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Krebstherapie: Bittere Aprikosenkerne, Amygdalin, „Vitamin B17“ – unwirksam und in höheren Dosen giftig

Erneute Warnung vor Bitteren Aprikosenkernen als untaugliches Mittel zur alternativen Krebstherapie. Sie werden schon seit langem in der Alternativmedizin als Krebsheilmittel propagiert, auch unter dem Namen Amygdalin, Laetrile  oder „Vitamin B17“.

Bittere Aprikosenkerne enthalten einen relativ hohen Gehalt an Amygdalin. Von diesem cyanogenen Glycosid spaltet sich während der Verdauung hochgiftige Blausäure ab. Bei Einnahme grösserer Mengen besteht das Risiko einer Blausäurevergiftung.

Bittere Aprikosenkerne werden hauptsächlich zur alternativen Krebsbehandlung angepriesen. Es gibt aber bisher keine wissenschaftlichen Belege zur vorbeugenden oder heilenden Wirksamkeit bei Krebs. Amygdalin ist als giftige Substanz ohne Effekte bei der Krebstherapie einzustufen.

Von der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA, vom deutschen Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte BfArM und von Tox Info Suisse wurden schon mehrere Warnhinweise veröffentlicht.

Gemäss ToxInfoSuisse wird Verbrauchern dringend empfohlen, wenn überhaupt maximal ein bis zwei bittere Aprikosenkerne täglich zu essen oder besser ganz darauf zu verzichten. Gemäss EFSA sollen Erwachsene nicht mehr als 1 grossen oder 3 kleine bittere Aprikosenkerne einnehmen. Bei kleinen Kindern ist die Menge auf maximal einen halben kleinen Aprikosenkern limitiert.

Arzneimittel mit Amygdalin oder seinen Derivaten (Mandelonitril oder Amygdalonitril, Laetrile) sind weder in der Schweiz noch in den Nachbarländern zugelassen und als bedenklich einzustufen. Trotzdem werden sie seit einiger Zeit wieder vermehrt – auch unter der irreführenden Bezeichnung „Vitamin B17“ – als alternatives Heilmittel in der Krebstherapie und zur Tumorvorbeugung beworben und eingesetzt.

Literatur:

_ANSES: Amandes d’abricot : un risque d’intoxication au cyanure, 27.07.2018

_Tox Info Suisse: Gefahr durch bittere Aprikosenkerne: die Menge macht‘s, 12.02.2015

_BfArM Bulletin zur Arzneimittelsicherheit, Ausgabe 3 – September 2014

Quelle:

http://www.pharmavista.net/content/default.aspx?http://www.pharmavista.net/content/NewsMaker.aspx?ID=5144&NMID=5144&LANGID=2

 

Kommentar & Ergänzung:

Solche Warnungen erreichen allerdings diejenigen Leute kaum, die von der Wirksamkeit Bitterer Aprikosenkerne überzeugt sind. Es gibt da eine „Szene“, die für Argumente nicht mehr offen ist.

Das kann tödlich enden, wie in diesem Beispiel:

Alternativmedizin bei Krebs – gefährliche Esoterik

Aprikosenkerne gegen Krebs (Video)

Oder es kann zu Vergiftungen führen:

Aprikosen-Extrakt: Mann erleidet Zyanid-Vergiftung durch Alternativmedizin

Hier gibt es weitere Infos:

Unsinnige Krebstherapie: Bittere Aprikosenkerne

 

Amygdalin / „Vitamin B17“ als angebliches Krebsmittel: alt, unwirksam und wieder aktuell

 

Alternative Krebstherapie mit Amygdalin: Bittere Aprikosenkerne / „Vitamin B17“ – unwirksam und toxisch

 

Ausführlichere Informationen auf Onkopedia.

Die Anpreiser dieser Methode berufen sich meist nur auf vollkommen unkontrollierte Anekdoten und verschanzen sich dann zum Beispiel hinter Sprüchen wie: Wer heilt hat recht!

Das aber ist ein irreführender Kurzschluss.

Siehe:

Komentärmedizin: Wer heilt hat Recht? (1)

Komplementärmedizin: Wer heilt hat Recht? (2)

 

Naturheilkunde: Sorgfältig prüfen lernen

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Naturheilkunde: Woran erkennen Sie fragwürdige Aussagen

Komplementärmedizin: Mehr Argumente – weniger fraglose Gläubigkei

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe.

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse.

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse.

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

Hausmittel bei Schnupfen und Halsschmerzen

Das Magazin „Stern“ berichtet über „natürliche Medizin“ in einem Artikel mit dem Titel:

„Diese Hausmittel helfen gegen Erkältung.“

Leider kommt der Text ungenau und etwas willkürlich daher. Aber schauen wir uns eine Passage detaillierter an:

„Die Naturapotheke hat einiges im Angebot: Läuft die Nase, können Tabletten oder Lösungen von Echinacea, Thuja, Eupatorium oder Kamille helfen. Bei Halsschmerzen bieten sich Wilde Malve, Salbei, Eibisch, Echte Kamille, Arnika, Tausendgüldenkraut und Enzian zum Gurgeln an.“

Quelle:

https://www.stern.de/gesundheit/grippe/therapie/erkaeltung—die-besten-hausmittel-3215640.html

 

Kommentar & Ergänzung:

Schnupfen:

Echinacea (Sonnenhut), Eupatorium (Wasserdost) und Thujawerden als Immunstimulanzien eingesetzt. Wenn die Nase läuft, ist es dafür allerdings meist schon zu spät. Wenn akute angewendet, dann bei den allerersten Symptomen. Am besten untersucht ist Echinacea, wobei die Ergebnisse immer noch nicht eindeutig sind.

Thuja (Abendländischer Lebensbaum, Thuja occidentalis) wird phytotherapeutisch selten angewendet, dann aber in genau dosierbaren Extrakten (in Esperitox Präparaten), die auf einen bestimmten Gehalt an Inhaltsstoffen eingestellt sind. Thuja ist nämlich eine Giftpflanze. Das sollte meines Erachtens in einem solchen Text erwähnt werden, damit nicht irgendwer auf die Idee kommt, einen Kräutertee aus Thuja zu brauen. Thuja enthält ein ätherisches Öl mit dem Hauptbestandteil Thujon.

Nach der Einnahme giftiger Pflanzenbestandteile kann es zu Schleimhautreizungen kommen und zu Magen-Darm-Beschwerden mit Übelkeit, Brechreiz, Blähungen und Durchfall. In seltenen Fällen traten Schäden an Nieren und Leber sowie Krampfanfälle auf. Bei Tieren kann der Verzehr zum Tod führen. Zu Vergiftungen kommt es insbesondere, wenn Heckenschnitt mit Thuja auf Weideplätzen entsorgt wird.

Thuja wird in Europa häufig angepflanzt, hauptsächlich als zypressenähnlicher Baum auf Friedhöfen und als ganzjährig blickdichte Hecke in Gartenumfriedungen.

Äusserlich wird Thuja-Tinktur aufgrund der hautreizenden Wirkung manchmal punktuell gegen Warzen eingesetzt. Dabei kann es aber auch zu unerwünschten Hautirritationen kommen.

Da Thuja in der Homöopathie als wichtiges Mittel gilt, wird es gerne als Globuli verabreicht. Weil dann die Ausgangssubstanzen in der Regel mindestens 1: 1 000 000 mal verdünnt werden, sind keine Inhaltsstoffe mehr vorhanden, die toxisch wirken könnten. Eine Wirksamkeit ist aber wie bei allen Homöopathika nicht belegt.

Kamille (Matricaria recutita) kann sinnvoll sein bei Schnupfen, doch fehlt hier der Hinweis, dass die Pflanze am besten als Inhalation angewendet wird. Kamillentee ist sinnlos bei Schupfen.

 

Halsschmerzen:

Wilde Malve (Malva silvestris) und Eibisch (Althaea officinalis) enthalten Schleimstoffe, die bei Halsschmerzen reizlindernd und schützend auf Schleimhäute wirken können. Ihnen fehlen aber Eigenschaften, die bei Halsschmerzen wichtig sind, nämlich antimikrobielle Wirkungen, wie sie Salbei zeigt, und direkt entzündungswidrige Wirkungen, wie sie Kamille entfaltet.

Salbei (Salvia officinalis) vereinigt antimikrobielle Wirkungen (durch ätherisches Salbeiöl) und entzündungswidrige Wirkungen (durch Lamiaceen-Gerbstoffe).

Arnika  (Arnica montana) ist eher unüblich bei Halsschmerzen, aber wegen entzündungswidrignen Effekten nicht unplausibel.

Tausendgüldenkraut (Centaurium erythraea) und Enzian (Gentiana lutea) enthalten vor allem Bitterstoffe, die bei verschiedenen Verdauungsstörungen eingesetzt werden. Ihre Anwendung bei Halsschmerzen ist unplausibel und durch die Phytotherapie-Fachliteratur nicht gedeckt.

Die Berichterstattung über Anwendungsmöglichkeiten und Wirkungen von Heilpflanzen in den Medien ist von sehr unterschiedlicher Qualität und mehrheitlich fragwürdig.

Erwerben Sie sich eigenes und fundiertes Wissen. zum Beispiel in meinen Lehrgängen, dem Heilpflanzen-Seminar und der Phytotherapie-Ausbildung.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Ruediger Dahlke überzeugt nicht als Kokosöl-Verteidiger

Kokosöl wird als Superfood vermarktet, dem eine ganze Reihe von wunderbaren Eigenschaften zugeschrieben  wird. Unter anderem soll es gegen Alzheimer wirken.

Dass es für diese Versprechungen keinerlei Belege gibt und Kokosöl im Gegenteil sogar die Gesundheit schädigen kann, hat eine Medizin-Professorin der Universität Freiburg in einem Vortrag dargelegt.

In ihrem Vortrag bezeichnete Prof. Karin Michels Kokosöl als „schlimmer als Schweineschmalz und als reines Gift“. Der Vortrag und das Video auf YouTube stiessen auf grosse Resonanz, aber auch auf heftige Kritik der „Kokosöl-Gemeinde“.

Für die zugespitzte Formulierung hat sich die Direktorin des Instituts für Prävention und Tumorepidemiologie am Uniklinikum Freiburg später entschuldigt, inhaltlich aber an ihrer Kritik festgehalten.

Im Magazin „Spuren“ hat der Fastenarzt und fragwürdige Esoteriker Ruediger Dahlke wiederum das Kokosöl verteidigt und Karin Michels heftig kritisiert. Er liefert damit ein bemerkenswertes Beispiel für miserable Argumentation. Ich gehe nur auf die ersten paar Sätze ein, weil eine umfassende Auseinandersetzung den Rahmen hier sprengen würde. Dahlke schreibt:

„Dass immer wieder Schulmediziner auf den alten Irrtümern beharren, ist nichts Neues, aber dieser Versuch ist doch ziemlich populär geworden. Wie gut es den Menschen auf Bali, in den Philippinen, in Thailand und in allen Ländern, wo viel Kokosöl konsumiert wird, geht, ignoriert Prof. Karen Michels. Wie schlank und fit diese Leute mit diesem Öl bleiben, ist ihr offenbar entgangen.

Ausserdem ignoriert sie die guten Erfahrungen, welche die US-Ärztin Mary Newport in der Behandlung ihres an Alzheimer erkrankten Mannes machte und im Buch Alzheimer vorbeugen und behandeln (VAK Verlag, Freiburg 2014) dokumentierte. Sie holte ihren Mann mittels mittelkettiger Fettsäuren, wie sie im Kokosöl enthalten sind, aus der Demenz zurück.“

Quelle:

https://spuren.ch/content/single-ansicht-news/datum////fette-vorurteile.html
Kommentar:

Schon der erste Satz ist fragwürdig: Man aktiviere einleitend das bewährte Feindbild „Schulmedizin“, dann hat man die Lesenden schon mal auf seiner Seite.

Aber schauen wir uns die eigentliche Argumentation an:

„Wie gut es den Menschen auf Bali, in den Philippinen, in Thailand und in allen Ländern, wo viel Kokosöl konsumiert wird, geht, ignoriert Prof. Karen Michels. Wie schlank und fit diese Leute mit diesem Öl bleiben, ist ihr offenbar entgangen.“

Dahlke weist also darauf hin, dass es den Menschen in Ländern, in denen viel Kokosöl konsumiert wird, „gut“ geht. Unklar bleibt, was unter „gut“ hier verstanden wird, und Dahlke geht offenbar fraglos davon aus, dass Kokosöl für dieses „gut gehen“ verantwortlich ist.

Ein abenteuerlicher Kurzschluss, der übersieht, dass eine ganze Reihe von Einflüssen für „gut gehen“ verantwortlich sein kann.

Und in diesen Ländern sollen die Menschen offen besonders schlank und fit bleiben. Auch hier wird das umstandslos dem Kokosöl gut geschrieben. Eine vollkommen willkürliche Argumentation.

Wer so schlampig und eindimensional argumentiert, könnte auch die tiefere Lebenserwartung in Thailand (74,7 Jahre) gegenüber der Schweiz (82, 6 Jahre) auf den höheren Kokosöl-Konsum in Thailand zurückführen (Quelle: Wikipedia)

Und sind die Menschen zum Beispiel auf den Philippinen tatsächlich so fit, wie Ruediger Dahlke es darstellt? Daran kann mit Fug und Recht gezweifelt werden:

„Jede Minute sterben neun Menschen an Herzkrankheiten. Das ist auch auf ungesunde Ernährung zurückzuführen. Der traditionelle Speiseplan aus Gemüse, Fisch und nur wenig Fleisch ist gerade in den Städten durch vorverarbeitete Lebensmittel, ungesunde Fertigkost und fettere Speisen ‚ergänzt‘ beziehungsweise verdrängt worden. Außerdem nimmt der Stress durch den wachsenden Leistungsdruck und das ‚moderne Leben‘ zu….

Offiziellen Gesundheitsindikatoren zufolge hat sich die Gesundheitssituation in den Philippinen in den letzten Jahren verbessert. Die Lebenserwartung ist von 1970 bis 2009 um zehn Jahre gestiegen, von 58 auf 71 Jahre. Nur: In vielen vergleichbaren Ländern hat sich die Situation im gleichen Zeitraum um einiges mehr gebessert. Und: Selbst wenn sie sich leicht gebessert hat, ist sie generell weiterhin als katastrophal zu bezeichnen. Denn einer prozentualen Abnahme steht eine Zunahme in absoluten Zahlen entgegen – des Bevölkerungswachstums wegen.“

Quelle:

http://vernetzte-er.de/dev/index.php?option=com_content&view=article&id=29&Itemid=46

 

Zur Gesundheit in Thailand schreibt Wikipedia:

„Herausforderungen, denen sich das Gesundheitssystem Thailands gegenübersieht, sind neue Epidemien wie die Vogelgrippe H5N1 oder Wohlstandskrankheiten wie Fettleibigkeit.“

Warum also stellt Ruediger Dahlke die Situation so verzerrt dar? Wohl weil es so besser zu seiner Kokosöl-Vorstellung und seinem Weltbild passt?

Dann verweist Dahlke auf die Erfahrungen der US-Ärztin Mary Newport, die ihren Mann mit Kokosöl aus der Demenz zurück geholt haben soll. Grundsätzlich lässt sich mit einer solchen anekdotischen Einzelfallschilderung nie Wirksamkeit begründen. Auch hier können weitere Faktoren mitgewirkt haben. Zudem kann Alzheimer einen wechselhaften Verlauf mit Verschlechterungen und Verbesserungen zeigen. Besserungsphasen werden dann gerne einem gerade zeitgleich verabreichten Mittel wie hier den Kokosöl zugeschrieben, während sie eigentlich nur den natürlichen Verlauf zeigen. Und wenn Dahlke schreibt, dass Mary Newport ihren Mann mittels Kokosöl aus der Demenz zurückgeholt hat, dann lässt er weg, dass Steven Jerry Newport 2016 an Demenz gestorben ist. Aber es würde natürlich den Reiz der Story stören, wenn man das erwähnen würde…..

Weitere Informationen zum angeblichen Superfood Kokosöl gibt es hier bei der Verbraucherzentrale Hamburg:

Inzwischen haben auch eine Reihe von Fachleuten zur Debatte um Kokosöl Stellung genommen.

Die Ernährungswissenschaftlerin Antje Gahl, die Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), sagte der Nachrichtenagentur dpa, Kokosöl enthalte viele gesättigte Fettsäuren, die eine Gesundheitsgefahr darstellten und unter anderem das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigerten. Kokosöl habe zu Unrecht ein positives Image, erklärte Gahl. Die Aussagen von Michels seien pointiert, in der Sache seien sie jedoch korrekt. Mehrere internationale Studien belegen laut Gahl das Gesundheitsrisiko, das von Kokosöl ausgeht. Wer Kokosöl gelegentlich zum Kochen nutze, müsse sich keine Sorgen machen, sagte die Ernährungswissenschaftlerin. Häufig verwendet, sei es aber schädlich. Schlicht falsch seien die Versprechungen der Werbung, dass Kokosöl beim Abnehmen helfe.

Besser als Kokosöl seien Pflanzenöle wie zum Beispiel Rapsöl, Sojaöl, Olivenöl, Sonnenblumenöl oder Leinöl. Sie enthalten ungesättigte Fettsäuren und gelten daher als weniger bedenklich. Ungesättigte Fettsäuren seien gut für Herz und Kreislauf des Menschen, sagt Gahl.

Quelle:

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=78234

 

Die österreichische Tageszeitung „Der Standard“ sprach mit der Wiener Ernährungsexpertin Ingrid Kiefer über Kokosöl.

Die Ernährungswissenschafterin und Leiterin des Fachbereichs Risikokommunikation der Agentur für Ernährungs- und Lebensmittelsicherheit (Ages) sagt zu den Versprechungen, mit Kokosöl könne man leichter abnehmen oder es helfe gar gegen Demenz und Alzheimer:  „Das ist wissenschaftlich absolut nicht belegt, dazu gibt es keine seriösen Studien.“

Kokosöl sei tatsächlich von allen tierischen und pflanzlichen Ölen jenes, das den höchsten Gehalt an gesättigten Fettsäuren habe – er liege bei 90 Prozent, im Vergleich dazu enthalte Butter knapp unter 70 und Schweineschmalz 41 Prozent.

Kiefer lässt nur einen Vorteil von Kokosöl gelten: „Es ist beim Anbraten und Backen hitzestabil, weil der Schmelzpunkt niedrig und der Rauchpunkt hoch ist.“ Diesen Vorteil haben allerdings auch andere, gesündere Öle. Als gesündere Alternative zum Erhitzen raten die Experten etwa zu Olivenäl, Rapsöl oder Erdnussöl.

Jürgen König, Leiter des Departments für Ernährungswissenschaften an der Universität Wien, sagt dem “Standard“: „Ich verstehen den Hype um das Kokosöl nicht. Ihm werden positive Eigenschaften zugeschrieben, die mir nicht verständlich sind. Es enthält viele gesättigte Fettsäuren, von deren Konsum wir eher abraten.“ Eine bessere Alternative zu anderen pflanzlichen Ölen sei Kokosöl deshalb nicht.

König sagt aber auch, dass weder Kokosöl noch Schweineschmalz ein Gift ist und dass es immer um die Menge gehe:  „Es schmeckt halt, deshalb ist es völlig legitim, Kokosöl in die Ernährung einzubauen. Abwechslung ist schließlich gut. Wenn sich der Konsum in Grenzen hält, ist der Genuss von Kokosöl genauso in Ordnung wie der von Schweineschmalz.“

Quelle:

https://derstandard.at/2000085910930/Ernaehrungsexperte-Kokosoel-ist-kein-Gift-Schmalz-auch-nicht

Kokosöl oft mit schlechter Ökobilanz

Auch aus Sicht des Naturschutzes ist Kokosöl fragwürdig. Es hat wegen langer Lieferwege und oft fragwürdiger Anbaumethoden eine schlechte Öko-Bilanz. Darauf weist Ilka Petersen hin, Referentin Landnutzung und nachhaltige Biomasse bei der Umweltorganisation WWF Deutschland. Ökologische und soziale Mindeststandards würden beim Anbau kaum eingehalten und der Handel setze Kokosbauern zunehmend unter Druck. Diese könnten von ihren Erträgen trotz gestiegener Nachfrage kaum leben, der Großteil der Gewinne gehe an die vielen Zwischenhändler der Branche. Ilka Petersen fordert, dass die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen für die Bauern dringend verbessert werden.

Quelle:

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=78234

 

Diese Stellungnahmen von Fachleuten zeigen meines Erachtens deutlich, wie fragwürdig die Argumentation von Ruediger Dahlke daher kommt.  Der Esoterik-Autor und das spirituelle „Spuren“-Magazin bewirtschaften hier schlicht und einfach das plumpe Feindbild „Schulmedizin“. Diese Feindbild-Bewirtschaftung ist ja eigentlich nicht so ganz kompatibel mit dem Weltbild, das sie sonst so predigen – aber was solls: Wenn man eine genügend unkritische Fangemeinde hat, mit der man diese Feindbilder teilt, dann wird der Widerspruch nicht zum Thema werden. Fundierte Argumente haben dann keine Bedeutung mehr.

Auch predigen genau diese Kreise stets von Ganzheitlichkeit, führen hier jedoch „gut gehen“ und „fit sein“ der Menschen zum Beispiel auf den Philippinen, aber auch die Heilung von Alzheimer eindimensional und monokausal auf Kokosöl zurück.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe.

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse.

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse.

www.phytotherapie-seminare.ch

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Artischockenextrakt wirkt günstig bei Fettleber – in einer Pilotstudie

Die Wirksamkeit eines Extraktes aus den Blättern der Artischocke gegen nicht-alkoholische Fettleber wurde erstmals in einer Studie an Patienten untersucht.

Weltweit nimmt die Zahl der Menschen zu, die unter einer nicht-alkoholischen Fettleber (Steatosis hepatis) leiden. Sie wird im Unterschied zur alkoholischen Fettleber durch eine zu hohe Energiezufuhr über die Nahrung ausgelöst. Dabei kommt es zu Fetteinlagerungen in den Leberzellen, wodurch deren Funktion beeinträchtigt und Entzündungen (Fettleberhepatitis/Steatohepatitis) hervorgerufen werden können. Zentral für die Behandlung dieser ernährungsbedingten Leberverfettung ist bisher eine Änderung der Ernährungsgewohnheiten sowie regelmäßige körperliche Bewegung mit dem Ziel einer Gewichtsverminderung. Die  Normalisierung des Fettstoffwechsels kann mit verschiedenen pflanzlichen Arzneimitteln unterstützt werden, wozu auch der Artischockenextrakt zählt. Ob solche Extrakte auch für die Behandlung der nicht-alkoholischen Fettleber erfolgreich eingesetzt werden können, wurde bisher nicht an Patienten untersucht.

Das hat eine Forschergruppe aus Qatar und dem Iran nun mit einer randomisierten, doppelt verblindeten, placebokontrollierten Pilotstudie nun getan.

Die Wissenschaftler teilten erwachsene Patienten mit diagnostizierter Steatohepatitis Grad 1 bis 3 auf zwei Gruppen auf. Die Probaden der Verumgruppe bekamen über einen Zeitraum von acht Wochen dreimal täglich 200 mg Artischockenblattextrakt, standardisiert auf einen Gehalt von 2 mg des aktiven Inhaltsstoffes Cynarin. Der Kontrollgruppe wurden entsprechende Placebo-Tabletten verabreicht. Beim Start und am Schluss der Studie wurden die anthropometrischen Daten Gewicht, Bauchumfang, Body-Mass-Index (BMI) und der Blutdruck der Testpersonen erfasst. Zudem wurden im nüchternen Zustand zum einen mittels Lebersonographie der Grad der Leberverfettung erhoben und zum anderen Blutproben entnommen zur Feststellung der Werte von Glucose, Insulin, glykiertes Hämoglobin, Gesamt-, LDL- und HDL- Cholesterin, Triglyzeride, der Leberenzyme Alanin-Aminotransferase, Aspartat-Aminotransferase und Phosphatase sowie Bilirubin und Harnsäure.

Ausgewertet wurden die Daten von 81 (Artischockenextrakt: 41, Placebo: 40) von anfänglich 100 Probanden. Nach achtwöchigem Behandlungsverlauf lag die Reduktion des BMI und des Bauchumfangs in der Verumgruppe signifikant höher als in der Placebogruppe. Ebenso liessen sich am Schluss der Studie durch Sonographie signifikante Differenzen zwischen den Gruppen zugunsten des Artischockenblattextraktes festgestellen. 81,6 % der mit Artischockenextrakt behandelten Patienten zeigten eine Verbesserung, bei 18,4 % blieb der Zustand unverändert im Vergleich zur ersten Untersuchung.

In der Placebogruppe zeigte der Zustand der Leber bei 5 % der Patienten im Studienverlauf eine Verbesserung, bei 67,5 % trat keine Veränderung auf, und bei 27,5 % war eine Verschlechterung festzustellen. Die Blutzucker- und Insulinwerte wurden von der Artischockenextrakt-Behandlung nicht beeinflusst. Dagegen sanken die Leberenzymwerte (für Phosphatase nicht signifikant), der Gesamt-Bilirubinwert, der Harnsäurewert sowie alle Blutfettwerte signifikant verglichen mit Placebo. Im Verlauf der Studie traten keinerlei unerwünschte Wirkungen auf.

Quelle:

https://www.carstens-stiftung.de/artikel/artischockenextrakt-gegen-fettleber.html

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29520889

Panahi Y, Kianpour P, Mohtashami R, Atkin SL, Butler AE, Jafari R, Badeli R, Sahebkar A. Efficacy of artichoke leaf extract in non-alcoholic fatty liver disease: A double-blind randomized controlled trial. Phytother Res 2018; 32(7): 1382-1387.

 

Kommentar & Ergänzung:

Die Carstens-Stiftung, die diese Studie auf ihrem Portal vorstellt, interpretiert die Ergebnisse in ihrem Kommentar so, dass die Einnahme eines Artischockenblattextraktes eine erfolgversprechende Behandlungsoption für Patienten mit Fettleber sein kann. Sie weist aber auch auf kleinere Unstimmigkeiten im Artikeltext hin betreffend der eingeschlossenen, ausgeschiedenen und letztlich analysierten Patientenzahlen. Die statistische Auswertung sei dadurch nicht eindeutig nachvollziehbar. Der Kommentar kommt aber auch zum Schluss, dass die Grundaussage der Studie von diesen statistischen Ungenauigkeiten unberührt bleiben dürfte.

Bei solchen Meldungen muss immer wieder darauf hingewiesen werden, dass mit einer Pilotstudie nie einwandfrei Wirksamkeit belegt werden kannn.

Pilotstudien werden durchgeführt in einer frühen Phase der Forschung mit Patienten (klinische Forschung). Es sind meisten kurzzeitige, preisgünstige Studien mit einen kleinen Zahl von Probanden. Sie dienen eher einer ersten Erkundung des Therapiekonzepts und des Studienaufbaus. Zeigen sich positive Ergebnisse, braucht es grösser angelegte Studien, um eine Wirksamkeit zu belegen und allenfalls auch ein Überlegenheit gegenüber herkömmlichen Behandlungskonzepten zu zeigen.

Welche Wirkungen von Artischockenblattextrakt werden in der Phytotherapie-Fachliteratur anerkannt.

Die ESCOP-Monografie führt als belegte Anwendungsbereiche auf:

„Verdauungsstörungen wie Magenschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Völlegefühl, Flatulenz und Gallenbeschwerden; Unterstützung einer Niedrigfettdiät zur Behandlung einer leichten Hyperlipidämie.“

Um die Studie besser einschätzen zu können, wären auch genaue Informationen  zum verwendeten Artischockenextrakt nötig. Solche Extrakte können auf unterschiedliche Art hergestellt werden – zum Beispiel mit Wasser oder Alkohol (Äthanol) als Lösungsmittel. Das kann den Gehalt an Inhaltsstoffen qualitativ und quantitativ stark beeinflussen.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Homöopathie bei Sportverletzungen: Medizin-Transparent untersucht Traumeel

Bei Sportverletzungen kommt oft das homöopathische Mittel Traumeel als Salbe oder Gel zur Anwendung.

Das Portal Medizin-Transparent hat die Studienlage zu dieser Behandlung unter die Lupe genommen und kommt zum Schluss, dass Belege für eine Wirksamkeit fehlen. Die genauen Begründungen dazu sind hier zu finden.

Aus phytotherapeutischer Sicht ist interessant, dass Traumeel zwar als Homöopathikum angepriesen wird, in der Realität aber eher als homöopathisch-phytotherapeutisches Mischprodukt angesehen werden könnte.

Laut Packungsprospekt hat Traumeel Gel pro 1 g folgende Zusammensetzung:

Achillea millefolium TM 0.9 mg, Aconitum napellus D1 0.5mg, Arnica montana D3 15 mg, Atropa belladonna D1 0.5 mg, Bellis perennis TM 1 mg, Calendula officinalis TM 4,5 mg, Chamomilla recutita TM 1,5 mg, Echinacea angustifolia TM 1,5 mg, Echinacea purpurea TM 1,5 mg, Hamamelis virginiana TM4,5 mg, Hepar sulfuris D6 0,25 mg, Hypericum perforatum D6 0,9 mg, Mercurius solubilis Hahnemanni D12 0,4 mg, Symphytum officinale D4 1mg, Zusätzliche Hilfsstoffe: Salbe: Cetylstearylalkohol, dickflüssiges Paraffin, weisses Vaselin, Alkohol 13.8 Vol%, Wasser Gel: Carbopol 980, Alkohol 25 Vol%, Wasser

Was sehen wir da?

Neben homöopathisch verdünnten Bestandteilen (erkennbar an den D-Bezeichnungen) enthält der Traumeel Gel folgende Urtinkturen nach homöopathischem Arzneibuch:

Achillea millefolium TM – Schafgarbentinktur

Bellis perennis TM – Gänseblümchentinktur

Calendula officinalis TM – Ringelblumentinktur

Chamomilla recutita TM – Kamillentinktur

Echinacea angustifolia TM – Sonnenhuttinktur aus Schmalblättrigem Sonnenhut

Echinacea purpurea TM – Sonnenhuttinktur aus Purpur-Sonnenhut

Hamamelis virginiana TM4 – Hamamelistinktur (Zaubernuss)

Kommentar:

TM bedeutet „Teinture-mère“ und im deutschen Sprachraum „Urtinktur“.

Urtinkturen werden nach den Regeln des Homöopathischen Arzneibuchs (HAB) hergestellt und sind im allgemeinen Frischpflanzentinkturen. Weil sie dem HAB entsprechen, kann man sie zwar als „homöopathisch“ bezeichnen. Sie sind aber eigentlich nur die Ausgangsbasis für die Herstellung von Homöopathika und wurden noch keiner Verdünnung (homöopathisch „Potenzierung“) unterzogen.

Daher enthalten sie noch Wirkstoffe in relevanter Menge und können auch als phytotherapeutische Tinkturen aufgefasst und beurteilt werden.

Den Unterschied zwischen homöopathischen und phytotherapeutischen Bestandteilen sieht und kommentiert auch Medizin-Transparent:

„In homöopathischen Arzneimitteln sind Substanzen üblicherweise so stark verdünnt, dass sie keine Wirkung mehr besitzen können. Oft sind sie auch im Labor nicht mehr nachweisbar. Solche Mittel wirken nachweisbar nicht besser als wirkstofflose Scheinmedikamente (Placebo)………

Dass Traumeel in Gel- oder Salbenform eine Wirkung haben könnte, die über eine angenehme und bei Sportverletzungen empfohlene Kühlung hinausgeht, ist dennoch prinzipiell denkbar.

Der Grund: Traumeel als Salbe oder Gel enthält neben stark verdünnten Substanzen in „homöopathischen“ Mengen auch Pflanzenextrakte in deutlich höheren Konzentrationen, etwa von Ringelblume, Hamamelis und Echinacea. Die Menge dieser pflanzlichen Stoffe könnte ausreichen, um – zumindest theoretisch – wirksam zu sein.

Ob in Traumeel tatsächlich eine geeignete und ausreichend dosierte Mischung von Pflanzenstoffe steckt, um bei Sportverletzungen helfen zu können, müsste allerdings erst in gut gemachten, ausreichend großen Studien geklärt werden.“

Gut. Dann schauen wir uns diese „Pflanzenextrakte“ einmal genauer an. Grundsätzlich ist zu sagen, dass Frischpflanzentinkturen eher geringere Wirkstoffmengen enthalten als Tinkturen aus getrockneten Pflanzen, wie sie die staatlichen Arzneibücher (Pharmakopöe) vorziehen. Aus wirkstoffkundlicher Sicht würde deshalb viel dafür sprechen, in einem solchen Produkt Tinkturen aus getrockneten Pflanzen zu verwenden.

Was ist nun von den einzelnen Bestandteilen zu halten?

Schafgarbentinktur:  Wird innerlich vor allem als Bittermittel bei Verdauungsstörungen angewendet. Die Schafgarbe hat aber traditionell auch einen Ruf als Wundheilmittel. Zwar wurde die Wirksamkeit in dieser Hinsicht nie untersucht. Das ätherische Schafgarbenöl enthält aber als Hauptbestandteil Chamazulen, das auch Hauptbestandteil im Kamillenöl ist und zu dessen wundheilender Wirkung beiträgt. Das lässt eine wundheilende Wirkung der Schafgabe zumindestens theoretisch als möglich erscheinen.

Gänseblümchentinktur: Zu allfälligen Wirkungen der Gänseblümchentinktur bei Wunden oder Sportverletzungen gibt es keine fundierten Belege.

Ringelblumentinktur: Der Ringelblume bescheinigt die Phytotherapie-Fachliteratur eine wundheilende Wirkung (granulationsfördernd, epithelisierungsfördernd), wofür es auch Hinweise aus Studien gibt. Allerdings geht es bei diesen Hiweisen um Wundheilungsförderung auf der Haut, während bei Sportverletzungen stumpfe Verletzungen wie Prellungen, Verstauchungen, Blutergüsse im Vordergrund stehen (also Verletzungen ohne Durchtrennung der Haut).

Kamillentinktur: Auch für Kamille git es Hinweise aus Studien für eine wundheilende Wirkung (granulationsfördernd, epithelisierungsfördernd), allerdings wurde in der Regel Kamillenextrakt untersucht (Kamillosan) und nicht Kamillentinktur, die weniger Wirkstoffgehalt hat.

Sonnenhuttinktur (Echinaceatinktur): Echinacea ist heute ja vor allem als Mittel zur Aktivierung des Immunsystems bekannt. In der ersten Hälfte des 20. Jahhunderts hatte die Pflanze einen Ruf als Wundheilmittel. Im „Dritten Reich“ wurde das Echinacea-Präparat Echinacin im Konzentrationslager Buchenwald zur Behandlung von absichtlich gesetzen Brandwunden bei Gefangenen eingesetzt. Über diese abscheulichen Menschenversuche sind keine näheren Details bekannt. Es ist aber möglich, dass Echinacea eine wundheilende Wirkung hat. Die ESCOP-Kommission bestätigt für Präparate aus Echinacea purpurea die äusserliche Anwendung unterstützend bei oberflächlichen Wunden.

Hamamelistinktur: Hamamelis wird eingesetzt bei leichten Hautverletzungen, Entzündungen von Haut une Schleimhaut sowie in Cremen zur Hautpflege bei Neurodermatitis.

Zusammengefasst: Einige der pflanzlichen Inhaltsstoffe zum Beispiel aus Ringelblume und Kamille haben eine Wirkung auf die Haut und wirken wundheilend. Daraus lässt sich aber nicht automatisch eine Wirksamkeit bei stumpfen Verletzungen ableiten. Es ist nicht klar, ob Wirkstoffe aus Ringelblumen, Echinacea, Kamille oder Hamamelis bis in gequetschtes Gewebe eindringen.

Medizin-Transparent stellt ausserdem die Frage, ob in Traumeel eine „ausreichend dosierte Mischung von Pflanzenstoffen steckt“, um eine Wirkung zu erzielen. Sehr gute Frage, die oft vernachlässigt wird.

Beispiel Calendula: In phytotherapeutischen Calendulacremen werden in der Regel 1 – 2 g Ringelblumentinktur in 10 g Salbe eingearbeitet, also 100 – 200 mg pro Gramm. In Traumeel: 4,5 mg pro Gramm. Das ist krass wenig.

Bei Kamillensalbe und Hamamelissalbe liegen die Konzentrationen von Tinktur etwa bei 10 % = 100mg pro Gramm, wenn konzentriertere Extrakte zum Einsatz kommen etwa 5 %.

Verglichen mit üblichen phytotherapeutischen Präparaten sind die Konzentrationen in Traumeel also ausgesprochen tief.

Soweit mein Kommentar zu den phytotherapeutisch relevanten Ingredienzien von Traumeel. Die Tatsache, dass irgendeine Pflanze in einem Produkt vorkommt, heisst also noch lange nicht, dass sie auch wirklich zur Wirksamkeit beiträgt. Im vorliegenden Beispiel passen die Pflanzen phytotherapeutisch überwiegend nicht zum Anwendungsgebiet und sind in viel zu kleiner Menge vorhanden.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe.

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse.

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse.

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Ökotest prüft pflanzliche Präparate gegen Gedächtnisstörungen: Ginkgo, Ginseng, Taiga

Das Verbraucher-Magazin „Ökotest“ beurteilt in der aktuellen September-Ausgabe 28 pflanzliche Präparate, die gegen Vergesslichkeit und nachlassende Konzentrationsfähigkeit helfen sollen. Bei den nicht rezeptpflichtigen Arzneimitteln sowie Nahrungsergänzungsmitteln handelt es sich um Präparate auf der Basis von Ginkgo, Ginseng und Taigawurzel. Von den 28 untersuchten Präparaten schneidet nur ein Arzneimittel mit „gut“ ab.

Ökotest beurteilte die Präparate bezüglich Wirksamkeit und bedenklicher Substanzen. Unter die Lupe genommen wurden elf rezeptfreie Arzneimittel mit Ginkgo, sechs mit Ginseng und Taigawurzel sowie elf Nahrungsergänzungsmittel. Davon fielen 18 mit der Note «mangelhaft» und «ungenügend» durch. Nur ein Arzneimittel mit Ginkgo bekam die Note «gut», alle anderen Präparate mit Ginkgo beurteilte Ökotest als «ausreichend» oder schlechter.

Bei dem mit «gut» benoteten Ginkgo-Präparat handelt es sich um Tebonin®konzent 240 mg Filmtabletten zur Behandlung von hirnorganisch bedingten Leistungseinbußen mit Beschwerden wie Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen. Das ist wenig überraschend, weil dieses Ginkgo-Präparat seit Jahren erforscht wird und daher eine ganze Reihe von Studien dazu vorliegt.

Ökotest konstatiert, dass zwar auch alle anderen getesteten Ginkgo-Präparate einen definierten Ginkgo-Blätterextrakt enthalten, der dem Europäischen Arzneibuch entspricht. Aber nur der Spezialextrakt in den Tebonin-Filmtabletten schneide in der wissenschaftlichen Begutachtung «gut» ab.

Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz von der Frankfurter Goethe-Universität, der für Ökotest die Begutachtung der 28 Präparate vornahm, wird dazu wie folgt zitert:

«Für diesen Extrakt liegen drei methodisch aktuelle Studien zu Patienten mit Alzheimer-Demenz und altersbedingten Gedächtnisstörungen vor. Bei zwei dieser Studien wurde eine signifikante Verbesserung der kognitiven Defizite bei einer Tagesdosis von 240 Milligramm gefunden.»

Laut Ökotest bekam der Tebonin-Extrakt nur deswegen kein «sehr gut», weil die medizinische Leitlinie zur Behandlung von Demenzerkrankungen anderen, verschreibungspflichtigen Medikamenten den Vorrang gibt. Die übrigen fünf Ginkgo-Präparate benotete Ökotest mit «ausreichend» und «ungenügend». Für sie lägen zwar teilweise produktbezogene Studien vor, die jedoch aufgrund mangelnder Qualität und Quantität nicht als sichere Wirksamkeitsbelege angesehen werden könnten.

Bei den Präparaten mit Ginseng- und Taigawurzel fällt die Benotung einheitlich vernichtend aus: viermal «mangelhaft», einmal «ungenügend». Keines dieser Präparate sei für das angepriesene Anwendungsgebiet wirksam, erklärt Ökotest. Bislang sei durch keine Studie belegt, dass die traditionelle Anwendung der Ingredienzien «zur Stärkung und Kräftigung bei Müdigkeits- und Schwächegefühl, nachlassender Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit sowie der Rekonvaleszenz» wirkt.

Noch härter fällt das Urteil für die untersuchten Nahrungsergänzungsmittel aus. Sie hätten keinen Nutzen und seien reine Geldverschwendung, schreibt Ökotest.

Quelle:

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=78345

Kommentar & Ergänzung:

Dieser „Ökotest“ zeigt die grossen Qualitätsunterschiede, die es bei pflanzlichen Präparaten gibt. In diesem Sinne ist eben nicht „Ginkgo“ gleich „Ginkgo“. Bei der Beurteilung muss immer genau hingeschaut werden, um welches Präparat es sich handelt, ob die Dosierung ausreichend ist, welche Qualiät und Konzentration der Extrakt hat etc.

Wenn Sie darüber etwas lernen wollen, dann empfehle ich Ihnen meine Lehrgänge – die Phytotherapie-Ausbildung oder das Heilpflanzen-Seminar.

Der hier am besten benotete Ginkgo-Extrakt im Präparat Tebonin ist in der Schweiz unter dem Namen Tebofortin und Tebokan erhältlich. Tebofortin kauft und zahlt man in der Apotheke oder Drogerie selber, Tebokan wird über die Grundversicherung bezahlt, wenn es ärztlich verschrieben wurde.

Zu diesem Spezialextrakt ist noch zu sagen, dass die Studien eine günstige Wirkung auf Lebensqualität und Alltagsbewältigung in frühen Stadien der Demenz  zeigen, zum Beispiel eben bei Alzheimer-Demenz. Sie können aber den Krankheitsprozess nicht aufhalten.

Auch konnte in einer grossen Studie keine vorbeugende Wirkung belegt werden.

Siehe dazu:

Ginkgo-Studie findet keine vorbeugende Wirkung gegen Demenz

Ob ein gesundes Gehirn von einer Ginkgo-Behandlung profitiert, ist nicht eindeutig gesichert, obwohl natürlich viele Menschen sich vor nachlassendem Gedächtnis fürchten und solche Präparate einnehmen.

Bei den Ginseng-Produkten wäre es interessant zu wissen, welche Präparate genau untersucht wurden, denn auch hier gibt es grosse Qualitätsunterschiede. Gedächtnisstörungen sind aber auch nicht das Hauptanwendungsgebiet von Ginseng, und bei der Taigawurzel taucht diese Indikation in der Fachliteratur gar nicht auf.

Ginsengwurzel und Taigawurzel werden hautsächlich empfohlen bei Müdigkeit und Schwäche, in der Rekonvaleszenz und zur besseren Bewältugung von Stresssituationen.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Ingwer gegen Reisekrankheit

Die Ingwerwurzel ist als Mittel gegen Reisekrankheit inzwischen ziemlich etabliert:

„Ein bekanntes und gut wirksames Hausmittel ist Ingwer. Am besten hilft die Wurzel in Kapselform (Zintona). Der Vorteil: Im Vergleich zu Dimenhydrinat macht Ingwer nicht müde und schränkt das Reaktionsvermögen nicht ein.

Zwischendurch sind auch Bonbons mit Pfefferminz oder Ingwer erlaubt, die der Übelkeit entgegen wirken können. Wer auf große Fahrt geht, sollte auch auf seine Flüssigkeitsreserven achten. Getränke wie Milch oder Kaffee sind tabu, geeignet sind hingegen Tee aus Ingwer oder Pfefferminze sowie Wasser ohne Kohlensäure.“

Quelle:

http://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/pta-live/nachricht-detail-pta-live/fuenf-tipps-reiseuebelkeit-kinetosen-reisekrankheit-so-wird-kindern-nicht-uebel/?tx_ttnews%5BsViewPointer%5D=2&cHash=ceb156c23be026f5a24e214b0ddf224f

 

Kommentar & Ergänzung:

Ingwer ist ein beliebtes Gewürz, das auch in Curry-Mischungen auftaucht und zur Verfeinerung von Speisen wie Lebkuchen, Milchreis oder Obstsalat eingesetzt werden kann.

Traditionell wird Ingwer gern bei Verdauungsstörungen angewendet. Für die Wirksamkeit gegen Reisekrankheit sprechen Resultate aus einigen kleineren Studien.

Als belegt gilt auch ein moderater Effekt zur Linderung von postoperativem Erbrechen.

Zudem gibt es Hinweise auf eine Wirkung gegen Erbrechen bei Chemotherapie.

Siehe dazu:

Onkologie / Palliative Care: Ingwer gegen erbrechen bei Chemotherapie

Ingwer scheint auch Entzündungen hemmen zu können.

Der Inhaltsstoff Gingerol hemmt das Enzym Cyclooxygenase-2, welches Entzündungsreaktionen z. B. bei Arthrose und Rheuma fördert.

In einer iranischen Studie von Haghighi/Khalva/Toliat/Jallaei aus dem Jahr 2005 konnte bei Arthrose-Patienten mit Ingwer-Auszügen die gleiche Schmerzlinderung wie mit Ibuprofen erzielt werden. Wenn das stimmt, dann ist das sehr interessant. Allerdings kann ich die Qualität dieser Studie nicht beurteilen und aus dem Iran scheinen zum Thema Naturheilkunde eigenartigerweise nur Studien mit positiven Resultaten zu kommen.

Es gibt allerdings eine Metaanalyse dänischer Forscher, die ebenfalls zum Schluss kommt,  dass die Behandlung mit Ingwer bei Arthrose die Schmerzen lindern und die Beweglichkeit verbessern kann.

Die Überlegenheit gegenüber Placebo zeigte sich bei Dosierungen von 500 – 1000 mg Ingwer pro Tag, das entspricht 2 bis 4 Kapseln Zintona / Tag.

Siehe dazu:

Metaanalyse: Ingwer lindert Schmerzen bei Arthrose

Zur Wirksamkeit und Sicherheit von Ingwer bei Schwangerschaftserbrechen gehen die Ansichten auseinander.

Sieh dazu:

Ingwer bei Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft

 

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Artikel im Tages-Anzeiger mit Fehlinformationen zu Heilpflanzen

Der Tages-Anzeiger hat am 6. August 2018 einen netten Text veröffentlicht über die Anwendung von Heilpflanzen. Darüber könnte ich mich ja freuen, wenn der Text nicht so fehlerhaft wäre.

Quelle:

https://www.tagesanzeiger.ch/wissen/natur/die-passionsblume-wirkt-besser-gegen-aengste-als-benzos/story/17703360#mostPopularComment

Nur schon der Titel und der Lead haben es in sich:

„Diese Pflanze wirkt besser als Antidepressiva

Ihre Wirkung ist wissenschaftlich erwiesen, trotzdem tut sich die Medizin mit Heilpflanzen schwer. Welche Pflanzen bei Übelkeit, Erkältungen oder innerer Unruhe helfen.“

 

Und was für eine Heilpflanze ist darunter abgebildet?

Eine Passionsblumenblüte.

Für die Passionsblume gibt es aber keine fundierten Hinweise auf eine Wirksamkeit gegen Depressionen. Passionsblume wirkt leicht beruhigend bei Einschlafstörungen und Nervosität, ausserdem leicht angstlösend.

Dann steht da noch:

„Die Zulassung von Heilpflanzen als Arzneimittel bürgt für den Nachweis einer Wirkung.“

Das stimmt so nicht und ist einfach Unsinn.

Zwar ist es wichtig, zwischen pflanzlichen Nahrungsergänzungsmitteln und pflanzlichen Arzneimitteln zu unterscheiden.

Nahrungsergänzungsmittel müssen nie eine Wirksamkeit belegen, dürfen aber dafür auch keine Indikationen auf die Packung schreiben.

Bei pflanzlichen Arzneimitteln gibt es verschiedene Kategorien. Als traditionell eingestufte pflanzliche Arzneimittel sind vom Wirkungsnachweis befreit. Als Traditionell gilt dabei ein Mittel, das seit mindestens 30 Jahren auf dem Markt ist. Eine kurze Spanne, würde ich sagen. Unter „traditionell“ verstehe ich eher ein paar 100 Jahre.

Nun spricht schon viel dafür, dass es wirksame traditionelle Arzneimittel gibt. Aber ein Nachweis für Wirksamkeit ist eine traditionelle Anwendung keineswegs.

Sieh dazu:

Komplementärmedizin – hat Tradition recht?

 

Die Zulassung als Arzneimittel allein ist daher kein Nachweis für Wirksamkeit.

Kommt ein pflanzliches Arzneimittel (Phytopharmaka) mit einem neuen Anwendungsbereich (Indikation) auf den Markt, muss die Wirksamkeit vorher mit Studien belegt werden. Soll ein Phytopharmaka von der Grundversicherung bezahlt werden, steht ebenfalls eine Prüfung der Wirksamkeit an.

Es gibt also eine ganze Reihe von Phytopharmaka mit belegter Wirkung – der Artikel im Tages-Anzeiger führt als Beispiele  Ginkgo, Baldrian, Trau¬bensilberkerze, Mönchs¬pfeffer und Johanniskraut an. Dabei ist die Wirksamkeit allerdings jeweil nur für bestimmte Extrakte belegt. 

Auf alle pflanzlichen Arzneimittel lassen sich diese Belege aber nicht übertragen.

Homöopathika und Anthroposophika sind im Übrigen grundsätzlich vom Wirkungsnachweis befreit.

Schlussendlich wird in dem Artikel noch auf  die Wirkung von Teufelskralle bei Rheuma hingewiesen – allerdings illustriert mit einem falschen Foto. Abgebildet ist eine eiheimische Teufelskralle (= Rapunzel, Phyteuma), siehe Foto auf Wikipedia.

 

In der Phytotherapie wird aber die Afrikanische Teufelskralle verwendet (Harpagophytum procumbens), eine Wüstenpflanze, insbesondere bei Arthrose.

Foto auf Wikipedia hier.

Der Pflanzenname „Teufelskralle“ wurde also mindestens zweimal vergeben, aber dem Tages-Anzeiger scheint es egal zu sein, welches Bild stimmt (ich habe den Fehler schon zweimal gemeldet). Die Idee, die mit diesem falschen Foto suggeriert wird, dass unsere einheimische Teufelskralle gegen Rheuma hilft, ist irreführend.

Der Artikel ist ein Beispiel dafür, dass man auch bei etablierten Medien nicht fraglos alles glauben sollte……

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Übersichtsarbeit: Weißdorn sicher und wirksam bei Herzinsuffizienz

Der Weißdorn-Spezialextrakt WS®1442 (Crataegutt®) vermindert wirksam die Symptome bei Patienten mit Herzinsuffizienz (Herzschwäche) im NYHA-Stadium II und III. Zu diesem Schluss kommen Wissenschaftler um Professor Dr. Christian J.F. Holubarsch vom Park-Klinikum Bad Krozingen in einem evidenzbasierten Review (Übersichtsarbeit), das vor Kurzem im «American Journal of Cardiovascular Drugs» publiziert wurde. Sie haben dazu vorliegende Studien ausgewertet.

Ihr Fazit: Randomisierte klinische Studien hätten gezeigt, dass der Weissdorn-Extrakt die funktionale Kapazität des Herzen verbessert, belastende Symptome vermindert und die Lebensqualität der Patienten verbessert. Eine große klinische Studie mit mehr als 1300 Teilnehmern, die eine Polymedikation bekamen, sowie Daten aus Post-Marketing-Studien hätten zudem die Sicherheit der Anwendung sowohl als Monotherapie als auch als Zusatztherapie gezeigt. Es traten dabei weder spezifische Nebenwirkungen noch Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten auf.

Die Autoren verweisen zudem präklinische Studien die gezeigt hätten, dass der Weißdorn-Spezialextrakt die Pumpkraft des Herzens unterstützt, antiarrhythmisch wirkt und die Gefäßfunktion verbessert. Er schütze das Herzmuskelgewebe (Myokard) vor Schäden durch Minderdurchblutung, Reperfusions-Verletzungen und bluthochdruckbedingter Hypertrophie. Zudem verlangsame er die Alterung der Endothelzellen.

Quelle

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=77911

Originalpublikation:

DOI: 10.1007/s40256-017-0249-9

https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs40256-017-0249-9

 

Kommentar & Ergänzung:

Weissdorn ist wohl unumstritten die wichtigste Herzpflanze der Phytotherapie, wenn man von Digitalisglykosiden aus Fingerhut-Arten absieht, die rezeptpflichtig sind, isoliert zur Anwendung kommen und daher eher zur klassischen Pharmakologie gezählt werden.

Wie gut dieses Review gemacht wurde, kann ich nicht beurteilen. Die Autoren sind vom Hersteller des erwähnten Weissdorn-Extrakts, der Firma Schwabe in Karlsruhe, nicht ganz unabhängig, weil sie Honorare für gewisse Leistungen bezogen haben. Aussedem fällt auf, dass in diesem Review die SPICE-Studie mit dem Weißdorn-Spezialextrakt WS®1442 diskutiert und mitbewertet wird, die ebenfalls von Prof. Holubarsch durchgeführt wurde. Er beurteilt da also unter anderen auch seine eigene Studie. Sinnvoller wäre es, wenn eine Übersichtsarbeit von einem Forscher durchgeführt wird, der an den beurteilten Einzelstudien nicht beteiligt war.

Der Weißdorn-Spezialextrakt WS®1442 ist aber wohl einer der bestuntersuchten Weissdornextrakte und das hohe Engagement dieser Firma in der Weissdornforschung ist löblich.

Studienergebnisse mit solchen Trockenextrakten lassen sich nicht einfach auf andere Zubereitungsarten wie Weissdorntee oder Weissdorntinktur übertragen.

Insbesondere die Weissdorntinktur dürfte von der zugeführten Wirkstoffmenge her in einer ungenügenden Grössenordnung liegen. Die Wirkstoffe im Weissdorn – vor allem Flavonoide und oligomere Procyanidine – werden im Organismus rasch umgebaut und über die Nieren ausgeschieden. Daher braucht es die kontinuierliche Zufuhr von verhältnismässig hohen Dosen.

Weissdorn ist eine Heilpflanze, die über längere Zeit angewendet werden sollte, damit sie Wirksamkeit entfaltet (mindestens 3 Monate).

Wenn im Review von einer Wirksamkeit bei Herzinsuffizient Stadien II und III die Rede ist, dann ist das eher unüblich. Die Phytotherapie-Fachliteratur empfiehlt Weissdornextrakte bei Stadien I und II.

Bei Dosierungen zwischen 160 und 900 mg Extrakt pro Tag konnte bei Patienten mit Herzinsuffizienz Stadium I nach NYHA nach 8 Wochen Symptomfreiheit erzielt werden, bei Studienteilnehmern mit Stadium II war eine signifikante Verbesserung zu erreichen.

Weissdornpräparate gelten generell als gut verträglich und relevante Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind bisher nicht bekannt geworden.

 

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Lavendel bei Unruhe und Einschlafstörungen

Das Magazin „Stern“ empfiehlt in einem Artikel über Hausmittel Lavendel bei Unruhe und Einschlafstörungen:

„Den Blüten des Lavendelstrauchs wird eine allgemein beruhigende Wirkung nachgesagt. Diese Einschätzung teilen auch Wissenschaftler: Die Kommission-E-Experten empfehlen Lavendel gegen Unruhezustände und Einschlafstörungen. Für den Effekt verantwortlich ist offenbar das ätherische Blütenöl. Es entspannt das zentrale Nervensystem und beruhigt die Atemwege.“

Als konkrete Anwendungsmöglichkeiten stellt der Text zwei Varianten des Lavendelbades vor:

„Eine halbe Stunde vor dem Zubettgehen sechs bis zehn Tropfen Lavendelöl in etwas Sahne einrühren und ins warme, nicht zu heiße Badewasser geben. Eine Temperatur von 37 Grad ist ideal.

Als Alternative empfehlen sich getrocknete Lavendelblüten: 50 bis 60 Gramm mit einem Liter siedendem Wasser übergießen, 20 Minuten ziehen lassen, abseihen und in das Badewasser gießen.

Nicht länger als 15 Minuten baden. Im Anschluss ruhen.“

Quelle:

http://www.stern.de/gesundheit/grippe/erkaeltung–ohrenschmerzen–halsschmerzen–diese-hausmittel-helfen-6565438.html#mg-1_1507550522595

 

Kommentar & Ergänzung:

Das sind keine schlechten Empfehlungen. Ergänzend könnte man noch auf weitere Anwendungsvarianten von Lavendelblüten bzw. Lavendelöl hinweisen:

– Lavendelöl kann direkt im Raum verdunsten und eingeatmet werden (ein paar Tropfen auf ein Papertaschentuch geben und in den Raum legen).

– Lavendelblüten können zu Lavendelsäckchen verarbeitet und unters Kopfkissen gelegt werden.

– Ein paar Tropfen Lavendelöl können mit Mandelöl oder Bodylotion gemischt für Einreibungen und Massagen eingesetzt werden.

– Die Phytotherapie setzt Lavendelöl in Kapselform auch innerlich ein bei leichten Angststörungen.

– Äusserlich wirkt Lavendelöl auch gegen Hautpilze, zum Beispiel bei Fusspilz.

Der Hinweis auf eine beruhigende Wirkung auf die Atemwege ist fragwürdig.

Siehe auch:

Lavendelöl-Kapseln gegen Angst und Depressionen

Lavendelöl-Präparat bei Angststörungen

Lavendelöl gegen Hautpilze

Lavendelöl lindert Menstruationsbeschwerden

Studie bestätigt Wirksamkeit von Lavendelöl-Kapseln Lasea bei Angststörungen

Lavendelöl bessert Migränekopfschmerz effektiver als Placebo

Lavendelöl wirksam gegen Hautpilze

Pflanzenheilkunde: Kräuterkissen für guten Schlaf

Und hier gibts eine Broschüre zu Anwendungsmöglichkeiten von Lavendelblüten / Lavendelöl.

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