[Buchtipp] „Schwarzbuch AfD – Fakten, Figuren, Hintergründe“, von Marcus Bensmann

Verlagsbeschreibung

 

Wir erklären in unserem Schwarzbuch AfD die Geschichte der rechten Populisten, erläutern ihre soziale Basis, zeigen ihre Köpfe, und was sie sagen, klären über die Finanziers der Populisten, ihre völkische Ideologie, ihre Unterstützer und die Medien der Neuen Rechten auf. Als Bonus machen wir einen Faktencheck der Themen der AfD.

Autorinnen und Autoren

Marcus Bensmann, Justus von Daniels, Markus Grill, Ariel Hauptmeier, Camilla Kohrs, Marta Orosz, Tania Röttger, Nándor Hulverscheidt, Meret Michel. Zum Shop

 

Kommentar von Martin Koradi

Das „Schwarzbuch AfD“ ist ein kompaktes, informatives Werk, das von der Recherche-Organisation Correctiv publiziert wurde.

Die Autorinnen und Autoren zerpflücken das Programm der Partei in verschiedenen Abschnitten: Arbeitslosenversicherung, Mindestlohn, Steuern, Familienbild, Abtreibung, Alleinerziehende, Asyl und Einwanderung, Islam und Judentum, Direkte Demokratie, Euro, Aussenpolitik (EU, NATO, Russland).

Es ist eindrücklich zu lesen, wie abgehoben, widersprüchlich und weltfremd die Ausführungen im AfD-Programm über weite Strecken sind, zum Beispiel beim Thema Familienbild. Wenn die AfD ausserhalb ihrer Lieblingsthemen Lösungen bieten sollte, hat sie kaum etwas zu bieten. Die Gegner der AfD sollten die Partei an diesen Punkten festnageln und das „Schwarzbuch AfD“ gibt dazu reichlich Material.

Das „Schwarzbuch AfD“ beschreibt auch Positionen und Hintergründe von zentralen Figuren der AfD: Frauke Petri, Björn Höcke, Marcus Pretzell, Jörg Meuthen, Alice Weidel, Alexander Gauland, Beatrix von Storch, André Poggenburg, Josef Dörr, Markus Frohmaier, Hans-Thomas Tillschneider.

Ein wichtiger Abschnitt thematisiert die Förderer und Financiers der AfD. Allerdings weiss auch das Correctiv-Team nicht, wer die anonymen Sponsoren des ominösen „Vereins“ sind, welcher die AfD  mit Millionen unterstützt.

Das Erstarken der rechtsradikalen und völkischen Tendenzen sowie des Antisemitismus in der Partei wird ebenso dargestellt wie die Medien, die mit der AfD verbunden sind.

Für Gegner der AfD ist das Buch eine Fundgrube. Darüber hinaus kann es auch Leserinnen und Lesern in der Schweiz einen Einblick geben in politische Vorgänge und Positionen, die in der einen oder anderen Form auch bei uns zu beobachten sind.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

 

[Buchtipp] „Faschismus – eine Warnung“, von Madeleine Albright

Verlagsbeschreibung

„Manche mögen dieses Buch und besonders seinen Titel alarmierend finden. Gut!“

MADELEINE ALBRIGHT

Weltweit kommt es zu einem Wiedererstarken anti-demokratischer, repressiver und zerstörerischer Kräfte. Die ehemalige amerikanische Außenministerin Madeleine Albright zeigt, welche großen Ähnlichkeiten diese mit dem Faschismus des 20. Jahrhunderts haben. Die faschistischen Tendenzen treten wieder in Erscheinung und greifen in Europa, Teilen Asiens und den Vereinigten Staaten um sich.
Albrights Familie stammt aus Prag und floh zweimal: zuerst vor den Nationalsozialisten, später vor dem kommunistischen Regime. Auf Grundlage dieser Erlebnisse und der Erfahrungen, die sie im Laufe ihrer diplomatischen Karriere sammelte, zeichnet sie die Gründe für die Rückkehr des Faschismus nach. Sie identifiziert die Faktoren, die zu seinem Aufstieg beitragen und warnt eindringlich vor den Folgen.
Doch Madeleine Albright bietet auch klare Lösungsansätze an, etwa die Veränderung der Arbeitsbedingungen und das Verständnis für die Bedürfnisse der Menschen nach Kontinuität und moralischer Beständigkeit. Sie zeigt, dass allein die Demokratie politische und gesellschaftliche Konflikte mit Rationalität und offenen Diskussionen lösen kann.  Zum Shop

Zur Autorin Madeleine Albright

Madeleine Albright wurde 1937 als Madlenka Korbelová in Prag geboren. Ihre Familie emigrierte 1948 in die USA. Sie war von 1997 bis 2001 unter Präsident Bill Clinton Außenministerin der USA. Seit den Siebzigerjahren prägte Albright die amerikanische Innen- und Außenpolitik als Mitglied der Demokratischen Partei. Von 1978 bis 1981 war sie Mitglied des US-amerikanischen Nationalen Sicherheitsrats und ab 1993 US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen. Seitdem ist sie als Universitätsdozentin tätig und leitet eine Consulting-Firma in Washington. Auch nach dem Ausscheiden aus dem Amt ist Albright weiterhin eine wichtige Stimme der internationalen Politik und gehört zu den beliebtesten Politikern der USA.

Kommentar von Martin Koradi

Madelaine Albright, die mit ihrer Familie vor beiden Totalitarismen des 20. Jahrhundert fliehen musste weiss, wovon sie spricht, wenn sie vor einem neuen Faschismus warnt.

Dies ganz im Gegensatz zu Menschen meiner Generation, die politisch bisher in einer Art Wellness-Zone gelebt haben. Kein Krieg, kein gravierender Wirtschaftszusammenbruch, stabile Verhältnisse. Unverdient Glück gehabt.

Das kann allerdings dazu führen, dass solche Bedingungen als selbstverständlich empfunden und Warnzeichen übersehen werden, wenn Wolken aufziehen. Die kommt die Warnung von Madelaine Albright vielleicht gerade zur rechten Zeit.

Sie beschreibt das Aufkommen Mussolinis in Italien, Hitlers in Deutschland und Francos in Spanien.

Aktuellere Vorgänge wie die nationalistischen Exzesse auf dem Balkan und autoritäre Entwicklungen wie zum Beispiel in Venezuela unter Chávez oder unter Orban in Ungarn schildert Albright auf dem Hintergrund ihrer Erfahrungen als Aussenpolitikerin.

Wer sich schon intensiver mit Nationalsozialismus, Faschismus in Italien und der Zeit seit dem Ende des 2. Weltkriegs bis in die Gegenwart auseinandergesetzt hat, wird in den Schilderungen wohl nicht viel neue Fakten finden. Weniger historisch informierten Personen bieten diese Kapitel aber einen guten Überblick.

Und der anekdotische Charakter, der dabei immer wieder aufkommt, vermittelt interessante Einblicke.

Interessanter als die zeithistorischen Vorgänge sind aber die grundsätzlicheren Gedanken der Autorin zu ihrem Thema, die im Verlaufe des Buches zunehmend eingestreut werden.

Albright verweist auf den italienischen Schriftsteller und Holocaust-Überlebenden Primo Levi, von dem der Satz stammt, jedes Zeitalter habe seinen eigenen Faschismus. Faschistische Tendenzen zeigen sich heute anders als in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Für verschiedene Varianten und Anfänge zu sensibilisieren gelingt dem Buch meines Erachtens.

Am ergiebigsten finde ich das 17. und letzte Kapitel. Hier schildert Albright zum Beispiel, wie Demagogen aufsteigen:

„Der Lauf der Geschichte zeigt, dass Demagogen es oft besser als ihre demokratischen Gegner verstehen, die Massen zu begeistern, und fast immer sind sie erfolgreicher, weil man sie für entscheidungsfreudiger und urteilsstärker hält.

Sind die Zeiten relativ ruhig, fällt es uns nicht schwer, geduldig zu sein und zu akzeptieren, dass komplizierte politische Probleme gründliche Überlegung erfordern. Dementsprechend erwarten wir von unserer politischen Führung, dass sie Fachleute zurate zieht, alle verfügbaren Informationen berücksichtigt, Annahmen kritisch prüft und uns die Möglichkeit gibt, zu den vorgeschlagenen Optionen Stellung zu nehmen. Langfristige Planung und sorgfältiges Abwägen erscheinen uns unerlässlich. Doch sobald wir uns einbilden, es müsse sofort gehandelt werden, ist unsere Geduld mit dem umsichtigen Vorgehen am Ende.

Dann wollen viele von uns nicht mehr nach ihrer Meinung gefragt werden, sondern nur noch gesagt bekommen, wohin sie zu marschieren haben. Genau an diesem Punkt beginnt der Faschismus: wenn alle anderen Optionen unzulänglich erscheinen.“

Albright sieht das “Verlangen nach sofortigen Lösungen“ an Anfang faschistischer Entwicklungen.

Vor allem in Phasen der Angst, Wut oder Ratlosigkeit seien wir „womöglich gerne bereit, als Gegenleistung für Orientierung und Ordnung unsere Freiheit partiell preiszugeben – oder, weniger schmerzhaft, die Freiheit anderer.“

Albright kommt natürlich auch ausführlich auf Donald Trump zu sprechen und macht sich unter anderem Sorgen, dass dieser ein antidemokrtisches Vorbild abgibt für Staatschefs aus aller Welt:

„Die Staatschefs weltweit beobachten und imitieren einander. Sie registrieren genau, in welche Richtung ihre Amtskollegen steuern, womit sie ungestraft davonkommen und wie sie ihre Macht erhalten und ausbauen. Sie folgen einander in den Fussstapfen, so wie Hitler Mussolini gefolgt ist. Und heute bewegt sich die Herde in eine faschistische Richtung.“

Madelaine Albright stellt zum Schluss ihres Buches eine Reihe von Fragen zusammen, mit denen sich prüfen lässt, wie stark demagogische und autoritäre Neigungen angehender Führer sind:

„Bedienen sie unsere Vorurteile, indem sie suggerieren, dass Menschen, die nicht unserer Ethnie, Glaubensgemeinschaft oder Partei angehören, weder Würde noch Respekt verdienen?

Wollen sie uns zur Wut gegen jene anstacheln, die uns vermeintlich Böses zugeführt haben, unseren Missmut schüren und uns zur Vergeltung aufrufen?

Animieren sie uns, die staatlichen Institutionen und das politische Wahlverfahren zu verachten?

Versuchen sie, unser Vertrauen in grundlegende Elemente der Demokratie wie die unabhängige Presse und die unabhängige Rechtssprechung zu zerstören?

Beuten sie die Symbole des Patriotismus aus – die Nationalfahne, den Treuschwur – , um uns gezielt gegeneinander auszuspielen?

Wenn sie Wahlen verlieren – akzeptieren sie dann das Ergebnis, oder beharren sie darauf, gewonnen zu haben, ohne irgendeinen Beweis dafür zu erbringen?

Werben sie nicht nur um Stimmen, sondern brüsten sie sich ihrer angeblichen Befähigung, sämtliche Probleme und Ängste beseitigen und jedes Verlangen erfüllen zu können?

Buhlen sie um unseren Beifall, indem sie wie selbstverständlich und mit Machogehabe zur Anwendung von Gewalt gegen Opponenten aufrufen?

Klingt bei ihnen Mussolinis Parole «Die Masse muss nicht wissen, sondern glauben; sie muss sich unterwerfen und lenken lassen» an?

Oder laden sie uns dazu ein, gemeinsam mit ihnen eine Gesellschaft zu erschaffen, in der Rechte und Pflichten gerecht verteilt sind, der Gesellschaftsvertrag gewürdigt wird und alle Menschen sich entfalten und ihre Träume verwirklichen dürfen?“

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

Aus Buchbesprechungen

„Madeleine Albrights Buch kommt gerade zur richtigen Zeit: Aus der Vergangenheit für die Gegenwart zu lernen, was es für die Zukunft zu verteidigen gilt.“
Marion Ammicht, ARD TTT

„Ein Buch, das zur rechten Zeit kommt und hoffentlich viele Leser findet.“
Joschka Fischer, RADIO EINS

„Diese Frau denkt immer im Maßstab des gesamten Globus“
Christoph Scheuermann, DER SPIEGEL

„Madeleine Albright bringt Licht ins Dunkel rechtspopulistischer Machenschaften.“
Anna Ernst, ZDF LITERARISCHES QUARTETT

„Erst Tschechoslowakin, dann Amerikanerin, erst Katholikin, dann Jüdin, erst Flüchtlingskind, dann Außenministerin: Madeleine Albright führt ein Jahrhundertleben. Nun warnt sie vor der Rückkehr des Faschismus“
Mareike Nieberding, SZ MAGAZIN

„Vor [ihren] persönlichen Erfahrungen, die sie oft einfließen lässt, führt Madeleine Albright auf unterhaltsame und intelligente Weise durch das 20. Jahrhundert.“
Alexander Cammann, DIE ZEIT

„Dass ein Werk mit diesem Titel von Rezensenten als ‚ein Buch, das zur rechten Zeit kommt‘ gelobt wird, lässt einen erschaudern.“
STERN

„Madeleine Albright, […] hat sich vom Herzen geschrieben, was ihr mit Blick auf die gegenwärtige Weltlage Sorgen bereitet. Das ist lesenswert.“
Günther Nonnenmacher, FAZ WOCHE

„Wenn man es […] polemisch formulieren will: Madeleine Albright hat ein Buch geschrieben, das vor allem wegen seines Titels und seiner Grundannahme wichtig ist. Das allerdings ist keine geringe Leistung.“
Ulrich Gutmair, TAZ

„Eine aufrüttelnde Warnung, die wichtig ist.“
Franziska Trost, KRONEN ZEITUNG

„eines der wichtigsten Bücher dieser Monate“
Arno Widmann,

BERLINER ZEITUNG, FRANKFURTER RUNDSCHAU

„Die frühere US-Außenministerin [legt] eine lesenswerte Arbeit vor, die die gegenwärtigen Umbrüche gut erklärt.“
Stefan Koch, RND

„Ein beunruhigendes und zugleich ermutigendes Buch.[…] ein Buch frei von plaudernder Nähkästchen-Eitelkeit.“
Marko Martin, DLF KULTUR

„Madeleine Albright lässt nicht locker.“
Eva Marburg, SWR 2

„Dass Albright Wendepunkte der Weltgeschichte persönlich erlebt hat, ist die größte Stärke des Buchs.“
Annett Meiritz, HANDELSBLATT

„Ein aufwühlend geschriebenes Werk“
Urs Gehriger, DIE WELTWOCHE

„Indem sie in der Geschichte faschistischer Systeme und ihrer Führer Muster sucht und aufdeckt, macht [Albright] die Gegenwart lesbar. […].Ein richtiger ‚Seitendreher‘, wie die Amerikaner packende Bücher nennen.“
Katharina Bracher, NZZ BÜCHER AM SONNTAG

„Madeleine Albright schrieb ein streitbares Buch. Sie fordert dazu auf, die richtigen Fragen an alle zu stellen, die nach Macht streben. Es geht darum, die Demokratie zu bewahren.“
Steffen Twardowski, SACHENLESEN.DE

„Mit ihrem neuen Buch ‚Faschismus. Eine Warnung‘ wirft die ehemalige Aussenministerin Madeleine Albright ein weiteres Schlaglicht darauf, warum der Faschismus heute eine größere Bedrohung darstellt als je zuvor seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges.“
Elisabeth Bronfen, NZZ AM SONNTAG

[Buchtipp] „Inside AfD“, von Franziska Schreiber

Verlagsbeschreibung

Der Bericht einer Aussteigerin

Seit September ist die AfD mit 92 Abgeordneten im Bundestag vertreten und inszeniert einen medienwirksamen Konfrontationskurs zu den etablierten Parteien. Doch was treibt die Partei hinter den Kulissen an – und ist die Fremdenfeindlichkeit eine geteilte Grundposition aller? Niemand kann darüber besser Auskunft geben als Franziska Schreiber, die noch 2017 im Vorstand der Jungen Alternativen, der Jugendorganisation der AfD, saß. In ihrem Buch spricht sie Klartext über Antrieb, Ziele und Schwächen der AfD-Führung um Alexander Gauland sowie deren radikale Hetzer wie Björn Höcke. Die heute 27-Jährige trat 2013 in die AfD ein und machte eine steile Karriere. Innerhalb eines Jahres wird sie die Vorsitzende der Jungen Alternativen in Sachsen. 2017 ist sie im Bundesvorstand angekommen. Gegen den immer stärker und radikaler werdenden Flügel um Björn Höcke bezieht sie an Frauke Petris Seite Stellung. Entsetzt von den Aussagen, die innerhalb der AfD inzwischen üblich und akzeptiert sind, unternimmt sie mit anderen liberalen Mitgliedern im März 2017 einen letzten Versuch zur Kurskorrektur auf dem Bundesparteitag in Köln. Doch der Versuch scheitert. Es wird Zeit für eine Distanzierung. Ihren Parteiaustritt vollzieht sie eine Woche vor der Bundestagswahl 2017 öffentlich. Sie übernimmt die Verantwortung, die Wähler über den Rechtsruck der Partei aufzuklären. In ihrem Buch erzählt sie die ganze Geschichte der AfD und macht unmissverständlich deutlich, warum die Partei und ihre Anführer heute gefährlicher sind als je zuvor. Zum Shop

Aus Buchbesprechungen

„In ihrem Buch ‚Inside AfD’, aus dem die ‚Bild am Sonntag’ zitiert, schreibt Schreiber: ‚Frauke Petry forderte im Dezember 2015 Höckes Rücktritt und bereitete ein Parteiausschlussverfahren vor.’“                                                                                        wallstreet-online.de

„Das Buch ist eine knallharte Abrechnung“
BILD am Sonntag, 29.07.2018, S. 3.

„Jetzt rechnet sie in einem Buch mit der Partei ab, die sie als ‚voller Wut’ beschreibt.“
Bild.de, 28.07.2018

„Nach Angaben der AfD-Aussteigerin Franziska Schreiber soll Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen die damalige AfD-Chefin Frauke Petry zum Ausschlussverfahren gegen Björn Höcke gedrängt haben.“
FOCUS Online, 29.07.2018

„Die 28-Jährige schreibt von einer Partei voller Angst, Hass und Wut: ‚Wer in der AfD-Blase lebt, ist unentwegt von negativen Gefühlen umgeben.’ Fakten seien in der AfD egal.“
huffingtonpost.de, 29.07.2018

Über die Autorin Franziska Schreiber

Franziska Schreiber, 1990 in Dresden geboren, wuchs in einem linken Elternhaus auf und machte 2008 Abitur. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften trat sie 2013 in die AfD ein und machte eine steile Karriere: Innerhalb eines Jahres wird sie Vorsitzende der Jungen Alternativen in Sachsen und stellvertretende Pressesprecherin, 2017 ist sie im Bundesvorstand angekommen. Kurz vor der Bundestagswahl trat sie aus der Partei aus und arbeitet seitdem als Abteilungsleiterin in einem Unternehmen in Dresden.

Kommentar von Martin Koradi

Das Buch bietet einen guten Einblick in die Stimmungen und internen Kämpfe in der AfD – aus der Perspektive einer jungen, engagierten Aktivistin, die rasch mit zentralen Figuren in Kontakt kam. Das gibt ein gutes Bild über die Radikalisierung der Partei. Wer eine systematische Auseinandersetzung mit den Positionen und Figuren der AfD sucht, ist mit dem „Schwarzbuch AfD“ der Recherche-Organisation Correctiv wohl besser bedient.

Aber das Stimmungsbild, das Franziska Schreiber vermittelt, ist ebenso aussagekräftig und erschreckend.

Programminhalte und die zentralen Figuren der AfD kommen in Schreibers Buch auch vor, sie sind aber eher an beschriebene Ereignisse gekoppelt und dadurch naturgemäss nicht systematische aufgeführt. Die Widersprüche der Partei kennt die Autorin von innen und es gelingt ihr eindrücklich, sie aufzuzeigen.

Franziska Schreiber zieht den Schluss:

„ Die Wähler der AfD unterschätzen deren rechtsextreme Ansichten. Wir müssen die richtigen Antworten auf diese Bedrohung finden.“

Das Buch „Inside AfD“ liest sich flüssig und eignet sich sehr gut für Leserinnen und Leser, die sich mit dem besorgniserregenden Phänomen AfD vertraut machen möchten.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytoherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

 

 

 

 

[Buchtipp] „Wie Demokratien sterben – und was wir dagegen tun können“, von Steven Levitsky, Daniel Ziblatt

Verlagsbeschreibung

Warum die Demokratie bedroht ist – und wie wir sie retten können.
Demokratien sterben mit einem Knall oder mit einem Wimmern. Der Knall, also das oft gewaltsame Ende einer Demokratie durch einen Putsch, einen Krieg oder eine Revolution, ist spektakulärer. Doch das Dahinsiechen einer Demokratie, das Sterben mit einem Wimmern, ist alltäglicher – und gefährlicher, weil die Bürger meist erst aufwachen, wenn es zu spät ist. Mit Blick auf die USA, Lateinamerika und Europa zeigen die beiden Politologen Steven Levitsky und Daniel Ziblatt, woran wir erkennen, dass demokratische Institutionen und Prozesse ausgehöhlt werden. Und sie sagen, an welchen Punkten wir eingreifen können, um diese Entwicklung zu stoppen. Denn mit gezielter Gegenwehr lässt sich die Demokratie retten – auch vom Sterbebett.  Zum Shop

Aus Buchbesprechungen

„Ein unaufgeregt nüchternes und zugleich eindringliches Buch“

ZDF aspekte

„Beeindruckend an dem Buch ist zweierlei: Erstens erstellt es einen scheinbar für alle Länder gültigen Katalog von Machtmitteln, mit denen gewählte Volksvertreterinnen eine Demokratie in ein autoritäres Regime verwandeln können. Zweitens zeigen die Autoren, wie fundamental die Veränderungen sind, die Amerika über die letzten fünfzig Jahre geprägt und die die politische Kultur des Landes zur Unkenntlichkeit entstellt haben. Trump, so sagen sie, ist nicht der Grund, sondern das Symptom des politischen Sittenzerfalls in den USA. Er ist das Schaumkrönchen zuoberst auf der gigantischen Welle von autoritären Kräften, die in Washington an Macht gewonnen haben. Die Bedrohung der amerikanischen Demokratie ist älter als das Trump-Phänomen – und wird nicht vorüber sein, wenn er wieder aus der Landschaft verschwinden sollte.“

Daniel Binswanger im Online-Magazin Republik

«„Wie Demokratien sterben“ ist ein wichtiges und aufrüttelndes Buch. Es legt dar, woran das langsame Sterben der Demokratien früh zu erkennen ist und wie Gegenwehr angelegt sein kann. In vielen Staaten des Westens sind die hier beschriebenen Probleme zu beobachten. Sie zu erkennen ist der erste Schritt, dagegen anzugehen der zweite. „Wie Demokratien sterben“ zeigt auch, wie hilfreich wissenschaftliche Erkenntnisse für die politische Praxis sein können. Es ist eine ausgezeichnete Aufklärung für alle, denen das demokratische Leben wichtig ist.»

Thomas Jäger im Magazin Focus

Zu den Autoren

Steven Levitsky und Daniel Ziblatt sind Professoren für Regierungslehre an der Universität Harvard. Steven Levitskys Forschungsschwerpunkte sind politische Parteien, Demokratien und Autokratien sowie die Rolle von informellen Institutionen vor allem in Südamerika. Daniel Ziblatt forscht hauptsächlich zu Demokratie und Autoritarismus in Europa, Gastprofessuren und Forschungsaufenthalte führten ihn u.a. nach Berlin, Köln, Konstanz, München, Paris und Florenz. Forschung und Lehre beider Autoren sind preisgekrönt, als Experten auf ihren Forschungsgebieten haben sie mehrere Bücher und zahlreiche Fachartikel verfasst.

Kommentar von Martin Koradi

Die beiden US-amerikanischen Autoren schreiben im Vorwort, dass sie sich seit 15 Jahren mit dem Versagen von Demokratien an anderen Orten und zu anderen Zeiten auseinandersetzen – zum Beispiel in den dunklen 1930er Jahren in Europa und den repressiven 1970er Jahren in Lateinamerika – und nun feststellen, dass sie sich ihrem eigenen Land zuwenden müssen.

Dementsprechend nimmt die Entwicklung in den USA einen wichtigen Platz im Buch ein, doch sind vor allem auch dieVergleiche mit antidemokratischen Vorgängen in anderen Ländern interessant, zum Beispiel in Argentinien, Equador, Ungarn, Polen oder Peru.

Die Autoren haben vier Verhaltensweisen identifiziert, die als Warnzeichen dienen können, um autoritäre Politiker zu erkennen:

„Danach sollten wir uns Sorgen machen, wenn ein Politiker (1) in Wort oder Tat demokratische Spielregeln ablehnt, (2) politischen Gegnern die Legitimität abspricht, (3) Gewalt toleriert oder befürwortet oder (4) bereit ist, bürgerliche Freiheiten der Gegner, einschliesslich der Medien, zu beschneiden.“

Die Autoren kommen zum Schluss, dass Donald Trump während des Wahlkampfs und in seinem ersten Amtsjahr bereits alle vier Verhaltensweisen gezeigt hat. Sie belegen das mit Beispielen.

Levitsky und Ziblatt gehen dann ausführlicher darauf ein, was zu tun ist, wenn ein Möchtegern-Autokrat einmal erkannt ist.

Autoritäre Politiker von der Macht fernzuhalten sei leichter gesagt als getan:

„Demokratien sollen keine Parteien verbieten oder Kandidten von Wahlen ausschliessen – und auch wir befürworten solche Massnahmen nicht. Die Verantwortung für das Aussieben von Autokraten liegt vielmehr bei den Parteien und ihren Führungen – den Wächtern er Demokratie.“

Die etablierten Parteien müssen ihre Wächterfunktion (das „Gatekeeping“) wahrnehmen und extremistische Kräfte isolieren und besiegen, schreiben die Autoren.

Prodemokratische Parteien sollten:

  1. die Möchtegern-Autokraten von Wahllisten streichen,
  2. Extremisten an der Bassi aus ihren Reihen verbannen,
  3. jedes Bündnis mit antidemokratischen Parteien und Kandidaten meiden,
  4. Extremisten systematisch isolieren, anstatt sie zu legitimieren,
  5. wenn Extremisten als ernstzunehmende Wahlrivalen auftauchen, eine geschlossene Front bilden, um sie zu schlagen, wozu sie sich auch mit Gegnern zusammentun müssen, die ihnen ideologisch ernstehen, die aber die demokratische Ordnung aufrechterhalten wollen.

Levitsky und Ziblatt  beschreiben eindrücklich, wie Autokraten, nachdem sie durch Wahlen an die Macht gekommen sind, den Rechtsstaat und die Demokratie in Windeseile demontieren können:

„Um zu verstehen, wie gewählte Autokraten auf subtile Weise Institutionen untergraben, hilft es, sich ein Fussballspiel vorzustellen. Um ihre Macht zu festigen, müssen angehende Autokraten die Schiedsrichter gleichschalten, wenigstens einige der wichtigsten Spieler der gegnerischen Mannschaft neutralisieren und schliesslich die Spielregeln so umzuformulieren, dass sich für sie Vorteile ergeben und das Spiel zum Nachteil der Gegner verändert wird.“

Es geht dem Autokraten um die Schwächung und Ausschaltung aller Mächte, die seiner eigenen Macht Grenzen setzen könnten (insbesondere Parlament, Gerichte, Medien).

Die Autoren betonen, dass ihrer Meinung nach verfassungsmässige Sicherheitsvorkehrungen nicht ausreichen, um die Demokratie zu schützen. Sie beschreiben, dass auch gut durchdachte Verfassungen machmal versagen, und dass die Demokratie darüber hinaus starke demokratische Normen braucht. Zwei Normen seien für das Funktionieren einer Demokratie besonders wichtig: gegenseitige Achtung und institutionelle Zurückhaltung.

Gegenseitige Achtung meint vor allem die Überzeugung, dass politische Gegner keine Feinde sind.

Institutionelle Zurückhaltung kann man sich vorstellen als Unterlassen von Handlungen, die zwar den Buchstaben des Gesetze genügen, ihren Geist aber offensichtlich verletzen.

Starke Polarisierung zum Beispiel kann diese beiden Normen zerstören und die Demokratie in den Abgrund führen.

Levitsky und Ziblatt  beschreiben einen solchen Weg in die Polarisierung am Beispiel der USA und machen dabei deutlich, dass diese Entwicklung schon lange vor Trump begonnen hat.

In Bezug auf die USA empfehlen die Autoren, dass sich die prodemokratische Opposition nicht der gleichen schutzigen Machtspiele wie Trump bedienen, sondern auf die Wiederherstellung demokratischer Normen hinwirken sollte.

Trumps Gegner sollten nach Levitsky und Ziblatt  eine breite prodemokratische Koalition bilden:

„Heutzutage sind Koalitionen häufig Zusammenschlüsse von gleichgesinnten Gruppen…..Koalitionen von Gleichgesinnten sind wichtig, aber sie genügen nicht, um die Demokratie zu verteidigen. Die wirkungsvollsten Koalitionen sind diejenigen, in denen sich gruppen zusammenfinden, die in vielen Fragen unterschiedliche – und häufig gegensätzliche – Ansichten vertreten. Sie bestehen nicht aus Freunden, sondern aus Gegnern. Eine wirkungsvolle Koalition zur Verteidigung der amerikanischen Demokratie müsste also Progressive, Geschäftsleute und Unternehmer, religiöse (und insbesondere evangelikale) Führer und Republikaner aus Bundesstaaten mit republikanischer Mehrheit umfassen……Koalitionen zu bilden, die über unsere natürlichen Verbündeten hinausgehen, ist schwierig. Man muss bereit sein, Anliegen, die einem wichtig sind, für den Augenblick beiseite zu legen.“

Die Autoren werfen aber auch einen Blick in die Zukunft:

„Darüber nachzudenken, wie man gegen den Machtmissbrauch der Regierung Trump Widerstand leisten kann, ist wichtig. Aber das Grundproblem, vor dem die amerikanische Demokratie steht, bleibt die extreme Spaltung des Landes in verfeindete Lager, die nicht nur von politischen Meinungsverschiedenheiten verursacht wird, sondern auch von tiefersitzenden Ressentiments, einschliesslich rassischer und religiöser Unterschiede. Die grosse Spaltung Amerikas ging Trumps Präsidentschaft voraus, und sie wird diese sehr wahrscheinlich überleben.“

Das Buch bietet eine Fülle von Inputs und Hinweisen dazu, was für die Stärkung demokratischer Gesellschaften wichtig ist. Gerade auch von den Entwicklungen in den USA können wir in Europa viel lernen, damit unsere Gesellschaften nicht in dieselben Sackgassen laufen.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

[Buchtipp] „Globi und die Demokratie“, von Samuel Glättli und Marc Zollinger

Verlagsbeschreibung

Globi geht dem Thema Demokratie auf den Grund.
Was ist Demokratie? Wer hat sie erfunden? Wie funktioniert sie? In Globis neustem Sachbuch geht es um ein ganz wichtiges Thema, bei dem auch die Kinder mitmachen können. Demokratie! Die gibt es nicht nur im Bundeshaus in Bern. Kinder üben sie in der Schule, beim Spielen. Dorfbewohner treffen sich dafür in der Turnhalle oder auf dem Dorfplatz. Sogar in der Schokoladenfabrik wird sie angewendet.
Globi hat dieses Mal eine ganz besondere Begleitung: Helvetia höchstpersönlich!
Sie reist mit ihm durch die Schweiz und führt ihn zu wichtigen Orten, macht ihn mit verschiedenen Menschen bekannt, erzählt ihm von Persönlichkeiten und Begebenheiten die die Demokratie in der Schweiz geprägt haben und sie erklärt ihm einiges über Staatsformen, wie ein Staat funktioniert und noch viel, viel mehr.
Das neue Buch aus der Globi-Wissen-Reihe erscheint im September zum 170-Jahr-Jubiläum der Schweizer Bundesverfassung. Dank diesem Grundgesetz steht fest, dass alle Bürgerinnen und Bürger der Schweiz die gleichen Rechte haben und mitbestimmen dürfen.
Dieses Buch ist in Zusammenarbeit mit der Neuen Helvetischen Gesellschaft (NHG) entstanden. Fachkundige aus Politik und Wissenschaft haben sich daran beteiligt. Bundesrat Ignazio Cassis etwa erklärt Globi die Arbeit eines Bundesrats. Hansjörg Dürst, Ratsschreiber von Glarus, beschreibt die Besonderheiten der Landsgemeinde. Globi hat aber auch Kinder besucht und befragt; zum Beispiel Delegierte des Schülerparlaments. Zum Shop

Zu den Autoren Samuel Glättli (Illustrator) und Marc Zollinger (Autor)

Marc Zollinger, geb. 1967, lebt südlich von Rom. Davor wohnte er in Zürich, wo er Geschichte und Linguistik studierte und danach viele Jahre lang als Journalist tätig war. Zuletzt als Reporter beim „Tages-Anzeiger“. Für den Wörterseh Verlag realisierte er als Rewriter bereits den Bestseller „Das gebrochene Gelübde – Mein Großvater, der Priester“ von Edith Flubacher. Dank seiner Fähigkeit, zuzuhören, seiner Begabung, Stimmungen aufs Papier zu bringen, und seiner Begeisterungsfähigkeit wurde auch aus den Erzählungen der Schwörers ein Buch, das mitreis(s)ender nicht sein könnte.

Samuel Glättli, 1979 in Zürich geboren. Matur am Liceo Artistico Zürich und Trickfilmausbildung an der Vancouver Film School in Kanada. Arbeitet als freischaffender Illustrator und Comiczeichner in Zürich.

Kommentar von Martin Koradi

Politische Bildung ist ein wichtiges Anliegen und man kann fast nicht früh genug damit beginnen. Wenn das Thema mit Hilfe der Globi-Figur den Kindern vermittelt werden kann, ist das sehr begrüssenswert. Der Verlag empfiehlt das Buch ab 12 Jahren, doch kann es auch von jüngeren Kindern gelesen werden, wenn sie am Thema interessiert sind.

Silvia Steiner, die Bildungsdirektorin des Kantons Zürich, schreibt im Vorwort:

„Bestimmte Grundvoraussetzungen müssen gegeben sein, sonst gibt es keine Demokratie. Ein wichtiger Teil ist die Bildung. Nur wer gut informiert ist und eigenständig denken gelernt hat, kann die Demokratie schätzen und Verantwortung dafür übernehmen, dass sie lebendig bleibt.“

Das Buch „Globi und die Demokratie“ erklärt in lockerer Art zentrale Begriffe unseres demokratischen Systems, zum Beispiel:

Die Bundesverfassung, das Parlament, die Gemeindeversammlung, die Gewaltenteilung, der Föderalismus, die Abstimmung, die vierte Gewalt, die Kinderrechte.

Bekommen Kinder ein Verständnis für diese Grundbegriffe, können sie sich in unserem demokratischen System orientieren und später politisch Einfluss nehmen, wenn sie das wollen.

Und manchmal könnten auch Erwachsene eine kleine Auffrischung in politischer Bildung brauchen – vielleicht sogar mit „Globi und die Demokratie“.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkurse

[Buchtipp] „Ostukraine? Europas vergessener Krieg“, von André Widmer

Verlagsbeschreibung

Reportagen aus dem Donbass

Seit 2014 herrscht im Osten der Ukraine Krieg zwischen der ukrainischen Armee und prorussischen Separatisten. Der Ausnahmezustand im Donbass ist für die betroffene Zivilbevölkerung und die Soldaten längst bitterer Alltag. Mit Fortdauer des Konflikts zementiert sich die faktische Abtrennung der selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk. Bis Herbst 2017 starben über zehntausend Personen, Hunderttausende sind geflüchtet.
Der Journalist André Widmer zeigt in seinem Buch eindrückliche Momentaufnahmen aus dem Konfliktgebiet. Er besuchte wichtige Schauplätze wie Debalzewo, den umkämpften Flughafen Donezk oder die Kleinstadt Awdijiwka, aber auch von der Außenwelt teilweise abgeschnittene Dörfer in der sogenannten grauen Zone. Er sprach mit Zivilisten, die in den Ortschaften nahe der Frontlinie wohnen, mit Menschen, deren Angehörige vermisst werden. An der Front unterhielt er sich mit Soldaten und freiwilligen Kämpfern. Interviews mit hohen Repräsentanten der ukrainischen Regierung, der Separatisten sowie der OSZE runden die Übersicht zur aktuellen Situation in der Ostukraine ab. Zum Shop

Zum Autor André Widmer

André Widmer, geboren 1973 in der Schweiz, ist Journalist. Seit 2006 verfasst er Reportagen über Themen aus den Ex-Sowjet-Republiken, dabei reiste er auch mehrmals in die Ukraine, zuletzt 2017. Veröffentlicht werden seine Texte unter anderem in der NZZ, der WOZ, der Welt, Neues Deutschland und dem Magazin Profil. Intensiv recherchiert hat Widmer auch im Südkaukasus zum Konflikt um Bergkarabach. 2013 publizierte er hierzu das Buch „Der vergessene Konflikt“.

Kommentar von Martin Koradi

Dass seit 2014 in Europa ein brutaler Krieg in der Ostukraine im Gang ist, scheint tatsächlich über weite Strecken in Vergessenheit zu geraten. Das ist sehr bedenklich, denn in der Ostukraine wird Europas Nachkriegsordnung verletzt, die den gewaltsamen Angriff auf die Grenzen eines anderen Staates ausschliesst. Und wenn immer mal wieder vom „Ukraine-Konflikt“ oder gar von einem Bürgerkrieg in der Ukraine die Rede ist,  dann wird damit ein Angriffskrieg verschleiert. Dieser Krieg wurde von Russland in Gang gesetzt und wird von Russland in Gang gehalten. Panzer, Artillerie und Flugabwehrraketen der sogenannten Separatisten in der Ostukraine kauft man dort nicht im Supermarkt.  Und wenn Russland davon schwadroniert, russische Soldaten seien im Urlaub in der Ostukraine im Einsatz, dann ist schon bemerkenswert, dass diese Soldaten ihre Panzer, ihre Artillerie und ihre Flugabwehrgeschütze offenbar in den Urlaub mitnehmen. Die Lügen der Kreml-Propaganda sind schamlos.

Bemerkenswert ist auch die Ignoranz, mit der die Szene, die sich in Europa „Friedensbewegung“ nennt, auf den Krieg in der Ostukraine reagiert. Stellungnahmen und Demonstrationen gibt’s offenbar nur gegen Kriege mit dem passenden Aggressor.

Das Buch von André Widmer ist ein guter Beitrag, um diesem Vergessen und Vernebeln etwas entgegen zu setzen. Es zeigt die Not auf beiden Seiten der Fronten und berichtet aus verschiedenen Perspektiven. Das ist in Kriegssituationen wichtig, aber alles andere als einfach.

Die wichtige Rolle der OSZE-Sonderbeobachtungsmission in der Ostukraine würdigt der Autor mit einem informativen Interview mit deren Vizechef  Alexander Hug.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

[Buchtipp] „Der Zerfall der Demokratie“, von Yascha Mounk

Verlagsbeschreibung

Wie der Populismus den Rechtsstaat bedroht

Die Demokratie droht zu scheitern. Politikverweigerung und rechtspopulistische Parteien wie AfD, FPÖ und Front National untergraben stabile Regierungen. Der Havard-Politologe Yascha Mounk legt Gründe und Mechanismen offen, die westliche liberale Rechtsstaaten – so auch die USA unter Donald Trump – erodieren lassen.
Die Demokratie steckt weltweit in einer tiefen Krise. Die Zahl der Protestwähler steigt, Populisten erstarken, traditionelle Parteiensysteme kollabieren. Der renommierte Politologe Yascha Mounk untersucht diesen alarmierenden Zustand, der zwei Muster erkennen lässt: Entweder werden wie in den USA, Ungarn, Polen und der Türkei Demagogen ins Amt gewählt, die die Rechte von Minderheiten mit Füßen treten, oder eine Regierung verschanzt sich, freiheitliche Rechte garantierend, hinter technokratischen Entscheidungen – und verliert wie in Deutschland, Großbritannien und Frankreich zunehmend an Volksnähe.
Klar und deutlich erklärt Mounk die komplexen Gründe und Mechanismen, die die Demokratie zu Fall bringen können. Er benennt Maßnahmen, um bedrohte soziale und politische Werte für die Zukunft zu retten. Dazu gehört, eine breite Koalition gegen Populisten aufzubauen, die Unabhängigkeit der Justiz und Presse zu verteidigen, die Teilhabe der Bevölkerung an politischen Prozessen zu stärken, die soziale Ungleichheit zu bekämpfen – und vor allem die persönliche Komfortzone zu verlassen, um sich im Sinne der Demokratie politisch zu engagieren.
Eine brillante und aufrüttelnde Analyse unserer politisch aufgeheizten Gegenwart.  Zum Shop

Aus Buchbesprechungen

„Das Erstarken des autoritären Populismus zeigt, dass wir nicht länger davon ausgehen können, dass die liberale Demokratie das politische Modell der Zukunft ist. Diesen Standpunkt vertritt Yascha Mounk in seiner ernüchternden wie scharfsinnigen Analyse unserer politischen Gegenwart. Sein brillantes Buch leistet einen unschätzbaren Beitrag zur Debatte, woran die Demokratie krankt und was wir dagegen tun können.“

Michael Sandel, Autor des Bestsellers „Was man für Geld nicht kaufen kann“

„Mit bestechender Klarsicht legt dieses Buch dar, wie der populistische Nationalismus zunimmt und unsere Demokratie herausfordert. Wenn Sie Yascha Mounk noch nicht kennen, so sollten Sie sich seinen Namen für die Zukunft merken.“

Francis Fukuyama, Autor des Bestsellers „Das Ende der Geschichte“

„Zu den vielen Analysen, die dem immer bedrohlicher werdenden Siegeszug der Populisten gewidmet sind, steuert Yascha Mounk eine sehr kluge Einsicht bei: Der heutige nationalistische Populismus ist deshalb so gefährlich, weil er Demokratie und Rechtsstaat gegeneinander ausspielt. Am Ende verlieren beide. Zuerst wird die Demokratie illiberal und zur Tyrannei einer aufgepeitschten Mehrheit, um früher oder später in ein autoritäres Regime umzukippen, dem sich auch der behauptete Volkswillen beugen muss. Aber Mounks Buch mündet weder in Fatalismus noch in trotzigem Optimismus, sondern in konstruktiven Vorschlägen, die jeder Diskussion und jedes Engagements wert sind.“

Andreas Zielcke, Süddeutsche Zeitung

Zum Autor Yascha Mounk

Yascha Mounk, 1982 in München geboren, lehrt politische Theorie an der Harvard University, ist Senior Fellow bei New America und leitet das Tony Blair Institute for Global Change in London. Sein Forschungsschwerpunkt umfasst Fragen zur Entwicklung der liberalen Demokratie und Eigenverantwortung in der Politik. Mounks Beiträge über europäische und amerikanische Politik erscheinen u.a. in The New York Times, The Wall Street Journal, Foreign Affairs, Slate, der Zeit und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Kommentar von Martin Koradi

Yascha Mounk gelingt es ausgezeichnet, die komplexen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen der letzten Jahre verständlich zu machen. Wer besorgt über diese Entwicklungen ist, wird es nach der Lektüre des Buches möglicherweise noch mehr sein. Aber das Buch zeigt auch Wege auf.

Mounk  beschreibt, wie es zur Entkonsolidierung der Demokratie in einer ganzen Reihe von Ländern gekommen ist, und die Gründe für diese Krise. Als Hauptgründe nennt er die Entwicklungen in den Sozialen Medien, wirtschaftliche Ängste und ungelöste Identitätsfragen.

Die liberale Demokratie sieht er durch zwei verschiedene Modelle bedroht:

– Die iliberale Demokratie, eine Entwicklung, die in in Ungarn und Polen beobachtet werden kann. Hier bleibt eine formale Demokratie erhalten, aber der Rechtsstaat und die Medienfreiheit werden demontiert.

– Ein undemokratischer Liberalismus, in dem Rechtsstaatlichkeit erhalten bleibt, aber demokratische Entscheidungsmöglichkeiten eingeschränkt werden, zum Beispiel durch supranationale Freihandelsverträge und eine technokratische Politik, die auf eine vorgebliche Alternativlosigkeit hinausläuft.

Das letzte Kapitel des Buches ist den „Gegenmitteln“ gewidmet. Mounk liefert hier keine pfannenfertigen Rezepte für komplexe Situationen. Es ist ja typisch für Populisten aller Couleur, dass sie simple Lösungen verkaufen fü komplexe Probleme.

Der Autor bringt aber eine ganze Reihe von Denkanstössen, die wichtige Impulse geben können.

Drei Punkte stehen für Mounk als Gegenmittel im Zentrum. Sie werden jeweils in einem eigenen Abschnitt besprochen:

  1. a) Den Nationalismus zähmen
  2. b) Die Wirtschaft sanieren
  3. c) Den Glauben an die Demokratie erneuern.

Auf a) und c) will ich hier näher eingehen:

Zu a): Da Nation die Einheit ist, in der Demokratie und auch ein Stück Identität hautsächlich stattfinden, brauchen wir eine Form des Nationalismus, die aber soweit gezähmt sein muss, dass keine Kriege zwischen Nationen entfacht werden. Mounk plädiert hier zum Beispiel für einen „inklusiven Patriotismus“. Dazu schreibt er:

„Teile der Rechten neigen dazu, Minderheiten von der Zugehörigkeit zur Nation auszuschliessen. Teile der Linken neigen dazu, sich so sehr auf die Unterschiede zwischen Bürgern verschiedener Herkunft und Religion einzuschiessen, dass sich sämtliche Verbindungen zwischen ihnen langsam aufzulösen scheinen. Um eine echte Alternative zu diesen Irrwegen zu ermöglichen, müssen wir eine neue Sprache des inklusiven Patriotismus schaffen.

Dieser inklusive Patriotismus darf vor fortdauernden Ungerechtigkeiten nicht die Augen verschliessen. Noch darf er die Nation in solch hohen Würden halten, dass er zu Konflikten mit anderen Ländern führt. Vielmehr muss er auf der Tradition der multiethnischen Demokratie  aufbauen, um uns daran zu erinner, dass das, was uns verbindet, weit über Ethnizität und Religion hinausgeht……

Eine wirklich liberale Integrationspolitik würde mit Entschlossenheit die Diskriminierung von Minderheiten bekämpfen und strukturelle Hindernisse bei der Chancengleichheit abbauen. Gleichzeitig würde sie sich aber auch gegen jene wenden, die Minderheiten – aus Angst vor Diskriminierungsvorwürfen oder auch aus irregeleitetem Kulturrelativismus – von den Grundrechten und –pflichten der eigenen Gesellschaft ausnehmen wollen.“

In einem ersten Schritt müsse deshalb sichergestellt werden, dass die Prinziien der freiheitlich-demokratischen Grundordnung in allen Bereichen mit gleicher Entschiedenheit angewandt werden.

Zu c): Hier spielt nach Mounk unter anderem die politische Bildung eine wichtige Rolle. Dabei weißt er auf einen interessanten und wichtigen Punkt hin:

„Die meisten deutschen Pädagogen sind sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs einer besonderen Verantwortung bewusst. Während der Nazizeit hatten Wehrmachtssoldaten jeden noch so unmenschlichen Befehl befolgt. Dieser Gehorsam, so postulierten die Dichter und Denker der Nachkriegszeit, erklärte sich aus den tief autoritären Traditionen des deutschen Bildungswesens.“

Mounk schreibt weiter, dass die Ursachenforschung für das Aufkommen des Nationalsozialismus stets in dieselbe Richtung ging: Der Untertanengeist und Gehorsam sei  Deutschland zum Verhängnis geworden.

Aus dieser Einschätzung wurden Konsequenzen gezogen, damit sich die Katastrophe des „Dritten Reiches“ wiederholten soll:

„Politik und Bildungswesen nahmen lange Zeit an, die grösste Gefahr ginge von einer unkritischen Denkweise aus, Politische Rattenfänger, so hiess es, könnten nur Leute ködern, die ihren Versprechungen unkritische Gehör schenken. Um Bürger gegen die rechte Gefahr zu wappnen, müssten Eltern und Lehrer ihnen deshalb beibringen, Behauptungen stets kritisch zu hinterfragen.“

Dieser „politische Imperativ des steten Hinterfragens“ hatte nach Mounk aber auch eine Schattenseiten: Das eigentlich Ziel, die Stärkung freiheitlicher Institutionen, werde damit nicht erreicht:

„Denn eine gut funktionierende Demokratie braucht überzeugte Demokraten, die das System zwar kritisch begleiten, ihm aber auch ein gewissens Mass an Grundvertrauen entgegenbringen. Wenn eine Grosszahl der Bürger alles hinterfragt und schliesslich nichts und niemandem mehr traut, haben die Extremisten freie Bahn.“

Mounk spricht sich natürlich nicht gegen kritisches Denken an sich aus. Aber er macht auf eine bedeutende Lücke in der bisherigen Art der politischen Bildung aufmerksam.

Yascha Mounk bietet in seinem Buch zahlreiche Anregungen dazu, wie eine Politik aussehen müsste, die den Populisten den Wind aus den Segeln nimmt.

Den Bürgerinnen und Bürgern und den Politikerinnen und Politikern kann man die Lektüre nur empfehlen. Zu hoffen ist, dass politische Parteien solche Anregungen aufnehmen.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

 

[Buchtipp] „Über autoritäre Haltungen in ‚postfaktischen‘ Zeiten“, von Björn Milbradt

Verlagsbeschreibung

Angesichts des europa- und weltweiten Erstarkens rechtspopulistischer und autoritärer Bewegungen widmet sich der Autor zwei Begriffen, die derzeit zur Beschreibung der politischen Lage Konjunktur haben: Autoritarismus und Postfaktizität. Nach einem Rückblick auf klassische Autoritarismusstudien des 20. Jahrhunderts wird die Frage erörtert, inwiefern wir es heute mit einem „neuen“ Autoritarismus zu tun haben und welche Rolle „postfaktische“ Weltbezüge in ihm spielen. Nicht zuletzt zeigt der Autor Möglichkeiten der Intervention im Rahmen demokratischer Bildung auf. Das Buch endet mit einem auf eine demokratische Bildungspraxis gerichteten Kapitel zu Interventions- und Gegenstrategien.  Zum Shop


Aus dem Inhalt:

  • Autor – Autorität – Autoritarismus
  • Stereotypie – Syndrom – Autoritarismus
  • Ein Blick auf ‚Die Sprache des Dritten Reiches‘
  • Die Sprachphilosophie von Ludwig Wittgenstein
  • Zum Verhältnis der Begriffe ‚Verdinglichung‘ und ‚Stereotypie‘
  • Ein sprachtheoretischer Blick auf den Syndromcharakter von Vorurteilen
  • Die ‚Authoritarian Personality‘ und der Syndromcharakter von Vorurteilen
  • Zusammenfassung: Theorie des Autoritarismus
  • Über autoritäre Haltungen in ‚postfaktischen‘ Zeiten
  • Statt einer Handlungsempfehlung

Zum Autor Björn Milbradt

Björn Milbradt, Dr. phil., ist Soziologe und Leiter der Fachgruppe „Politische Sozialisation und Demokratieförderung“ am Deutschen Jugendinstitut in Halle (Saale).

Kommentar von Martin Koradi

Mir hat dieses Buch wichtige Erkenntnisse gebracht, obwohl ich weite Teile davon nicht wirklich verstanden habe.  Die Kapitel über die Theorie des Autoritarismus setzen für mich zuviel soziologisches Wissen voraus und die Sprachphilosophie Ludwig Wittgensteins ist für mich zu unverdaulich, obwohl ich mich regelmässig mit philosophischen Themen befasse.

Allerdings werden diese Kapitel auf den Seiten 189 – 192 ziemlich gut zusammengefasst und die restlichen Kapitel empfinde ich als ergiebig und verständlich

Es handelt sich dabei um folgende wichtige Themen:

Was ist Populismus?

Was ist Postfaktizität? Was ist Wahrheit?

Rechtspopulistische Strategien (Triumph der Meinung, Herzland, Angst-Raum).

Im Kapitel „Handlungsempfehlungen“ liefert der Autor keine fertigen Kochrezepte, aber wichtige Anregungen. So weist er mit Bezug auf Volker Weiss darauf hin, dass der Aufstieg von Parteien und Bewegungen mit rechtspopulistischen und völkisch-nationalen Zügen auch die Frage nach ihren Gegnern aufwerfe. Angsprochen sind damit explizit Linksliberale, Liberale und Konservative.

Milbradt schreibt dazu:

„Man könnte vermuten, dass all diese Akteure, die die potentielle Gegnerschaft autoritärer Bewegungen darstellen, teilweise bisher wenig von den Grundbedingungen dieser Gegnerschaft verstehen. Denn bei demokratischen Gesellschaften handelt es sich eben nicht im Wesentlichen um solche, in denen alle vier jahre gewählt wird oder die die Möglichkeiten dafür geben, die eigenen persönlichen oder parteipolitischen Partikalarinteressen oder Überzeugungen durchzusetzen. Dies sicher auch. Aber der Kern von Demokratie ist die institutionalisierte Ermöglichung eines Widerstreits, die dauerhaft die Existenz unterschiedlicher Überzeugungen, Lebensstile und Ansichten sowie die Möglichkeit fortwährender, teils äusserst Kontroverser Aushandlungsprozesse sicherstellt, und zwar auf allen gesellschaftlichen Ebenen, von der lokalen bis zur nationalen und internationalen Ebene……

Populisten haben dann ein leichtes Spiel, wenn die Demokratinnen und Demokraten nicht wissen, was sie verteidigen, und daher den propagandistischen Strategien der Antidemokraten leicht auf den Leim gehen. Wer Demokratie als eine Art Lieferservice hält,  weiss nichts über die komplizierten und langwierigen Arbeits- und Aushandlungsprozesse, über die Parteiarbeit in Ortsgruppen, Gremien, Rathäusern und Parlamenten, und er weiss dann auch nichts davon, dass er selbst als Demokrat dazu aufgefordert ist, an diesen Aushandlungsprozessen teilzunehmen. Die Wahrscheinlichkeit, dass dann Politiker und Parteien gewählt werden, die versprechen, besser zu ‚liefern’, ist nicht ganz gering – wie man sicherlich am Beispiel Donald Trump und seinen teils absurden Versprechungen….gut zeigen kann.“

Dieser Beschreibung des Kerns der Demokratie ist eine möglichst weite Verbreitung zu wünschen – bei Politikerinnen und Politikern verschiedenster Couleur, aber auch bei Bürgerinnen und Bürgern.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytoherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

 

[Buchtipp] „Starrköpfe überzeugen“, von Sebastian Herrmann

Verlagsbeschreibung

Psychotricks für den Umgang mit Verschwörungstheoretikern, Fundamentalisten, Partnern und Ihrem Chef. Taschenbuch

Erfolgreich diskutieren, ohne die Nerven zu verlieren.
Die meisten Menschen klammern sich an irgendwelche Mythen, Irrtümer und liebgewonnene Ansichten. Ganz egal, wie viele Fakten auch dagegen sprechen. Richtig frustrierend werden Diskussionen mit Esoterikern, Anhängern von Verschwörungstheorien oder Leugnern des Klimawandels. Was also tun? Sebastian Herrmann erklärt, warum sich festgefügte Meinungen nicht allein mit Logik und Sachinformationen knacken lassen. Wer an den Starrköpfen in Alltag, Beruf und Partnerschaft nicht verzweifeln möchte, muss auf Psychologie setzen – und die richtigen Kniffe kennen. Zum Shop

 

Zum Autor Sebastian Herrmann

Sebastian Herrmann, geboren 1974, ist Wissenschaftsredakteur der „Süddeutschen Zeitung“, Autor und lebt in München. Er hat Politikwissenschaft, Geschichte und Psychologie in München und Edinburgh studiert. Bei der Süddeutschen schreibt er regelmässig über Sozialpsychologie und irrationale Glaubenssysteme.

Kommentar von Martin Koradi

Sebastian Herrmann gelingt es ausgezeichnet, den Leserinnen und Lesern verständlich zu machen, warum ansonsten vernünftige Menschen manchmal an Dinge glauben, die für Unbeteiligte offensichtlich Schwachsinn sind. Dazu erklärt er zum Beispiel, wie wir Informationen selektiv aufnehmen oder auch selektiv ausblenden.

Nach diesem ersten Teil zum Thema „Wie ticken Starrköpfe?“ geht es im zweiten Teil um die Frage, wie sich Starrköpfe in Diskussionen überzeugen lassen.

Im Vorwort schreibt Herrmann:

„Wir müssen uns mit der Psyche der Starrköpfe (und der anderen Menschen) beschäftigen. Die entscheidende Frage lautet nicht: Ist etwas wahr? Sondern sie lautet: fühlt sich etwas wahr an? Viele unserer Meinungen könnten wir kaum mit fakten belegen. Wir haben sie einfach, wir sind von ihnen überzeugt. Das Hauptaugenmerk dieses Buches liegt darauf, die Bedingungen zu entschlüsseln, unter denen sich etwas richtig anfühlt. Was fördert diese Wahrheits-Illusionen, und wie lassen sie sich nutzen und einsetzen? Mit welchen Psychotechniken erreichen wir, dass ein Starrkopf wenigstens zuhört, anstatt seine geistigen Zugbrücken reflexartig zu schliessen und sich hinter den Bollwerken der eigenen Meinungen und der eigenen Weltsicht zu verschanzen? Dazu werden Techniken und Handreichungen geliefert, wie Diskussionen gestaltet und wie Informationen dargestellt werden sollten, um Überzeugungskraft tz entfalten.“

Warum ist das alles wichtig? Dazu schreibt Sebastian Herrmann am Schluss seines Buches:

„Es geht um mehr, als nur recht zu behalten – und es geht schon gar nicht darum, anderen zu beweisen, dass sie Idioten wären. Es mag sich pathetisch überhöht anhören, aber funktionierende Demokratien sind darauf angewiesen, dass ihre Bürger gut und vor allem richtig informiert sind. Wenn eine nennenswerte Zahl von Bürgern aber an Ansichten festhält, die allen Fakten widersprechen, dann werden sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf individueller Ebene Entscheidungen getroffen, die dem Wohl und dem Interesse der Menschen nicht entsprechen.“

Das Buch ist 2013 erschienen. Angesichts der gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen der letzten Jahre, in denen Falschmeldungen und Propaganda gegenüber von Fakten die Oberhand zu gewinnen scheinen, ist das Zitat im letzten Abschnitt aktueller denn je.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytoherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

[Buchtipp] „Verschwörung! Die fanatische Jagd nach dem Bösen in der Welt“, von Roger Schawinski

Verlagsbeschreibung

Verschwörungstheoretiker haben sich im Internet und im Buchmarkt ein neues Universum geschaffen. Roger Schawinski stellt die beliebtesten und gefährlichsten Verschwörungstheorien und die wichtigsten Repräsentanten der heutigen Szene vor. Er zeigt die Voraussetzungen und Methoden für eine erfolgreiche Karriere als Verschwörungstheoretiker auf und präsentiert die Gemeinsamkeiten der führenden Vertreter dieser Zunft. Zudem untersucht er die Welt der Anhänger und widmet sich der Frage, welche Menschen eher auf Verschwörungstheorien setzen als andere. Zwei Personen werden genauer beleuchtet: Daniele Ganser, der sich als sogenannter Friedensforscher eine besondere Stellung in der Welt der deutschsprachigen Verschwörungstheoretiker erarbeitet hat, und Donald Trump, der gewohnheitsmässig und hemmungslos Fake News bedient und damit an die Schalthebel der Macht gelangte. Zur Szene der Verschwörungstheoretiker zählen u. a. auch Steve Bannon, die führende Feder hinter „Breitbart“ News, Alex Jones, das Gesicht von Infowars, oder Ken Jebsen, der Kopf von KenFM. Zum Shop

Zum Autor Roger Schawinski

Roger Schawinski (* 1945) doktorierte an der Universität St. Gallen in Ökonomie. 1974 gründete und moderierte er die Sendung Kassensturz. 1977 wurde er Chefredaktor der „Tat“. Er gründete mit Radio 24 den ersten privaten Radiosender der Schweiz, lancierte mit TeleZüri den ersten Schweizer Privat-TV-Sender und startete mit Tele 24 das erstenationale Privatfernsehen. 2003 wurde er Geschäftsführer von Sat.1 in Berlin. 2008 kehrte er nach Zürich zurück und lancierte Radio 1. Roger Schawinski ist Autor einer Vielzahl von Kolumnen, Artikeln und Büchern.

Kommentar von Martin Koradi

Bei Roger Schawinski stört mich oft, dass er in Interviews und Texten seine eigene Person übermässig ins Zentrum stellt. Das hält sich in diesem Buch in Grenzen. Schawinski ist kein Fachmann für Verschwörungtheorien, hat sich meinem Eindruck nach aber breit und fundiert in das Thema eingearbeitet.

Das Buch liefert Basiswissen über Verschwörungstheorien, kommt aber nicht als nüchtern-wissenschaftliches Werk daher.  Die Besorgnis des Autors und an manchen Stellen gar seine Empörung, kommen in den Zeilen deutlich zum Ausdruck.

Schawinsky sieht durch die Ausbreitung von Verschwörungstheorien die demokratischen Gesellschaftsordnungen und gar die Grundfesten unserer Zivilisation in Gefahr. Diese Besorgnis halte ich für berechtigt.

Schawinski setzt sich in seinem Buch konkret mit zentralen Figuren der Verschwörungstheorie-Szene auseinander, so zum Beispiel mit  Daniele Ganser, Ken Jebsen, Alex Jones und dem derzeit erfolgreichsten Verschwörungsmythologen Donald Trump. Schawinski scheut sich auch nicht, die Rolle der Kreml-Propaganda in der Bewirtschaftung von Verschwörungstheorien anzusprechen.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytoherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.