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Giftmischerin produziert und testet Rizin im Altersheim

Diese ziemlich verrückte Geschichte ging vor kurzem durch die Medien:

Eine 70-jährige Seniorin aus dem US-Bundesstaat Vermont hat auf eigene Faust hochgefährliches Pflanzengift Rizin produziert – und an ihren Mitbewohnern im Altersheim getestet.

Wie das US-Justizministerium mitteilte, wurde durch die Machenschaften der 70-jährigen Betty Miller aber offenbar kein Bewohner der idyllischen Seniorenresidenz in Shelburne im Bundesstaat Vermont getötet.

Die US-Bundespolizei FBI war den Angaben zufolge aufgrund einer möglicherweise gefährlichen Substanz in Millers Appartement alarmiert worden. Die Polizisten entdeckten in der Wohnung eine Flasche mit der Aufschrift „Rizin“. Untersuchungen bestätigten, dass es sich um das hochgefährliche Pflanzengift handelte. Rizin lähmt die Atemwege und kann bei Verschlucken schon in kleinsten Dosen tödlich wirken.

Die Giftmischerin wurde festgenommen. Sie habe angegeben, „Interesse an Giftstoffen auf Pflanzenbasis zu haben“, erklärte das Justizministerium. Nach einer Internet-Recherche produzierte sie das Rizin in ihrer Küche. Um seine Wirksamkeit zu prüfen, mischte sie das Gift in Speisen und Getränke ihrer Mitbewohner.

Millers Wohnung wurde von FBI-Fachleuten für „Massenvernichtungswaffen“ durchsucht. Die Polizisten entdeckten dort noch mehr Rizin und Pflanzenbestandteile etwa von Äpfeln, Kirschen, Rizinus, Fingerhut und Hefe, aus denen nach Einschätzung der Fachleute ebenfalls Gift hergestellt werden kann. Eine Gefahr bestehe nun jedoch nicht mehr.

Das Altersheim sprach von einem Einzelfall. Um die toxikologisch interessierte Bewohnerin des Appartements kümmern sich nun die Strafverfolgungsbehörden. In die Seniorenresidenz wird sie nicht zurückkehren.

Quelle:

https://www.stern.de/gesundheit/giftkueche-im-altenheim–seniorin-braut-hochgefaehrliches-rizin-7771444.html

 

Kommentar & Ergänzung:

Keine Ahnung, wie genau die Frau Rizin produziert hat.

Rizin ist vor allem enthalten in Rizinussamen.

Wikipedia schreibt dazu:

„Rizin oder Ricin ist ein äußerst giftiges Protein aus den Samen des Wunderbaums (Ricinus communis) aus der Familie der Wolfsmilchgewächse. Chemisch ist das Protein Rizin ein Lektin, das aus einer zellbindenden und einer giftigkeitsvermittelnden Komponente besteht. Seine Giftigkeit wird auf eine Hemmung der eukaryotischen Proteinbiosynthese zurückgeführt.

Gelangt das Gift in den menschlichen Organismus, so bringt es die kontaminierten Zellen zum Absterben. Für eine tödliche Vergiftung eines Menschen genügen (bei oraler Aufnahme) 0,3–20 Milligramm isoliertes Rizin pro Kilogramm Körpergewicht entsprechend etwa acht Samenkörnern, deren Größe und Gehalt jedoch stark schwankt. Bei Kindern kann, je nach Alter und Konstitution, schon ein halbes Samenkorn tödlich wirken. Allerdings wird auch berichtet, dass selbst nach Einnahme von 40 bis 60 Samen eine Überlebenschance besteht. Dabei kommt es darauf an, zu welchem Zeitpunkt das Erbrechen einsetzt. Bei intravenöser, inhalativer oder subkutaner Aufnahme wirken wesentlich geringere Mengen letal, so bei subkutaner Gabe schon 43 μg/kg Körpergewicht.

Rizin ist in der Kriegswaffenliste des deutschen Kriegswaffenkontrollgesetzes aufgeführt.“

Für den Einsatz von Rizin als Biowaffe gibt es eine Reihe von Fallbeispielen. Dazu wieder bei Wikipedia:

„Bekanntheit erlangte der Mordanschlag mit Rizin als ‚Regenschirmattentat’ auf den bulgarischen Schriftsteller und Dissidenten Georgi Markow in London 1978.

1991 wurden in Minnesota mehrere Mitglieder der rechtsextremistischen Gruppe Patriot’s Council festgenommen, weil sie für einen Anschlag auf Bundespolizisten eine Menge an Rizin hergestellt hatten, die für die Tötung von über 100 Menschen ausreichend gewesen wäre. Vier von ihnen wurden gemäß dem ‚Biological Weapons Anti-Terrorism Act’ von 1989 für schuldig befunden, sie waren die ersten nach diesem Gesetz Verurteilten überhaupt. 1995 wurde an der Grenze von Alaska ein ebenfalls dem rechtsextremistischen Lager zugerechneter Mann festgenommen beim Versuch, 130 Gramm pulverisiertes Rizin nach Kanada einzuschmuggeln.

Die Londoner Times berichtete am 16. November 2001, dass in verlassenen Al-Qaida-Häusern in Kabul Herstellungsanleitungen für Rizin gefunden worden waren, allerdings kein Rizin selbst. Im August 2002 gaben US-amerikanische Behörden bekannt, dass die islamistische Terrororganisation Ansar al-Islam Versuche mit Rizin und anderen chemischen und biologischen Kampfstoffen im Nord-Irak angestellt habe.

Am 9. Januar 2003 meldete die dpa, dass in London kleinere Mengen Rizin sowie Geräte zu seiner Herstellung gefunden worden waren. In diesem Zusammenhang wurden sechs Algerier festgenommen. Im April 2005 wurden bis auf einen alle Beteiligten freigesprochen. Ein Angeklagter wurde wegen Mordes an einem Polizisten, den er während einer Hausdurchsuchung erstochen hatte, zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Ermittlungsbehörden gaben in dem Verfahren entgegen früheren Meldungen an, kein Rizin, sondern lediglich amateurhafte Anweisungen zu seiner Herstellung gefunden zu haben.

Im Februar 2008 wurde in einem Hotelzimmer in Las Vegas Rizin gefunden. Die dortige Polizei erklärte, eine schwer vergiftete Person sei in ein Krankenhaus eingeliefert worden und schwebe in Lebensgefahr. Trotz des Fundes von Waffen und ‚anarchistischer Literatur’ glaube man nicht an einen terroristischen Hintergrund.

Am 12. August 2011 berichtete die New York Times über geheimdienstliche Erkenntnisse bezüglich des Versuchs zur Herstellung von Rizin durch den regionalen Arm von Al-Qaida im Jemen. Demnach sei die US-Regierung besorgt, dass dort Rizin für Anschläge gegen die USA hergestellt werden könne.

Am 16. April 2013 wurde je ein Brief mit Rizin an den republikanischen US-Senator Roger Wicker und den US-Präsidenten Barack Obama abgefangen. Am 30. Mai 2013 wurde bekannt, dass am 24. bzw. 26. Mai 2013 zwei Briefe mit Rizin an den amtierenden New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg abgefangen worden waren. Als Absenderin der Briefe an Bloomberg und Obama wurde die Schauspielerin Shannon Guess Richardson ermittelt; sie gestand dies. Sie wurde zu 18 Jahren Haft und 367.222 Dollar Entschädigungszahlung verurteilt.

Anfang September 2014 wurden in einem US-amerikanischen Labor schlecht gesicherte Rizinrestbestände aus Waffenexperimenten im Ersten Weltkrieg gefunden, zusammen mit Pest- und Botulismus-Erregern.“

Ein ziemlich gruseliger Giftstoff, dieses Rizin

Aus Rizinussamen gewinnt man das fette Rizinusöl, das in der Phytotherapie als Abführmittel (Laxans) eingesetzt wird. Für medizinische Zwecke wird Rizinusöl durch Kaltpressung hergestellt und raffiniert, das heisst entschleimt, entsäuert und mit Wasserdampf behandelt. Raffiniertes Rizinusöl enthält kein Rizin mehr.

Das Fachbuch „Pharmakognosie / Phytopharmazie“ schreibt zur Anwendung als Abführmittel:

„Innerlich als Laxans: Je nach Dosis tritt die laxieerende Wirkung unterschiedlich rasch ein: nach Einnahme von 1 Teelöffel voll nach etwa 8 h, nach Einnahme von 15 – 30 g (1 – 2 Esslöffel) innerhalb von 2 – 4 h. Unerwünschte Wirkungen: Es können sich dyspeptische Beschwerden einstellen. In Stadien fortgeschrittener Schwangerschaft können höhere Dosen die Wehen auslösen.“

Wegen der wehenauslösenden Wirkung ist Rizinusöl auch Bestandteil von sogenannten „Wehencocktails“. Siehe dazu:

Rizinusöl zur Geburtseinleitung

Rizinusöl als Abführmittel & Wehenmittel – Wirkung via Prostaglandinrezeptor

In Kosmetik und Dermatologie wird Rizinusöl zudem wegen seiner guten Löslichkeit in Alkohol als Fettzusatz in alkoholhaltigen Externa eingesetzt, insbesondere in Haartonika.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

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Weidenröschen bei gutartiger Prostatavergrösserung

Das „Weidenröschen“ wird in der Pflanzenheilkunde empfohlen als Mittel gegen die Beschwerden bei gutartiger Prostatavergrösserung (benigne Prostatahyperplasie, BPH), wobei in Apotheken und Drogerien oft ausdrücklich das „Kleinblütige Weidenröschen“ (Epilobium parviflorum) verlangt wird.

Mag. pharm. Dr. Siegrun Gerlach hat in der Zeitschrift „PHYTO Therapie“ (2/2016) der Österreichischen Gesellschaft für Phytotherapie interessante Informationen dazu publiziert, von denen ich hier einige weitergeben möchte, ergänzt mit eigenen Bemerkungen.

Das Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC) der Europäischen Arzneimittelbehörde (European Medicines Agency – EMA) hat im November 2015 die Monographie „Epilobium angustifolium L. und/ oder Epilobium parviforum Schreb., herba“ veröffentlicht.

Die Publikation einer Monographie bedeutet die Anerkennung als traditionell verwendete Heilpflanze und damit die Möglichkeit einer Registrierung als traditionelles pflanzliches Arzneimittel in der EU (traditionelle pflanzliche Arzneimittel sind vom Wirkungsnachweis befreit).

Die Empfehlung von gezielt kleinblütigen Arten ist auf die österreichische Kräuterbuchautorin Maria Treben zurück zu führen, die allerdings bei der Bestimmung der Weidenröschenarten nicht sehr genau war. So ist nicht klar, ob sie wirklich die botanische Art „Kleinblütiges Weidenröschen“ (Epilobium parviflorum) empfehlen wollte oder einfach alle kleinblütigen Weidenröschenarten.

Eine Diplomarbeit an der Universität Wien (Lachinger 2004) konnte in der Zwischenzeit aufzeigen, dass die Inhaltsstoffe und deren Konzentration der in Österreich vorkommenden Weidenröschenarten vergleichbar sind.

Die von Maria Treben getroffene Unterscheidung der „kleinblütigen“ Weidenröschenarten als wirksam und der „großblütigen“ als unwirksam lässt sich nach diesen Resultaten nicht nachvollziehen.

Auf der Suche nach wirksamen Inhaltsstoffen der Weidenröschen glaubte man in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts bei den Flavonoiden fündig geworden zu sein. Das sind in Epilobium parviflorum und verwandten Weidenröschenarten:

Quercetin, Myricetin und Kämpferol, sowie die entsprechenden Glykoside, in Mengen von 1 – 2 Prozent. Als Prostaglandinsynthese-Hemmer können diese Inhaltsstoffe potenziell entzündungshemmend wirken.

Das Institut für Pharmakognosie der Universität Graz beschäftigte sich ausgiebig mit der Flavonoidfraktion aus Weidenröschenarten. Hiermann et al. stellten im Labor fest, dass Myricetin-3-O-glucuronid aus Epilobium bis zu 500mal stärker entzündungswidrig wirkt als der synthetische Wirkstoff Indomethacin.

Als weitere Inhaltsstoffe wurden in Weidenröschen bis zu 0,55 Prozent Phytosterole (β-Sitosterol, Sitosterolglucoside und Sitosterolester) gefunden. Diese Stoffgruppe gilt als wirksamkeitsmitbestimmend bei der Anwendung von Kürbissamen, Sägepalmenfrüchten und Brennnesselwurzel bei der gutartigen Prostatavergrösserung, was eine Anwendung von Weidenröschen bei der gleichen Indikation plausibel erscheinen lässt.

Einige Jahre später wurde dann die erste Arbeit publiziert, in der Oenothein A und B als Wirkstoffe vorgestellt wurden (Lesuisse et al., 1996).

Diese Gallussäurederivate (hydrolysierbare Tannine), strukturell in die Gruppe der Gerbstoffe einzuordnen, lassen sich in Mengen von 4 – 14 Prozent in Epilobium finden. In der Studie wurden verschiedene Inhaltsstoff-Fraktionen aus Weidenröschen hinsichtlich ihrer 5α-Reductase- Hemmwirkung getestet, wobei sich Oenotheine als die wirksamsten Substanzen erwiesen. 5α-Reductase- Hemmer sind etablierte Medikamente bei gutartiger Prostatavergrösserung (z.B. Finasterid, das aber beträchtliche Nebenwirkungen haben kann).

Oenotheine wurden weiter im Labor (=in vitro) untersucht. Dabei zeigte sich, dass sie nicht nur 5α-Reductase-Hemmstoffe sind, sondern in vitro auch Aromatase-Hemmstoffe.

Die Kombination der Prostaglandinsynthese-Hemmung durch Flavonoide mit der 5α-Reductase- und Aromatase-Hemmung durch Oenotheine macht den Einsatz von Weidenröschen bei benigner Prostatahyperplasie plausibel.

Die Autorin Siegrun Gerlach geht in ihrem Beitrag abschliessend noch auf Hürden für eine zukünftige Vermarktung von Weidenröschen ein:

„1. Ist nur die Anwendung als Tee traditionell belegt. „Weidenröschenextrakt“ als Basis einer galenischen Zubereitung würde, vielen europäischen Zulassungsbehörden zufolge, eine Vollzulassung mit klinischen Studien bedeuten und somit (weil teuer) unrentabel wer- den. Und 2.: Ob der Name „Weidenröschen“ sich gut als Männerarznei vermarkten ließe, wurde schon angezweifelt.“

Neben Kürbissamen, Sägepalmenfrüchten und Brennnesselwurzel stellt die Anwendung von Weidenröschenkraut nach Ansicht der Autorin eine interessante Option bei der Behandlung der BPH dar und bereichert den pflanzlichen Arzneischatz.

Quelle:

PHYTO Therapie 2|16

http://www.phytotherapie.co.at/pdf/PT0216.pdf

 

Kommentar & Ergänzung:

Am interessantesten ist für mich die Bestätigung, dass die Inhaltsstoffe der verschiedenen Weidenröschenarten sich nicht wesentlich unterscheiden. Damit ist es plausibel, dass auch das Schmalblättrige Weidenröschen (Epilobium angustifolium) verwendet werden kann, wenn Weidenröschentee gewünscht wird. Das Schmalblättrige Weidenröschen ist zudem häufiger und eindeutiger zu bestimmen als das Kleinblütige Weidenröschen (Epilobium parviflorum).

Zum Schmalblütigen Weidenröschen beschreibt Siegrun Gerlach im übrigen eine interessante Anwendung als Tee in östlichen Ländern:

„Die frischen oder getrockneten Blätter des Schmalblättrigen Weidenröschens (Epilobium angustifolium) wer- den besonders in östlichen Ländern zur Bereitung eines wohlschmeckenden Tees verwendet (Koptischer Tee, Ivans Tee, Kapor Tee), der u. a. auch zur Behandlung von gastrointestinalen Beschwerden empfohlen wird.“

Bezüglich der Wirksamkeit von Weidenröschentee bei gutartigen Prostatabeschwerden überzeugt mich der Artikel allerdings nicht.

Maria Treben ist keine verlässliche Empfehlerin. Ihre Bücher sind voll von falschen, unsinnigen und gefährlichen Angaben.

Und die Resultate der Laboruntersuchungen zu den Inhaltsstoffen sind zwar interessant, sagen aber wenig Handfestes aus. Schön, wenn Flavonoide in vitro (= im Reagenzglas) entzündungswidrig wirken. Aber werden sie bei peroraler Anwendung auch in relevanter Menge aufgenommen in den Körper und erreichen sie in der Prostata wirklich eine Konzentration, die Entzündungen hemmt?

Desgleichen bei den Oenotheinen als 5α-Reductase-Hemmstoffe und Aromatase-Hemmstoffe – im Labor. Und wenn Oenotheine strukturell zu den Gerbstoffen gerechnet werden, dann ist es wohl nicht unwesentlich, dass Gerbstoffe im Allgemeinen kaum resorbiert werden.

Zum Gehalt an Phytosterolen in den Weidenröschen ist anzumerken, dass er mit bis zu 0,55% verhältnismässig gering ist (Kürbissamen: etwa 1 %). Laut klinischen Studien braucht es als Initialtherapie bei BPH 60mg Phytosterol pro Tag und für Langzeittherapie 30 mg pro Tag. Rechnet man mit diesen bis zu 0,55 Prozent, hat es 60 mg Phytosterole in rund 11 g Weidenröschenkraut und 30 mg in rund 5,5 g.

Die Monografie des Monografie des HMPC gibt als Tagesdosis an: 1,5 – 2,0 g Weidenröschenkraut / 250 ml Wasser als Aufguss, 2 x täglich, 1 Teelöffel entspricht rund 0,8 g.

Damit kommt man nicht ganz auf die 5,5 g Weidenröschenkraut, in denen die für Langzeittherapie nötigen 30 mg Phytosterole grundsätzlich vorhanden sein sollten. Aber: Phytosterole sind kaum wasserlöslich. Sie werden nicht oder nur zu einem sehr kleinen Teil ins Teewasser übergehen. Daher ist es fragwürdig, bei einer Heilpflanze, die als Kräutertee angewendet wird, mit Phytosterolen zu argumentieren.

Dazu kommt noch: Bei normaler, westeuropäischer Ernährung werden täglich 160–360 mg an Phytosterolen aufgenommen. Ob da eine zusätzliche Gabe von 30 mg noch einen Einfluss ausübt, kann als fraglich angesehen werden.

Fazit: Über die Wirksamkeit von Weidenröschentee gegen gutartige Prostatavergrösserung lässt sich so gut wie nichts Sicheres aussagen. Entscheidend wäre die Bestätigung der Wirksamkeit in klinischen Studien mit BPH-Patienten. Solche Studien gibt es aber nicht. Und leider – Siegrun Gerlach spricht das in ihrem Text an – wird es sie auch wohl kaum je geben. Für nicht patentierbare Arzneimittel wie Weidenröschentee und Weidenröschenextrakt lohnt es sich für keine Firma, mit der grossen Kelle in Forschung zu investieren.

Aber das ist natürlich ein Fazit, das kaum jemand hören will.

Dass Männer den Weidenröschentee aufgrund des Namens ablehnen, kann ich mir nicht recht vorstellen. Nicht ganz einfach dürfte es dagegen sein, ältere Männer dafür zu motivieren, 2 – 3 mal täglich eine Tasse Kräutertee zu trinken – und das über 6 bis 12 Monate. Die Studien mit pflanzlichen Prostatamitteln haben nämlich gezeigt: Falls sich eine Wirksamkeit besser als Placebo feststellen lässt, zeigt sich der Unterschied erst nach 6 bis 12 Monaten.

Ich selber würde bei Prostatabeschwerden wohl am ehesten Kürbissamen einnehmen, weil sie neben einer möglichen Linderung auch ein gesunder Bestandteil für die Ernährung sind. Als pflanzliches Arzneimittel würde ich ein Kombipräparat mit Brennesselwurzel & Sabalfrüchten (Prostagutt) in Betracht ziehen.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Isländisches Moos gegen Husten (Cetraria islandica)

Isländisches Moos (Cetraria islandica) wird aufgrund des hohen Gehalts an Schleimstoffen als linderndes Mittel bei trockenem Reizhusten eingesetzt. Einschränkend ist bei der Anwendung als Tee allerdings der ausgesprochen bittere Geschmack. Reinhard Länger empfiehlt in der Zeitschrift der Österreichischen Gesellschaft für Phytotherapie“ (Nr. 4 / 2015) deshalb die Zubereitung als Kaltauszug:

„Untersuchungen am Dept. für Pharmakognosie der Univ. Wien haben ergeben, dass im Gegensatz zu vielen Literaturangaben die Flechtensäuren in kaltem Wasser nur schlecht löslich sind und daher Kaltauszüge (Mazerate) nicht bitter schmecken. Sie enthalten aber denn noch ausreichend Schleimstoffe, so dass sie bei Reizhusten und entzündlichen Mund- und Rachener- krankungen sowie Heiserkeit gut eingesetzt werden können. Aus praktischen Gründen empfiehlt es sich, am Morgen eine größere Menge Kaltauszug herzustellen und diesen im Kühlschrank zu lagern. Über den Tag verteilt können dann kleinere Mengen leicht erwärmt zum Gurgeln, Spülen oder Trinken verwendet werden. Aus Gründen der mikrobiologischen Qualität sollten am Abend eventuelle Reste des Mazerats entsorgt werden. Erfolgt die Extraktion mit Wasser, das auch nur leicht angewärmt ist, schmeckt der Teeaufguss extrem bitter.“

Quelle:

http://www.phytotherapie.co.at/pdf/PT0415.pdf

Kommentar & Ergänzung:

Für den Geschmack ist der Kaltauszug zweifellos von Vorteil. Allerdings entfernt man mit den bitteren Flechtensäuren auch die antimikrobielle Wirkung des Isländischen Mooses. Für die Behandlung von trockenem Reizhusten sind die Flechtensäuren jedoch nicht relevant.

Der Name „Isländisches Moos“ ist im übrigen ziemlich irreführend, da es sich um eine Flechte handelt, nicht um ein Moos. Flechten bestehen aus einer Symbiose zwischen Pilz und Alge. „Isländische Flechte“ wäre eine treffendere Bezeichnung.

Und diese Flechte kommt zwar in Island vor, aber auch bei uns in den Alpen. Dort wächst sie recht häufig am Boden und kann leicht entdeckt werden, wenn man sie kennt.

Auf vielen Kräuterwanderungen in den Bergen, die ich im Sommerhalbjahr anbiete, können Sie „Isländisches Moos“ in der Natur kennenlernen.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Eibischwurzel im Kaltauszug zubereiten – mit welcher Begründung?

Eibischwurzel wird in der Phytotherapie empfohlen bei trockenem Reizhusten.

In Kräuterbüchern und in der Phytotherapie-Fachliteratur findet man oft den Hinweis, dass Tee aus der Eibischwurzel mit einem Kaltauszug hergestellt werden sollte. Und oft liest man den Hinweis, dass schleimhaltige Heilpflanzen generell kalt ausgezogen werden müssten, weil die Schleimstoffe hitzeempfindlich seien.

Was hat es damit auf sich?

Reinhard Länger hat dazu schon vor einigen Jahren in der Zeitschrift „PhytoTherapie austria“ (1 / 2007) gute Informationen weitergegeben:

„Im Zusammenhang mit schleimhaltigen Hustenmitteln war die optimale Zubereitungsart des Arzneitees über viele Jahre ein Diskussionsthema. Es wurde vermutet, dass heißes Wasser die Polysaccharide zerstören könnte. Deshalb findet man in der Literatur meist den Hinweis, dass Eibischtee mit kaltem Wasser angesetzt werden sollte. Allerdings regten sich gewisse Bedenken wegen der mikrobiellen Qualität derartiger Zubereitungen. Kaltes Wasser reduziert im Gegensatz zu heißem die natürliche Keimbesiedlung der Arzneidrogen nicht, und Polysaccharide bieten darüber hinaus einen guten Nährboden für Mikroorganismen. Eine Dissertation am Department für Pharmakognosie der Universität Wien schuf diesbezüglich Klarheit: die physikalischen Bedingungen bei der Teebereitung mit heißem Wasser schaden den langkettigen Polysacchariden nicht.“

Was bedeutet dies genau für Eibisch:

„Eibischblätter, die ohnehin meist in Mischungen mit anderen Arzneidrogen angewendet werden, können als ganz herkömmlicher Teeaufguss zubereitet werden (ca. 1 Teelöffel Tee mit 150 ml heißem Wasser übergießen, ca. 10 Minuten ziehen lassen, abseihen, nicht zu heiß trinken).

Eibischwurzel sollte, sofern sie in einer Teemischung angewendet wird, in der gleichen Art zubereitet werden. Ein Tee, der nur aus Eibischwurzel besteht, sollte hingegen mit kaltem Wasser angesetzt werden (Tagesbedarf: ca. 3 Teelöffel mit 1⁄2 Liter kaltem Wasser ansetzen, etwa 90 Minuten unter gelegentlichem Umrühren stehen lassen, abseihen, leicht erwärmt trinken). Der Grund: Eibischwurzel enthält sehr viel Stärke, die bei Kontakt mit heißem Wasser verkleistert. Die Wurzelstückchen sind daher sofort von einer „Isolierschicht“ umzogen, die wertvollen Schleime werden nur mehr zu einem Bruchteil extrahiert.“

Quelle:

http://www.phytotherapie.co.at/pdf/PT0107.pdf

Kommentar & Ergänzung:

Diese Hinweise tragen meines Erachtens viel zur Klärung bei.

Die generelle Empfehlung, schleimhaltige Heilpflanzen kalt zuzubereiten, lässt sich nicht aufrechterhalten, wenn Schleimstoffe stabil gegen Hitze sind. Die erwähnte Dissertation am Department für Pharmakognosie der Universität Wien trägt hier tatsächlich zur Klärung bei.

Die Empfehlung, Eibischwurzel kalt anzusetzen, basiert also nicht auf der Wärmeempfindlichkeit der Schleimstoffe, sondern darauf, dass beim Erhitzen die Stärke in der Eibischwurzel verkleistert und dadurch den Auszug der Schleimstoffe reduziert. Diese Erklärung findet sich an mehreren Stellen in der Phytotherapie-Fachliteratur.

 

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Salbei bei Demenz?

Eine systematische Übersichtsarbeit findet Erfolge bei der Anwendung von Salbei bei Gesunden und bei Demenzpatienten.

Unter den insgesamt 900 Arten des Salbeis sind vor allem der Echte Salbei (Salvia officinalis) und der Lavendelblättrige oder auch Spanische Salbei (Salvia lavandulifolia) für ihre Heilwirkungen bekannt. Den Salbei schätzte man schon im Altertum, aber auch in traditionellen Heilsystemen wie der Ayurvedischen und Chinesischen Medizin als Heilpflanze bei Verdauungsproblemen, Entzündungen und Harnstau.

Forscher haben nun in einer systematischen Übersichtsarbeit klinische Studien ausgewertet, die die erwähnten Salbeiarten auf ihre Effekte auf die Gedächtnisleistung untersuchten. Die Übersichtsarbeit umfasste sowohl Studien mit gesunden Probanden als auch solche mit Alzheimerpatienten beziehungsweise Patienten mit schwacher bis moderater Demenz.

Acht Studien wurden ausgewertet. Beide Salbeiarten sollen dabei unter dem Strich erfolgreich die Gedächtnisleistung sowohl gesunder Patienten als auch Patienten mit neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer erhöht haben.

Der Salbei wurde in den ausgewerteten Studien oral verabreicht, nur in einer Studie geschah die Aufnahme des Salbeiöls über die Atemwege im Rahmen einer Aromatherapie.

Schwerwiegende Nebenwirkungen traten in den Studien nicht auf. Die günstigen Ergebnisse werden allerdings dadurch eingeschränkt, dass in den Studien verschiedene Salbei-Zubereitungen verwendet wurden, was einen direkten Vergleich der Resultate erschwert. So wurden unter anderem verschiedene Extrakte oder aber ätherisches Öl verwendet. Die pharmakologisch wirksame Zusammensetzung der Präparate bleibt somit unklar.

Die Ergebnisse werfen die Frage auf, ob Salbei eine nebenwirkungsarme Perspektive für Demenzpatienten sein könnte. Um das zu klären, wären allerdings weitere Forschungen nötig.

 

Quelle:

http://www.carstens-stiftung.de/artikel/salbei-verhindert-gedaechtnisverlust.html

Miroddi M, Navarra M, Quattropani MC, Calapai F, Gangemi S, Calapai G. Systematic review of clinical trials assessing pharmacological properties of Salvia species on memory, cognitive impairment and Alzheimer’s disease. CNS Neurosci Ther 2014; 20: 485-495

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24836739

 

Kommentar & Ergänzung:

Diese Ergebnisse bezüglich einer möglichen Wirkung von Salbei auf die Gedächtnisleistung sind interessant, lassen aber noch viele Fragen offen.

Wie lange hält die Wirkung an?

Wie stark ist sie?

Welche Wirkstoffe sind dafür verantwortlich?

Sind die Wirkstoffe flüchtig und damit im ätherischen Öl vorhanden, oder nichtflüchtig und deshalb eher im Salbeitee oder Salbeiextrakt zu erwarten. Sind sie wasserlöslich oder fettlöslich – also eher in wässrigem Lösungsmittel (Salbeitee) oder in alkoholischen Zubereitungen (Salbeitinktur, alkoholischer Salbeiextrakt)?

Für Salbeiöl gibt es einen interessanten Hinweis im Fachbuch „Hänsel / Sticher, Pharmakognosie – Phytopharmazie, Springer Verlag“ (2010):

„Salbeiöl hemmt in vitro und in vivo die Acetylcholinesterase und verbessert die Stimmung und die kognitive Leistungsfähigkeit …Inwieweit diese Erkenntnis eine Bedeutung zur Behandlung bei fortgeschrittener Demenz haben, ist im Augenblick nicht absehbar.“

Salbei enthält ein ätherisches Öl mit dem Hauptbestandteil Thujon. Salbeiöl und alkoholische Salbeizubereitungen sollten daher nur nach genauer Dosierung und nicht über längere Zeiträume eingenommen werden.

Forschungen zur Wirksamkeit bei Demenz gibt es auch bei der Melisse (Melissa officinalis), wobei Melissenextrakt und getrocknete Melisse in Kapselform zur Anwendung kamen. Das deutet dann weniger in Richtung ätherischem Öl als Wirkstoff, sondern eher auf Rosmarinsäure (Lamiaceengerbstoff), die auch in der Salbei vorhanden ist und im Labor neuroprotektive Effekte zeigte. Tierversuche mit Rosmarinsäure deuten zudem auf sedative und antidepressive Wirkungen von Rosmarinsäure hin. Aber auch da stellen sich Fragen der Dosierung und der Resorbierbarkeit.

Siehe dazu:

Heilpflanzen: Melisse gegen Herpes, als Beruhigungsmittel und für’s Gedächtnis

Und abschliessend: Was immer auch diese Studien genau aussagen, darf man sich beim Thema Demenz nicht allzu viel versprechen. Jede medikamentöse Beeinflussung dieses Krankheitsprozesses ist bisher leider sehr begrenzt wirksam.

 

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Salbei bei übermässigem Schwitzen (Hyperhidrose)

Im Phyto-Forum der „Ärztezeitung“ nahm vor kurzem Professor Karin Kraft (Lehrstuhl für Naturheilkunde, Universität Rostock) Stellung zur Frage nach pflanzlichen Optionen für Patienten mit Hyperhydrose:

„Als pflanzliche Option werden bei Hyperhidrose vor allem Zubereitungen aus dem dalmatinischen Salbei (Salvia officinalis L.) verwendet. Das antihidrotische Wirkprinzip ist nicht genau bekannt, möglicherweise sind die enthaltenen Gerbstoffe daran beteiligt.“

Bei generalisiertem Schwitzen seien Teeaufgüsse mit Salbeiblättern hilfreich, schreibt Kraft:

„Einen Teelöffel geschnittene Blätter (2g) bzw. einen Filterbeutel mit 150 ml kochendem Wasser übergießen, 10 Minuten ziehen lassen, abseihen, dreimal täglich über zwei bis vier Wochen eine Tasse des abgekühlten Tees trinken.“

Prof. Kraft geht in ihrem Beitrag auch auf die Studienlage ein:

„Die erhältlichen klinischen Studien sind stets offen, die meisten davon wurden schon in den 1930er Jahren bei Patienten mit zum Beispiel Tb oder auch bei gesunden Freiwilligen durchgeführt.“

Sie schreibt zudem, dass alle Studien die langjährige Annahme unterstützen, dass wässrige Salbeiblätterextrakte die Schweißsekretion bei Hyperhidrose hemmen.

Als Beispiel erwähnt Kraft eine offene, unkontrollierte Studie, in der 40 Patienten mit idiopathischer Hyperhidrose einen wässrigen Trockenextrakt (440mg, entsprechend 2,6g Salbeiblättern) erhielten und weitere 40 Patienten Salbeitee (4,5g Blätter / Tag). Die Schweißsekretion sank bei beiden Gruppen auf weniger als 50 Prozent ab.

Ein Therapieversuch mit Salbeiblätterextrakt sei somit bei Patienten mit generalisierter Hyperhidrose durchaus gerechtfertigt.

Quelle:

http://www.aerztezeitung.de/medizin/article/866623/phyto-forum-salbei-hyperhidrose.html

 

Kommentar & Ergänzung:

Salbei ist unbestritten das Mittel gegen übermässiges Schwitzen in der Phytotherapie. Aber es ist so wie bei sehr vielen Themen: Bohrt man etwas in die Tiefe, zeigen sich eine ganze Reihe von offenen Fragen.

Auch der Hersteller eines Salbeipräparates (Salvysat) schreibt im Beipackzettel:

„Die hydrophile Salbeifraktion mit ihrem Wirkungsträger Rosmarinsäure als wichtigsten Lamiaceengerbstoff beinhaltet die antihidrotische Wirksamkeit.“

Ich bin nicht überzeugt, dass Gerbstoffe hier relevant sind. Lamiaceengerbstoffe bzw. Rosmarinsäure gibt es auch in Melissenblättern, Thymiankraut, Rosmarinblättern und anderen Lippenblättlern ( = Lamiaceen). Dann müssten diese Heilpflanzen auch antihydrotisch wirken. Davon ist aber nichts bekannt (Was sind Lamiaceengerbstoffe? Was ist Rosmarinsäure?).

Und wird Rosmarinsäure ausreichend aus dem Verdauungstrakt aufgenommen? – Gerbstoffe werden normalerweise kaum resorbiert (wobei Lamiaceengerbstoffe allerdings eine spezielle Variante sind).

Rosmarinsäure ist jedoch wesentlich an der antientzündlichen Wirkung von Salbei beteiligt – zum Beispiel bei Zahnfleischentzündungen und Mundschleimhautentzündungen.

Offene Fragen gibt es auch bezüglich: Wie schnell kommt die Wirkung und wie lange hält sie an?

Im Phytokodex steht dazu:

„Salbeiinfus hemmt die dermale Wasserausscheidung bei gesunden Testpersonen bis zu 52 %. Die Wirkung setzt zwischen dem ersten und vierten Behandlungstag ein und läßt nach neun Tagen wieder nach. Auch eine durch Pilocarpin induzierte Schweißbildung wird rasch antagonisiert.“

Quelle: http://www.kup.at/db/phytokodex/datenblatt/Salbeiblatt.html

Reinhard Länger – der auch für den „Phytokodex“ mitverantwortlich ist – wird im „Standard“ (2001) so zitiert:

„’Eine Studie aus dem Jahr 1998 belegte z.B., dass Patientinnen, die unter Hitzewallungen in der Menopause litten, auf die Behandlung mittels Salbei ansprachen‘, erklärte Univ.-Prof. Dr. Reinhard Länger vom Institut für Pharmakognosie an der Universität Wien. ‚Ein Trockenextrakt des Salbeis würde innerhalb von zwei bis drei Stunden wirken. Zu empfehlen sind 120 Milligramm drei Mal täglich‘, meinte Länger.“

Quelle: http://derstandard.at/927178

Das ist also ein viel rascherer Wirkungseintritt und deckt sich mit Gessner / Orzechowski, „Gift- und Arzneipflanzen von Mitteleuropa“ (1974): „Die antihydrotische Wirkung tritt rasch ein, erreicht ihr Maximum nach 2 – 2 ½ Std. und kann sogar mehrere Tage anhalten.“ Quelle für diese Angabe ist allerdings eine Dissertation aus dem Jahr 1896 (M. Krahn, Greifswald).

Wirkt Salbei jetzt also nach 2 Stunden oder erst nach ein paar Tagen? Und ist eine Anwendung über vier Wochen sinnvoll, wenn die Wirkung nach neun Tagen nachlässt?

Schade ist natürlich, dass es offenbar keine placebokontrollierten Studien gibt zu diesem Thema. Überraschend ist das allerdings nicht. Salbei lässt sich nicht patentieren. Und was sich nicht patentieren lässt, ist kaum attraktiv für intensivere Investitionen in die Forschung, weil alle Ergebnisse frei von allen anderen Anbietern genutzt werden könnten.

Interessant ist ein Hinweis im Buch „Biogene Arzneimittel“ von Eberhard Teuscher, Matthias F. Melzig und Ulrike Lindequist (Stuttgart 2012):

„Die antihydrotische, d.h. die Schweisssekretion hemmende Wirkung, ist bei Präparaten aus Frischpflanzen besonders ausgeprägt. Die für diese Wirkung verantwortlichen Stoffe sind nicht bekannt.“

Leider fehlen genauere Angeben dazu, aufgrund welcher Erkenntnisse die Autoren zur Aussage kommen, dass Frischpflanzenpräparate für diesen Anwendungsbereich besonders gut wirksam sind. Das ist nämlich nicht selbstverständlich. Frischpflanzenpräparate sind nicht grundsätzlich wirksamer.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Zimt zur Senkung des Blutzuckers bei Diabetes

Zimt ist seit einigen Jahren in der Diskussion als begleitendes Mittel in der Behandlung von Diabetes. In der Fachzeitschrift „PHYTOtherapie“ der Österreichischen Gesellschaft für Phytotherapie veröffentlichte Reinhard Länger eine eher kritische Einschätzung der Wirksamkeit:

„Große Mengen an Zimtrinde oral aufgenommen (bis zu 6 g täglich) sollen den Blutzuckerspiegel bei Typ-2-Diabetes senken. Diese Annahme basiert auf einer einzigen klinischen Prüfung mit nur ca. 60 Patienten. Der erzielte Effekt war gering. Trotzdem wurde Zimt schlagartig weltweit als natürlicher Blutzuckersenker berühmt, Nahrungsergänzungsmittel waren unverzüglich erhältlich. Bis heute fehlen sowohl eine Bestätigung der Wirksamkeit als auch Hinweise über den vermeintlichen Wirkmechanismus. Auch die Sicherheit der Einnahme so großer Mengen an Zimt über einen längeren Zeitraum ist nicht belegt. Fazit: Typ-2-Diabetes soll mit gesicherten Maßnahmen behandelt werden, alle Interventionen sollen mit Arzt und Diätologin abgesprochen sein.“

Quelle:

PHYTO Therapie 6 2013

http://www.phytotherapie.co.at/pdf/PT0613.pdf

Kommentar & Ergänzung:

Nach dieser 2003 publizierten Studie mit 60 Patienten, die in Pakistan durchgeführt wurde, war Zimtpulver in der Naturheilkunde sofort ein Thema für die unterstützende Behandlung von Diabetes. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von klinischen Studien, welche die Hoffnungen in Zimt wieder etwas gedämpft haben.

Eine Zusammenfassung der Studienlage hat das Portal „medizin-transparent“ kürzlich veröffentlicht:

http://www.medizin-transparent.at/zimt-die-maer-vom-gesunden-wintergewuerz

Neben den Patientenstudien gibt es auch eine ganze Reihe von Laborexperimenten zum allfälligen Wirkungsmechanismus von Zimt.

Forschungsergebnisse aus dem Labor wurden bereits 2006 in der Pharmazeutischen Zeitung zusammengefasst. Hier ein Ausschnitt aus dieser Übersicht:

„In In-vitro-Studien an 3T3-L1 Adipozyten verbesserte der Zusatz von Methylhydroxychalkonpolymer (MHCP), einem wasserlöslichen Polyphenolpolymer aus Zimt, die Glucoseaufnahme und Glykogensynthese in ähnlichem Ausmaß wie Insulin (Jarvill-Taylor et al. 2001). Unter MHCP-Einfluss kam es zu einer Aktivierung der Glykogensynthase, zu einer Hemmung der Glykogensynthasekinase-3β (GSK-3β) sowie zu einer Steigerung der Phosphorylierung des Insulinrezeptors, wodurch vermutlich die Insulinsignaltransduktionskaskade angeregt wird. Die kombinierte Behandlung der Adipozyten mit MHCP und Insulin führte zu überadditiven Effekten, ein Hinweis auf einen Synergismus zwischen diesen beiden Substanzen. Nach Auffassung von Jarvill-Taylor et al. (2001) könnte MHCP auf Grund seiner insulinmimetischen Eigenschaften für die Behandlung der Insulinresistenz von Bedeutung sein.“

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=1587

Klar ist aber auch, dass solche Laborergebnisse grundsätzlich nicht geeignet sind, um eine Wirksamkeit bei Patientinnen und Patienten zu belegen.

Hier gibt es noch eine Stellungnahme von Sabine Glasl-Tazreiter, Ao. Univ.-Prof. am Department für Pharmakognosie am Pharmaziezentrum der Universität Wien:

Zimt bei Diabetes – zum aktuellen Stand des Wissens 

 

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Cochrane-Studie findet wenig Evidenz für Echinacea bei Erkältung

Echinacea (Sonnenhut) wird schon seit einigen Jahrzehnten als Immunstimulans gegen Erkältungen angewendet. Die Studienlage ist widersprüchlich. Studien mit positivem und negativem Ergebnis wechseln sich ab. Zu einem sehr zurückhaltenden Fazit kommt nun eine Metaanalyse der Cochrane Collaboration.

Echinacea-Präparate helfen möglicherweise zur Behandlung und Vorbeugung von Erkältungen – aber höchstens ein bisschen, schreiben die Autoren.

Die Wissenschaftler um Dr. Marlies Karsch-Völk von der TU München werteten 33 randomisierte und placebokontrollierte Untersuchungen zur Wirksamkeit von Echinacea aus, an denen insgesamt 4631 Probanden teilnahmen.

Die ausgewerteten 33 Studien mit insgesamt 4631 Teilnehmern unterschieden sich sowohl in ihrer Systematik als auch hinsichtlich des eingesetzten Echinacea-Präparates so stark voneinander, dass die Wissenschaftler keine gepoolte Analyse vornehmen konnten. Einzelauswertungen der Studien zeigten in keinem Fall einen signifikanten Vorteil der Echinacea-Präparate gegenüber Placebo, weder zur Therapie noch zur Vorbeugung von Erkältung. Ein geringer Nutzen in der Behandlung könne aber für einzelne Präparate nicht ausgeschlossen werden. Zudem gebe es für die vorbeugende Anwendung Hinweise auf einen positiven Effekt, dessen klinische Relevanz allerdings fragwürdig sei, schreiben die Forscher.

Echinacea-Präparate vergleichend zu bewerten wird dadurch erschwert, dass mit Echinacea purpurea, Echinacea pallida und Echinacea angustifolia drei verschiedene Stammpflanzen verwendet werden.

Die verschiedenen Stammpflanzen unterscheiden sich unter anderem in ihren Gehalten an Alkamiden, Glykoproteinen, Polysacchariden und Kaffeesäurederivaten, die allesamt an der immunmodulierenden Wirkung beteiligt sind. Darüber hinaus werden die in den verschiedenen Echinacea-Produkten enthaltenen Extrakte mit unterschiedlichen Methoden und aus unterschiedlichen Teilen der Pflanzen gewonnen, sodass die Medikamente sich stark voneinander unterscheiden.

Eine Empfehlung für ein bestimmtes Produkt können die Wissenschaftler aufgrund der schwachen Evidenz nicht aussprechen. Die wichtigste Erkenntnis aus ihrer Studie sei, dass es große Unterschiede zwischen einzelnen Präparaten gebe und dass die meisten davon nie in klinischen Studien untersucht worden seien. Es gebe Hinweise – stellen sie fest – dass sowohl alkoholische als auch Presssaftextrakte aus den oberirdischen Pflanzenteilen von Echinacea purpurea in der Behandlung von erwachsenen Erkältungspatienten einen positiven Effekt haben könnten. Die klinische Relevanz dieser Effekte sei aber unklar.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=46922&Nachricht_ID=51279&Nachricht_Title=Nachrichten_Echinacea:%20Wenig%20Evidenz%20bei%20Erk%E4ltung&type=0

doi: 10.1002/14651858.CD000530.pub3

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD000530.pub3/abstract

 

Kommentar und Ergänzung:

Die Forschungslage zu Echinacea ist schon seit langem widersprüchlich. Den Konsumentinnen und Konsumenten ist zudem in der Regel alles andere als klar, wie unterschiedlich die verschiedenen Echinacea-Präparate sind.

Diese Heterogenität erschwert die Forschung zum Thema Echinacea.

Bei den Präparaten auf der Basis von Alkohol als Lösungsmittel ist am bekanntesten „Echinaforce / Echinamed“, bei den Presssaftpräparaten „Echinacin“.

An der Cochrane-Metaanalyse waren Fachleute beteiligt, die mit dem Thema forschungsmässig schon seit längerem verbunden sind. Bei Univ. Prof. Dr. Rudolf Bauer von Institut für Pharmakognosie der Universität Graz gehören Untersuchungen zu Echinacea purpurea zu den Forschungsschwerpunkten (Anbau, Ernte, Verarbeitung, Wirkstoffe, pharmazeutische Qualität).

Bruce Barrett (Universität Wisconsin) hat selber klinische Studien mit Echinacea durchgeführt.

Solche Verbindungen bieten manchmal Vorteile, weil dadurch Fachwissen in die Metaanalyse einfliessen kann. Andererseits kann es auch problematische sein, wenn jemand selber klinische Studien durchführt, und dann bei der Erstellung einer Metaanalyse an der Beurteilung dieser Studien mitbeteiligt ist.

Und welche Schlüsse sind zu ziehen aus der widersprüchlichen Forschungslage zu Echinacea?

Wer diese Präparate für sich nützlich findet, soll sie doch nehmen. Ich würde einfach die Erwartungen nicht zu hoch hängen. Den vollständigen Schutz gegen Erkältungen kann man von Echinacea nicht erwarten. Und ich würde nicht empfehlen, die Präparate ununterbrochen über den ganzen Winter einzunehmen. Unterbrüche dürften sinnvoll sein.

Für mich selber bin ich schon seit langem zum Schluss gekommen, dass ich keine Echinacea-Präparate brauche. Ich bin auch überhaupt nicht der Meinung, dass es in jeder Lebenslage ein Naturheilmittel braucht.

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Melisse zur Duftpflanze des Jahres 2014 gewählt

Die Vereinigung für Aromapflege und gewerbliche Aromapraktiker (Vaga) hat die Melisse (= Zitronenmelisse, Melissa officinalis) zur Duftpflanze des Jahres 2014 gewählt.

„DiePresse“ geht auf die medizinischen Wirkungen der Melisse ein und zitiert dazu Prof. Rudolf Bauer, Vorstand des Instituts für pharmazeutische Wissenschaften, Department Pharmakognosie, der Karl-Franzens-Universität Graz:

„Melissenextrakt hat einen leicht cholesterinsenkenden Effekt, auch der Zuckerspiegel geht damit herunter.“ Zu diesem Schluss soll eine Studie aus Deutschland gekommen sein.

Ich kenne diese Studie nicht und in der gängigen Phytotherapie-Fachliteratur taucht eine Reduktion von Cholesterin und Blutzuckerspiegel als Wirkung von Melissenextrakt nicht auf. Ob diese Angaben für Patientinnen und Patienten relevant sind, kann ich daher nicht einschätzen. Interessant sind diese Angaben aber schon.

Bekannt seit der Antike indes sei die beruhigende Wirkung von Melisse, schreibt „DiePresse“, und fährt fort:

„Den Lippenblütler kennen wohl viele auch durch Klosterfrau-Melissengeist, seit dem 17. Jahrhundert beliebtes Volksarzneimittel, das bei Magen- und Darmbeschwerden, Erkältung, Appetitlosigkeit und innerer Unruhe eingesetzt wird.“

Eine wissenschaftlich nachgewiesene Wirkung habe die mehrjährige Pflanze – etwa in Form von Tee, Badezusatz oder Extrakt – unter anderem auch bei nervös bedingten Einschlaf- sowie bei psychovegetativen Störungen.

Die Anwendung als Beruhigungsmittel und als Hilfe bei Einschlafstörungen ist der etablierteste Einsatzbereich der Melisse.

Bauer ergänzt:

„„Die Rosmarinsäure und gewisse Gerbstoffe der Melisse wirken zudem antibakteriell und antiviral.“ – Darauf beruht die Anwendung von Melissensalbe bei Fieberbläschen (Herpes-simplex-Infektion), wobei nur im Anfangsstadium eine Wirksamkeit erwartet werden kann.

Quelle:

http://diepresse.com/home/leben/gesundheit/1563184/Gekurte-Pflanzenstars-mit-viel-Wirkung?_vl_backlink=/home/leben/gesundheit/index.do

Kommentar & Ergänzung:

Zu Wirkungen der Melisse siehe auch:

Heilpflanzen: Melisse gegen Herpes, als Beruhigungsmittel und für’s Gedächtnis

Die Beschreibung der Melissen-Wirkungen in „DiePresse“ ist fundierter als die letztjährige Präsentation von Thymian als Duftpflanze des Jahres 2013 in der selben Zeitung.

Siehe:

Thymian zur Duftpflanze des Jahres 2013 gewählt

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Zimt bei Diabetes – zum aktuellen Stand des Wissens

Seit einigen Jahren ist Zimt als Heilpflanze bei Diabetes im Gespräch. Entsprechende Hoffnungen wurden genährt durch Laborexperimente und klinische Studien. Die Erkenntnislage dazu ist allerdings immer noch widersprüchlich.

Die Zeitschrift „Phytotherapie Austria“ (Nr. 1 / 2013) hat zu diesem Thema Sabine Glasl-Tazreiter befragt, Ao. Univ.-Prof. am Department für Pharmakognosie am Pharmaziezentrum der Universität Wien.

Auf die Frage, wie die Anwendung von Zimt aus heutiger Sicht zu beurteilen sei, antwortet sie:

„Der Zimt-Hype nahm seinen Lauf mit der Publikation der Ergebnisse einer Studie aus dem Jahr 2003. Vermahlenes Zimtpulver hatte in den Dosierungen 1g, 3g und 6g über einen Anwendungszeitraum von 40 Tagen zu einer Senkung der Glucoseplasmaspiegel sowie zur Senkung der Triglyceride, LDL und des Gesamtcholesterins geführt. Seither wurden zahlreiche klinische Studien durchgeführt. Deren Ergebnisse sind allerdings widersprüchlich und keineswegs so klar, wie man sich das erhofft hatte.“

Die Expertin geht dann auf Stellungnahmen von Fachgesellschaften ein:

„Die Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft hat 2005 eine Stellungnahme verfasst, in der sie keine Empfehlung für Zimt abgibt. Darin heißt es, die Einstellung von Diabetespatienten sei bereits mit den gut geprüften Antidiabetika schwer; darüber hinaus habe man keine Information über die für die Wirkung verantwortlichen Zimt-Inhaltsstoffe, und letztlich kritisiert man die ungenügenden Daten zu Toxikologie und Langzeiteffekten. Die Amerikanische Diabetesgesellschaft erklärt in ihrer Stellungnahme aus dem Jahr 2010, dass Zimt keinen Benefit für Diabetiker brächte, dass die Beweislage hinsichtlich der cholesterinsenkenden Wirkung nicht überzeugend sei, und dass man keine Empfehlung für Zimt zur Behandlung erhöhter Cholesterinspiegel abgeben könne.“

Und hier ihr Fazit:

„Diese sehr kritischen Bewertungen werden von manchen Ärzten als zu vorsichtig eingeschätzt, denn bei den vielen pflanzlichen Alternativen, die bei Diabetes beworben werden, liefert der Zimt in den Studien die größte Konsistenz hinsichtlich der Senkung des Nüchternblutzuckers und der HbA1C-Werte. Was also soll man den Patienten raten? Will man auf Nummer Sicher gehen, so sollte keine Selbstmedikation ohne Rücksprache mit dem Arzt erfolgen.“

Quelle:

http://www.phytotherapie.co.at/pdf/PT0113.pdf

Kommentar & Ergänzung:

Als die Forschungen zum Thema „Zimt & Diabetes“ bekannt wurden, war das eine ziemliche Sensation, weil niemand eine solche Wirkung von Zimt erwartet hatte.

Inzwischen haben allerdings widersprüchliche Ergebnisse die Einschätzung nicht gerade leichter gemacht. Der Expertin ist aber zuzustimmen, wenn sie feststellt, dass andere pflanzliche Mittel bei Diabetes in den Studien weniger Konsistenz zeigten.

Nicht nachvollziehbar ist die Aussage der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft, wonach man keine Information über die für die Wirkung verantwortlichen Zimt-Inhaltsstoffe habe.

Als Wirkstoff erforscht wird Methylhydroxychalkonpolymer (MHCP), ein wasserlösliches Polyphenolpolymer aus Zimt. MHCP verbesserte in In-vitro-Studien an 3T3-L1 Adipozyten die Glucoseaufnahme und Glykogensynthese in ähnlichem Ausmaß wie Insulin.

Gemäss Pharmawiki wurde die erwähnte Studie aus dem Jahr 2003 mit Cassia-Zimt (Cinnamomum cassia) durchgeführt. Er enthält verhältnismässig hohe Konzentrationen des bei längerer Einnahme in hohen Dosen möglicherweise leberschädigenden Cumarins.

Und da bei einer Anwendung als Begleittherapie bei Diabetes von einer Langzeitanwendung auszugehen ist, muss Cassia-Zimt in diesem Anwendungsbereich sehr in Frage gestellt werden. Der Cumaringehalt liegt bei Ceylon-Zimt (Cinnamomum verum) wesentlich tiefer.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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