimmen, da die von Hildegard zusammengetragenen medizinischen Texte nicht auf ihren visionären Erfahrungen beruhen wie ihre religiösen Abhandlungen. Die ‚Hildegard-Medizin‘ im 21. Jahrhundert repräsentiert ein typisches Beispiel der aktuellen Alternativmedizin. Die Methoden basieren zumeist auf historischen Ansätzen, die in der Lage sind, die Öffentlichkeit zu beeindrucken.’“

Quelle: Stichwort Hildegard-Medizin auf Wikipedia

Soweit die fachliche Kritik von Historikerinnen und Historikern am Konstrukt der Hildegard-Medizin.

Wikipedia fasst darüber hinaus noch medizinische Einwände zusammen:

„Es gibt keine unabhängigen empirischen Studien über die Wirkung der Hildegard-Medizin. Die Behandlungsmethoden entstammen zwangsläufig dem Denken und Wissen des Mittelalters; viele Ansichten über Gesundheit und Krankheit gelten medizinisch als überholt. Es ist auch nicht möglich, die von ihr verwendeten zeitgenössischen Begriffe für Krankheiten und Heilmittel einfach in die heutige Zeit zu übertragen. Die empfohlenen Heilpflanzen können nicht immer mit Sicherheit identifiziert werden, die Mengenangaben sind oft sehr ungenau. Der Nutzen von Ausleitungsverfahren ist umstritten. Fastenkuren sind nicht für jeden Menschen geeignet und sollten nur unter ärztlicher Aufsicht erfolgen.“

Der Medizinhistoriker Johannes Gottfried Mayer, Leiter der Forschergruppe Klostermedizin an der Universität Würzburg, hält fest:

„Heute wird von Anhängern der Hildegard-Medizin versucht, ausschließlich nach ihren Anweisungen zu heilen. Das sehe ich kritisch, ich würde mich dem nicht aussetzen. Medikamente müssen mit modernen Erkenntnissen in Einklang stehen.“

Quelle: http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/mensch-natur-umwelt/heilpflanzen-hildegard-von-bingen100.html

Fazit:

So interessant die naturheilkundlichen Schriften der Hildegard von Bingen auch sind: Sie eignen sich nicht dafür, unhinterfragt als absolute Wahrheit nachgebetet zu werden, wie das leider gegenwärtig in manchen Hildegard-Kreisen und in der „Hildegard-Medizin“ weitgehend geschieht.

Sich mit Traditionen auseinanderzusetzen ist lohnend, weil sie unsere Wurzeln sind. Tradition braucht aber Auseinandersetzung – nicht fragloses Nachbeten. Und Tradition hat nicht immer Recht.

Siehe dazu:

Komplementärmedizin -hat Tradition Recht?

Wer sich in der Pflanzenheilkunde auf alte Traditionen beruft, sollte sich auch mit dem geschichtlichen Kontext befassen, in dem diese entstanden sind. Andernfalls bleibt die Tradition unverstanden und wird allenfalls für eigene, sehr gegenwärtige Bedürfnisse missbraucht.

Eine Einführung in diesen geschichtlich-philosophischen Kontext der Pflanzenheilkunde bietet folgender Wochenendkurs:

Die Heilkräfte der Pflanzen im Wandel der Zeit

Unter anderem geht es dabei um Magische Medizin, Humoralpathologie (Vier-Säfte-Lehre), Klostermedizin (Hildegard von Bingen), Signaturenlehre (Paracelsus).

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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