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Übersichtsarbeit: Weißdorn sicher und wirksam bei Herzinsuffizienz

Der Weißdorn-Spezialextrakt WS®1442 (Crataegutt®) vermindert wirksam die Symptome bei Patienten mit Herzinsuffizienz (Herzschwäche) im NYHA-Stadium II und III. Zu diesem Schluss kommen Wissenschaftler um Professor Dr. Christian J.F. Holubarsch vom Park-Klinikum Bad Krozingen in einem evidenzbasierten Review (Übersichtsarbeit), das vor Kurzem im «American Journal of Cardiovascular Drugs» publiziert wurde. Sie haben dazu vorliegende Studien ausgewertet.

Ihr Fazit: Randomisierte klinische Studien hätten gezeigt, dass der Weissdorn-Extrakt die funktionale Kapazität des Herzen verbessert, belastende Symptome vermindert und die Lebensqualität der Patienten verbessert. Eine große klinische Studie mit mehr als 1300 Teilnehmern, die eine Polymedikation bekamen, sowie Daten aus Post-Marketing-Studien hätten zudem die Sicherheit der Anwendung sowohl als Monotherapie als auch als Zusatztherapie gezeigt. Es traten dabei weder spezifische Nebenwirkungen noch Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten auf.

Die Autoren verweisen zudem präklinische Studien die gezeigt hätten, dass der Weißdorn-Spezialextrakt die Pumpkraft des Herzens unterstützt, antiarrhythmisch wirkt und die Gefäßfunktion verbessert. Er schütze das Herzmuskelgewebe (Myokard) vor Schäden durch Minderdurchblutung, Reperfusions-Verletzungen und bluthochdruckbedingter Hypertrophie. Zudem verlangsame er die Alterung der Endothelzellen.

Quelle

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=77911

Originalpublikation:

DOI: 10.1007/s40256-017-0249-9

https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs40256-017-0249-9

 

Kommentar & Ergänzung:

Weissdorn ist wohl unumstritten die wichtigste Herzpflanze der Phytotherapie, wenn man von Digitalisglykosiden aus Fingerhut-Arten absieht, die rezeptpflichtig sind, isoliert zur Anwendung kommen und daher eher zur klassischen Pharmakologie gezählt werden.

Wie gut dieses Review gemacht wurde, kann ich nicht beurteilen. Die Autoren sind vom Hersteller des erwähnten Weissdorn-Extrakts, der Firma Schwabe in Karlsruhe, nicht ganz unabhängig, weil sie Honorare für gewisse Leistungen bezogen haben. Aussedem fällt auf, dass in diesem Review die SPICE-Studie mit dem Weißdorn-Spezialextrakt WS®1442 diskutiert und mitbewertet wird, die ebenfalls von Prof. Holubarsch durchgeführt wurde. Er beurteilt da also unter anderen auch seine eigene Studie. Sinnvoller wäre es, wenn eine Übersichtsarbeit von einem Forscher durchgeführt wird, der an den beurteilten Einzelstudien nicht beteiligt war.

Der Weißdorn-Spezialextrakt WS®1442 ist aber wohl einer der bestuntersuchten Weissdornextrakte und das hohe Engagement dieser Firma in der Weissdornforschung ist löblich.

Studienergebnisse mit solchen Trockenextrakten lassen sich nicht einfach auf andere Zubereitungsarten wie Weissdorntee oder Weissdorntinktur übertragen.

Insbesondere die Weissdorntinktur dürfte von der zugeführten Wirkstoffmenge her in einer ungenügenden Grössenordnung liegen. Die Wirkstoffe im Weissdorn – vor allem Flavonoide und oligomere Procyanidine – werden im Organismus rasch umgebaut und über die Nieren ausgeschieden. Daher braucht es die kontinuierliche Zufuhr von verhältnismässig hohen Dosen.

Weissdorn ist eine Heilpflanze, die über längere Zeit angewendet werden sollte, damit sie Wirksamkeit entfaltet (mindestens 3 Monate).

Wenn im Review von einer Wirksamkeit bei Herzinsuffizient Stadien II und III die Rede ist, dann ist das eher unüblich. Die Phytotherapie-Fachliteratur empfiehlt Weissdornextrakte bei Stadien I und II.

Bei Dosierungen zwischen 160 und 900 mg Extrakt pro Tag konnte bei Patienten mit Herzinsuffizienz Stadium I nach NYHA nach 8 Wochen Symptomfreiheit erzielt werden, bei Studienteilnehmern mit Stadium II war eine signifikante Verbesserung zu erreichen.

Weissdornpräparate gelten generell als gut verträglich und relevante Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind bisher nicht bekannt geworden.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Kakao verbessert Sehschärfe und Kontrastwahrnehmung – kurzfristig jedenfalls

Zwei Stunden nach dem Verzehr von dunkler Schokolade verbessern sich kurzfristig Sehschärfe und Kontrastwahrnehmung.

Vor allem die dunkle und damit kakaoreiche Schokolade soll  das Herz-Kreislauf-System günstig beeinflussen.

An der School of Optometry, einer katholischen Privatuniversität in San Antonio, Texas, haben Jeff Rabin und seine Kollegen nun einen weiteren Vorzug entdeckt und in der Fachzeitschrift »JAMA Ophthalmology« bekannt gemacht: Der Verzehr von dunkler Schokolade soll das Sehvermögen verbessern. Die Wissenschaftler verabreichten an 30 Teilnehmer Bitterschokolade und unterzogen sie zwei Stunden später einem Sehtest. Verglichen mit einer Kontrollgruppe, die weniger kakaohaltige Milchschokolade bekam, verbesserte sich ihre Sehschärfe um 4 Prozent und ihre Kontrastwahrnehmung um 5 bis 15 Prozent.

Für diesen Effekt könnten laut dem Artikel Flavonole verantwortlich sein, eine bestimmte Art von sekundären Pflanzenstoffen, die im Kakao reichlich vorhanden sind. Flavonole könnten die Gefäße erweitern und somit die Durchblutung der Netzhaut und des visuellen Kortex anregen. Möglicherweise kann also Kakao dank der besseren Versorgung der Augen und des Gehirns mit Glukose und Sauerstoff die eingehenden Signale besser verarbeiten.

Der positive Effekt ist zwar signifikant, aber schwach und er verschwindet wahrscheinlich recht bald, weil Flavonole rasch abgebaut werden. »Weitere Experimente werden nötig sein, um die Dauer dieser Effekte und ihren Einfluss auf die Leistungsfähigkeit im Alltag zu bestimmen«, schreiben die Wissenschaftler.

Quelle:

https://www.spektrum.de/news/kakao-schaerft-den-blick/1580742

https://jamanetwork.com/journals/jamaophthalmology/article-abstract/2678792

 

Kommentar & Ergänzung:

In der Regel werden für die Herz-Kreislauf-Wirkung des Kakaos Flavanole verantwortlich gemacht, insbesondere Epicatechin, Catechin und Procyanidin. Ich frage mich, ob in dem referierten Artikel nicht etwas verwechselt wurde, wenn von Flavonolen die Rede ist.

Flavonoide, die Wirkstoffgruppe, zu der Flavonole und Flavonole zählen, werden aber im Organismus grundsätzlich rasch abgebaut und ausgeschieden. Das ist wohl mit ein Grund dafür, dass  sie in der Regel gut verträglich sind. Es bedeutet aber auch, dass regelmässig verhältnissmässig hohe Dosen zugeführt werden müssen, um eine kontinuierliche Wirkung zu bekommen.

Leider steht weder im referierten Artikel noch im Abstract der Originalpublikation, wieviel Schokolade in Gramm pro Tag die Testpersonen bekommen haben und wieviel Flavonoiden das entsprach. Es ist nur von einem Riegel die Rede.

Solche Angaben sind wichtig, um einschätzen zu können, ob es überhaupt realistisch ist, diese Menge jeden Tag über lange Zeit zu konsumieren.

Eine Metaanalyse aus Melbourne hat zudem gezeigt, dass Kakao zwar eine geringfügige Blutdrucksenkung bewirkt. Dieser Effekt zeigte sich jedoch nur innerhalb von zwei Wochen, nicht aber in Studien von längerer Dauer.

Siehe dazu:

Metastudie: Kakao gegen Bluthochdruck

Grundsätzlich dürfte jedoch einfach gesund sein, Flavonoide als Bestandteil einer vielfältigen Ernährung in den Alltag einzubauen. Dazu gibt es viele Möglichkeiten.

Flavonoidreiche Nahrungsmittel sind zum Beispiel:

Äpfel (vor allem die Schalen)

Blaue und rote Beeren (Heidelbeeren, Brombeeren, Aronia, Schwarze Johannisbeeren, Schwarzer Holunder, Himbeeren etc.). Sie enthalten Anthocyane, eine Untergruppe der Flavonoide).

Aubergine, Blaue Kartoffel (sie enthalten ebenfalls Anthocyane).

Eine gute Mischung flavonoidreicher Nahrungsmittel ist bestimmt gesünder als der Konsum von Dunkler Schokolade in grossen Mengen. Was aber nicht dagegen spricht, ab und zu auch Dunkle Schokolade als Flavonoidquelle zu nutzen. Je höher der Kakaogehalt der Schokolade ist, desto besser.

Darüber hinaus gibt es viele Heilpflanzen, deren Wirkung mit dem Gehalt an Flavonoiden in Zusammenhang gebracht wird.

Zum Beispiel Ginkgo-Extrakt, Mariendistelfrucht (Silymarin), Buchweizenkraut (Rutin), Weissdorn, Rotes Weinlaub, Grüntee.

Bei der Anwendung dieser Heilpflanzen stellt sich immer die Frage, in welcher Form (Kräutertee, Pflanzentinktur, Pflanzenextrakt) und in welcher Dosierung die Aufnahme einer ausreichenden Menge an Flavonoide gewährleistet werden kann.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Homöopathie: Arnika-Globuli bei stumpfen Verletzungen von Weichteilen wirksam?

Bei Heilpflanzen-Anwendungen kommt es immer auch auf die Form an, in welcher sie eingesetzt werden. Dabei kommt es in den Medien oft zu verwirrenden bis irreführenden Aussagen. Auch werden homöopathische und phytotherapeutische Anwendungen oft verwechselt.

Schauen wir uns dazu ein Beispiel an:

Die österreichische „Kronenzeitung“, ein Boulevardblatt von fundamental fragwürdigem Niveau, berichtet über die Anwendung von Arnika-Globuli:

« „Arnika ist wohl eines der bekanntesten homöopathischen Mittel für Sportler. Es lindert Schmerzen, verhindert massive Schwellungen sowie Blutergüsse und beschleunigt den Heilungsprozess“, erklärte der Wiener Orthopäde und Sportmediziner Dr. Karl- Heinz Kristen auf einer Pressekonferenz. „Typischerweise zu verwenden bei stumpfen Verletzungen von Weichteilen mit Gewebeeinblutungen, Verschlimmerung durch Bewegung, Ruhelosigkeit und Verbesserung durch Kälte, z.B. bei Prellungen oder Zerrungen.“ »

Quelle:

 

http://www.krone.at/gesund-fit/mit-homoeopathie-durch-die-warme-jahreszeit-ausflug-und-reise-story-562777

Kommentar & Ergänzung:

Interessant wäre zu erfahren, welche Firma die Pressekonferenz veranstaltet hat, doch leider hält die Journalistin das offenbar nicht für mitteilungswert.

Arnika-Globuli werden oft empfohlen bei stumpfen Verletzungen wie Prellungen, Verstauchungen, Blutergüssen etc.

Die Schwierigkeit bei der Beurteilung von Behandlungserfolgen bei solchen Verletzungen liegt darin, dass im Einzelfall nicht gewusst werden kann, wie der Heilungsverlauf ohne Behandlung vonstatten gegangen wäre.

Aus diesem Grund macht man Studien, in denen die eine Gruppe mit Arnika-Globuli behandelt wird, und eine andere Gruppe mit einem Scheinmedikament (Placebo). So lässt sich unterscheiden, ob die Besserung mit Arnika-Globuli rascher eintritt als wenn man ohne Behandlung auf die natürlichen Selbstheilungskräfte setzt.

Solche kontrollierten Studien wurden mit Arnika-Globuli in namhafter Zahl durchgeführt.

Studien unterscheiden sich aber häufig stark in ihrer Qualität und nicht selten auch im Ergebnis. Wenn man eine verlässlichere Aussage bekommen will, fasst man daher die Resultate der qualitativ besten Studien in einer Metaanalyse zusammen. Das wurde für Arnika-Globuli bereits 1998 von Ernst & Pittler gemacht. Acht Studien wurden für die Metaanalyse ausgewertet:

Arch Surg. 1998 Nov;133(11):1187-90.

Efficacy of homeopathic arnica: a systematic review of placebo-controlled clinical trials.

Ernst E1, Pittler MH.

Die Autoren fanden keinen Unterschied zwischen der Placeo-Gruppe und der Arnika-Globuli-Gruppe:

„RESULTS: Eight trials fulfilled all inclusion criteria. Most related to conditions associated with tissue trauma. Most of these studies were burdened with severe methodological flaws. On balance, they do not suggest that homeopathic arnica is more efficacious than placebo.

CONCLUSION: The claim that homeopathic arnica is efficacious beyond a placebo effect is not supported by rigorous clinical trials.“

Quelle:

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9820349?dopt=Abstract

Langversion hier.

http://www.crd.york.ac.uk/CRDWeb/PrintPDF.php?AccessionNumber=11998002055&Copyright=Database+of+Abstracts+of+Reviews+of+Effects+%28DARE%29%3Cbr+%2F%3EProduced+by+the+Centre+for+Reviews+and+Dissemination+%3Cbr+%2F%3ECopyright+%26copy%3B+2017+University+of+York%3Cbr+%2F%3E

 

Während also Ernst & Pittlersich auf die acht qualitativ besten Studien beschränkten, habe im Jahr 2005 Rainer Lüdtke und Daniela Hacke alle prospektiven, kontrollierten Studien ausgewertet, bei denen Arnika homöopathisch verordnet wurde (insgesamt 49 Studien). Lüdtke und Hacke arbeiten bzw. arbeiteten für die Carstens-Stiftung, die sich der Förderung der Homöopathie verschrieben hat. Die Studie mit dem Titel „Zur Wirksamkeit des homöopathischen Arzneimittels Arnica montana“  kommt zu folgenden Schlussfolgerungen:

„Eine Wirksamkeit homöopathischer Arnika ist statistisch nicht nachzuweisen, aber auch nicht auszuschließen. Die Ergebnisse weisen eine hohe Heterogenität auf, die auch durch die Meta-Regression nicht eliminiert wird.“

Quelle:

Wiener Medizinische Wochenschrift

November 2005, Volume 155, Issue 21, pp 482–490

http://link.springer.com/article/10.1007/s10354-005-0227-8?no-access=true

Oft zeigen sich in qualitativ schlechteren Studien positive Ergebnisse, die sich in gut gemachten Studien nicht reproduzieren lassen. Aber selbst mit Einbezug dieser schlechteren Studien konnten die Autoren, die zudem der Homöopathie zugewandten sind, keine überzeugenden Resultate finden.

Erstaunlich ist meines Erachtens, dass diese doch sehr eindeutige Studienlage in der Verordnungspraxis offenbar keine Beachtung findet. Arnika-Globuli gehören nach wie vor zu den am häufigsten angewandten Homöopathika.

Die Empfehlung von Arnika-Globuli bei stumpfen Verletzungen müsste eigentlich „tot“ sein, wenn aus der Studienlage Konsequenzen gezogen würden.

Passend zum Thema ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe.

Zitat des Tages von Johann Wolfgang von Goethe

Und wie sieht die Situation bezüglich Arnika in der Phytotherapie aus?

Die Phytotherapie-Fachliteratur lehnt die innerliche Anwendung von Arnika ab, weil die Sicherheit nicht ausreichend geklärt ist.

Phytotherapeutisch wird Arnika daher nur äusserlich angewendet – vor allem als Arnikagel oder in Form von verdünnter Arnikatinktur – zum Beispiel bei Verletzungs- und Unfallfolgen wie Hämatomen, Prellungen, Quetschungen; bei rheumatischen Muskel- und Gelenksbeschwerden und bei Entzündungen als Folge von Insektenstichen.

Schaut man sich hier die Studienlage an, ist das Fazit ebenfalls nicht so eindeutig. Das hängt auch damit zusammen, dass phytotherapeutische Arnikapräparate in sehr unterschiedlicher Qualität im Handel sind. Homöopathische Arnika-Globuli sind dagegen sehr eindeutig definiert, so dass Studienergebnisse gut auf die Arnika-Globuli aller Hersteller übertragen werden können.

Bei phytotherapeutischen Arnikapräparaten sind die Qualitätsunterschiede zwischen den verschiedenen Zubereitungsformen und Markenprodukten so gross, dass Studienergebnisse mit einem Präparat nicht ohne weiteres auf andere Präparate übertragen werden können. Das macht eine generelle Bewertung der Studienlage schwierig. Eine Studie gilt daher eigentlich nur für das Präparat, das gerade untersucht wurde.

Das Phytotherapie-Fachbuch „Teedrogen und Phytopharmaka“ schreibt zur Studienlage für die äusserliche Anwendung von Arnikapräparaten:

„In einer klinischen Doppelblindstudie zum Wirksamkeitsnachweis von Arnika-Salbe und Arnika-Gel bei chronischer Veneninsuffizienz konnten signifikant positive Effekte nachgewiesen werden. In einer klinischen Studie mit Patienten mit Osteoarthritis an den Händen konnte bei Behandlung mit Ibuprofen-Gel oder mit Arnika-Gel in beiden Gruppen eine vergleichbare Verbesserung von Beweglichkeit und Schmerzreduktion festgestellt werden. Eine systematische Auswertung von 11 Studien zur topischen Anwendung von Arnika-Zubereitungen in der Behandlung von Schmerzen, Schwellungen und hämatomen kommt zum Schluss, dass eine Tendenz zu Wirksamkeit gegeben ist, aber weitere Studien – eventuell auch mit höheren Dosierungen – wünschenswert wären.“

Klar ist: In der Phytotherapie braucht es ziemlich viel fundiertes Wissen, um ein geeignetes Präparat und eine geeignete Zubereitungsform auszuwählen.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Bei Wetterfühligkeit Kreislaufproblemen mit Weissdorn vorbeugen?

Viele chronisch kranke Menschen merken immer wieder, dass das Wetter ihre Symptome beeinflusst. Speziell bei Herz-Kreislauf-Patienten könne sich der Körper oft nicht schnell genug an einen Wetterwechsel anpassen, hiess es auf einer Presseveranstaltung der Firma Schwabe in Hamburg.

Dr. Rainer Stange, bis vor Kurzem leitender Arzt der Abteilung für Naturheilkunde im Immanuel-Krankenhaus Berlin, rät in solchen Situationen zu Abhärtung:

Zwar sollten Herz-Kreislauf-Patienten bei extremen Wetterlagen besser zu Hause bleiben.

Bei nassem, schwülem oder kaltem Wetter sollten sie sich jedoch durchaus bewusst mit moderater Aktivität draußen der Witterung aussetzen. Die Studienlage spricht laut Stange auch für Wärme- oder Kälte­-Anwendungen wie Kneipp-Kuren, Sauna oder Infrarotbehandlungen – jeweils nach Rücksprache mit dem Arzt.

Als phytotherapeutische Alternative zur Linderung von Wetterfühligkeit erwähnte Stange hoch dosierte Weißdorn-Extrakte (zweimal täglich 450 mg).

Diese Weissdorn-Extrakte »lindern bei Herz-Kreislauf-Patienten Beschwerden wie Erschöpfung, Müdigkeit, Kurzatmigkeit und Schwellungen der Beine, die sich wetterbedingt verstärken können.«

Mit einem Wirkungseintritt sei allerdings meist erst nach vier bis sechs Wochen zu rechnen.

Wer bei Wärme unter Kreislaufproblemen leidet, soll laut Stange daher rechtzeitig mit der Einnahme von Weissdorn-Extrakt beginnen, also zum Ende des Winters beziehungsweise rechtzeitig vor einer Reise in warme Länder.

In Absprache mit dem behandelnden Arzt sei die Einnahme aufgrund kaum zu erwartender Wechselwirkungen auch zusammen mit einer bestehenden Herzmedikation möglich.

Quelle:

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=76455

 

Kommentar & Ergänzung:

Interessante Idee. Bisher gibt es keine gesicherten Erkenntnisse über günstige Wirkungen von Heilpflanzen bei Wetterfühligkeit.

Die ESCOP sieht die Wirksamkeit von Weissdornblättern mit Weissdornblüten als belegt bei nachlassender Leistungsfähigkeit des Herzens (Herzinsuffizienz) entsprechend Stadium II nach NYHA (New York Heart Association). Sie erkennt dieses Anwendungsgebiet jedoch nur für Fertigarzneimittel mit alkoholischen Extrakten als Wirkstoff an; für Teezubereitungen begrenzt sie das Anwendungsgebiet auf „nervöse Herzbeschwerden und Unterstützung der Herz- und Kreislauffunktion“.

Denkbar, dass diese stärkende Wirkung auf die Herzfunktion sich günstig auf die Beschwerden bei Wetterfühligkeit auswirkt. Aber eben nicht durch Studien belegt.

Rainer Stange ist ein anerkannter Experte in der Phytotherapie. Wir wissen allerdings auch, dass eine Expertenmeinung in der evidenzbasierten Medizin nicht hoch gewichtet wird und eigentlich nur gut gemachte klinische Studien zählen. Und die gibt es für Weissdorn zur Indikation Wetterfühligkeit nicht.

Die Firma Schwabe als Veranstalter der Pressekonferenz ist als Hersteller eines Weissdorn-Präparats mit 450 mg Trockenextrakt pro Filmtablette (Cardiplant 450) hier natürlich mit eigenem Interesse involviert. Weitere Extraktpräparate sind Faros 300 und Kardionin (450mg) von Zeller.

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Techniker Krankenkasse veröffentlicht Cannabis-Report

Etwa ein Jahr nach der Freigabe von Cannabis auf Rezept in Deutschland hat die Techniker Krankenkasse (TK) in Zusammenarbeit mit der Universität Bremen einen Cannabis-Report publiziert. Darin kommen die Autoren zum Schluss, dass Cannabis nur selten eine Alternative zu bewährten Therapien sei.

Einen Anlass, Cannabis für ein pflanzliches und damit grundsätzlich gutes Mittel zu halten, sehen die Verfasser des Reports um den Pharmakologen Gerd Glaeske nicht. Bestenfalls „denkbar“ sei die Anwendung anhand der Studienlage bei chronischem Schmerz, Spasmen bei Multipler Sklerose, Epilepsien, bei Übelkeit durch Chemotherapie und um den Appetit bei HIV und Aids zu steigern, heißt es in der Untersuchung. Insgesamt bleibt für die Autoren weiter unklar, welchen Patientengruppen Cannabis in welcher Dosis und welcher Form helfen kann. Nötig seien belastbare und öffentliche finanzierte Studien, unterstreicht Gerd Glaeske.

Nach Erfahrung des Leitenden Oberarztes der Klinik für Anästhesiologie an der Charité, Michael Schäfer, sind es einzelne Patienten mit komplexen Krankheitsbildern, bei denen Cannabis anspricht, nachdem andere Behandlungen versagten. Nebenwirkungen, die zum Abbruch der Therapie führen könnten, seien etwa Halluzinationen. Insgesamt seien die Nebenwirkungen – etwa Müdigkeit und Schwindel – angesichts zunächst geringer Dosierungen maßvoll, urteilt der Pharmakologe Glaeske.

Erhebliche Probleme sieht Glaeske hauptsächlich bei der Behandlung mit Cannabisblüten, deren Wirkstoffgehalte schwankten und die umständlich verdampft und mit einer Maske eingeatmet werden müssten. Für den Pharmakologen ist das ein „Rückfall in vorindustrielle Zeit“. Die vergleichsweise teuren Cannabisblüten zählen dem Report zufolge nach einem Öl mit teilsynthetischem THC inzwischen zu den gängigsten Formen.

Seit März 2017 ist es in Deutschland gesetzlich möglich, dass Patienten im Einzelfall Cannabis auf Rezept bekommen. Zuvor benötigten Patienten Ausnahmegenehmigungen. Nun müssen Ärzte die Wahl einer Cannabis-Behandlung umfangreich begründen. Einige Fachleute zeigten sich schon von Beginn an skeptisch und warnten davor, Schwerkranken falsche Hoffnungen zu machen.

Quelle:

https://www.n-tv.de/wissen/Bedenken-gegen-Cannabis-als-Arznei-article20440677.html

Pressemitteilung der TK:

https://www.tk.de/tk/themen/arzneimittelversorgung/cannabis-report-2018/982398

Der Cannabis-Report zum Herunterladen als PDF:

https://www.tk.de/centaurus/servlet/contentblob/982396/Datei/88084/TK-Studienband-Cannabis-Report-2018.pdf

Kommentar & Ergänzung:

Cannabis ist kein Wunderheilmittel – insofern ist es verständlich, dass der Report die Erwartungen etwas herunterholt. Andererseits ist aber auch anzuerkennen, dass in den aufgeführten Anwendungsbereichen wie chronischer Schmerz, Spasmen bei Multipler Sklerose, Epilepsien, Übelkeit durch Chemotherapie und Appetitsteigerung bei HIV und Aids Patienten deutliche Linderung erfahren können.

Bei der in Deutschland seit 2017 möglichen Verordnung von Cannabisblüten kann der Wirkstoffgehalt im Gegensatz zu einem standardisierten Pharmaprodukt natürlich schwanken. Das lässt sich aber durch kontrollierten Anbau ein Stück weit auffangen. Dazu kommt noch, dass Medizinerinnnen und Mediziner mit dieser Anwendungsform einfach auch mehr Erfahrung sammeln müssen. Dann ist ein „Rückfall in vorindustrielle Zeit“ kein Desaster.

Dass weitere unabhängig finanzierte Studien zur medizinischen Anwendung von Cannabis nötig sind, ist jedoch klar.

 

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Efeu gegen Husten als Spagyrik-Tinktur anwenden?

Efeu wird als Heilpflanze gegen Husten eingesetzt und wirkt dabei krampflösende und auswurffördernd.

Dabei kommt es immer wieder zu Unklarheiten über die beste Anwendungsform.

Vor ein paar Tagen wurde ich gefragt, ob Efeu auch als spagyrische Tinktur angewendet werden kann.

Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, muss man wissen, welche Wirkstoffe für die krampflösenden und auswurfförderden Effekte verantwortlich sind – und zudem, ob diese Wirkstoffe in relevanten Mengen vom Efeublatt in die spagyrische Tinktur übergehen.

Die Wirkung von Efeublättern zur Linderung von Husten wird seit längerer Zeit intensiv erforscht. Dabei gelten die Saponine als entscheidende Wirkstoffe. Als Hauptsaponin gilt Hederasaponin C.

Charakteristisch für die Spagyrik ist das sehr ungewöhnliche, aufwendige Herstellungsverfahren.

Die Pflanzen werden zuerst mit Hefe vergoren. Dann wird abdestilliert. Dabei geht ein allfällig vorhandenes ätherisches Öl ins Destillat über.

Der Destillationsrückstand wird anschliessend bei einer Temperatur von mehreren hundert Grad Celsius verascht. Dabei werden die organischen Inhaltsstoffe und damit auch die Wirkstoffe zerstört.

Die Asche und das Destillat werden anschliessend vereinigt.

Aufgrund dieses Herstellungsverfahrens ist klar, dass eine spagyrische Tinktur keine Saponine enthält. Ihre Anwendung bei Husten lässt sich nicht mit der Wirksamkeit von Saponinen begründen.

Aber wie kann Efeu als Hustenmittel eingesetzt werden?

Tee aus Efeublättern enthält zwar Saponine. Trotzdem sollen Efeublätter nicht als Tee zubereitet werden, weil die Wirkstoffe genau dosiert werden müssen und das bei der Anwendung als Tee nicht sichergestellt werden kann. Das gilt auch für klassische Pflanzentinkturen, egal ob es sich um eine Frischpflanzentinktur oder um eine Efeutinktur aus getrockenten Efeublättern handelt.

Sicher und wirksam kann Efeu als Arzneipflanze nur in Form von Efeuextrakt eingesetzt werden. Efeuextrakte sind Bestandteil verschiedener Hustenpräparate, zum Beispiel dem Drosinula Hustensirup (in Kombination mit Sonnentau-Extrakt und Extrakt aus Fichtensprossen) oder Bronchipret Hustensirup (in Kombination mit Thymianextrakt).

Monopräparate, die ausschliesslich Efeuextrakt enthalten, sind zum Beispiel Prospan Hustensaft / Hustentropfen und Sanabronch Sirup.

Klinische Studien zur Wirksamkeit von Efeuextrakt wurden vor allem mit dem Extrakt EA 575 (Prospan®) durchgeführt. Dieser Extrakt wird schon seit über 60 Jahren zur Behandlung von Erwachsenen und Kindern mit akuten oder chronisch-entzündlichen Bronchialerkrankungen eingesetzt.

Die pharmakologische Forschung mit dem Extrakt EA 575 hat auch wesentlich zur Aufklärung des Wirkungsmechanismus der Efeu-Saponine beigetragen.

Bettina Lube – Diedrich beschreibt die Wirkungsweise im Fachbuch Arzneipflanzen – Arzneidrogen so:

„Die Saponine bewirken, dass auf den Oberflächen der Zellen des Lungenepithels und des Bronchialgewebes die Dichte der β2-adrenergen Rezeptoren zunimmt, die Empfindlichkeit  des Gewebes für Adrenalin steigt.  Dies hat mehrere positive Folgen: Es wird vermehrt Surfactant gebildet, eine oberflächenaktive Substanz, die die Lungenbläschen bedeckt und stabilisiert. Sie sorgt ausserdem für den Abtransport von Schleim, weil in den Lungenbläschen keine Flimmerhärchen sind, die diese Aufgabe übernehmen könnten. Durch die vermehrte Surfactant  wird der zähe Schleim verflüssigt und kann abgehustet werden. Eine andere Folge der Zunahme der Rezeptorendichte ist die Entspannung der Bronchialmuskulatur, so dass der Atemwiderstand gesenkt wird.“

 

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Wildkräuter: Gundelrebe / Gundermann in der Küche & als Heilpflanze

Der Gundermann (Glechoma hederacea), auch Gundelrebe genannt, zählt zur Familie der Lippenblütler (Lamiaceen). Mit ihren blauvioletten Blüten ist die Pflanze im Frühling recht auffällig.

Nur wenige nutzen Gundermann in der Küche. Das Bundeszentrum für Ernährung weist aber darauf hin, dass sein herbes bis leicht harziges Aroma viele Alltagsgerichte wie Pellkartoffeln und Eierspeisen interessanter macht.

Auch für Salate, Kräuterquark und Pesto sei der Gundermann eine Bereicherung. Zum Osterfest werde er traditionell in der Gründonnerstagsuppe serviert, die aus neun verschiedenen Kräutern zubereitet wird.

Wie die Zubereitung von statten geht, beschreibt das BZfE so:

„Alle Wildkräuter, darunter auch Brennnessel, Gänseblümchen und Löwenzahn, werden gewaschen, trocken getupft und fein geschnitten. Anschließend Zwiebeln und Knoblauch in etwas Butter andünsten, Gemüsebrühe und das frische Grün hinzugeben. Nun lässt man die Suppe zwanzig Minuten köcheln und schmeckt mit etwas Schmand, Salz und Pfeffer ab.“

Auch Tee und Kräuterlimonade könne mit Gundermann verfeinert werden, schreibt das BzfE weiter, weist aber darauf hin, dass sparsam dosiert werden soll, damit der Geschmack nicht zu intensiv wird.

Gundermann wird 10 bis 20 cm hoch und wächst am Waldrand, unter Hecken, aber auch in feuchten Wiesen. Er zählt Im Frühjahr zu den ersten verfügbaren Wildkräutern für die Küche und zeigt in den Monaten April bis Juni seine blauvioletten Blüten. Beim Zerreiben der Gundermannblätter entsteht ein scharfer Geruch, der etwas an Minze erinnert.

Die Pflanze enthält unter anderem Vitamin C, Mineralstoffe wie Kalium, ätherische Öle, Saponine, Gerbstoffe und Bitterstoffe. Im Mittelalter wurde Gundermann in klösterlichen Gärten als Arzneipflanze angebaut und zur Wundheilung eingesetzt. So leitet sich der Name wahrscheinlich vom althochdeutschen Wort „gund“ für Eiter oder Beule ab.

Quelle:

https://www.bzfe.de/inhalt/bzfe-newsletter-nr-12-vom-21-maerz-2018-31994.html#3

 

Kommentar & Ergänzung:

Gundermann eignet sich auch für Rahmspeisen wie Eiscreme oder Panna Cotta. Aber auch hier sparsam dosieren, sonst kippt der Geschmack ins Unangenehme. Schliesslich verwendete man früher bei den Sachsen den Gundermann anstelle von Hopfen als Bittermittel zum Bierbrauen.

Die Griechen und Römer in der Antike kannten den Gundermann nicht. Bei den Germanen war er aber wohl eine wichtige Heilpflanze. Im Mittelalter erwähnt ihn Hildegard von Bingen.

In der traditionellen Pflanzenheilkunde wurde Gundermann für eine grosse Bandbreite von Erkrankungen eingesetzt, zum Beispiel innerlich bei Durchfall, Magenbeschwerden, Darmkatarrh, Bronchialerkrankungen, Nierenerkrankungen, Lebererkrankungen, Lungenleiden.

Diese „Indikationslyrik“ ist unübersichtlich, weil nicht mehr klar ist, wofür die Pflanze wirklich wirksam ist.

Es gibt keine fundierten Belege für solche Wirkungen des Gundermanns. Vermutet werden entzündungswidrige Wirkungen durch Flavonoide, Triterpentoide und Gerbstoffe, was bei äusserlicher Anwendung eine Rolle spielen könnte.

In der Alternativmedizin tauchen immer wieder Versprechungen auf, dass Gundermann / Gundelrebe zur Ausleitung von Schwermetallen wie Blei und Quecksilber wirksam ist.

Das ist natürlich eine attraktive Vorstellung – eine Pflanze, die Gifte rausholt. Darum stossen solche Versprechungen auf grosse Ressonanz.

Diese Versprechen sind aber sehr fragwürdig. Es gibt keine glaubwürdigen Argumente oder gar Belege für eine solche Wirkung. Es gibt auch keine plausible Erklärung dazu, wie der Gundermann eine solche Wirkung zustande bringen soll.

Zu Laborforschung und klinischen Studien mit Gundermann habe ich nur im Fachbuch „Teedrogen und Phytopharmaka“ einen Hinweis gefunden – und zwar zum Thema Hyperpigmentierung.

Im Labor hemmte ein Gundermann-Extrakt die Melatoninsynthese und die Tyrosinaseaktivität bei B16-Melanomzellen, woraus auf eine mögliche Wirksamkeit bei der Behandlung von Hyperpigmentierungsflecken der Haut geschlossen wurde.

Eine Lotion mit Gundermann-Extrakt bewirkte nach 8-wöchiger Behandlung von UV-induzierten Pigmentflecken der Haut eine im Vergleich zu Placebobehandlung eine signifikante Depigmentierung und Entzündungshemmung.

Wie gut die Wirksamkeit dieser Lotion nun wirklich geklärt ist,  kann ich nicht beurteilen. Im Markt scheint sie jedenfalls bisher nicht erhältlich zu sein.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

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Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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Gundelrebe / Gundermann

Hausmittel: Zwiebelsirup bei Husten

Die „Welt“ hat einen Text veröffentlicht über Hausmittel für Kinder. Darin kommt auch der Zwiebelsirup zur Sprache, empfohlen durch den Kinder- und Jugendarzt Andreas Volbracht:

«Zwiebelsirup sei sein Lieblingshausmittel, sagt Volbracht. Dazu ein bis zwei geschälte und gewürfelte Zwiebeln mit ein paar Löffeln Zucker oder Honig in ein leeres Marmeladenglas gegeben. Nach mindestens zwei Stunden die Stücke heraussieben, übrig bleibt der Zwiebelsirup. Ihn kann man mit Wasser verdünnen. Kinder mit Husten können mehrmals täglich ein bis zwei Esslöffel einnehmen. „Es bewirkt eine Muskelentspannung an der Bronchialmuskulatur. Das löst die muskuläre Verkrampfung der Atemwege auf“, so Volbracht.»

Quelle:

https://www.welt.de/gesundheit/article175379422/Diese-Hausmittel-koennen-kranken-Kindern-wirklich-helfen.html

 

Kommentar & Ergänzung:

Die Zwiebel (Allium cepa) und insbesondere der Zwiebelsirup ist ein bewährtes Hausmittel gegen Husten und er schmeckt nicht einmal so übel, wie das im ersten Moment erscheinen mag. Auch Kinder nehmen ihn oft überraschend gerne.

Interessant ist in der obenstehenden Aussage die Erklärung zum Wirkungsmechanismus:

„Es bewirkt eine Muskelentspannung an der Bronchialmuskulatur. Das löst die muskuläre Verkrampfung der Atemwege auf.“

Die Erklärung habe ich bezüglich Husten noch nie gehört und gelesen. Vermutlich gründet sie in experimentellen Hinweisen auf antiasthmatische Wirkungen der Zwiebel.

Ob sich diese Erkenntnisse auf die Anwendung bei Husten übertragen lassen, ist allerdings unklar.

Die Laborergebnisse werden im „Lehrbuch der Phytotherapie“ so beschrieben:

„Untersuchungen von Dorsch et. al. …zeigen tatsächlich in frisch zubereiteten lyophilisierten Extrakten von Allium cepa ein antisathmatisches Wirkprinzip. Thiosulfinate hemmen die anti-Immunglobulin-E-(IgE)-induzierte Freisetzung von Histamin aus peripheren Granulozyten, die Leukotrienbiosynthese in vorstimmulierten Granulozyten durch Hemmung  der 5-Lipoxygenase und die Thromboxan-B2-Biosynthese in menschlichem plättchenreichen Plasma und in Lungenfibroplasten…Es handelt sich um potente Hemmstoffe der Prostaglandinkaskade.“

Tönt kompliziert, läuft aber vor allem auf eine entzündungswidrige Wirkung hinaus.

Wir habe es bei diesen Ergebnissen hier mit Experimenten an Zellen im Reagenzglas zu tun und mit einem Tierversuch. Mittels Ovalbumin sensibilisierte Meerschweinchen wurden durch perorale Gabe von Zwiebelsaft vor einem Asthmaanfall geschützt.

Allerdings war der Asthmaanfall experimentell ausgelöst. Das ist alles weit weg von der Praxis eines Asthmakranken.

Aussagekräftig bezüglich einer Anwendung von Zwiebelsaft gegen Asthma beim Menschen sind aber nur Untersuchungen am Menschen, also sogenannte klinische Studien.

Dazu schreibt das „Lehrbuch der Phytotherapie“:

„In einem Versuch am Menschen wurde durch orale Gabe von 2 x 100 ml ethanolischem Zwiebelextrakt (= 400 g Zwiebeln) die asthmatische Sofort- und verzögerte Reaktion einer Patientin auf die Inhalation von Hausstaubmilbenextrakt unterdrückt.“

Auch das ist zwar interessant, aber offenbar besteht die Studie nur aus einem einzigen Experiment mit einer einzigen Patientin. Das ist eine äusserst schmale Basis. Und ob ein Äquivalent von 400 g Zwiebeln praxistauglich ist, darf bezweifelt werden.

Die Idee, Zwiebelextrakt gegen Astma zu verwenden ist zwar interessant, aber noch nicht im Ansatz belegt.

Und diese Ergebnisse  lassen sich auch nicht einfach auf die Anwendung bei Husten übertragen.

Andere Wirkungsmechanismen für eine mögliche Wirkung von Zwiebelsirup gegen Husten schienen mit da plausibler:

– Eine schleimlösende und auswurffördernde Wirkung, zum Beispiel via gastro-pulmonalem Reflex.

– Eine Linderung des Hustenreizes durch den Honig. Siehe dazu:

 Honig gegen Husten wirksam

Es ist schade, wenn Hausmittel wie der Zwiebelsirup an Bedeutung verlieren, denn darin steckt auch eine Kompetenz, mit einfacheren Beschwerden selber fertig zu werden. Natürlich sind nicht alle Hausmittel auch sinnvoll. Gerade die Phytotherapie kann aber dazu beitragen, wirksame Hausmittel wieder bekannter zu machen und überholte Hausmittel  auszusortieren.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Hopfen bei Unruhe, Angst und Schlafstörungen

Die Deutsche Apotheker Zeitung hat ein Pflanzenporträt veröffentlicht über den Hopfen (Humulus lupulus) in der Phytotherapie. Darin kommen auch die Wirkstoffe zu Sprache:

„Hopfen enthält unter anderem die Bitterstoffe Humulon und Lupulon, außerdem ätherische Öle und Flavonoide. Eine sedierende Wirkung der Inhaltsstoffe wurde nachgewiesen, allerdings konnte keine konkrete wirksamkeitsbestimmende Substanz verantwortlich gemacht werden. Wahrscheinlich sind flüchtige Substanzen, die sich aus den instabilen Hopfen-Bitterstoffen Humulon und Lupulon bilden, an der Wirkung beteiligt.“

Quelle:

https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2018/01/01/hopfen-in-der-phytotherapie/chapter:1

Kommentar & Ergänzung:

Beim Hopfen sind bezüglich der Wirkstoffe, die für die beruhigende Wirkung verantwortlich sind, tatsächlich noch viele Fragen offen.

Hopfentee ist ausgesprochen bitter und kommt daher nicht gerade häufig zur Anwendung. Wer mit dem bitteren Geschmack nicht klar kommt, kann auch Hopfenextrakt in Dragees oder Kapselform einnehmen. Allerdings wird der Hopfenextrakt in diesen Präparaten oft mit Baldrianextrakt kombiniert. Deshalb gibt es auch kaum Studien allein mit Hopfenextrakt. Phytohersteller Zeller konnte jedoch für sein Baldrian-Hopfen-Kombipräparat Redormin zeigen, dass die Hopfen-Baldriankombination besser wirksam ist als der Baldriananteil im Redormin allein. So konnte die Wirksamkeit von Hopfenextrakt zumindestens indirekt bestätigt werden.

Als Wirkungsmechanismus des Hopfens wird eine Aktivierung des Melatoninrezeptors vermutet.

Hopfen eignet sich im Übrigen auch gut als Schlafkissen.

Margret Wenigmann schreibt dazu im Fachbuch „Phytotherapie“:

„Für ein Hopfenkissen oder –säckchen zur Beruhigung (z. B. von Säuglingen und Kleinkindern) frische Hopfenzapfen in ein Leinensäckchen füllen und ins Bettchen legen. Das bei der Lagerung entstehende 2-Methyl-3-butenol ist bereits bei niederen Temperaturen flüchtig und wirkt schlaffördernd.“

Das Hopfenkissen ist eine Alternative zum Lavendelsäckchen. Beide eignen sich natürlich auch für Erwachsene und insbesondere auch für ältere Personen, zum Beispiel im Pflegeheim.

Botanisch gehört der Hopfen übrigens zur Pflanzenfamilie der Hanfgewächse (Cannabaceae). Hopfen wird hauptsächlich für die Bierproduktion angebaut. Sie kommt aber auch wildwachsend vor, hauptsächlich in Auenwäldern. Kennenlernen können Sie Hopfen in der Natur an meinen Kräuterwanderungen in die Petite Camarque bei Basel, in die Rheinschlucht (Graubünden) und in die Thurauen am Zusammenfluss von Rhein und Thur.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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