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Ingwer unterstützt Heilungsprozess bei Mandel-Operation

Die Einnahme von Ingwer-Pulver nach einer Entfernung der Gaumenmandeln kann im Vergleich zu Placebo den Schmerz signifikant lindern und die Epithelisierung im Wundbereich beschleunigen. Das ist das Resultat einer kleinen Studie, die kürzlich im Fachmagazin «Clinical and Experimental Otorhinolaryngology» publiziert wurde.

An der prospektiven Studie beteiligten sich 49 Patienten im Alter von 18 bis 45 Jahren. Nach dem Eingriff bekamen sie alle standardmäßig eine antibiotische Behandlung bestehend aus Amoxicillin und Clavulansäure (zweimal täglich 1000 mg) sowie dreimal pro Tag 500 mg Paracetamol zur Schmerzlinderung. 29 Patienten erhielten zusätzlich über sieben Tage zweimal täglich Ingwerwurzel in Kapselform (500 mg Ginger Root, Solgar). Ein Facharzt begutachtete und dokumentierte den Heilungsprozess jeweils nach 1, 4, 7 und 10 Tagen. An denselben Tagen wurde das Schmerzempfinden mittels einer visuellen Analogskala erfasst. Das Schmerzempfinden war unter der Ingwer-Gabe an allen Untersuchungszeitpunkten signifikant geringer als in der Vergleichsgruppe. Ausserdem war die Epithelisierung (Wundheilung) nach 7 beziehungsweise 10 Tagen in der Ingwer-Gruppe deutlich weiter fortgeschritten als unter der alleinigen Standardbehandlung: Bei 74 Prozent der Patienten mit der Ingwer-Zusatzbehandlung war die Wundfläche schon zu mehr als 75 Prozent mit Epithel bedeckt. In der Vergleichsgruppe war dies nur bei 24 Prozent der Fall war. Auch die Nahrungsaufnahme konnte in der Ingwer-Gruppe deutlich früher wieder einsetzen. Bei der Häufigkeit postoperativer Übelkeit und Erbrechen sowie von Blutungen waren zwischen den beiden Gruppen keine relevanten Unterschiede feststellbar.

Die Autoren um Dr. İlker Koçak von der Koç Universität in Instanbul führen die Resultate auf spezifische Wirkungen des Ingwers zurück, insbesondere auf entzündungswidrige und wundheilungsverbessernde Eigenschaften, die bereits experimentell in Studien gezeigt werden konnten. Größere Untersuchungen seien jedoch notwendig, um den Effekt zu bestätigen.

Quelle:

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=73567

https://www.e-ceo.org/journal/view.php?doi=10.21053/ceo.2017.00374

DOI: 10.21053/ceo.2017.00374

Kommentar & Ergänzung:

Das Thema dieser Studie ist für die Phytotherapie sehr interessant.

Wenn es tatsächlich so ist, dass Ingwer in einer Dosis von 1 g / Tag in einer akuten Situation schmerzlindernd wirkt und vor allem auch noch die Wundheilung verbessert, dann ist das sehr bemerkenswert.

Ich habe mir die Originalstudie kurz angeschaut.

Die Patienten wurden randomisiert, das heisst per Zufall auf die zwei Gruppen verteilt. Das ist wichtig, weil es Manipulationsmöglichkeiten reduziert. Die Patienten wussten nicht, dass die Ingwer-Kapsel auf schmerzlindernde Wirkung getestet werden sollte und der Befund-erhebende Hals-Nasen-Ohren-Arzt wurde im unklaren darüber gelassen, zu welcher Gruppe der jeweils untersuchte Patient gehört. Das sind Qualitätsmerkmale für eine Studie. Die Zahl der Studienteilnehmer ist aber sehr klein und reicht nicht, um eine Wirksamkeit einwandfrei zu belegen. Und die Qualität der statistischen Berechnungen kannich nicht beurteilen.

Im Artikel der „Pharmazeutischen Zeitung“ ist die Rede von standardisiertem Ingwer-Extrakt. Das stimmt nicht. In der Originalarbeit ist von Ingwerpulver die Rede. Das untersuchte Produkt ist ein schlichtes Nahrungsergänzungsmittel. Damit ist es nicht patentierbar und braucht für die Zulassung am Markt auch keine Wirksamkeitbelege zu liefern, wie das bei eiinem Arzneimittel der Fall wäre. Aus diesen zwei Gründen werden wohl die grösseren Untersuchungen, die von den Studienautoren angeregt werden, kaum zustande kommen.

1000 mg Ingwerwurzelpulver entspricht inm Bereich der Phytopharmaka, also der pflanzlichen Arzneimittel, vier Kapseln Zintona pro Tag.

Dass Ingwer entzündungswidrig wirken kann, dafür gibt es schon seit einiger Zeit experimentelle Hinweise aus dem Labor, aber nur wenige konkrete Erkenntnisse bei Patienten. Und in der Ayurvedischen Medizin wird Ingwer mit Erfolg in der Behandlung von Migräne eingesetzt. Das kommt dem Thema Schmerzreduktion zumindestens nahe.

Ingwertherapie zeigte in einer Metaanalyse eine signifikante Schmerzreduktion gegenüber Placebo bei Arthrose. Dabei variierte die Behandlungsdauer aber zwischen drei und zwölf Wochen, während an der besprochen Studie nach Mandel-OP die schon kurzfristig auftretende Wirkung auffällt.

Neu für die Phytotherapie-Fachliteratur ist die mögliche Förderung der Wundheilung durch Ingwer bei peroraler Anwendung. Wenn das bestätigt werden könnte, wäre das sehr interessant. Dann könnte man darüber nachdenken, bei welchen Wunden das sonst noch Sinn macht und das gäbe eine ganze Palette von Einsatzmöglichkeiten. Aber eben: Da hat es noch einige ‚wenn’ und ‚könnte’….

Bemerkenswert ist auch, dass sich keine Abnahme bei der Häufigkeit von postoperativer Übelkeit und Erbrechen zeigte. Ingwer wurde mehrfach zur Linderung von Übelkeit nach Operationen bzw. Narkosen untersucht und zeigte dabei widersprüchliche Ergebnisse. Das Fachbuch „Teedrogen und Phytopharmaka“ schreibt dazu:

„Nach einem überblick über die publizierten Doppelblindstudien zur Verhinderung von postoperativer Übelkeit und Erbrechen besteht zwischen Ingwer und Placebo kein Unterschied, jedoch ein Effekt bei Schwangerschaftserbrechen und der Reisekrankheit. Dennoch wird von verschiedenen Seiten die Anwendung bei Schwangeren wegen fehlender umfangreicher Daten und der unklaren Thromboxan-Synthesehemmung durch Ingwer nicht empfohlen.“

Siehe auch:

Öko-Test: Ingwer gegen Reisekrankheit als ‚Gut‘ bewertet

Metaanalyse: Ingwer reduziert Menstruationsschmerzen

Metaanalyse: Ingwer lindert Schmerzen bei Arthrose

 

Ingwer bei Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft

Ingwer lindert akuten Kopfschmerz bei Migräne

Onkologie / Palliative Care: Ingwer gegen Erbrechen bei Chemotherapie

Forschung zum Wirkungsmechanismus von Ingwer gegen Übelkeit bei Chemotherapie

Ingwer als Hausmittel gegen Verdauungsbeschwerden

Ingwer bei Erkältungen

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

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Kräuterwanderungen / Kräuterkurse / Lehrgänge: Kursprogramm Dezember 2017 – Juli 2018

Das Kursprogramm mit den Lehrgängen, Kräuterwanderungen und Kräuterkursen von Dezember 2017 – Juli 2018 ist vollständig. Hier finden Sie eine Übersicht:

Lehrgänge Phytotherapie / Pflanzenheilkunde:

Vielfältiges, fundiertes Wissen über Möglichkeiten und Grenzen von Heilpflanzen- Anwendungen, eingebettet in eine anregende Kursatmosphäre. Für beide Lehrgänge sind Vorkenntnisse in Pflanzenheilkunde nicht nötig, aber auch kein Hindernis.

Phytotherapie-Ausbildung:

Eine nächste Klasse startet am 14. / 15. Mai 2018 15 mal 2 Tage bis Februar 2020. Für Berufsleute aus Krankenpflege, Naturheilkunde, Medizin u. ä. Begrenzte Plätze frei auch für Personen ohne medizinischen Grundberuf nach Abklärung.

Heilpflanzen-Seminar:

Ab 2. / 3 Dezember 2017 über sechs Wochenenden bis Juni 2018. Kompaktes, fundiertes Wissen für sorgfältige Heilpflanzen-Anwendungen im privaten Bereich oder zum Beispiel ergänzend für Berufsleute aus Gärtnerei oder Landwirtschaft. Braucht keine medizinischen Vorkenntnisse. Abschlusswochenende im Juni 2018 mit Kräuterwanderungen in Trin / Flims (Graubünden).

Tagesseminare in Winterthur:

13. 1. : Phytotherapie im Überblick.

12. 2. : Heilpflanzen-Anwendungen bei Hauterkrankungen und Wunden.

12. 3. : Heilpflanzen-Anwendungen bei Schlafstörungen, Angst, Depression.

30. 4. :Heilpflanzen-Anwendungen in Onkologiepflege und Palliative Care.

Kräuterwanderungen / Tagesexkursionen:

29. 4.: Eine Entdeckungsreise in Quinten am Walensee.

  6. 5.: Dättnauertal & Rumstal bei Winterthur.

10. 5.: Von Trin in die faszinierende Rheinschlucht (Graubünden).

12. 5.: Zum wildromantischen Sihlsprung (Kantone Zug & Kanton Zürich).

13. 5.: Tüllinger Hügel – blumenreiche, alte Kulturlandschaft bei Basel.

19. 5.: In die Auenlandschaft „Petite Camargue“ bei Basel.

20. 5.: In den Randen bei Schaffhausen.

21. 5.: Durch die „Toskana des Aargaus“ über den Bözberg.

26. 5.: Naturparadies Jeizinen – Gampel (Wallis).

27. 5.: Blauen-Südhang im Laufentaler Jura (Basel-Land).

2. 6.: Auf der Rigi – botanische Entdeckungen am Südhang (Kanton Luzern).

3. 6.: In Hemberg im Toggenburg (Kanton St. Gallen).

23. 6.: Durch Alpenwiesen und Hochmoorlandschaft in Vals (Graubünden).

24. 6.: In der Alpenlandschaft Sunnbüel ob Kandersteg (Berner Oberland)).

30. 6.: Alpine Moorlandschaft Moosalp ob Visp (Wallis).

15. 7.:  In der Berglandschaft Gumen (Braunwald, Glarnerland).

21. 7.: 
Am Stockhorn im Simmental (Berner Oberland).

22. 7.:
 Chäserugg und Schwendisee im Toggenburg (Kanton St.Gallen).

21. 7.: Flusslandschaft Thurauen & Alter Rhein (Kantone Schaffhausen & Zürich)

Kräuterwanderungen (Wochenendkurs):

15. – 17. 6.: Im Pflanzenparadies Feldis (Graubünden).

Kräuterwanderungen (Wochenkurse im Berner Oberland):

  1. – 6. 7. : An der Lenk im Simmental (Berner Oberland).
  2. – 13. 7. : In Mürren im Lauterbrunnental (Berner Oberland).

Die detaillierten Kursausschreibungen finden Sie im Kurskalender im Portal:

Phytotherapie-Seminare

Was ist „Chäslichrut“?

„Chäslichrut“ ist ein in der Schweiz verbreiteter Volksname für Malva silvestris (Wald-Malve, Wilde Malve, Grosses Chäslichrut“) und Malva neglecta (Weg-Malve, Kleines Chäslichrut).

Chäslichrut hat seinen Namen von den Früchten, die flach und rund sind wie ein Käselaib.

Traditionell verwendet werden die Blätter des Grossen und Kleinen Chäslichruts zur Behandlung von Wunden – und die Blüten des Grossen Chäslichruts als Tee bei trockenem Husten.

Chäslichrut enthält Gerbstoffe und Schleimstoffe.

Es gehört zur grossen Pflanzenfamilie der Malvengewächse (Malvaceen). Die mehr als 4000 Arten umfasst.

Zu den Malvengewächsen gehören beliebte Zierpflanzen, zum Beispiel aus den Gattungen Hibiscus und Stockrosen (Alcea), aber auch Nutzpflanzen wie die Kolabäume (Cola), der Kakaobaum (Theobroma cacao) und die Baumwollpflanze (Gossypium). Die früher eigenständige Pflanzenfamilie der Lindengewächse wurde inzwischen aufgrund von molekulargenetischen Untersuchungen in die Familie der Malvaceen eingegliedert. Eine durchaus illustere Verwandtschaft also für das Chäslichrut.

Ein schönes Foto der Käselaib-förmigen Chäslichrut-Früchte von Malva silvestris können Sie hier sehen auf Wikipedia.

Siehe auch:

Blick ins Pflanzenlexikon: Malven

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Saathafer – die Arzneipflanze des Jahres 2017

Der Saathafer wurde vom Studienkreis „Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ an der Universität Würzburg zur Arzneipflanze des Jahres 2017 gewählt.

Der Saathafer (Avena sativa) ist ein Getreide und zählt zu den Süßgräsern (Poaceae oder Gramineae). Er bildet im Gegensatz zu Weizen, Roggen und Gerste seine Körner nicht in Ähren, sondern in vielfach verzweigten Rispen aus.

Die Haferkörner sind von Spelzen umschlossen, die durch einen speziellen Mahlgang entfernt werden müssen. Der Hafer liefert zwar tiefere Hektar-Erträge als Weizen, Roggen und Gerste, doch ist er diesen gegenüber beim Nährwert und nicht zuletzt beim Geschmack überlegen. Zudem ist Hafer weniger anspruchsvoll, denn er gedeiht auch auf kargen Böden und bei feuchter Witterung.

Drei Pflanzenteile des Saathafers stossen auf pharmazeutisches Interesse:

Haferstroh (Avenae stramentum) wird als Abkochung für Bäder bei Hautverletzungen und Juckreiz verwendet.

Für die Gewinnung von Haferkraut (Avenae herba) wird der Hafer vor seiner Blüte geerntet. Haferkraut ist reich an Flavonoiden, Saponinen und Mineralien (Kalium, Calcium, Magnesium), wobei den Flavonoiden entzündungshemmende und den Saponinen immunmodulierende Eigenschaften zugesprochen werden.

Haferkraut-Extrakte kommen daher bei trockener Haut und bei atopischer Dermatitis zur Anwendung.

In den Neunzigerjahren wurde in Frankreich durch Selektion eine Hafersorte mit einem besonders hohen Anteil an Flavonoiden und Saponinen gezüchtet, die schon sehr jung geerntet und durch ein besonderes Verfahren extrahiert wird. Der aufgereinigte Extrakt ist frei von Proteinen und wird für Hautpflegemittel wie Cremes, Körpermilch und Badezusätze eingesetzt, die für Allergiker speziell gut verträglich sein sollen. Seine Bedeutung für die Dermatologie wurde schon in neueren Fachpublikationen gezeigt. Haferkrautextrakt-Produkte werden aber auch zur Pflege von empfindlicher Haut (Babys, Senioren) und zur Behandlung von Wunden, Rosacea und nicht zuletzt von Psoriasis eingesetzt.

Das Haferkorn (Avenae fructus), aus dem die allseits bekannten Haferflocken hergestellt werden, ist reich an Ballaststoffen (Polysacchariden), von denen die löslichen β-Glucane etwa die Hälfte ausmachen.

In 100 Gramm Haferflocken sind etwa 4,5 Gramm β-Glucane enthalten, in der Haferkleie sind es sogar mehr als 8 Gramm pro 100 Gramm. Die β-Glucane geben dem Haferschleim seine Konsistenz. Indem sie die Verdauung und den Stoffwechsel beeinflussen, wirken sie sich günstig auf den Cholesterinspiegel und den Blutzuckerspiegel aus.

Die Fähigkeit der β-Glucane, Gallensäuren zu binden, führt wahrscheinlich zur Ausscheidung von Cholesterol und zur Reduktion des Gesamtcholesterol- und des LDL-Cholesterol-Spiegels, was einer Atherosklerose vorbeugen kann. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat im Jahr 2011 bestätigt, dass die Einnahme von Hafer-β-Glucanen zur Reduktion des Cholesterolspiegels beitragen kann.

Die unlöslichen Ballaststoffe regulierend ausserdem die Verdauungstätigkeit. Da sie die Aufnahme der Nährstoffe aus dem Darm in den Körper verzögern, steigt der Blutzuckerspiegel nach einer Mahlzeit zeitverzögert an, was eine geringere Ausschüttung von Insulin zur Folge hat. Schon vor 100 Jahren wurden daher diätetische „Hafertage“ für Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 eingeführt. Eine neuere Studie am Diabetologikum in Berlin hat gezeigt, dass die Insulindosis bei Patienten mit einem hohen Insulinbedarf nach zwei Hafertagen um bis zu 30 Prozent reduziert werden kann. Dieser günstige Effekt soll bis zu vier Wochen nachweisbar sein.

Haferflocken zeigen aber auch günstige Auswirkungen auf die Verdauungsorgane selbst. Die Darmwand wird durch die viskösen löslichen Ballaststoffe vor Reizen aus dem Darmlumen geschützt und ein empfindlicher Magen beruhigt.

Umstritten ist noch, ob Menschen mit Zöliakie zu Haferprodukten greifen können. Bei der Zöliakie entzündet sich die Schleimhaut des Darms nach dem Verzehr von Gluten, dem Kleber-Eiweiß in verschiedenen Getreidekörnern.

Gluten ist die dominierende Eiweissfraktion im Weizenkorn, Im Haferkorn herrscht dagegen das Globulin Avenalin mit 80% vor, während Gluten nur einen Anteil von 15 Prozent hat. Hirse, Mais und Reis gelten dagegen als glutenfrei.

Die Zusammensetzung des Glutens unterscheidet sich in den einzelnen Getreidearten und ihren Sorten. Allgemein besteht Gluten aus den Proteingemischen der Prolamine und Gluteline, die wegen ihres hohen Anteils an den Aminosäuren Prolin und Glutaminsäure so benannt worden sind.

Krankheitsauslösend sind bei der Zöliakie die Prolamine, allerdings mit unterschiedlicher Intensität. Für zahlreiche Zöliakie-Patienten ist zwar das Weizen-Prolamin Gliadin, nicht jedoch das Hafer-Prolamin Avenin unverträglich. Und die relative Unverträglichkeit des Avenins hängt zudem noch von der Hafersorte ab; es gibt Hafersorten, die sogar für eine glutenfreie Ernährung infrage kommen.

Mehrere Studien zur Verträglichkeit des Hafers bei Zöliakie-Patienten haben gezeigt, dass kleinere Mengen Hafer im allgemeinen gut vertragen werden. In Schweden und Finnland gilt die Aufnahme von bis zu 50 g Hafer pro Tag als unbedenklich. Es muss sich dabei jedoch um „nicht-kontaminierten Hafer“ handeln, der nicht mit anderem Getreide verunreinigt sein darf und speziell für diesen Zweck angebaut wird.

Der Studienkreis „Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ ist überzeugt davon, dass das diätetische und therapeutische Potenzial des Hafers noch nicht ausgeschöpft ist und hofft, dass die Arzneipflanze des Jahres 2017 Gegenstand weiterer Forschungen sein wird.

Quelle:

https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2016/10/28/noch-viel-potenzial-bei-hautkrankheiten-und-zoeliakie

Kommentar & Ergänzung:

Das ist eine ungewöhnliche Wahl, zählt doch der Hafer seit je her zu den Nahrungsmitteln und nicht zu den typischen Heilpflanzen. Nimmt man ihn aber aus der Perspektive der Heilwirkungen in den Blick, steht er in einem Übergangsbereich zwischen Phytotherapie und Ernährungstherapie. Und dieser Übergangsbereich ist durchaus interessant.

Wie gewohnt begründet der Studienkreis „Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ seine Wahl der Arzneipflanze des Jahres 2017 auch dieses Mal fundiert.

2016 war der Kümmel Arzneipflanze des Jahres, 2015 das Johanniskraut, 20114 der Spitzwegerich, 2013 die Kapuzinerkresse und 2012 das Süssholz.

Hier geht’s zur Website des Studienkreises:

http://www.welterbe-klostermedizin.de/index.php

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Aloe vera als Wundheilmittel

In der Zeitschrift für Phytotherapie (2/2016) befasst sich Prof. Karin Kraft mit dem Thema „Phytotherapie in der Wundbehandlung“. Dabei geht es in einem Kapitel um Aloe-Gel als Wundheilmittel. Die Autorin Karin Kraft ist Professorin am Lehrstuhl für Naturheilkunde der Universität Rostock und eine ausgezeichnete Kennerin der Phytotherapie.

Nachfolgend eine Zusammenfassung dieses Abschnitts:

Aloe-Gel wird aus den Parenchymzellen der frischen oder lyophilisierten Blätter von Aloe barbadensis (Aloe vera, Aloe vulgaris) nach dem Entfernen der grünen Anteile gewonnen. Seine Hauptinhaltsstoffe sind Mucopolysaccharide, Enzyme, Anthranoide, Lignin, Saponine, Salizylsäure und Mineralstoffe.

Aloe-Gel beziehungsweise seine Inhaltsstoffe wirken in verschiedenen Untersuchungsmodellen bakterienhemmend, antioxidativ, schmerzstillend und entzündungshemmend. Das Gel stimuliert auch das Wachstum von basalen Keratinozyten im Reagenzglas. Hinweise auf eine lokale oder systemische Toxizität wurden bisher nicht gefunden

In Tierversuchen mit Mäusen zeigte eine Aloe-Behandlung wundheilende Effekte. Solche Experimente lassen sich aber nicht einfach so auf menschliche Wunden übertragen.

Der Wirksamkeitsnachweis von Aloezubereitungen durch Studien an Wunden bei Menschen ist noch nicht befriedigend gelungen.

Die Cochrane Collaboration fasste im Jahr 2012 in einem Review die Ergebnisse von 7 randomisierten und kontrollierten Therapiestudien mit Aloe-vera-Zubereitungen bei akuten und chronischen Wunden zusammen. Die Studien hatten eine sehr geringe Qualität. Eine randomisierte Studie bei Brustkrebspatientinnen mit Hautschäden nach Bestrahlung kam zum Schluss, dass nur neutraler Puder, nicht jedoch Aloe-Creme oder Basis-Creme wirksam waren.

Patienten mit Druckulcera, diabetischen oder venösen Ulcera wurden in einer randomisierten, doppelblinden Studie während 30 Tagen entweder mit einer Aloe vera/Olivenöl- oder mit einer Phenytoin-haltigen Creme behandelt. Dabei wirkte die Aloe vera/Olivenöl-Creme signifikant besser wundheilungsfördernd und analgetisch.

Die Autorin Prof. Karin Kraft zieht den Schluss: „Aloe-Spezies haben damit zwar ein Potenzial bei der Indikation ‚Unterstützung der Wundheilung’, weitere klinische Studien mit exakt definierten Zubereitungen sind jedoch erforderlich.“

Quelle: Zeitschrift für Phytotherapie Nr. 2 / 2016

https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/html/10.1055/s-0042-105039#R10-1055-s-0042-105039-31 (Zugang nur für Abonnenten)

Kommentar & Ergänzung:

Mit Aloe vera gibt es einen völlig absurden Hype. Irgendwelche Beschwerden zu finden, gegen die Aloe vera nicht helfen soll, dürfte schwer fallen. Das ist typische Indikationslyrik.

Inzwischen gibt zudem schon Putz- und Waschmittel mit Aloe vera – oder Stumpfhosen für schöne Beine….

Das ist reines Marketing. Ein Produkt, auf dem steht: „Mit Aloe vera“, verkauft sich einfach besser. Ob Aloe vera darin überhaupt eine Wirksamkeit entfalten kann und in der nötigen Konzentration vorhanden ist, spielt keine Rolle.

Im Bereich der Wundheilung scheint Aloe vera jedoch tatsächlich eine günstige Wirkung zu haben, auch wenn die Belege aus Studien dazu noch mager sind.

Bei kleinen Verbrennungen und bei Sonnenbrand wird Aloe vera frisch aufgelegt oder als Gel eingesetzt – und viele Anwender machen damit gute Erfahrungen. Eine kühlende und entzündungswidrige Wirkung ist jedenfalls plausibel.

Bei schlecht heilenden Wunden wie beim Ulcus venosum (venöses Unterschenkelgeschwür) könnte auch der Gel aus den Blättern über eine Feuchthaltung der Wunde günstig wirken und die Granulation fördern.

Bei den Aloe-Gelen aus dem Handel gibt es grosse Qualitätsunterschiede. Sie sind nicht als Arzneimittel, sondern als Kosmetika im Markt. Dadurch müssen die Hersteller keine Wirksamkeit belegen, was die Motivation der Hersteller für die Finanzierung grosser Studien sehr reduziert.

Ursprünglich wurde Aloe vera in der Heilkunde vor allem als starkes Abführmittel eingesetzt. Dazu verwendet man den Zellsaft, der nach dem Abschneiden der Blätter austritt. Durch Eindampfen an der Sonne oder im Vakuum entsteht eine braune bis schwärzliche Substanz, die als Hauptwirkstoff das Anthranoid Aloin enthält. Die therapeutische Bedeutung von Aloe vera als Abführmittel ist stark zurückgegangen, da es deutlich verträglichere Wirkstoffe gibt.

 

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Honig lässt Wunden rascher heilen

Durch seinen hohen Zuckergehalt und andere Inhaltsstoffe wirkt Honig antibakteriell. In seiner Wirksamkeit übertrifft Honig sogar manche Antibiotika, kann sie aber nicht gänzlich ersetzen.

Elisabeth Presterl, Leiterin der Krankenhaushygiene an der Medizinischen Universität Wien, sagt in einem Gespräch mit science.ORF.at.:

„In der Wundpflege gibt es den sogenannten ‚medizinischen Honig‘. Man konnte bei chronischen Wunden und oberflächlichen Verbrennungen zeigen, dass er nicht nur einen anti-bakteriellen Effekt hat, sondern auch zur Verbesserung der Wundheilung und Verkleinerung der Wunde führt.“

An der Medizin-Uni Wien wird der medizinische Honig darum bei genau solchen schlecht heilenden Wunden eingesetzt, die etwa durch Gefäßstörungen ausgelöst werden.

Die Zusatzbezeichnung „medizinisch“ bekommt dieser in der Klinik verwendete Honig, weil er bezüglich Feuchtigkeit und Zuckergehalt ein genau genormtes Produkt ist und frei von Verunreinigungen sein muss. Medizinischer Honig wird also noch genauer kontrolliert als normaler Honig.

Für die positive Wirkung von Honig auf Wunden gibt es mehrere Gründe, erklärt Elisabeth Presterl, und verweist als Erstes auf den hohen Zuckergehalt:

„Zucker ist ein Konservierungsmittel und kann Bakterien abtöten. Darüber hinaus gibt es aber noch andere Inhaltsstoffe wie Polyphenole, Aminosäuren und Substanzen, die etwa Immunzellen stimulieren – das alles könnte in Kombination die Wirksamkeit von Honig ausmachen.“

Antibiotika könne man in der Wundpflege sicherlich nicht generell durch Honig ersetzen, erklärt die Ärztin. Gerade bei schweren Wundinfektionen hält sie es nicht für sinnvoll, wenn diese nur lokal behandelt werden. In solchen Fällen brauche es eine ergänzende Einnahme von Antibiotika.

Bei den leichteren Fällen sei es jedoch sinnvoll, eine Wunde zuerst einmal oberflächlich mit dem salbenähnlichen medizinischen Honig zu behandeln: „Wir verabreichen noch immer viel zu oft und zu rasch Antibiotika.“

Honig sei eine Möglichkeit, um den Antibiotikaverbrauch auf das unbedingt nötige Maß zu reduzieren, ist Presterl überzeugt.

Für den medizinischen Honig sieht sie auch eine Rolle im Kampf gegen gefährliche Krankenhaus: „Es gab Versuche im Reagenzglas, laut denen Honig auf multiresistente Keime wirken kann.“

Im Labor konnte Honig demnach Bakterien abtöten, bei denen Antibiotika versagt hatten.

Nicht zuletzt aus diesem Grund ist medizinischer Honig in der Hygienerichtlinie der Medizin-Uni Wien zum Thema MRSA aufgeführt – also jenen multiresistenten, potenziell tödlichen Bakterien, die zuletzt in deutschen Krankenhäusern für Probleme sorgen.

Dafür, dass eingenommener Honig auch gut für die Gesundheit ist, dafür gebe es keine harte Evidenz, sagt Presterl.

Studien haben zwar gezeigt, dass Honig nach Mandeloperationen bzw. bei Halsweh die Schmerzen vermindert, ein Placebo hatte jedoch die gleiche Wirkung – ebenso wie ein richtiges Schmerzmittel. Und auch bei Angina fehlen nach Presterl Belege, dass geschluckter Honig antibakteriell wirkt.

Quelle:

http://sciencev2.orf.at/stories/1759705//index.html

Studien:

„Evaluation of the antibacterial activity of selected Pakistani honeys against multi-drug resistant Salmonella typhi“, BMC Complementary and Alternative Medicine 2015;

http://www.biomedcentral.com/1472-6882/15/32

 

„Honey: an immunomodulator in wound healing“, Wound Repair and Regeneration 2014

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/wrr.12117/abstract

 

„Honey for acute cough in children“, Cochrane Database of Systematic Reviews 2014;

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22419319

 

Kommentar & Ergänzung:

Gerade weil Antibiotika in vielen Fällen lebenswichtige Medikamente sind, muss jede Möglichkeit genutzt werden, sie durch andere wirksame Behandlungsstrategien zu ersetzen, damit das rasant zunehmende Problem der Antibiotikaresistenzen sich nicht weiter verschärft. Honig zur Wundbehandlung ist eine prüfenswerte Alternative. Allerdings braucht es dafür noch deutlich mehr Forschung und weil Honig nicht patentierbar ist, gibt es nur wenige Firmen, die dafür viel Geld investieren. Als medizinischer Honig kommt meist ein Manuka-Honig aus Neuseeland zur Anwendung, der unter der Bezeichnung „Medihoney“ als eingetragene Warenmarke registriert und als Medizinprodukt zugelassen ist. Darum gibt es hier offensichtlich Geld für Forschung. Manuka-Honig enthält als wichtigen Inhaltsstoff neben den Zuckern des Honigs in wechselnden Mengen das antibakteriell wirksame Zuckerabbauprodukt Methylglyoxal (MGO). Der Methylglyoxal-Gehalt von Manuka-Honig soll bis zu 100fach höher sein als in konventionellen Honigsorten. Allerdings soll das Methylglyoxal auch für die Schmerzentwicklung verantwortlich sein, einem Hauptproblem in der Wundbehandlung mit Manuka-Honig. Das ist ein Grund dafür, dass die Deutsche Gesellschaft für Wundheilung und Wundbehandlung e.V. in ihrer S3-Leitlinie zur Lokaltherapie chronischer Wunden von der Verwendung von Manuka-Honig abrät.

Honig ist ein sehr heterogen zusammengesetztes Produkt und es braucht wohl noch intensive Forschung, bis ein optimal zusammengesetztes Produkt gefunden ist.

Honig wurde als Wundheilmittel sowie für verschiedene andere Anwendungsbereiche allerdings schon verschiedentlich untersucht.

Siehe dazu auch:

Honig verhindert Mundschleimhautentzündung / Mukositis

Palliative Care & Onkologiepflege: Honig bei Mucositis / Mundschleimhautentzündung

Honig zeigt Wirkung gegen multiresistente Bakterien

Naturheilmittel: Wundbehandlung mit Manuka-Honig

Honig als Wundheilmittel

Honig gegen Mundschleimhautentzündung bei Chemotherapie

Wundheilmittel: Honig gegen resistente Bakterien

Honig – altes Wundheilmittel im Aufwind

Honig verkürzt Wundheilung bei Brandwunden

 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Warzenmittel im Test

Das Verbraucherschutzmagazin Öko-Test (Juli 2016) hat 17 Mittel gegen Warzen untersucht, die ohne Rezept in Apotheken oder Drogeriemärkten erhältlich sind. Nachfolgend finden Sie eine Zusammenfassung dieses Berichts mit Anmerkungen zu pflanzlichen Warzenmitteln und zur Warzentherapie nach Huckleberry Finn.

Alle von Öko-Test untersuchten Warzenmittel bekämpfen lediglich Symptome, nicht aber die Ursache der Hautläsionen – humane Papillomaviren.

Die Gesamtnote „gut“ ging ausschließlich an Salicylsäure-haltige Mittel aus der Apotheke, weil für diese Substanz die Wirksamkeit am besten durch Studien belegt ist, begründet Öko-Test das Urteil.

Ameisensäure, Monochloressigsäure und Vereisung erklärt der Oeko-Test-Experte zu Mitteln zweiter Wahl. Die Datenlage sei schlechter als bei Salicylsäure, lautet die Begründung. Die entsprechenden Präparate wurden mit der Note „befriedigend“ bewertet.

Flüssiger Stickstoff, wie er in Hautarztpraxen zur Warzenvereisung eingesetzt wird, solle nach Ansicht des Oeko-Test-Experten bevorzugt werden. Er ist wesentlich kälter als die Präparate für die Selbstmedikation und daher potenziell wirksamer.

Beim Umgang mit Monochlor-und Trichloressigsäure ist große Vorsicht geboten, da sie deutlich stärker hautreizend sind als Salicylsäure.

Von chirurgischen Eingriffen rät der Öko-Test-Experte ab, da sie tiefe offene Wunden hinterlassen können.

Oeko-Test weist darauf hin, dass die meisten Hautwarzen ungefährlich sind und nicht zwingend behandelt werden müssen. In aller Regel heilen sie irgendwann von selber ab, was allerdings Wochen, Monate, aber auch Jahre dauern könne.

Öko-Test orientiert sich bei der Beurteilung an wissenschaftlichen Kriterien, zeigt sich gegenüber alternativen Hausmitteln wie Schöllkraut, Schneckenschleim, Zwiebeln, Zitronensaft, Bananenschalen oder Eigenurin jedoch aufgeschlossen, solange Nebenwirkungen wie Hautreizungen beachtet werden. Was hilft, habe seine Berechtigung, heißt es. So verschwinden Warzen oft von selbst und zudem könne Autosuggestion wie beim Besprechen möglicherweise das Immunsystem stärken und so helfen. Man müsse nur fest genug daran glauben, so wie Huckleberry Finn in Mark Twains Roman „Tom Sawyers Abenteuer“:

„Na, du nimmst deine Katze und gehst auf ’nen Friedhof, kurz vor Mitternacht, dahin, wo jemand, der ’n schlechter Mensch gewesen ist, begraben liegt, und wenn’s Mitternacht ist, kommt ’n Teufel oder vielleicht auch zwei oder drei (…), und wenn sie den Kerl wegholen, schmeißte deine Katze hinterher und sagst: ‚Teufel folg Leiche, Katze folg Teufel, Warzen folg Katze, ich bin euch los!‘ Das bringt dir jede Warze weg.“

Die Verbraucherschützer raten Huckleberry Finn allerdings, es besser ohne tote Katze zu versuchen.

Quelle:

https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2016/06/30/was-hilft-gegen-warzen/chapter:1

Kommentar & Ergänzung:

Salicylsäure wirkt keratolytisch (hornhautauflösend) und wird auch in der Fachliteratur als Mittel der ersten Wahl empfohlen.

Da Warzen selbstlimitierend sind – irgendwann also von alleine verschwinden – ist die Beurteilung von Behandlungserfolgen im Einzelfall schwierig. Verschwindet eine Warze im Verlaufe einer Behandlung, weiss man nie mit Sicherheit, ob sie wegen der Behandlung verschwunden ist, oder weil einfach der natürliche Zeitpunkt ihres Verschwindens gerade erreicht war.

Eindrücklich ist zudem, wie stark Warzen oft über Suggestion beeinflussbar sind. Das zeigen alle diese überlieferten Rituale mit Besprechen, schwarzen Katzen etc., aber auch die unübersehbare Zahl verschiedenster Hausmittel, die offenbar nicht selten Erfolg haben.

In der traditionellen Pflanzenheilkunde hat Schöllkrautsaft einen Ruf als Warzenmittel: Zweimal täglich den gelb-orangen Saft aus Blatt oder Stängel frisch auftragen und eintrocknen lassen.

Klinische Untersuchungen, die eine solche Wirkung überprüft hätten, gibt es keine. Das ist nicht weiter erstaunlich. Wer würde schon Geld investieren in die Forschung für ein pflanzliches Warzenmittel, das an jeder Ecke wächst, und das sich daher kaum patentieren und kommerzialisieren lässt.

Immerhin wurden die Wirkstoffe im Schöllkraut untersucht. Es handelt sich dabei vor allem um Alkaloide, bei denen mögliche Erklärungen für eine Wirksamkeit gegen Warzen gefunden wurden. Dazu ein paar Zitate aus der Phytotherapie-Fachliteratur:

„Die quartären Alkaloide, wie Sanguinarin, Chelerythrin und Berberin, reagieren mit nukleophilen bzw. anionischen Gruppen von Eiweissen sowie Nukleinsäuren, hemmen dadurch zahlreiche Enzyme und durch Interkalation in die DNA auch die Zellteilung. Sie sind antimikrobiell und zytostatisch wirksam…Ihre zytostatische Wirkung wird möglicherweise bei der in der Volksmedizin übichen lokalen Anwendung des frischen Milchsafts zur Behandlung von Warzen ausgenutzt.“

Quelle: Teuscher / Melzig / Lindequist, Biogene Arzneimittel, 2012

 

„Äusserlich werden heute noch einige Tropfen des aus der Pflanze gepressten Milchsaftes auf Warzen aufgetragen. Das Wirkprinzip ist unklar; zytostatisch effektive Alkaloide oder Proteasen werden diskutiert.“

Quelle: Dingermann / Hiller / Schneider / Zündorf, Arzneidrogen, 2004

 

„Die Alkaloide sind viruzid….Berberin und Sanguinarin sind starke DNA-interkalierende Substanzen und wirken deshalb cytotoxisch, antimikrobiell und antiviral.“

Quelle: Van Wyk / Wink / Wink, Handbuch der Arzneipflanzen, 2015

 

Zusammengefasst: Alkaloide aus Schöllkraut wirken gegen Viren, hemmen die Zellteilung und spalten Eiweisse. Das sind Erklärungen für eine mögliche Wirksamkeit gegen Warzen. Allerdings muss dabei eingeschränkt werden, dass diese Aussagen auf Experimenten im Labor basieren. Wenn in einer Pflanze Inhaltstoffe vorhanden sind, die im Labor gewisse Effekte zeigen, kann man daraus noch nicht schliessen, dass solche Effekte auch im lebenden Organismus gegen bestimmte Erkrankungen wirksam wird – zum Beispiel gegen Warzen.

Es bleibt also bei sorgfältiger Interpretation noch offen, ob das immer wieder beobachtete Verschwinden von Warzen während einer Schöllkrautsaftkur durch Inhaltstoffe verursacht wurde, durch den natürlichen Verlauf oder durch suggestive Einflüsse. Bei letzterem könnte man sagen, dass Schöllkrautsaft nicht ein Wirkstoffträger ist, sondern ein Bedeutungsträger.

Noch schwieriger als Schöllkraut sind die anderen erwähnten Warzenmittel Schneckenschleim, Zwiebeln, Zitronensaft, Bananenschalen oder Eigenurin:

Schneckenschleim soll antibakteriell wirken. Schnecken schützen sich damit gegen bakterielle Infektionen. Das erklärt keine Wirkung gegen Warzenviren.

Auch Zwiebel wirkt antibakteriell. Traditionell legt man rohe, gesalzene Zwiebelscheiben auf die Warzen auf – erklärt aber auch keine Wirkung gegen Warzenviren. Hautreizende Wirkung mit Durchblutungssteigerung und Verbesserung der Abwehrlage? Alles Spekulation.

Zitronensaft? Keine einleuchtende Erklärung.

Bananenschale? Man soll die Innenseite einer Bananenschale zuschneiden, auf die Warze auflegen und mit einem Heftpflaster befestigen. Das ist eine interessante Idee. Eine plausible Erklärung dafür habe ich aber bisher noch keine gehört.

Eigenurin? Nicht nachvollziehbar – und das Phänomen, dass Eigenurin völlig unkritisch zur Behandlung von unzähligen Krankheiten empfohlen wird, macht die Sache erst recht nicht glaubwürdig. Siehe dazu:

Komplementärmedizin: Indikationslyrik unter der Lupe

 

Also wenn Sie mich fragen: Trotz fehlender Belege – Schöllkraut ist doch einen Versuch wert. Kostenlos, verfügbar, interessantes Ritual.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

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Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

Labkraut bei Maria Treben

Maria Treben (1907 – 1991) war eine österreichische Kräuterbuch-Autorin, die offensichtlich überzeugt davon war, für jede Krankheit eine hilfreiche Heilpflanze zu kennen. Das ist ein starkes Angebot für alle Kranken und solche, die es werden könnten. Es ist daher wenig überraschend, dass Trebens Buch „Gesundheit aus der Apotheke Gottes“ in mehr als 20 Sprachen herausgegeben wurde und eine Gesamtauflage von über acht Millionen Exemplaren erreichte.

Die Ratschläge Maria Trebens sind inzwischen auch reichlich ins Internet gewandert. So findet man dort Listen zu den von Treben empfohlenen Anwendungsgebieten verschiedenen Heilpflanzen. Beim Labkraut beispielweise sieht eine solche Aufstellung so aus:

Belegte Zunge, Bleichsucht, Epilepsie, Furunkel, Gebärmutterbeschwerden, Geschwüre in der Mundhöhle, Geschwüre (bösartige), Gesichtshaut (welke), Grieß- und Steinbeschwerden, Hauterkrankungen, Hautflecken, Hautknötchen, Hautkrankheiten (chronische), Hautleiden (krebsartiges), Hysterie, Knoten, Kropfbildung, Kropfleiden, Lymphdrüsenstörung, Magensäure (zuviel),

Mandelentzündung, Mitesser, Mundgeruch, Nasenschleimhaut-Absonderung, Nervenleiden, Niereneiterung, Nierengrieß und Nierensteine, Nierenleiden, Nierenschrumpfung, Schilddrüsenerkrankung, Seitenstechen

Steinbildung, Stimmbänderlähmung, Tumore, Urinverhaltung, Veitstanz, Wassersucht. Wunden, Zunge (belegte), Zungenerkrankung, Zungenkrebs.

Für keine dieser Empfehlungen gibt es fundierte Belege oder auch nur schon plausible Argumente.

Daher stellt sich die Frage, wie eine solche Indikationslyrik zustande kommt.

Am Ursprung einer solchen ausufernden Liste steht wohl meistens das intensive Bemühen, alle möglichen Hinweise auf eine Wirksamkeit zusammenzutragen, ohne sie einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Dabei bleibt es in der Regel bei der Übernahme von ungeklärten Anekdoten.

Eine kritische Prüfung würde mindestens folgende Punkte berücksichtigen:

1. Den Einfluss des Placebo-Effekts.

2. Die Regression zur Mitte

Gerade bei chronischen Krankheiten gibt es häufig einen schwankenden Verlauf, wobei jede Besserung dem angewendeten Mittel gutgeschrieben wird, obwohl sie mit grosser Wahrscheinlichkeit einfach dem natürlichen Verlauf entspricht. Das ist der Regression-zur-Mitte-Irrtum.

3. Die Tatsache, dass die meisten Erkrankungen von selber bessern und dass im Einzelfall nicht zu unterscheiden ist, ob für eine Besserung der natürliche Verlauf (Selbstheilungskräfte) oder die therapeutische Intervention verantwortlich ist.

4. Die immer mögliche und häufig vorkommende (Selbst)Täuschung der Erfahrung.

Siehe dazu auch:

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Pflanzenheilkunde: Erfahrung allein genügt nicht zur Begründung

 

Naturheilkunde: Warum werden unsere Kranken eigentlich wieder gesund?

Warum wir gesund werden (Artikel in der Zeitschrift „Natürlich“)

 

In der Liste mit den Treben-Empfehlungen fallen vage Krankheitsbilder auf. Sie sind ein untrübliches Zeichen für fragwürdige, ungeklärte und unreflektierte Heilungsversprechungen. Beispiele: Gebärmutterbeschwerden, Hauterkrankungen, Knoten, Lymphdrüsenstörung, Nervenleiden, Schilddrüsenerkrankung, Nierenleiden, Wassersucht….

Es gibt beispielsweise ganz verschiedenartige Gebärmutterbeschwerden oder Schilddrüsenerkrankungen. Labkraut hilft in jedem Fall? Egal welche Ursache den Beschwerden zugrunde liegt? Kaum denkbar.

Und eine „Niereneiterung“ mit Labkraut behandeln zu wollen ist nicht nur abenteuerlich, sondern grob fahrlässig. Das gleiche gilt für „Hysterie“ – ganz abgesehen von der fragwürdigen Begrifflichkeit.

Es braucht meines Erachtens mehr kritische Auseinandersetzung bei diesen Themen – sonst werden Patientinnen und Patienten auf Holzwege geführt. Die ungeprüfte Weiterverbreitung von derart fragwürdigen bis fahrlässigen Empfehlungen im Internet oder in Kursen ist unverantwortlich.

Aber es ist natürlich vollkommen unattraktiv zu sagen, dass bezüglich der Wirksamkeit von Labkraut keine glaubwürdigen Erkenntnisse vorliegen. Das will im Grunde genommen kaum jemand hören. Viel toller ist es, wenn man eine Liste mit einer ganzen Reihe von schweren Erkrankungen präsentiert, bei denen Labkraut angeblich helfen soll. Das macht Eindruck…..

Aber fragen Sie sich selbst: Ist es Ihnen letztlich nicht lieber, wenn Sie reinen Wein eingeschenkt bekommen, als wenn Ihnen schöne Geschichten aufgetischt werden? – Es ist einfach die reifere Variante.

Untersucht wurden beim Echten Labkraut (Galium verum) im übrigen sehr wohl die Inhaltstoffe. Gefunden wurden dabei unter anderem Iridoide, Flavonoide (z. B. Rutin), Anthracenderivate, Kaffeesäureester (Chlorogensäure) und Enzyme (Labenzym).

Das Vorhandensein solcher Inhaltsstoffe sagt aber noch nichts Gesichertes darüber aus, ob damit auch eine Wirksamkeit beim Menschen erreicht werden kann.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Teebaumöl: Korrekte Aufbewahrung reduziert Nebenwirkungen

Teebaumöl wird seit über 30 Jahren in Europa angewendet bei Insektenstichen, kleinen Wunden, Akne, Fußpilz und leichten Entzündungen im Mund- und Rachenraum. Dabei wird immer wieder über allergische Hautreaktionen an den behandelten Stellen berichtet.

Reinhard Länger schreibt dazu in der Zeitschrift der Österreichischen Gesellschaft für Phytotherapie (Nr. 1 / 2015):

„Verantwortlich für diese Effekte sind in erster Linie Oxidationsprodukte, die bei nicht sachgemäßer Lagerung des Öls entstehen. Daher ist es für die sichere Anwendung unbedingt notwendig, Teebaumöl nur in gut verschlossenen, möglichst vollgefüllten Gefäßen, vor Licht und Wärme geschützt zu lagern. Nach dem ersten Öffnen eines Gefäßes ist der Inhalt möglichst rasch zu verbrauchen. Damit kann das Risiko allergischer Hautreaktionen minimiert werden.“

Quelle:

http://www.phytotherapie.co.at/pdf/PT0115.pdf

Kommentar & Ergänzung:

Sauerstoff wirkt sich negativ auf Teebaumöl aus. Die Oxidation beginnt bereits kurz nach der Destillation. Dadurch kann sich der Geruch des Teebaumöls in Richtung „terpentinartig“ verändern. Das ist dann ein deutlicher Hinweis dafür, dass dieses Teebaumöl nicht mehr verwendet werden sollte.

Teebaumöl vor Luft geschützt aufzubewahren ist deshalb sehr wichtig.

Und es ist sinnvoll nicht aus den Augen zu verlieren, dass es eine ganze Reihe von ätherischen Ölen gibt, die in vielen Fällen verträglicher und ebenso wirksam sind wie Teebaumöl – zum Beispiel Lavendelöl oder Korianderöl. Teebaumöl ist nicht so einzigartig, wie es oft dargestellt wird.

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Die Eiche ist Baum des Jahres 2016

Die Eiche gilt seit der Antike als Symbol der Standhaftigkeit – näher an die Härte von Stein und Eisen schien ein Lebewesen nicht heranrücken zu können. Die Eiche ist jedoch zugleich ein durchaus flexibler Organismus. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist die Eiche (Quercus) vom Kuratorium Wald als Nachfolgerin der Weißtanne zum Baum des Jahres 2016 erkoren worden. Wegen ihrer charakteristischen ökologischen und physiologischen Eigenschaften zeige die Eiche „ein besonders hohes Anpassungs- und Regenerationspotenzial“, hieß es in der Erklärung zur Wahl. Im Zuge des Klimawandels komme der Eiche ein hohes Maß an Aufmerksamkeit zu, da sie in der Lage ist, flexibel auf sich verändernde Umweltbedingungen und extreme Trockenperioden zu reagieren und diese gut zu überstehen. Am Internationalen Tag des Waldes am 21. März wird der Baum des Jahres noch einmal ausführlich der Öffentlichkeit vorgestellt.

Quelle:

www.derstandard.at/2000027752095/Keineswegs-unflexibel-Die-Eiche-ist-Baum-des-Jahres

Kommentar & Ergänzung:

In der Phytotherapie wird die Eichenrinde wegen ihres hohen Gehalts an Gerbstoffen eingesetzt.

Charakteristische Anwendungsbereiche sind zum Beispiel nässende Ekzeme, nässende Wunden, entzündete Hämorrhoiden.

Die Eichenrinde wird gewonnen von Quercus robur (Stieleiche) oder Quercus petraea (Traubeneiche).

Eichen sind sehr wertvoll für die Artenvielfalt in der Tierwelt. Sie können sehr viele Insektenarten beherbergen und ernähren (bis zu 1000 verschiedene Arten in einer Baumkrone, wovon über 100 Schmetterlingsraupen-Arten). Nur die Salweide ernährt in Mitteleuropa mehr Raupenarten.

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