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Arzneipflanzen im Mittelpunkt der Woche der Botanischen Gärten 2018

Vom 9. – 17. Juni 2018 findet in Deutschland und Österreich die Woche der Botanischen Gärten statt. Sie steht unter dem Motto „Die Grüne Apotheke – vom Hortus Medicus zur Pharmaforschung“.

Über 40 Botanische Gärten rücken dabei mit zahlreichen Veranstaltungen und einer gemeinsamen Ausstellung die zentrale Rolle der Arzneipflanzen für die Heilkunde und die Bedeutung der pflanzlichen Vielfalt ins Blickfeld.

Dabei werden sowohl altbewährte als auch noch weitgehend unbekannte Arzneipflanzen im Detail präsentiert – von Arnika, Salbei und Knoblauch bis hin zu Schlafmohn, Eibe oder Maiapfel. Themenposter stellen zudem eine breite Palette von Fakten rund um Pflanzen in der Heilkunde vor.

Prof. Dr. Maximilian Weigend, Präsident des Verbandes Botanischer Gärten (VBG), schreibt zum Thema der Woche:

„Arzneipflanzen und deren Anwendung sind ein komplexes Feld. Buchstäblich zehntausende von Pflanzenarten wurden oder werden als ‚Arzneipflanzen’ eingesetzt – bei weitem nicht alle zu Recht, aber einige sind auch für die moderne Medizin unersetzlich. Auf kaum einem Gebiet findet sich allerdings auch so viel gefährliches Halbwissen: Überlieferung, Esoterik, gefühltes Wissen, empirische Daten und kritische naturwissenschaftliche Erkenntnisse liefern einen bunten Strauß von Vorstellungen, Meinungen und Fakten, die die Einstellung der Menschen gegenüber Arzneipflanzen prägen. Wir haben uns deshalb bemüht, alle dargestellten Fakten kritisch zu hinterfragen und von Experten überprüfen zu lassen, um wissenschaftlich fundiert zu informieren……“

Quelle und weitere Infos:

http://www.verband-botanischer-gaerten.de/pages/bg_woche_2018.html

 

Kommentar & Ergänzung:

Das Motto „vom Hortus Medicus zur Pharmaforschung“ ist sehr ansprechend.

„Hortus Medicus“ ist die latienische Bezeichnung für „Apothekergarten“, „Arzneigarten“. Solche Kräutergärten enthalten Heilpflanzen und Giftpflanzen, aber auch Gewürzpflanzen, die zur Herstellung von Arzneimitteln dienen. Apothekergärten gehen auf die Klostergärten des Mittelalters zurück, in denen Pflanzen zu medizinischen Zwecken angebaut wurden. Näheres auf Wikipedia.

Im Motto „vom Hortus Medicus zur Pharmaforschung“ drückt sich der weite Bogen von der historischen Kräuterheilkunde bis zur modernen Arzneipflanzenforschung aus, der auch in der Phytotherapie eine wichtige Rolle spielt und sie so interessant macht.

Dem Zitat von Prof. Weigend kann ich sehr zustimmen. Es gibt rund um das Thema Heilpflanzen sehr viel gefährliches Halbwissen oder auch schlichte Fehlinformationen aus Überlieferung, Esoterik und angeblich „gefühltem“ Wissen. Diese Welle von Fragwürdigkeiten hat nicht zuletzt mit dem Internet zu tun. Selbst vollkommen abstruse Behauptungen lassen sich im Netz in Windeseile verbreiten, während korrekte Information es viel schwerer hat und langsamer unterwegs ist.

Wie man Fehlinformationen von Fakten trennt und sich eine fundierte Meinung bildet, kann man übrigens in meinen Lehrgängen lernen.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

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EFSA publiziert Sicherheitsevaluation für Catechine im Grüntee

Die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat eine Evaluation der Sicherheitsdaten von Catechinen im Grüntee durchgeführt. Grund dafür waren Meldungen von Leberschäden, die möglicherweise in Zusammenhang mit der Verwendung von Grünteeprodukten stehen.

Catechine sind die wichtigsten Flavonoide, die im Grüntee enthalten sind, wobei mengenmässig Epigallocatechingallat (EGCG) dominiert.

Die EFSA kommt in ihrer Untersuchung zum Schluss, dass Catechine in Aufgüssen und anderen Grünteegetränken generell sicher sind.

In Europa wird die aufgenommene Tagesmenge an EGCG über traditionelle Grünteeaufgüsse auf 90 bis 300 mg geschätzt.

Bei Erwachsenen, die Grünteegetränke in grossen Mengen konsumieren, kann sie bis zu 866 mg erreichen. Der regelmässige Genuss von Grüntee ist sehr beliebt. Beobachtungsstudien vor allem aus China und Japan zeigen, dass Grünteekonsumenten ein verringertes Risiko für Krebs und kardiovaskuläre Erkrankungen haben.

Andererseits können mit Schlankheitsprodukten auf der Basis von Grüntee für Erwachsene durchaus Catechindosen von über 800 mg/Tag zugeführt werden.

Bei so hohen Tagesdosen ist der Verdacht auf Leberschädigung aufgetaucht. Fachleute konnten bisher noch keine sichere Dosis definieren.

Bei Tagesdosen unter 800 mg gibt es keine Hinweise auf Leberschädigung.

Bei Recherchen wurden sehr variable Mengen an EGCG-Tagesdosen aus Nahrungsergänzungsmitteln mit Grüntee (5-1000 mg Catechine) gefunden.

Eine Rolle könnte auch die unterschiedliche Art der Einnahme spielen: Während Teeaufgüsse üblicherweise mit der Nahrung und über den Tag verteilt getrunken werden, werden Nahrungsergänzungsmittel eher nüchtern und als einzelne Tagesdosis eingenommen.

Um den Verbraucherschutz zu verbessern empfiehlt die EFSA, Grünteeprodukte deutlicher zu kennzeichnen mit Angabe des Catechingehalts. Darüber hinaus rät sie zu weiteren Studien zur Wirkung von Grünteecatechinen.

Literatur:

_European Food Safety Authority, Scientific opinion on the safety of green tea catechins, 18.04.2018

Quelle:

http://www.pharmavista.net/content/default.aspx?http://www.pharmavista.net/content/NewsMaker.aspx?ID=5685&NMID=5685&LANGID=2

 

Kommentar & Ergänzung:

Dass Grünteekonsum in Mengen, wie sie in China und Japan üblich sind, unschädlich ist, erscheint jedenfalls plausibel. Mit Nahrungsergänzungsmitteln kann man aber EGCG in Dosen aufnehmen, die weit darüber hinaus gehen. Hier ist Vorsicht durchaus angebracht. Die Empfehlung der EFSA, den Catechingehalt bzw. EGCG-Gehalt von Grünteeprodukten besser zu deklarieren, ist daher sinnvoll.

Bei Grüntee-Extrakten würde ich auch eine Angabe des DEV begrüssen. Dadurch lässt sich mindestens annähernd umrechnen, wieviel Tassen Grüntee eine Kapsel mit Grüntee-Extrakt entspricht. DEV = Droge-Extrakt-Verhältnis („Droge“ meint hier: getrocknete Arzneipflanze). Eine Erklärung zum DEV findet sich auf Wikipedia:

« Das Droge-Extrakt-Verhältnis (DEV), genau genommen das „native“ Droge-Extrakt-Verhältnis (DEVnativ), wird bei Drogenextrakten deklariert. Es gibt an, welche Ausgangsmenge an Droge für die Bereitung einer bestimmten Menge des Extraktes eingesetzt wurde. Für einen Trockenextrakt mit einem DEV von z. B. 10:1 bedeutet dies, dass 1 Teil Trockenextrakt aus 10 Teilen Droge gewonnen wurde, also wurde für die Bereitung von 10 g Trockenextrakt 100 g Droge eingesetzt. Mit dieser Zahl kann bei der Dosierung des pflanzlichen Arzneimittels immer auf die dafür eingesetzte Drogenmenge umgerechnet werden. Damit können auch verschiedene Trockenextrakte einer Droge in ihrer Qualität verglichen werden und Rückschlüsse auf die Anreicherung der Inhaltsstoffe gezogen werden. Trockenextrakte haben je nach eingesetztem Pflanzenteil ein DEV von 5 bis etwa 50:1, Fluidextrakte (Flüssigextrakte) haben ein DEV von 1:1 bis 1:2, Dickextrakte (zähflüssige Extrakte) beispielsweise 3-6:1, Tinkturen und andere alkoholische Extrakte meist 1:7 bis 1:9 bzw. 1:4 bis 1:4,5, je nachdem welche Menge Alkohol für die Extraktion der Droge eingesetzt wurde.»

Quelle: Wikipedia

Die erwähnten Beobachtungsstudien, die auf ein verringertes Risiko für Krebs und kardiovaskuläre Erkrankungen bei Grünteekonsumenten hinweisen, sind zwar interessant, können aber eine Wirksamkeit nie einwandfrei belegen.

Bei Beobachtungsstudien werden Bevölkerungsgruppen verglichen und es wird nach Zusammenhängen zwischen dem Auftreten von bestimmten Krankheiten und zum Beispiel bestimmten Ernährungsgewohnheiten geforscht.

Wenn man aber nun beispielsweise eine japanische und eine europäische Bevölkerungsgruppe vergleicht und dabei feststellt, dass in der japanischen Gruppe – die deutlich mehr Grüntee konsumiert – bestimmte Krebsarten seltener sind, dann ist damit noch nicht klar belegt, dass dieser Unterschied auf den Grünteekonsum zurückzuführen ist. Menschen in Japan unterscheiden sind an vielen Punkten von Menschen in Europa. Sie essen zum Beispiel auch mehr Soya, mehr Fisch, mehr Gemüse, weniger Fleisch….

In den Beobachtungsstudien zeigten sich die positiven Effekte von Grüntee zudem erst bei Gruppen, die relativ hohe Dosen täglich konsumierten, etwas 8 – 10 (japanische) Tassen.

Fazit: Wer Grüntee gern hat, kann ihn problemlos als Genusstee trinken, aber lieber nicht in exzessiv hohen Dosen. Mit konzentrierten Grüntee-Präparaten wäre ich zurückhaltend, vor allem, wenn es ausschliesslich um Vorbeugung geht.

Wer trotz fehlendem eindeutigem Wirksamkeitsnachweis Grüntee zum Beispiel zur Metastasen-Prophylaxe bei Krebserkrankungen einsetzen möchte, muss tägliche mehrere Tassen Grüntee trinken, allerdings nicht direkt wärhend einer Chemotherapie, da Grüntee die Wirksamkeit der Chemotherapie reduzieren kann.

Für den erwähnten Einsatz von Grüntee-Präparaten als Schlankheitsprodukte fehlen überzeugende Wirksamkeitsbelege.

Siehe dazu:

Grüntee zur Gewichtsreduktion? (1)

Grüntee zur Gewichtsreduktion? (2)

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Aktivkohle bei Durchfall

Aktivkohle = „medizinische Kohle“, ist poröser, feinkörniger Kohlenstoff mit einer grossen inneren Oberfläche.

„ Die Poren sind wie bei einem Schwamm untereinander verbunden (offenporig). Die innere Oberfläche beträgt zwischen 300 und 2000 m2/g Kohle, damit entspricht die innere Oberfläche von vier Gramm Aktivkohle ungefähr der Fläche eines Fußballfeldes.“ (Quelle: Wikipedia).

An diese eindrücklich grosse Oberfläche bindet Aktivkohle Toxine und führt sie über den Stuhl der Ausscheidung zu. Diese Fähigkeit wird ausgenutzt bei Vergiftungen. Aktivkohle ist dabei zwar sehr breit wirksam, aber nicht gegen alle Gifte. Unwirksam ist sie zum Beispiel gegen Cyanid, Eisen, Lithium, Elektrolyte, Lösungsmittel und verschiedene Alkohole wie Methanol und Ethanol. (Quelle: Pharmawiki)

Da Aktivkohle zum Beispiel auch Bakterien und Bakterientoxine bindet, wird sie ebenfalls als Mittel gegen Durchfall eingesetzt. Sie ist nur lokal im Verdauungstrakt wirksam und wird nicht in den Organismus aufgenommen.

Aktivkohle kann auch andere Medikamente binden und dadurch ihre Aufnahme stören. Deshalb sollen andere Medikamente nicht gleichzeitig, sondern in einem Abstand von mindestens zwei Stunden eingenommen werden, da es sonst zu einem Wirkungsverlust kommen kann.

Aktivkohle kann auch zur Entfernung von Zahnverfärbungen eingesetzt werden.

Aktivkohle ist für medizinische Zwecke im Handel in Kapselform oder als flüssige Suspension (Carbovit).

Ausgesprochen fragwürdig ist der Trend, Aktivkohle Lebensmitteln beizufügen in der Hoffnung, damit den Körper zu entgiften, zum Beispiel in Form von Aktivkohle-Drinks. Erstens ist überhaupt nicht klar, was genau für Stoffe da entgiftet werden sollen. Die Aktivkohle ist nämlich nicht so schlau, dass sie unterscheiden kann, welche Stoffe für uns schädlich sein könnten, und welche wir brauchen. So ist es denkbar, dass sie auch gesunde und notwendige Stoffe bindet wie Vitamine, Polyphenole etc.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Öko-Test beurteilt Schleimlöser bei Husten: Heilpflanzen-Präparate top

Öko-Test hat 24 frei verkäufliche Arzneimittel gegen Husten unter die Lupe genommen, davon 9 Hustenreizdämpfer und 15 Schleimlöser.

Die Fachleute halten nur für wenige Produkte eine lindernde Wirkung aus wissenschaftlicher Sicht hinreichend belegt. Darum schneidet die Mehrzahl der Hustenmittel im Test auch nur „ausreichend“ und schlechter ab.

Auffallend und erfreulich ist aber, dass bei den Schleimlösern Heilpflanzen-Präparate (Phytopharmaka) am besten abschneiden:

«Bei den Schleimlösern ist die Auswahl an sehr guten Produkten schon etwas größer: „Bronchipret TP, Filmtabletten“ (9,90 Euro/20 Stück), „GeloMyrtol Forte, Weichkapseln“ (10,19 Euro/20 Stück), „Soledum Kapseln Forte“ (9,90 Euro/20 Stück). Für die „Umckaloabo-Tropfen hat es immerhin noch für ein „gut“ gereicht (10,20 Euro/20 ml).»

Quelle:

https://www.n-tv.de/ratgeber/Diese-Mittel-helfen-bei-Husten-article20206388.html

Kommentar & Ergänzung:

Wir haben es hier mit ganz unterschiedlichen Phytopharmaka zu tun, die aber alle gut durch Studien in ihrer Wirksamkeit belegt sind.

– Bronchpret Filmtabletten enthalten Thymiankraut-Trockenextrakt und Primelwurzel-Trockenextrakt.

– GeloMyrtol Forte enthält ein ein Destillat aus einer Mischung von Eukalyptusöl, Süssorangenöl, Myrtenöl und Zitronenöl enthält. In der Schweiz gibt es dazu eine kassenzulässige Variante: GeloDurat (wird von der Grundversicherung bezahlt, wenn ärztlich verschrieben).

– Soledum Kapseln Forte besteht zu 100% aus Cineol, dem Hauptbestandteil von Eukalyptusöl. Dieses Präparat ist in Deutschland auf dem Markt, nicht jedoch in der Schweiz.

– Umckaloabo (flüssig) ist da einzige mit Studien belegte Präparat aus Kapland-Pelargonie. In der Schweiz gibt es dazu eine kassenzulässige Variante: Kaloabo (wird von der Grundversicherung bezahlt, wenn ärztlich verschrieben).

„Mangelhaft“ abgeschnitten haben synthetische Schleimlöser auf der Basis von ACC bzw. NAC (Acetylcystein) – nicht ganz unerwartet, weil ihre Wirksamkeit nur mangelhaft belegt ist.

Wikipedia schreibt zu ACC:

„Die Wirksamkeit hinsichtlich einer schleimverflüssigenden Wirkung von Acetylcystein ist für einfache Atemwegsinfekte nicht belegt. Die therapeutische Wirksamkeit bei Bronchitis ist umstritten, da die aus den 1980er Jahren stammenden Studien heutigen Ansprüchen an ein Studiendesign nicht standhalten. Dementsprechend gibt es nach der DEGAM-Leitlinie auch keine Empfehlung für ACC bei der Behandlung eines grippalen Infektes oder einer akuten Bronchitis, da in randomisierten doppelblinden placebokontrollierten Studien keine signifikanten Effekte auf Lungenfunktion, Bronchialschleim, systemische Oxygenierung und/oder Beatmungsnotwendigkeit nachgewiesen werden konnten. Der Einsatz von ACC als Schleimlöser wird aus medizinischer Sicht deshalb kritisch hinterfragt.“

Das ist bemerkenswert, weil ACC-Präparate sehr oft gegen Husten verkauft werden. Wikipedia führt als Präparate auf:

Monopräparate

ACC (D, A, CH), Acemuc (D), Acemucol (CH), Acetyst (D), Aeromuc (A), Dynamucil (CH), Ecomucyl (CH), Fluimucil (D, A, CH), Helvetussin (CH), Mucobene (A), Mucofluid (CH), Myxofat (D), NAC (D), Secresol (CH), Solmucol (CH), diverse Generika (D, CH)

Kombinationspräparate

Alvesin (D), Aminopäd (D), Aminoplasmal (D), Deltamin (D), Infesol (D), Nephrotec (D), Periplasmal (D, A), Pädamin (A), Rinofluimucil (CH), Salviamin (D), Solmucalm (CH)

 

Bei den Schleimlösern wird also den Phytopharmaka von „Öko-Test“ eine besser belegte Wirksamkeit attestiert als den synthetischen Präparaten. Diese Beurteilungen und Belege gelten allerdings nur für die entsprechenden Produkte und können nicht auf andere Heilpflanzen-Anwendungen übertragen werden.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Ralf Dahrendorf zu den Gefährdungen liberaler Demokratien

Der deutsch-britische Soziologe, Politiker und Publizist Ralf Dahrendorf (1929 – 2009) hat am 11. Dezember 2006 für die Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus einen Vortrag gehalten zum Thema „Anfechtungen liberaler Demokratien“. Darin hat er fast prophetisch drei Gefährdungen liberaler Demokratien beschrieben, die seither noch sehr viel deutlicher im Raum stehen. Was sind diese drei Gefährdungen, vor denen Dahrendorf warnte?

1. Schleichender Autoritarismus

Als Beispiele für autoritäre Regime nennt Dahrendorf Singapur und Malaysia.

„Oligarchie plus Apathie“, das ist laut Dahrendorf die Formel des Autoritarismus.

Autoritarismus ist zu unterscheiden vom Totalitarismus. Totalitäre Regime kontrollieren und mobilisieren die Menschen ständig zum Zweck der Stärkung eines Gewaltregimes. Autoritäre Regime verlassen sich dagegen auf die Apathie und das Schweigen der Untertanen, die ihren eigenen, ‚privaten’ Interessen nachgehen, während eine kleine Gruppe – eine Nomenklatura, eine Bürokratie – die Zügel in der Hand hält und das öffentliche Interesse in eines zur eigenen Machterhaltung verwandelt hat.

Die überwiegende Zahl der Bürger mischt sich nicht in die öffentlichen Angelegenheiten ein. Tun einige es trotzdem, werden sie vom Regime zum Schweigen gebracht.

Davon könne in den westlichen Demokratien zumindestens in dieser Schärfe keine Rede sein, stellte Dahrendorf in seinem Vortrag im Dezember 2006 fest. Es gebe jedoch Tendenzen, die in eine ähnliche Richtung weisen:

„Das zunehmende Desinteresse vieler Bürger lässt sich nicht nur an der Wahlbeteiligung ablesen. Vielfach ist die Debatte über öffentliche Dinge erlahmt. Politik erreicht den Bürger und Wähler nicht mehr. Die meisten haben anderes im Sinn. Die Parteien verlieren Mitglieder, die Zeitungen verlieren Leser. Die Leute schütteln den Kopf über die Politik, aber betrachten das nicht als Aufforderung zum Tun, sondern als Grund zur Abkehr….

Zugleich geschehen Dinge, die die Macht der politischen Führer, also insbesondere der Exekutive, stärken.“

Als Beispiel für letzteres verweist Dahrendorf auf die Gesetzgebung, die dem Schutz vor Terrorismus dienen soll, und erwähnt dabei den US-amerikanischen Patriot Act.

Arroganz der Macht der wenigen und Apathie der vielen sei eine verbreitete Versuchung der Unfreiheit.

 

2. Staatsversagen (Failed States)

Dahrendorf meint damit nicht nur die Unfähigkeit eines Staates, bestimmte Probleme, wie beispielsweise die Kinderarmut, zu lösen, sondern die völlige Abwesenheit des Staates in wichtigen Bereichen. Die Rede ist also von gescheiterten Staaten (failed States).

Dahrendorf:

„Noch haben wir nicht recht zur Kenntnis genommen, was es bedeutet, wenn das staatliche Gewaltmonopol ganz oder teilweise ausser Kraft gerät.“

Dahrendorf verweist – im Jahr 2006 – als Beispiele für failed States auf Afghanistan, den Irak und den Kongo:

„Präsident Hamid Karzai mag von einer Mehrheit der afghanischen Wähler gewählt worden sein, aber tatsächlich ist er bestenfalls Bürgermeister von Kabul. Schon in Kandahar gilt sein Wort wenig. Afghanistan hat keine staatlichen Institutionen, mit denen man etwa über ein Programm einer Landwirtschaft ohne Opium-Anbau reden und dann Veränderungen durchsetzen könnte.

Der Irak war einer der wenigen Staaten mit einem (von Saddam Hussein scheusslich missbrauchten) staatlichen Gewaltmonopol in der Region; heute ist er weitgehend ein failed state, was seinen Schatten wirft auf die Absicht, den ‚irakischen Behörden’ zunehmend weitere Vollmachten zu überlassen.“

Das hat für Dahrendorf unter anderem auch Konsequenzen für die UNO:

„Sieht man sich die Vereinigten Nationen genau an, so haben viele ihrer Mitglieder tatsächlich nicht nur kein Mandat, sondern auch kein Land; sie vertreten keinen handlungsfähigen Staat. Es führt daher in die Irre, sie so zu behandeln wie Frankreich oder Deutschland oder die USA.“

Auch in Europa sieht Dahrendorf in seinem Vortrag im Jahr 2006 Anzeichen für failed states:

„Bei der Auflösung Jugoslawiens hat es sehr rasche Staatsbildungen gegeben, aber es ist dabei auch ein grosses Gebiet entstanden, in dem Hohe Beauftragte internationaler Instanzen oder regionale Kriegsherren das Sagen haben. Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Montenegro und andere Gebiete im europäischen Feld und Umfeld sind kaum als Staaten zu bezeichnen.“

Dahrendorf weist darüber hinaus darauf hin, dass es auch innerhalb europäischer Staaten Gebiete oder genauer Gegenden gibt, in denen das Gewaltmonopol des Staates gleichsam ausser Kraft gesetzt ist:

„Es gibt no-go areas, in die die meisten nicht gehen, die auch von staatlichen Instanzen, also von Polizei und Justiz, in der Regel gemieden werden…..Der demokratische Staat reicht nie bis in den letzten Winkel der Gesellschaft und soll es auch nicht tun….Die multikulturelle Gesellschaft aber, die unter dieser Überschrift ganzen Stadtvierteln und Gruppen eine Art Eigenleben einräumt, solange sie sich nicht einmischen in die Hauptgesellschaft, hat ein Stück Freiheit preisgegeben. Sie erlaubt sozusagen Staatsversagen nach innen. Sie hebt das staatliche Gewaltmonopol für einen Teil der Bevölkerung auf.“

Failed states, sich auflösende Staaten oder solche, denen das Gewaltmonopol entglitten ist, seien keine guten Verhandlungspartner und dazu auch in fast keinem Fall Demokratien.

 

3. Einschränkung demokratischer Entscheidungsmöglichkeiten im Nationalstaat infolge Globalisierung

Historisch gesehen war der Nationalstaat der Ort, an dem demokratische Institutionen Fuss fassen konnten. Im Verlaufe der Globalisierung sind wichtige Entscheidungen aus der Sphäre des Nationalsstaates abgewandert.

Wirtschaftspolitik sei vielfach nur noch teilweise, Währungspolitik zum Teil gar nicht mehr von nationalen Regierungen und Parlamenten zu betreiben, sagt Dahrendorf, und fährt fort:

„Manche meinen, dass das noch für andere, wichtige Bereiche der Politik gilt. Damit stellt sich die Schlüsselfrage: Haben wir demokratische Verfahren und Institutionen für Entscheidungen, die jenseits der Grenzen des Nationalstaates getroffen werden? Oder bedeutet die ‚Überwindung nationalstaatlichen Denkens’ immer zugleich einen Verlust an Demokratie?“

Auf diese Fragen gebe es keine einfachen Antworten, sagt Ralf Dahrendorf, und er bezieht diese Aussage auch auf Europa und die Europäische Union.

Die Europäische Union sei kein Nationalstaat im Grossformat. Sie habe bei ihren supranationalen Kompetenzen gewisse staatlichen Qualitäten, die zwar keinen failling state schaffen, aber einen noch nicht gelungenen Staat, was in der Wirkung nach Dahrendorf fast auf das gleiche hinausläuft. Das Gewaltmonopol der europäischen Institutionen hält er schon deshalb für fragwürdig, weil es durch nationalstaatliche Institutionen ausgeübt werden muss:

„Wenn Staaten Souveränität an ‚Brüssel’ abgeben, dann verlieren sie nicht nur ein Stück ihrer Macht, sondern auch ihrer Staatlichkeit, denn ‚Brüssel’ kann das nicht leisten, was Staaten leisten. In der Tat muss es sich an die Staaten als Träger des Gewaltmonopols halten, wenn es um die Erhebung von Steuern oder die Verfolgung von Vergehen oder die Kontrolle der Zuwanderung geht.“

Am Massstab funktionierender Staatswesen gemessen, sei die Europäische Union gegenüber den Nationalstaaten ein Rückschritt. Diese Tatsache werde noch verschärft durch die eher zweifelhalten demokratischen Qualitäten der Union:

„In ihrer ursprünglichen Konstruktion war die Europäische Union zweifellos nicht demokratisch. Sie bestand aus einer ernannten Kommission mit einem Vorschlagsmonopol. Beide tagen nicht-öffentlich. Inzwischen hat die ursprünglich eher beratende Versammlung sich zum Parlament gemausert. Doch sind die Kompetenzen des Europäischen Parlaments nach wie vor begrenzt, je gemessen an nationalen Parlamenten beschämend gering für eine direkt gewählte Kammer.“

Dahrendorf fragt, ob es überhaupt demokratische Verfahren für Entscheidungen geben kann, die jenseits des Raumes der Nationalstaaten getroffen werden.

Sicher sei, dass die schlichte Übertragung nationaler Institutionen wie Wahlen und Parlamenten das mit Demokratie Beabsichtigte nicht bewirke:

„Ist schon das Europäische Parlament durchaus fragwürdig, so wäre ein gewähltes Weltparlament vollends abwegig. Selbst wenn es 1000 Mitglieder hätte, würde das bedeuten, dass auf etwa 3 Millionen Wähler ein Abgeordneter käme. Deutschland hätte also höchstens 20 Vertreter, und die Frage, ob es einen relevanten demos gäbe, würde sich erübrigen.“

Mit Blick auf die globalisierte Welt und auf die Frage, wie dort demokratisch akzeptable Entscheidungen zustande kommen können, sieht Dahrendorf nur zweitbeste Antworten, nur Ersatzlösungen. Dazu gibt er aber immerhin Hinweise:

„Die Verfassung der Freiheit besteht nicht nur aus demokratischen Verfahren und Institutionen, sondern immer auch durch die Herrschaft des Rechts. Liberty under law, die rechtlich geschützte Freiheit, ist ein Grundsatz, der sich auch auf grössere Räume als den Nationalsstaat anwenden lässt. Auch das ist nicht problemlos. Immerhin bietet der Strassburger Gerichtshof des Europarates ein Beispiel. Ansätze wie der Haager Internationale Gerichtshof verdienen zudem Beachtung.“

Das sei nicht Demokratie im Sinne der Beteiligung der Bürger, sagt Dahrendorf. Für diese Beteiligungen seien jenseits des Nationalstaates einstweilen nur institutionell schwache Formen erkennbar.

Dahrendorf erwähnt dazu zwei Beispiele.

Erstens:

„Nicht-Regierungsorganisationen (ngo’s) spielen eine wichtige grenzüberschreitende Rolle, insbesondere wenn sie – wie etwa Transparency International – andere anregen, sich an der Kontrolle von Entscheidungen zu beteiligen.“

Zweitens:

„Auch die Technik der Informationsgesellschaft hilft. Regierungen mögen den Zugang zu bestimmten Teilen des Internet zu kontrollieren suchen, im diffuseren internationalen Raum aber gibt es dafür keine Instanzen.“

Gegen Schluss seines Vortrags konstatiert Dahrendorf noch einmal, dass wichtige Entscheidungen aus dem Raum ausgewandert sind, für den wir demokratische Institutionen haben, und er wirft die Frage auf, ob die Demokratie in der Krise sei.

In seiner Antwort auf diese Frage spricht er sich deutlich gegen falsche Dramatisierungen und demokratischen Defaitismus aus. Der demokratische Nationalstaat sei keineswegs am Ende seiner Kunst angelangt. Gerade in Deutschland werde der Nationalstaat zuweilen allzu leichthin im Namen Europas oder der Globalisierung abgeschrieben. Die parlamentarische Demokratie im nationalen Rahmen verdiene auch heute noch jene Unterstützung, die Theodor Heuss ihr immer gegeben habe:

„Der demokratische Nationalstaat, der mir als Modell vorschwebt, ist stark in den relativ engen Grenzen, die staatlicher Tätigkeit in freien Ländern gezogen werden. Es geht um einen Staat, der stark ist in seinen klassischen Funktionen, im Übrigen aber der Markwirtschaft und der Bürgergesellschaft breiten Raum lässt. Auch die allzu grosse Ausweitung staatlicher Aufgaben kann auf die schiefe Ebene der failed oder failling states führen: wenn der Staat zu viel tun will, verliert er seinen Zugriff auf Kernaufgaben.“

Soweit die Zusammenfassung der drei Gefährdungen liberaler Demokratien, die Dahrendorf in seinem Vortrag vom Dezember 2006 angesprochen hat.

In ein paar Nebensätzen erwähnt Dahrendorf eine weitere Gefährdung, die ich hier nachtragen möchte:

Es sei vor allem der heterogene Nationalstaat, der durch die Demokratie zu einer Verfassung der Freiheit wird. Demokratie brauche die Homogenität der Bevölkerungen nicht, die nicht zufällig oft eine Forderung antidemokratischer Kräfte sei:

„Sie kennt vielmehr Einstellungen und Institutionen, die Länder mit unterschiedlichen ethnischen, religiösen, kulturellen Gruppen zusammenhalten.“

Ralf Dahrendorf spielt damit auf Gefahren an, die er im Trend zum Regionalismus sieht. Etwas ausführlicher hat er dieses Phänomen thematisiert in seinem Buch „Auf der Suche nach einer neuen Ordnung“ (2003):

„Der neue Regionalismus, der oft mit grosser Intensität und nicht selten mit Gewalt verfochten wird, ist im Unterschied zum Lokalismus in aller Regel demokratiefeindlich. Er ist zumeist nicht aus dem Wunsch nach demokratischer Selbstbestimmung sondern aus dem nach ethnischer (sprachlicher, konfessioneller) Homogenität geboren. Sein erstes Prinzip ist die Abgrenzung, nach aussen gegenüber ‚fremden’ Nachbarn, nach innen gegenüber nicht minder ‚fremden’ Minderheiten. Die Triebkraft der Entwicklung ist nicht eine echte Volksbewegung, sondern die Mobilisierung durch Demagogen und das Interesse von Funktionären. Gelingt der Versuch, dann ist daher der Nutzen für die Aktivisten grösser als der für das Volk. Von Demokratie ist nicht mehr viel die Rede; denn nun, da man endlich schottisch ist oder katalanisch, wird alles andere, werden also checks and balances, Veränderungen an der Spitze, ja die Teilnahme des Volkes zweitrangig.

Glokalisierung1 als Regionalisierung hat nicht nur Folgen für die Demokratie, sondern auch für das friedliche Zusammenleben. Das Resultat kann eine neue Form der ‚Balkanisierung’ sein, bei der lauter angeblich homogene Regionen sich nach aussen absichern und nach innen alle, die nicht in das ethnisch saubere Bild passen, unterdrücken. Da sind Grenzstreitigkeiten nahezu unvermeidlich, und angesichts des nicht demokratischen, sondern demagogischen Charakters der Gebilde ist Gewalt in der Durchsetzung der Ziele durchaus wahrscheinlich.

Wenn hier das Lob der Nationalstaaten gesungen wird – und sie sind die Heimstatt der Demokratie und das Gehäuse, in dem die liberale Ordnung gedeiht -, dann ist ein definierendes Element entscheidend. Es ist die Rede von zumindest prinzipiell vielfältigen, ja heterogenen Staaten, also nicht solchen, in denen eine einzige ethnische ‚Nation’ das Sagen hat. Insofern sind die Vereinigten Staaaten von Amerika und Indien grosse, modellhafte Beispiele. Nicht überall ist Heterogenität so dramatisch wie in diesen Ländern. Mancherorts ist die Demokratie durch Zuwanderung auf eine späte Probe gestellt worden. Die Rede ist jedoch von Gemeinwesen, die Homogenität nicht zum Prinzip erheben, sondern Bürgerrechte Menschen vielfältigen Ursprungs und vielfältiger Orientierung anbieten. Die liberale Ordnung in solchen Nationalstaaten ist eine der grossen Errungenschaften der menschlichen Zivilisation.“

Zur Erläuterung:

1) „Glokalisierung ist ein Neologismus und ein Kofferwort gebildet aus den Begriffen Globalisierung und Lokalisierung, wobei diese beiden Begriffe als Spektrum der Größenordnungen, also nicht als Gegensätze, sondern als verbundene Ebenen, zu verstehen sind….. ‚Glokalisierung’ bezeichnet die Verbindung und das Nebeneinander des vieldimensionalen Prozesses der Globalisierung und seiner lokalen bzw. regionalen Auswirkungen und Zusammenhänge.“ (Quelle: Wikipedia)

Wenn man sich die gegenwärtige Krise zwischen Katalonien und Spanien (2017) vor Augen hält, dann sie die Ausführungen von Dahrendorf aus dem Jahr 2003 sehr bedenkenswert und vorausschauend.

 

Nachbetrachtung

Dieser Zusammenfassung eines Vortrags aus dem Jahr 2006 möchte ich ein paar Gedanken aus der Gegenwart – dem Jahr 2017 – hinzufügen und damit auf seitherige Entwicklungen kommentierend eingehen.

Schleichender Autoritarismus: Diese Gefahr hat inzwischen viel konkretere Formen angenommen, wenn man zum Beispiel an Ungarn, Polen, die Türkei und Russland denkt.

Wenn Dahrendorf die Apathie breiter Bevölkerungskreise als Grundvoraussetzung für den schleichenden Autoritarismus beschreibt, dann muss das heute zu Denken geben. Aktivität und Engagement ist in den letzten Jahren zwar ein Stück weit zurückgekehrt in den politischen Prozess. Es sind aber vor allem die extremen Pole, die Rechtpopulisten und Rechtsextremen, die Linksextremen, die Islamhasser und zum Teil auch die Islamisten, die mit oft sehr grossem Einsatz sich für ihre Ziele einsetzen – während die moderate Mitte der Gesellschaft ihren Geschäften nach geht und sich um das private Gärtchen kümmert. Die liberalen Demokratien sind tatsächlich in Gefahr, wenn die moderate Mitte unsere freiheitlichen Gesellschaftsordnungen weiterhin für selbstverständlich nimmt und weiter schläft.

Staatsversagen (Failed States): Hier zeigt sich auf dem Balkan, wie schwierig und langwierig es ist, nach dem Zusammenbruch des multiethnischen (aber unfreiwilligen) Jugoslawien ethnisch eher homogene Kleinstaaten auf die Beine zu bringen und dabei nach innen und aussen den Frieden zu bewahren. Und die Interventionen im Irak, in Afghanistan und inzwischen auch in Libyen zeigen überaus deutlich, dass solche Eingriffe von aussen – wenn sie überhaupt zu rechtfertigen sind – ein grosses Mass von Verantwortungsübernahme für die Zeit danach mit sich bringen. Failed States sind andernfalls oft das Ergebnis.

Das wird möglicherweise auch Russland in Syrien demnächst erfahren.

Interessant ist aber auch der Blick auf Failed States gegen innen. Dahrendorf spricht offensichtlich no-go areas im Zusammenhang mit eingewanderten Parallelgesellschaften an. Es gibt aber auch Gegenden, in denen ausländische Menschen sich nicht sicher bewegen können und der Staat nicht präsent genug ist. In der Schweiz sind wir meines Erachtens bezüglich no-go areas vergleichsweise noch in einer guten Position. Vielleicht gibt es Fussballstadien, die zeitweise rechtsfreie Räume sind, aber das ist ein beschränktes Phänomen.

Einschränkung demokratischer Entscheidungsmöglichkeiten im Nationalstaat infolge Globalisierung: Auch hier spricht Dahrendorf meines Erachtens problematische Vorgänge an, die sich inzwischen verschärft haben. Durch die Globalisierung wandern Entscheidungsspielräume aus dem Bereich der nationalen Demokratie in supranationale Bereiche ab. Und ja, die Antworten von Dahrendorf sind – wie er selber ssagt, nur Ersatzlösungen. Noch nicht sehr überzeugend. Dahrendorf, der 1973 ein Buch mit dem Titel „Plädoyer für die Europäische Union“ geschrieben hat, greift auch präzis die demokratischen Schwachstellen der Europäischen Union auf, die auch heute noch nicht überwunden sind.

Mitdenken ist auf vielen Ebenen gefragt und wir müssen den demokratischen Strukturen Sorge tragen.

Quellen:

Ralf Dahrendorf, Anfechtungen liberaler Demokratien, Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus, Kleine Reihe 19, 2007.

Ralf Dahrendorf, Auf der Suche nach einer neuen Ordnung, C. H. Beck Verlag 2003.

 

Autor dieser Zusammenfasung:

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

Weitere Texte von mir zu gesellschaftspolitischen Themen:

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Zusammenfassung des Populismus-Konzepts von Jan-Werner Müller.

– Notwendig: Den Sumpf der Hasspropaganda im Internet trockenlegen

Hauptsächlich eine Zusammenfassung von „Hass im Netz“ von Ingrid Brodnig.

– Demokratie braucht diskursive Gesprächskultur

Zum Mittelweg zwischen Relativismus und Dogmatismus.

Wie Medien via Aufmerksamkeitsfalle den Populismus fördern.

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Offene Gesellschaft oder Geschlossene Gesellschaft – wohin geht die Reise?

Liberale Demokratien sind weltweit unter Druck. Das Konzept der offenen Gesellschaft von Karl Popper ist deshalb wieder sehr aktuell und bietet wertvolle Hinweise zur Verteidigung der liberalen, offenen Demokratie.

Hannah Arendt: Standnehmen in der Welt statt Weltentfremdung.
Die Sorge um intakte Weltbezüge in der modernen Gesellschaft.

Lob der Kritik. Vom Wert der Kritikfähigkeit in Zeiten von Fake News.

Übersicht meiner gesellschaftspolitischen Buchempfehlungen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hirtentäschelkraut reduziert in Studie Blutungen nach der Geburt

Ergänzend zu Oxytocin zeigte sich die Gabe eines Extraktes von Capsella bursa-pastoris (Hirtentäschel) zur Linderung postpartaler Hämorrhagie (Blutungen nach der Geburt) gegenüber Placebo als überlegen.

Starke Blutungen nach einer Geburt können zu einem kritischen Gesundheitszustand führen. Als Folge des hohen Blutverlustes und anhaltender Blutungen können Anämie, Infektionen, Nierenprobleme, die Erfordernis von Bluttransfusionen oder einer Gebärmutterentfernung auftreten. Im schlimmsten Fall kann die postpartale Hämorrhagie sogar tödlich enden. Das vom menschlichen Körper produzierte Hormon Oxytocin kommt als Standardtherapie zur Eindämmung übermäßiger postpartaler Blutungen und zur Gebärmutterrückbildung zur Anwendung. Hebammen setzen in verschiedensten Kulturkreisen seit jeher die Kräuterheilkunde ein zur Begleitung von Schwangeren und Wöchnerinnen. Eine fast über die ganze Erde verbreitete Heilpflanze, die traditionell zur Stillung von Blutungen eingesetzt wird, ist das Hirtentäschelkraut (Capsella bursa-pastoris).

An der Shahid Beheshti University of Medical Sciences in Teheran wurde im Rahmen einer Doktorarbeit erstmals mit einer klinischen Studie untersucht, inwieweit die Verabreichung eines wässrig-alkoholischen Extraktes von Capsella bursa-pastoris den postpartalen Blutverlust bei Frauen mit vaginaler Entbindung reduzieren kann.

Jeweils 50 Frauen wurden per Zufallsentscheid zwei Gruppen zugeordnet (= randomisiert), die entweder Hirtentäschelkraut-Extrakt oder Placebo-Flüssigkeit bekamen.

Nach vollständiger Entfernung der Nachgeburt wurden den Studienteilnehmerinnen sublingual (= unter die Zunge) 10 Tropfen der jeweiligen Testflüssigkeit verabreicht. Alle Frauen bekamen als Standardbehandlung eine Infusion mit 20 U Oxytocin in 1 l Ringerlösung.

Der Blutverlust in den ersten drei Stunden nach der Geburt wurde durch das Wiegen unbenutzter und der benutzten (blutgetränkten) Hygienevorlagen erfasst. Ausserdem wurden in diesem Zeitraum in regelmäßigen Abständen die Vitalwerte der Probandinnen dokumentiert. Zu Geburtsbeginn und 6 Stunden nach der Entbindung wurden Blutproben der Frauen auf den Hämoglobin- und den Hämatokrit-Gehalt untersucht. In einer 40-tägigen Follow-up-Phase befragte die Studienleiterin die Teilnehmerinnen telefonisch zu ihrem Wohlbefinden und zu speziellen Vorkommnissen (Blutungen, Krankenhausaufenthalte, sonstige Komplikationen bei der Mutter oder beim Kind).

Verglichen mit der Kontrollgruppe (Oxytocin + Placebo) verlor die Behandlungsgruppe (Oxytocin + Capsella) total durchschnittlich 35 ml weniger Blut. Die Differenz erwies sich im statistischen Test für den Gesamtverlust und für die Messungen zur ersten, zweiten und dritten Stunde nach der Geburt als signifikant (p < 0.0001). Sowohl die Hämoglobin- als auch der Hämatokrit-Werte lagen bei den Frauen der Hirtentäschelkraut-Gruppe höher als in der Placebo-Gruppe. Die Teilnehmerinnen in der Hirtentäschelkraut-Gruppe waren mit ihrer Behandlung deutlich zufriedener als die Frauen der Placebo-Gruppe.

Quelle:

https://www.carstens-stiftung.de/artikel/hirtentaeschelkraut-gegen-blutungen-nach-der-entbindung.html

Ghalandari S, Kariman N, Sheikhan Z, Mojab F, Mirzaei M, Shahrahmani H. Effect of hydroalcoholic extract of Capsella bursa patoris on early postpartum hemorrhage: a clinical trial study. J Altern Complement Med 2017; 23(10):794-799.

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/28590768

 

Kommentar & Ergänzung:

Hirtentäschelkraut hat eine lange Tradition als Mittel gegen starke Blutungen in der Gynäkologie. Aber die Belege für eine Wirksamkeit sind bisher schwach. Auf diesem Hintergrund ist diese Studie aus dem Iran ziemlich überraschend und interessant.

Allerdings habe ich zu Studien aus dem Iran noch eine Aussage von Roman Huber in Erinnerung, dem Leiter des Zentrums für Naturheilkunde der Universitätsklinik Freiburg:

„Bei derartigen Untersuchungen sollte man vorsichtig sein, denn aus dem Iran kommen genau wie aus China in Sachen Naturheilkunde eigentlich nur Studien mit positiven Ergebnissen.“

Quelle dazu  siehe hier: Lavendelöl lindert Menstruationsbeschwerden

Wie es die Wissenschaft normalerweise fordert, müsste diese Studie nun von einer unabhängigen Forschungsgruppe wiederholt und das Resultat bestätigt werden, damit die Wirksamkeit anerkannt werden kann.

Interessant an diesem Bereicht ist ausserdem, dass die Verabreichung des Hirtentäschelextrakts sublingual erfolgte.

„Bei der sublingualen Einnahme gelangt der Wirkstoff schneller in den Blutkreislauf, da das venöse Blut aus der Mundschleimhaut direkt in die obere Hohlvene fließt. Bei der oralen Einnahme muss der Wirkstoff erst die Leber passieren, um in den großen Kreislauf zu gelangen, wobei er eventuell chemisch verändert wird. Dies ist bei der sublingualen Einnahme nicht der Fall, die Leber wird umgangen.“

Quelle: Wikipedia

Hirtentäschelkraut soll laut dem Phytotherapie-Fachbuch „Teedrogen und Phytopharmaka“ ein Peptid enthalten, das in-vitro (= im Reagenzglas) eine dem Oxytocin ähliche Wirkung zeigt. Das könnte eine Erklärung sein für eine allenfalls vorhandene blutstillende (hämostyptische) Wirkung.

Auch hier gilt es allerdings festzuhalten, dass eine Wirkung im Labor nicht unbedingt einer Wirkung im menschlichen Organismus entspricht.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Giftmischerin produziert und testet Rizin im Altersheim

Diese ziemlich verrückte Geschichte ging vor kurzem durch die Medien:

Eine 70-jährige Seniorin aus dem US-Bundesstaat Vermont hat auf eigene Faust hochgefährliches Pflanzengift Rizin produziert – und an ihren Mitbewohnern im Altersheim getestet.

Wie das US-Justizministerium mitteilte, wurde durch die Machenschaften der 70-jährigen Betty Miller aber offenbar kein Bewohner der idyllischen Seniorenresidenz in Shelburne im Bundesstaat Vermont getötet.

Die US-Bundespolizei FBI war den Angaben zufolge aufgrund einer möglicherweise gefährlichen Substanz in Millers Appartement alarmiert worden. Die Polizisten entdeckten in der Wohnung eine Flasche mit der Aufschrift „Rizin“. Untersuchungen bestätigten, dass es sich um das hochgefährliche Pflanzengift handelte. Rizin lähmt die Atemwege und kann bei Verschlucken schon in kleinsten Dosen tödlich wirken.

Die Giftmischerin wurde festgenommen. Sie habe angegeben, „Interesse an Giftstoffen auf Pflanzenbasis zu haben“, erklärte das Justizministerium. Nach einer Internet-Recherche produzierte sie das Rizin in ihrer Küche. Um seine Wirksamkeit zu prüfen, mischte sie das Gift in Speisen und Getränke ihrer Mitbewohner.

Millers Wohnung wurde von FBI-Fachleuten für „Massenvernichtungswaffen“ durchsucht. Die Polizisten entdeckten dort noch mehr Rizin und Pflanzenbestandteile etwa von Äpfeln, Kirschen, Rizinus, Fingerhut und Hefe, aus denen nach Einschätzung der Fachleute ebenfalls Gift hergestellt werden kann. Eine Gefahr bestehe nun jedoch nicht mehr.

Das Altersheim sprach von einem Einzelfall. Um die toxikologisch interessierte Bewohnerin des Appartements kümmern sich nun die Strafverfolgungsbehörden. In die Seniorenresidenz wird sie nicht zurückkehren.

Quelle:

https://www.stern.de/gesundheit/giftkueche-im-altenheim–seniorin-braut-hochgefaehrliches-rizin-7771444.html

 

Kommentar & Ergänzung:

Keine Ahnung, wie genau die Frau Rizin produziert hat.

Rizin ist vor allem enthalten in Rizinussamen.

Wikipedia schreibt dazu:

„Rizin oder Ricin ist ein äußerst giftiges Protein aus den Samen des Wunderbaums (Ricinus communis) aus der Familie der Wolfsmilchgewächse. Chemisch ist das Protein Rizin ein Lektin, das aus einer zellbindenden und einer giftigkeitsvermittelnden Komponente besteht. Seine Giftigkeit wird auf eine Hemmung der eukaryotischen Proteinbiosynthese zurückgeführt.

Gelangt das Gift in den menschlichen Organismus, so bringt es die kontaminierten Zellen zum Absterben. Für eine tödliche Vergiftung eines Menschen genügen (bei oraler Aufnahme) 0,3–20 Milligramm isoliertes Rizin pro Kilogramm Körpergewicht entsprechend etwa acht Samenkörnern, deren Größe und Gehalt jedoch stark schwankt. Bei Kindern kann, je nach Alter und Konstitution, schon ein halbes Samenkorn tödlich wirken. Allerdings wird auch berichtet, dass selbst nach Einnahme von 40 bis 60 Samen eine Überlebenschance besteht. Dabei kommt es darauf an, zu welchem Zeitpunkt das Erbrechen einsetzt. Bei intravenöser, inhalativer oder subkutaner Aufnahme wirken wesentlich geringere Mengen letal, so bei subkutaner Gabe schon 43 μg/kg Körpergewicht.

Rizin ist in der Kriegswaffenliste des deutschen Kriegswaffenkontrollgesetzes aufgeführt.“

Für den Einsatz von Rizin als Biowaffe gibt es eine Reihe von Fallbeispielen. Dazu wieder bei Wikipedia:

„Bekanntheit erlangte der Mordanschlag mit Rizin als ‚Regenschirmattentat’ auf den bulgarischen Schriftsteller und Dissidenten Georgi Markow in London 1978.

1991 wurden in Minnesota mehrere Mitglieder der rechtsextremistischen Gruppe Patriot’s Council festgenommen, weil sie für einen Anschlag auf Bundespolizisten eine Menge an Rizin hergestellt hatten, die für die Tötung von über 100 Menschen ausreichend gewesen wäre. Vier von ihnen wurden gemäß dem ‚Biological Weapons Anti-Terrorism Act’ von 1989 für schuldig befunden, sie waren die ersten nach diesem Gesetz Verurteilten überhaupt. 1995 wurde an der Grenze von Alaska ein ebenfalls dem rechtsextremistischen Lager zugerechneter Mann festgenommen beim Versuch, 130 Gramm pulverisiertes Rizin nach Kanada einzuschmuggeln.

Die Londoner Times berichtete am 16. November 2001, dass in verlassenen Al-Qaida-Häusern in Kabul Herstellungsanleitungen für Rizin gefunden worden waren, allerdings kein Rizin selbst. Im August 2002 gaben US-amerikanische Behörden bekannt, dass die islamistische Terrororganisation Ansar al-Islam Versuche mit Rizin und anderen chemischen und biologischen Kampfstoffen im Nord-Irak angestellt habe.

Am 9. Januar 2003 meldete die dpa, dass in London kleinere Mengen Rizin sowie Geräte zu seiner Herstellung gefunden worden waren. In diesem Zusammenhang wurden sechs Algerier festgenommen. Im April 2005 wurden bis auf einen alle Beteiligten freigesprochen. Ein Angeklagter wurde wegen Mordes an einem Polizisten, den er während einer Hausdurchsuchung erstochen hatte, zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Ermittlungsbehörden gaben in dem Verfahren entgegen früheren Meldungen an, kein Rizin, sondern lediglich amateurhafte Anweisungen zu seiner Herstellung gefunden zu haben.

Im Februar 2008 wurde in einem Hotelzimmer in Las Vegas Rizin gefunden. Die dortige Polizei erklärte, eine schwer vergiftete Person sei in ein Krankenhaus eingeliefert worden und schwebe in Lebensgefahr. Trotz des Fundes von Waffen und ‚anarchistischer Literatur’ glaube man nicht an einen terroristischen Hintergrund.

Am 12. August 2011 berichtete die New York Times über geheimdienstliche Erkenntnisse bezüglich des Versuchs zur Herstellung von Rizin durch den regionalen Arm von Al-Qaida im Jemen. Demnach sei die US-Regierung besorgt, dass dort Rizin für Anschläge gegen die USA hergestellt werden könne.

Am 16. April 2013 wurde je ein Brief mit Rizin an den republikanischen US-Senator Roger Wicker und den US-Präsidenten Barack Obama abgefangen. Am 30. Mai 2013 wurde bekannt, dass am 24. bzw. 26. Mai 2013 zwei Briefe mit Rizin an den amtierenden New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg abgefangen worden waren. Als Absenderin der Briefe an Bloomberg und Obama wurde die Schauspielerin Shannon Guess Richardson ermittelt; sie gestand dies. Sie wurde zu 18 Jahren Haft und 367.222 Dollar Entschädigungszahlung verurteilt.

Anfang September 2014 wurden in einem US-amerikanischen Labor schlecht gesicherte Rizinrestbestände aus Waffenexperimenten im Ersten Weltkrieg gefunden, zusammen mit Pest- und Botulismus-Erregern.“

Ein ziemlich gruseliger Giftstoff, dieses Rizin

Aus Rizinussamen gewinnt man das fette Rizinusöl, das in der Phytotherapie als Abführmittel (Laxans) eingesetzt wird. Für medizinische Zwecke wird Rizinusöl durch Kaltpressung hergestellt und raffiniert, das heisst entschleimt, entsäuert und mit Wasserdampf behandelt. Raffiniertes Rizinusöl enthält kein Rizin mehr.

Das Fachbuch „Pharmakognosie / Phytopharmazie“ schreibt zur Anwendung als Abführmittel:

„Innerlich als Laxans: Je nach Dosis tritt die laxieerende Wirkung unterschiedlich rasch ein: nach Einnahme von 1 Teelöffel voll nach etwa 8 h, nach Einnahme von 15 – 30 g (1 – 2 Esslöffel) innerhalb von 2 – 4 h. Unerwünschte Wirkungen: Es können sich dyspeptische Beschwerden einstellen. In Stadien fortgeschrittener Schwangerschaft können höhere Dosen die Wehen auslösen.“

Wegen der wehenauslösenden Wirkung ist Rizinusöl auch Bestandteil von sogenannten „Wehencocktails“. Siehe dazu:

Rizinusöl zur Geburtseinleitung

Rizinusöl als Abführmittel & Wehenmittel – Wirkung via Prostaglandinrezeptor

In Kosmetik und Dermatologie wird Rizinusöl zudem wegen seiner guten Löslichkeit in Alkohol als Fettzusatz in alkoholhaltigen Externa eingesetzt, insbesondere in Haartonika.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Zimt gegen Entzündungen?

Die österreichische Zeitung „Kurier“ empfiehlt Gewürze als Entzündungshemmer:

„Zimt, Knoblauch, Ingwer und Kurkuma genießen unter den Gewürzen einen Sonderstatus. In Studien konnte nachgewiesen werden, dass sie Entzündungen im Körper gezielt bekämpfen.“

Schauen wir uns das Beispiel Zimt genauer an:

„Zimt ist ein Allroundtalent. Das Pulver aus der getrockneten Zimtbaumrinde kann sowohl für süße als auch für pikante Speisen verwendet werden. Im Haferbrei oder Backwaren sorgt Zimt für eine angenehm herbe Note, mariniert man Fleisch oder würzt Saucen damit, erhält man ein duftendes, weihnachtliches Aroma.

Zimt wurde von der Wissenschaft eine desinfizierende und krampflösende Wirkung attestiert. In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) wird das beliebte Gewürz gerne bei Kältegefühl verwendet, da es die „innere Kälte“ durch gesteigerte Durchblutung vertreiben kann. Auch die blutzuckersenkende und stimmungsaufhellende Wirkung des Gewürzes wird betont. Wissenschaftler des Rush University Medical Centers haben in einer Studie mit Zimt und Mäusen zudem eine deutliche Steigerung der Gehirnleistung festgestellt.“

Quelle der Zitate:

https://kurier.at/wellness/zimt-kurkuma-ingwer-knoblauch-wie-sie-ihr-gewuerzregal-gesund-haelt/247.739.154

Kommentar & Ergänzung:

Zimt ist ein feines Gewürz, das Verdauungsbeschwerden lindern kann. Die ESCOP bestätigt als Anwendungsbereiche für die Zimtrinde:

Dyspeptische Beschwerden wie Bauchkrämpfe, Blähungen und Flatulenz; Appetitlosigkeit, Durchfall.

Die blutzuckersenkenden Wirkung wurde in Laborexperimenten im Reagenzglas und an Mäusen festgestellt. Diese Einschränkung fehlt im Artikel des „Kuriers“.

Das Phytotherapie-Fachbuch „Teedrogen und Phytopharmaka“ schreibt:

„Zur blutzuckersenkenden Wirkung von Zimtrinde liegen In-vitro- und In-vivo-Untersuchungen an Mäusen vor, in denen eine antidiabetische Wirkung eines wässrigen Extrakts gezeigt werden konnte, doch ist die Übertragbarkeit auf eine therapeutische Anwendbarkeit beim Menschen schwierig.“

Die klinischen Studien zur Wirksamkeit von Zimt bei Diabetespatienten sind bisher nicht überzeugend. Siehe dazu:

Zimt zur Senkung des Blutzuckers bei Diabetes?

Einschränkung sind auch angebracht bezüglich der Studie zur Steigerung der Gedächtnisleistung bei Mäusen. Auch hier ist alles andere als klar, ob das Gehirn von Menschen von Zimtgaben profitieren kann und welche Dosierungen dazu nötig wären.

Ich habe zu diesem Experiment hier schon einen Beitrag geschrieben:

Zimt verbessert Lernvermögen bei Labormäusen

Auch die erwähnte entzündungswidrige Wirkung der Zimtrinde wurde in Laborexperimenten festgestellt. Ob Zimt gegen Entzündungen im menschlichen Organismus wirksam ist und welche Zimtmengen dazu nötig wären, bleibt offen.

Der Beitrag im „Kurier“ ist deshalb ein gutes Beispiel dafür, dass es nicht sehr sinnvoll ist, Laboreffekte aneinanderzureihen, ohne auf die begrenzte Aussagekraft solcher Experimente für den Menschen hinzuweisen.

Chinesischer Zimt (Cinnamomum cassia, Cassia-Zimt) enthält übrigens erhebliche Konzentrationen an Cumarin, das auf längere Sicht die Leber belasten könnte. Im Ceylon-Zimt (Cinnamomum verum) sind die Cumarin-Werte viel tiefer. Ich würde also Ceylon-Zimt vorziehen. Allerdings sollte man diese Gefahr nicht dramatisieren. Wikipedia schreibt dazu:

„Einen eindeutigen Beleg für die angebliche Gefährlichkeit von Cumarin beim normalen Gebrauch von cumarinhaltigen Gewürzen gibt es allerdings bis zum heutigen Tage nicht. In allen Studien trat eine gesundheitschädigende Wirkung erst nach extremen Überdosierungen bei Versuchen an Ratten auf.“

Siehe auch:

Zimt & Cumarin: Ceylon-Zimt unproblematischer als Cassia-Zimt

Stollen, Glühwein, Zimtsterne: Schadet Zimt der Gesundheit?

Zimt ist ein tolles Gewürz mit verdauungsfördernden Eigenschaften. Im Artikel des „Kuriers“ wird Zimt aber „überverkauft“, das heisst mit unrealistischen Versprechungen angepriesen.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Weidenröschenkraut bei gutartiger Prostatavergrösserung (BPH) von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) positiv bewertet

Die EMA trägt in regelmässigen Abständen Informationen zu Arzneipflanzen zusammen und bewertet deren Einsatz in der Pharmazie. Diese Bewertungen sollen Apotheken, Ärzten und Verbrauchern klare Richtlinien geben, inwieweit der Einsatz aus wissenschaftlicher Sicht sinnvoll ist. Inzwischen liegt auch eine Beurteilung des Weidenröschenkrauts (Epilobii herba) vor.

Epilobii herba, das Weidenröschenkraut, kann nach Einschätzung der EMA-Gutachter für Patienten mit benigner Prostatahyperplasie (BPH, gutartige Prostatavergrösserung) empfohlen werden. Weidenröschen kann bei Miktionsstörungen unterstützend eingesetzt werden. Eine Wirksamkeit sei insbesondere durch den jahrelangen erfolgreichen Gebrauch der Pflanze erwiesen, schreibt die EMA, und verweist auf Daten zu Sicherheit und Wirksamkeit aus mehr als 30 Jahren. In der EU sind Produkte aus Weidenröschen seit 15 Jahren auf dem Markt.

Zwar gebe es keine klinischen Studien, doch sei aus Labortests ersichtlich, dass Epilobium einen Effekt auf das Wachstum von Prostatazellen habe. Darüber hinaus konnten im Labor antientzündliche und schmerzlindernde Wirkungen festgestellt werden. Nebenwirkungen bei Anwendung von Weidenröschenkraut sind nach Aussage der EMA nicht bekannt.

Für die Fachleute sind die jahrelange sichere Verwendung und die Hinweise auf gute Wirksamkeit zur unterstützenden Behandlung der BPH ausreichend, um die Anwendung bei dieser Indikation ausdrücklich zu empfehlen. Vor der Behandlung sollen allerdings schwerere Erkrankungen durch einen Arzt ausgeschlossen werden, erklärt die EMA.

Quelle:

https://m.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/pharmazie/arzneipflanzen-ema-empfiehlt-drei-phyto-klassiker-epilobium-eleutherococcus-centaurium/?forceMobile=1%3F&noMobile=1&tx_aponews_newsdetail%5B%40widget_4%5D%5BcurrentPage%5D=2&tx_aponews_newsdetail%5B%40widget_4%5D%5BitemsPerPage%5D=1&cHash=7114c4db7166baf0d965eea791dd4b48&tx_ttnews%5BsViewPointer%5D=2

 

Kommentar & Ergänzung:

Die Inhaltsstoffe verschiedener Weidenröschen-Arten wurden intensiv im Labor erforscht und zeigten zum Teil interessante Wirkungen. Die Empfehlung der EMA steht trotzdem auf wackligem Fundament. Laborergebnisse lassen sich nicht direkt auf die Anwendung beim Menschen übertragen und Erfahrungsberichte aus traditioneller Anwendung lassen keine sicheren Schlüsse zu. Bei einer Besserung ist nie klar erkennbar, ob sie wirklich vom angewendeten Weidenröschentee ausgelöst wurde. Bei langandauernden Beschwerden schwankt die Intensität der Beschwerden meistens im Verlauf und es passiert sehr leicht, dass jede Besserung dem angewendeten Mittel zugeschrieben wird, obwohl nur das natürliche Auf und Ab der Beschwerden vorliegt. Nur klinische Studien könnten hier Klarheit verschaffen, sind aber nicht in Sicht.

Die Phytotherapie-Fachliteratur ist deutlich zurückhaltender bezüglich der Wirksamkeit des Weidenröschens als die EMA.

Weidenröschentee verdankt seine Bekanntheit den Empfehlungen von Maria Treben (1907 – 1991), die aber wegen ihren zahlreichen fragwürdigen bis gefährlichen Ratschlägen nicht vertrauenswürdig ist.

Die auf Wikipedia geäusserte Kritik teile ich voll und ganz:

„Die Stiftung Warentest äußert erhebliche Zweifel an der Sachkundigkeit Maria Trebens und weist auf mehrere Fehler in ihren Büchern hin. Sie empfehle Pflanzen zur Behandlung schwerer Krankheiten bis hin zu Krebs, deren Wirksamkeit für diese Pflanzen überhaupt nicht nachgewiesen seien. Teilweise verwechsele Treben wichtige Fachbegriffe, beispielsweise den Zucker Inulin mit dem Hormon Insulin, wodurch sie fälschlich Löwenzahn gegen Diabetes mellitus empfehle. „Ihr Schöllkraut-Rezept gegen Leber- und Gallenleiden ist eine Anleitung zur Vergiftung. Der Ratschlag, Ohnmächtigen einen Esslöffel Schwedenbitter einzuflößen, ist lebensgefährlich.“

Die Universitätsklinik Freiburg äußert in ihrem Ratgeber für Krebspatienten: „(…) gefährlich ist (…) die Grundtendenz, alle Krankheiten als mit Kräutern heilbar darzustellen. Treben behauptet mit Hinweis auf Sebastian Kneipp, dass das Zinnkraut jeden gut- oder bösartigen Tumor zum Stillstand bringt und ihn langsam auflöst. (…) Gegenüber den ‚Ratschlägen und Erfahrungen mit Heilkräutern‘ der Maria Treben ist Skepsis und Zurückhaltung geboten. (…) Gefährlich sind Ratschläge, primär gut operable und damit heilbare Tumoren zuerst versuchsweise mit Kräutern zu behandeln, z. B. Hodenkrebs mit Spitzwegerichumschlägen. Damit geht (…) viel Zeit und möglicherweise die Heilungschance verloren. Alle diese Medikamente sind in ihrer Wirksamkeit gegen Krebs unbewiesen.“

 

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