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Weißdorn zur Arzneipflanze des Jahres 2019 gekürt

Der Weißdorn (Crataegus spec.) wird seit Generationen als Arzneipflanze zur Unterstützung von Herz und Kreislauf eingesetzt. Wegen zahlreicher neuer Erkenntnisse zu den Wirkungen und der Bedeutung für die Pflanzenheilkunde wurde Weißdorn vom Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde an der Universität Würzburg zur Arzneipflanze des Jahres 2019 gewählt.

 

Reichhaltige Kulturgeschichte des Weißdorns

Sagen und Mythen haben dem Weißdorn schon vor über 1.000 Jahren wundersame Fähigkeiten zugeschrieben. Dornröschen soll durch den Weißdorn in ihren hundertjährigen Schlaf gefallen sein.

Weißdorn galt jedoch auch als Zuhause der guten Feen und war der christlichen Zeit ein Zeichen für Hoffnung. Einer Legende nach soll selbst die Dornenkrone Jesu aus Weißdorn bestanden haben, woher wahrscheinlich die Assoziation mit Leben und Tod stammt.

Weißdorn beeindruckt aber nicht nur mit den zahkreichen Erwähnungen in der Sagenwelt, sondern auch durch die seit Jahrhunderten andauernde medizinische Anwendung und seine damit assoziierte Kraft. So wurden bereits in der Antike Weißdorn-Arten medizinisch genutzt, zum Beispiel gegen Durchfall, Koliken und zur Blutstillung. Verschiedene nordamerikanische Stämme sollen schon die herzschützende Wirkung des Weissdorns gekannt und geschätzt haben. Erste Untersuchungen zur Heilkraft des Weißdorns wurden 1896 in den USA durchgeführt. Gerhard Madaus schreibt in seinem renommierten „Lehrbuch der biologischen Heilmittel“ von 1938:

„Crataegus ist ein ausgezeichnetes Kardiakum [Herzmittel], das als fast unübertreffbar bei beginnender Myokardschwäche, namentlich im Alter und bei akuten Infektionskrankheiten bezeichnet werden kann.“

Ab den 1970er Jahren waren viele Anwendungen für Weißdornextrakt bekannt, wie beispielsweise bei Altersherz, Belastungsherz, Hochdruckherz mit und ohne Schwächeerscheinungen, leichtere Grade von Koronarinsuffizienz, Herzmuskelschwäche nach Infektionskrankheiten, Rhythmusstörungen, Durchblutungsstörungen des Gehirns und Herzinfarkt (Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis, 1973). 1994 wurden dann auf der Grundlage vorliegender wissenschaftlicher Daten für Weißdornblätter mit Blüten von der für Arzneipflanzen zuständigen Kommission E des damaligen Bundesgesundheitsamtes das Anwendungsgebiet der nachlassenden Leistungsfähigkeit des Herzens entsprechend Stadium II nach NYHA festgelegt.

Weißdornextrakt als traditionelles Arzneimittel zugelassen

Die deutsche Zulassungsbehörde stufte Weissdornblätter mit Blüten im Jahr 2016 aufgrund der langjährigen Erfahrungen, der Unbedenklichkeit und der guten Verträglichkeit des Wirkstoffes als traditionelles pflanzliches Arzneimittel ein.

Gründend auf langjähriger Erfahrung können Weißdornblätter mit Blüten auch bei zeitweilig auftretenden nervösen Herzbeschwerden (z. B. Herzklopfen, durch Ängste ausgelöste Extrasystolen) angewendet werden, wenn ärztlicherseits eine ernsthafte Erkrankung ausgeschlossen wurde. Befürwortet wird zudem der Einsatz bei leichten Symptomen von Stress und als Schlafhilfe. Auf Grund der bekannten Wirkungen könnte der Weißdornextrakt nicht nur bei funktionellen (nicht organisch bedingten) Herzbeschwerden, sondern gerade auch bei ersten Anzeichen einer Herzinsuffizienz und zur Vorbeugung einer Herzschwäche sinnvoll eingesetzt werden. Für die Herstellung von Arzneimitteln aus Weißdorn werden die Blätter zusammen mit den leuchtend-weißen Blüten der Weißdornsträucher oder -bäume verwendet. Sie enthalten wichtige sekundäre Pflanzenstoffe, wie die oligomeren Procyanidine, die für die Wirkung zuständig sind. In Mitteleuropa sind mehrere Arten des Weißdorns heimisch, darunter auch der Eingriffelige Weissdorn (Crataegus monogyna Jacq.) und der Zweigriffelige Weißdorn (Crataegus laevigata(Poir.) DC), die beide zur Herstellung von pflanzlichen Arzneimitteln (Phytopharmaka) verwendet werden.

Vielfältige Wirkungen von Weißdorn auf Herz und Blutgefäße

Eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen hat in den letzten Jahrzehnten gezeigt, wie Weißdornextrakt die Herz- und Kreislauffunktion unterstützt. Die pflanzlichen Wirkstoffe wirken sich positiv auf die Pumpkraft des Herzens aus. Die Durchblutung der Herzkranzgefäße und des Herzmuskels wird erhöht, indem die Produktion des gefäßerweiternden Botenstoffs Stickstoffmonoxid (NO) angeregt und dessen Abbau gehemmt wird. Durch die Verbesserung der Kontraktionskraft des Herzens, die Verbesserung der Erregungsleitung und die Steigerung der Reizschwelle kann Weißdornextrakt zudem vor Herzrhythmusstörungen schützen. Ebenso kann der Extrakt aus Weißdornblättern mit Blüten die Blutgefäße elastisch halten und dadurch dem altersbedingten Verlust der Elastizität der Arterien entgegen wirken. Auch werden die krankheitsbedingten Störungen der Endothelfunktion (Endothel = Gefäßinnenwand der Blutgefäße) reduziert und der periphere Gefäßwiderstand vermindert. Es kommt zu einer Verbesserung der Belastbarkeit und Kurzatmigkeit bei Belastung tritt später ein. Durch aktuelle Untersuchungen liess sich zeigen, dass die Lebensqualität von Patienten unter Einnahme von Weißdornextrakt sich verbesserte und die körperliche Leistungsfähigkeit zunahm (Härtel et al., 2014).

Literatur

  1. Gündling PW: Weißdorn – neue Erkenntnisse zu einer alten Heilpflanze. Ein Multitalent für Herz und Kreislauf. EHK 2017; 66: 208-214.
  2. Härtel S, Kutzner C, Burkart M, Bös K: Einfluss von Training und Crataegus-Extrakt WS 1442 auf körperliche Leistungsfähigkeit und Lebensqualität bei leichter Herzinsuffizienz – eine randomisierte kontrollierte Studie. Z Phytother 2012 (Suppl 1): 17.
  3. Härtel S, Kutzner C, Westphal E et al.: Effects of endurance exercise training and Crataegus extract WS®_1442 in patients with heart failure with preserved ejection fraction – a randomized controlled trial. Sports 2014; 2(3): 59–75.
  4. Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis. Vollständige (vierte) Neuausgabe, hersg. von P.H. List und L. Hörhammer, Springer-Verlag Berlin, Heidelberg, New York, Bd. 4 1973: 330.
  5. Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC): European Union herbal monograph on Crataegus spp., folium cum flore. EMA/HMPC/159075/2014. 5 April 2016.
  6. Holubarsch CJF, Colucci WS, Eha J: Benefit-risk assessment of Crataegus extract WS 1442: An evidence-based review. Am J Cardiovasc Drugs 2018; 18: 25-36.
  7. Madaus G: Lehrbuch der biologischen Heilmittel, Thieme-Verlag Leipzig 1938, S. 1119.
  8. Pittler MH, Guo R, Ernst E: Hawthorn extract for treating chronic heart failure. Cochrane Database Syst Rev. 2008; (1): CD005312.
  9. Wegener T. et al.: Stellenwert von Weißdornextrakt in der hausärztlichen Praxis – eine aktuelle Standortbestimmung. MMW-Fortschritte der Medizin 2018; 160 (54): 1-7.

    Foto: Copyright (iStock) – das Foto ist für die Aktion Weißdorn als Arzneipflanze des Jahres 2019 freigegeben.

Quelle:

Medienmitteilung Interdisziplinärer Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg.

 

Kommentar & Ergänzung:

Weissdorn ist die wichtigste Heilpflanze der Phytotherapie für das Herz.

Weissdorn ist gut verträglich und eignet sich für Langzeitanwendung.

Weissdorntee und Weissdornextrakt sollten mindestens über einen Zeitraum von 3 Monaten regelmässig angewandt werden.

Weissdorn ist vielfältig wissenschaftlich untersucht worden, wobei bei einigen dieser Forschungsergebnisse nicht so ganz klar ist, wie weit sie über die experimentelle Situation hinaus auch für Patienten in der Praxis klinisch relevant sind. Das drückt sich auch darin aus, dass die Zulassung nur als „traditionell“ (Kategorie „traditional use“) und nicht als wissenschaftlich belegt (Kategorie „well-established use“ = anerkannte medizinische Wirkung und akzeptierte Unbedenklichkeit) möglich wurde. Das ist etwas enttäuschen. Es ist aber immer schwierig, milde Wirkungen in einer Studie statistisch sicher zu belegen, nur schon, weil dazu grosse Probandenzahlen nötig sind.

Wie in der Medienmitteilung erwähnt, werden vom Weissdorn für die Herstellung pflanzlicher Arzneimitttel in der Regel die Blätter und Blüten gemischt verwendet. Die Weissdornfrüchte enthalten aber auch Wirkstoffe (oligomere Procyanidine und Flavonoide) und kommen gelegentlich auch in Präparaten zum Einsatz, zum Beispiel für Weissdorntinktur).

Weißdornfrüchte sind roh essbar, schmecken säuerlich-süß, sind jedoch sehr mehlig. Sie lassen sich zu Kompott oder Gelee verarbeitet und eignen sich dabei auch zum Mischen mit anderen Früchten, weil sie gut gelieren.

Weissdorn ist aber auch ein wertvoller Strauch oder Baum für die Tierwelt. Vögel fressen im Herbst sehr gerne die leuchtend roten Früchte, und für Insekten ist der Weissdorn eine wichtige Nahrungsquelle, zum Beispiel als Futterpflanze für 54 verschiedene Schmetterlingsraupen-Arten. Weissdorn eignet sich daher sehr gut als einheimischer Strauch in Hecken.

Zu beachten ist dabei aber, dass Weissdorn den Feuerbrand übertragen kann, eine gefährliche, durch das Bakterium Erwinia amylovora verursachte Pflanzenkrankheit, die vor allem Kernobstgewächse befällt und sich seuchenartig schnell ausbreiten kann. Deshalb wird für die ganze Schweiz empfohlen, in definierten Schutzobjekten (Hochstammobstgärten, Baumschulen, Obstanlagen und andere definierte Objekte) in im Umkreis von 500 m darum herum auf das Anpflanzen von Weissdorn-Arten zu verzichten.

Dieser Empfehlung liegt ein Konses zugrunde zwischen schweizerischen Natur- und Vogelschutzverbänden, dem BAFU und dem Eidgenössischen und Kantonalen Pflanzenschutzdienst.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe.

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse.

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse.

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Krebstherapie: Bittere Aprikosenkerne, Amygdalin, „Vitamin B17“ – unwirksam und in höheren Dosen giftig

Erneute Warnung vor Bitteren Aprikosenkernen als untaugliches Mittel zur alternativen Krebstherapie. Sie werden schon seit langem in der Alternativmedizin als Krebsheilmittel propagiert, auch unter dem Namen Amygdalin, Laetrile  oder „Vitamin B17“.

Bittere Aprikosenkerne enthalten einen relativ hohen Gehalt an Amygdalin. Von diesem cyanogenen Glycosid spaltet sich während der Verdauung hochgiftige Blausäure ab. Bei Einnahme grösserer Mengen besteht das Risiko einer Blausäurevergiftung.

Bittere Aprikosenkerne werden hauptsächlich zur alternativen Krebsbehandlung angepriesen. Es gibt aber bisher keine wissenschaftlichen Belege zur vorbeugenden oder heilenden Wirksamkeit bei Krebs. Amygdalin ist als giftige Substanz ohne Effekte bei der Krebstherapie einzustufen.

Von der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA, vom deutschen Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte BfArM und von Tox Info Suisse wurden schon mehrere Warnhinweise veröffentlicht.

Gemäss ToxInfoSuisse wird Verbrauchern dringend empfohlen, wenn überhaupt maximal ein bis zwei bittere Aprikosenkerne täglich zu essen oder besser ganz darauf zu verzichten. Gemäss EFSA sollen Erwachsene nicht mehr als 1 grossen oder 3 kleine bittere Aprikosenkerne einnehmen. Bei kleinen Kindern ist die Menge auf maximal einen halben kleinen Aprikosenkern limitiert.

Arzneimittel mit Amygdalin oder seinen Derivaten (Mandelonitril oder Amygdalonitril, Laetrile) sind weder in der Schweiz noch in den Nachbarländern zugelassen und als bedenklich einzustufen. Trotzdem werden sie seit einiger Zeit wieder vermehrt – auch unter der irreführenden Bezeichnung „Vitamin B17“ – als alternatives Heilmittel in der Krebstherapie und zur Tumorvorbeugung beworben und eingesetzt.

Literatur:

_ANSES: Amandes d’abricot : un risque d’intoxication au cyanure, 27.07.2018

_Tox Info Suisse: Gefahr durch bittere Aprikosenkerne: die Menge macht‘s, 12.02.2015

_BfArM Bulletin zur Arzneimittelsicherheit, Ausgabe 3 – September 2014

Quelle:

http://www.pharmavista.net/content/default.aspx?http://www.pharmavista.net/content/NewsMaker.aspx?ID=5144&NMID=5144&LANGID=2

 

Kommentar & Ergänzung:

Solche Warnungen erreichen allerdings diejenigen Leute kaum, die von der Wirksamkeit Bitterer Aprikosenkerne überzeugt sind. Es gibt da eine „Szene“, die für Argumente nicht mehr offen ist.

Das kann tödlich enden, wie in diesem Beispiel:

Alternativmedizin bei Krebs – gefährliche Esoterik

Aprikosenkerne gegen Krebs (Video)

Oder es kann zu Vergiftungen führen:

Aprikosen-Extrakt: Mann erleidet Zyanid-Vergiftung durch Alternativmedizin

Hier gibt es weitere Infos:

Unsinnige Krebstherapie: Bittere Aprikosenkerne

 

Amygdalin / „Vitamin B17“ als angebliches Krebsmittel: alt, unwirksam und wieder aktuell

 

Alternative Krebstherapie mit Amygdalin: Bittere Aprikosenkerne / „Vitamin B17“ – unwirksam und toxisch

 

Ausführlichere Informationen auf Onkopedia.

Die Anpreiser dieser Methode berufen sich meist nur auf vollkommen unkontrollierte Anekdoten und verschanzen sich dann zum Beispiel hinter Sprüchen wie: Wer heilt hat recht!

Das aber ist ein irreführender Kurzschluss.

Siehe:

Komentärmedizin: Wer heilt hat Recht? (1)

Komplementärmedizin: Wer heilt hat Recht? (2)

 

Naturheilkunde: Sorgfältig prüfen lernen

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Naturheilkunde: Woran erkennen Sie fragwürdige Aussagen

Komplementärmedizin: Mehr Argumente – weniger fraglose Gläubigkei

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Artischockenextrakt wirkt günstig bei Fettleber – in einer Pilotstudie

Die Wirksamkeit eines Extraktes aus den Blättern der Artischocke gegen nicht-alkoholische Fettleber wurde erstmals in einer Studie an Patienten untersucht.

Weltweit nimmt die Zahl der Menschen zu, die unter einer nicht-alkoholischen Fettleber (Steatosis hepatis) leiden. Sie wird im Unterschied zur alkoholischen Fettleber durch eine zu hohe Energiezufuhr über die Nahrung ausgelöst. Dabei kommt es zu Fetteinlagerungen in den Leberzellen, wodurch deren Funktion beeinträchtigt und Entzündungen (Fettleberhepatitis/Steatohepatitis) hervorgerufen werden können. Zentral für die Behandlung dieser ernährungsbedingten Leberverfettung ist bisher eine Änderung der Ernährungsgewohnheiten sowie regelmäßige körperliche Bewegung mit dem Ziel einer Gewichtsverminderung. Die  Normalisierung des Fettstoffwechsels kann mit verschiedenen pflanzlichen Arzneimitteln unterstützt werden, wozu auch der Artischockenextrakt zählt. Ob solche Extrakte auch für die Behandlung der nicht-alkoholischen Fettleber erfolgreich eingesetzt werden können, wurde bisher nicht an Patienten untersucht.

Das hat eine Forschergruppe aus Qatar und dem Iran nun mit einer randomisierten, doppelt verblindeten, placebokontrollierten Pilotstudie nun getan.

Die Wissenschaftler teilten erwachsene Patienten mit diagnostizierter Steatohepatitis Grad 1 bis 3 auf zwei Gruppen auf. Die Probaden der Verumgruppe bekamen über einen Zeitraum von acht Wochen dreimal täglich 200 mg Artischockenblattextrakt, standardisiert auf einen Gehalt von 2 mg des aktiven Inhaltsstoffes Cynarin. Der Kontrollgruppe wurden entsprechende Placebo-Tabletten verabreicht. Beim Start und am Schluss der Studie wurden die anthropometrischen Daten Gewicht, Bauchumfang, Body-Mass-Index (BMI) und der Blutdruck der Testpersonen erfasst. Zudem wurden im nüchternen Zustand zum einen mittels Lebersonographie der Grad der Leberverfettung erhoben und zum anderen Blutproben entnommen zur Feststellung der Werte von Glucose, Insulin, glykiertes Hämoglobin, Gesamt-, LDL- und HDL- Cholesterin, Triglyzeride, der Leberenzyme Alanin-Aminotransferase, Aspartat-Aminotransferase und Phosphatase sowie Bilirubin und Harnsäure.

Ausgewertet wurden die Daten von 81 (Artischockenextrakt: 41, Placebo: 40) von anfänglich 100 Probanden. Nach achtwöchigem Behandlungsverlauf lag die Reduktion des BMI und des Bauchumfangs in der Verumgruppe signifikant höher als in der Placebogruppe. Ebenso liessen sich am Schluss der Studie durch Sonographie signifikante Differenzen zwischen den Gruppen zugunsten des Artischockenblattextraktes festgestellen. 81,6 % der mit Artischockenextrakt behandelten Patienten zeigten eine Verbesserung, bei 18,4 % blieb der Zustand unverändert im Vergleich zur ersten Untersuchung.

In der Placebogruppe zeigte der Zustand der Leber bei 5 % der Patienten im Studienverlauf eine Verbesserung, bei 67,5 % trat keine Veränderung auf, und bei 27,5 % war eine Verschlechterung festzustellen. Die Blutzucker- und Insulinwerte wurden von der Artischockenextrakt-Behandlung nicht beeinflusst. Dagegen sanken die Leberenzymwerte (für Phosphatase nicht signifikant), der Gesamt-Bilirubinwert, der Harnsäurewert sowie alle Blutfettwerte signifikant verglichen mit Placebo. Im Verlauf der Studie traten keinerlei unerwünschte Wirkungen auf.

Quelle:

https://www.carstens-stiftung.de/artikel/artischockenextrakt-gegen-fettleber.html

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29520889

Panahi Y, Kianpour P, Mohtashami R, Atkin SL, Butler AE, Jafari R, Badeli R, Sahebkar A. Efficacy of artichoke leaf extract in non-alcoholic fatty liver disease: A double-blind randomized controlled trial. Phytother Res 2018; 32(7): 1382-1387.

 

Kommentar & Ergänzung:

Die Carstens-Stiftung, die diese Studie auf ihrem Portal vorstellt, interpretiert die Ergebnisse in ihrem Kommentar so, dass die Einnahme eines Artischockenblattextraktes eine erfolgversprechende Behandlungsoption für Patienten mit Fettleber sein kann. Sie weist aber auch auf kleinere Unstimmigkeiten im Artikeltext hin betreffend der eingeschlossenen, ausgeschiedenen und letztlich analysierten Patientenzahlen. Die statistische Auswertung sei dadurch nicht eindeutig nachvollziehbar. Der Kommentar kommt aber auch zum Schluss, dass die Grundaussage der Studie von diesen statistischen Ungenauigkeiten unberührt bleiben dürfte.

Bei solchen Meldungen muss immer wieder darauf hingewiesen werden, dass mit einer Pilotstudie nie einwandfrei Wirksamkeit belegt werden kannn.

Pilotstudien werden durchgeführt in einer frühen Phase der Forschung mit Patienten (klinische Forschung). Es sind meisten kurzzeitige, preisgünstige Studien mit einen kleinen Zahl von Probanden. Sie dienen eher einer ersten Erkundung des Therapiekonzepts und des Studienaufbaus. Zeigen sich positive Ergebnisse, braucht es grösser angelegte Studien, um eine Wirksamkeit zu belegen und allenfalls auch ein Überlegenheit gegenüber herkömmlichen Behandlungskonzepten zu zeigen.

Welche Wirkungen von Artischockenblattextrakt werden in der Phytotherapie-Fachliteratur anerkannt.

Die ESCOP-Monografie führt als belegte Anwendungsbereiche auf:

„Verdauungsstörungen wie Magenschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Völlegefühl, Flatulenz und Gallenbeschwerden; Unterstützung einer Niedrigfettdiät zur Behandlung einer leichten Hyperlipidämie.“

Um die Studie besser einschätzen zu können, wären auch genaue Informationen  zum verwendeten Artischockenextrakt nötig. Solche Extrakte können auf unterschiedliche Art hergestellt werden – zum Beispiel mit Wasser oder Alkohol (Äthanol) als Lösungsmittel. Das kann den Gehalt an Inhaltsstoffen qualitativ und quantitativ stark beeinflussen.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Apothekerin verbannt Homöopathika aus dem Laden

Eine Apothekerin in Weilheim (Deutschland) hat mit sofortiger Wirkung ihr Regal mit homöopathischen Mitteln geräumt, weil sie es nicht länger mit ihrem Gewissen vereinbaren kann, Globuli zu verkaufen.

Das Portal Apotheke Adhoc schreibt dazu:

«Der Wendepunkt kam vor rund zwei Wochen im Notdienst. „Ein Kunde hat mich wegen Arnika-Globuli rausgeklingelt“, erzählt sie. Der Mann hatte nach einem Haushaltsunfall Verbrennungen. Die Apothekerin riet ihm, ins Krankenhaus zu fahren. Das wollte der Mann nicht, er vertraute auf die Kraft der Arnika. „Ich habe ihm in einer gefährlichen Situation etwas gegeben, das ihm überhaupt nicht hilft“, erklärt Hundertmark. Diesen Zweifeln möchte sie sich nicht länger aussetzen.

Das Homöopathie-Regal in ihrer Bahnhof-Apotheke hat sie deshalb in der vergangenen Woche rigoros geleert, die Ware geht nun an die Lieferanten zurück. Es war kein spontaner Entschluss: „Ich habe mich mit diesem Thema schon länger beschäftigt. Wir sind als Apotheker angehalten, leitliniengerecht zu beraten. Bei Homöopathie tun wir das nicht. Schulmedizin und Homöopathie werden bei der Abgabe unterschiedlich behandelt.“»

Quelle:

https://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/apothekenpraxis/nie-wieder-globuli/

Kommentar & Ergänzung:

Dass „Schulmedizin“ und Homöopathie bei der Abgabe unterschiedlich behandelt werden, stimmt natürlich. Der Unterschied besteht aber schon bei der Zulassung als Heilmittel, bei der Homöopathika grundsätzlich von Wirksamkeitsnachweis befreit sind.

Dieser Entscheid der Apothekerin ist hart, aber ehrlich. Sie begründet ihn damit, das es „keine evidenzbasierten Studien“ gibt: „Ich gebe die Globuli ab, ohne die Kunden darauf aufmerksam zumachen, dass sie eventuell nur ein Placebo kaufen.“

Dass qualitativ gut gemachte Studien gegen einen spezifischen Effekt der Globuli sprechen, ist inzwischen hinlänglich belegt. Dass manche Patienten vom „Gesamtkonzept“ Homöopathie profitieren können, lässt sich allerdings auch zeigen. Zum Beispiel in dieser Studie:

Wirkt Homöopathie? Und wenn ja: wie?

Die erwähnten Arnika-Globuli wurden sehr oft bezüglich ihrer Wirksamkeit bei stumpfen Verletzungen untersucht. Auch zwei Autoren, die der Homöopathie nahe stehen, haben bei der Auswertung von insgesamt 49 Studien statistisch keinen Unterschied zu Placebo nachweisen können. Die interpretierten Behandlungserfolge dürften durch den natürlichen Heilungsverlauf der Verletzung zustande kommen.

Homöopathie: Arnika-Globuli bei stumpfen Verletzungen von Weichteilen wirksam?

 

Allerdings muss man zur Leerräum-Aktion dieser Apothekerin noch sagen, dass nicht nur den Homöopathika die Bestätigung der Wirksamkeit durch Studien fehlt. Das betrifft genauso Bach-Blüten, Schüssler-Salze, einen Teil der Heilpflanzen-Präparate und einen Teil der synthetischen Arzneimittel.

Eine Apotheke oder Drogerie, die ausschliesslich Arzneimittel verkauft, deren Wirksamkeit durch hochwertige Studien belegt ist, wird wohl nicht sehr lange überleben.

Wichtig scheint mir Transparenz. Die Kundinnen und Kunden sollten in Apotheken und Drogerien informiert werden, ob und wie gut die Arzneimittel bezüglich Wirksamkeit belegt sind. Hier hapert es aber oft.

Und viele Kundinnen und Kunden sind sehr schlecht informiert, beziehen ihr Wissen ausschliesslich aus der Werbung oder vertrauen dem beliebten Kurzschluss:

„Wer heilt hat Recht!“

Siehe dazu:

Komplementärmedizin – wer heilt hat Recht?

Wer sich in diesen Bereichen zurecht finden will, kommt nicht darum herum, sich eigenes Wissen anzueignen.

Eine Möglichkeit dazu sind meiner Lehrgänge – die Phytotherapie-Ausbildung und das Heilpflanzen-Seminar.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse.

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Homöopathie bei Sportverletzungen: Medizin-Transparent untersucht Traumeel

Bei Sportverletzungen kommt oft das homöopathische Mittel Traumeel als Salbe oder Gel zur Anwendung.

Das Portal Medizin-Transparent hat die Studienlage zu dieser Behandlung unter die Lupe genommen und kommt zum Schluss, dass Belege für eine Wirksamkeit fehlen. Die genauen Begründungen dazu sind hier zu finden.

Aus phytotherapeutischer Sicht ist interessant, dass Traumeel zwar als Homöopathikum angepriesen wird, in der Realität aber eher als homöopathisch-phytotherapeutisches Mischprodukt angesehen werden könnte.

Laut Packungsprospekt hat Traumeel Gel pro 1 g folgende Zusammensetzung:

Achillea millefolium TM 0.9 mg, Aconitum napellus D1 0.5mg, Arnica montana D3 15 mg, Atropa belladonna D1 0.5 mg, Bellis perennis TM 1 mg, Calendula officinalis TM 4,5 mg, Chamomilla recutita TM 1,5 mg, Echinacea angustifolia TM 1,5 mg, Echinacea purpurea TM 1,5 mg, Hamamelis virginiana TM4,5 mg, Hepar sulfuris D6 0,25 mg, Hypericum perforatum D6 0,9 mg, Mercurius solubilis Hahnemanni D12 0,4 mg, Symphytum officinale D4 1mg, Zusätzliche Hilfsstoffe: Salbe: Cetylstearylalkohol, dickflüssiges Paraffin, weisses Vaselin, Alkohol 13.8 Vol%, Wasser Gel: Carbopol 980, Alkohol 25 Vol%, Wasser

Was sehen wir da?

Neben homöopathisch verdünnten Bestandteilen (erkennbar an den D-Bezeichnungen) enthält der Traumeel Gel folgende Urtinkturen nach homöopathischem Arzneibuch:

Achillea millefolium TM – Schafgarbentinktur

Bellis perennis TM – Gänseblümchentinktur

Calendula officinalis TM – Ringelblumentinktur

Chamomilla recutita TM – Kamillentinktur

Echinacea angustifolia TM – Sonnenhuttinktur aus Schmalblättrigem Sonnenhut

Echinacea purpurea TM – Sonnenhuttinktur aus Purpur-Sonnenhut

Hamamelis virginiana TM4 – Hamamelistinktur (Zaubernuss)

Kommentar:

TM bedeutet „Teinture-mère“ und im deutschen Sprachraum „Urtinktur“.

Urtinkturen werden nach den Regeln des Homöopathischen Arzneibuchs (HAB) hergestellt und sind im allgemeinen Frischpflanzentinkturen. Weil sie dem HAB entsprechen, kann man sie zwar als „homöopathisch“ bezeichnen. Sie sind aber eigentlich nur die Ausgangsbasis für die Herstellung von Homöopathika und wurden noch keiner Verdünnung (homöopathisch „Potenzierung“) unterzogen.

Daher enthalten sie noch Wirkstoffe in relevanter Menge und können auch als phytotherapeutische Tinkturen aufgefasst und beurteilt werden.

Den Unterschied zwischen homöopathischen und phytotherapeutischen Bestandteilen sieht und kommentiert auch Medizin-Transparent:

„In homöopathischen Arzneimitteln sind Substanzen üblicherweise so stark verdünnt, dass sie keine Wirkung mehr besitzen können. Oft sind sie auch im Labor nicht mehr nachweisbar. Solche Mittel wirken nachweisbar nicht besser als wirkstofflose Scheinmedikamente (Placebo)………

Dass Traumeel in Gel- oder Salbenform eine Wirkung haben könnte, die über eine angenehme und bei Sportverletzungen empfohlene Kühlung hinausgeht, ist dennoch prinzipiell denkbar.

Der Grund: Traumeel als Salbe oder Gel enthält neben stark verdünnten Substanzen in „homöopathischen“ Mengen auch Pflanzenextrakte in deutlich höheren Konzentrationen, etwa von Ringelblume, Hamamelis und Echinacea. Die Menge dieser pflanzlichen Stoffe könnte ausreichen, um – zumindest theoretisch – wirksam zu sein.

Ob in Traumeel tatsächlich eine geeignete und ausreichend dosierte Mischung von Pflanzenstoffe steckt, um bei Sportverletzungen helfen zu können, müsste allerdings erst in gut gemachten, ausreichend großen Studien geklärt werden.“

Gut. Dann schauen wir uns diese „Pflanzenextrakte“ einmal genauer an. Grundsätzlich ist zu sagen, dass Frischpflanzentinkturen eher geringere Wirkstoffmengen enthalten als Tinkturen aus getrockneten Pflanzen, wie sie die staatlichen Arzneibücher (Pharmakopöe) vorziehen. Aus wirkstoffkundlicher Sicht würde deshalb viel dafür sprechen, in einem solchen Produkt Tinkturen aus getrockneten Pflanzen zu verwenden.

Was ist nun von den einzelnen Bestandteilen zu halten?

Schafgarbentinktur:  Wird innerlich vor allem als Bittermittel bei Verdauungsstörungen angewendet. Die Schafgarbe hat aber traditionell auch einen Ruf als Wundheilmittel. Zwar wurde die Wirksamkeit in dieser Hinsicht nie untersucht. Das ätherische Schafgarbenöl enthält aber als Hauptbestandteil Chamazulen, das auch Hauptbestandteil im Kamillenöl ist und zu dessen wundheilender Wirkung beiträgt. Das lässt eine wundheilende Wirkung der Schafgabe zumindestens theoretisch als möglich erscheinen.

Gänseblümchentinktur: Zu allfälligen Wirkungen der Gänseblümchentinktur bei Wunden oder Sportverletzungen gibt es keine fundierten Belege.

Ringelblumentinktur: Der Ringelblume bescheinigt die Phytotherapie-Fachliteratur eine wundheilende Wirkung (granulationsfördernd, epithelisierungsfördernd), wofür es auch Hinweise aus Studien gibt. Allerdings geht es bei diesen Hiweisen um Wundheilungsförderung auf der Haut, während bei Sportverletzungen stumpfe Verletzungen wie Prellungen, Verstauchungen, Blutergüsse im Vordergrund stehen (also Verletzungen ohne Durchtrennung der Haut).

Kamillentinktur: Auch für Kamille git es Hinweise aus Studien für eine wundheilende Wirkung (granulationsfördernd, epithelisierungsfördernd), allerdings wurde in der Regel Kamillenextrakt untersucht (Kamillosan) und nicht Kamillentinktur, die weniger Wirkstoffgehalt hat.

Sonnenhuttinktur (Echinaceatinktur): Echinacea ist heute ja vor allem als Mittel zur Aktivierung des Immunsystems bekannt. In der ersten Hälfte des 20. Jahhunderts hatte die Pflanze einen Ruf als Wundheilmittel. Im „Dritten Reich“ wurde das Echinacea-Präparat Echinacin im Konzentrationslager Buchenwald zur Behandlung von absichtlich gesetzen Brandwunden bei Gefangenen eingesetzt. Über diese abscheulichen Menschenversuche sind keine näheren Details bekannt. Es ist aber möglich, dass Echinacea eine wundheilende Wirkung hat. Die ESCOP-Kommission bestätigt für Präparate aus Echinacea purpurea die äusserliche Anwendung unterstützend bei oberflächlichen Wunden.

Hamamelistinktur: Hamamelis wird eingesetzt bei leichten Hautverletzungen, Entzündungen von Haut une Schleimhaut sowie in Cremen zur Hautpflege bei Neurodermatitis.

Zusammengefasst: Einige der pflanzlichen Inhaltsstoffe zum Beispiel aus Ringelblume und Kamille haben eine Wirkung auf die Haut und wirken wundheilend. Daraus lässt sich aber nicht automatisch eine Wirksamkeit bei stumpfen Verletzungen ableiten. Es ist nicht klar, ob Wirkstoffe aus Ringelblumen, Echinacea, Kamille oder Hamamelis bis in gequetschtes Gewebe eindringen.

Medizin-Transparent stellt ausserdem die Frage, ob in Traumeel eine „ausreichend dosierte Mischung von Pflanzenstoffen steckt“, um eine Wirkung zu erzielen. Sehr gute Frage, die oft vernachlässigt wird.

Beispiel Calendula: In phytotherapeutischen Calendulacremen werden in der Regel 1 – 2 g Ringelblumentinktur in 10 g Salbe eingearbeitet, also 100 – 200 mg pro Gramm. In Traumeel: 4,5 mg pro Gramm. Das ist krass wenig.

Bei Kamillensalbe und Hamamelissalbe liegen die Konzentrationen von Tinktur etwa bei 10 % = 100mg pro Gramm, wenn konzentriertere Extrakte zum Einsatz kommen etwa 5 %.

Verglichen mit üblichen phytotherapeutischen Präparaten sind die Konzentrationen in Traumeel also ausgesprochen tief.

Soweit mein Kommentar zu den phytotherapeutisch relevanten Ingredienzien von Traumeel. Die Tatsache, dass irgendeine Pflanze in einem Produkt vorkommt, heisst also noch lange nicht, dass sie auch wirklich zur Wirksamkeit beiträgt. Im vorliegenden Beispiel passen die Pflanzen phytotherapeutisch überwiegend nicht zum Anwendungsgebiet und sind in viel zu kleiner Menge vorhanden.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Ökotest prüft pflanzliche Präparate gegen Gedächtnisstörungen: Ginkgo, Ginseng, Taiga

Das Verbraucher-Magazin „Ökotest“ beurteilt in der aktuellen September-Ausgabe 28 pflanzliche Präparate, die gegen Vergesslichkeit und nachlassende Konzentrationsfähigkeit helfen sollen. Bei den nicht rezeptpflichtigen Arzneimitteln sowie Nahrungsergänzungsmitteln handelt es sich um Präparate auf der Basis von Ginkgo, Ginseng und Taigawurzel. Von den 28 untersuchten Präparaten schneidet nur ein Arzneimittel mit „gut“ ab.

Ökotest beurteilte die Präparate bezüglich Wirksamkeit und bedenklicher Substanzen. Unter die Lupe genommen wurden elf rezeptfreie Arzneimittel mit Ginkgo, sechs mit Ginseng und Taigawurzel sowie elf Nahrungsergänzungsmittel. Davon fielen 18 mit der Note «mangelhaft» und «ungenügend» durch. Nur ein Arzneimittel mit Ginkgo bekam die Note «gut», alle anderen Präparate mit Ginkgo beurteilte Ökotest als «ausreichend» oder schlechter.

Bei dem mit «gut» benoteten Ginkgo-Präparat handelt es sich um Tebonin®konzent 240 mg Filmtabletten zur Behandlung von hirnorganisch bedingten Leistungseinbußen mit Beschwerden wie Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen. Das ist wenig überraschend, weil dieses Ginkgo-Präparat seit Jahren erforscht wird und daher eine ganze Reihe von Studien dazu vorliegt.

Ökotest konstatiert, dass zwar auch alle anderen getesteten Ginkgo-Präparate einen definierten Ginkgo-Blätterextrakt enthalten, der dem Europäischen Arzneibuch entspricht. Aber nur der Spezialextrakt in den Tebonin-Filmtabletten schneide in der wissenschaftlichen Begutachtung «gut» ab.

Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz von der Frankfurter Goethe-Universität, der für Ökotest die Begutachtung der 28 Präparate vornahm, wird dazu wie folgt zitert:

«Für diesen Extrakt liegen drei methodisch aktuelle Studien zu Patienten mit Alzheimer-Demenz und altersbedingten Gedächtnisstörungen vor. Bei zwei dieser Studien wurde eine signifikante Verbesserung der kognitiven Defizite bei einer Tagesdosis von 240 Milligramm gefunden.»

Laut Ökotest bekam der Tebonin-Extrakt nur deswegen kein «sehr gut», weil die medizinische Leitlinie zur Behandlung von Demenzerkrankungen anderen, verschreibungspflichtigen Medikamenten den Vorrang gibt. Die übrigen fünf Ginkgo-Präparate benotete Ökotest mit «ausreichend» und «ungenügend». Für sie lägen zwar teilweise produktbezogene Studien vor, die jedoch aufgrund mangelnder Qualität und Quantität nicht als sichere Wirksamkeitsbelege angesehen werden könnten.

Bei den Präparaten mit Ginseng- und Taigawurzel fällt die Benotung einheitlich vernichtend aus: viermal «mangelhaft», einmal «ungenügend». Keines dieser Präparate sei für das angepriesene Anwendungsgebiet wirksam, erklärt Ökotest. Bislang sei durch keine Studie belegt, dass die traditionelle Anwendung der Ingredienzien «zur Stärkung und Kräftigung bei Müdigkeits- und Schwächegefühl, nachlassender Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit sowie der Rekonvaleszenz» wirkt.

Noch härter fällt das Urteil für die untersuchten Nahrungsergänzungsmittel aus. Sie hätten keinen Nutzen und seien reine Geldverschwendung, schreibt Ökotest.

Quelle:

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=78345

Kommentar & Ergänzung:

Dieser „Ökotest“ zeigt die grossen Qualitätsunterschiede, die es bei pflanzlichen Präparaten gibt. In diesem Sinne ist eben nicht „Ginkgo“ gleich „Ginkgo“. Bei der Beurteilung muss immer genau hingeschaut werden, um welches Präparat es sich handelt, ob die Dosierung ausreichend ist, welche Qualiät und Konzentration der Extrakt hat etc.

Wenn Sie darüber etwas lernen wollen, dann empfehle ich Ihnen meine Lehrgänge – die Phytotherapie-Ausbildung oder das Heilpflanzen-Seminar.

Der hier am besten benotete Ginkgo-Extrakt im Präparat Tebonin ist in der Schweiz unter dem Namen Tebofortin und Tebokan erhältlich. Tebofortin kauft und zahlt man in der Apotheke oder Drogerie selber, Tebokan wird über die Grundversicherung bezahlt, wenn es ärztlich verschrieben wurde.

Zu diesem Spezialextrakt ist noch zu sagen, dass die Studien eine günstige Wirkung auf Lebensqualität und Alltagsbewältigung in frühen Stadien der Demenz  zeigen, zum Beispiel eben bei Alzheimer-Demenz. Sie können aber den Krankheitsprozess nicht aufhalten.

Auch konnte in einer grossen Studie keine vorbeugende Wirkung belegt werden.

Siehe dazu:

Ginkgo-Studie findet keine vorbeugende Wirkung gegen Demenz

Ob ein gesundes Gehirn von einer Ginkgo-Behandlung profitiert, ist nicht eindeutig gesichert, obwohl natürlich viele Menschen sich vor nachlassendem Gedächtnis fürchten und solche Präparate einnehmen.

Bei den Ginseng-Produkten wäre es interessant zu wissen, welche Präparate genau untersucht wurden, denn auch hier gibt es grosse Qualitätsunterschiede. Gedächtnisstörungen sind aber auch nicht das Hauptanwendungsgebiet von Ginseng, und bei der Taigawurzel taucht diese Indikation in der Fachliteratur gar nicht auf.

Ginsengwurzel und Taigawurzel werden hautsächlich empfohlen bei Müdigkeit und Schwäche, in der Rekonvaleszenz und zur besseren Bewältugung von Stresssituationen.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe.

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse.

Kräuterkurse und Kräuterwanderungen in den Bergen.

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Artikel im Tages-Anzeiger mit Fehlinformationen zu Heilpflanzen

Der Tages-Anzeiger hat am 6. August 2018 einen netten Text veröffentlicht über die Anwendung von Heilpflanzen. Darüber könnte ich mich ja freuen, wenn der Text nicht so fehlerhaft wäre.

Quelle:

https://www.tagesanzeiger.ch/wissen/natur/die-passionsblume-wirkt-besser-gegen-aengste-als-benzos/story/17703360#mostPopularComment

Nur schon der Titel und der Lead haben es in sich:

„Diese Pflanze wirkt besser als Antidepressiva

Ihre Wirkung ist wissenschaftlich erwiesen, trotzdem tut sich die Medizin mit Heilpflanzen schwer. Welche Pflanzen bei Übelkeit, Erkältungen oder innerer Unruhe helfen.“

 

Und was für eine Heilpflanze ist darunter abgebildet?

Eine Passionsblumenblüte.

Für die Passionsblume gibt es aber keine fundierten Hinweise auf eine Wirksamkeit gegen Depressionen. Passionsblume wirkt leicht beruhigend bei Einschlafstörungen und Nervosität, ausserdem leicht angstlösend.

Dann steht da noch:

„Die Zulassung von Heilpflanzen als Arzneimittel bürgt für den Nachweis einer Wirkung.“

Das stimmt so nicht und ist einfach Unsinn.

Zwar ist es wichtig, zwischen pflanzlichen Nahrungsergänzungsmitteln und pflanzlichen Arzneimitteln zu unterscheiden.

Nahrungsergänzungsmittel müssen nie eine Wirksamkeit belegen, dürfen aber dafür auch keine Indikationen auf die Packung schreiben.

Bei pflanzlichen Arzneimitteln gibt es verschiedene Kategorien. Als traditionell eingestufte pflanzliche Arzneimittel sind vom Wirkungsnachweis befreit. Als Traditionell gilt dabei ein Mittel, das seit mindestens 30 Jahren auf dem Markt ist. Eine kurze Spanne, würde ich sagen. Unter „traditionell“ verstehe ich eher ein paar 100 Jahre.

Nun spricht schon viel dafür, dass es wirksame traditionelle Arzneimittel gibt. Aber ein Nachweis für Wirksamkeit ist eine traditionelle Anwendung keineswegs.

Sieh dazu:

Komplementärmedizin – hat Tradition recht?

 

Die Zulassung als Arzneimittel allein ist daher kein Nachweis für Wirksamkeit.

Kommt ein pflanzliches Arzneimittel (Phytopharmaka) mit einem neuen Anwendungsbereich (Indikation) auf den Markt, muss die Wirksamkeit vorher mit Studien belegt werden. Soll ein Phytopharmaka von der Grundversicherung bezahlt werden, steht ebenfalls eine Prüfung der Wirksamkeit an.

Es gibt also eine ganze Reihe von Phytopharmaka mit belegter Wirkung – der Artikel im Tages-Anzeiger führt als Beispiele  Ginkgo, Baldrian, Trau¬bensilberkerze, Mönchs¬pfeffer und Johanniskraut an. Dabei ist die Wirksamkeit allerdings jeweil nur für bestimmte Extrakte belegt. 

Auf alle pflanzlichen Arzneimittel lassen sich diese Belege aber nicht übertragen.

Homöopathika und Anthroposophika sind im Übrigen grundsätzlich vom Wirkungsnachweis befreit.

Schlussendlich wird in dem Artikel noch auf  die Wirkung von Teufelskralle bei Rheuma hingewiesen – allerdings illustriert mit einem falschen Foto. Abgebildet ist eine eiheimische Teufelskralle (= Rapunzel, Phyteuma), siehe Foto auf Wikipedia.

 

In der Phytotherapie wird aber die Afrikanische Teufelskralle verwendet (Harpagophytum procumbens), eine Wüstenpflanze, insbesondere bei Arthrose.

Foto auf Wikipedia hier.

Der Pflanzenname „Teufelskralle“ wurde also mindestens zweimal vergeben, aber dem Tages-Anzeiger scheint es egal zu sein, welches Bild stimmt (ich habe den Fehler schon zweimal gemeldet). Die Idee, die mit diesem falschen Foto suggeriert wird, dass unsere einheimische Teufelskralle gegen Rheuma hilft, ist irreführend.

Der Artikel ist ein Beispiel dafür, dass man auch bei etablierten Medien nicht fraglos alles glauben sollte……

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Arzneipflanzen im Mittelpunkt der Woche der Botanischen Gärten 2018

Vom 9. – 17. Juni 2018 findet in Deutschland und Österreich die Woche der Botanischen Gärten statt. Sie steht unter dem Motto „Die Grüne Apotheke – vom Hortus Medicus zur Pharmaforschung“.

Über 40 Botanische Gärten rücken dabei mit zahlreichen Veranstaltungen und einer gemeinsamen Ausstellung die zentrale Rolle der Arzneipflanzen für die Heilkunde und die Bedeutung der pflanzlichen Vielfalt ins Blickfeld.

Dabei werden sowohl altbewährte als auch noch weitgehend unbekannte Arzneipflanzen im Detail präsentiert – von Arnika, Salbei und Knoblauch bis hin zu Schlafmohn, Eibe oder Maiapfel. Themenposter stellen zudem eine breite Palette von Fakten rund um Pflanzen in der Heilkunde vor.

Prof. Dr. Maximilian Weigend, Präsident des Verbandes Botanischer Gärten (VBG), schreibt zum Thema der Woche:

„Arzneipflanzen und deren Anwendung sind ein komplexes Feld. Buchstäblich zehntausende von Pflanzenarten wurden oder werden als ‚Arzneipflanzen’ eingesetzt – bei weitem nicht alle zu Recht, aber einige sind auch für die moderne Medizin unersetzlich. Auf kaum einem Gebiet findet sich allerdings auch so viel gefährliches Halbwissen: Überlieferung, Esoterik, gefühltes Wissen, empirische Daten und kritische naturwissenschaftliche Erkenntnisse liefern einen bunten Strauß von Vorstellungen, Meinungen und Fakten, die die Einstellung der Menschen gegenüber Arzneipflanzen prägen. Wir haben uns deshalb bemüht, alle dargestellten Fakten kritisch zu hinterfragen und von Experten überprüfen zu lassen, um wissenschaftlich fundiert zu informieren……“

Quelle und weitere Infos:

http://www.verband-botanischer-gaerten.de/pages/bg_woche_2018.html

 

Kommentar & Ergänzung:

Das Motto „vom Hortus Medicus zur Pharmaforschung“ ist sehr ansprechend.

„Hortus Medicus“ ist die latienische Bezeichnung für „Apothekergarten“, „Arzneigarten“. Solche Kräutergärten enthalten Heilpflanzen und Giftpflanzen, aber auch Gewürzpflanzen, die zur Herstellung von Arzneimitteln dienen. Apothekergärten gehen auf die Klostergärten des Mittelalters zurück, in denen Pflanzen zu medizinischen Zwecken angebaut wurden. Näheres auf Wikipedia.

Im Motto „vom Hortus Medicus zur Pharmaforschung“ drückt sich der weite Bogen von der historischen Kräuterheilkunde bis zur modernen Arzneipflanzenforschung aus, der auch in der Phytotherapie eine wichtige Rolle spielt und sie so interessant macht.

Dem Zitat von Prof. Weigend kann ich sehr zustimmen. Es gibt rund um das Thema Heilpflanzen sehr viel gefährliches Halbwissen oder auch schlichte Fehlinformationen aus Überlieferung, Esoterik und angeblich „gefühltem“ Wissen. Diese Welle von Fragwürdigkeiten hat nicht zuletzt mit dem Internet zu tun. Selbst vollkommen abstruse Behauptungen lassen sich im Netz in Windeseile verbreiten, während korrekte Information es viel schwerer hat und langsamer unterwegs ist.

Wie man Fehlinformationen von Fakten trennt und sich eine fundierte Meinung bildet, kann man übrigens in meinen Lehrgängen lernen.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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EFSA publiziert Sicherheitsevaluation für Catechine im Grüntee

Die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat eine Evaluation der Sicherheitsdaten von Catechinen im Grüntee durchgeführt. Grund dafür waren Meldungen von Leberschäden, die möglicherweise in Zusammenhang mit der Verwendung von Grünteeprodukten stehen.

Catechine sind die wichtigsten Flavonoide, die im Grüntee enthalten sind, wobei mengenmässig Epigallocatechingallat (EGCG) dominiert.

Die EFSA kommt in ihrer Untersuchung zum Schluss, dass Catechine in Aufgüssen und anderen Grünteegetränken generell sicher sind.

In Europa wird die aufgenommene Tagesmenge an EGCG über traditionelle Grünteeaufgüsse auf 90 bis 300 mg geschätzt.

Bei Erwachsenen, die Grünteegetränke in grossen Mengen konsumieren, kann sie bis zu 866 mg erreichen. Der regelmässige Genuss von Grüntee ist sehr beliebt. Beobachtungsstudien vor allem aus China und Japan zeigen, dass Grünteekonsumenten ein verringertes Risiko für Krebs und kardiovaskuläre Erkrankungen haben.

Andererseits können mit Schlankheitsprodukten auf der Basis von Grüntee für Erwachsene durchaus Catechindosen von über 800 mg/Tag zugeführt werden.

Bei so hohen Tagesdosen ist der Verdacht auf Leberschädigung aufgetaucht. Fachleute konnten bisher noch keine sichere Dosis definieren.

Bei Tagesdosen unter 800 mg gibt es keine Hinweise auf Leberschädigung.

Bei Recherchen wurden sehr variable Mengen an EGCG-Tagesdosen aus Nahrungsergänzungsmitteln mit Grüntee (5-1000 mg Catechine) gefunden.

Eine Rolle könnte auch die unterschiedliche Art der Einnahme spielen: Während Teeaufgüsse üblicherweise mit der Nahrung und über den Tag verteilt getrunken werden, werden Nahrungsergänzungsmittel eher nüchtern und als einzelne Tagesdosis eingenommen.

Um den Verbraucherschutz zu verbessern empfiehlt die EFSA, Grünteeprodukte deutlicher zu kennzeichnen mit Angabe des Catechingehalts. Darüber hinaus rät sie zu weiteren Studien zur Wirkung von Grünteecatechinen.

Literatur:

_European Food Safety Authority, Scientific opinion on the safety of green tea catechins, 18.04.2018

Quelle:

http://www.pharmavista.net/content/default.aspx?http://www.pharmavista.net/content/NewsMaker.aspx?ID=5685&NMID=5685&LANGID=2

 

Kommentar & Ergänzung:

Dass Grünteekonsum in Mengen, wie sie in China und Japan üblich sind, unschädlich ist, erscheint jedenfalls plausibel. Mit Nahrungsergänzungsmitteln kann man aber EGCG in Dosen aufnehmen, die weit darüber hinaus gehen. Hier ist Vorsicht durchaus angebracht. Die Empfehlung der EFSA, den Catechingehalt bzw. EGCG-Gehalt von Grünteeprodukten besser zu deklarieren, ist daher sinnvoll.

Bei Grüntee-Extrakten würde ich auch eine Angabe des DEV begrüssen. Dadurch lässt sich mindestens annähernd umrechnen, wieviel Tassen Grüntee eine Kapsel mit Grüntee-Extrakt entspricht. DEV = Droge-Extrakt-Verhältnis („Droge“ meint hier: getrocknete Arzneipflanze). Eine Erklärung zum DEV findet sich auf Wikipedia:

« Das Droge-Extrakt-Verhältnis (DEV), genau genommen das „native“ Droge-Extrakt-Verhältnis (DEVnativ), wird bei Drogenextrakten deklariert. Es gibt an, welche Ausgangsmenge an Droge für die Bereitung einer bestimmten Menge des Extraktes eingesetzt wurde. Für einen Trockenextrakt mit einem DEV von z. B. 10:1 bedeutet dies, dass 1 Teil Trockenextrakt aus 10 Teilen Droge gewonnen wurde, also wurde für die Bereitung von 10 g Trockenextrakt 100 g Droge eingesetzt. Mit dieser Zahl kann bei der Dosierung des pflanzlichen Arzneimittels immer auf die dafür eingesetzte Drogenmenge umgerechnet werden. Damit können auch verschiedene Trockenextrakte einer Droge in ihrer Qualität verglichen werden und Rückschlüsse auf die Anreicherung der Inhaltsstoffe gezogen werden. Trockenextrakte haben je nach eingesetztem Pflanzenteil ein DEV von 5 bis etwa 50:1, Fluidextrakte (Flüssigextrakte) haben ein DEV von 1:1 bis 1:2, Dickextrakte (zähflüssige Extrakte) beispielsweise 3-6:1, Tinkturen und andere alkoholische Extrakte meist 1:7 bis 1:9 bzw. 1:4 bis 1:4,5, je nachdem welche Menge Alkohol für die Extraktion der Droge eingesetzt wurde.»

Quelle: Wikipedia

Die erwähnten Beobachtungsstudien, die auf ein verringertes Risiko für Krebs und kardiovaskuläre Erkrankungen bei Grünteekonsumenten hinweisen, sind zwar interessant, können aber eine Wirksamkeit nie einwandfrei belegen.

Bei Beobachtungsstudien werden Bevölkerungsgruppen verglichen und es wird nach Zusammenhängen zwischen dem Auftreten von bestimmten Krankheiten und zum Beispiel bestimmten Ernährungsgewohnheiten geforscht.

Wenn man aber nun beispielsweise eine japanische und eine europäische Bevölkerungsgruppe vergleicht und dabei feststellt, dass in der japanischen Gruppe – die deutlich mehr Grüntee konsumiert – bestimmte Krebsarten seltener sind, dann ist damit noch nicht klar belegt, dass dieser Unterschied auf den Grünteekonsum zurückzuführen ist. Menschen in Japan unterscheiden sind an vielen Punkten von Menschen in Europa. Sie essen zum Beispiel auch mehr Soya, mehr Fisch, mehr Gemüse, weniger Fleisch….

In den Beobachtungsstudien zeigten sich die positiven Effekte von Grüntee zudem erst bei Gruppen, die relativ hohe Dosen täglich konsumierten, etwas 8 – 10 (japanische) Tassen.

Fazit: Wer Grüntee gern hat, kann ihn problemlos als Genusstee trinken, aber lieber nicht in exzessiv hohen Dosen. Mit konzentrierten Grüntee-Präparaten wäre ich zurückhaltend, vor allem, wenn es ausschliesslich um Vorbeugung geht.

Wer trotz fehlendem eindeutigem Wirksamkeitsnachweis Grüntee zum Beispiel zur Metastasen-Prophylaxe bei Krebserkrankungen einsetzen möchte, muss tägliche mehrere Tassen Grüntee trinken, allerdings nicht direkt wärhend einer Chemotherapie, da Grüntee die Wirksamkeit der Chemotherapie reduzieren kann.

Für den erwähnten Einsatz von Grüntee-Präparaten als Schlankheitsprodukte fehlen überzeugende Wirksamkeitsbelege.

Siehe dazu:

Grüntee zur Gewichtsreduktion? (1)

Grüntee zur Gewichtsreduktion? (2)

 

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Pflanzliche Präparate bei Wechseljahrsbeschwerden: Ökotest beurteilt nur Traubensilberkerze mit „gut“

Die Hormonersatztherapie gegen Wechseljahresbeschwerden hat in der Bevölkerung keinen guten Ruf. Deshalb suchen viele Frauen nach Alternativen. In Apotheken, Drogerien, Reformhäusern und im Internet sind für diesen Zweck zahlreiche Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel erhältlich. Ökotest hat mit der pharmazeutischen Hilfe von Professor Manfred Schubert-Zsilavecz aus Frankfurt einige Präparate unter die Lupe genommen.

Am besten schnitten dabei Präparate mit Traubensilberkerzen-Extrakt ab. Allerdings bekam nur das Traubensilberkerzen-Präparat Remifemin® die Note „gut“, weil hier aufgrund einer produktspezifischen Studie die Datenlage besser sei, schreibt Ökotest.

Von den anderen beurteilten Arzneimitteln mit Traubensilberkerze schnitten fast alle „befriedigend“ ab und nur eines mit „mangelhaft“.

Ein Extrakt aus Rhapontikrharbarber konnte die Tester nicht überzeugen, da zwar kleine Studien positive Effekte erkennen liessen, klinische Studien mit höheren Teilnehmerzahlen aber fehlten. Das Urteil  lautete daher nur „ausreichend“.

Bei den Nahrungsergänzungsmittteln überprüfte Ökotest insbesondere solche mit Isoflavonen aus Soja oder Rotklee. Einen Nutzen für gesunde Frauen sahen die Tester bei keinem Mittel. Die Bestnote bekamen hier die Menoflavon® Kapseln mit „ausreichend“.

Quelle:

https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2018/04/30/oekotest-findet-nur-traubensilberkerze-gut/chapter:all

 

Kommentar & Ergänzung:

Die Beurteilung durch Ökotest zeigt gut, dass die Studienlage bei den untersuchten Präparaten sehr unterschiedlich ist. Und die Studienlage hängt stark davon ab, wieviel ein Hersteller bereit ist in die Forschung zu investieren.

Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln müssen für ihre Produkte keinerlei Wirksamkeitsnachweis erbringen. Entsprechend ist die Motivation für aufwendige Forschung oft nicht sehr gross.

Bei Arzneimitteln sind die Anforderungen höher.

Im allgemeinen wird meines Erachtens viel zu wenig beachtet, dass sich Präparate aus der gleichen Arzneipflanze in ihrer Qualität und Wirksamkeit fundamental unterscheiden können. Im Kontext der Phytotherapie kann man nicht einfach sagen, dass Traubensilberkerze gegen Wechsejahrsbeschwerden wie Wallungen hilft. Man muss immer auch dazu sagen, in welcher Anwendungsform die Pflanze wirksam ist.

Von den überprüften Präparaten gehören die Isoflavone und damit Soja und Rotklee zu den Phytoöstrogenen.

Traubensilberkerze (Cimicifuga racemosa) wurde früher auch zu den Phytoöstrogenen gezählt. Heute geht von einem Wirkungsmechanismus via Zentralnervensystem aus.

Das hat den Vorteil, dass jede Beeinflussung des Wachstums von östrogensensitiven Tumoren ausgeschlossen werden kann.

Remifemin besteht aus einem Trockenextrakt aus Cimicifuga-Wurzelstock mit Isopropanol als Lösungsmittel. Für diesen Extrakt ist die Studienlage tatsächlich robust.

In der Schweiz wird bei Wallungen als Phytopharmaka meistens ein Cimicifuga-Präparat von Zeller angewendet:

– Cimifemin® Neo mit 6,5 mg Trockenextrakt (Ze 450)  aus dem Wurzelstock der Traubensilberkerze. Kauf und zahlt man selber in Apotheken und Drogerien.

– Cimifemin uno mit 6.5 mg Trockenextrakt (Ze 450) aus dem Wurzelstock der Traubensilberkerze.

– Cimifemin forte mit 13 mg Trockenextrakt (Ze 450) aus dem Wurzelstock der Traubensilberkerze.

Cimifemin uno und Cimifemin forte werden von der Grundversicherung bezahlt, wenn ein ärztliches Rezept vorliegt.

Für den Cimifemin-Trockenextrakt (Ze 450) gibt es auch positive Studien mit Patientinnen. Für Ze 450 wird aber Äthanol als Auszugsmittel verwendet, weshalb die Ergebnisse der Studien mit dem Isopropanol-Extrakt (Remifemin) nicht auf Cimifemin übertragen werden können.

 

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