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Schüssler-Salze gegen Warzen?

Ich bin immer wieder verblüfft über die Unverfrorenheit, mit der irgendwelche Behauptungen über fragwürdige Heilwirkungen herumgeboten werden.

Noch mehr verblüfft mich aber, wie selten solche Behauptungen in Frage gestellt werden.

Jetzt bin ich gerade über eine Aussage in der Drogistenzeitung „D-inside“ gestossen, die sich mit der Behandlung von Warzen befasst (Ausgabe April 2017).

Naturheilkundlich lasse sich eine Warze mit Schüssler-Salz Nr. 4 zur Bindung des Papillomavirus behandeln sowie mit Schüssler-Salz Nr. 10, das die Virenausscheidung verbessere, schreibt die Autorin unter Bezugnahme auf Aussagen einer Naturheilpraktikerin.

Was wird hier genau versprochen:

Schüssler-Salz Nr. 4 soll also das Papillomavirus binden, das für die Entstehung von Warzen verantwortlich ist. Eine steile Behauptung. Eine solche Wirkung kann man nicht einfach von aussen beobachten.

Um eine solche Wirkung festzustellen, braucht es deshalb ein Experiment zumindestens im Reagenzglas, wobei dann allerdings noch nicht klar wäre, ob der Vorgang auch in einer veritablen Warze funktionieren würde.

Nun sind aber bisher keinerlei derartige Studien bekannt geworden.

Gibt es womöglich eine geheime Studie? Das wäre sehr komisch, denn das Ergebnis wäre sensationell und würde den Umsatz vervielfachen. Zudem ist kaum vorstellbar, dass die Wirkung sich auf Papillomaviren beschränken würde. Schüssler-Salz Nr. 4 wäre dann die Lösung für unzählige gefährliche Virenkrankheiten und der Entdecker dieses Wundermittels ein heisser Kandidat für den Nobelpreis in Medizin.

Da liegt es schon sehr nahe, dass die Studie eben darum geheim bleibt, weil es sie gar nicht gibt.

Schüssler-Salz Nr. 4 enthält 1 g Kaliumchlorid auf 1000 kg Milchzucker.

Kaliumchlorid ist als Geschmacksverstärker unter der Bezeichnung E 508 im Handel. Wollen wir wetten, dass der grösste Teil der Schüssler-Salz Nr. 4-Konsumenten im Laden einen weiten Bogen macht um all die teuflischen E-Nummern? E 508 und damit auch Kaliumchlorid ist enthalten in Fertiggerichten, Würzmitteln und diätetischen Lebensmitteln – viel billiger und auch in grösseren Mengen als im Schüssler-Salz Nr. 4.

Die Apothekerin Susana Niedan-Feichtinger von der Firma Adler Pharma, einer Herstellerin von Schüsslersalzen, schreibt in der Österreichischen Apothekerzeitung (Nr. 24 /2010, S. 1419):

„Alle Mineralwasser-Konsumenten nehmen pro Tag mehr Mineralstoffe auf, als es über Schüßler Salze überhaupt möglich wäre…..“

Das gilt genauso für Trinkwasser-Konsumenten.

So: Und dieses Schüssler-Salz Nr. 4, das 1 g Kaliumchlorid pro 1000 kg Schüssler-Salz enthält, soll in der Warze die Papillomaviren binden? Wie genau muss ich mir das vorstellen?

Zudem soll Schüssler-Salz Nr. 10 noch die Virenausscheidung verbessern. Wie werden denn Viren überhaupt ausgeschieden? Ich habe bisher eigentlich gedacht, dass Viren von Fresszellen des Immunsystems vertilgt werden.

Auch die verbesserte Virenausscheidung kann man nicht sehen und damit eine solche Aussage gemacht werden kann, müssten Daten aus einem Experiment oder einer Studie vorliegen. Das wäre auch in diesem Fall Nobelpreis-würdig, wenn es dazu Belege geben würde……

Schüssler-Salz Nr. 10 enthält 1 g Natriumsulfat (Glaubersalz) auf 1000 kg Milchzucker.

Natriumsulfat ist als Lebensmittelzusatzstoff Nummer E 514 ohne Höchstmengenbeschränkung für Lebensmittel allgemein zugelassen.

Es dient als Festigungsmittel, Säureregulator und Trägersubstanz.

Und auch hier führen wir Natriumionen und Sulfationen mit dem Trinkwasser in viel grösseren Mengen zu, als dies mit Schüssler-Salz Nr. 10 je möglich wäre:

„Grundwässer in sulfatarmen Gesteinen enthalten üblicherweise bis ca. 30 mg/l Sulfat…. Wesentlich höhere Gehalte (bis mehrere 100 mg/l) sind jedoch für Wässer aus sulfathaltigen Gesteinen typisch.“

Quelle:

http://www.umwelt.niedersachsen.de/grundwasser/grundwasserbericht/grundwasserbeschaffenheit/gueteparameter/grundprogramm/sulfat/sulfat-137612.html

Ein Liter Trinkwasser enthält also zwischen 30 mg und mehreren 100 mg Sulfat. Eine Tablette Schüssler-Salz enthält 0.25 Millionstelgramm Natriumsulfat (Quelle: Pharmawiki).

http://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Die_Schuessler_Luege

In Dosen von 10 – 30 Gramm wird Glaubersalz als Abführmittel bei Verstopfung und zur Darmentleerung vor Fastenkuren eingesetzt.

Und nun zurück zu den Warzen. Die Aussagen in der Drogistenzeitung bezüglich Virenbindung und Virenausscheidung durch Schüssler-Salze Nr. 4 und 10 sind völlig faktenfrei. Warzen sind aber in der Regel selbstlimitierend – sie heilen nach einer gewissen Zeit auch ohne Behandlung – und sie reagieren häufig sehr gut auf Suggestion bzw. Placebo.

Es wird daher während der Behandlung mit diesen Schüssler-Salzen in einer respektablen Zahl der Fälle zu einem Verschwinden der Warze kommen. Und dann kann man ja durchaus den Schluss ziehen, dass es keine Rolle spielt, ob der Effekt durch Suggestion oder durch eine spezifische Wirkung der Schüssler-Salze zustande kommt.

Verwerflich und störend finde ich nur die völlig aus der Luft gegriffenen Behauptungen spezifischer Wirkungen wie „Virenbindung“ und „Virenausscheidung“, die man eigentlich nur als Bullshit bezeichnen kann.

In der Pflanzenheilkunde wird gegen Warzen gerne der Schöllkrautsaft verwendet.

Siehe dazu:

Hilft Schöllkraut gegen Warzen?

Schöllkraut enthält im Milchsaft eiweissspaltende Enzyme sowie die Alkaloide Berberin und Sanguinarin, die mit der DNA reagieren und deshalb zelltoxisch und antiviral wirken. Dadurch könnte eventuell (!) eine Wirkung gegen Warzen erklärt werden, wenn der Schöllkrautsaft 2 mal täglich auf die Warze aufgetragen wird. Da diese Wirkungen aber nur im Labor belegt sind, lässt sich daraus keine sichere Aussage über eine Wirksamkeit an konkreten Warzen lebender Menschen machen.

Wenn eine Warze nach der Anwendung von Schöllkrautsaft verschwindet, kann ich daher nie mit Sicherheit wissen, ob dieser Effekt durch eine spezifische Wirkung der Schöllkraut-Inhaltsstoffe erfolgt ist, durch Suggestion oder durch ein zufälliges Zusammenfallen der Behandlung mit dem Zeitpunkt, an dem die Warze sowieso verschwunden wäre.

Für den Warzenträger oder die Warzenträgerin spielt das in diesem Fall keine wesentliche Rolle. Es ist aber meines Erachtens eine Frage der Wahrhaftigkeit, die Ungewissheit über den eigentlichen Wirkfaktor anzuerkennen und sich nicht im Brustton der Überzeugung mit leeren, aber eindrücklich klingenden Behauptungen zu schmücken – zum Beispiel betreffend Virenbindung und Virenausscheidung.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

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Huflattich stärkt den Willen und die Durchsetzungskraft?

Huflattich stärke den Willen, lese ich in einem Internet-Beitrag.

Er soll den Pionier in uns wecken und helfe den Menschen, sich durchzusetzen, aber auch, sich selber treu zu bleiben. Huflattich helfe, für ein paar Tage oder Wochen auf einige Verführungen zu verzichten und den guten Vorsätzen treu zu bleiben, indem er den Willen stärke………

Solche Beschreibungen sind Assoziationen und Fantasien über Pflanzen. Sie haben mit der Person zu tun, die solche Assoziationen und Fantasien hat. Mit der Pflanze, um die es hier geht, haben sie nichts zu tun.

Der Heilpflanze Huflattich werden hier Eigenschaften angedichtet, die nur im Kopf der „Dichterin“ vorhanden sind. Die Pflanze wird quasi als Depot  für eigene Assoziationen und Fantasien benutzt.

Es ist natürlich gar nichts dagegen einzuwenden, wenn Pflanzen unsere Assoziationen und Fantasien anregen. Im Gegenteil, das macht einen Teil ihrer Faszination aus.

Fragwürdig ist nur, wenn man nicht erkennt, dass es sich bei solchen Beschreibungen um Eigenproduktionen handelt, und glaubt, es handle sich um Eigenschaften der Pflanze.

Und wenn – wie in dem erwähnten Internet-Beitrag – eine Naturheilpraktikerin solche Beschreibungen liefert und ihre Patientinnen und Patienten danach behandelt, dann baut sie ihre Behandlung auf den eigenen oder fremden Fantasien und Assoziationen auf.

Und weil es im Bereich Komplementärmedizin / Naturheilkunde keine Qualitätssicherung gibt, kann das jeder und jede so machen. Man trifft heutzutage zum Beispiel Beschreibungen über das „Wesen der Pflanzen“, die reine Fantasieprodukte sind. Auf dieser Basis Therapieempfehlungen abzugeben, ist höchst fragwürdig.

Siehe:

Die fragwürdige Rede vom Wesen der Pflanzen

Wesen und Signatur der Heilpflanzen – Gänseblümchen

Zum Wesen der Heilpflanzen – Storchenschnabel gegen Schock

Huflattichtee trinken und schwupps, schon bin ich willensstark und durchsetzungsfähig. Die ideale Heilpflanze für Soldaten und Manager…….aber eigentlich kann das doch jeder und jede brauchen. Trinken wir doch alle Huflattichtee!

Aber halt, dann gleicht sich das ja wieder aus, wenn alle willensstark und durchsetzungsfähig werden. Also trinken Sie besser heimlich Huflattichtee und erzählen Sie es niemandem weiter….

Und wie praktisch, dass Huflattich gleich auch noch hilft, auf gewisse Verführungen zu verzichten. Dazu sind aber noch genauere Untersuchungen nötig zur Art der Verführung, gegen die Huflattich helfen soll.

Im Ernst: Wenn das so einfach wäre mit Durchsetzungsfähigkeit und Willensstärke. Gibt es tatsächlich Leute die glauben, dass uns der Huflattich diese Arbeit netterweise abnimmt?

Vielleicht weil er spezielle Kompetenzen hat im Bereich „Durchsetzungsfähigkeit“ als Pflanze, die schon bald nach dem Schnee kommt?

Dann könnte man ja Huflattich allenfalls als Symbol für Durchsetzungsfähigkeit nehmen.

Dann wäre es aber wichtig zu verstehen, dass Symbole von Menschen geschaffen werden und keine Eigenschaft der Pflanze sind.

Nachtrag:

Der Mensch ist – nach Ernst Cassirer (1874 – 1945) ein „animal symbolicum“, das heisst ein symbolbildendes und symbolverwendendes Wesen. Der Mensch hat nur über Symbole einen Wirklichkeitsbezug. Der Begriff „animal symbolicum“ hebt die typisch menschliche Fähigkeit hervor, Symbole hervorzubringen und in einer Welt der Symbole zu denken und zu leben.

In seinem Hauptwerk Philosophie der symbolischen Formen und vor allem in seinem anthropologischen Spätwerk Versuch über den Menschen erläutert Ernst Cassirer den Begriff. Wikipedia zum „animal symbolicum“:

„Der Mensch lebt nicht in einer rein physischen Umwelt, sondern in einem symbolischen Universum. Sprache, Mythos, Kunst, Religion und alle anderen Bereiche kulturellen Wirkens bilden die Fäden des symbolischen Gewebes. Jeder Fortschritt des menschlichen Denkens und der menschlichen Erfahrung verstärkt und erweitert dieses Gewebe…. Der Mensch zeichnet sich…..dadurch aus, dass er der Welt über das Symbol sowohl individuelle als auch kollektiv konnotierte Bedeutung verleiht.“

P.S: Huflattich (Tussilago farfara) blüht im Flachland jetzt im März (Volksnamen: Märzeblüemli, Teeblüemli, Zitröseli). In der Phänologie fällt seine Blühphase in den Vorfrühling

Es lohnt sich, die hübsche Pflanze zu beachten.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

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Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Naturheilkunde – moralisch überlegen?

Kürzlich kam in einem Gespräch die Rede auf das Thema “Philosophie”.
Darauf hin erklärte eine anwesende Naturheilpraktikerin, dass sie sich schon seit einiger Zeit vorgenommen habe, sich mit Ethik in der Medizin zu befassen. Ich sagte daraufhin: “Wie wär‘s denn mit Ethik in der Naturheilkunde? Oder mit Ethik in der Komplementärmedizin” – Die Antwort kam sehr rasch und sehr fraglos: “Aber in der Naturheilkunde ist das selbstverständlich!”

Dieser ziemlich einseitigen Vorstellung begegne ich nicht selten in Bereich Naturheilkunde / Komplementärmedizin:

Naturheilkunde bzw. Komplementärmedizin ist gut, lebensfreundlich, menschenfreundlich etc – und zwar grundsätzlich.

Im Unterschied zur menschenfeindlichen, lebensfeindlichen “Schulmedizin”.

Wie schön, wenn man so gewiss weiss, dass man auf der richtigen Seite steht.

So einfach ist die Sache meiner Erfahrung nach allerdings nicht.

In Verlaufe von bisher mehr als 25 Jahren Tätigkeit als Ausbildner im Bereich Naturheilkunde ist mir beispielsweise ein gerütteltes Mass an Allmachtsvorstellungen begegnet. Viele (aber nicht alle) Naturheilkundige sehen ihre eigenen Grenzen und die Grenzen ihrer Methoden nicht. Das gefährdet Patientinnen und Patienten und ist darum sehr wohl ein ethisches Thema.

Zudem gibt es im Bereich Naturheilkunde / Komplementärmedizin weit verbreitet Heilslehren, Gurutum, Fundamentalismus und blinde Gläubigkeit.

Viele (aber nicht alle) Naturheilkundige weichen der Anstrengung aus, sich ein fundiertes und auch kritisches Urteil zu bilden betreffend den Möglichkeiten und Grenzen ihrer eigenen Methoden. Das führt zu Willkür in Behandlungen, gefährdet Patientinnen und Patienten und ist darum sehr wohl ein ethisches Thema.

Meiner Ansicht nach brauchen Naturheilkunde & Komplementärmedizin sehr viel mehr kritische Auseinandersetzung an diesen Punkten, wenn sie sich weiter entwickeln wollen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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