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Inhaltsstoff Spermidin aus Weizenkeimen gegen Demenz?

Der Inhaltsstoff Spermidin aus Weizenkeimen verbessert in einer Pilotstudie deutscher Neurologen das Gedächtnis von Senioren und kann so möglicherweise einer Demenzerkrankung vorbeugen.

Spermidin fördert die zelluläre Müllabfuhr und gaukelt den Zellen zudem ein Fasten vor – beides wirkt günstig auf die Gesundheit von Gehirnzellen. Die positiven Wirkungen des Spermidins sollen nun in einer weitern, längeren Studie überprüft werden.

Im menschlichen Organismus spielt Spermidin eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung von Zellprozessen und aktiviert insbesondere die Beseitigung von zellulärem Abfall mittels Autophagie.

Weil sich bei der Alzheimer-Demenz solcher „Müll“ in Form fehlgefalteter Proteine in den Hirnzellen sammelt, vermuten Wissenschaftler schon länger, dass die zelluläre Müllabfuhr dem entgegenwirken könnte.

In Tierversuchen verlängerte Spermidin die Lebensdauer von Würmern und Insekten und stoppte den altersbedingten Gedächtnisverlust bei Fruchtfliegen.

In ihrer Pilotstudie untersuchten die Forscher, wie sich aus Weizenkeimen gewonnenes und in Kapseln verabreichtes Spermidin auf Lernen und Gedächtnis von Probanden auswirkte. Das Resultat: „Wir konnten zeigen, dass sich Gedächtnisleistungen bereits nach dreimonatiger Einnahme tendenziell verbessern, bei sehr guter Verträglichkeit der Kapseln.“

Nun soll eine größere Studie diese Resultate überprüfen und vertiefen. Dabei untersuchen die Wissenschaftler die Wirkung einer zwölfmonatigen Gabe von natürlichem Spermidin aus Weizenkeimen auf Lernen und Gedächtnis sowie auf die Struktur des Gehirns. An dieser „Smart Age“-Studie beteiligen sich ältere, noch gesunde Personen, deren Gedächtnis sich nach eigener Einschätzung verschlechtert hat.

Zwar lässt sich eine Demenz nicht einfach durch Nahrungsergänzungsmittel wegessen oder eine vorbeugende Pille dagegen schlucken. Nahrungsergänzungsmittel ersetzen nie eine ausgewogene Ernährung. Eine gesunde Ernährung kann jedoch zur Prävention beitragen.

So wirkt es sich günstig aus, viel Obst, Gemüse und ungesättigte Fettsäuren zu sich zu nehmen und beim Zucker zu sparen. Und es spielt eine Rolle, wie viel man isst: In Studien führte eine Kalorieneinschränkung, insbesondere der Reiz des Fastens, zu besseren Gedächtnisleistungen.

Damit lässt sich möglicherweise die Wirkung des Spermidins erklären, denn dieses zählt zu den sogenannten Kalorienreduktions-Mimetika. Dabei handelt es sich um Substanzen, die Effekte des Fastens immitieren. Der Organismus produziert diese Substanzen beim Abnehmen, man kann sie jedoch auch mit der Nahrung aufnehmen. Auch einige weitere Vertreter dieser Kalorienreduktiions-Mimetika könnten möglicherweise vorbeugend gegen Demenz wirken, darunter eine Substanz aus Grüntee (Epigallocatechingallat, EGCG) und das in roten Trauben enthaltene Resveratrol.

Für Resveratrol konnten positive Effekte auf die Gedächtnisleistung und auf die Durchblutung des Gehirns nachgewiesen werden berichtet.

Sehr viel eindeutiger und einfacher sind jedoch Präventions-Maßnahmen, die jeder Mensch in seinem Alltag berücksichtigen kann: Ausreichend Bewegung, ein aktives soziales Leben und die Vermeidung von Diabetes, Bluthochdruck und Übergewicht können helfen, das Risiko für eine Demenz zu reduzieren.

Quelle:

http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-21916-2017-09-21.html

Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V., 21.09.2017 – NPO)

Kommentar & Ergänzung:

Ein sicheres, unschädliches Mittel zur Vorbeugung von Demenz – wer möchte das nicht haben?

Diese Forschungen zum Weizenkeim-Inhaltsstoff Spermidin sind interessant, doch bleibt festzuhalten, dass Laborexperimente und eine kleine Pilotstudie noch keine Wirksamkeit beim Menschen belegen können. Das gilt auch für EGCG aus Grüntee und Resveratrol aus den roten Trauben.

In der Phytotherapie wird Ginkgo-Extrakt eingesetzt zur Verbesserung von Gehirnfunktionen und Gedächtnisleistung. Eine ganze Reihe von Untersuchungen deutet auf solche Wirkungen hin. Eine vorbeugende Wirkung gegen Demenz konnte bisher nicht belegt werden, günstige Effekte im Frühstadium von Demenz aber schon.

„Besonderes bei milden Demenzformen werden das Lernvermögen sowie die Gedächstnisleistung verbessert……..Bei Alzheimer-Patienten wurde für eine Tagesdosis von 240mg Extrakt ein positiver Einfluss auf den Parameter ‚Aktivitäten des täglichen Lebens’ nachgewiesen. Darüber hinaus gibt es Hinweise auf einen Nutzen bei der Verbesserung der kognitiven Leistungsfähigkeit und hinsichtlich des klinischen Gesamteindrucks.“

(Quelle: Biogene Arzneimittel)

„Die Wirksamkeit ist in Einzelstudien und Metaanalysen für die symptomatische Behandlung von Alzheimer und vaskulärer Demenz belegt.“

(Quelle: Teedrogen und Phytopharmaka)

Der Beitrag im Fachmagazin „scinexx“ weißt aber sehr zurecht darau hin, dass die wichtigsten Massnahmen zur Vorbeugung von Demenz (soweit das möglich ist), im nichtmedikamentösen Bereich liegen:

„Ausreichend Bewegung, ein aktives soziales Leben und die Vermeidung von Diabetes, Bluthochdruck und Übergewicht können helfen, das Risiko für eine Demenz zu reduzieren.“

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

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www.phytotherapie-seminare.ch

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Schüssler-Salze gegen Warzen?

Ich bin immer wieder verblüfft über die Unverfrorenheit, mit der irgendwelche Behauptungen über fragwürdige Heilwirkungen herumgeboten werden.

Noch mehr verblüfft mich aber, wie selten solche Behauptungen in Frage gestellt werden.

Jetzt bin ich gerade über eine Aussage in der Drogistenzeitung „D-inside“ gestossen, die sich mit der Behandlung von Warzen befasst (Ausgabe April 2017).

Naturheilkundlich lasse sich eine Warze mit Schüssler-Salz Nr. 4 zur Bindung des Papillomavirus behandeln sowie mit Schüssler-Salz Nr. 10, das die Virenausscheidung verbessere, schreibt die Autorin unter Bezugnahme auf Aussagen einer Naturheilpraktikerin.

Was wird hier genau versprochen:

Schüssler-Salz Nr. 4 soll also das Papillomavirus binden, das für die Entstehung von Warzen verantwortlich ist. Eine steile Behauptung. Eine solche Wirkung kann man nicht einfach von aussen beobachten.

Um eine solche Wirkung festzustellen, braucht es deshalb ein Experiment zumindestens im Reagenzglas, wobei dann allerdings noch nicht klar wäre, ob der Vorgang auch in einer veritablen Warze funktionieren würde.

Nun sind aber bisher keinerlei derartige Studien bekannt geworden.

Gibt es womöglich eine geheime Studie? Das wäre sehr komisch, denn das Ergebnis wäre sensationell und würde den Umsatz vervielfachen. Zudem ist kaum vorstellbar, dass die Wirkung sich auf Papillomaviren beschränken würde. Schüssler-Salz Nr. 4 wäre dann die Lösung für unzählige gefährliche Virenkrankheiten und der Entdecker dieses Wundermittels ein heisser Kandidat für den Nobelpreis in Medizin.

Da liegt es schon sehr nahe, dass die Studie eben darum geheim bleibt, weil es sie gar nicht gibt.

Schüssler-Salz Nr. 4 enthält 1 g Kaliumchlorid auf 1000 kg Milchzucker.

Kaliumchlorid ist als Geschmacksverstärker unter der Bezeichnung E 508 im Handel. Wollen wir wetten, dass der grösste Teil der Schüssler-Salz Nr. 4-Konsumenten im Laden einen weiten Bogen macht um all die teuflischen E-Nummern? E 508 und damit auch Kaliumchlorid ist enthalten in Fertiggerichten, Würzmitteln und diätetischen Lebensmitteln – viel billiger und auch in grösseren Mengen als im Schüssler-Salz Nr. 4.

Die Apothekerin Susana Niedan-Feichtinger von der Firma Adler Pharma, einer Herstellerin von Schüsslersalzen, schreibt in der Österreichischen Apothekerzeitung (Nr. 24 /2010, S. 1419):

„Alle Mineralwasser-Konsumenten nehmen pro Tag mehr Mineralstoffe auf, als es über Schüßler Salze überhaupt möglich wäre…..“

Das gilt genauso für Trinkwasser-Konsumenten.

So: Und dieses Schüssler-Salz Nr. 4, das 1 g Kaliumchlorid pro 1000 kg Schüssler-Salz enthält, soll in der Warze die Papillomaviren binden? Wie genau muss ich mir das vorstellen?

Zudem soll Schüssler-Salz Nr. 10 noch die Virenausscheidung verbessern. Wie werden denn Viren überhaupt ausgeschieden? Ich habe bisher eigentlich gedacht, dass Viren von Fresszellen des Immunsystems vertilgt werden.

Auch die verbesserte Virenausscheidung kann man nicht sehen und damit eine solche Aussage gemacht werden kann, müssten Daten aus einem Experiment oder einer Studie vorliegen. Das wäre auch in diesem Fall Nobelpreis-würdig, wenn es dazu Belege geben würde……

Schüssler-Salz Nr. 10 enthält 1 g Natriumsulfat (Glaubersalz) auf 1000 kg Milchzucker.

Natriumsulfat ist als Lebensmittelzusatzstoff Nummer E 514 ohne Höchstmengenbeschränkung für Lebensmittel allgemein zugelassen.

Es dient als Festigungsmittel, Säureregulator und Trägersubstanz.

Und auch hier führen wir Natriumionen und Sulfationen mit dem Trinkwasser in viel grösseren Mengen zu, als dies mit Schüssler-Salz Nr. 10 je möglich wäre:

„Grundwässer in sulfatarmen Gesteinen enthalten üblicherweise bis ca. 30 mg/l Sulfat…. Wesentlich höhere Gehalte (bis mehrere 100 mg/l) sind jedoch für Wässer aus sulfathaltigen Gesteinen typisch.“

Quelle:

http://www.umwelt.niedersachsen.de/grundwasser/grundwasserbericht/grundwasserbeschaffenheit/gueteparameter/grundprogramm/sulfat/sulfat-137612.html

Ein Liter Trinkwasser enthält also zwischen 30 mg und mehreren 100 mg Sulfat. Eine Tablette Schüssler-Salz enthält 0.25 Millionstelgramm Natriumsulfat (Quelle: Pharmawiki).

http://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Die_Schuessler_Luege

In Dosen von 10 – 30 Gramm wird Glaubersalz als Abführmittel bei Verstopfung und zur Darmentleerung vor Fastenkuren eingesetzt.

Und nun zurück zu den Warzen. Die Aussagen in der Drogistenzeitung bezüglich Virenbindung und Virenausscheidung durch Schüssler-Salze Nr. 4 und 10 sind völlig faktenfrei. Warzen sind aber in der Regel selbstlimitierend – sie heilen nach einer gewissen Zeit auch ohne Behandlung – und sie reagieren häufig sehr gut auf Suggestion bzw. Placebo.

Es wird daher während der Behandlung mit diesen Schüssler-Salzen in einer respektablen Zahl der Fälle zu einem Verschwinden der Warze kommen. Und dann kann man ja durchaus den Schluss ziehen, dass es keine Rolle spielt, ob der Effekt durch Suggestion oder durch eine spezifische Wirkung der Schüssler-Salze zustande kommt.

Verwerflich und störend finde ich nur die völlig aus der Luft gegriffenen Behauptungen spezifischer Wirkungen wie „Virenbindung“ und „Virenausscheidung“, die man eigentlich nur als Bullshit bezeichnen kann.

In der Pflanzenheilkunde wird gegen Warzen gerne der Schöllkrautsaft verwendet.

Siehe dazu:

Hilft Schöllkraut gegen Warzen?

Schöllkraut enthält im Milchsaft eiweissspaltende Enzyme sowie die Alkaloide Berberin und Sanguinarin, die mit der DNA reagieren und deshalb zelltoxisch und antiviral wirken. Dadurch könnte eventuell (!) eine Wirkung gegen Warzen erklärt werden, wenn der Schöllkrautsaft 2 mal täglich auf die Warze aufgetragen wird. Da diese Wirkungen aber nur im Labor belegt sind, lässt sich daraus keine sichere Aussage über eine Wirksamkeit an konkreten Warzen lebender Menschen machen.

Wenn eine Warze nach der Anwendung von Schöllkrautsaft verschwindet, kann ich daher nie mit Sicherheit wissen, ob dieser Effekt durch eine spezifische Wirkung der Schöllkraut-Inhaltsstoffe erfolgt ist, durch Suggestion oder durch ein zufälliges Zusammenfallen der Behandlung mit dem Zeitpunkt, an dem die Warze sowieso verschwunden wäre.

Für den Warzenträger oder die Warzenträgerin spielt das in diesem Fall keine wesentliche Rolle. Es ist aber meines Erachtens eine Frage der Wahrhaftigkeit, die Ungewissheit über den eigentlichen Wirkfaktor anzuerkennen und sich nicht im Brustton der Überzeugung mit leeren, aber eindrücklich klingenden Behauptungen zu schmücken – zum Beispiel betreffend Virenbindung und Virenausscheidung.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Alternativmedizin: Es gibt keine Krebsdiät…..

In der Alternativmedizin geistern immer wieder Empfehlungen für Krebsdiäten herum. Oft geht es dabei um die Vorstellung, dass man den Tumor aushungern könne, zum Beispiel mit der Breuss-Kur. Ich kann sehr gut verstehen, dass Krebspatienten in solche Empfehlungen Hoffnung setzen. Man kann aber nicht genug davor warnen, bei einer Krebserkrankung auf diesen Irrweg zu setzen. Es gibt gut dokumentierte Fälle, in denen Krebskranke das mit dem Leben bezahlt haben.

Auf n-tv-online hat sich dazu gerade Susanne Weg-Remers geäussert, die Leiterin des zum Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) gehörenden Krebsinformationsdienstes in Heidelberg. Die Vorstellung, man könne einen Tumor durch Fasten oder kohlenhydratfreie Nahrung „aushungern“, sei naiv, erklärt die Expertin. Auch die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) rät Krebskranken von einer kohlenhydratarmen oder -freien Ernährung ab. Bisher habe für keine Diät überzeugend gezeigt werden können, „dass sie Krebserkrankungen aufhalten und die Überlebenszeit verlängern könnte“. Eine strenge Krebsdiät könne sogar den oft ohnehin schlechten Ernährungszustand von Patienten verschlimmern, warnt die DKG.

Quelle:

http://www.n-tv.de/wissen/Was-taugen-alternative-Krebstherapien-article18352941.html

 

Kommentar & Ergänzung:

Leider gibt es eine grosse Zahl von alternativmedizinischen „Heilern“, die derart riskante „Therapien“ anbieten, und damit die Hoffnungen und Ängste von Krebskranken ausnutzen. Nur in wenigen Fällen dürfte dahinter eine bewusste Betrugsstrategie stecken. Die meisten dieser „Heiler“ sind voll und ganz von ihrem Angebot überzeugt. Sie sind nur völlig unkritisch ihren eigenen Methoden gegenüber und ziehen aus der Heilerpose einen immateriellen Gewinn in Form von Bewunderung, Verehrung und Dankbarkeit. Das ist nicht selten ein „Guru-Phänomen“ und jedenfalls ein übles Spiel mit den Hoffnungen und Ängsten von Krebskranken – und zudem eine Form von emotionaler Ausbeutung. Ein Spiel übrigens, wie es auch Populisten wie der egomanische Hochstapler Donald Trump und der notorische Lügenbold Boris Johnson betreiben, indem sie präzis das erzählen, was die Leute emotional hören wollen und brauchen. Wir sollten sehr viel kritischer werden, was grossartige Versprechungen angeht. Überall.

Siehe auch:

Breusskur gegen Krebs

Neues Info-Portal zum Thema Ernährung und Krebs

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Alternativmedizin bei Rheuma kommentiert

Eine Pressemeldung zum 43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) kommentiert die Möglichkeiten und Grenzen der Alternativmedizin bei Rheuma und kommt zum Schluss, die Wirksamkeit mehrerer komplementärer Methoden sei inzwischen wissenschaftlich belegt. Im Text wird jedoch für eine kritische Gewichtung plädiert, da es auch einige «schwarze Schafe» auf dem Markt gebe.

Eine Fastendauer von sieben bis zehn Tagen einmal pro Jahr unterstütze nachweislich die medikamentöse Therapie entzündlicher Prozesse, sagt Professor Dr. Andreas Michalsen. Er arbeitet als Chefarzt der Abteilung für Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus in Berlin und wendet derzeit vor allem eine Fastentherapie bei rheumatoider Arthritis an.
Schmerzlindernd wirken gemäss Michalsen auch die Kneipp’sche Hydrotherapie sowie Stressreduktion, Entspannungsübungen und Achtsamkeitsübungen. Allein, dass Betroffene sich mit ihrem Körper beschäftigen, führe oft zu einem gesünderen Lebensstil, sagt der Internist.

Die Homöopathie bewertet Michalsen wegen mangelnder Evidenz eher zurückhaltend. Er hält dazu fest, dass im Einzelfall der Placebo-Effekt die Schmerzen lindern könne und dass zumindest Nebenwirkungen in der Regel nicht zu befürchten seien.

Kritisch sieht der Fachmann in dieser Hinsicht – bezüglich Nebenwirkungen – den Einsatz verschiedener asiatischer Kräuter. Auch sei die Qualität von Arzneipflanzen aus Asien nicht immer gesichert.

Pflanzliche Mittel wie Ingwer, Grüner Tee, Granatapfel, Walnüssen oder Leinsamen zeigen laut Michalsen in Grundlagenstudien zwar entzündungshemmende Effekte. Er kommt aber zum Schluss, dass die Wirksamkeit dieser Mittel bei rheumatoider Arthritis bisher jedoch nicht belegt werden konnte.

Milde Effekte hätten sich gezeigt bei Borretschöl, Nachtkerzenöl und Katzenkralle. Die Nebenwirkungen dieser Mittel im Langzeitgebrauch seien aber noch nicht geprüft.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=59151

Kommentar & Ergänzung:

Dass Fasten temporär Entzündungsprozesse abschwächen kann, scheint mir gut belegt.

Und auch mit Hydrotherapie lassen sich manchmal Schmerzen und Entzündungen lindern, wobei die Massnahmen individuell und stadiengerecht angepasst sein müssen.

Stressreduktion, Entspannungsübungen und Achtsamkeitsübungen wirken zwar nicht direkt gegen die rheumatoide Arthritis, helfen den Patientinnen und Patienten aber oft in anspruchsvollen Umgang mit ihrer chronischen Erkrankung. Und das ist nicht wenig.

Asiatische Kräuter sind tatsächlich oft nur ungenügend auf mögliche Nebenwirkungen untersucht. Das fällt bei Thema Rheuma speziell ins Gewicht, weil in der Regel Langzeitanwendungen nötig sind. Und vor allem bei asiatischen Pflanzenpräparaten, die über das Internet bezogen werden. wurden bei Stichproben immer wieder nichtdeklarierte „chemische“ Arzneistoffe entdeckt (z. B. NSAR), die risikobehaftet sind.

Bei Ingwer, Grünem Tee, Granatapfel, Walnüssen und Leinsamen gibt es Hinweise auf günstige Wirkungen bei rheumatoider Arthritis, aber keine Gewissheit. Es fehlen grosse, einwandfreie Studien mit Patienten, die eine Wirksamkeit belegen könnten.

Bei Borretschsamenöl und Nachtkerzenöl bin ich eher skeptisch, ob das Anwendungsgebiet „rheumatoide Arthritis“ sinnvoll ist. Die Phytotherapie-Fachliteratur erwähnt bei Nachtkerzenöl und Borretschsamenöl als Anwendungsbereich Neurodermitis (Atopische Dermatitis), insbesondere zur Juckreizlinderung. Zu dieser Indikation gibt es einige Studien mit positiven Ergebnissen, deren Aussagekraft allerdings auch kritisiert wird und die überwiegend sehr Hersteller-abhängig sind. gäbe es belastbare Daten aus klinischen Studien für den Anwendungsbereich rheumatoide Arthritis, würde die relevante Phytotherapie-Fachliteratur diesen Anwendungsbereich aufführen. Nachtkerzenöl und Borretschsamenöl sind zudem nicht gerade billig und müssten sehr langfristig eingenommen werden. Eine allfällige Wirkung tritt erst nach 4 – 12 Wochen ein und ist schwierig zu beurteilen, da in der Regel die Gabe von Borretschsamenöl oder Nachtkerzenöl nicht die einzige therapeutische Massnahme ist.

Katzenkralle

Bei der Katzenkralle (Uncaria tomentosa) ist die Lage komplex. Inhaltsstoffe der Katzenkrallenwurzel zeigen im Experiment Wirkungen auf das Immunsystem. Sie nehmen direkt auf die T-Lymphozyten Einfluss, die bei rheumatoider Arthritis die Knorpelzellen in den Gelenken angreifen. Diese überaktiven Abwehrzellen werden beruhigt, während gleichzeitig die Bildung von harmlosen Abwehrzellen angeregt wird.
Verantwortlich für diese Effekte sind pentazyklische Oxindolalkaloide. Diese Wirkungen werden dosisabhängig durch tetrazyklische Oxindolalkaloide abgeschwächt.
Darum müssen Präparate aus Katzenkralle einen standardisierten Gehalt an pentazyklischen Oxindolalkaloiden aufweisen und frei sein von tetrazyklischen Oxindolalkaloiden. Das ist bei vielen Nahrungsergänzungsmitteln aus Katzenkralle, die im Handel sind und vor allem über das Internet vermarktet werden, keineswegs garantiert. Als Arzneimittel zugelassen ist ein standardisiertes Katzenkrallen-Präparat gegenwärtig aber nur in Österreich und untersteht dort der Rezeptpflicht.
Von Teezubereitungen aus Katzenkralle ist aufgrund des aus genetischen Gründen schwankenden Alkaloidgehalts dringend abzuraten.

Genetisch bedingt bilden nämlich nicht alle Pflanzen der Art Uncaria tomentosa die für die Wirksamkeit relevanten pentazyklischen Oxindolalkaloide. Es existieren Chemotypen die andere Inhaltsstoffe, überwiegend tetrazyklische Oxindolalkaloide, bilden.

Das in Österreich als Arzneimittel zugelassene Katzenkrallen-Präparat ist offenbar an der Uniklinik Innsbruck in einer kleinen Studie an Patienten untersucht worden, die darüber hinaus mit einer antirheumatischen Basistherapie behandelt wurden:

„Die Studie wurde drei Jahre lang an 40 Patienten mit einem Durchschnittsalter von 50 Jahren durchgeführt. Die Personen hatten bereits etwa sieben Jahre an der »aktiven chronischen Polyarthritis« gelitten. Durch diese Erkrankung kommt es zu einer schmerzhaften Schwellung mehrerer Gelenke. 20 Patienten wurden im Zuge der klinischen Untersuchung 24 Wochen lang mit Placebos behandelt, die andere Hälfte mit dem Verum. Während sich bei diesen bereits eine Besserung der Beschwerden einstellte, verspürte die erste Gruppe keine positiven Effekte, wie Muhr erläuterte. Anschließend erhielten alle Patienten für die Dauer von sieben Monaten die südamerikanische Heilpflanze Krallendorn – Uncaria tomentosa. Die Zahl der geschwollenen Gelenke sowie die Morgensteifigkeit habe dadurch bei allen Betroffenen nachweislich abgenommen.
Im Gegensatz zu den verbreiteten Rheumatherapien gibt es bei der Einnahme von Krallendorn kaum Nebenwirkungen. Der Wirkstoff nimmt direkt auf die T-Lymphozyten Einfluss, die bei Rheumatismus die Knorpelzellen in den Gelenken angreifen. Diese überaktiven Abwehrzellen werden beruhigt, gleichzeitig wird die Bildung von harmlosen Abwehrzellen angeregt.“
Quelle:

http://web.archive.org/web/20070928015611/http://www.oeaz.at/zeitung/3aktuell/2003/01/info/info01_2003tiro.html

Diese placebokontrolliert geführte Studie wurde Original publiziert im Journal of Rheumatology (2002;29:678 – 681). Ihre Aussagekraft ist sehr eingeschränkt durch die kleine Probandenzahl. Darüber hinaus gibt es eine Anwendungsbeobachtung mit 112 Patienten, der aber die Placebokontrolle fehlt. Ein klinischer Wirkungseintritt bei der rheumatoiden Arthritis kann erst nach 3-4 Monaten erwartet werden. Eine kürzere Einnahmedauer von Krallendorn ist daher nicht sinnvoll.
Zentrale Werke der Phytotherapie-Fachliteratur zeigen sich von diesen klinischen Studien allerdings nicht sehr überzeugt und bewerten ihre Aussagekraft kritisch (z. B. Schilcher, Leitfaden Phytotherapie; Wyk / Wink / Wink, Handbuch der Arzneipflanzen).

Damit dürfte deutlich geworden sein, wie komplex die Geschichte mit der Katzenkralle ist.

Mir fehlt in der Pressemeldung ein Kommentar zum Thema „Weihrauch bei rheumatoider Arthritis“. Da gibt es ebenfalls einige Patientenstudien, die auf eine Wirksamkeit hinweisen, aber auch keine Gewissheit verschaffen.

Begriff klären: Alternativmedizin, Komplementärmedizin, Naturheilkunde

Darüber hinaus bietet die Pressemeldung eine Illustration dafür, wie vage und unklar Begriffe wie Alternativmedizin, Komplementärmedizin und Naturheilkunde oft verwendet werden.
Prof. Andreas Michalsen ist Chefarzt einer Abteilung für Naturheilkunde.
Klassische Naturheilkunde lässt sich etwa umreissen mit den 5 Säulen nach Kneipp:

Ernährung
Heilpflanzen-Anwendungen
Hydrotherapie
Bewegung, Luft, Licht
Lebensordnung

Das von Michalsen erwähnte Fasten gehört zweifellos zur Naturheilkunde.
Ebenso Achtsamkeitsübungen, Entspannungsübungen und Stressreduktion, die samt und sonders zur Lebensordnung gezählt werden können. Und dass die aufgeführten pflanzlichen Präparate zur Naturheilkunde gehören, steht ausser Frage.
Aufgeführt werden die erwähnten Verfahren aber unter den Begriffen Alternativmedizin und Komplementärmedizin, die ihrerseits auch nicht differenziert werden.

Meiner Ansicht nach gibt es aber keine plausiblen Argumente, um Verfahren der Naturheilkunde zu den Bereichen Alternativmedizin oder Komplementärmedizin zu zählen. Naturheilkunde ist meines Erachtens klar ein (randständiger) Bereich der Medizin. Alle „Säulen“ der Naturheilkunde sind grundsätzlich kompatibel mit wissenschaftlich-medizinischem Denken.

Siehe auch:
Naturheilkunde – was ist das?
Demgegenüber gehört Homöopathie nicht zur Naturheilkunde. Sie setzt keine „Wirkfaktoren“ aus der Natur ein, sondern – glaubt man Hahnemann – eine „geistartige Kraft“, die nicht in der Natur vorkommt und durch ein spezielles Ritual – schrittweise Verdünnung, Verschüttelung – ausgelöst wird. Und da Homöopathie den Grundlagen von Physik, Chemie und Biologie widerspricht und daher mit wissenschaftlich-medizinischem Denken nicht kompatibel ist, gehört sie in die Bereiche Komplementärmedizin oder Alternativmedizin – je nach dem, wie Alternativmedizin und Komplementärmedizin definiert werden und welche Vorstellungen von Homöopathie man vertritt.

Wenn Begriffe wie Naturheilkunde, Komplementärmedizin und Alternativmedizin ungeklärt und ohne klare Definition wild durcheinander gemixt verwendet werden, dann redet man aneinander vorbei, weil jede und jeder sich etwas anderes darunter vorstellt.

Darum bin ich immer vorsichtiger geworden mit ihrer Verwendung.
Das gibt auch für den unsäglichen Begriff „Schulmedizin“.

Siehe dazu:
Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck

Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
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Fasten zur Entschlackung?

Das Magazin „Focus“ publizierte zusammen mit dem Ernährungsexperten Thomas Ellrott einen Beitrag zum Thema „50 Mythen über unser Essen, die einfach nicht stimmen“.

Als Mythos Nr. 19 führt „Focus“ auf: „Fasten entschlackt“ – und schreibt dazu:

„Unser Körper scheidet permanent unverwertbare Stoffwechselprodukte über Haut, Nieren, Darm und Lunge aus. Per Fastenkur kommt nicht mehr heraus als normal. Ausnahme: In unseren Fettdepots sind auch fettlösliche Umweltgifte eingelagert. Radikales Fasten kann sie herauslösen. Die Abbauprodukte verteilen sich im Körper und belasten den Stoffwechsel. Gerade stark übergewichtige Menschen sollten – wenn überhaupt – nur unter ärztlicher Aufsicht an eine radikale Fastenkur herangehen. Während der Stillzeit ist Fasten absolut tabu!“

Quelle:

http://www.focus.de/gesundheit/ernaehrung/gesundessen/titel-50-mythen-ueber-unser-essen-die-einfach-nicht-stimmen_id_4018331.html

Kommentar & Ergänzung:

Schön, wenn wieder mal jemand sagt, dass Fasten nicht zur Entschlackung taugt.

Schon der Begriff „Entschlackung“ ist fragwürdig.

Siehe dazu:

Entschlackung – was ist das?

Entschlackung – unnötig und ungesund

Entschlackung – illusionäre Hoffnung auf Gewichtsreduktion 

Fastenmythen – entschlacken durch Fasten 

Fasten & entschlacken  

„Schlackenstoffe“ – ein Phantom macht Karriere 

Entgiften und entschlacken – höchst fragwürdige Versprechungen 

Wenn mir jemand sagt, dass er oder sie beim Fasten wertvolle Erfahrungen im Umgang mit Nahrung macht, dann habe ich dagegen nichts einzuwenden.

Infrage stellen würde ich aber mit Nachdruck, dass Fasten eine sinnvolle Methode zur Gewichtsreduktion ist, und dass Fasten zur Entschlackung führt.

Diese windigen Geschichten müssten meines Erachtens endlich einmal entsorgt werden.

 

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Detox-Rezepturen & Entgiftungsmittel meiden

Das Magazin „Focus“ präsentiert 50 Regeln des amerikanischen Krebsarztes David Agus für ein langes und gesundes Leben. In Regel 41 wendet sich Agus gegen Detox-Kuren und Entgiftungsmittel:

„Ihr Körper versteht es, dank Nieren, Leber, Schweißdrüsen, Lunge und Verdauungssystem hervorragend zu entgiften. Detox-Rezepturen und andere Entgiftungsmittel braucht er dafür sicher nicht. Diese Mittel sind Unsinn, manche von ihnen sogar gefährlich. Reinigen sollten wir nur unsere Haut, Haare, Zähne – und gelegentlich wohl auch unsere Garagen.“

Quelle:

http://www.focus.de/gesundheit/gesundleben/antiaging/50-regeln-fuer-ein-laengeres-leben-was-sie-vermeiden-sollten_id_3763476.html

Kommentar & Ergänzung:

Dem ist meines Erachtens nur beizupflichten. Der ganze Detox-Kult ist ausgesprochen fragwürdig. Lustig ist allerdings, dass „Focus“ auf der Website unmittelbar unter diesem Abschnitt themenverwandte Beiträge einblendet. Und was steht da?

„Detox – Reinigung von Körper und Seele: Legen Sie für Ihr körperliches und seelisches Wohlbefinden den Hebel um und schalten Sie auf Detox! In unserem handlichen PDF finden Sie Tipps für Entgiftungskuren und alles Wichtige rund ums Fasten. Klicken Sie HIER für mehr Informationen und den Download.“

Was stimmt denn nun, liebe Focus-Redaktion? Anything goes? So oder so, das ist egal – Hauptsache, wir haben darüber geschrieben?

Der Download der angepriesenen Tipps über Entgiftungskuren kostet übrigens eine Kleinigkeit…..

Hier finden Sie ein paar Gratisinformationen über Detox, Entgiftung, Entschlackung etc.:

Michèle Binswanger im Tagesanzeiger über Entgiftung und Detox für Deppen

Entgiftungsdiäten / Detox-Diäten: Bodenlose Versprechungen

Darmreinigung: Mehr Schaden als Nutzen durch Entgiftungskur

Darmreinigung ist überflüssig bis gefährlich

Fasten & Entschlacken

Entgiften und entschlacken — höchst fragwürdige Versprechungen

Entschlackung – was ist das?

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Die Vermarktung der Hildegard von Bingen

Die österreichische Zeitung „Der Standard“ publizierte vor kurzem einen Beitrag zum Thema „Das grosse Geschäft mit Hildegard von Bingen“.

Der Historiker Peter Dinzelbacher vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien stellt darin einleitend fest, dass die Benediktinerin wohl mit dem heiligen Zorn der Prophetin reagieren würde, könnte sie heute ihre Vermarktung kommentieren.

In der Alternativmedizin werde gut und gerne mit dem Namen Hildegard von Bingen geworben, was nicht selten die Bezeichnung „Etikettenschwindel“ verdiene, schreibt „Der Standard“.

Kaum eine historische Persönlichkeit habe eine derartige Kommerzialisierung und Instrumentalisierung erfahren wie die Nonne und Äbtissin Hildegard von Bingen.

Zahllose Kräutermischungen, Liköre, Nahrungsmittel, Tinkturen, Elixiere, Öle, Kosmetika, Edelsteine, Kochbücher, Gesundheitsratgeber und sogar Schulen, Hotels und Wellnesstempel tragen ihren Namen.

Ein genauer Blick auf die angepriesenen Produkte lasse mitunter allerdings gewisse Diskrepanzen zutage treten, stellt „Der Standard“ fest. So werde gegenwärtig ein „Aronia-Saftgetränk in der Tradition der Hildegard von Bingen“ angepriesen, obwohl diese Beerenart im 12. Jahrhundert – zu Lebzeiten der Kirchenheiligen – in Deutschland noch völlig unbekannt war. Die Formulierung „in der Tradition von“ im Produktnamen lasse jede Menge Interpretationsspielraum offen. Ähnlich verhalte es sich mit Likören, die mit dem Signet der „Posaune Gottes“ – wie sich Hildegard von Bingen selbst nannte – versehen werden: Das habe überhaupt nichts mit Hildegard von Bingen zu tun, erklärt Johannes Mayer, Leiter der Forschergruppe Klostermedizin in Würzburg, in dem Beitrag.

Keine Hildegard-Fastenmethode überliefert

Auch beim Heilfasten sei es um die Seriosität der beworbenen Hildegard-Kuren schlecht bestellt. In den Schriften von Hildegard setze sich lediglich ein Satz mit diesem Thema auseinander, der frei übersetzt laute: ‚Das Fasten sollst du nicht übertreiben‘. Das sei alles, sagt Medizinhistoriker Mayer. Nach Ansicht des Experten handelt es sich bei den Hildegard-Diäten um einen „kleinen Etikettenschwindel“. Das Prinzip sei denkbar einfach: Es werde eine Heilfastenmethode – etwa jene nach Buchinger – genommen und das wenige, was in dieser Fasten-Zeit gegessen werde, mit Pflanzen angereichert, die Hildegard von Bingen speziell empfohlen hat.

Eine spezielle Fastenmethode nach Hildegard von Bingen gebe es aber definitiv nicht.

Edelsteintherapie nach Hildegard?

Ein breites Geschäftsfeld stelle die nach der Nonne benannte Edelsteintherapie dar, schreibt „Der Standard“. In ihren kirchenmedizinischen Traktaten liste die „Prophetin“ neben 290 Pflanzen immerhin auch 25 Mineralien und acht Metalle auf.

Gemäss den Empfehlungen der Verkäufer sollen die angeblich gesundheitsfördernden Steine entweder als Amulett am Körper getragen, als Elixier getrunken oder in pulverisierter Form unter das Essen gemischt werden – und so gegen Nervosität oder Unruhe wirken und die Entgiftung des Körpers fördern. Die Therapie entbehre jeder rationalen Grundlage. Oral eingenommene Edelsteinpulver würden einfach wieder ausgeschieden – ohne irgendeinen Effekt, sagt dazu der klinische Psychologe Colin Goldner.

Auch Johannes Mayer von der Forschergruppe Klostermedizin steht dieser Methode skeptisch gegenüber: Was Hildegard von Bingen da betrieben habe, sei sozusagen ‚weiße Magie‘, die naturwissenschaftlich natürlich nicht nachweisbar sei. Er sehe das in gewisser Weise als Spiel.

Symbolische Naturinterpretation

Im Beitrag des „Standard“ wird im weiteren ein wichtiger Punkt erwähnt: Von Laien häufig nicht mitgedacht werde, dass die beiden kirchenmedizinischen Hauptwerke „Physica“ und „Causae et Curae“ (Krankheitsgründe und Heilmittel), deren Entstehung Historiker auf 1158 datieren, nicht von einem naturwissenschaftlich Weltbild geprägt sind, sondern von einer symbolische Naturinterpretation, die sich auf einen göttlichen Heilplan beruft. Pflanzen, Steine und Metalle besitzen in diesem Weltbild nicht per se eine heilende Wirkung, sondern entfalten diese ausschließlich durch die ihnen innewohnende göttliche Kraft.

Hildegard-Medizin ist eher Hertzka-Medizin

Die massenhafte Vermarktung von „Hildegard-Produkten“ lasse sich auf den österreichischen Arzt Gottfried Hertzka zurückführen, der von dem visionären Ursprung der Schriften der Kirchenheiligen überzeugt war. Gemeinsam mit dem Apotheker Max Breindl entwickelte Hertzka in den 60er-Jahren entsprechende Rezepturen, die er ab 1970 unter der Bezeichnung „Hildegard-Medizin“ propagierte.

Es gebe zwar Produkte, die stimmig seien, insgesamt seien das aber nur wenige, lautet die Schlussfolgerung von Johannes Mayer. Dazu zähle etwa die Ringelblumensalbe, die tatsächlich eine Entdeckung von Hildegard sei. Der Medizinhistoriker weist darauf hin, dass die Calendula tatsächlich eine sehr gute Pflanze gegen Hautverletzungen ist, die Ringelblumensalbe heute aber nicht mehr mit Schweineschmalz hergestellt wird. Die Produkte müssten also streng genommen unter dem Namen „Hertzka-Medizin“ geführt werden, was aber weit weniger gut ziehen würde als die „Marke“ „Hildegard von Bingen“.

Quelle:

http://derstandard.at/1371171658909/Das-grosse-Geschaeft-mit-Hildegard-von-Bingen

Kommentar & Ergänzung:

Die Vermarktung der Hildegard von Bingen ist tatsächlich ziemlich fragwürdig und es ist löblich, dass „Der Standard“ dieses Thema kritisch aufgreift.

Merke:

Nicht überall, wo Hildegard draufsteht, ist auch Hildegard drin.

Traditionen erfordern eine interessierte Auseinandersetzung, nicht blinde Gläubigkeit.

Nicht alles, was ein paar hundert Jahre alt ist, ist dadurch auch schon plausibel.

Eine kritische Haltung gegenüber der „Hildegard-Medizin“ steht einer Würdigung der aussergewöhnlichen Leistungen der „Hildegard von Bingen“ nicht im Wege.

Wenn Colin Goldner darauf hinweist, dass von oral eingenommem Edelsteinpulver keine Wirkung zu erwarten ist, dann kann man dem meines Erachtens insofern zustimmen, als wohl kaum relevante Stoffe in den Organismus aufgenommen werden. Zu beachten ist allerdings, dass Edelsteine bei Hildegard eine symbolische Bedeutung haben. Und Symbole und Rituale haben in manchen Fällen durchaus eine Wirkung.

Weitere  Infos zum Thema:

Aderlass & Hildegard-Medizin

Papst erhebt Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin

Hildegard-Medizin

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Fastenmythen: Entschlacken durch Fasten?

Jeden Frühling kommt sie wieder – die dringliche Empfehlung, dass nun die Zeit gekommen sei, um mit einer Fastenkur Körper, Geist und Seele zu entschlacken.

Den weitverbreiteten Entschlackungs-Irrtum kann man in einem Satz zusammenfassen:

„Giftstoffe und Ablagerungen, welche sich über das Jahr hinweg im Körper angesammelt haben, können beim „Entschlacken“ entfernt werden.“

Tatsache ist jedoch: Beim Stoffwechsel fallen zwar in der Tat als Teil eines natürlichen Vorganges nicht verwertbare chemische Endprodukte an. Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) speichert ein gesunder Organismus diese überflüssigen Stoffe jedoch nicht etwa ab, sondern scheidet sie bei ausreichender Flüssigkeitszufuhr über Nieren und Darm wieder aus.

Diese „Kläranlagen-Funktion“ des Organismus kann durch Fasten nicht effizienter werden, als sie ohnehin schon ist. Wissenschaftliche Belege für günstige Wirkungen des „Entschlackens“ gibt es übrigens kaum. „Der im Zusammenhang mit dem Heilfasten immer wieder genannte Begriff ‚Entschlacken‘ ist wissenschaftlich nicht begründbar“, erklärt die DGE.

Quelle:

http://de.nachrichten.yahoo.com/blogs/in-form/fasten-kein-zuckerschlecken-für-die-gesundheit-145934893.html

Kommentar & Ergänzung:

Man muss unseren Organismus vor den „Entschlackungsaposteln“ quasi in Schutz nehmen. Sie sprechen ihm nämlich ziemlich grundlegend die Kompetenz ab, mit Stoffwechselprodukten angemessen und „professionell“ umzugehen. Und dann verkaufen sie uns Fastenkuren, Entschlackungstees, Detox-Fussbäder und andere Fragwürdigkeiten. Die Entschlackungsbranche lebt von einem Phantom. Um welche Stoffe es sich bei diesen „Schlacken“ und „Giftstoffen“ genau handeln soll – diese Angabe bleibt sie nämlich in der Regel schuldig.

Am heikelsten finde ich aber, dass durch die ständige Rede von Schlacken und Entschlackungskuren das Vertrauen in die Fähigkeiten unseres Organismus untergraben wird. Und wer an diesem Punkt genug verunsichert ist, wird ein guter Konsument für Mittelchen aller Art, die dieses Kompetenzdefizit beheben sollen. Davon lebt neben der Entschlackungsbranche auch die Nahrungsergänzungsmittel-Industrie.

Wer Ihnen einredet, Sie seien verschlackt, unterstellt Ihnen Problem und will Ihnen möglicherweise eine Lösung für das eingeredete Problem verkaufen.

Sparen Sie sich das Geld dafür und tun Sie sich damit sonst etwas Gutes.

Siehe auch:

Entgiftungsdiäten / Detox-Diäten – bodenlose Versprechungen

Unsinnig und irreführend: Sidroga® Wellness Entschlackungstee

Schlackenstoffe – ein Phantom macht Karriere

Entgiften und Entschlacken – höchst fragwürdige Versprechungen

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Breusskur gegen Krebs?

Kürzlich sprach mich an einem Vortrag jemand auf die Breusskur an.

Die Breusskur (Breuss-Diät) geht zurück auf den österreichischen Elektromonteur und Heilpraktiker Rudolf Breuß (1899 – 1990) aus Bludenz. Es versprach Krebsheilung durch seine Säftekur:

„Der Krebs lebt nur von festen Speisen, die der Mensch zu sich nimmt. Wenn man also 42 Tage nur Gemüsesaft + Tee trinkt, so stirbt die Krebsgeschwulst ab, der Mensch hingegen kann dabei noch gut leben.“

Und wie soll das gehen?

„Durch die Säftekur wird die Eiweißzufuhr von außen abgestoppt, das heißt, das Eiweiß wird in der täglichen Nahrung ausgeschaltet. Da aber der Organismus ohne diesen Stoff nicht leben kann, nagt nun das eiweißhungrige Blut im Körper an allem Überflüssigen, Wucherungen, Schlackenansammlungen und Geschwülsten. Es ist dies eine Operation ohne Messer,…“

Quelle: Wikipedia

Kommentar & Ergänzung:

Das Tumorzentrum Freiburg am Universitätsklinikum hat einen Patientenratgeber „Komplementäre Verfahren“ veröffentlicht.

Zur Breuss-Kur steht dort:

“Rudolf Breuss, Heilpraktiker aus Österreich, ist der Meinung „dass Krebs nur von festen Speisen lebt“, während dem Menschen selbst flüssige Nahrung ausreicht. Wenn man 42 Tage nur einen halben bis einen Liter Gemüsesaft und Tee trinkt, stirbt die Krebsgeschwulst ab, während man dabei noch gut leben kann. Die Ernährung umfasst nur Saftmischungen aus roten Rüben und Karotten, Sellerie, Rettich und eventuell einer kleinen Kartoffel, immer in Kombination mit besonderen Teesorten. Die ‚Krebskur- total‘  n. Breuss kann gefährlich sein, da diese Fastenkur zu erheblicher Mangelernährung und damit einer zusätzlichen Schwächung der körpereigenen Abwehr führt. Es kann zwar unter dem Fasten zu einer Verringerung oder einem  Stillstand des Tumorwachstums kommen, nach Wiederaufnahme einer normalen Ernährung kann sich das Krebswachstum jedoch sogar beschleunigen!“

Quelle: http://www.uniklinik-freiburg.de/tumorzentrum/live/Patienten-Info/Broschueren/komplementaere_verfahren_pat2006.pdf

Für die Ansicht von Breuss, dass Krebserkrankungen durch ein Aushungern und durch Verzicht auf feste Speisen geheilt werden könnten, gibt es keine unabhängige Belege.

Recherchiert man allerdings im Internet, taucht da eine ganze Reihe von Heilungsgeschichten mit der Breuss-Kur auf.

Leider fehlen bei solchen Schilderungen in aller Regel viele Informationen, die zur Beurteilung der Glaubwürdigkeit der Krebsheilung unverzichtbar sind. Beispielsweise: Wer hat wann mit welchen Methoden die Krebsdiagnose gestellt? Wer hat wann mit welcher Methode die Heilung festgestellt? Was wurde neben der Breuss-Kur sonst noch alles unternommen?

In Krebsforen finden sich zudem immer wieder Beiträge folgender Art:

Eintrag 1: Madeleine, 52, Brustkrebs, lehnt medizinische Behandlung ab, will Breuss-Kur durchführen und im Forum über den Verlauf ihrer Krankheit berichten.

Eintrag 2: Sechs Monate später berichtet Madeleine, dass sie die Breuss-Kur gemacht hat und dass es ihr super gehe.

Weitere Berichte von Madeleine gibt es keine. Zwei Jahre später erkundigt sich ein Teilnehmer im Forum nach Madeleine und fragt, wie es ihr gehe und ob sie über den weiteren Verlauf berichten könne. Eine Antwort von Madeleine kommt nicht. Die Website, welche Madeleine in ihrem Profil angab, ist ausser Betrieb.

Das spricht nicht für einen positiven Verlauf. Madeleine hätte allergrösster Wahrscheinlichkeit berichtet, wenn es ihr weiterhin gut gegangen wäre. Solche Erfolge teilt man gerne mit anderen.

Den Krebs mit einer Breuss-Kur weghungern wollte auch Carola Zimmermann Frey. Die Mutter von vier Kindern, darunter einem mit Down-Syndrom, entschied sich bei der Diagnose Brustkrebs gegen eine medizinische Behandlung und setzte auf die Breuss-Kur und auf eine Kinesiologie-Behandlung. Das Schweizer Fernsehen sendete darüber einen Film der Reporterin Nathalie Rufer, die Carola Zimmermann Frey begleitet hat, auch zum alternativen Zahnarzt Peter Schmid, der bei der Krebspatientin eine Amalgamvergiftung diagnostiziert und bei ihre angeblich Quecksilber ausleitet……

Den Film sehen Sie hier:

http://www.youtube.com/watch?v=ptO2GBhoSuQ

Hier die Beschreibung des Films auf SF:

„Carola Zimmermann Frey, Mutter von vier Kindern, ist mit einer niederschmetternden Diagnose konfrontiert. Der Knoten in ihrer Brust erwies sich als bösartig, die Ärzte raten zu Amputation der rechten Brust. Carola Zimmermann entscheidet sich gegen eine Operation und damit gegen die dringenden Empfehlungen der Schulmedizin. Sie wählt einen alternativen Weg und entschliesst sich, das Krebsgeschwür mit einer rigorosen Fastenkur zu bekämpfen.

Hält die gelernte Psychiatrieschwester die sechswöchige Null-Diät durch? Bleibt sie auf dem eingeschlagenen Weg? Nathalie Rufer begleitet die 47jährige während ihres schwierigen und riskanten Kampfes gegen den Krebs.“

Am 11. Mai 2012 folgt ein Film von Röbi Koller mit Carola Zimmermann Frey.

Hier die Beschreibung auf SF:

„Zwei Jahre später meldet sich der Knoten in Carola Zimmermanns Brust zurück. Trotzdem will die 49jährige ihrer Überzeugung treu bleiben und sich weiterhin allein auf die Alternativmedizin abstützen. Auch Lydia, eine Leidensgenossin aus Genf, traut den herkömmlichen Methoden der Mediziner nicht. Zusammen mit Carola macht sie sich Mut und sucht die Heilung bei Kinesiologen und Heilpraktikern.

Weitere zwei Jahre später ist alles anders: Lydia aus Genf ist gestorben und bei Carola hat sich der Krebs im ganzen Körper ausgebreitet. Das hat Carola bewogen, sich nun doch schulmedizinisch behandeln zu lassen.

Würde Carola Zimmermann wieder gleich entscheiden? Hadert sie manchmal? Carola Zimmermann ist zusammen mit ihrem Partner Ralf Kohlmann im Gespräch bei Röbi Koller.“

Den Film von 2012 sehen Sie hier:

http://www.videoportal.sf.tv/video?id=a6733b26-2aae-47c9-a2f0-7e6a09ded280

Eine weitere Sendung mit Carola Zimmermann Frey brachte das Nachtcafé der ARD am 28. 9. 2012: „Diagnose Krebs – wie damit umgehen.“

Diesen Film sehen Sie hier:

http://www.ardmediathek.de/swr-fernsehen/nachtcaf/nachtcaf-diagnose-krebs-wie-damit-umgehen?documentId=11912278

Die Geschichte von Carola Zimmermann Frey zeigt eindrücklich das Risiko, wenn man bei einer Krebserkrankung einseitig auf Breusskuren, Kinesiologie & Co. setzt.

Mir ist vor allem aufgefallen, wie stark Carola Zimmermann Frey betont hat, dass es ihr wichtig sei, die Ursache für den Brustkrebs zu finden. Bei dieser Ursachensuche vertraute sie offenbar der Alternativmedizin, während die „Schulmedizin“ sich nicht um Ursachen kümmert und nur Symptome behandelt. So lautet jedenfalls eine verbreitete Überzeugung in Alternativmedizin und Komplementärmedizin: „Wir behandeln die Ursachen der Krankheiten – die Schulmedizin nur die Symptome.“

Das halte ich für sehr einseitig und auch anmassend.

Erstens gibt es durchaus Situationen, in denen man die medizinische Behandlung als ursächlich bezeichnen könnte. Allerdings muss dazu gesagt werden, dass die Ursachenlage einer Krankheit oft sehr vielschichtig ist. An der Entstehung einer Grippe beispielsweise dürfte wohl nicht nur das Influenzavirus beteiligt sein, sondern auch die aktuelle Abwehrlage. Und da jede Ursache wieder eine oder mehrere Ursachen hat, kommt man mit dem ursächlichen Ansatz gar nicht so einfach an einen Schlusspunkt und landet nicht selten in sehr nebulösen und spekulativen Gefilden.

Das gilt aber natürlich auch für Komplementärmedizin und Alternativmedizin. Wenn also jemand behauptet, er oder sie behandle die Ursache(n), dann steht damit nicht schon einfach fest, dass es sich tatsächlich um reale Ursachen handelt. In Komplementärmedizin und Alternativmedizin werden in dieser Hinsicht oft Ursachen dogmatisch gesetzt, die nachher angeblich behandelt werden: Übersäuerung, Candida-Pilz im Darm,  Amalgamvergiftung, Leberschwäche,….

Häufig wird eine Ursache angenommen und fraglos als entscheidend gesetzt. Wenn man die „Ursache“ selbst festlegt, kann man leicht „ursächlich“ behandeln. Bei Carola Zimmermann Frey hat die Suche nach den Ursachen aber offenbar in eine Sackgasse geführt, wodurch wertvolle Zeit für die Behandlung verloren ging.

Es ist in den Filmen aber auch eindrücklich zu sehen, mit welcher Selbstüberschätzung ein „ganzheitlicher“ Zahnarzt, eine Kinesiologin und ein Heilpraktiker die Patientin in ihrer Suche nach den angeblichen Ursachen unterstützten und damit in diesem Irrweg  bestärkten.

Im übrigen ist diese Krankheitsgeschichte kein Einzelfall. Es ist ein Tabu im Bereich Komplementärmedizin / Alternativmedizin, dass eine nicht geringe Zahl von Therapeutinnen und Therapeuten Hoffnung auf Heilung suggerieren, die sie nicht einlösen können. Bei Misserfolgen wird dann in der Regel der Patient oder die Patientin verantwortlich geamcht, die „noch nicht so weit sind“, „noch nicht gesund werden wollen“ oder die Anweisungen für die Therapie nicht eingehalten haben.

Diese unkritische Selbstüberschätzung von Behandlerinnen und Behandlern kostet einer nicht genauer erfassten, aber nicht unbedeutenden Zahl von Kranken das Leben.

Aus diesem Grund kann nicht genug betont werden wie wichtig es ist, Heilungsversprechungen kritisch zu prüfen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Löwenzahn als Schlankheitsmittel

„Löwenzahn macht schlank. Er enthält Kalzium, Natrium und Magnesium, das den Energiestoffwechsel fördert – dadurch werden alte Schlacken schneller aus dem Körper ausgeschieden.“

Quelle:

http://madonna.oe24.at/gesund/So-macht-Loewenzahn-schlank/74334535

Kommentar & Ergänzung:

Das Webportal Madonna schreibt hier wieder einmal einfach, was viele Leute gerne hören wollen – unabhängig vom Realitätsgehalt. Wäre doch allzu schön, wenn Löwenzahn schlank machen würde , einfach so.

Aber Kalzium, Natrium und Magnesium hat es auch in vielen anderen Wildpflanzen – weshalb solche Mineralstoffe schlank machen sollen, ist schleierhaft und Madonna erklärt es auch nicht. Genauso nebulös ist die Versprechung, dass Löwenzahn „alte Schlacken“ ausscheiden soll. „Schlacken“ gibt es bei der Erzverhüttung, aber nicht im Organismus.

Immer wenn von „Schlacken“ oder „Entschlackung“ die Rede ist, stürzt die Glaubwürdigkeit der entsprechenden Aussagen in den Keller.

Hier weitere Infos aus Wikipedia:

„Entschlackung (von Schlacke, einem Verbrennungsrückstand) ist in der Alternativmedizin ein Ausdruck für Maßnahmen, die mutmaßliche Giftstoffe und vermeintlich schädliche Stoffwechselprodukte ausscheiden sollen. Die Wirksamkeit dieser Verfahren ist nicht gegeben, die angenommenen Wirkungsweisen lassen sich nicht nachweisen.

Unschärfen bestehen sowohl in der Definition der Substanzen, die unter diese Schlacken fallen, als auch bezüglich der Maßnahmen, die als Entschlackung gelten sollen. Meist werden unter „Entschlackung“ bestimmte im Rahmen der Alternativmedizin eingesetzte Maßnahmen verstanden, die unter dem Begriff ausleitende Verfahren zusammengefasst werden, zum Beispiel Schröpfen, Cantharidenpflaster, Einläufe, Schwitzkuren, Abführmittel (Laxantien) und Fastenkur. Einige Verfahren behaupten, auch Quecksilber (beispielsweise von Amalgamzahnfüllungen), Impfstoffe oder andere Schlacken ausleiten zu können.

Ein allgemein anerkannter Nachweis, dass der Körper in diesem Sinne therapeutisch „entgiftet“ oder „entschlackt“ werden könne oder gar solle, liegt nicht vor. Während einer Fastenkur steigt sogar die Schadstoffbelastung des Blutes. Das subjektive Erleben von Heilerfolgen durch Patienten ist durch Empfindungen wie den Placeboeffekt erklärbar. Im weiteren Sinne fallen auch medizinische Therapieformen hierunter, wie etwa das Entfernen harnpflichtiger Substanzen aus dem Blut in der Dialyse durch Blutwäsche. Auch Ammoniak, der bei einer leberbedingten Hirnerkrankung im Rahmen einer Leberzirrhose vermehrt anfällt und dessen Produktion durch eine antibiotische Darmdekontamination und Lactulosebehandlung verringert wird, wäre ein Beispiel in diesem Zusammenhang.“

Und ausserdem: Wenn Löwenzahn schlank macht, dann müsste man das doch den Kühen auf Löwenzahn-reichen Wiesen ansehen……warum nur ist mir das noch nie aufgefallen?

Siehe auch:

Löwenzahn entgiftet?

Entschlackung – was ist das?

Fasten & Entschlacken

Entschlackung – unnötig und ungesund

Schlackenstoffe – ein Phantom macht Karriere

Entgiften und entschlacken – höchst fragwürdige Versprechungen

Entschlackung – illusionäre Hoffnung auf Gewichtreduktion

P.S: In der Phytotherapie sind als Anwendungsbereiche von Löwenzahnwurzel / Löwenzahnkraut anerkannt:

Störungen des Gallenflusses; zur Anregung der Diurese (Wasserausscheidung über die Nieren); Appetitlosigkeit und Verdauungsbeschwerden.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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