Signaturenlehre (Pflanzensignaturen, Heilpflanzensignaturen)

Die Signaturenlehre, die davon ausging, dass Heilpflanzen uns durch ihre Formen und Farben sagen, wofür sie für uns gut sind, hatte ihren Höhepunkt in der Renaissance (16. Jahhundert). Dann geriet sie in eine Krise, weil zunehmend klar wurde, dass es sich bei diesen Zuschreibungen um Interpretationen handelt, die viel mit uns, aber so gut wie nichts mit den Pflanzen zu tun haben.

Und weil klar wurde, dass diese Interpretation unendlich ist. Jeder Mensch kann innert weniger Minuten Dutzende von Interpretationen liefern, die auf Ähnlichkeiten von Pflanzenformen und –farben mit Organen des Menschen zu tun haben. Selbst wenn man davon ausgeht, dass Formen und Farben etwas über die Wirkungen der Pflanzen aussagen, bleibt vollkommen unklar, nach welchen Kriterien entschieden werden soll, welche dieser Interpretationen relevant sind.

Nun kommen solche Vorstellungen unter Bezeichnungen wie Pflanzensignaturen oder Heilpflanzensignaturen wieder auf, weil sie offenbar Bedürfnissen von Menschen entsprechen. In der Vorstellung der Signaturenlehre hat die Natur uns etwas zu sagen. Das ist eine schöne Vorstellung. Die Heilwirkungen der Pflanzen sollte man daraus aber nicht ableiten.

 

Hier ein Zitat zu diesem Thema:

 

„Jahrhundertelang glaubte man in der Medizin, dass die Wirkung der Heilkräuter von ihren Formen abhänge. Die Blätter des Leberblümchen ähneln in ihrem Umriss zum Beispiel einer menschlichen Leber, folglich glaubte man an eine Heilkraft bei Leberinfektionen. Die Blätter des Huflattich haben die Form eines Pferdehufs, und man benutzte sie gegen Hufentzündungen……Falsch an der früheren Kräuterlehre war…die Theorie über den Zusammenhang von Form und Wirkung, aus der zum Teil falsche Schlüsse gezogen wurden. Heute wissen wir, dass die Effekte der Kräuter von ihren chemischen Inhaltsstoffen abhängen, von ihren sogenannten sekundären Stoffwechselprodukten, und dass die Form von Blatt, Wurzel und Blüte damit nichts zu tun hat. Aber solange man das annimmt, findet man natürlich immer irgendeine Analogie zwischen Form und Wirkung, um die Theorie aufrechtzuerhalten. Schliesslich sind höhere Pflanzen als Gestalten kompliziert genug, um alles mögliche in sie hineinzulesen.“

 

Quelle:

Hemminger/Keden; Seele aus zweiter Hand, Quell Paperback 1997

 

Kommentar & Ergänzung:

Interessant an diesem Zitat sind die letzten beiden Sätze. Tatsächlich: Fast jede Pflanze zeigt einen so grossen Reichtum an Formen und Farben, dass wir hundertfache Ähnlichkeiten darin entdecken können. Welche dieser Ähnlichkeiten mir ins Auge fallen, das hat aber nur mit mir zu tun. Es sind meine Erinnerungen, Assoziationen und Interpretationen, die aus der Vielzahl der Ähnlichkeiten auswählen. Dagegen ist gar nichts einzuwenden. Ohne diese Vorgänge wäre die Welt für uns ärmer.

Problematisch wird es nur, wenn man nicht erkennt, dass solche Deutungen aus unserem Inneren stammen und mit der Pflanze nichts zu tun haben. So kommt dann beispielsweise ein Buchautor und Hersteller von Pflanzentinkturen auf die Idee, dass die Wilde Möhre gut für Menschen sei, die sich zentrieren müssen, weil diese Pflanze im Zentrum ihrer Blüte einen auffallenden schwarz-violetten Punkt hat. Das würde dann bedeuten, dass die Wilde Möhre uns Menschen etwas sagen will und sich um uns kümmert. Das ist zwar eine anrührende, schöne Vorstellung, die wohl vor allem Menschen anspricht, die im Grunde genommen in grosser Distanz zur Natur leben. Doch ist es meines Erachtens auch eine sehr irreführenden Vorstellung. Vollkommen übersehen wird dabei nämlich, dass die Wilde Möhre sich mit ihrem schwarz-violetten Punkt nicht an uns, sondern an die Insekten richtet. Wir stellen uns viel zu sehr in den Mittelpunkt der „Natur-Veranstaltung“, wenn wir diese Botschaft als an uns gerichtet auffassen. Es steckt eine gehörige Portion Anthropozentrismus in diesen Vorstellungen von Signaturenlehre bzw. Pflanzensignaturen: Der Mensch steht im Zentrum der „Veranstaltung“ – die Pflanzen sind auf ihn hin geschaffen und ausgerichtet.

Mir scheint es sehr fragwürdig, dass solche Vorstellungen unreflektiert wieder in der Pflanzenheilkunde auftauchen.

Ökologischer ist es, wenn wir die Pflanzen in ihren Lebensräumen und in ihren Wechselwirkungen mit anderen Lebewesen sehen – zum Beispiel den bestäubenden Insekten. Wir Menschen spielen für die Pflanze wohl keine so grosse Rolle und sind allenfalls als Fressfeinde oder Zerstörer von Lebensräumen relevant.

Das soll uns nicht davon abhalten, uns an den Pflanzen zu freuen, sie gern zu haben und mit Respekt als Heilpflanzen oder Nahrungsmittel zu nutzen.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

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Homöopathie: Arnika-Globuli bei stumpfen Verletzungen von Weichteilen wirksam?

Bei Heilpflanzen-Anwendungen kommt es immer auch auf die Form an, in welcher sie eingesetzt werden. Dabei kommt es in den Medien oft zu verwirrenden bis irreführenden Aussagen. Auch werden homöopathische und phytotherapeutische Anwendungen oft verwechselt.

Schauen wir uns dazu ein Beispiel an:

Die österreichische „Kronenzeitung“, ein Boulevardblatt von fundamental fragwürdigem Niveau, berichtet über die Anwendung von Arnika-Globuli:

« „Arnika ist wohl eines der bekanntesten homöopathischen Mittel für Sportler. Es lindert Schmerzen, verhindert massive Schwellungen sowie Blutergüsse und beschleunigt den Heilungsprozess“, erklärte der Wiener Orthopäde und Sportmediziner Dr. Karl- Heinz Kristen auf einer Pressekonferenz. „Typischerweise zu verwenden bei stumpfen Verletzungen von Weichteilen mit Gewebeeinblutungen, Verschlimmerung durch Bewegung, Ruhelosigkeit und Verbesserung durch Kälte, z.B. bei Prellungen oder Zerrungen.“ »

Quelle:

 

http://www.krone.at/gesund-fit/mit-homoeopathie-durch-die-warme-jahreszeit-ausflug-und-reise-story-562777

Kommentar & Ergänzung:

Interessant wäre zu erfahren, welche Firma die Pressekonferenz veranstaltet hat, doch leider hält die Journalistin das offenbar nicht für mitteilungswert.

Arnika-Globuli werden oft empfohlen bei stumpfen Verletzungen wie Prellungen, Verstauchungen, Blutergüssen etc.

Die Schwierigkeit bei der Beurteilung von Behandlungserfolgen bei solchen Verletzungen liegt darin, dass im Einzelfall nicht gewusst werden kann, wie der Heilungsverlauf ohne Behandlung vonstatten gegangen wäre.

Aus diesem Grund macht man Studien, in denen die eine Gruppe mit Arnika-Globuli behandelt wird, und eine andere Gruppe mit einem Scheinmedikament (Placebo). So lässt sich unterscheiden, ob die Besserung mit Arnika-Globuli rascher eintritt als wenn man ohne Behandlung auf die natürlichen Selbstheilungskräfte setzt.

Solche kontrollierten Studien wurden mit Arnika-Globuli in namhafter Zahl durchgeführt.

Studien unterscheiden sich aber häufig stark in ihrer Qualität und nicht selten auch im Ergebnis. Wenn man eine verlässlichere Aussage bekommen will, fasst man daher die Resultate der qualitativ besten Studien in einer Metaanalyse zusammen. Das wurde für Arnika-Globuli bereits 1998 von Ernst & Pittler gemacht. Acht Studien wurden für die Metaanalyse ausgewertet:

Arch Surg. 1998 Nov;133(11):1187-90.

Efficacy of homeopathic arnica: a systematic review of placebo-controlled clinical trials.

Ernst E1, Pittler MH.

Die Autoren fanden keinen Unterschied zwischen der Placeo-Gruppe und der Arnika-Globuli-Gruppe:

„RESULTS: Eight trials fulfilled all inclusion criteria. Most related to conditions associated with tissue trauma. Most of these studies were burdened with severe methodological flaws. On balance, they do not suggest that homeopathic arnica is more efficacious than placebo.

CONCLUSION: The claim that homeopathic arnica is efficacious beyond a placebo effect is not supported by rigorous clinical trials.“

Quelle:

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9820349?dopt=Abstract

Langversion hier.

http://www.crd.york.ac.uk/CRDWeb/PrintPDF.php?AccessionNumber=11998002055&Copyright=Database+of+Abstracts+of+Reviews+of+Effects+%28DARE%29%3Cbr+%2F%3EProduced+by+the+Centre+for+Reviews+and+Dissemination+%3Cbr+%2F%3ECopyright+%26copy%3B+2017+University+of+York%3Cbr+%2F%3E

 

Während also Ernst & Pittlersich auf die acht qualitativ besten Studien beschränkten, habe im Jahr 2005 Rainer Lüdtke und Daniela Hacke alle prospektiven, kontrollierten Studien ausgewertet, bei denen Arnika homöopathisch verordnet wurde (insgesamt 49 Studien). Lüdtke und Hacke arbeiten bzw. arbeiteten für die Carstens-Stiftung, die sich der Förderung der Homöopathie verschrieben hat. Die Studie mit dem Titel „Zur Wirksamkeit des homöopathischen Arzneimittels Arnica montana“  kommt zu folgenden Schlussfolgerungen:

„Eine Wirksamkeit homöopathischer Arnika ist statistisch nicht nachzuweisen, aber auch nicht auszuschließen. Die Ergebnisse weisen eine hohe Heterogenität auf, die auch durch die Meta-Regression nicht eliminiert wird.“

Quelle:

Wiener Medizinische Wochenschrift

November 2005, Volume 155, Issue 21, pp 482–490

http://link.springer.com/article/10.1007/s10354-005-0227-8?no-access=true

Oft zeigen sich in qualitativ schlechteren Studien positive Ergebnisse, die sich in gut gemachten Studien nicht reproduzieren lassen. Aber selbst mit Einbezug dieser schlechteren Studien konnten die Autoren, die zudem der Homöopathie zugewandten sind, keine überzeugenden Resultate finden.

Erstaunlich ist meines Erachtens, dass diese doch sehr eindeutige Studienlage in der Verordnungspraxis offenbar keine Beachtung findet. Arnika-Globuli gehören nach wie vor zu den am häufigsten angewandten Homöopathika.

Die Empfehlung von Arnika-Globuli bei stumpfen Verletzungen müsste eigentlich „tot“ sein, wenn aus der Studienlage Konsequenzen gezogen würden.

Passend zum Thema ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe.

Zitat des Tages von Johann Wolfgang von Goethe

Und wie sieht die Situation bezüglich Arnika in der Phytotherapie aus?

Die Phytotherapie-Fachliteratur lehnt die innerliche Anwendung von Arnika ab, weil die Sicherheit nicht ausreichend geklärt ist.

Phytotherapeutisch wird Arnika daher nur äusserlich angewendet – vor allem als Arnikagel oder in Form von verdünnter Arnikatinktur – zum Beispiel bei Verletzungs- und Unfallfolgen wie Hämatomen, Prellungen, Quetschungen; bei rheumatischen Muskel- und Gelenksbeschwerden und bei Entzündungen als Folge von Insektenstichen.

Schaut man sich hier die Studienlage an, ist das Fazit ebenfalls nicht so eindeutig. Das hängt auch damit zusammen, dass phytotherapeutische Arnikapräparate in sehr unterschiedlicher Qualität im Handel sind. Homöopathische Arnika-Globuli sind dagegen sehr eindeutig definiert, so dass Studienergebnisse gut auf die Arnika-Globuli aller Hersteller übertragen werden können.

Bei phytotherapeutischen Arnikapräparaten sind die Qualitätsunterschiede zwischen den verschiedenen Zubereitungsformen und Markenprodukten so gross, dass Studienergebnisse mit einem Präparat nicht ohne weiteres auf andere Präparate übertragen werden können. Das macht eine generelle Bewertung der Studienlage schwierig. Eine Studie gilt daher eigentlich nur für das Präparat, das gerade untersucht wurde.

Das Phytotherapie-Fachbuch „Teedrogen und Phytopharmaka“ schreibt zur Studienlage für die äusserliche Anwendung von Arnikapräparaten:

„In einer klinischen Doppelblindstudie zum Wirksamkeitsnachweis von Arnika-Salbe und Arnika-Gel bei chronischer Veneninsuffizienz konnten signifikant positive Effekte nachgewiesen werden. In einer klinischen Studie mit Patienten mit Osteoarthritis an den Händen konnte bei Behandlung mit Ibuprofen-Gel oder mit Arnika-Gel in beiden Gruppen eine vergleichbare Verbesserung von Beweglichkeit und Schmerzreduktion festgestellt werden. Eine systematische Auswertung von 11 Studien zur topischen Anwendung von Arnika-Zubereitungen in der Behandlung von Schmerzen, Schwellungen und hämatomen kommt zum Schluss, dass eine Tendenz zu Wirksamkeit gegeben ist, aber weitere Studien – eventuell auch mit höheren Dosierungen – wünschenswert wären.“

Klar ist: In der Phytotherapie braucht es ziemlich viel fundiertes Wissen, um ein geeignetes Präparat und eine geeignete Zubereitungsform auszuwählen.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Gemmotherapie: Ribes nigrum Mundspray gegen Halsschmerzen?

Letzte Woche wurde ich gefragt, was ich von Ribes nigrum Mundspray gegen Halsschmerzen halte und ob es dazu Studien gebe. Ribes nigrum ist die Schwarze Johannisbeere. Das Präparat basiert auf Prinzipien der Gemmotherapie, die Auszüge aus Pflanzenknospen (Knospenmazerate) verwendet und dabei die in den Knospen enthaltenen Pflanzenwuchstoffe als wirksam erachtet.

Nun sind Pflanzenwuchsstoffe in Knospen fraglos wichtig für Pflanzen. Ob sie pauschal auch für Menschen positive Effekte haben, ist keineswegs gewiss und eher unplausibel.

Die vorliegenden Laborexperimente und Anwendungsbeobachtungen zu diesem Ribes nigrum Mundspray reichen nicht ansatzweise aus, um die weitreichenden Versprechungen der Gemmotherapie zu belegen.

Wer den Ribes nigrum Mundspray bei Halsschmerzen anwendet, wird überwiegend positive Erfahrungen machen, was aber auch daran liegen könnte, dass Halsschmerzen in der Regel von selbst wieder bessern. Möglicherweise wirkt auch das Alkohol-Glycerin-Gemisch als Trägerlösung lindernd und weniger die in äusserst geringer Konzentration vorhandenen Inhaltsstoffe der Johannisbeer-Knospen.

Manche Hersteller und Verkäufer von Gemmo Schwarze Johannisbeere Spray versprechen auch eine Cortison-ähnliche Wirkung bei Entzündungen und Allergien aller Art, zum Beispiel bei Rheuma, Arthritis, Gicht, nach Operationen und bei Fibromyalgie.

Das sind Behauptungen, für die es weder Belege noch glaubwürdige Erklärungen gibt.

Das ist aber ein generelles Phänomen rund um die Gemmotherapie-Präparate: Ausserordentlich weitreichenden Versprechungen stehen keinerlei Belegen gegenüber.

Siehe auch:

Heilsame Knospen? Die fragwürdige Welt der Gemmotherapie

 

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Alternativmedizin: Smoothies statt Notarzt

Als ihr 19 Monate alter Sohn schwer krank war, wollte ein kanadisches Paar ihn mit Alternativmedizin kurieren, statt zum Arzt zu gehen. Der Sohn starb. Die Elten mussten wegen Verletzung der Fürsogepflicht vor Gericht.

Der Fall zeigt exemplarisch, wo das Hauptrisiko der Alternativmedizin liegt. Gefährlich wird es immer dann, wenn Allmachtsvorstellungen und Fundamentalismus ins Spiel kommen und Menschen deswegen bei schweren Krankheiten auf wirksame Medizin verzichten. Oder wenn sie eine solche Entscheidung für ihre Kinder treffen.

Der Sohn Namens Ezekiel war im März 2012 infolge einer Hirnhautentzündung gestorben. David und Collet Stephan hatten bis zuletzt keinen Arzt konsultiert. Stattdessen versuchten sie das Kind zweieinhalb Wochen lang mit alternativmedizinischen Mitteln zu behandeln. Erst als die Atmung des Kindes aussetzte, riefen die Eltern einen Rettungswagen.

Die Rechtsmedizin kam zum Schluss, dass Ezekiel an einer von Bakterien ausgelösten Meningitis starb, also einer Hirnhautentzündung. Diese gefährliche Erkrankung lässt sich mit Antibiotika behandeln. Gegen einen häufigen auftretenden Meningitis-Auslöser bei Kindern, Haemophilus influenzae b, gibt es eine Schutzimpfung. Das Kind war allerdings nicht geimpft. Eine andere Expertin erklärte, Ezekiel sei an einer viralen Meningitis gestorben und dass er noch leben könnte, wenn der damals eingesetzte Notarztwagen über die Ausstattung verfügt hätte, ein Kleinkind mit aussetzender Atmung zu versorgen. Allerdings befindet sie sich diese Expertin selbst in einem Rechtsstreit mit dem Staat.

Laut Berichten von Medien sagten David und Collet Stephan aus, dass sie dachten, ihr Sohn habe die Grippe oder Pseudokrupp. Sie hätten ihm unter anderen Smoothies und Mittel wie scharfem Pfeffer, Meerrettich, Knoblauch sowie Olivenölextrakt verabreicht.

Das Kind habe am 27. Februar 2012 erste Symptome gezeigt, am 5. März verbesserte sich sein Zustand leicht. Am Tag darauf sei es aber ungewöhnlich lethargisch gewesen, habe nichts getrunken oder gegessen, nur gestöhnt. Die Eltern beschreiben daraufhin wieder eine gewisse Besserung, dann wieder eine Verschlechterung des Gesundheitszustands.

Am 12. März sei der Körper des Kindes so steif gewesen, dass sich sein Rücken durchgebogen habe und die Eltern flößten ihrem Sohn Flüssigkeit mithilfe einer Pipette ein, weil er von allein nicht mehr aß oder trank. Am 13. März suchten die Eltern einen Heilpraktiker auf, von dem sie ein Echinacea-Präparat bekamen, ein pflanzliches Präparat aus dem Sonnenhut, das die Immunabwehr stärken soll. Laut verschiedenen Berichten wurde das Kind in der Heilpraktikerpraxis nicht untersucht. Das Kind soll so steif gewesen sein, dass es im Auto nicht habe sitzen können, sondern hingelegt werden musste.

Als am Abend die Atmung des Kindes aussetzte, rief David Stephan zuerst seinen Vater an, bevor er die Ambulanz alarmierte. Da hatte sich Ezekiels Gesicht schon blau verfärbt. Im Spital stellten die Mediziner fest, dass bei Ezekiel kaum noch Hirnaktivität vorhanden war. Am 16. März starb das Kind.

David Stephan ist Vizepräsident in der Firma seines Vaters in der Provinz Alberta, die Nahrungsergänzungsmittel vertreibt und erklärt, diese seien unter anderem gegen ADHS, Depressionen oder Autismus wirksam.

Vor Gericht wurde das Paar schuldig gesprochen. Ezekiels Vater wurde zu vier Monaten Gefängnis verurteilt, die Mutter zu drei Monaten Hausarrest.

Sie zeigten aber keinerlei Einsicht.

Auf einer eigens zu diesem zweck eingerichteten Facebook-Seite

«Prayers for Ezekiel» (Gebete für Ezekiel) erinnern sie nicht nur an den Tod ihres Sohnes. Die Stephans kämpfen mit Polemik gegen den kanadischen Richter Rodney Jerke, der die beiden wegen unterlassener Hilfe für ihr an bakterieller Hirnhautentzündung erkranktes Kind verurteilte. Über die sozialen Medien unterstellen die Eltern eine angebliche Verschwörung der Behörden gegen die Anhänger alternativer Medizin und gegen Impfungsverweigerer. Der Richter hat deshalb bei der Urteilsverkündung angeordnet, dass die Stephans auf derselben Facebook-Seite das Urteil gegen sie und die Begründung des Richters in voller Länge veröffentlichen müssen.

Dieser Schritt hat Juristen und andere Experten in Nordamerika überrascht, weil es sich hier um einen Strafprozess und nicht ein Zivilverfahren handelte, wo Täter in Verleumdungsfällen manchmal gezwungen werden, ihre falschen Behauptungen öffentlich zu widerrufen. Der Fall zeige aber, in welchem Zeitalter wir leben, sagte die Rechtsprofessorin Carissima Mathen von der Universität Ottawa. «Viele Leute beziehen ihre Informationen aus den sozialen Medien. Sie glauben, was sie dort lesen.»

Die Zeitung «National Post» sieht die Anordnung zur Publikation des Ureils auf der Facebook-Seite als «klares Zeichen, dass die Gerichte auf die zunehmende Macht der sozialen Medien reagieren und auf die Weise, wie dort Kriminelle Unterstützung und Publizität gewinnen können, die den Glauben an das Rechtssystem unterhöhlen».

Quellen:

http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/kanada-eltern-nach-tod-ihres-kindes-verurteilt-a-1089934.html

Tages-Anzeiger, 2016-07-01

Kommentar & Ergänzung:

Das ist zwar ein extremes Beispiel, aber leider kein Einzelfall. Es ist erschütternd, wie lange diese Eltern ihren Sohn leiden liessen, im Irrglauben, das beste für ihn zu tun.

Es gibt verblendeten Extremismus nicht nur in der Politik. Auch in der Alternativmedizin sind Menschen anzutreffen, die sich komplett in ihrer eigenen Welt abgeschottet haben.

Dem liegt oft eine radikale Spaltung der Welt in Schwarz und Weiss zugrunde. Hier die heile Alternativmedizin, dort die böse „Schulmedizin“. Dann füllt es sehr schwer, im Notfall oder generell bei schweren Erkrankungen Hilfe aus dem feindlichen Lager anzunehmen.

Schwarz-Weiss-Denken aber ist immer riskant, egal ob es um Politik geht oder um unsere Gesundheit.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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[Buchtipp] Homöopathie neu gedacht von Natalie Grams

homoeopathie-neu-gedacht

Verlagsbeschreibung

Die Homöopathie ist über 200 Jahre alt und erfährt auch heute noch einen ungebrochenen Zustrom. Viele Patienten und Therapeuten schwören auf die alternative Heilmethode, die mittlerweile auch von vielen Krankenkassen erstattet wird. Kritikern erscheint dies völlig unverständlich ist für sie doch längst klar, dass die Homöopathie hoffnungslos unwissenschaftlich ist und allenfalls einen Placebo-Effekt zu bieten hat. Schon seit ihrer Geburtsstunde sieht sich die Homöopathie äusserst kontroversen Diskussionen ausgesetzt. Die Positionen von Befürwortern und Gegnern scheinen dabei ebenso unverrückbar wie unvereinbar. Natalie Grams zugleich naturwissenschaftliche Ärztin und offene Homöopathin geht in diesem authentischen Buch über das bisher Gesagte hinaus. Sie beantwortet spannende Fragen: Was bleibt in einer Medizin des 21. Jahrhunderts übrig von dem Gedankengebäude der Homöopathie? Wie wirkt sie wirklich? Welche Teile von Hahnemanns Theorien können wir auch heute noch guten Gewissens anwenden und zum Nutzen von Patienten und Gesundheitssystem einsetzen? Wo aber hat die Homöopathie Grenzen und muss in der Tat kritisch betrachtet und bewertet werden? Die Autorin hat sich über Jahre mit den Kritikpunkten an der Homoöpathie auseinandergesetzt, nimmt aber gleichzeitig auch die Wünsche und Sorgen ihrer Patienten ernst, die sich in der konventionellen Medizin oft nur unzureichend versorgt fühlen. Ihr Buch versucht einen (überfalligen) Brückenschlag zwischen den zwei traditionell verfeindeten Lagern.

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Zur Autorin Natalie Grams

Die Ärztin Dr. med. Natalie Grams, Jahrgang 1978, führte eine erfolgreiche homöopathische Privatpraxis in Heidelberg. Im Laufe ihrer Tätigkeit kamen ihr als Naturwissenschaftlerin jedoch Zweifel darüber, wie die Homöopathie auch heute noch guten Gewissens angewendet werden kann. Ihr Medizinstudium hat Grams in München begonnen und in Heidelberg beendet, wo sie seither mit ihrem Mann und drei Kindern lebt.

Inhaltsverzeichnis des Buches „Homöopathie neu gedacht“:

Vorwort.

1. Wie und auf welcher Grundlage behandelt die Homöopathie?

2. Wovon ist die Rede, wenn wir von Homöopathie sprechen?- Gibt es die Homöopathie?- Samuel Hahnemann, Begründer der Homöopathie.- In welcher Zeit entstand die Homöopathie?- Die homöopathische Methode – was ist anders?- Die homöopathischen Repertorien und die Materia medica.- Die homöopathische Anamnese.- Die homöopathischen Medikamente (Potenzierung).- Die homöopathische Diagnose, das Prinzip Ähnlichkeit und die homöopathische Arzneimittel-Prüfung.- Die Empfindungsmethode in der Homöopathie.

3. Ist die Homöopathie Teil der heutigen Medizin?- Wozu brauchen wir die Wissenschaft überhaupt?- Zur persönlichen Situation: Im Konflikt mit der Naturwissenschaft.- Geistartige Energie und fehlender Wirkstoff – das Problem der potenzierten Medikamente in der Homöopathie.- Der problematische Begriff Lebenskraft.- Die homöopathische Arzneimittelprüfung.- Ist die Homöopathie Medizin?

4. Warum wenden sich Patienten der Homöopathie zu?…

Kommentar von Martin Koradi

Das Buch „Homöopathie neu gedacht“ von Natalie Grams ist sehr lesenswert für alle, die sich für Homöopathie im speziellen oder für Komplementärmedizin im weiteren Sinn interessieren. Doch auch wer wissenschaftlich-medizinisch denkt, wird aus dem Buch interessante Anregungen mitnehmen können. Denn die Frage, der Natalie Grams auf den Grund geht, ist sehr relevant: Wenn homöopathische Globuli keine spezifische arzneiliche Wirkung haben – und dafür sprechen die vorliegenden Erkenntnisse aus Studien mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit – wie kommt es dann, dass viele Menschen bei verschiedensten Beschwerden durch Homöopathie Linderung erfahren? – Die Antworten auf diese Frage sind auch lehrreich für andere therapeutische Methoden und für die Medizin. Kritiker und Anhänger der Homöopathie können aus „Homöopathie neu gedacht“ interessante Erkenntnisse gewinnen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

Nobelpreisträger Randy Schekman: Kritik am Wissenschaftsbetrieb

Ich bin kein Wissenschaftsfeind – im Gegenteil. Wer wissenschaftliche Argumente ignoriert, kann sich nur an Werbung und Propaganda orientieren. Dann setzt sich durch, wer mehr Geld hat und damit lauter schreien kann in der Öffentlichkeit. Das ist ungesund und absurd.

Es gibt allerdings auch eine ganze Reihe von ernstzunehmenden Kritikpunkten am gegenwärtigen Wissenschaftsbetrieb.

Ernstzunehmende Kritik sollte nicht pauschal herumschwadronieren, sondern möglichst genau Fehlentwicklungen und Schwachpunkte benennen.

Holger Dambeck hat auf Spiegel online ein lesenswertes Interview mit dem Medizin-Nobelpreisträger Randy Schekman geführt, der präzis auf fragwürdige Fehlentwicklungen im Wissenschaftsbetrieb hinweist.

Schekman attestiert der Wissenschaft ein Qualitätsproblem und kritisiert im Interview namhafte Wissenschaftsjournals wie „Nature“, „Science“ und „Cell“, die der Wissenschaft seiner Meinung nach schaden:

„Diese Magazine suchen Studien, die möglichst viel Aufmerksamkeit erregen. Das ist logisch, denn sie wollen Hefte verkaufen. Aber es verzerrt die wissenschaftliche Arbeit. Junge Forscher glauben, sie müssten auf Gebieten arbeiten, auf denen sie eine Sensation kreieren können. Zum Teil werden Themen aufgebauscht, bis es falsch wird…….. Der Druck, in renommierten Magazinen veröffentlichen zu müssen, führt auch dazu, dass Wissenschaftler betrügen. Spektakuläre Ergebnisse erhöhen die Chancen, dass eine Studie zur Veröffentlichung angenommen wird.“

Als Beispiel geht Schekman auf die Andrew-Wakefield-Studie ein, die 1998 in „Lancet“ erschienen war und behauptete, eine Impfung könne Autismus auslösen.:

„Das war extrem schädlich.“

Der Interviewer Dambeck verweist dann auf den Peer Review, die Prüfung von Fachartikeln vor der Veröffentlichung durch Kollegen, der so etwas doch verhindern sollte.

Schekman geht darauf konkreter auf die Andrew-Wakefield-Studie ein:

„Bei der Wakefield-Studie hat die Begutachtung zwar funktioniert, aber nichts bewirkt. Ich habe von einem damaligen „Lancet“-Mitarbeiter erfahren, dass das Paper von allen Gutachtern kritisiert worden war, die am Peer Review beteiligt waren. Auch die Redakteure von „Lancet“ kritisierten Wakefields Arbeit. Aber aus der Chefetage hieß es, das ist eine sensationelle Geschichte, wir sollten sie veröffentlichen. Später stellte sich heraus: Das Ganze war Betrug, Wakefield verlor seine Zulassung. Schauen Sie sich an, welchen Schaden dieses aus Sensationslust veröffentlichte Paper angerichtet hat. Bis heute glauben Leute, Impfungen könnten Autismus auslösen.“

Fehlende Reproduzierbarkeit

Danach gefragt, ob von seiner Kritik einzelne Fachrichtungen besonders betroffen seien, antwortet Schekman:

„Ja, die biomedizinische Forschung. Wir können viele veröffentlichte Studien nicht reproduzieren, also die Ergebnisse in einem neuen Experiment wiederholen.“

Das ist eine alarmierende Aussage. Reproduzierbarkeit ist eine zentrale Forderung an die wissenschaftliche Forschung. Eine durchgeführte Studie muss von anderen Wissenschaftlern mit dem gleichen Resultat wiederholt werden können, wenn sie genau gleich durchgeführt wird. Fehlende Reproduzierbarkeit stellt Forschung fundamental in Frage.

Schekman kritisiert auch den Impact-Faktor, mit dem erfasst, wie häufig Artikel eines Magazins zitiert werden, und mit dem wissenschaftliche Bedeutung messbar gemacht werden soll:

„Der Impact Factor ist eine komplett falsche Messmethode. Aus mehreren Gründen. Zuerst: Die Zahl wird über einen Zeitraum von nur zwei Jahren ermittelt. Zwei Jahre – das ist ein in der Wissenschaft lächerlich kurzer Zeitraum. Deshalb wollen die Magazine besonders schillernde Artikel veröffentlichen. Zweitens: Die Zahl ist ein ganz normaler Mittelwert über alle Zitierungen sämtlicher Artikel eines Fachblatts. Sortiert man die Artikel nach der Anzahl der Zitate, erhält man einige wenige mit besonders vielen und sehr viele mit sehr wenigen Zitaten.“

Wenn Fachmagazine gierig sind nach besonders schillernden Artikeln, dann ist Verzerrung vorprogrammiert. Die reine Reproduktion einer bereits veröffentlichten Studie wird dadurch wegen fehlendem Neuigkeitswert unattraktiv für eine Publikation.

Abschliessend fragt Spiegel online:

„Glauben Sie, dass Wissenschaftler eines Tages aufhören, sensationell klingende Studien zu verfassen und nach Impact Faktoren und renommierten Magazinen zu schielen?“

Antwort Schekman:

„Wir müssen den Umgang mit wissenschaftlichen Publikationen ändern. Das erzähle ich auch überall, wenn ich Vorträge halte oder befragt werde. Ich versuche, vor allem die Geldgeber zu überzeugen, die über die Forschungsförderung und Stipendien entscheiden. Wenn sie verstehen, dass sie nach anderen Kriterien entscheiden müssen, dann wird sich viel ändern. Da bin ich ganz optimistisch.“

Quelle:

http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/nobelpreistraeger-randy-schekman-kritisiert-science-und-nature-a-1154483.html

Kommentar & Ergänzung:

Ein weiterer kritischer Punkt im Wissenschaftsbetrieb ist das Verschweigen negativer Studienresultate bei neuen Medikamenten (publication bias).

Studienresultate werden gern publiziert, wenn sie einen günstigen Einfluss zeigen und ebenso gern verschwiegen, wenn sie der Vermarktung abträglich sind. Das machen im Übrigen nicht nur klassische Pharmakonzerne, sondern genauso die Hersteller von Präparaten der sogenannten Komplementärmedizin (Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff)

Zu Kritikpunkten der Pharmaforschung siehe:

Pharmaforschung hält negative Studien zurück

Medizinische Forschung: Petition fordert volle Transparenz

Pharmaforschung verheimlichte Interessenkonflikte in Meta-Analysen

Pharmastudien glänzen häufiger mit günstigem Resultat

Unsinnig und unnötig sind pauschale Feindbilder gegenüber der Wissenschaft, wie leider auch im Bereich Alternativmedizin / Komplementärmedizin allzu oft gepflegt werden. Aber detaillierte, präzise Kritik an konkreten Fehlentwicklungen im Wissenschaftsbetrieb ist sehr wichtig.

Die im Interview erwähnte Geschichte rund um die Andrew-Wakefield-Studie ist im Übrigen ein absolutes Desaster. Der von Andrew Wakefield im Jahr 1998 im renomierten Fachmagazin The Lancet publizierte Artikel unterstellte fälschlicherweise einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung (gegen Mumps, Masern, Röteln) und der Entstehung von Autismus.

Obwohl der Artikel wegen gravierenden Fehlern von The Lancet im Jahr 2010 zurückgezogen wurde und inzwischen mehrfach belegt werden konnte, dass MMR-Impfungen nicht ursächlich für Autismus verantwortlich sind, wird die Behauptung, dass Impfungen Autismus auslösen, von fundamentalistischen Impfgegnern immer noch weiter verbreitet. Siehe Artikel zu Andrew Wakefield auf Psiram.

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Krebs: Alternative Therapien reduzieren Überlebenschancen

Wer sich gegen eine etablierte Krebstherapie entscheidet und auf alternative Medizin setzt, reduziert seine Chancen, die kommenden fünf Jahre zu überleben. Im Durchschnitt erhöht sich das Sterberisiko um das 2,5-Fache. Das berechneten Wissenschaftler der Yale School of Medicine in Connecticut. Sie verwendeten dazu Daten von 840 Patienten mit Erstdiagnose behandelbarer Krebsarten wie Brustkrebs, Lungenkrebs, Darmkrebs und Prostatakrebs. 560 Patienten hatten eine konventionelle Behandlung mit Chemotherapie, Strahlentherapie, Hormontherapie oder Operation gewählt. 280 Patienten hatten sich dagegen entschieden. Welche Alternativen die Patienten wählten, ob Homöopathie, Anthroposophische Medizin, hoch dosierte Vitamine, spezielle Diäten oder anderes, wurde in der Studie nicht genauer unterschieden.

Bei Brustkrebs erhöhte sich das Sterberisiko bei alleiniger alternativer Behandlung um das 5,7-Fache, bei Darmkrebs um das 4,6-Fache und bei Lungenkrebs um das 2,2-Fache, schreiben die Forscher im «Journal of the National Cancer Institute». Von den Lungenkrebs-Patienten überlebten 41 Prozent unter konventioneller herkömmlicher Therapie die kommenden fünf Jahre, unter alternativer Behandlung waren es 20 Prozent. Bei Darmkrebs überlebten 79 Prozent unter herkömmlicher Behandlung, aber nur 33 Prozent der Patienten, die sich der konventionellen Medizin verweigerten.

Der Hauptautor der Studie, Dr. Skyler Johnson, kommentiert die Ergebnisse so:

«Wir haben nun Evidenz zur der Annahme, dass der Gebrauch alternativer Medizin anstelle etablierter Krebstherapien zu schlechteren Überlebensraten führt». Die Forscher hoffen, dass diese Information bei der Entscheidung von Patienten und Ärzten für oder gegen eine bestimmte Behandlung helfen kann.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=70997

DOI: 10.1093/jnci/djx145

 

Kommentar & Ergänzung:

Wirklich überraschend ist dieses Ergebnis ja nicht.

Fraglos gibt es bei Krebserkrankungen insbesondere in fortgeschrittenem Stadium Situationen, in denen Operationen oder Chemotherapien keine entscheidende Wende mehr bringen können. In solchen Situationen ist es nachvollziehbar, wenn Patientinnen und Patienten abwägen, ob sie allenfalls auf eine belastende onkologische Therapie verzichten und eher auf Palliative Care setzen. In vielen Situationen können onkologische Therapien allerdings entscheidende Besserungen oder gar eine Heilung von Krebserkrankungen bewirken, so dass es sehr riskant wäre, auf alternative Therapien zu setzen. Genau das zeigt die vorliegende Untersuchung.

Bei den Alternativen Therapien gibt es zwar unendlich viele Versprechungen, wie sich Krebs angeblich heilen lässt. Diese zum Teil sehr hochtrabenden Behauptungen lassen sich allerdings in aller Regel nicht durch Fakten und Belege untermauern. Wenn es direkt um die Bekämpfung des Tumor geht und um eine verlängerte Überlebensdauer, hat alternative Therapie nichts Handfestes zu bieten. Leider. Aber die verständliche Hoffnung macht Patientinnen und Patienten sehr anfällig und verletzlich für windige Heilungsversprechungen und zahlreiche Anbieter nutzen das gnadenlos aus. Dabei steht nicht immer finanzieller Gewinn im Vordergrund. Viele Anbieter alternativer Krebstherapien sind sehr überzeugt von der Wirksamkeit ihrer Methoden und täuschen sich dabei selbst. Ihr Gewinn liegt allenfalls auf einer psychologischen Ebene. Hinter der Vorstellung, mit ganz einfachen, sanften Mitteln Krebs heilen zu können, steckt oft eine Machtfantasie. Das verschafft eine Position, die dem eigenen Ego zuverlässig Futter zuführt. Der grossen Heiler-Pose begegne ich leider immer wieder.

Ergänzende Möglichkeiten bei Krebserkrankungen gibt es jedoch im Bereich der Verbesserung der Lebensqualität, zum Beispiel durch Linderung von Nebenwirkungen der Chemotherapie und Strahlentherapie. Hier können auch Heilpflanzen unterstützend wirken.

Dazu führe ich regelmässig Tagesseminare durch. Siehe Details hier:

Heilpflanzen-Anwendungen in Onkologiepflege und Palliative Care

Das ist ein bescheidenerer Ansatz. Es geht um Linderung und Verbesserung von Lebensqualität, nicht um Heilung. Dieser Ansatz hat es nicht so leicht. Denn Patientinnen und Patienten suchen in der Regel in erster Linie Heilung und erst in zweiter Line Linderung. Und AnbieterInnen alternativer Therapien haben mehr Zulauf, wenn sie Heilung versprechen, als wenn sie Möglicheiten der Linderung vermitteln. Aber dieser bescheidenere Ansatz hat einfach mehr Boden als die grassierenden, windigen Heiler-Posen.

Zur beschriebenen Studie ist noch anzumerken, dass es natürlich schade ist, dass nicht unterschieden wurde, welche alternativen Therapien genau die Krebskranken anwendeten.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Mehr Zusammenarbeit zwischen Schulmedizin und Alternativer Medizin – was heisst das genau?

In einer Diskussion in den Kommentarspalten der Seite „DocCheck“ bin ich auf folgendes Statement gestossen:

„Ich finde es sehr schade und traurig und auch arm, dass man nicht beide Ansätze (Schulmedizin und Alternative Medizin) nebeneinander stehen lassen kann und dass diese nicht endlich mal zusammenarbeiten können zum Wohle des Patienten. Jedes hat was Gutes und auch was negatives – nehmen wir doch von beiden Ansätzen das Gute! :-)“

Quelle:

http://news.doccheck.com/de/blog/post/6569-als-globuli-gegner-wird-man-nicht-reich/

Kommentar & Ergänzung:

Im ersten Moment hat mich dieses Statement angesprochen. Sympathisch, oder nicht? Kurz danach hat es mich aber eher irritiert und ich habe mich gefragt, was diese Sätze eigentlich aussagen.

Mehr Zusammenarbeit zwischen Schulmedizin und Alternativer Medizin zum Wohle des Patienten – das ist auf den ersten Blick eine nachvollziehbare Forderung. „Zusammenarbeit“ und „Wohl des Patienten“ – wer könnte da schon ernsthaft etwas dagegen einwenden.

Schaut man genauer hin, stellen sich allerdings eine ganze Reihe von Fragen.

Das fängt schon damit an, dass der Begriff „Schulmedizin“ ausgesprochen problematisch ist.

Siehe dazu:

Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck

Mit dem Ausdruck „Alternative Medizin“ steht es aber auch nicht besser. Wer möchte nicht Alternativen haben, vor allem, wenn es um die eigene Gesundheit geht.

Aber was ist denn genau gemeint mit „Alternativer Medizin“?

Darunter kann man sich alles und jedes vorstellen. Da es hier keinerlei Einschränkungen gibt, kann jede Methode und jedes Präparat, das Heilung verspricht und nicht der „Schulmedizin“ entstammt, als „Alternative Medizin“ etikettiert werden.

Pauschal eine Zusammenarbeit zwischen „Schulmedizin“ und „Alternativer Medizin“ zu fordern, läuft daher ziemlich ins Leere.

Der Begriff „Alternative Medizin“ ist eine inhaltslose Worthülse. Reden wir doch stattdessen von konkreten Methoden. Nur dann lässt sich fundiert darüber diskutieren, ob eine bestimmte Methode für die geforderte Zusammenarbeit geeignet ist oder nicht.

Zu klären wäre dann aber ausserdem noch, was mit „zusammenarbeiten“ genau gemeint ist. Auch „zusammenarbeiten“ tönt ja immer gut und erstrebenswert.

Wie die Zusammenarbeit konkret aussehen soll, müsste auf den Tisch gelegt und diskutiert werden. Während es ganz einfach ist, pauschal und vage Zusammenarbeit zu fordern, zeigen sich die Tücken erst im Detail. Ein Widerspruch taucht bereits im erwähnten Kommentar auf, wenn gleichzeitig gefordert wird, dass die beiden Ansätze „Schulmedizin“ und „Alternative Medizin“ nebeneinander stehen gelassen werden sollten. Neben einander stehen lassen – das ist jedoch weit entfernt von Zusammenarbeiten.

.Auch wenn von „Schulmedizin“ und „Alternativer Medizin“ gesagt wird, jedes habe „was Gutes und auch was Negatives“, und man solle doch von beiden Ansätzen das Gute nehmen, dann ist das für sich genommen nur ein wohlfeiler Spruch.

Wenn wir weiterkommen wollen, müssen wir genau benennen, was wir jeweils als das Gute und das Negative betrachten auf beiden Seiten. Nur auf der Basis konkreter Aussagen kann eine produktive Diskussions- und Kritikkultur entwickelt werden. Hier hat die „Alternative Medizin“ allerdings noch viel zu lernen. Aus dieser „Szene“ ist viel pauschale Diffamierung der Medizin zu hören, während präzise Kritik auf der Basis von Argumenten kaum vorkommt. Präzise Kritik an Missständen in der Medizin ist durchaus nötig. Sie muss allfällige Missstände aber genau benennen (wer, was, wo, wie, wann?) und nicht einfach pauschale Feindbilder kultivieren.

Zudem fehlt der „Alternativen Medizin“ weitgehend die präzise Kritik im eigenen Lager, die genauso nötig wäre.

Siehe dazu:

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Naturheilkunde  kritische Fragen unerwünscht?

Mehr Kontroverse in Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde

Auch die Forderung nach Zusammenarbeit zum „Wohl des Patienten“ klingt gut, sagt aber noch kaum etwas aus. Was ist gemeint mit dem „Wohl des Patienten“?

Umfasst das „Wohl des Patienten“ mehr als „Gesundheit“? Schon der Begriff „Gesundheit“ ist komplex und alles andere als einfach zu erfassen. Und das „Wohl des Patienten“? Ist damit gemeint, dass alle Bedürfnisse des Patienten erfüllt werden? Können und sollen „Schulmedizin“ und „Alternative Medizin“ das zusammen leisten?

Meiner Ansicht nach bringen uns wohlklingende, aber vage bis inhaltsleere Begriffe nicht weiter. Solchen Reden fehlt der Realitätsbezug. Die Arbeit, Begriffe zu klären so gut es geht und nach präziser Ausdrucksweise zu streben, lohnt sich auf jeden Fall.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Verdacht auf Wucherpreise bei Krebsmedikamenten: EU-Kommission ermittelt

Wegen des Verdachts überhöhter Preise für fünf lebenswichtige Krebsmedikamente hat die EU-Kommission eine offizielle Untersuchung gegen den südafrikanischen Hersteller Aspen Pharma eröffnet. Man habe Hinweise auf plötzliche Preissteigerungen von zum Teil mehreren 100 Prozent, teilte Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager mit. Um die Aufschläge durchzusetzen, soll Aspen in einigen EU-Ländern gedroht haben, die Medikamente vom Markt zu nehmen. In bestimmten Fällen habe die Aspen Pharma dies sogar getan.

Es geht um die Wirkstoffe Chlorambucil, Melphalan, Mercaptopurin, Tioguanin und Busulfan, die zur Therapie bestimmter Krebsarten wie Blutkrebs zur Anwendung kommen.

Verschwänden diese Arzneimittel tatsächlich zeitweise vom Markt, hätten Mediziner weniger Therapieoptionen für die häufig tödlichen Krankheiten.

Die Firma Aspen hat ihren Sitz in Südafrika, verfügt jedoch über Tochterfirmen in mehreren europäischen Ländern, auch in Deutschland. Die EU-Kommission hat den Verdacht, dass eine marktbeherrschende Stellung missbraucht worden sein könnte und prüft den Fall auf der Grundlage des EU-Kartellrechts.

Es handelt sich hier um das erste derartige EU-Verfahren wegen möglicherweise zu hoher Preise in der Pharmaindustrie. Preisvorschriften und Erstattungsvorgaben für die Krankenversicherung unterstehen normalerweise den Regelungen der Mitgliedstaaten. Italien hatte schon im September 2016 kartellrechtliche Sanktionen in dieser Angelegenheit verhängt.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=69335

Kommentar & Ergänzung:

Es gibt Praktiken in der Pharmaindustrie, die ausgesprochen kritikwürdig sind.

Kritik ist wichtig. Sie muss aber konkret sein. Sie benennt Handlungen, Vorgänge, beteiligte Personen und Gründe, weshalb etwas nach Ansicht des Kritikers falsch läuft. Eine Untersuchung, wie sie die EU-Kommission nun aufgleist, kann genau das leisten, wenn sie gut gemacht wird.

Etwas völlig anderes als Kritik sind die Verschwörungstheorien, die zum Thema Pharmaindustrie herumgeistern. Sie sind pauschal, nennen kaum je konkrete Fakten. Die Pharmaindustrie ist in diesen Hirngespinsten einfach das Böse an sich.

Das ist bequem. Es braucht dazu kein Nachdenken, keine Recherche, keine Argumentation, keine Differenzierung. Wie alle Verschwörungstheorien bietet auch die pauschale „Pharma-Mafia-Phantasie“ scheinbare Gewissheit darüber, wo das Böse hockt und damit auch, dass man selber auf der guten Seite steht.

Kritik ist Voraussetzung für die Verbesserung von Zuständen. Verschwörungstheorien dienen dagegen nur der eigenen Stabilisierung und der Lagerbildung.

Ein Anzeichen für Lagerbildung ist zum Beispiel, wenn Kritik nur am Gegenlager geäussert wird, während den eigenen Lager gegenüber völlige Kritiklosigkeit herrscht.

Im „Biotop“ Alternativmedizin ist mehr oder weniger fundierte Kritik an „Pharmaindustrie“ und „Schulmedizin“ beispielsweise fast flächendeckend verbreitet, Kritik an fragwürdigen Praktiken im eigenen Lager aber äusserst selten.

Siehe dazu:

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

 

Pflanzenheilkunde: Kritische Reflexion statt Missionarismus

Komplementärmedizin: Mehr Argumente – weniger fraglose Gläubigkeit

 

Mehr Kontroverse in Komplementärmedizin, Naturheilkunde, Pflanzenheilkunde

 

Pflanzenheilkunde / Komplementärmedizin: Vom Wert des Zweifels

Fundierte, differenzierte Kritik formulieren zu können ist eine Fähigkeit, die gelernt und geübt werden muss.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Storchenschnabeltinktur zur Aktivierung des Lymphflusses?

Ich höre immer wieder einmal den Hinweis, dass Storchenschnabeltinktur (aus Geranium robertianum) den Lymphfluss aktivieren soll.

Es gibt allerdings keinerlei auch nur ansatzweise plausible Argumente für eine solche Wirkung. Keine Studien, keine Wirkstoffe im Storchenschnabel, die eine solche Wirkung nahelegen würden, rein gar nichts.

Allfällige Anekdoten, wonach es Menschen nach Einnahme von Storschenschnabeltinktur besser gegangen wäre, können nicht aussagekräftig sein.

Anekdoten können nicht belegen, dass eine Besserung durch die Storchenschnabeltinktur und durch Aktivierung des Lymphflusses zustande gekommen ist.

Es spricht sehr viel dafür, dass diese Empfehlung der Fantasie eines Herstellers von Storchenschnabeltinktur entsprungen ist, der damit Werbung für seine Produkte macht.

Ich bin immer wieder beeindruckt, wie unkritisch solche faktenfreie Heilungsversprechungen auch von manchen Drogerien und Apotheken weiterverbreitet werden. Hauptsache, man hat etwas anzubieten.

Für Konsumentinnen und Konsumenten ist es meiner Ansicht nach wichtig sich klar zu machen, dass nicht unbedingt diejenigen Anbieter am seriösesten sind, die für jedes gesundheitliche Problem eine Lösung versprechen. Es ist eher ein Zeichen für Seriosität, wenn ein Anbieter auch Grenzen seiner Methoden sichtbar macht.

Wenn zu einem Anwendungsbereich einer Heilpflanze keine Belege und Studien vorliegen, heisst das allerdings nicht sicher, dass keine Wirkung vorhanden ist. Vielleicht hat sich ja einfach niemand um Belege und Studien gekümmert.

Das bedeutet aber nicht, dass im Gegenzug jede willkürliche Behauptung wahr ist. Ein paar handfeste und glaubwürdige Argumente müsste ein Hersteller schon liefern, wenn er sein Produkt für eine bestimmte Indikation verkaufen will. Solche Argumente fehlen komplett, wenn es um die Wirksamkeit von Storchenschnabeltinktur zur Aktivierung des Lymphflusses geht.

Gäbe es solche Argumente, wäre Storchenschnabeltinktur für diesen Anwendungsbereich schon längst in der Phytotherapie-Fachliteratur aufgetaucht und würde dort empfohlen oder zu mindestens diskutiert.

Wer Heilpflanzen anwenden will tut gut daran, sich fundierte Kenntnisse anzueignen, sich einen kritischen Blick anzugewöhnen und nicht jede Versprechung unbesehen zu glauben.

Hier dazu ein paar Beiträge:

Pflanzenheilkunde: Erfahrung allein genügt nicht zur Begründung

Naturheilkunde: Sorgfältig prüfen lernen

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Naturheilkunde: Woran erkennen sie fragwürdige Aussagen?

 

 

 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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