Beiträge

Zur Neubesetzung des Lehrstuhls für Naturheilkunde an der Universität Zürich

Die Universität Zürich sucht einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für Professor Reinhard Saller auf den Lehrstuhl für Naturheilkunde.

Im Rahmen dieser Neubesetzung fand am 30. August 2012 am Universitätsspital Zürich ein Symposium statt, an dem  BewerberInnen sich mit einem Fachvortrag vorstellten.

Vortragende und Themen waren:

Prof. Dr. med. Benno Brinkhaus

Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und

Gesundheitsökonomie Charité – Universitätsmedizin Berlin

Thema: Integration von Naturheilkunde / Komplementärmedizin in die

konventionelle Medizin am Beispiel Akupunktur

Prof. Dr. med. Jost Langhorst

Innere Medizin V – Naturheilverfahren und Integrative

Medizin Kliniken Essen Mitte – Knappschaftskrankenhaus

Thema: Naturheilkunde und Integrative Medizin am Beispiel chronisch

entzündlicher Darmerkrankungen

PD Dr. med. Florian Pfab

Präventive und Rehabilitative Sportmedizin

Klinikum rechts der Isar; Technische Universität München

Thema: Nadeln, Chilli, Drachenblut oder gar Haschisch gegen Juckreiz?

Prof. Dr. med. Claudia Witt, MBA

Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie

und Gesundheitsökonomie Charité – Universitätsmedizin Berlin

Thema: Forschung zur Komplementärmedizin – eine internationale Perspektive

PD Dr. med. Ursula Wolf

Institute of Complementary Medicine, Universität Bern; Inselspital

Thema: Forschung in der Komplementärmedizin

Kommentar & Ergänzung:

Tobias Füchslin und Marko Kovic besuchten die Veranstaltung und haben sie in einem Podcast kritisch kommentiert.

Den Podcast können Sie hier hören.

Bei Prof. Reinhard Saller war die Phytotherapie ein zentraler Schwerpunkt. Es wäre natürlich aus meiner Sicht begrüssenswert, wenn der Nachfolger oder die Nachfolgerin auch einen „Draht“ zur Phytotherapie mitbringen würde.

Wichtiger aber noch scheint mir, dass eine Person gewählt wird, die Wissenschaft nach den besten Standards betreibt.  Die Methoden von Komplementärmedizin und Naturheilkunde sollen ergebnisoffen erforscht werden. Das ist in diesem Bereich nicht so selbstverständlich, wie es sein sollte. Wenn aus politischen Gründen komplementärmedizinische Forschung an Universitäten durchgedrückt wird, entwickelt sich daraus nicht selten eine einseitige Bestätigungs- und Rechtfertigungsforschung, die wissenschaftlich zurecht nicht mehr ernst genommen wird.

Ein Beispiel für einseitige Zugänge ist wohl die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder mit dem „Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften“, das mit wissenschaftlich fragwürdigen Lehrveranstaltungen und skurilen Forschungsarbeiten in die Kritik gekommen ist.

Siehe:

Europa-Universität Viadrina: Esoterik-Institut vor dem aus

An der Europa-Universität Viadrina wird der Lehrstuhl von Harald Walach durch den Homöopathika-Hersteller Heel finanziert. Harald Walach ist der diesjährige Preisträger des „Goldenen Bretts“:

„Das «Goldene Brett vorm Kopf 2012» geht an Harald Walach, Professor an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder…..Das gab die Gesellschaft für Kritisches Denken bekannt.

Die Verleihung der Preise für den «erstaunlichsten pseudowissenschaftlichen Unfug» fand…..im Naturhistorischen Museum Wien statt. Der Komplementär-Mediziner Walach wurde dabei für sein «einzigartiges Bemühen, wissenschaftsbefreite Theorien in die akademische Welt hineinzubringen», gewürdigt.“

Quelle: http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Goldenes-Brett-vorm-Kopf-fuer-Erich-von-Daeniken/story/26845575

Forschung muss sich an den besten Standards orientieren – auch die Forschung im Bereich Komplementärmedizin und Naturheilkunde. Je mehr sich Forschung an dehnbareren, „weicheren“ Standards orientiert, desto grösser wird der Interpretationsspielraum. Und das dient letztlich weder der Wissenschaft noch der „Komplementärmedizin“.

Siehe auch: Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff

Das Berufungsverfahren für den Lehrstuhl für Naturheilkunde an der Universität Zürich hat bisher in der Schweiz kaum Wellen geschlagen. Erstaunlicherweise geht nun die „Die Süddeutsche“ in einem ausführlicheren Beitrag darauf ein:

Der Lehrstuhl für Naturheilkunde an der Uni Zürich ist etwas Besonderes: Er ist im deutschsprachigen Raum der einzige, der nicht durch Interessengruppen finanziert wird. Ausgerechnet hier hat die Kandidatur einer deutschen Homöopathie-Forscherin nun zum Eklat geführt. Edzard Ernst, einer der renommiertesten Kritiker der Komplementärmedizin, wurde aus der Berufungskommission gedrängt.“

Mir war nicht bewusst, dass der Lehrstuhl für Naturheilkunde an der Universität Zürich im deutschsprachigen Raum der einzige ist, der nicht von Interessengruppen finanziert wird.

Bei der deutschen Homöopathie-Forscherin, die sich für den Lehrstuhl in Zürich bewirbt, und auf welche die „Süddeutsche“ hinweist, handelt es sich um Prof. Claudia Witt von der Charité Berlin. Ihr Lehrstuhl wird von der Carstens-Stiftung finanziert, einer Organisation zum Zwecke der Homöopathie-Förderung. Meinem Eindruck nach bemüht sich Claudia Witt um Ergebnisoffenheit und um differenzierte Stellungnahmen, aber sie laviert manchmal auch. Es sind an der Charité allerdings zudem einige Studien durchgeführt worden, die viel Interpretationsspielraum offen lassen und von der „Homöopathie-Szene“ sofort als Beweis für die Wirksamkeit ihrer Methode gefeiert wurden, eine Schlussfolgerung, welche die Studien nicht ansatzweise hergeben.

Im Artikel der „Süddeutschen“ wird die Forschungsarbeit von Claudia Witt kritisch kommentiert von Edzard Ernst, ehemaliger Professor für Komplementärmedizin in Exeter,  und von Jürgen Windeler vom unabhängigen Institut für Qualitätskontrolle und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG).

Den ganzen Artikel finden Sie hier:

Alternative Heilverfahren an Hochschulen: Wissenschaft in homöopathischen Dosen

An der Universität Rostock gibt es noch den Lehrstuhl für Naturheilkunde, der mit Prof. Karin Kraft besetzt ist. Sie befasst sich intensiv mit Phytotherapie und publiziert dazu auch in Fachzeitschriften. Ihr Forschungsarbeit kann ich nicht beurteilen, ihre Fachartikel sind aber sorgfältig und fundiert geschrieben.

Auch der Lehrstuhl an der Universität Rostock ist eine Stiftungsprofessur, wobei mir aber scheint, dass die Stifter und Sponsoren etwas breiter angesiedelt sind als bei der Stiftungsprofessur an der Charité und an der Vaidrina.

Arzneipflanzenkunde ist an Universitäten gut etabliert

Aus phytotherapeutischer Perspektive könnte noch ergänzt werden, dass es im Pharmazie-Studium eine ganze Reihe von Lehrstühlen im Bereich der Pharmazeutischen Biologie gibt, die sich gut etabliert mit Lehre und Forschung zum Thema Arzneipflanzenkunde befassen.

Um beispielhaft und unvollständig ein paar Namen ehemaliger oder aktiver Persönlichkeiten zu nennen:

Rudolf Hänsel (Universität Berlin), Hildebert Wagner (Universität München), Rudolf Bauer (Universität Düsseldorf), Theo Dingermann (Goethe-Universität Frankfurt am Main), Georg Schneider (Goethe-Universität Frankfurt am Main), Ilse Zündorf (Goethe-Universität Frankfurt am Main), Otto Sticher (ETH Zürich), Jürgen Reichling (Universität Heidelberg), Michael Wink (Universität Heidelberg), Max Wichtl (Universität Marburg), Elisabeth Stahl-Biskup (Universität Hamburg), Rudolf Bauer (Universität Graz) sowie last, aber ganz sicher nicht least: Heinz Schilcher (Freie Universität Berlin).

Phytotherapie hat keine eigene Diagnostik. Daher ist für die Phytotherapie die Arzneipflanzenkunde, wie sie in der Pharmazeutischen Biologie erforscht und vermittelt wird, absolut zentral.

Und die aufgeführten Beispiele zeigen, dass Phytotherapie bestens in die Wissenschaft integriert ist und damit auch nicht zur Komplementärmedizin gerechnet werden kann.

Siehe auch: Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?

Phytotherapie ist ein Teil der Naturheilkunde und damit ein (randständiger) Teil der Medizin.

Siehe: Naturheilkunde – was ist das?

Zu hoffen ist, dass bei der Besetzung des Lehrstuhles für Naturheilkunde an der Universität Zürich eine Person gewählt wird, die gute Forschung gewährleisten kann und auch wirklich im Bereich der Naturheilkunde – und damit auch der Phytotherapie – „zuhause“ ist.

Eine Stellungnahme zu den Vorgängen rund um die Neubesetzung des Lehrstuhle für Naturheilkunde ist gerade erschienen auf skeptiker.ch

Wenn Sie interessiert sind daran, Begriffe wie Komplementärmedizin, Alternativmedizin, Naturheilkunde vertiefter zu verstehen, dann bekommen Sie Informationen dazu im Tagesseminar „Komplementärmedizin verstehen und beurteilen“, am 18. November 2012 in Winterthur. Der Kurstag vermittelt auch Orientierungspunkte und Kriterien, mit denen man im weitläufigen Dschungel der Komplementärmedizin die Spreu vom Weizen unterscheiden kann.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Brennnessel-Kur gegen Rheuma

Die MDR-Sendung „Hauptsache gesund“ berichtete kürzlich über die Wirkung von Brennnessel bei Rheuma:

„Kochen Sie frisch geerntete Brennnesseln wie Spinat. Das daraus entstehende Brennnesselmus kann man so essen, etwas würzen oder als Beilage zum Salat geben. Da die Brennnesselsaison langsam ihrem Ende entgegen geht, können Sie das Kraut auch einfrieren. Fertiger Frischpflanzenpresssaft wäre eine Alternative, ist aber nicht so reich an Inhaltsstoffen wie das frische Kraut. Der regelmäßige Verzehr von dreimal 50 Gramm Mus reduziert die Einnahme von Rheumamedikamenten. Besprechen Sie mit Ihrem Arzt eine eventuelle Dosierungsanpassung.“

Quelle:

http://www.mdr.de/hauptsache-gesund/letzte-sendungen/8726086.html

Kommentar & Ergänzung:

Die Einnahme von Brennnesselmus reduziert natürlich nicht einfach so die Einnahme von Rheumamedikamenten. Diese Formulierung ist etwas missglückt. Es gibt aber tatsächlich eine Studie, in welcher sich zeigte, dass die Einnahme von Brennnesselmus zusammen mit dem NSAR Diclofenac (50mg / Tag) gleich gute Wirksamkeit zeigte wie eine Therapie mit Diclofenac 200mg/Tag.

Daraus lässt sich schliessen, dass man mit der Einnahme von Brennnesselmus NSAR / Diclofenac einsparen kann.

Dieser Effekt wird auf eine entzündungshemmende Wirkung des Brennnesselmus zurückgeführt.

(Literaturangabe: W. Enderlein, S. Chrubasik, C. conradt, W. Grabner; Untersuchungen zur Wirksamkeit von Brennnesselmus bei akuter Arthritis; veröffentlicht in: Rheumatherapie mit Phytopharmaka, Hrsg.: Sigrun Chrubasik und Michael Wink, Hippokrates Verlag 1997)

Die Studie ist nicht mehr ganz frisch, war eher klein (je 20 Personen in den Gruppen „Diclofenac 50mg / Tag & Brennessselmus“ und „Diclofenac 200mg / Tag“).

Ausserdem scheint sie nicht in einer unabhängigen Fachpublikation publiziert worden zu sein.

Trotzdem ist die Sache mit der entzündungswidrigen Wirkung von  Brennnesselmus sehr interessant. Jedenfalls ist dieser Ansatz viel überzeugender als die höchst fragwürdige und irreführende Vorstellung der Brennnessel als Entschlackungsmittel.

Die Studiendauer betrug 14 Tage. Die Tagesdosis Brennnesselmus lag bei 50 g pro Tag in Portionen über den Tag verteilt, also nicht dreimal täglich 50 g, wie der MDR meldet.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen / Weiterbildung Pflanzenheilkunde / Kräuterwanderungen:

Infos auf www.phytotherapie-seminare.ch

Info-Treff Pflanzenheilkunde

Besuchen Sie auch unseren „Info-Treff Pflanzenheilkunde“ für Information und Erfahrungsaustausch in den Bereichen

Phytotherapie / Pflanzenheilkunde / Naturheilkunde:

moodle.heilpflanzen-info.ch

[Buchtipp] Handbuch der giftigen und psychoaktiven Pflanzen, von Michael Wink, Ben Erik van Wyk, Coralie Wink

Verlagsbeschreibung

Der Band gibt einen Überblick über alle bedeutenden giftigen und bewusstseinsverändernden Pflanzen der Welt.
Das Buch umfasst mehr als 1.200 Pflanzen.
Mehr als 200 bewusstseinsverändernde und Giftpflanzen werden ausführlich in Kurzmonographien abgehandelt, mit diagnostischen Merkmalen, Herkunfts- und Verbreitungsgebieten, wirksamen Bestandteilen, Toxizitäten, Vergiftungserscheinungen und möglichen Wirkmechanismen.
Das kompakte Format und der enzyklopädische Stil erleichtern den schnellen Zugriff auf alle Informationen.
  Zum Shop

Kommentar

Handbuch der giftigen und psychoaktiven Pflanzen

Dieses Buch stellt Giftpflanzen aus aller Welt fundiert und kompetent vor. Beschrieben werden mehr als 1200 der bedeutendsten Giftpflanzen und Rauschpflanzen aus Europa und Amerika, aber auch viele relevante Arten aus Afrika, Asien und Australien.

Dabei wird jede Art mit guten Fotos illustriert. Die informativen Texte umfassen folgende Kategorien:

Ähnliche Arten, Kennzeichen, Vorkommen, Klassifikation, Wirkstoffe, Verwendung, Toxizität, Symptome, Pharmakologie, Erste Hilfe.

Verglichen mit dem Giftpflanzen-Buch von Frohne, das in diesem Abschnitt des Buchshops ebenfalls vorgestellt wird, umfasst das Buch von „Wink / Wyk / Wink“ deutlich mehr Arten aus aller Welt. Für den „Frohne“ spricht dagegen, dass er vor allem diejenigen einheimischen Giftpflanzen, die tatsächlich zu Vergiftungen führen, im Text und vor allem auch mit detaillierten Fotos umfassender darstellt. Als Autoren sind sowohl „Wink / Wyk / Wink“ als auch „Frohne“ verlässlich.

Neben der Vorstellung von Einzelpflanzen enthält das „Handbuch der giftigen und psychoaktiven Pflanzen“ ein Kapitel, in dem die wichtigsten Wirkstoffgruppen vorgestellt werden, welche für toxikologische oder psychoaktive Effekte verantwortlich sind. Spannend ist zudem das Kapitel über Giftpflanzen und Rauschpflanzen in der Geschichte – hier geht es um Mord, Magie und Medizin.

Das Buch stellt im Übrigen auch eine ganze Anzahl von Heilpflanzen vor, weil die Übergänge zwischen Heilpflanzen und Giftpflanzen fliessend sind. Die Dosis macht’s ob ein Kraut giftig oder heilend ist, das hat jedenfalls schon Paracelsus (1493 – 1541) so gesehen.

„Wink / Wyk / Wink“ sind auch die Autoren des „Handbuches der Arzneipflanzen“, welches Sie hier anschauen können:

http://www.heilpflanzen-info.ch/cms/shop/phytotherapie-fachbuecher/

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch