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Bei Wetterfühligkeit Kreislaufproblemen mit Weissdorn vorbeugen?

Viele chronisch kranke Menschen merken immer wieder, dass das Wetter ihre Symptome beeinflusst. Speziell bei Herz-Kreislauf-Patienten könne sich der Körper oft nicht schnell genug an einen Wetterwechsel anpassen, hiess es auf einer Presseveranstaltung der Firma Schwabe in Hamburg.

Dr. Rainer Stange, bis vor Kurzem leitender Arzt der Abteilung für Naturheilkunde im Immanuel-Krankenhaus Berlin, rät in solchen Situationen zu Abhärtung:

Zwar sollten Herz-Kreislauf-Patienten bei extremen Wetterlagen besser zu Hause bleiben.

Bei nassem, schwülem oder kaltem Wetter sollten sie sich jedoch durchaus bewusst mit moderater Aktivität draußen der Witterung aussetzen. Die Studienlage spricht laut Stange auch für Wärme- oder Kälte­-Anwendungen wie Kneipp-Kuren, Sauna oder Infrarotbehandlungen – jeweils nach Rücksprache mit dem Arzt.

Als phytotherapeutische Alternative zur Linderung von Wetterfühligkeit erwähnte Stange hoch dosierte Weißdorn-Extrakte (zweimal täglich 450 mg).

Diese Weissdorn-Extrakte »lindern bei Herz-Kreislauf-Patienten Beschwerden wie Erschöpfung, Müdigkeit, Kurzatmigkeit und Schwellungen der Beine, die sich wetterbedingt verstärken können.«

Mit einem Wirkungseintritt sei allerdings meist erst nach vier bis sechs Wochen zu rechnen.

Wer bei Wärme unter Kreislaufproblemen leidet, soll laut Stange daher rechtzeitig mit der Einnahme von Weissdorn-Extrakt beginnen, also zum Ende des Winters beziehungsweise rechtzeitig vor einer Reise in warme Länder.

In Absprache mit dem behandelnden Arzt sei die Einnahme aufgrund kaum zu erwartender Wechselwirkungen auch zusammen mit einer bestehenden Herzmedikation möglich.

Quelle:

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=76455

 

Kommentar & Ergänzung:

Interessante Idee. Bisher gibt es keine gesicherten Erkenntnisse über günstige Wirkungen von Heilpflanzen bei Wetterfühligkeit.

Die ESCOP sieht die Wirksamkeit von Weissdornblättern mit Weissdornblüten als belegt bei nachlassender Leistungsfähigkeit des Herzens (Herzinsuffizienz) entsprechend Stadium II nach NYHA (New York Heart Association). Sie erkennt dieses Anwendungsgebiet jedoch nur für Fertigarzneimittel mit alkoholischen Extrakten als Wirkstoff an; für Teezubereitungen begrenzt sie das Anwendungsgebiet auf „nervöse Herzbeschwerden und Unterstützung der Herz- und Kreislauffunktion“.

Denkbar, dass diese stärkende Wirkung auf die Herzfunktion sich günstig auf die Beschwerden bei Wetterfühligkeit auswirkt. Aber eben nicht durch Studien belegt.

Rainer Stange ist ein anerkannter Experte in der Phytotherapie. Wir wissen allerdings auch, dass eine Expertenmeinung in der evidenzbasierten Medizin nicht hoch gewichtet wird und eigentlich nur gut gemachte klinische Studien zählen. Und die gibt es für Weissdorn zur Indikation Wetterfühligkeit nicht.

Die Firma Schwabe als Veranstalter der Pressekonferenz ist als Hersteller eines Weissdorn-Präparats mit 450 mg Trockenextrakt pro Filmtablette (Cardiplant 450) hier natürlich mit eigenem Interesse involviert. Weitere Extraktpräparate sind Faros 300 und Kardionin (450mg) von Zeller.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

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„Karottensuppe nach Moro“ gegen Durchfall

Die „Karottensuppe nach Moro“ ist zwar etwas in Vergessenheit geraten. Als Hausmittel gegen Durchfall ist sie aber durchaus bewährt. Sie wird heute wieder interessant, weil sie auch gegen resistente Keime wirksam ist.

Entwickelt und empfohlen wurde sie vom deutschen Kinderarzt Ernst Moro vor rund 100 Jahren. Er konnte dadurch die Rate an Kindern, die an Durchfallerkrankungen starben, drastisch vermindern. Offenbar sind saure Oligosaccharide für die Wirkung mitverantwortlich, die im Laborversuch verhindern, dass sich krankmachende Keime an die Darmwand anhefteten.

Das Magazin „Stern“ hat ein Rezept für die Herstellung der „Karottensuppe nach Moro“ veröffentlicht:

«➝Für die Karottensuppe ein halbes Kilo Möhren schälen, zerkleinern und in einen Liter Wasser geben.

➝Ein- bis eineinhalb Stunden köcheln lassen.

➝Die Möhren durch ein Sieb pressen oder mithilfe eines Mixers pürieren.

➝Die Gesamtmenge auf einen Liter mit Wasser auffüllen und einen knapp gestrichenen Teelöffel Kochsalz dazugeben.

➝In kleinen Portionen essen.»

Quelle:

http://www.stern.de/gesundheit/grippe/erkaeltung–ohrenschmerzen–halsschmerzen–diese-hausmittel-helfen-6565438.html#mg-1_1507550262901

 

Kommentar und Ergänzung:

Karotten sind zudem reich an Pektinen. Diese unverdaulichen Ballaststoffe fördern nützliche Bakterien im Darm. Sie binden zudem Wasser und dicken somit den Stuhl ein.

Siehe auch:

Karottensuppe nach Moro gegen EHEC?

Der österreichische Pädiater Ernst Moro (1874 – 1951) war Ordinarius für Kinderheilkunde an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Er war auch „Vater“ der „Moro-Apfeldiät“ gegen Durchfall. Wikipedia schreibt dazu:

„Im Jahr 1929 gab Moro seine später berühmt gewordene „Apfeldiät“ zur Behandlung diarrhoischer Zustände bekannt. Der Kollege August Heisler hatte Moro auf die Wirkung von Apfeltagen als altem Volksmittel bei Darmkatarrh hingewiesen. Als der ganze Eugeniensaal von einer kleinen Hausinfektion an Enteritis befallen war, nahmen alle Kinder rohen Apfelbrei zu sich. Die weitere klinische Prüfung gab dem Versuch recht. Nach Moros Ansicht bewirkte der Gerbstoffgehalt roher geriebener Äpfel gewisse Entgiftungsvorgänge zur Linderung der Beschwerden bei Dyspepsie, Ruhr und ruhrartigen Erkrankungen.“

Siehe dazu auch:

Apfel-Pektine fördern Verdauung

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Wildkräuter in der Küche: Wilde Möhre

Die wilde Möhre (Daucus carota) ist die Urform der bekannten Karotte. Mit ihrem würzigen Aroma kann sie für Geschmackserlebnisse sorgen.

Das Bundeszentrum für Ernährung (BZfE) empfiehlt die Wilde Möhre deshalb zur Verwendung in der Küche:

„Die jungen Blätter und Stiele schmecken im Salat, in Gemüsepfannen und fein gehackt in Suppen und Soßen. Die dünne, weißliche Wurzel hat einen herb-süßlichen Geschmack und enthält wertvolle Inhaltsstoffe wie Provitamin A, B-Vitamine, Kalzium, Folsäure und Selen. Für eine Gemüsebeilage wird sie in Stifte geschnitten, in Brühe kurz gedünstet und mit etwas Olivenöl und einem Hauch Chili verfeinert. Probieren Sie auch die weichen Blüten – als essbare Dekoration für Salate oder in Pfannkuchenteig frittiert. Die getrockneten Samen haben ein anisartiges Aroma, das pikanten und süßen Speisen eine angenehme Würze gibt. Ätherische Öle regen die Verdauung an….
Das Kraut wird zur Blütezeit von Mai bis September geerntet, während die Wurzel im zeitigen Frühjahr oder Herbst am besten schmeckt. Nach der Blüte wird sie holzig.“

Quelle:
https://www.bzfe.de/inhalt/die-wilde-moehre-in-der-kueche-32327.html

Kommentar & Ergänzung:

Die Wilde Möhre gehört zur Pflanzenfamilie der Doldenblütler. Sie ist nicht nur für die Ernährung des Menschen interessant, sondern auch eine wichtige Raupenfutterpflanze für den Schwalbenschwanz-Schmetterling.
Auf Wikipedia finden sich interessante Informationen zur Blütenökologie der Wilden Möhre:

„Die meist in der Doldenmitte auftretende, durch Anthocyane schwarzrot gefärbte weibliche Mohrenblüte (Stempel) bildet eine Kontrastfärbung zu den weißen zwittrigen Blüten, was auf potenzielle Bestäuber eine Signalwirkung ausübt. Bestäuber sind Insekten aller Art, besonders Käfer und Fliegen. Die Blüten sind eine Hauptpollenquelle für die Sandbienen Andrena pallitaris und Andrena nitidiuscula. Die Blütezeit reicht von Mai bis September.“

Die Wilde Möhre wächst in einem zweijährigen Zyklus und blüht erst im zweiten Jahr. Man sollte nur die einjährigen Wilden Möhren essen, da die Wurzeln der blühenden Pflanzen ziemlich scharf und holzig sind.

Für die Phytotherapie spielt die Wilde Möhre kaum eine Rolle, weil es zu ihren allfälligen Wirkungen wenig fundierte Erkenntnisse gibt.

Das „Handbuch der Arzneipflanzen“ schreibt dazu:

„Das Kraut wird traditionell bei Nieren- und Blasenleiden verwendet, insbesondere bei Harnsteinen und –griess sowie Blasenentzündung. Kraut und Früchte werden bei Verdauungsstörungen, Krämpfen, Blähungen und Gicht eingesetzt. Karottensaft ist wegen des hohen Carotingehalts (in der Leber in Vitamin A umgewandelt) mit antioxidativer Wirkung ein wichtiges Gesundheitsgetränk. Die Droge wurde auch als Wurmmittel verwendet.“

Für die Wirksamkeit bei Nierenerkrankungen, Blasenleiden und Gicht gibt es keine Belege und auch sonst kein plausiblen Argumente. Am ehesten ist eine Wirksamkeit gegen Verdauungsstörungen plausibel. Die Verwendung der Droge ( = getrocknete Arzneipflanze) als Wurmmittel ist nicht zielführend, für diesen Zweck gibt es wirksame Medikamente.

Die Wilde Möhre kann bei manchen Personen leichte Lichtallergien verursachen und wegen der Furanocumarine kann die Pflanze in seltenen Fällen eine Photodermatitis auslösen.

Wer die Wilde Möhre als Wildpflanze essen will, muss sie sicher erkennen.
Das ist anhand des schwarzen Punktes in der Doldenmitte und der langen, geteilten Hüllblätter eigentlich gut möglich, wenn man diese Merkmale sicher kennt.

Die Familie der Doldenblütler ist aber insgesamt botanisch nicht einfach, weil es darin viele ähnliche Pflanzenarten gibt. Wenn Sie bei den Doldenblütlern botanisch Fortschritte machen möchten, helfe ich Ihnen gerne auf den Kräuterwanderungen weiter.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Arzneipflanzen im Mittelpunkt der Woche der Botanischen Gärten 2018

Vom 9. – 17. Juni 2018 findet in Deutschland und Österreich die Woche der Botanischen Gärten statt. Sie steht unter dem Motto „Die Grüne Apotheke – vom Hortus Medicus zur Pharmaforschung“.

Über 40 Botanische Gärten rücken dabei mit zahlreichen Veranstaltungen und einer gemeinsamen Ausstellung die zentrale Rolle der Arzneipflanzen für die Heilkunde und die Bedeutung der pflanzlichen Vielfalt ins Blickfeld.

Dabei werden sowohl altbewährte als auch noch weitgehend unbekannte Arzneipflanzen im Detail präsentiert – von Arnika, Salbei und Knoblauch bis hin zu Schlafmohn, Eibe oder Maiapfel. Themenposter stellen zudem eine breite Palette von Fakten rund um Pflanzen in der Heilkunde vor.

Prof. Dr. Maximilian Weigend, Präsident des Verbandes Botanischer Gärten (VBG), schreibt zum Thema der Woche:

„Arzneipflanzen und deren Anwendung sind ein komplexes Feld. Buchstäblich zehntausende von Pflanzenarten wurden oder werden als ‚Arzneipflanzen’ eingesetzt – bei weitem nicht alle zu Recht, aber einige sind auch für die moderne Medizin unersetzlich. Auf kaum einem Gebiet findet sich allerdings auch so viel gefährliches Halbwissen: Überlieferung, Esoterik, gefühltes Wissen, empirische Daten und kritische naturwissenschaftliche Erkenntnisse liefern einen bunten Strauß von Vorstellungen, Meinungen und Fakten, die die Einstellung der Menschen gegenüber Arzneipflanzen prägen. Wir haben uns deshalb bemüht, alle dargestellten Fakten kritisch zu hinterfragen und von Experten überprüfen zu lassen, um wissenschaftlich fundiert zu informieren……“

Quelle und weitere Infos:

http://www.verband-botanischer-gaerten.de/pages/bg_woche_2018.html

 

Kommentar & Ergänzung:

Das Motto „vom Hortus Medicus zur Pharmaforschung“ ist sehr ansprechend.

„Hortus Medicus“ ist die latienische Bezeichnung für „Apothekergarten“, „Arzneigarten“. Solche Kräutergärten enthalten Heilpflanzen und Giftpflanzen, aber auch Gewürzpflanzen, die zur Herstellung von Arzneimitteln dienen. Apothekergärten gehen auf die Klostergärten des Mittelalters zurück, in denen Pflanzen zu medizinischen Zwecken angebaut wurden. Näheres auf Wikipedia.

Im Motto „vom Hortus Medicus zur Pharmaforschung“ drückt sich der weite Bogen von der historischen Kräuterheilkunde bis zur modernen Arzneipflanzenforschung aus, der auch in der Phytotherapie eine wichtige Rolle spielt und sie so interessant macht.

Dem Zitat von Prof. Weigend kann ich sehr zustimmen. Es gibt rund um das Thema Heilpflanzen sehr viel gefährliches Halbwissen oder auch schlichte Fehlinformationen aus Überlieferung, Esoterik und angeblich „gefühltem“ Wissen. Diese Welle von Fragwürdigkeiten hat nicht zuletzt mit dem Internet zu tun. Selbst vollkommen abstruse Behauptungen lassen sich im Netz in Windeseile verbreiten, während korrekte Information es viel schwerer hat und langsamer unterwegs ist.

Wie man Fehlinformationen von Fakten trennt und sich eine fundierte Meinung bildet, kann man übrigens in meinen Lehrgängen lernen.

 

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Sidroga bringt Durchfalltee mit Odermennigkaut auf den Markt

Die Teefirma Sidroga bringt in Deutschland für Patienten mit unkompliziertem Durchfall einen Tee mit Odermennigkraut auf den Markt.

Odermennig (Agrimonia eupatoria) ist eine Heilpflanze, die heutzutage eher selten eingesetzt wird.

Die Plattform Apotheke adhoc schreibt zur Wirkung von Odermennigkraut gegen Durchfall:

„Gerbstoffe wirken adstringierend auf die Darmschleimwände, was Durchfallerregern das Eindringen erschwert und den Verlust von Flüssigkeit und Mineralstoffen reduziert. Einigen Gerbstoffen werden außerdem antibakterielle und antivirale Eigenschaften zugeordnet. In Odermennigkraut sind zwischen 4 % und 10 % Gerbstoffe – vorwiegend Catechingerbstoffe – enthalten.“

Quelle:

https://www.apotheke-adhoc.de/branchennews/alle-branchennews/branchennews-detail/sidroga-durchfalltee-n-mit-odermennigkraut-seit-april-im-handel-4/

 

Kommentar & Ergänzung:

Schön, dass Sidroga den Odermennig in ihrem Durchfalltee verwendet.

Die Beschreibung der Gerbstoff-Wirkung ist nachvollziehbar. Allerdings gibt es eine ganze Reihe von Heilpflanzen mit einem Gerbstoffgehalt zwischen 4 und 10%. Daher muss es bei Durchfall nicht unbedingt Odermennig sein – auch Grüntee, Schwarztee, Johanniskraut, getrocknete Heidelbeeren, Hamamelis….kommen beispielsweise in Frage.

Es geht mir hier nicht darum, Werbung für eine bestimmte Marke machen, aber es ist sehr zu begrüssen, dass Sidroga ein breites Sortiment an Kräutertees pflegt.

Kräutertee als Arzneiform wird nicht selten unterschätzt, zum Beispiel in Vergleich mit Pflanzentinkturen.

Odermennigtee eignet sich auch zu Spülungen bei Mundschleimhautentzündung und Rachenschleimhautentzündung.

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[Buchtipp] „Verschwörungstheorien“, Ursachen – Gefahren – Strategien von Bernd Harder

Verlagsbeschreibung

In „postfaktischen“ Zeiten haben Verschwörungstheorien Konjunktur. Wenn im politischen Diskurs Tatsachen zur Nebensache werden, greifen Menschen verstärkt zu einfachen Erklärungen für vielschichtige Phänomene, suchen nach „Schuldigen“ anstatt nach Ursachen. Häufig sind die Vorstellungen geprägt von einem tiefen Misstrauen gegenüber politischen Institutionen und Mainstream-Medien sowie gleichzeitig durch die Ablehnung der Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen.
Bernd Harder stellt einige wichtige historische und aktuelle Verschwörungstheorien vor. Er zeigt, wie die Berufung auf „alternative Fakten“ funktioniert, welche Bedürfnisse dabei bedient werden und warum es so schwierig ist, die Anhänger davon zu überzeugen, dass sie falsch liegen.
Der vierte Band der Reihe Kritikpunkte stellt die Fragen zusammen, die an eine Theorie oder einen Erklärungsansatz gestellt werden müssen, um zu entscheiden, ob wir es mit einer neuen, außergewöhnlichen, aber fruchtbaren Idee bzw. Kritik an vorherrschenden Auffassungen und Verhältnissen zu tun haben oder mit einer Verschwörungstheorie, die auf „alternativen Fakten“ basiert, die einer Überprüfung nicht standhalten. Zum Shop

Zum Autor Bernd Harder

Bernd Harder ist Vorstandsmitglied der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) und ständiger Mitarbeiter der Zeitschrift „Skeptiker“. Er befasst sich kontinuierlich mit aussergewöhnlichen Behauptungen und deren Überprüfung und hat zahlreiche Bücher zu einschlägigen Themen publiziert.

Kommentar von Martin Koradi

Das Buch von Michael Butter über Verschwörungstheorien, „Nichts ist so wie es scheint“, behandelt dieses Thema meinem Eindruck nach umfassender.  Wer aber eine kompakte, fundierte und preisgünstige Einführung in die „Konspirologie“ und ihre Folgen sucht, ist mit Bernd Harders Buch sehr gut bedient.

Der Autor beschreibt die Grundlagen dieses Phänomens:

Was ist eine Verschwörungstheorie und wie erkennt man sie?

Was weiss man über die Verfasstheit der Verschwörungstheoretiker?

Woher kommt die Anfälligkeit für Verschwörungstheorien?

Was machen Verschwörungstheorien mit denjenigen, die an sie glauben?  Welchen Einfluss haben sie auf die Gesellschaft?

Welche Strategien sind wirksam gegen Verschwörungstheorien – und welche nicht?

Etc.

Harder geht auch auf konkrete Beispiele ein. Er kommt dabei auf unter andern auf Udo Ulfkotte zu sprechen, der wilde Spekulationen zum Germanwings-Flug 4U9525 äusserte, auf Ken Jebsen, der hinter Terroranschlägen mit Vorliebe „False flag“-Aktionen zu wittern scheint und auf Daniele Ganser, der sich darauf spezialisiert hat, mit hoch tendenziösen Fragen Verschwörungstheorien und Feindbilder zu füttern.

Zu Risiken und Nebenwirkungen von Verschwörungstheorien schreibt Bernd Harder:

„Verschwörungstheorien sind nicht harmlos. Selbst vermeintlich spassige Narrative wie die ‚Reptiloiden-Weltverschwörung’ konstruieren Feindbilder, tragen zur Radikalisierung bei und vertiefen Gräben und Spannungen  in der Gesellschaft. Impfgegner und Klimawandelleugner ziehen mit ihren Verschwörungstheorien die kollektive Urteilskraft in Mitleidenschaft und torpedieren evidenzbasierte Entscheidungen. Die Suche nach einem Schuldigen für alles, was schiefläuft, nach den Gegenmächten, nach dem geheimen Plan – quasi eine homöopathisch verdünnte Hexenjagd – verstellt den Blick auf die Realität. Verschwörungstheorien mit ihren verdrehten Fakten, Halbwahrheiten und Lügen sind scheinkritisch, führen zu resignativer Wut und verhindern damit soziales und politisches Engagement, das tatsächlich etwas bewirken könnte. Gänzlich beunruhigend wird es, wenn aus den Verschwörungstheorien von Chemtrailern oder „Reichsbürgern“ eine Praxis wirddie mit konkreten Gefahren für Leib und Leben von Polizisten, Piloten, Gerichtsvollziehern etc. verbunden ist.“

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

Durchspülungstherapie bei Blasenentzündung

Ein Apotheken-Portal hat Empfehlungen veröffentlicht zur Durchspülungstherapie bei Harnwegsinfekten / Blasenentzündung.

Hier ein Zitat daraus – verbunden mit der Frage: „Was ist da falsch?“

„Die wichtigsten Pflanzen für die Durchspülungstherapie sind Bärentraubenblätter, Goldrutenkraut, Brennnesselblätter, Schachtelhalmkraut, sowie Birkenblätter und Orthosiphonblätter.

Vor allem die Bärentraubenblätter gelten aufgrund ihres hohen Gerbstoffgehaltes als Harndesinfiziens. Aufgrund ihres Inhaltsstoffes Arbutin kommt es bei längerer Anwendung jedoch zu gastrointestinalen Beschwerden wie Magenreizungen oder Obstipation. Das Arbutin wird im Körper zu Hydrochinon umgewandelt, welches als leberschädigend und krebserregend gilt. Daher sollte es nur kurzzeitig und nicht häufiger angewendet werden.“

Quelle:

https://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/pta-live/durchspuelungstherapie-bei-harnwegsinfekten-baerentraube-goldrute-co/

 

Kommentar & Ergänzung:

Hier ist einiges durcheinander geraten.

– Bärentraubenblätter gelten nicht „ aufgrund ihres hohen Gerbstoffgehaltes“ als Harndesinfiziens. Gerbstoffe werden im Verdauungstrakt nicht resorbiert. Sie gelangen gar nicht in die Harnwege und können daher dort auch nicht antimikrobiell wirken.

– Allfällige gastrointestinale Beschwerden wie Magenreizungen oder Obstipation nach längerer Anwendung entstehen nicht durch den Wirkstoff Arbutin, sondern durch den Gerbstoffgehalt im Bärentraubenblättertee. Zubereitung als Kaltauszug reduziert den Gerbstoffgehalt, verbessert die Magenverträglichkeit und den Geschmack.

– Der Hinweis, dass Hydrochinon „als leberschädigend und krebserregend gilt“, ist eine sehr verkürzte Darstellung und müsste präzisiert werden. Er basiert auf sehr abstrakten Überlegungen und Laborexperimenten, die sehr wenig aussagen darüber, ob mit der Anwendung von Bärentraubenblättertee ein Risiko verbunden ist. Die Situation in lebendigen Harnwegen sieht doch etwas anders aus als die Situation im Labor oder im Chemiebuch.

Blaschek / Frohne / Loew schreiben im Phytotherapie-Fachbuch „Teedrogen und Phytopharmaka“:

„Der Verdacht auf eine mutagene und möglicherweise karzinogene Wirkung von Hydrochinon dürfte klinisch aufgrund der raschen Entgiftung nicht zum Tragen kommen. Auch ist einer pharmakokinetischen Pilotstudie zufolge nach Gabe von Arbutin in therapeutischen Dosen eine renale Ausscheidung toxikologisch bedenklicher Konzentrationen von Hydrochinon auszuschliessen.“                                           Zu Entwarnung bezüglich mutagener Effekte siehe hier:

Bärentraubenblätter-Extrakt als Alternative bei Harnwegsinfektionen

Die Empfehlung, Arbutin „nur kurzzeitig und nicht häufiger“ anzuwenden, ist aber trotz solcher Entwarnungen sinnvoll. Sie geht schon auf die „Kommission E“ zurück, die eine Beschränkung der Einnahme von Bärentraubenblätter-Präparaten und Bärentraubenblättertee auf maximal 5 mal pro Jahr und jeweils nicht länger als 7 Tage empfohlen hat.

Bärentraubenblätter werden bei aktuten Harnwegsinfekten kurzfristig während einigen Tagen angewendet, sollten dann aber ausreichend hoch dosiert werden ( 10 g Bärentraubenblätter = 4 – 5 Teebeutel pro Tag).

Siehe auch:

Zur Phytotherapie bei Harnwegsinfektionen / Blasenentzündung

Bärentraube gegen Blasenentzündung

Heilpflanzen bei Blasenentzündung

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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[Buchtipp] »Nichts ist, wie es scheint«, über Verschwörungstheorien, von Michael Butter

Verlagsbeschreibung

Seit 2015 Hunderttausende Flüchtlinge in die Bundesrepublik kamen, kursiert im Netz die Theorie vom „Großen Austausch“: Das Land solle von einer globalen „Finanzoligarchie“ mittels der „Migrationswaffe“ ausgeschaltet werden. Neben mangelndem Vertrauen in die Politik ist der Glaube an Verschwörungstheorien ein Merkmal des populistischen Brodelns. Doch was macht eine Erklärung zu einer Verschwörungstheorie? Warum sind sie für viele so attraktiv? Und was kann man dagegen unternehmen?
Antworten auf solche Fragen findet man seltener als Verschwörungstheorien selbst. Michael Butter erläutert, wie solche Erzählungen funktionieren, wo sie herkommen und welche Auswirkungen sie haben können. Da sie die Eigenlogik sozialer Systeme unterschätzten, seien solche Theorien zwar immer falsch; als Symptom müsse man sie dennoch ernstnehmen. Gegenwärtig seien sie ein Indikator für die demokratiegefährdende Fragmentierung der Öffentlichkeit. Zum Shop

Zum Autor Michael Butter

Michael Butter, geboren 1977, lehrt Amerikanische Literatur- und Kulturgeschichte an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Er leitet ein europäisches Forschungsprojekt zu Verschwörungstheorien und ist in den Medien regelmäßig als Experte zum Thema präsent.

Kommentar von Martin Koradi

Ähnlich wie der Begriff „Populismus“ wird heute auch das Wort „Verschwörungstheorie“ oft vage und ein bisschen inflationär verwendet. Das ist fragwürdig. Werden Begriffe ungenau  eingesetzt, verlieren sie ihren Erklärungswert, die Denkvorgänge werden ungenau und das Urteilsvermögen ist beeinträchtigt.

Beim Begriff „Populismus“ hat Jan-Werner Müller mit seinem Buch „Was ist Populismus“ eine erhellend-präzise Beschreibung dieses Phänomens geliefert. Michael Butter tut das nun mit dem Begriff „Verschwörungstheorie“.

Beide Präzisierungen sind wichtig, sind doch sowohl der Populismus wie auch Verschwörungstheorien eine Bedrohung für die liberale, pluralistische Demokratie.

Michael Butter beschreibt fundiert und gut nachvollziehbar,

  • was eine Verschwörungstheorie ist,
  • wie Verschwörungstheorien argumentieren,
  • warum Menschen an Verschwörungstheorien glauben,
  • wie sich Verschwörungstheorien historisch entwickelt haben,
  • wie das Internet Verschwörungstheorien verändert,
  • wann Verschwörungstheorien gefährlich sind und was man dagegen tun kann.

Butter beschreibt zum Beispiel den Zusammenhang zwischen Verschwörungstheorien und dem Gefühl der Machtlosigkeit, den die Forschung belegt hat. Es gehe dabei aber nicht unbedingt um wirkliche Machtlosigkeit, sondern eher um das Gefühl der Machtlosigkeit, oder die Angst, es bald zu werden.

Butter geht auch detaillierter auf einzelne Fälle ein, zum Beispiel auf Daniele Ganser, den derzeit bekanntesten „Verschwörungstheoretiker des deutschsprachigen Raums“, der die „Technik des vermeintlichen ‚Nur-Fragen-Stellens’“ perfektioniert habe.

Das Buch von Michael Butter ist jedenfalls das beste Werk, das ich zum Thema „Verschwörungstheorien“ bisher gelesen habe.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

Kommentare & Bewertungen

„Es ist ein Buch, das einsam leuchtet wie ein Chemtrail am Abendhimmel. Womöglich ist es das Buch des Jahrzehnts.“
Sascha Lehnarzt, Welt am Sonntag 11.03.2018

Techniker Krankenkasse veröffentlicht Cannabis-Report

Etwa ein Jahr nach der Freigabe von Cannabis auf Rezept in Deutschland hat die Techniker Krankenkasse (TK) in Zusammenarbeit mit der Universität Bremen einen Cannabis-Report publiziert. Darin kommen die Autoren zum Schluss, dass Cannabis nur selten eine Alternative zu bewährten Therapien sei.

Einen Anlass, Cannabis für ein pflanzliches und damit grundsätzlich gutes Mittel zu halten, sehen die Verfasser des Reports um den Pharmakologen Gerd Glaeske nicht. Bestenfalls „denkbar“ sei die Anwendung anhand der Studienlage bei chronischem Schmerz, Spasmen bei Multipler Sklerose, Epilepsien, bei Übelkeit durch Chemotherapie und um den Appetit bei HIV und Aids zu steigern, heißt es in der Untersuchung. Insgesamt bleibt für die Autoren weiter unklar, welchen Patientengruppen Cannabis in welcher Dosis und welcher Form helfen kann. Nötig seien belastbare und öffentliche finanzierte Studien, unterstreicht Gerd Glaeske.

Nach Erfahrung des Leitenden Oberarztes der Klinik für Anästhesiologie an der Charité, Michael Schäfer, sind es einzelne Patienten mit komplexen Krankheitsbildern, bei denen Cannabis anspricht, nachdem andere Behandlungen versagten. Nebenwirkungen, die zum Abbruch der Therapie führen könnten, seien etwa Halluzinationen. Insgesamt seien die Nebenwirkungen – etwa Müdigkeit und Schwindel – angesichts zunächst geringer Dosierungen maßvoll, urteilt der Pharmakologe Glaeske.

Erhebliche Probleme sieht Glaeske hauptsächlich bei der Behandlung mit Cannabisblüten, deren Wirkstoffgehalte schwankten und die umständlich verdampft und mit einer Maske eingeatmet werden müssten. Für den Pharmakologen ist das ein „Rückfall in vorindustrielle Zeit“. Die vergleichsweise teuren Cannabisblüten zählen dem Report zufolge nach einem Öl mit teilsynthetischem THC inzwischen zu den gängigsten Formen.

Seit März 2017 ist es in Deutschland gesetzlich möglich, dass Patienten im Einzelfall Cannabis auf Rezept bekommen. Zuvor benötigten Patienten Ausnahmegenehmigungen. Nun müssen Ärzte die Wahl einer Cannabis-Behandlung umfangreich begründen. Einige Fachleute zeigten sich schon von Beginn an skeptisch und warnten davor, Schwerkranken falsche Hoffnungen zu machen.

Quelle:

https://www.n-tv.de/wissen/Bedenken-gegen-Cannabis-als-Arznei-article20440677.html

Pressemitteilung der TK:

https://www.tk.de/tk/themen/arzneimittelversorgung/cannabis-report-2018/982398

Der Cannabis-Report zum Herunterladen als PDF:

https://www.tk.de/centaurus/servlet/contentblob/982396/Datei/88084/TK-Studienband-Cannabis-Report-2018.pdf

Kommentar & Ergänzung:

Cannabis ist kein Wunderheilmittel – insofern ist es verständlich, dass der Report die Erwartungen etwas herunterholt. Andererseits ist aber auch anzuerkennen, dass in den aufgeführten Anwendungsbereichen wie chronischer Schmerz, Spasmen bei Multipler Sklerose, Epilepsien, Übelkeit durch Chemotherapie und Appetitsteigerung bei HIV und Aids Patienten deutliche Linderung erfahren können.

Bei der in Deutschland seit 2017 möglichen Verordnung von Cannabisblüten kann der Wirkstoffgehalt im Gegensatz zu einem standardisierten Pharmaprodukt natürlich schwanken. Das lässt sich aber durch kontrollierten Anbau ein Stück weit auffangen. Dazu kommt noch, dass Medizinerinnnen und Mediziner mit dieser Anwendungsform einfach auch mehr Erfahrung sammeln müssen. Dann ist ein „Rückfall in vorindustrielle Zeit“ kein Desaster.

Dass weitere unabhängig finanzierte Studien zur medizinischen Anwendung von Cannabis nötig sind, ist jedoch klar.

 

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[Buchtipp] „Postfaktisch“, Die neue Wirklichkeit in Zeiten von Bullshit, Fake News und Verschwörungstheorien von Vincent F. Hendricks und Mads Vestergaard

Verlagsbeschreibung

„Eine Demokratie befindet sich in einem postfaktischen Zustand, wenn politisch opportune, aber faktisch irreführende Behauptungen anstatt Fakten als Grundlage für die politische Debatte, Meinungsbildung und Gesetzgebung dienen. Wer diese Entwicklung bremsen will, muss verstehen, was sie verursacht.“

Mit Macht dringen populistische Aussagen, alternative Tatsachen und Fake News in die öffentliche Debatte ein. Desinformation hat sich so ausgeweitet, dass wir alle uns dazu verhalten müssen – Politiker, Journalisten und Bürger. Im Zeitalter der Information ist Aufmerksamkeit gleichzusetzen mit Geld, Macht und Einfluss, auch wenn das auf Kosten von Tatsachen geschieht.

Mit ihrem Bestseller Postfaktisch legen die Philosophen Vincent F. Hendricks und Mads Vestergaard eine zusammenhängende Analyse der Mechanismen vor, die uns etwas als wahr betrachten oder empfinden lassen. Ihr Buch beschreibt die Entwicklung hin zu einer postfaktischen Demokratie und benennt die Gewinner und Verlierer der neuen Aufmerksamkeitsökonomie. Ein eindringlicher Weckruf zu einer Zeit, da die „Wirklichkeit“ zunehmend eine Frage von Klickzahlen scheint. Zum Shop

Kritiken und Kommentare

„Eine philosophische Analyse der Medienwelt in der Epoche des Donald Trump und seinem postfaktischen Verhältnis zu Tatsachen.“    Deutschlandfunk Kultur

Zu den Autoren Vincent F. Hendricks und Mads Vestergaard

Vincent F. Hendricks, Jahrgang 1970, ist Professor für Formale Philosophie und Direktor des Center for Information and Bubble Studies (CIBS) an der Universität Kopenhagen. Für seine Forschung wurde er mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Elite Research Prize des dänischen Forschungsministeriums. Er ist Mitglied des Institut Internationale de Philosophie, Gewinner des Kopenhagener Science Slams 2015 und Koautor des Buches Infowars (2016).
Mads Vestergaard ist Doktorand am Center for Information and Bubble Studies (CIBS) der Universität Kopenhagen, wo er seinen Master in Philosophie machte. Darüberhinaus ist er u.a. Gründer und ehemaliger Vorsitzender der „Nihilistischen Volkspartei“, einem dänischen Kunst- und Satireprojekt.

Kommentar von Martin Koradi

Dieses Buch ist wichtig und sehr informativ. Die Autoren schildern fundiert und verständlich, wie Desinformation, Fake News und Verschwörungstheorien zustande kommen und die Demokratie gefährden. Sie plädieren nachvollziehbar dafür, Fehlinformation im digitalen Zeitalter den globalen Herausforderungen zuzurechnen, genau wie die Klimaveränderungen, zunehmende ökonomische Ungleichheit, die Krise der Wasserversorgung, weltumspannende Gesundheitsprobleme und einige andere drängende Themen.

Digitale Fehlinformation werde nicht allein ausgelöst durch Terrorismus, Cyberangriffe und die lichtscheue Einmischung fremder Mächte, wie beim Versuch von russischer Seite,  die Brexit-Abstimmung und die Präsidentschaftswahlen in den USA zu beeinflussen.

Es reiche daher nicht, Schurken zu ermitteln und zu benennen:

„Richtet sich alle Aufmerksamkeit auf solche halbseidenen und total finsteren Akteure, können die strukturellen Bedingungen übersehen werden, die Fehlinformationen blühen lassen. Es wird dann schwer, wenn nicht unmöglisch, diese Ströme und ihre schädlichen Auswirkungen einzudämmen.

Um uns vor Fehlinformationen schützen und um externen Einfluss auf die Bildung politischer Meinungen und auf demokratische Wahlen verhindern zu können, ist es wichtig, dass wir das Milieu verstehen, in welchem Information produziert und verbreitet wird.“

Dieses Verständnis vermitteln die Autoren ausgezeichnet. Sie zeigen auf, wie die Jagd nach Aufmerksamkeit in einem Markt der Informationen zu Desinformation, politischen Blasen, Populismus und letztendlich zu einer postfaktischen Demokratie führt:

„Wir leben in einem Überfluss an Information, welcher wiederum Knappheit an Aufmerksamkeit erzeugt, was Aufmerksamkeit in eine wertvolle Ressource verwandelt. Werbung und traffic bedeuten Geld, Macht und politischen Einfluss. Dabei spielen Wahrheit und Fakten und wirkliche soziale Herausforderungen nicht länger die Hauptrolle. Um zu verhindern, das die Jagd nach Aufmerksamkeit die Aufklärung und die Vermittlung wahrhaftsgetreuer Information verdrängt, müssen wir die Mechanismen, die strukturellen Voraussetzungen und die Entwicklung der neuen Kommunikationsmöglichkeiten studieren und verstehen……..

Es gab Zeiten, da konnten Despoten das Informationsniveau der Bevölkerung als Macht- und Herrschaftsstrategie auf einem absoluten Minimum halten sowie durch Zensur und Strafe die Quellen für ungelegene Information unterdrücken. Einige Machhaber versuchen das immer noch. Der Kampf für die Meinungsfreiheit ist auch ein Kampf gegen diese Herschaftsstrategie. Im Informationszeitalter lässt sich von Zeit zu Zeit auchohne Zensur und Verletzung der Meinungsfreiheit ein ganz ähnlicher propagandistischer Effekt erzielen, indem man Bürger, Wähler und die Presse mit Fehlinformationen überhäuft. Durch Fehlinformationen werden die politische Opposition, die Bürger und die Presse verwirrt, wodurch die Machthaber mit so einigem davonkommen. Erst recht, wenn das Hand in Hand geht mit stark verbreitetem Misstrauen – ob nun begründet oder nicht – gegenüber der Presse, die als Wachhund im Auftrag der Bevölkerung agieren soll. Meinungsfreiheit allein ist kein Bollwerk gegen eine solche Herrschaftstaktik in Sachen Information. Was aber könnte das Bollwerk dann sein? Wohlgemerkt, ohne dass es die Einschränkung der Meinungsfreiheit mit sich führen und damit die Freiheit, Aufklärung und Demokratie untergraben würde. Die Annäherung an diese ausgesprochen schwere, aber brennende Frage erfordert ein Verständnis der technologischen, merktmässigen und psychologischen Bedingungen, die Fehlinformation wirksam werden lassen.“

Vincent F. Hendricks und Mads Vestergaard vermitteln Verständnis für diese Bedingungen. Ihrem Buch ist deshalb grösstmögliche Verbreitung  und aufmerksame Lektüre zu wünschen.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.