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Lebensgefährliche Vergiftung durch Verwechslung von Fingerhutblättern mit Beinwellblättern

Dumm gelaufen: Ihre Schlaflosigkeit wollte eine 63-jährige Frau aus Grossbritannien mit einem Tee aus Beinwellblättern lindern. Jemand aus dem Freundeskreis hatte ihr dazu geraten.

Die Frau ging zum Markt und kaufte dort vermeintlich Blätter von Beinwell (Symphytum officinale). Zu Hause übergoss sie die Pflanzenteile mit heißem Wasser und hoffte auf eine beruhigende, schlaffördernde Wirkung des Tees. 18 Stunden später wurde sie mit Übelkeit, Herzrasen und Benommenheit in die Notaufnahme des King’s College Hospital in London eingeliefert. Die behandelnden Ärzte Mathew Kurian Vithayathil und Matthew Edwards berichten im Fachblatt „BMJ Case Reports“ von ihrem Fall.

In der medizinischen Vorgeschichte der Patientin liess nichts auf Herzprobleme schliessen. Im Elektrokardiogramms (EKG) fanden die Ärzte aber klare Auffälligkeiten. Die Blutwerte waren dagegen normal: Der Elektrolythaushalt war in Ordnung, die Entzündungsmarker waren nicht erhöht.

Die Mediziner wollten sich in einer nationalen toxikologischen Datenbank über Beinwell informieren, doch gibt es dort keinen Eintrag für die Pflanze. In einem anderen Online-Nachschlagewerk fanden sie aber einen Eintrag, der die Beinwellpflanze mit einer Lebervenen-Verschlusskrankheit in Verbindung bringt. Die Symptome der Patientin passen jedoch überhaupt nicht zu diesem Leiden.

Berichte, in denen Beinwell im Zusammenhang mit Herzkrankheiten oder Herzrhythmusstörungen genannt wird, fanden die Ärzte keine.

Dennoch hielten sie den Tee weiterhin für die wahrscheinlichste Ursache für die Symptome der Patientin und setzten deshalb ihre Recherche mit einer Bildersuche im Internet fort. Dabei fiel ihnen auf, dass die Blätter der Beinwellpflanze ähnlich aussehen wie die Blätter der Fingerhutpflanze (Digitalis purpurea, engl. foxglove).

Erneut untersuchen die Mediziner das Blut der Frau und konnten erhöhte Digoxin-Werte nachweisen – eine Substanz, die im Fingerhut vorkommt. Das Herzglykosid Digoxin bewirkt im menschlichen Organismus, dass sich das Herz kraftvoller zusammenzieht und langsamer schlägt.

Wegen dieser Wirkungen wurde die Substanz schon früh als Medikament bei Herzschwäche eingesetzt eingesetzt. Digoxin hat allerdings eine kleine therapeutische Breite, wodurch die Grenze zur Vergiftung rasch überschritten werden kann. Das führt dann zu Symptomen, die auch die britische Patientin hatte.

Nachdem der Auslöser der Vergiftung bekannt war, konnte die Frau mit einem Gegenmittel behandelt werden, mit dem das Digoxin unschädlich gemacht wurde. Das Herz kehrte wieder in seinen gewohnten Rhythmus zurück und die Frau konnte nach fünf Tagen die Klinik ohne bleibende Schäden verlassen.

Die Mediziner baten die Patientin noch, dem Händler auf dem Wochenmarkt mitzuteilen, welche Verwechslung ihm unterlaufen ist. Außerdem regen sie an, dass Beinwell nun doch in die nationale toxikologische Datenbank aufgenommen wird – wegen der möglichen Verwechslung mit Fingerhut.

Quelle:

http://derstandard.at/2000049373482/Selbstgemachter-Kraeutertee-Riskante-Mischung

http://www.t-online.de/lifestyle/gesundheit/id_79729294/raetselhafter-medizinfall-frau-stirbt-fast-an-beruhigendem-kraeutertee.html

http://casereports.bmj.com/content/2016/bcr-2016-216995

 

Kommentar & Ergänzung:

1. Ja, Pflanzen (auch Heilpflanzen) sind nicht immer harmlos. Man sollte sie gut kennen, bevor man sie direkt aus der Natur, aus dem Garten oder vom Markt anwendet. Andernfalls bezieht man sie besser aus Apotheken oder Drogerien.

2. Beinwell gegen Schlaflosigkeit, das ist eine Empfehlung, die weder durch seriöse Phytotherapie-Fachliteratur gedeckt noch sonst wie plausibel ist. Gute Ratschläge aus dem Freundeskreis nicht unbesehen übernehmen, sondern mit seriöser Fachliteratur überprüfen.

3. Digoxin aus dem Roten Fingerhut war über längere Zeit ein zentrales Medikament bei Herzschwäche. Das zeigt die Bedeutung, die Naturstoffe für die Medizin hatten und in vielen Bereichen auch heute noch haben. Aufgrund der kleinen therapeutischen Breite (geringer Abstand zwischen wirksamer und toxischer Dosis) wird Digoxin aus Fingerhut isoliert eingesetzt. Mit einem Fingerhut-Tee könnte Digoxin nicht präzis genug dosiert werden. Digoxin-Präparate sind rezeptpflichtig und haben inzwischen stark an Bedeutung verloren. Also bitte keine Selbstversuche mit Fingerhut!

4. Der geschilderte Fall ist eindrücklich. Im allgemeinen kann man aber auch feststellen, dass Vergiftungen mit Pflanzen heute eher selten vorkommen, vor allem im Vergleich zu Vergiftungen mit Medikamenten und Chemikalien.

5. Beinwell enthält Pyrrolizidinalkaloide, die unter anderem Lebererkrankungen auslösen können. Das erklärt die Erwähnung einer Lebervenen-Verschlusskrankheit im Artikel. Beinwell wird deshalb nur zur Anwendung äusserlich auf intakter Haut empfohlen, zum Beispiel als Salbe oder Gel bei Verstauchungen, Prellungen, Quetschungen, Sehnenscheidenentzündungen etc. Meist werden dazu Auszüge aus den Beinwellwurzeln verwendet (zum Beispiel in Kytta-Salbe), seltener aus den Blättern.

6. Im Bericht der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ über diesen Fall wird irrtümlich anstelle von Digoxin als Inhaltsstoff von Fingerhut Dioxin erwähnt. Das schreibt sich zwar ähnlich, ist aber genauso eine Verwechslung wie der Konsum von Fingerhut- anstelle von Beinwellblättern. Schon blöd, wenn man einen Artikel über Verwechslung schreibt, und dann selber eine macht. Dioxin steht im allgemeinen Sprachgebrauch für eine Gruppe von gefährlichen Umweltgiften, die sich über die Nahrungskette anreichern.

7. Dass die Mediziner offenbar nur die Patientin baten, den Händler auf dem Markt über seinen Irrtum aufzuklären, scheint mir ungenügend. In einem solchen Fall würde ich erwarten, dass diese Meldung über einen offiziellen Kanal läuft, bei dem überprüft werden kann, ob der Händler identifiziert und die Warnung angekommen ist. Bei uns hat die Gewerbepolizei die Aufsicht über den Markt und die kennen ihre Marktfahrer. Das wäre meiner Meinung nach die sichere Variante. Zwar wird es selten vorkommen, dass jemand Beinwellblätter zur Teezubereitung kauft, aber manche Leute verwenden sie als Wildgemüse. Und das würde dann auch reichen für eine veritable Vergiftung, wenn statt Beinwellblätter irrtümlich Fingerhut verkauft wird.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

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Phytotherapie: EMA veröffentlicht Empfehlungen zu Phytopharmaka

Die europäische Aufsichtsbehörde „European Medicines Agency“ (EMA) will Informationen zu pflanzlichen Arzneimitteln (Phytopharmaka) einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. Deshalb werden ab sofort die Empfehlungen zur Anwendung von Phytopharmaka, die der zuständige Ausschuss, das Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC), publiziert, in laienverständlicher Sprache zusammengefasst.

Die Zusammenfassungen umfassen Informationen zur Bewertung des Phytopharmakons, die Schlussfolgerungen des HMPC betreffend die empfohlene Anwendung, sowie die Daten, auf denen die Empfehlungen basieren und Hinweise auf mögliche Nebenwirkungen.

Diese Angaben sollen die Packungsbeilage ergänzen und den Bürgern helfen, informierte Entscheidungen zu treffen, wenn sie die entsprechenden Präparate in der Selbstmedikation anwenden.

Für sechs Heilpflanzen, deren Bewertung schon abgeschlossen ist, wurden die Zusammenfassungen nun publiziert.

In Zukunft sollen diese Dokumente für alle neu bewerteten Heilpflanzen sowie für alle Revisionen, die im Rahmen der üblichen Routine stattfinden, verfügbar sein.

Die EMA beabsichtigt, nach und nach die publizierten Zusammenfassungen in alle offiziellen Sprachen der EU zu übersetzt.

Bislang publiziert sind:

 

Kalifornischer Mohn (Eschscholzia california)

Ginkgo (Ginkgo biloba)

Beinwell (Symphytum officinale)

Paprika (Capsicum annuum)

Odermennig (Agrimonia eupatoria)

Mausohr-Habichtskraut (Hieracium pilosella)

 

Quelle:

http://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/pharmazie/news/2015/08/05/phytoempfehlungen-der-ema-kuenftig-auch-fuer-laien-verstaendlich/16417.html

Kommentar & Ergänzung:

So kommen Sie zu diesen Zusammenfassungen:

Gehen Sie auf die Übersichtsseite. Unter „Browse A – Z“ klicken Sie auf den Buchstaben, der dem ersten Buchstaben des lateinischen Namens der Heilpflanze entspricht, die Sie suchen.

Aus der Liste wählen Sie die entsprechende Heilpflanze aus.

Wenn Sie auf der Seite der gesuchten Heilpflanze sind, zum Beispiel „Ginkgo“, dann sehen Sie zuerst die Zusammenfassung. Unter „All documents“ kommen Sie zu PDFs mit weiteren Informationen.

Dort können Sie zum Beispiel die Monografie zu Ginkgo abrufen.

Die Beschreibungen der Heilpflanzen ist nicht umfangreich. Davon sollte man sich nicht über ihren Wert täuschen lassen. Die Knappheit ist Resultat eines wohl ziemlich aufwendigen Auswahlprozesses. Die Quantität sagt nichts über die Qualität aus. Das ist im übrigen ähnlich bei Vorträgen und Kursen über Heilpflanzen. Wer am meisten über fast unendliche und wunderbare Anwendungsmöglichkeiten erzählt, hat sich vielleicht einfach um den aufwendigen Auswahlprozess gedrückt.

Interessant bei diesen Monografien ist zum Beispiel die Unterscheidung in „Well-established-use“ (linke Spalte) und „Traditional use“ (rechte Spalte).

„Well-established-use“ – das umfasst Aussagen, für die es wissenschaftliche Daten gibt.

„Traditional use“ – damit sind Aussagen zu Heilwirkungen gemeint, die ausschliesslich auf überlieferten Angaben aus langjähriger Anwendung basieren.

Monografien als Form der Qualitätssicherung

Die detaillierte Beschreibung von Heilpflanzen in Monografien, wie es hier das HMPC macht, ist eine Form der Qualitätssicherung in der Phytotherapie. Der wesentlichste Punkt dabei ist, dass die Quellen offengelegt werden, auf denen die Aussagen basieren.

Sie finden diese Quellenangaben unter „All documents“ als PDF mit dem Titel „List of references supporting the assessment of….“.

Prägnant formulierte der amerikanische Philosoph John Dewey (1859-1952) „das erste Erfordernis des wissenschaftlichen Verfahrens – nämlich volle Öffentlichkeit der Materialien und Prozesse“.

(in: Erfahrung, Erkenntnis und Wert, S. 314, Suhrkamp 2004)

Aussagen in Monografien, die in einem kooperativen Verfahren zustande gekommen sind und auf offengelegten Quellen beruhen, haben einen viel höheren Glaubwürdigkeitsgrad als isolierte Behauptungen von Einzelpersonen.

Der Weg, wie eine Aussage zustande gekommen ist, muss so gut wie möglich dokumentiert sein. Das bieten Monografien in hohem Mass.

Neben diesen neuen HMPC-Monografien sind in der Phytotherapie die ESCOP-Monografien und die älteren Monografien der Kommission E wichtig. Auch die WHO erstellt Monografien von Heilpflanzen.

Phytotherapie: Was sind ESCOP-Monografien

Phytotherapie: Kommission E – was beudeutet das?

Es wimmelt aber von isolierten Behauptungen von Einzelpersonen über die Wirkungen von Heilpflanzen. Behauptungen, die keinen kooperativen Diskussionsprozess überstanden haben und deren Entstehungsweg nicht transparent dokumentiert ist.

Was ist von solchen Behauptungen zu halten?

Nur weil es isolierte, undokumentierte und oft intransparent entstandene Behauptungen von Einzelpersonen sind, müssen sie ja nicht falsch sein.

Sie könnten trotzdem korrekt sein, aber sie haben wesentliche Prüfungen durch die „Community“ der Fachleute nicht hinter sich. Und daher sind sie wesentlich ungewisser und weniger glaubwürdig.

Beispiele für solche freischwebenden, isolierten, undokumentierten Behauptungen, die häufig anzutreffen, aber fragwürdig sind:

Storchenschnabeltinktur gegen Schock

Karde gegen Borreliose

Kleiner Kommentar zu den 6 veröffentlichten Zusammenfassungen

Da sind sehr unterschiedliche Heilpflanzen ausgewählt worden von den Anwendungsbereichen und von der Bedeutung her.

Ein paar Stichworte:

Kalifornischer Mohn (Eschscholzia california)

Kalifornischer Mohn (Eschscholzia californica, Papaveraceae) wird traditionell als Beruhigungsmittel und als leichtes Schlafmittel in der amerikanischen Indianermedizin angewendet. Diese Heilpflanze ist in der Schweiz wenig bekannt. Es gibt aber seit 2008 ein zugelassenes Arzneimitttel. Die wissenschaftliche Datenbasis ist schmal (Tierversuche, keine ausreichenden Patientenstudien)

Ginkgo (Ginkgo biloba)

Ginkgo-Extrakt gehört zu den meistverkauften und am besten untersuchten Heilpflanzen. Patientenstudien sprechen für eine positive Wirkung im Frühstadium von Demenzerkrankungen.

Beinwell (Symphytum officinale)

Äusserlich als entzündungshemmende Salbe oder Gel oft angewendet bei stumpfen Verletzungen (Prellungen, Verstauchungen) und Gelenkentzündungen. In den letzten Jahren zunehmend wissenschaftlich erforscht mit Patientenstudien, welche diese Wirkungen teilweise untermauern konnten.

Paprika (Capsicum annuum)

Paprika enthält als wichtigsten Inhaltsstoff das Alkaloid Capsaicin mit schmerzstillender, juckreizlindernder und entzündungshemmender Wirkung. Äusserlich angewandt lassen sich damit zum Beispiel Gelenkschmerzen, Neuralgien und manche Formen von Juckreiz behandeln. Dazu gibt es eine ganze Reihe von Studien.

Odermennig (Agrimonia eupatoria)

Enthält Gerbstoffe und kann beispielsweise bei leichten Durchfallerkrankungen und leichten Mundschleimhautentzündungen angewendet werden. Da es viele und wahrscheinlich auch besser wirksame Gerbstoffpflanzen gibt, wird Odermennigkraut nur selten eingesetzt. Patientenstudien fehlen.

Mausohr-Habichtskraut (Hieracium pilosella)

Diese Pflanze ist mir in der Phytotherapie-Fachliteratur noch nie über den Weg gelaufen und daher überrascht es mich, sie hier in dieser Liste anzutreffen. Auf den Kräuterwanderungen sehe ich sie oft. Die langen Haare auf den Blättern sind sehr auffällig und haben zur Bezeichnung Mausohr-Habichtskraut geführt (auch: „Langhaariges Habichtskraut“ oder von mir inoffiziell „Dreitagebart-Habichtskraut“ genannt).

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Zum Beinwell-Wirkstoff Allantoin und seiner Wirkung

Allantoin ist ein Wirkstoff, der in pflanzlichen und tierischen Organismen als Endprodukt des Purinstoffwechsels vorkommt und aus Harnsäure gebildet wird. Allantoin kommt natürlicherweise beispielsweise in Beinwell, Ahorn, Schwarzwurzeln, Rüben, Rosskastanien und in Weizenkeimen vor.

Die Larven von Lucilia sericata (Goldfliegenart) werden als Mittel der Wundheilung eingesetzt, da sie sehr spezifisch nekrotisches Gewebe fressen und große Mengen von Allantoin abgeben (Madentherapie).

Allantoin wird äusserlich zur Wundbehandlung verwendet bei Schnittwunden und Brandwunden, Geschwüren, Ekzemen, zur Hautpflege in Kosmetika, gegen Hauterkrankungen und für die Narbenpflege. In Arzneimitteln ist es oft enthalten, um die Haut aufzulockern und die Penetration der Wirkstoffe zu erleichtern.

Quelle:

http://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Allantoin

Kommentar & Ergänzung:

Allantoin ist eine wichtiger Wirkstoff in Beinwell (Wallwurz, Symphytum officinale)

Zu Allantoin schreibt Dietrich Frohne, dass ihm durchblutungsfördernde und granulationsfördernde Wirkungen zugeschreiben werden.

„Der Allantoineffekt ist ähnlich der Wirkung der Fliegenmadenbehandlung, die früher einmal zur Behandlung von osteomyelitischen und anderen chronischen Eiterungen angewendet wurde und auf die Ausscheidung von Allantoin und proteolytischen Enzymen im Speichelsekret der Maden zurückzuführen ist. Auf Grund osmotischer Effekte löst Allantoin die Wundsekrete auf, verflüssigt sie und ebnet so der Granulation den Boden. Die lokale Durchblutung wird angeregt und Abwehrmechanismen gefördert.“

(Dietrich Frohne, Heilpflanzenlexikon 2006)

Die Fliegenmadentherapie ist seit einiger Zeit wieder in Gebrauch, Infos dazu auf Wikipedia.

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Heilpflanzen: Beinwell vorsichtshalber nicht einnehmen

„Heilpflanzen – die Apotheke aus der Natur“ – unter diesem Titel stellt Radio MDR Thüringen verschiedene Heilpflanzen vor.

Unter den Porträtierten ist auch der Beinwell (Symphytum officinale):

„Wirksam sind die Inhaltsstoffe der Wurzel. Beinwell verwendet man bei Beinbrüchen, zur Wundbehandlung, gegen entzündete Knochen oder eitrige Wunden. Beinwell wächst sehr gut an einem kühlen, schattigen und feuchten Standort. Sie können alle Teile der Pflanze essen. Die Blüten haben einen pfeffrigen und bitteren Geschmack.“

Quelle:

http://www.mdr.de/mdr-thueringen/sendungen/vormittag/heilpflanzen100.html

Kommentar & Ergänzung:

Ausgesprochen fragwürdig ist der Hinweis, dass man alle Teile der Pflanzen essen könne. Das kann man natürlich schon. Die Frage ist einfach, ob es auch sinnvoll und gesund ist.

Beinwell enthält Pyrrolizidinalkaloide, die leberschädigend sind und möglicherweise Krebserkrankungen fördern. Diese Wirkungen der Pyrrolizidinalkaloide sind gut belegt durch Untersuchungen an Tieren und durch Vergiftungen in der Tiermedizin. Zwar ist nirgends eindeutig belegt, dass der einmalige oder auch gelegentlich wiederholte Konsum von Beinwell Schäden verursacht. Aber es ist einfach unsinnig, eine Pflanze mit ersichtlichem Risikopotenzial so ohne Einschränkung zum Konsum zu empfehlen.

Dies vor allem auch, weil es keine sinnvolle Indikation für eine innerliche Anwendung von Beinwell als Heilpflanze gibt. Alle sinnvollen Indikationen betreffen äusserliche Anwendung auf intakter Haut: Gelenkentzündung, Verstauchung, Knochenhautentzündung, Sehnenscheidenentzündung und ähnliches. Bei diesen Anwendungen ist eine riskante Aufnahme von Pyrrolizidinalkaloiden kaum vorstellbar. Ausserdem werden in Beinwellpräparaten zunehmend Pyrrolizidinalkaloid-freie Extrakte verwendet.

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Beinwell-Sorte ohne toxische Pyrrolizidinalkaloide

Eine Pyrrolizidinalkaloid-freie Beinwell-Sorte, die in Kultur angebaut wird,  produziert den Rohstoff für die Herstellung eines als Arzneimittel eingesetzten Frischpflanzenextrakts. Darüber berichtete Professor Dr. Maximilian Weigend, Direktor der Botanischen Gärten der Universität Bonn, an einer Pressekonferenz des Komitees Forschung Naturmedizin (KFN) in München.

Die Hybride Symphytum x uplandicum (aus Symphytum officinale und Symphytum asperum) entwickle kaum oder keine Pyrrolizidinalkaloide, enthalte aber dennoch die erwünschten Inhaltsstoffe wie Allantoin (Leitsubstanz) sowie Cholin und Rosmarinsäure in einem komplexen Stoffgemisch.

Diese Beinwell-Sorte wurde 2008 unter Sortenschutz gestellt, erläuterte der Botanikprofessor. Damit sich keine Beinwell-Wildformen einkreuzen, wird die Sorte ausschliesslich über Stecklinge, also vegetativ vermehrt. Sie wird laut Weigend hauptsächlich in Süddeutschland angebaut. Die Selektion derartiger «Hochleistungssorten» sei nur möglich, wenn natürliche Arten einer Heilpflanze eine starke Variabilität ihres Inhaltsstoffspektrums besitzen und die gewünschten Wirkstoffe und Leitsubstanzen bekannt sind. Die meisten Heilpflanzen seien in artgerechter Kultur deutlich weniger anfällig für Krankheiten als Nahrungspflanzen, hiess es an der Pressekonferenz.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=nachrichten&Nachricht_ID=46903&Nachricht_Title=Nachrichten_Heilpflanzen%3A+Symphytum-Sorte+ohne+Pyrrolizidine&type=0

Kommentar & Ergänzung:

Pyrrolizidinalkaloide sind toxische Pflanzeninhaltsstoffe, die neben dem Beinwell (Symphytum officinale)  unter anderem auch in Huflattich (Tussilago farfara) und in der Pestwurz (Petasites hybridus) vorkommen.

Laboruntersuchungen mit Tieren und Vergiftungsfälle in der Tiermedizin weisen vor allem auf eine Leberschädigung durch Pyrrolizidinalkaloide hin, möglicherweise wirken sie zudem krebsfördernd.

Zwar ist nicht wirklich geklärt, ob die bestimmungsgemässe Anwendung von Huflattich, Pestwurz und Beinwell ein Risiko birgt. Im Sinne von „Safety first“ ist es jedoch unumgänglich darüber nachzudenken, wie man mit diesen Heilpflanzen risikomindernd umgehen kann.

Die Züchtung von Pyrrolizidinalkaloid-freien Sorten ist dabei eine interessante Möglichkeit, die sowohl bei Huflattich als auch bei Pestwurz und Beinwell erfolgreich war.

Bei Beinwell ist zudem noch anzumerken, dass Heilpflanzen-Präparate aus diesem Gewächs nur äusserlich und auf intakter Haut anzuwenden sind. Eine Aufnahme der Pyrrolizidinalkaloide durch die Haut ist kaum zu erwarten.

Die Verwendung von Pyrrolizidinalkaloid-freien Extrakten ist aber trotzdem sinnvoll.

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Diclofenac-Vergiftung: Geier-Bestand in Indien erholt sich leicht

Die Zahl der indischen Geier hat sich nach einem dramatischen Rückgang wieder leicht erhöht.

Nach Informationen der Bombay Natural History Society vergrösserte sich die Population der Aasfresser zwar nur geringfügig – aber doch so weit, dass die Ornithologen vage Hoffnung schöpfen.

In den frühen 1990er Jahren starben die Geier reihenweise, nachdem sie Tierkadaver verzehrt hatten, die den Arzneistoff Diclofenac enthielten. Der Entzündungshemmer wurde bei Rindern  verwendet und führte bei Geiern zu Nierenversagen. Der Einsatz von Diclofenac ist seit 2006 in der Tiermedizin untersagt, eine Massnahme, die offenbar zu spät ergriffen wurde. Bis ins Jahr 2003 wurden etwa 95 Prozent der Geier ausgelöscht. Die gesamte Geierpopulation Indiens reduzierte sich nach Angaben der „Times of India“ von 40 Millionen auf weniger als 100.000 Tiere im Jahr 2011.

Geier gelten als besonders wichtig für die ökologische Balance, weil sei den Lebensraum von Aas befreien.

Quelle:

http://wissen.dradio.de/nachrichten.59.de.html?drn:news_id=157563

Kommentar & Ergänzung:

Diclofenac wird auch in Mitteleuropa in der Humanmedizin verbreitet angewendet zur Behandlung von Schmerzen und Entzündungszustände verschiedener Ursache, beispielsweise bei Arthritis, Arthrose, nach Operationen und Verletzungen, bei Menstruationsbeschwerden, Migräne und Gicht.

Diclofenac wird unter zahlreichen Handelsnamen verkauft:

Das ursprüngliche Präparat der Firma Geigy trug und trägt den Namen „Voltaren“ und gehört inzwischen dem Pharmakonzern Novartis. Ausserdem sind im Handel: Agilomed (A), Algefit (A), Allvoran (D), Arthrex (D), Dedolor (A), Deflamat (A), Deflamm (A), Difene (A), Difen-Stulln (D, CH), Dolostrip (A), Dolpasse (A), Ecofenac (CH), Effekton (D), Effigel (CH), Fenisole (CH), Flam-X (CH), Flector (D, CH), Fortenac (CH), Inflamac (CH), Jutafenac (D), Monoflam (D), Olfen (CH), Pennsaid (A), Primofenac (CH), Relowa (CH), Rewodina (D), Sandoz Schmerzgel (D), Solaraze (D, A), Tonopan (CH), Tratul (A), Vifenac (CH), Voltfast (CH), sowie viele Generika (D, A, CH).

Auch wenn in Mitteleuropa keine derart dramatischen ökotoxikologischen Auswirkungen zu beobachten sind wie in Indien mit diesem Geiersterben, ist Diclifenac ökologisch nicht unproblematisch:

„Bei den in Abwasser und Klärschlamm regelmäßig gefundenen Rückständen von Arzneimitteln handelt es sich nach Angaben der Bundesregierung neben Carbamazepin vor allem um Diclofenac. Die wenigen bisher vorliegenden Untersuchungen an Pflanzen haben gezeigt, dass auch Pflanzen prinzipiell Arzneistoffe aus dem Boden aufnehmen können.

Im Fall von Diclofenac verlassen 70 Prozent den menschlichen Körper unverändert. Etwa 90 Tonnen des Wirkstoffes werden im Jahr in Deutschland verbraucht, wodurch etwa 63 Tonnen Diclofenac über den Urin in den Wasserkreislauf gespült werden. Da die Kläranlagen darauf nicht ausgelegt sind, gelangen Medikamente und ihre Rückstände fast ungehindert über die Oberflächengewässer auch wieder ins Trinkwasser.“

Quelle: Wikipedia

Ich bin kein fundamentalistischer Gegner von Produkten der Pharmaindustrie und Diclofenac habe ich temporär auch schon verwendet. In manchen Situationen scheint es mir aber sinnvoll, pflanzliche Alternativen auch aus ökologischen Gründen zu prüfen, beispielsweise bei der äusserlichen Anwendung von Diclofenac als Diclofenac-Gel oder Diclofenac-Salbe.

Vor allem Beinwellsalbe oder Beinwellgel zeigte sich jedenfalls in manchen Studien als ebenbürtig – ohne dass mit diesen Produkten Umweltprobleme zu erwarten sind.

Siehe auch:

Voltaren-Gel versus Beinwell-Salbe

Sprunggelenksverletzung – Beinwellwurzel wirksamer als Diclofenac

Beinwell ( = Wallwurz, Symphytum officinale) gehört zu den Raublattgewächsen (Boraginaceen). Er ist eine gute Nahrungspflanze für Hummeln und somit auch eine gute Gartenpflanze für die einheimische Tierwelt.

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Pestizide schaden Hummeln

Britische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Hummel-Kolonien durch bestimmte Pestizide erheblich in ihrer Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt werden.

Für ihre Untersuchung setzten sie die Hummeln vier Wochen lang gleichzeitig zwei verschiedenen Chemikalien aus – und zwar in Konzentrationen, die auf landwirtschaftlichen Flächen üblich sind. Laut Beipackzettel waren die Pestizide (Neonikotinoide und Pyrethroide) dazu geeignet, Heuschrecken und Blattläuse zu vertilgen.

Tatsächlich belasteten sie jedoch auch die Hummeln: Die belasteten Hummel-Kolonien waren nur halb so erfolgreich im Sammeln von Blütenstaub wie unbelastete Vergleichsgruppen. Darum stellten sie für den „Sammeldienst“ mehr Tiere ab und hatten in der Folge weniger Ressourcen für die Aufzucht der Larven frei. Die pestizidbelasteteten Kolonien litten zudem unter einer höheren Sterblichkeitsrate.

Die Wissenschaftler ziehen daraus das Fazit, dass Pestizide vor ihrer Zulassung strenger getestet werden müssen.

Quelle:

http://wissen.dradio.de/nachrichten.59.de.html?drn:news_id=149906

http://www.nature.com/nature/journal/vaop/ncurrent/full/nature11585.html

Kommentar & Ergänzung:

Und vielleicht müsste ja auch bei bereits zugelassenen Pestiziden geprüft werden, welche Auswirkungen sie über die zu bekämpfenden Insekten hinaus auf die Tierwelt haben.

Dass  Hummeln durch Pestizide die Hälfte ihrer „Einnahmen“ verlieren, ist sehr einschneidend.

Ob Produkte aus Biologischem Anbau in relevantem Ausmass gesünder sind, ist immer noch nicht zweifelsfrei belegt. Dass aber der Biolandbau durch die Senkung des Pestizideintrags in die Umwelt vielen Insektenarten  mehr Schutz bietet, steht ausser Frage.

Davon profitieren unter anderem Honigbienen, Hummeln und andere Wildbienen, Schmetterlinge etc.

Vor allem im Sommer gibt es für Hummeln in vielen Regionen einen Mangel an geeigneten Nahrungsquellen. Dem kann man auch als Einzelperson entgegenwirken durch Förderung von Hummel-Blumen wie zum Beispiel:

Lavendel, Taubnesseln, Thymian,

Rot-Klee (Trifolium pratense), Beinwell (Symphytum officinale), Salbei,

Blauer Eisenhut (Aconitum napellus), Gemeine Akelei (Aquilegia vulgaris),

Rundblättrige Glockenblume (Campanula rotundifolia), Knäuel-Glockenblume (Campanula glomerata),

Mariendistel (Silybum marianum), Silberdistel (Carlina acaulis), Eselsdistel (Onopordum acanthium)

Grosses Löwenmaul (Löwenmäulchen, Antirrhinum majus, kann wegen dem speziellen Blütenbau nur von Hummel genutzt werden), Natternkopf (Echium vulgare),

Dost  (= Wilder Majoran, Oregano, Origanum vulgare, Pizzagewürz, auch gute Nahrungsquelle für Schmetterlinge), Borretsch (Borago officinalis), Königskerze (Wollblume, Verbascum spec.).

Im Frühling bspw.: Löwenzahn (Taraxacum sp.), Salweide (Salix caprea)

Mehr zu den sympathischen Hummeln siehe auch:

Radarüberwachung von Hummeln erforscht Lösungsstrategien für Transportprobleme

Hungersnot bei Hummeln im Sommer

Hummeln finden immer die kürzeste Flugroute (mit einer Auflösung des „Hummel-Paradoxons“)

Augen auf – Hummelköniginnen unterwegs

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Hungersnot bei Hummeln im Sommer

Viele Hummeln fallen im Sommer vom Nahrungsangebot her in ein „Sommerloch“.

Im Frühling geht es den Hummeln in dieser Hinsicht oft gut und sie haben genug Nahrung. Denn im Frühjahr blühen die Weiden und kurz darauf Schlehen und zahlreiche andere Rosengewächse (z. B. Apfelbäume, Kirschbäume). Auch in den Städten blüht es im Frühling in den Gärten und Parks.

Zudem leben im Frühjahr nur wenige Hummeln, die Staaten sind so früh im Jahr noch klein. Ihr Nahrungsbedarf lässt sich dadurch in der Regel decken.

Im Sommer kann dagegen für die Hummeln rasch eine lebensbedrohliche Situation entstehen. Bienen- wie Hummelvölker sind nun groß  und bei den Hummeln steht zudem die sensible Phase der Vermehrung an, in der Jungköniginnen und Hummel-Männchen produziert werden.

Gegenüber dem Frühjahr steigt also der Nahrungsbedarf drastisch an.

Gleichzeitig ist aber das Kulturland über weite Strecken abgeerntet, so dass Blüten zur Mangelware werden.

Gärten und Parkanlagen können nun wichtige Nothilfe für Hummeln anbieten, wenn sie passende Sommerblumen beherbergen.

Hier ein paar Tipps für einen hummelfreundlichen Garten:

1. Auch Sommerblumen berücksichtigen

Achten Sie beim Pflanzenkauf auf die Blühzeit und setzen Sie auch Pflanzen, die im Juni, Juli, August und September blühen.

2. Keine gefüllten Blüten

Gefüllte Blüten sehen zwar schön aus, sind aber insektenfeindlich. Biologisch gesehen bestehen Blüten aus umgestalteten Blättern. Deshalb spricht man bespielsweise von Staubblättern. Durch Züchtung gelingt es, die Staubblätter in Blütenblätter umzuwandeln. Die Blüte wirkt dadurch größer und üppiger, sie ist “gefüllt”. Leider bietet sie nun jedoch keinen Blütenstaub mehr,weil die Staubblätter ja umgewandelt wurden.

3. Hummelblumen pflanzen.

Es gibt Blütenpflanzen, die sich speziell als Nahrungsquelle für Hummeln eignen. Idealerweise pflanzt man nicht nur ein einzelnes Exemplar, sondern mindestens drei Exemplare der gleichen Pflanzenart.

Hier ein paar Beispiele für Hummelblumen mit Blühzeit noch im Sommer:

– Alle Lamiaceae (Lippenblütler) sind Hummel-Pflanzen, weil sie wegen ihrer Blütenform perfekt auf Hummeln abgestimmt sind.

Gut geeignet sind zum Beispiel:

Lavendel

Taubnessel

Salbei

Thymian

Dost  ( = Wilder Majoran, Oregano, Origanum vulgare, Pizzagewürz), auch gute Nahrungsquelle für Schmetterlinge.

– Rot-Klee (Trifolium pratense)

– Beinwell (Symphytum officinale)

– Borretsch (Borago officinalis)

– Natternkopf (Echium vulgare)

– Königskerze (Verbascum spec.)

– Grosses Löwenmaul (Löwenmäulchen, Antirrhinum majus), kann wegen dem speziellen Blütenbau nur von Hummel genutzt werden.

Quelle: http://aktion-hummelschutz.de/

Zum Thema „Hummeln“ siehe auch:

Hummeln finden immer die kürzeste Flugroute

Augen auf – Hummelköniginnen unterwegs

P. S. Wenn Sie mehr über die Natur und die Zusammenhänge zwischen Pflanzenwelt und Tierwelt erfahren wollen, finden Sie entsprechende Naturexkursionen im Kurskalender.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

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Studie: Beinwell-Salbe in der Therapie akuter Rückenschmerzen

Die „Zeitschrift für Phytotherapie“ (Nr. 3 / 2011) veröffentlichte eine Studie mit einer Beinwell-Salbe (Kytta-Salbe).

Durchgeführt wurde die Studie an der Deutschen Sporthochschule Köln und 3 zusätzlichen ambulanten Zentren für Orthopädie und Sportmedizin.

Die Originalpublikation erfolgte im British Journal of Sports Medicine

(http://bjsm.bmj.com/content/44/9/637.abstract?sid=08e00813-56a0-43af-89f2-ae8be35caa24)

Hier die wichtigsten Ergebnisse dieser randomisierten, klinischen Prüfung.

Zuerst eine Zusammenfassung der bisherigen Studien mit Beinwell:

„Beinwell (Symphytum officinale L.) ist eine traditionelle Heilpflanze, die schon seit Jahrhunderten zur Behandlung von schmerzhaften Muskel- und Gelenkbeschwerden Einsatz findet. Viele klinische Studien und Anwendungsbeobachtungen bestätigen die Wirksamkeit des in dieser Studie getesteten Beinwellwurzelextrakts bei verschiedenen Muskel- und Gelenkbeschwerden. So konnte die Wirksamkeit der Beinwellwurzelsalbe gegenüber Placebo bei der Behandlung von Sprunggelenksdistorsionen und bei schmerzhafter Gonarthrose (Arthrose/ Osteoarthritis des Kniegelenks) gezeigt werden. Eine weitere Studie demonstrierte die Überlegenheit gegenüber einer 1 %igen Diclofenac-Gelzubereitung bei Patienten mit einer einseitigen Gelenksdistorsion. Dies wird auch durch die ESCOP-Monografie »Symphyti radix« bestätigt. Die European Scientific Cooperative on Phytotherapy (ESCOP) beurteilt Phytopharmaka in Europa anhand harmonisierter Bewertungskriterien.“

Und anschliessend die Zusammenfassung der aktuellen Studie:

„Die multizentrische, randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie untersuchte die Überlegenheit einer Salbe mit Beinwellwurzelextrakt gegenüber Placebo. 120 Patienten litten unter akuten Kreuzschmerzen oder Schmerzen im oberen Rücken- und Nackenbereich. Dabei wandten sie über einen Zeitraum von 5 Tagen dreimal täglich jeweils 4g Verum- oder Placebosalbe an. Gegenüber Placebo waren im Verlauf alle bewerteten Wirksamkeitsvariablen der Therapie mit dem Beinwellpräparat signifikant überlegen. Der Beinwellwurzelextrakt hatte einen bemerkenswert starken und klinisch relevanten Effekt im Hinblick auf die Reduzierung akuter Rückenschmerzen. Zum ersten Mal konnte außerdem der schnelle Wirkungseintritt der Salbe (eine Stunde) nachgewiesen werden.“

Kommentar & Ergänzung:

Beinwell (Walllwurz) ist eine wichtige Heilpflanze bei stumpfen Verletzungen wie Prellung, Bluterguss (Hämatom), Verstauchung, bei Gelenkentzündung, Sehnenscheidenentzündung, Knochenhautentzündung etc.

Beinwell nicht einnehmen und nur auf intakter Haut anwenden.

Siehe auch:

Beinwell-Salbe lindert Verspannung in Schulter und Nacken

Voltaren-Gel versus Beinwell-Salbe

Sprunggelenksverletzung: Beinwellwurzel wirksamer als Diclofenac

Bei Wikipedia findet sich eine Erklärung für den Namen „Symphytum“:

„ Die Beinwell-Arten wurden schon in alter Zeit als Heilkraut verwendet. Ihr Name leitet sich von ihrer Anwendung bei Knochenbrüchen und bei offenen Wunden ab. Auch bei Verletzungen von Bändern und Sehnen wurde den Pflanzen Heilwirkung zugeschrieben. Sowohl der heute anerkannte Gattungsname Symphytum als auch der in früheren Werken gebräuchliche Name Consolida bedeuten übersetzt „Zusammenwachsen“ (lat.: consolidare, gr.: symphýein). Als Heilpflanze wird besonders der Echte Beinwell (Symphytum officinale) eingesetzt und auch in Kräutergärten angebaut. Äußerlich angewendet ist er wirksam bei Prellungen, Zerrungen und Verstauchungen,…..Die Heilwirkung auf die Haut ist auf den Inhaltsstoff Allantoin zurückzuführen, der heute auch in der Kosmetik zahlreiche Anwendungsgebiete gefunden hat. Allantoin bewirkt die Beschleunigung des Zellaufbaus und der Zellbildung, was in der alten Heilkunde vor allem bei der Behandlung von Unterschenkelgeschwüren genutzt wurde. Bei Nicholas Culpeper ist nachzulesen: der Beinwell hat eine solche Kraft zu heilen und zusammenzufügen, daß zerteilte Fleischstücke wieder zusammenwachsen, wenn man sie mit Beinwell in einem Topf kocht.“

Die Geschichte mit dem Fleisch im Kochtopf, das wieder zusammenwächst, wird auch von anderen Wundheilpflanzen überliefert, zum Beispiel vom Sanikel (Sanicula europaea, „Heil-aller-Schäden“). Bei Knochenbrüchen erwartete man vom Beinwell früher eine Anregung der Kallus-Bildung und damit eine beschleunigte Heilung. Dazu gibt es aber keine gesicherte Erkenntnisse.

Falls Sie an sorgfältigem Wissen über Wirkung und Anwendung von Heilpflanzen interessiert sind, finden Sie dazu meine Seminare und Lehrgänge oben über den Menüpunkt „Kurse“.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Infos auf www.phytotherapie-seminare.ch

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Phytotherapie: Arnika – Wirkung, Anwendungsbereiche & Allergiepotenzial

Zum Thema „Heilpflanzen“ wird in den Medien viel Unsinniges und Fragwürdiges publiziert. Eine Qualitätssicherung fehlt bei den meisten Zeitschriften und im Internet sowieso.

Erfreulich fundiert sind die Heilpflanzen-Beiträge jeweils in der Zeitschrift „Die PTA in der Apotheke“. In der Ausgabe 5 / 2011 ist ein Artikel zur Arnika erschienen. Hier ein paar Auszüge:

„In der Phytotherapie kommen Zubereitungen aus den getrockneten Blütenkörbchen vor allem bei stumpfen Verletzungen oder rheumatischen Muskel- und Gelenkbeschwerden sowie bei Furunkelbildung in Folge von Insektenstichen, oberflächlichen Venenentzündungen und bei Entzündungen im Mund- und Rachenraum zur Anwendung. Häufige Darreichungsformen sind Tinkturen und Salben.“

Neben Arnika-Salben werden häufig auch Arnika-Gele eingesetzt, zum Beispiel bei Prellungen, Verstauchungen, Blutergüssen (Hämatome).

Wie kommt die Wirkung zustande?

„Der gesamte Extrakt der Arnikablüten ist als Wirkstoff zu betrachten, wobei die Sesquiterpenlactone (Helenalin, Dihydrohelenalin) und ihre Ester als wesentliches Wirkprinzip gelten. Sie wirken analgetisch, antiseptisch und vor allem antiphlogistisch. Als Wirkmechanismus wird eine Hemmung der Synthese inflammatorischer Zytokine und der Cyclooxygenase angenommen. Die Sesquiterpenlactone weisen aber nicht nur therapeutische Wirkungen auf. Sie sind auch für die toxischen Effekte verantwortlich.“

Übersetzt: Arnika wirkt vor allem schmerzlindernd und entzündungshemmend.

Und zum Allergiepotenzial von Arnika:

„Zugleich wirkt Arnika allergen. Bei der äußerlichen Anwendung können Hautirritationen und Kontaktdermatiden auftreten, die auf Helenalin und seine Ester zurückzuführen sind. Insbesondere lösen hauptsächlich Extrakte der mitteleuropäischen Arnika allergische Ausschläge aus, die der spanischen Arnika hingegen selten. Aus diesem Grund verwenden einige Hersteller nur Arnika vom spanischen Typ, die nur kleine Mengen an Helenalinestern führen und somit eine geringere Allergenität aufweisen. Obwohl Allergien nur selten beobachtet werden, sollten Personen, die auf Zubereitungen mit anderen Korbblütlern wie Kamille oder Ringelblume allergisch reagieren, vorsichtshalber auf die Verwendung von Arnikapräparaten wegen möglicher Kreuzreaktionen verzichten.“

Quelle:

http://www.pta-aktuell.de/praxis/news/7133-Ein-Klassiker-Arnika/

Kommentar & Ergänzung:

Das Allergierisiko bei der Anwendung von Arnika sollte man meines Erachtens weder negieren noch dramatisieren.

In der Phytotherapie wird Arnika nur äusserlich angewendet.

Weitere Informationen zu Arnika:

Pflanzenheilkunde: Allergische Reaktionen auf Arnika-Gel

Phytotherapie: Arnika-Gel erfolgreich bei schmerzhaften Handarthrosen

Ähnliche Anwendungsbereiche hat der Beinwell (Wallwurz, Symphytum officinale):

Phytotherapie: Beinwell bei Wikipedia

Beinwell-Salbe lindert Verspannung in Schulter und Nacken

Beinwell: Rasche Wirkung gegen Rückenschmerzen

Voltaren-Gel versus Beinwell-Salbe

Sprunggelenksverletzung: Beinwellwurzel wirksamer als Diclofenac

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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