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Alternative Krebstherapie mit Benalu-Tee?

„Alternative Heilmethode hilft bei der Behandlung von Krebs – Benalu Tee tötet Krebszellen ab“ – so titelt ein Internetportal, das sich „Forschung und Wissen“ nennt, aber von einer Marketingagentur betrieben wird und daher wohl hauptsächlich Produkte verkaufen will.

Die Schlagzeile ist insofern manipulativ, als sie ein wesentliches Detail unterschlägt.

Vollständig müsste es nämlich heissen:

„Wirkstoffe aus der Benalu-Pflanze (Scurrula atropurpurea) töten Krebszellen im Labor“.

Tönt aber nicht so attraktiv.

Der entscheidende Punkt dabei: Es zeigen tausende von Naturstoffen im Labor eine Wirkung auf Krebszellen. Das bedeutet aber leider noch lange nicht, dass sie auch zur Bekämpfung von Krebs im menschlichen Organismus geeignet sind. Im Labor kann man die Substanzen nämlich höchst konzentriert auf Krebszellen loslassen. Eine ganz andere Frage ist jedoch, ob derart hohe Konzentrationen auch im Körper erreicht werden können. Dem steht unter Umständen eine eingeschränkte Aufnahme aus dem Verdauungstrakt entgegen. Und manchmal können Naturstoffe im Labor zwar isolierte Krebszellen töten, doch schädigen sie in der wirksamen Konzentration im Organismus gesunde Zellen genauso. Im Labor, wo man isolierte Krebszellen verwenden kann, spielt dieses Problem natürlich keine Rolle.

Im Beitrag von „Forschung und Wissen“ wird die Forschung mit Benalu Tee so beschrieben:

„In mehreren Arbeitsgruppen haben die Wissenschaftler verschiedene biologische und chemische Analysen an der Pflanze durchgeführt. Da die Pflanzenfamilie bereits in der traditionellen Medizin bekannt ist, sei der Gedanke, einen positiven Befund zu den heilenden Eigenschaften der Pflanze nicht unbegründet, so die Forscher. Die Wissenschaftler analysierten im ersten Arbeitsschritt alle chemischen Bestandteile der getrockneten Pflanze und der im Teewasser gelösten Stoffe. Die Auswertung der Untersuchung ergab, dass der Benalu Tee insgesamt 16 verschiedene Substanzen in unterschiedlichen Konzentrationen im heißen Wasser freisetzt.

Im letzten und wichtigsten Schritt haben die Wissenschaftler die Substanzkombinationen und deren Wirkung auf Krebszellen untersucht.“

Das ist klassische „In-vitro“-Forschung (Laborexperimente). Verschiedene Verkäufer von Benalu-Tee verweisen auf diese Arbeiten einer japanischen Universität, die allerdings nicht mehr ganz taufrisch sind und 2003 in einer Fachzeitschrift veröffentlicht wurden.

Das Fazit der Studie beschreibt die Marketingagentur so:

„Die Auswertung der Studie zeigte, dass der Benalu Tee tatsächlich eine unterstützende Wirkung bei der Behandlung von Krebs zeigt.“

Das kann eine Laborstudie gar nicht zeigen. Dazu wären Patientenstudien nötig. Ich finde diese Formulierung aber auch nicht in der Studie.

(http://www.mister-wong.de/doc/cancer-cell-invasion-inhibitory-effects-of-chemical-constituents-in-the-parasitic-plant_261020567/ )

Weiter:

„Über den Verdauungsprozess gelangen die Substanzen in den Blutkreislauf, von wo sie sich im ganzen Körper verteilen.“

Das haben die Forscher in Japan nicht untersucht. Dazu wäre eine Pharmakokinetik-Studie nötig (Wie passiert mit den Wirkstoffen im Körper? Aufnahme, Umwandlung, Ausscheidung).

„Unreife Krebszellen, die kurz davor stehen zu reifen Krebszellen zu mutieren, werden am Wachstum gehindert und sogar abgetötet, so die Forscher.“

Wie gesagt: Im Labor…..

Das Beispiel zeigt exemplarisch, wie eine Laborstudie überinterpretiert wird, um eine Wirkung zu suggerieren.

Solche Einwände haben es allerdings schwer. Viele Menschen wollen beim Thema „Krebs“ lieber Erfolgsmeldungen hören, auch wenn sie mehr oder weniger gefaked sind.

Das lindert allemal die Angst.

Dass Benalu Tee als Antikrebstee vermarktet wird, hat bisher jedenfalls keinen realen Boden. In den neusten Fachbüchern der pflanzlichen Wirkstoffkunde ist Scurrula atropurpurea gar nicht aufgeführt (z. B. Teuscher / Melzig /Lindequist, Biogene Arzneimittel 2012; Hänsel / Sticher, Pharmakognosie, Phytopharmazie 2010).

Grosse Fortschritte wird die Forschung betreffend Benalu Tee seit 2003 also wohl nicht gemacht haben, sonst hätte die Fachliteratur das Thema aufgenommen.

Quelle der Zitate:

http://www.forschung-und-wissen.de/medizin/benalu-tee-toetet-krebszellen-ab-3572055/

In einer Propaganda-Broschüre für den Benalu-Tee wird er empfohlen gegen Krebs-Tumore, Schwellungen, Wunden, Blutungen, Geschwüre, Entzündungen, Asthma, Blasensteine, Hexenschuss, Hustenallergien und zur Kräftigung sowie Stärkung der Immunabwehr.

Wenn die Erfolgsversprechungen so umfassend werden, ist das immer ein Alarmsignal, das auf unseriöse Propaganda hindeutet.

Benalu-Tee unterbinde die Weiterentwicklung eines nach einer Chemotherapie verbleibenden Rezidivs (erneutes Krebswachstum), verspricht die Broschüre weiter. Und ein verbleibendes Rezidiv wie bei der Chemotherapie sei so gut wie ausgeschlossen!

Das sind wahnsinnig hochtrabende Versprechungen. Um auf einer seriösen Basis solche Aussagen machen zu können,  wären erfolgreiche Studien mit Patienten nötig.

Aber machen Kreisen reicht offenbar schon eine Laboruntersuchung, um einen Antikrebstee zu erfinden. Wir haben es hier meines Erachtens mit einem üblen Spiel von Fantasten oder Betrügern zu tun, die mit den Hoffnungen von Patienten fragwürdige Geschäfte machen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Brennnesseltee zur Entgiftung und Entschlackung…..

Das empfiehlt die österreichische Zeitung „Der Standard“ in einem Beitrag zur Wirkung der Frühlingskräuter, der viele Fragen aufwirft. Hier ein paar Zitate mit Kommentar von mir:

„Brennnesselblätter lindern rheumatische Schmerzen,…“

Das ist möglich, aber es braucht dazu ziemlich hohe Dosen, gemäss einer kleinen Studie 50g Brennnesselmus pro Tag oder Kapseln mit Brennnesselextrakt.

Siehe:

Brennnesselkur gegen Rheuma

Ein paar Brennesselblätter im Salat reichen also nicht.

„….regen den Stoffwechsel an,…“

Tönt gut, sagt aber nichts aus. Entscheidend im Stoffwechsel scheint, mit, dass die einzelnen Vorgänge fein aufeinander abgestimmt sind. Was muss ich mir also unter einer generellen Anregung des Stoffwechsels genau vorstellen. Werden alle Stoffwechselvorgänge aktiviert? Dann wird zum Beispiel in der Leber mehr Glykogen in Traubenzucker umgewandelt? Folglich dann aber auch mehr Insulin ausgeschüttet? Soll das gesund sein?

Regt den Stoffwechsel an – das immer dann eine gute Erklärung, wenn man keine Ahnung hat, was genau geschieht, oder ob überhaupt etwas geschieht.

„..wirken harntreibend…“

Einen milden harntreibenden Effekt scheint die Brennnessel zu haben, wobei vor allem Wasser weggeht. Sehr fraglich ist aber, ob das so generell empfohlen Sinn macht.

„….und reinigen das Blut.“

Wovon genau wird das Blut gereinigt?

„Auch Gichtschmerzen können damit gelindert werden.“

Na ja, bei (gesunden) Gänsen zeigte sich in einer Studie von 1940 eine Senkung der Blutharnsäurewerte infolge vermehrter Harnsäureausscheidung durch die Nieren. Zur Wirksamkeit bei Menschen mit Gicht fehlen meines Wissens gesicherte Erkenntnisse. Studien mit Brennnesselmus bzw. Brennnesselkapseln wurden zum Anwendungsbereich Arthrose und Arthritis gemacht.

„Für eine Kur zur allgemeinen Kräftigung, zur Entgiftung und Entschlackung des Organismus sollte drei Wochen lang dreimal täglich eine Tasse Brennnesseltee getrunken werden.“

Allgemeine Kräftigung? Alles im Körper wird unterschiedslos gekräftigt? Auch hier: Wer etwas weiss, kann konkret benennen, was gekräftigt wird. Wer nichts weiss, redet pauschal von „allgemeiner Kräftigung“.

Und selbstverständlich darf bei der Brennnessel nicht fehlen, dass sie „zur Entgiftung und Entschlackung des Organismus“ dient.

Wobei auch hier offen bleibt, welche Gifte und welche „Schlacken“ da ausgeschieden werden sollen.

Quelle der Zitate:

http://derstandard.at/1363711122225/Die-Wirkung-der-Fruehlingskraeuter

Der ganze Entschlackungs- und Entgiftungszirkus ist meiner Ansicht nach reine Fiktion. Damit will ich nichts gegen die Brennnessel gesagt haben. Sehr fragwürdig finde ich aber, wenn Wirkungen der Heilpflanzen mit solch hohlen Beschreibungen aufgeblasen werden.

Siehe dazu:

„Brennnesseltee entschlackt“ und lässt „die Kilos purzeln“

Unsinnig und irreführend: Sidroga® Wellness- und Entschlackungstee

Schlackenstoffe – ein Phantom macht Karriere

Entgiften und Entschlacken – höchst fragwürdige Versprechungen

Entschlackung – was ist das?

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Burnout-Syndrom: Adaptogene wie Ginsengwurzel, Taigawurzel, Rosenwurz

Das Burnout-Syndrom (englisch burn out = ausbrennen) wird als Zustand emotionaler Erschöpfung

mit verminderter physischer und intellektueller Leistungsfähigkeit beschrieben. Die „Internationale Klassifikation der Erkrankungen“ (ICD) beschreibt das Syndrom als „Ausgebrannt Sein“ und „Zustand der totalen Erschöpfung“.

Das Burnout-Syndrom gilt nicht als Behandlungsdiagnose, auf deren Grundlage die Entwicklung und Zulassung spezieller Arzneimittel möglich wäre.

Deshalb gibt es gegenwärtig auch keine Arzneien mit der Indikation „Burn-out-Syndrom“.

Zentral in der Behandlung ist ohnehin eine langfristig ausgelegte Änderung der Lebensführung.

Auf diesem Hintergrund kann Phytotherapie bei Burnout nur einen kleinen Beitrag leisten im Rahmen eines umfassenderen Therapiekonzepts.

Einigen Heilpflanzen und daraus hergestellten Zubereitungen werden „adaptogene“ Wirkungen zugeschrieben.

Solche „Adaptogene“ sollen die Widerstandsfähigkeit des Organismus gegenüber physikalischen, chemischen und biologischen und psychischen „Stressoren“ steigern.

Der Endokrinologe Hans Selye hat schon 1946 ein Adaptations-Modell mit den Stufen „Alarm“, „Widerstand“ und „Erschöpfung“ beschreiben.

Die Erschöpfungs-Phase entspricht weitgehend dem heutigen „Burnout-Syndrom“.

Nach Hans Selye sollten adaptogene Wirkstoffe die therapeutischen Qualitäten „unschädlich“, „unspezifisch“ und „normalisierend“ aufweisen.

Diese Ideal-Vorstellungen erfüllt bis heute noch kein einziges Mittel.

Einige Phytopharmaka kommen diesem Ideal jedoch nahe:

Ginsengwurzel

An erster Stelle ist dabei die Wurzel des Ginseng (Panax ginseng) zu erwähnen, die seit rund 2000 Jahren einen festen Platz in der traditionellen Heilkunde Ostasiens belegt. Die Kommission E formulierte im Resultat ihrer Aufbereitung das bis heute unverändert gültige Anwendungsgebiet: „Als Tonikum zur Stärkung und Kräftigung bei Müdigkeits- und Schwächegefühl, nachlassender Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit sowie in der Rekonvaleszenz”.

Taigawurzel  („Sibirische Ginseng”, Eleutherococcus senticosus),

Zu den pflanzlichen Adaptogenen gehört auch der „Sibirische Ginseng” (Eleutherococcus senticosus), ein im Norden Russlands heimischer, bis etwa 2 bis 3 m hoch werdender Strauch, der entfernt mit dem asiatischen Ginseng verwandt ist. Eleutherococcus-Wurzel ( = „Taigawurzel“) wurde in den 60iger Jahren in der damaligen Sowjetunion als Ersatzpflanze für den asiatischen Ginseng intensiv erforscht. Die mit Eleutherococcus-Extrakt durchgeführten Untersuchungen entsprechen nach Anlage und Resultaten weitgehend den mit Ginseng-Extrakt durchgeführten Studien. Deshalb empfiehlt die Monographie „Eleutherococci radix (Eleutherococcus-senticosus-Wurzel)” der Kommission E folgerichtig auch identische Anwendungsbereiche wie für Ginsengwurzel.

Rosenwurz (Rhodiola rosea)

Im letzten Jahrzehnt ist in Europa die Rosenwurz (Rhodiola rosea) zunehmend bekannter geworden. Die mehrjährige Sukkulente gehört zur Familie der Dickblattgewächse (Crassulaceae) und stammt aus dem nördlichen Polarkreis. Zubereitungen aus der Rosenwurz werden traditionell in Skandinavien und in Sibirien als Mittel zur universellen Stärkung und Erhöhung der Widerstandskraft verwendet. Ähnlich wie die Teaigawurzel soll Rosenwurz hauptsächlich stressmindernde und leistungssteigernde Eigenschaften, daneben jedoch auch antioxidative und kardioprotektive Wirkungen haben.

Quelle:

http://www.phytotherapie.co.at/105051184007801_7809_Abstracts-f2.pdf

Phytotherapie Austria 5 / 2011

Kommentar & Ergänzung:

„Adaptogene“ ist ein nicht sehr klar definierter Begriff.

So beschreibt Wikipedia die Adaptogene:

„ Adaptogen ist eine alternativmedizinische Bezeichnung für pflanzliche Zubereitungen und Drogen, die dem Organismus helfen sollen, sich an Stresssituationen anzupassen und einen positiven Effekt bei Stress-induzierten Krankheiten ausüben. Ähnliche Bezeichnungen sind Verjüngungsmittel und (im Ayurveda) Rasayana. Der Körper bzw. das Immunsystem soll an den Stress angepasst, also adaptiert werden. Der russische Forscher Nicolai Vasilevich Lazarev hat den Begriff 1958 geprägt. Adaptogene sollen völlig ungiftig und mit breiter positiver Wirkung ausgestattet sein.

Beispiele für Pflanzen, denen solche Wirkungen nachgesagt werden sind Ginseng, Morinda citrifolia (Noni), Shiitake, Reishi/Ling-Zhi, Maitake, Klapperschwamm, Mandelpilz, Schisandra, Rosenwurz, Ashwaganda, Schlafbeere, Tulsi, Jiaogulan, Maca,Kalmegh und Marihuana.“

Der Begriff „Drogen“ meint im Kontext der Phytotherapie „getrocknete Heilpflanze“ und nicht wie heute üblich „Betäubungsmittel“.

Mit dem fragwürdigen Begriff „Verjüngungsmittel“ würde ich Adaptogene nicht in Verbindung bringen. Die Wikipedia-Liste mit Beispielen für adaptogene Pflanzen ist etwas fragwürdig. Sie enthält viele Heilpflanzen, deren Profil ganz und gar nicht klar ist.

In der Phytotherapie-Fachliteratur haben meiner Einschätzung nach Ginsengwurzel, Taigawurzel und Rosenwurz am meisten „Fleisch am Knochen“.

Im Phytokodex wird die adaptogene Wirkung von Ginseng so beschrieben:

„ Adaptogene Effekte (unspezifische Erhöhung der körpereigenen Abwehr gegenüber exogenen Noxen und Stressoren physikalischer, chemischer und biologischer Natur): Ginsengextrakte zeigten im Tierversuch positive Effekte bei Einwirkung sowohl physikalischer Stressoren (Hitze, Kälte, Elektroschock) als auch chemischer Noxen (Alkohol). Die radioprotektive Wirkung konnte sowohl im Tierexperiment als auch an Patienten unter Strahlentherapie bewiesen werden, die Leuko-, Thrombo- und Erythrozytenzahl stieg signifikant, blutzellbildende Stammzellen regenerierten beschleunigt.“

Quelle: http://www.kup.at/db/phytokodex/datenblatt/Ginsengwurzel.html

Zu erwähnen ist noch, dass es bei Ginsengwurzel, Taigawurzel und Rosenwurz Produkte mit sehr unterschiedlicher Qualität gibt. Das ist aber bei Heilpflanzen-Präparaten oft der Fall. Man kann nicht einfach pauschal eine Heilpflanze wie zum Beispiel Johanniskraut empfehlen – man muss immer noch dazu sagen, welches die geeignete Anwendungsform ist – zum Beispiel Kräutertee, Pflanzentinktur, Trockenextrakt – und auch innerhalb dieser Anwendungsformen gibt es unterschiedliche Qualitäten, zum Beispiel verschiedene Verfahren zur Herstellung einer Pflanzentinktur oder eines Extraktes.

Diese Vielfalt trägt mit dazu bei, dass Phytotherapie ein spannendes Wissensgebiet ist.

Siehe auch:

Taigawurzel – Ginseng – Rosenwurz & Co. – was sind Adaptogene?

Ginseng als Adaptogen

Rosenwurz (Rhodiola rosea, Orpin rose) gegen Stress & Müdigkeit

Phytotherapie: Eleutherococcus senticosus (Taigawurzel)

Modewort Burn-out ist zu ungenau

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Klosterfrau Melissengeist & Alkoholismus

Das traditionsreiche Naturheilmittel Klosterfrau Melissengeist besteht zu 79 % aus Alkohol. Das ist bedeutend mehr als für Spirituosen zugelassen ist. Kein Wunder, wird Melissengeist oft von Menschen mit Alkoholabhängigkeit im grossen Stil konsumiert.

In einer Sendung des Deutschlandfunks zum Thema „Sucht im Alter“ sagte die Psychologin Professor Irmgard Vogt:

„Und dann gibt es bei den Frauen einen typischen Tröster, der heißt Klosterfrau Melissengeist. Das ist ein 80-prozentiger Alkohol. Das ist der Einstieg in den Alkoholismus, wird verkauft als Aufbaumittel. 80 Prozent Alkohol, das ist natürlich ein Hammer, und man braucht nicht so sehr viel, um auf diese Weise einzusteigen und dann doch im Alkoholismus zu landen.“

Quelle:

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/studiozeit-ks/1066382/

Kommentar & Ergänzung:

Als ehemaliger Drogist kann ich die Aussage von Irmgard Vogt nur bestätigen. Klosterfrau Melissengeist wird nicht wenigen Kunden überwiegend weiblichen Geschlechts regelmässig in so grossen Mengen gekauft, dass ein Alkoholproblem als Hintergrund angenommen werden muss.

Keine Spirituose würde mit einem auch nur annähernd so hohen Alkoholgehalt zum Verkauf zugelassen.

Klosterfrau Melissengeist enthält neben dem Alkohol:

Melissenblättern, Alantwurzelstock, Angelikawurzel, Ingwerwurzelstock, Gewürznelken, Galgantwurzelstock, Schwarze Pfefferfrüchte, Enzianwurzel, Muskatsamen, Pomeranzenschalen, Zimtrinde, Zimtblüten, Kardamomensamen.

Melissenblätter wirken beruhigend, entspannend und einschlaffördernd. Die restlichen Heilpflanzen wirken vor allem bei Verdauungsbeschwerden wie zum Beispiel Blähungen und  Völlegefühl.

Angepriesen wird Klosterfrau Melissengeist aber so:

„Traditionell angewendet: Innerlich: Zur Besserung des Allgemeinbefindens (bzw. zur Stärkung oder Kräftigung) bei Belastung von Nerven und Herz- Kreislauf mit innerer Unruhe und Nervosität. Zur Förderung der Schlafbereitschaft. Bei Wetterfühligkeit. Zur Besserung des Befindens bei Unwohlsein, zur Förderung der Funktion von Magen und Darm, insbesondere bei Neigung zu Völlegefühl und Blähungen. Als mild wirksames Arzneimittel zur Besserung des Befindens bei unkomplizierten Erkältungen und zur Stärkung. Äußerlich: Zur Unterstützung der Hautdurchblutung z. B. bei Muskelkater und Muskelverspannungen.“

Nachvollziehbar ist aufgrund des Melissenanteils die „innere Unruhe“, die „Nervosität“ und die „Förderung der Schlafbereitschaft“.

Bei diesen Anwendungsbereichen würde aber eine alkoholfrei Form der Melisse vorziehen (Melissentee, Melissenöl inhalativ, Melissenextrakt).

Aufgrund der anderen Heilpflanzen erscheint auch die Anwendung „zur Förderung der Funktion von Magen und Darm, insbesondere bei Neigungen zu Völlegefühl und Blähungen“ plausibel.

Die Empfehlung „Zur Besserung des Allgemeinbefinden (bzw. zur Stärkung und Kräftigung)“ ist aber völlig wischiwaschi und es braucht schon eine Portion Unverfrorenheit, einen hochprozentigen Schnaps wie den Klosterfrau Melissengeist zur Stärkung und Kräftigung zu empfehlen. Von den Heilpflanzen her lässt sich eine solche Wirkung jedenfalls nicht ableiten.

Dasselbe gilt für die Empfehlung bei „Wetterfühligkeit“ und „zur Besserung des Befindens bei unkomplizierten Erkältungen und zur Stärkung“. Auch hier dürfte ein „Schnaps“ eine ebenbürtige Wirkung haben bei tieferem Alkoholgehalt.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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