[Buchtipp] „Verschwörung! Die fanatische Jagd nach dem Bösen in der Welt“, von Roger Schawinski

Verlagsbeschreibung

Verschwörungstheoretiker haben sich im Internet und im Buchmarkt ein neues Universum geschaffen. Roger Schawinski stellt die beliebtesten und gefährlichsten Verschwörungstheorien und die wichtigsten Repräsentanten der heutigen Szene vor. Er zeigt die Voraussetzungen und Methoden für eine erfolgreiche Karriere als Verschwörungstheoretiker auf und präsentiert die Gemeinsamkeiten der führenden Vertreter dieser Zunft. Zudem untersucht er die Welt der Anhänger und widmet sich der Frage, welche Menschen eher auf Verschwörungstheorien setzen als andere. Zwei Personen werden genauer beleuchtet: Daniele Ganser, der sich als sogenannter Friedensforscher eine besondere Stellung in der Welt der deutschsprachigen Verschwörungstheoretiker erarbeitet hat, und Donald Trump, der gewohnheitsmässig und hemmungslos Fake News bedient und damit an die Schalthebel der Macht gelangte. Zur Szene der Verschwörungstheoretiker zählen u. a. auch Steve Bannon, die führende Feder hinter „Breitbart“ News, Alex Jones, das Gesicht von Infowars, oder Ken Jebsen, der Kopf von KenFM. Zum Shop

Zum Autor Roger Schawinski

Roger Schawinski (* 1945) doktorierte an der Universität St. Gallen in Ökonomie. 1974 gründete und moderierte er die Sendung Kassensturz. 1977 wurde er Chefredaktor der „Tat“. Er gründete mit Radio 24 den ersten privaten Radiosender der Schweiz, lancierte mit TeleZüri den ersten Schweizer Privat-TV-Sender und startete mit Tele 24 das erstenationale Privatfernsehen. 2003 wurde er Geschäftsführer von Sat.1 in Berlin. 2008 kehrte er nach Zürich zurück und lancierte Radio 1. Roger Schawinski ist Autor einer Vielzahl von Kolumnen, Artikeln und Büchern.

Kommentar von Martin Koradi

Bei Roger Schawinski stört mich oft, dass er in Interviews und Texten seine eigene Person übermässig ins Zentrum stellt. Das hält sich in diesem Buch in Grenzen. Schawinski ist kein Fachmann für Verschwörungtheorien, hat sich meinem Eindruck nach aber breit und fundiert in das Thema eingearbeitet.

Das Buch liefert Basiswissen über Verschwörungstheorien, kommt aber nicht als nüchtern-wissenschaftliches Werk daher.  Die Besorgnis des Autors und an manchen Stellen gar seine Empörung, kommen in den Zeilen deutlich zum Ausdruck.

Schawinsky sieht durch die Ausbreitung von Verschwörungstheorien die demokratischen Gesellschaftsordnungen und gar die Grundfesten unserer Zivilisation in Gefahr. Diese Besorgnis halte ich für berechtigt.

Schawinski setzt sich in seinem Buch konkret mit zentralen Figuren der Verschwörungstheorie-Szene auseinander, so zum Beispiel mit  Daniele Ganser, Ken Jebsen, Alex Jones und dem derzeit erfolgreichsten Verschwörungsmythologen Donald Trump. Schawinski scheut sich auch nicht, die Rolle der Kreml-Propaganda in der Bewirtschaftung von Verschwörungstheorien anzusprechen.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytoherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

[Buchtipp] „Verschwörungstheorien“, Ursachen – Gefahren – Strategien von Bernd Harder

Verlagsbeschreibung

In „postfaktischen“ Zeiten haben Verschwörungstheorien Konjunktur. Wenn im politischen Diskurs Tatsachen zur Nebensache werden, greifen Menschen verstärkt zu einfachen Erklärungen für vielschichtige Phänomene, suchen nach „Schuldigen“ anstatt nach Ursachen. Häufig sind die Vorstellungen geprägt von einem tiefen Misstrauen gegenüber politischen Institutionen und Mainstream-Medien sowie gleichzeitig durch die Ablehnung der Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen.
Bernd Harder stellt einige wichtige historische und aktuelle Verschwörungstheorien vor. Er zeigt, wie die Berufung auf „alternative Fakten“ funktioniert, welche Bedürfnisse dabei bedient werden und warum es so schwierig ist, die Anhänger davon zu überzeugen, dass sie falsch liegen.
Der vierte Band der Reihe Kritikpunkte stellt die Fragen zusammen, die an eine Theorie oder einen Erklärungsansatz gestellt werden müssen, um zu entscheiden, ob wir es mit einer neuen, außergewöhnlichen, aber fruchtbaren Idee bzw. Kritik an vorherrschenden Auffassungen und Verhältnissen zu tun haben oder mit einer Verschwörungstheorie, die auf „alternativen Fakten“ basiert, die einer Überprüfung nicht standhalten. Zum Shop

Zum Autor Bernd Harder

Bernd Harder ist Vorstandsmitglied der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) und ständiger Mitarbeiter der Zeitschrift „Skeptiker“. Er befasst sich kontinuierlich mit aussergewöhnlichen Behauptungen und deren Überprüfung und hat zahlreiche Bücher zu einschlägigen Themen publiziert.

Kommentar von Martin Koradi

Das Buch von Michael Butter über Verschwörungstheorien, „Nichts ist so wie es scheint“, behandelt dieses Thema meinem Eindruck nach umfassender.  Wer aber eine kompakte, fundierte und preisgünstige Einführung in die „Konspirologie“ und ihre Folgen sucht, ist mit Bernd Harders Buch sehr gut bedient.

Der Autor beschreibt die Grundlagen dieses Phänomens:

Was ist eine Verschwörungstheorie und wie erkennt man sie?

Was weiss man über die Verfasstheit der Verschwörungstheoretiker?

Woher kommt die Anfälligkeit für Verschwörungstheorien?

Was machen Verschwörungstheorien mit denjenigen, die an sie glauben?  Welchen Einfluss haben sie auf die Gesellschaft?

Welche Strategien sind wirksam gegen Verschwörungstheorien – und welche nicht?

Etc.

Harder geht auch auf konkrete Beispiele ein. Er kommt dabei auf unter andern auf Udo Ulfkotte zu sprechen, der wilde Spekulationen zum Germanwings-Flug 4U9525 äusserte, auf Ken Jebsen, der hinter Terroranschlägen mit Vorliebe „False flag“-Aktionen zu wittern scheint und auf Daniele Ganser, der sich darauf spezialisiert hat, mit hoch tendenziösen Fragen Verschwörungstheorien und Feindbilder zu füttern.

Zu Risiken und Nebenwirkungen von Verschwörungstheorien schreibt Bernd Harder:

„Verschwörungstheorien sind nicht harmlos. Selbst vermeintlich spassige Narrative wie die ‚Reptiloiden-Weltverschwörung’ konstruieren Feindbilder, tragen zur Radikalisierung bei und vertiefen Gräben und Spannungen  in der Gesellschaft. Impfgegner und Klimawandelleugner ziehen mit ihren Verschwörungstheorien die kollektive Urteilskraft in Mitleidenschaft und torpedieren evidenzbasierte Entscheidungen. Die Suche nach einem Schuldigen für alles, was schiefläuft, nach den Gegenmächten, nach dem geheimen Plan – quasi eine homöopathisch verdünnte Hexenjagd – verstellt den Blick auf die Realität. Verschwörungstheorien mit ihren verdrehten Fakten, Halbwahrheiten und Lügen sind scheinkritisch, führen zu resignativer Wut und verhindern damit soziales und politisches Engagement, das tatsächlich etwas bewirken könnte. Gänzlich beunruhigend wird es, wenn aus den Verschwörungstheorien von Chemtrailern oder „Reichsbürgern“ eine Praxis wirddie mit konkreten Gefahren für Leib und Leben von Polizisten, Piloten, Gerichtsvollziehern etc. verbunden ist.“

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Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

[Buchtipp] »Nichts ist, wie es scheint«, über Verschwörungstheorien, von Michael Butter

Verlagsbeschreibung

Seit 2015 Hunderttausende Flüchtlinge in die Bundesrepublik kamen, kursiert im Netz die Theorie vom „Großen Austausch“: Das Land solle von einer globalen „Finanzoligarchie“ mittels der „Migrationswaffe“ ausgeschaltet werden. Neben mangelndem Vertrauen in die Politik ist der Glaube an Verschwörungstheorien ein Merkmal des populistischen Brodelns. Doch was macht eine Erklärung zu einer Verschwörungstheorie? Warum sind sie für viele so attraktiv? Und was kann man dagegen unternehmen?
Antworten auf solche Fragen findet man seltener als Verschwörungstheorien selbst. Michael Butter erläutert, wie solche Erzählungen funktionieren, wo sie herkommen und welche Auswirkungen sie haben können. Da sie die Eigenlogik sozialer Systeme unterschätzten, seien solche Theorien zwar immer falsch; als Symptom müsse man sie dennoch ernstnehmen. Gegenwärtig seien sie ein Indikator für die demokratiegefährdende Fragmentierung der Öffentlichkeit. Zum Shop

Zum Autor Michael Butter

Michael Butter, geboren 1977, lehrt Amerikanische Literatur- und Kulturgeschichte an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Er leitet ein europäisches Forschungsprojekt zu Verschwörungstheorien und ist in den Medien regelmäßig als Experte zum Thema präsent.

Kommentar von Martin Koradi

Ähnlich wie der Begriff „Populismus“ wird heute auch das Wort „Verschwörungstheorie“ oft vage und ein bisschen inflationär verwendet. Das ist fragwürdig. Werden Begriffe ungenau  eingesetzt, verlieren sie ihren Erklärungswert, die Denkvorgänge werden ungenau und das Urteilsvermögen ist beeinträchtigt.

Beim Begriff „Populismus“ hat Jan-Werner Müller mit seinem Buch „Was ist Populismus“ eine erhellend-präzise Beschreibung dieses Phänomens geliefert. Michael Butter tut das nun mit dem Begriff „Verschwörungstheorie“.

Beide Präzisierungen sind wichtig, sind doch sowohl der Populismus wie auch Verschwörungstheorien eine Bedrohung für die liberale, pluralistische Demokratie.

Michael Butter beschreibt fundiert und gut nachvollziehbar,

  • was eine Verschwörungstheorie ist,
  • wie Verschwörungstheorien argumentieren,
  • warum Menschen an Verschwörungstheorien glauben,
  • wie sich Verschwörungstheorien historisch entwickelt haben,
  • wie das Internet Verschwörungstheorien verändert,
  • wann Verschwörungstheorien gefährlich sind und was man dagegen tun kann.

Butter beschreibt zum Beispiel den Zusammenhang zwischen Verschwörungstheorien und dem Gefühl der Machtlosigkeit, den die Forschung belegt hat. Es gehe dabei aber nicht unbedingt um wirkliche Machtlosigkeit, sondern eher um das Gefühl der Machtlosigkeit, oder die Angst, es bald zu werden.

Butter geht auch detaillierter auf einzelne Fälle ein, zum Beispiel auf Daniele Ganser, den derzeit bekanntesten „Verschwörungstheoretiker des deutschsprachigen Raums“, der die „Technik des vermeintlichen ‚Nur-Fragen-Stellens’“ perfektioniert habe.

Das Buch von Michael Butter ist jedenfalls das beste Werk, das ich zum Thema „Verschwörungstheorien“ bisher gelesen habe.

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Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

Kommentare & Bewertungen

„Es ist ein Buch, das einsam leuchtet wie ein Chemtrail am Abendhimmel. Womöglich ist es das Buch des Jahrzehnts.“
Sascha Lehnarzt, Welt am Sonntag 11.03.2018

[Buchtipp] „Postfaktisch“, Die neue Wirklichkeit in Zeiten von Bullshit, Fake News und Verschwörungstheorien von Vincent F. Hendricks und Mads Vestergaard

Verlagsbeschreibung

„Eine Demokratie befindet sich in einem postfaktischen Zustand, wenn politisch opportune, aber faktisch irreführende Behauptungen anstatt Fakten als Grundlage für die politische Debatte, Meinungsbildung und Gesetzgebung dienen. Wer diese Entwicklung bremsen will, muss verstehen, was sie verursacht.“

Mit Macht dringen populistische Aussagen, alternative Tatsachen und Fake News in die öffentliche Debatte ein. Desinformation hat sich so ausgeweitet, dass wir alle uns dazu verhalten müssen – Politiker, Journalisten und Bürger. Im Zeitalter der Information ist Aufmerksamkeit gleichzusetzen mit Geld, Macht und Einfluss, auch wenn das auf Kosten von Tatsachen geschieht.

Mit ihrem Bestseller Postfaktisch legen die Philosophen Vincent F. Hendricks und Mads Vestergaard eine zusammenhängende Analyse der Mechanismen vor, die uns etwas als wahr betrachten oder empfinden lassen. Ihr Buch beschreibt die Entwicklung hin zu einer postfaktischen Demokratie und benennt die Gewinner und Verlierer der neuen Aufmerksamkeitsökonomie. Ein eindringlicher Weckruf zu einer Zeit, da die „Wirklichkeit“ zunehmend eine Frage von Klickzahlen scheint. Zum Shop

Kritiken und Kommentare

„Eine philosophische Analyse der Medienwelt in der Epoche des Donald Trump und seinem postfaktischen Verhältnis zu Tatsachen.“    Deutschlandfunk Kultur

Zu den Autoren Vincent F. Hendricks und Mads Vestergaard

Vincent F. Hendricks, Jahrgang 1970, ist Professor für Formale Philosophie und Direktor des Center for Information and Bubble Studies (CIBS) an der Universität Kopenhagen. Für seine Forschung wurde er mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Elite Research Prize des dänischen Forschungsministeriums. Er ist Mitglied des Institut Internationale de Philosophie, Gewinner des Kopenhagener Science Slams 2015 und Koautor des Buches Infowars (2016).
Mads Vestergaard ist Doktorand am Center for Information and Bubble Studies (CIBS) der Universität Kopenhagen, wo er seinen Master in Philosophie machte. Darüberhinaus ist er u.a. Gründer und ehemaliger Vorsitzender der „Nihilistischen Volkspartei“, einem dänischen Kunst- und Satireprojekt.

Kommentar von Martin Koradi

Dieses Buch ist wichtig und sehr informativ. Die Autoren schildern fundiert und verständlich, wie Desinformation, Fake News und Verschwörungstheorien zustande kommen und die Demokratie gefährden. Sie plädieren nachvollziehbar dafür, Fehlinformation im digitalen Zeitalter den globalen Herausforderungen zuzurechnen, genau wie die Klimaveränderungen, zunehmende ökonomische Ungleichheit, die Krise der Wasserversorgung, weltumspannende Gesundheitsprobleme und einige andere drängende Themen.

Digitale Fehlinformation werde nicht allein ausgelöst durch Terrorismus, Cyberangriffe und die lichtscheue Einmischung fremder Mächte, wie beim Versuch von russischer Seite,  die Brexit-Abstimmung und die Präsidentschaftswahlen in den USA zu beeinflussen.

Es reiche daher nicht, Schurken zu ermitteln und zu benennen:

„Richtet sich alle Aufmerksamkeit auf solche halbseidenen und total finsteren Akteure, können die strukturellen Bedingungen übersehen werden, die Fehlinformationen blühen lassen. Es wird dann schwer, wenn nicht unmöglisch, diese Ströme und ihre schädlichen Auswirkungen einzudämmen.

Um uns vor Fehlinformationen schützen und um externen Einfluss auf die Bildung politischer Meinungen und auf demokratische Wahlen verhindern zu können, ist es wichtig, dass wir das Milieu verstehen, in welchem Information produziert und verbreitet wird.“

Dieses Verständnis vermitteln die Autoren ausgezeichnet. Sie zeigen auf, wie die Jagd nach Aufmerksamkeit in einem Markt der Informationen zu Desinformation, politischen Blasen, Populismus und letztendlich zu einer postfaktischen Demokratie führt:

„Wir leben in einem Überfluss an Information, welcher wiederum Knappheit an Aufmerksamkeit erzeugt, was Aufmerksamkeit in eine wertvolle Ressource verwandelt. Werbung und traffic bedeuten Geld, Macht und politischen Einfluss. Dabei spielen Wahrheit und Fakten und wirkliche soziale Herausforderungen nicht länger die Hauptrolle. Um zu verhindern, das die Jagd nach Aufmerksamkeit die Aufklärung und die Vermittlung wahrhaftsgetreuer Information verdrängt, müssen wir die Mechanismen, die strukturellen Voraussetzungen und die Entwicklung der neuen Kommunikationsmöglichkeiten studieren und verstehen……..

Es gab Zeiten, da konnten Despoten das Informationsniveau der Bevölkerung als Macht- und Herrschaftsstrategie auf einem absoluten Minimum halten sowie durch Zensur und Strafe die Quellen für ungelegene Information unterdrücken. Einige Machhaber versuchen das immer noch. Der Kampf für die Meinungsfreiheit ist auch ein Kampf gegen diese Herschaftsstrategie. Im Informationszeitalter lässt sich von Zeit zu Zeit auchohne Zensur und Verletzung der Meinungsfreiheit ein ganz ähnlicher propagandistischer Effekt erzielen, indem man Bürger, Wähler und die Presse mit Fehlinformationen überhäuft. Durch Fehlinformationen werden die politische Opposition, die Bürger und die Presse verwirrt, wodurch die Machthaber mit so einigem davonkommen. Erst recht, wenn das Hand in Hand geht mit stark verbreitetem Misstrauen – ob nun begründet oder nicht – gegenüber der Presse, die als Wachhund im Auftrag der Bevölkerung agieren soll. Meinungsfreiheit allein ist kein Bollwerk gegen eine solche Herrschaftstaktik in Sachen Information. Was aber könnte das Bollwerk dann sein? Wohlgemerkt, ohne dass es die Einschränkung der Meinungsfreiheit mit sich führen und damit die Freiheit, Aufklärung und Demokratie untergraben würde. Die Annäherung an diese ausgesprochen schwere, aber brennende Frage erfordert ein Verständnis der technologischen, merktmässigen und psychologischen Bedingungen, die Fehlinformation wirksam werden lassen.“

Vincent F. Hendricks und Mads Vestergaard vermitteln Verständnis für diese Bedingungen. Ihrem Buch ist deshalb grösstmögliche Verbreitung  und aufmerksame Lektüre zu wünschen.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

[Buchtipp] „ Demokratie in der Krise “

Verlagsbeschreibung

Alle Welt redet von Krise. Nun auch noch eine Demokratiekrise? Ist Demokratie Teil der Lösung oder Teil des Problems? Kranken die politischen Prozesse selbst oder leiden sie unter äusseren Einflüssen aus Wirtschaft und Gesellschaft? Ist unsere Demokratie reformfähig? Hat sie eine Zukunft?

Von ihrem Ideal her ist Demokratie unsere Hoffnung, all die anderen Krisen, in denen unsere Gesellschaft steckt, bewältigen zu können. Ideal und Realität unserer Demokratie bilden ein Spannungsfeld und klaffen zuweilen auseinander. Sie sollen es sogar. Aber wir müssen die Chance haben, unsere Ideale einen Schritt weit zu realisieren. Sonst verlieren wir den Glauben an sie. Deshalb ist es wichtig, die Realität einerseits kritisch zu analysieren, anderseits das Verbesserungspotenzial auszuloten. Analyse und Reformmöglichkeiten sind deshalb die zwei Dimensionen, in denen sich der Sammelband bewegt.

Mit Beiträgen von André Bächtiger, Jeannette Behringer, Daniel Binswanger, Joachim Blatter, Daniel Brühlmeier, Martina Caroni, Marc Chesney, Alex Demirovic, Christian Fallegger, Christian Felber, Markus Freitag, Volker Gerhardt, Friederike Habermann, Heinz Hauser, Otfried Höffe, Gebhard Kirchgässner, Hanspeter Kriesi, Ulrike Liebert, Wolf Linder, Philippe Mastronardi, Wolfgang Merkel, Jörg Paul Müller, Andreas Nölke, Jürgen Oelkers, Viktor Parma, Alois Riklin, Michael Schlattau, Thomas Steinfeld, Wolfgang Streeck, Peter Ulrich, Adrian Vatter, Werner Vontobel, Gerhard Wegner, Hans A. Wüthrich.  Zum Shop

Zu den Herausgebern Daniel Brühlmeier & Philippe Mastronardi

Daniel Brühlmeier, geboren 1951, Dr. oec. HSG und lic. ès lettres (Université de Genève), Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Staatskanzlei des Kantons Zürich und Dozent für Politikwissenschaft an den Universitäten Bern und St. Gallen.

Philippe Mastronardi, geb. 1946, promovierte in Bern auf dem Gebiet der Rechtswissenschaft und arbeitete 20 Jahre lang in den Parlamentsdiensten des Bundes, davon 16 Jahre als Sekretär der Geschäftsprüfungskommissionen der eidgenössischen Räte (parlamentarische Oberaufsicht über Regierung und Verwaltung). Nach seiner Habilitation für Staatstheorie, Staatsrecht und Verwaltungsrecht war er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2011 Ordinarius für Öffentliches Recht an der Universität St. Gallen. Seine Forschungsinteressen gelten den Übergängen zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Seine wichtigsten Publikationen beschlagen das juristische Denken, die Verfassungslehre und die Rechtstheorie.

Kommentar von Martin Koradi

Die offen-liberalen, demokratischen Gesellschaftsmodelle westlicher Prägung sind durch mehrfache Herausforderungen gefährdet:

Populismus, Islamismus, Globalisierung, Digitalisierung und ein unübersehbarer Trend zu antidemokratischen, autoritären Führerfiguren à la Trump, Putin, Orbán und Erdogan setzen demokratische Gesellschaftsformen unter Druck oder greifen sie direkt an.

Man kann diese Angriffe direkt in den jeweiligen Themenfeldern parieren. Oder man kann auf eine Stärkung der Demokratie hinwirken, damit sie diesen Angriffen besser standhalten kann.

Das Buch „Demokratie in der Krise“  bietet dazu vielfältige Informationen und Diskussionsgundlagen. Es beschreibt die Stärken und Schwächen des direktdemokratischen und konkordanten Demokratiemodells der Schweiz.

Die fundierte Auseinandersetzung mit diesen Stärken und Schwächen ist eine Voraussetzung für die Weiterentwicklung des Demokratiemodells, wenn es gegen die Angriffe sturmfest gemacht werden soll.

Das Buch „Demokratie in der Krise“ ist eine Fundgrube und enthält Beiträge von profunden Kennern der Thematik. Thematisiert werden auch die wirtschaftlichen Einflüsse auf die Demokratie.

Mir selber haben die Beiträge von Hanspeter Kriesi, Wolfgang Streeck und Marc Chesney neue Erkenntnisse gebracht.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Inhaltsverzeichnis

  • Daniel Brühlmeier, Philippe Mastronardi: Vorwort: Ein Experiment in Sachen Demokratie

Teil 1: Demokratie in der Krise?

  • Philippe Mastronardi: Einleitung: Werte und Gefahren der schweizerischen Demokratie – Ergebnisse einer Umfrage
  • Hanspeter Kriesi: Der Zustand der schweizerischen Demokratie. Fakten und Probleme aus der Sicht der Politikwissenschaft
  • André Bächtiger: Warum die Schweiz mehr Deliberation gut brauchen könnte. Ein Plädoyer
  • Viktor Parma: Kritik an der demokratischen Praxis in der Schweiz
  • Joachim Blatter: Die Schweizer Demokratie(vorstellungen) vor den Herausforderungen der Globalisierung
  • Wolfgang Streeck: Die Demokratie in der Krise

Teil 2: Das Verhältnis von Demokratie und Kapitalismus

  • 2.1: Wer regiert – die Politik oder die Wirtschaft?
  • Daniel Brühlmeier: Einleitung
  • Wolfgang Merkel: Ist die Krise der Demokratie eine Erfindung?
  • Andreas Nölke: Finanzialisierung als Herausforderung der Demokratie in westlichen Industriegesellschaften
  • 2.2: Liberalismus – Lösung oder Teil des Problems?
  • Heinz Hauser: Ordoliberale Grundsätze für eine globalisierte Welt
  • Marc Chesney: Der Widerspruch zwischen Neoliberalismus und liberaler Demokratie am Beispiel des Finanzmarktes
  • Ulrike Liebert: Hat die marktwirtschaftliche Demokratie im 21. Jahrhundert noch eine Chance? Die Europäische Währungsunion in der Finanzkrise
  • 2.3: Braucht es Tugenden und/oder Institutionen?
  • Gerhard Wegner: Kapitalismus und Demokratie – Komplementarität oder Konflikt?
  • Peter Ulrich: Wie lässt sich die kapitalistische Marktwirtschaft zivilisieren? Zum Verhältnis von Systemlogik, Bürgerethos und Wirtschaftsbürgerrechten
  • Daniel Binswanger: Die Auflösung der Milieubindungen. Die Entwicklung von Kapitalismus und Demokratie am Beispiel der Schweiz
  • 2.4: Stehen Demokratie und Kapitalismus im Konflikt?
  • Philippe Mastronardi: Das Verhältnis von Demokratie und Kapitalismus: Zwischenbilanz und Thesen zum Gedankengang
  • 2.5: Wohin soll sich die Ökonomie entwickeln?
  • Gebhard Kirchgässner: Das zukünftige Verhältnis von Kapitalismus und Demokratie aus ökonomischer Sicht
  • Christian Felber: Die Gemeinwohlökonomie als Prozess einer neuen Ausrichtung der Wirtschaft
  • 2.6: Sind Kapitalismus und Demokratie in der Schweiz zu Reformen fähig?
  • Werner Vontobel: Warum Globalisierung nicht geht
  • Wolf Linder: Demokratie und Kapitalismus in der Schweiz. Rückblick und Ausblick
  • 2.7: Die Zukunftstauglichkeit der Demokratie
  • Otfried Höffe: Ist die Demokratie in Zeiten des Kapitalismus noch zukunftsfähig?

Teil 3: Die Zukunft der Demokratie

  • Daniel Brühlmeier: Einleitung
  • 3.1: Werte und Institutionen
  • Alois Riklin: Defizitäre Demokratien
  • Adrian Vatter: Zur Zukunftstauglichkeit demokratischer Institutionen in der Schweiz
  • Jörg Paul Müller: Die Zukunftstauglichkeit der Demokratie
  • Martina Caroni: Wer ist das Volk?
  • 3.2: Zivilgesellschaft und Wirtschaft
  • Markus Freitag: Sozialkapital und Demokratie. Von den zivilgesellschaftlichen Fundamenten des demokratischen Staatswesens in der Schweiz
  • Alex Demirović: Die Wirtschaft als Herausforderung der Demokratie. Zur Begründung der Wirtschaftsdemokratiedemokratie
  • Friederike Habermann: WirtschaftsBASISdemokratie nach den Prinzipien der Ecommony
  • Jeannette Behringer: Freiwilliges Engagement von Unternehmen. Corporate Citizenship als ein Beitrag zur Wirtschaftsdemokratie?
  • Hans Wüthrich, Michael Schlattau: Mehr Demokratie wagen – die Genossenschaft als Vorbild?
  • 3.3: Bildung und Medien
  • Jürgen Oelkers: Bildung und Demokratie
  • Christian Fallegger: Demokratiebildung an der Schule
  • Thomas Steinfeld: Die mediale Bedingtheit der Demokratie(reform)
  • 3.4: Demokratie als universales Konzept
  • Volker Gerhardt: Demokratie als die politische Form der Menschheit

Teil 4: Perspektiven der Herausgeber

  • Daniel Brühlmeier: Demokratie in der Krise. Reformbedarf
  • Philippe Mastronardi: Demokratie in der Krise. Konzept einer möglichen Reform

Buchtipp: „#ichbinhier“ von Hannes Ley und Carsten Pörksen

Verlagsbeschreibung

Zusammen gegen Fake News und Hass im Netz

Hate Speech hat eine lange Tradition im Internet. Anfangs waren vor allem Einzelne davon betroffen, schlimm genug. Doch längst wissen wir um das destruktive Potenzial dieser Pöbeleien für die Gesellschaft. Wutbürger, Extremisten, Trolle, Fremdenfeinde und Frauenhasser dominieren die Kommentarspalten in den sozialen Netzwerken. Die von Hannes Ley gegründete Facebook-Gruppe #ichbinhier kämpft täglich für die Verbesserung des Diskussionsklimas. Immer dann, wenn Wortwahl und Inhalte in Hass abzugleiten drohen, steuern die Hashtag-Nutzer gegen. Denn wo sich Lügen und Hassreden zusammentun, entfaltet sich ein Potenzial, das die Gesellschaft spalten kann. Mit Zivilcourage und gegenseitiger Unterstützung können engagierte Bürger viel bewirken – Hannes Ley zeigt, wie es gelingen kann.
“Wir reden nicht über Counter Speech, über Gegenrede. Wir praktizieren sie.“  Zum Shop

Zum Autor Hannes Ley

Hannes Ley ist selbstständiger Kommunikationsberater in Hamburg. Ende 2016 hat er die Gruppe #ichbinhier gegründet. Sie ist in nur einem halben Jahr auf rund 37.000 Mitglieder angewachsen.

Kommentar von Martin Koradi

Hannes Ley beschreibt das destruktive Potenzial von Hass und Lügen im Internet eindrücklich. Seine Facebook-Gruppe #ichbinhier leistet wichtige Gegenwehr und ist sehr unterstützenswert. Wir dürfen das Internet nicht den Hatern und Fake-News-Schleudern überlassen. Jede zivilgesellschaftliche Initiative gegen diese demokratiegefährdenden Umtriebe ist deshalb zu begrüssen.

Allerdings darf dadurch der Druck auf Facebook nicht nachlassen. Facebook fördert Hass und extremistische Positionen durch seine Algorithmen aus rein kommerziellen Gründen. Das ist nicht akzeptabel. Facebook muss Verantwortung übernehmen und kann die „Putzarbeit“ auf seiner Plattform nicht dem zivilgesellschaftlichen Engagement überlassen.

Zum Thema Datenschutz & Facebook siehe auch:

NOYB – European Center for Digital Rights

Buchtipp:

Facebook-Gesellschaft von Roberto Simanowski

Ausserdem:

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

Bewertungen & Kommentare

„Das Internet ist großartig. Es ist Inspiration und Kommunikation, es öffnet den Zugang zu Wissen und Bildung, es fördert die Demokratisierung. Es ist aber auch die größte Kloake der Menschheitsgeschichte, weil es durchtränkt ist von Fake News, Hassbotschaften, schlimmsten Beleidigungen und Bösartigkeit. Doch es gibt Instrumente dagegen: Der intelligente Schwarm von #ichbinhier. Normale Leute, die jeden Tag in die Auseinandersetzung gehen; mit Fakten und Argumenten. Eine Wertegemeinschaft, die unserer Gesellschaft einen spürbaren Dienst erweist. Ehrenamtlich. Unbezahlbar. Wichtig.“

Dunja Hayali

„Der Hamburger Hannes Ley will die Kommentarstränge bei Facebook zurückerobern, […] den Hass so nicht stehen lassen. […] Gerade hat er ein Buch herausgebracht, in dem er die Geschichte von #ichbinhier erzählt, aber auch auf die Geschichte von Hassrede und Fakenews eingeht.“

Jil Hesse, NDR KULTUR

„[Das Buch macht] darauf aufmerksam, wie respektlos der Umgang miteinander in sozialen Netzen ist. Und dass das keiner unkommentiert stehen lassen sollte, sondern sagen: #ichbinhier.“

Johanna Lehn, VORWAERTS

Buchtipp: „Die grosse Gereiztheit“ von Bernhard Pörksen

Verlagsbeschreibung

Wege aus der kollektiven Erregung

Terrorwarnungen, Gerüchte, die Fake-News-Panik, Skandale und Spektakel in Echtzeit – die vernetzte Welt existiert längst in einer Stimmung der Nervosität und Gereiztheit. Bernhard Pörksen analysiert die Erregungsmuster des digitalen Zeitalters und beschreibt das große Geschäft mit der Desinformation. Er führt vor, wie sich unsere Idee von Wahrheit, die Dynamik von Enthüllungen und der Charakter von Debatten verändern. Heute ist jeder zum Sender geworden, der Einfluss etablierter Medien schwindet. In dieser Situation gehört der kluge Umgang mit Informationen zur Allgemeinbildung und sollte in der Schule gelehrt werden. Medienmündigkeit ist zur Existenzfrage der Demokratie geworden. Zum Shop

Zum Autor Bernhard Pörksen

Bernhard Pörksen, Prof. Dr. phil., studierte Germanistik, Journalistik und Biologie, war als Journalist tätig und lehrt heute am Institut für Medienwissenschaft der Universität Tübingen.

Kommentar von Martin Koradi

Dieses Buch ist allen zu empfehlen, die sich für die gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen interessieren.

Pörksen beschreibt eine Wahrheitskrise, eine Diskurskrise, eine Autoritätskrise, eine Behaglichkeitskrise und eine Reputationskrise. Er plädiert aber bezüglich der Krisen der digitalen Öffentlichkeit weder für pauschale Euphorie noch für ebenso pauschalen Pessimismus, sondern sieht in der gegenwärtigen Situation vor allem eine Bildungsherausforderung.

Im letzten Kapitel seines Buches stellt er die Utopie einer redaktionellen Gesellschaft zur Diskussion, in der die Grundfragen des Journalismus nach der Glaubwürdigkeit und Relevanz von Information zu einem Element der Allgemeinbildung geworden sind.

Ausserdem:

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

[Buchtipp] „Das System Putin“, von Igor Eidman

System-PutinVerlagsbeschreibung

Wohin steuert das neue russische Reich?

Russlands neuer Zar?
Krieg und aggressive Interventionen nach außen, Unterdrückung und parafaschistische Kontrolle nach innen: Welche Ziele verfolgt Putin, und was treibt ihn an? Hat die Demokratie in Russland eine Chance?
Igor Eidman kennt das System aus eigener Erfahrung und weiß als früherer Direktor des größten russischen Meinungsforschungszentrums (WZIOM), was hinter den Kulissen abläuft. Scharfsinnig und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, beleuchtet er das Putin-Regime, das auch den Mord an seinem Cousin Boris Nemzow zu verantworten hat. Eine hochbrisante Streitschrift zur aktuellen Lage in Russland. Zum Shop

Zum Autor Igor Eidman

Igor Eidman wurde 1968 in Gorky, dem heutigen Nizhny Novgorod, als Sohn eines bekannten Physikers geboren. Er studierte Geschichtswissenschaft, arbeitete als Journalist und Berater für bekannte Politiker: Gouverneure, liberale Parteiführer, Abgeordnete der Duma, Regierungsvertreter, Oligarchen. Später wurde er Kommunikationsdirektor beim Allrussischen Meinungsforschungszentrum (WZIOM), wo er Korruption und Fälschung zugunsten des Kremls aufdeckte. Nach Übergabe von Beweisen an Journalisten der New Times wurde er bedroht. Um sich und seine Familie zu schützen, zog er 2011 nach Leipzig und arbeitet heute als Journalist. Er ist der Cousin des 2015 ermordeten russischen Oppositionellen Boris Nemzow.

Kommentar von Martin Koradi

Als früherer Leiter des grössten russischen Meinungsforschungsinstitutes ist Igor Eidman ein Insider.

Spätestens seit Beginn des Ukrainekrieges  ist der Westen mit einer intensiven Propagandaoffensive des Kremls konfrontiert, die mit Falschmeldungen Verwirrung und Misstrauen stiften will.

Diese Propaganda hat überall dort leichtes Spiel, wo es an Kenntnissen mangelt bezüglich der jüngeren Geschichte Osteuropas.

Das Buch von Igor Eidman vermittelt Informationen über Russland und  zeichnet ein umfassendes Bild von Putin und dem „Putinismus“, der von Autoritarismus, einer aggressiven Aussenpolitik, Propaganda und Korruption geprägt ist.

Igor Eidmans Buch „Das System Putin“ liefert das nötige Wissen gegen die aggressive Kreml-Propaganda. Empfehlenswert! Angaben zum Inhaltsverzeichnis weiter unten.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

Aus dem Inhaltsverzeichnis

Vorwort von Schanna Nemzowa

Vorwort von Garri Kasparow

Einleitung

1.Vom Söldner zum Diktator

Wie man Putin an die Macht brachte

Der Mann in Grau – Putins soziopsychologische Züge

Putins Entwicklung vom Geheimagenten zum Präsidenten

Warum Putin Krieg führt

Putins Rolle in der neuesten Geschichte Russlands

2. Entstehung des Putinismus: Blick von innen Die »Abgeordnetenkrankheit«

Der Verfall der Demokratie und ihr Tod

Putins Propaganda

Die Scheinopposition

Gesellschaft ohne Meinung

Verrat und Tragödie der Intelligenzija

Warum Russland sich bis heute vor Voltaire fürchte

3. Faschismus im 21.Jahrhundert

Putinismus

Putinismus in der Praxis

Die Wurzeln des Putinismus

Negative Konvergenz

Die Rückkehr des Monsters

Alle Faschisten gehen den Weg…Mussolinis

Der neue Faschismus und der Krieg

4. Der »Super-Borgia« im Kreml

Wer hat meinen Cousin getötet?

Killeragentur »Putin, Kadyrow & Co.«

»Kadyrowisierung« des ganzen Landes

Die Fälle Kaschin und Nemzow

Die Mordfälle Litwinenko und Nemzow

Und was jetzt?

5. Wladimir Putins Krieg und »Frieden«

Putins nationale Revanche – kommt der Krieg von Osten?

Wer hat den Krieg auf der Krim ausgelöst?

Putins Kriegsmotor: »Dschihadisten« und Silowiki

Der Putinismus und die rechtskonservative russischeTradition

Das Finale des »Friedensstifters«

Religion des Kriegs

Geschäfte,Verhandlungen und der Krieg mit den »Molchen«

Putins »Ganoven« und die europäischen frajer

Die neue »heiße« Front im neuen kalten Krieg

Europa hat die Chance, den Krieg aufzuhalten

6. Deutschland und Putin

Müssen die Deutschen Putin fürchten?

»Russland verstehen«

Der falsche »Deutsche im Kreml«

Wie Putin versucht, Deutschland zu verändern

7. Russland nach Putin

Politische Internetrevolution in Russland

Putins Katastrophenspirale

Die demokratische Alternative

Und ich glaube trotzdem – statt eines Nachworts

Wie sich in Russland eine stabile demokratische Gesellschaft entwickelt

Postskriptum

[Buchtipp] “ Fremd in ihrem Land „, von Arlie Russell Hochschild

Fremd-Ihrem-LandVerlagsbeschreibung

Eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten

In vielen westlichen Ländern sind rechte, nationalistische Bewegungen auf dem Vormarsch. Wie ist es dazu gekommen? Arlie Russell Hochschild reiste ins Herz der amerikanischen Rechten, nach Louisiana, und suchte fünf Jahre lang das Gespräch mit ihren Landsleuten. Sie traf auf frustrierte Menschen, deren „Amerikanischer Traum“ geplatzt ist; Menschen, die sich abgehängt fühlen, den Staat hassen und sich der rechtspopulistischen Tea-Party-Bewegung angeschlossen haben. Hochschild zeigt eine beunruhigende Entwicklung auf, die auch in Europa längst begonnen hat. Hochschilds Reportage ist nicht nur eine erhellende Deutung einer gespaltenen Gesellschaft, sondern auch ein bewegendes Stück Literatur.

„Jeder, der das moderne Amerika verstehen möchte, sollte dieses faszinierende Buch lesen.“ Robert Reich

„Ein kluges, respektvolles und fesselndes Buch.“  New York Times Book Review

„Eine anrührende, warmherzige und souverän geschriebene, ungemein gut lesbare teilnehmende Beobachtung. … Wer ihr Buch liest, versteht die Wähler Trumps, weil sie auf Augenhöhe mit ihnen und nicht über sie spricht.“ FAZ   Zum Shop

Zur Autorin Arlie Russell Hochschild

Arlie Russell Hochschild ist Professorin für Soziologie und Direktorin des „Center for Working Families“ an der University of California, Berkeley, USA.

Kommentar von Martin Koradi

Soziologiebücher sind oft alles andere als einfach lesbar. Dieses Buch aber ist spannend und verpackt soziologische Erkenntnisse in einen gut verständlichen Reisebereicht. Die USA sind nicht erst seit Donald Trump ein tief gespaltenes Land. Trump ist die Folge dieser Spaltung oder ein Symptom dafür.

Arlie Russell Hochschild gelingt es, diese Entwicklung nachvollziehbar darzustellen. Das ist auch interessant für uns in Europa. Da uns ähnliche gesellschaftliche Spaltungen drohen, können wir unter anderem auch aus dem Buch von Arlie Russell Hochschild lernen, was dagegen vorbeugend getan werden kann und muss.

Die Autorin beschreibt ihre Reise aus ihrer liberalen Filterblase in die Filterblase der Tea-Party. Das ist ausserordentlich bemerkenswert.

Eigentlich bekommt, Donald Trump, der hochgradig gestörte Ober-Narzist im Weissen hau, viel zu viel Aufmerksamkeit. Wenn nur ein Bruchteil dieser Aufmerksamkeit stattdessen der jeweils andern Filterblase zukommen würde, wäre das ein Beitrag zur Überbrückung der Spaltung.

Wie weit Tea-Party-Mitglieder bereit sind, ihre Filterblase zu verlassen, und sie die liberale Filterblase anzuschauen, ist schwer einzuschätzen. Ich habe noch nie von entsprechenden Versuchen gehört. Vielleicht wäre die passendere Frage auch, unter welchen Voraussetzungen sie dazu bereit wären.

Es ist aber schon ein Fortschritt, wenn Liberale ihre Filterblase verlassen, um die Tea-Party-Filterblase zu erkunden. Das jedenfalls ist offenbar möglich, wie Arlie Russell Hochschild. Und wir leben ja alle mehr oder weniger in Filterblasen. Nicht nur politisch, sondern auch im persönlichen Bereich. Aus dem Buch von Arlie Russell Hochschild kann daher jeder und jede auch Erkenntnisse für den eigenen Alltag gewinnen. Auch dort ist der Umgang mit fremden Welten oft eine Herausforderung, die sich aber lohnen kann, wenn man sie annimmt.

Arlie Russell Hochschild geht aber auch einer ganz konkreten politischen Frage nach, die hoch interessant ist: In vielen Teilen Louisianas leiden die Bewohner unter massiver Umweltverschmutzung. Wie kommt es, dass sie trotzdem vor allem Politiker wählen, die für die Abschaffung von Umweltbehörden und Umweltschutz-Standards sind?

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

Weitere Bewertungen & Kommentare

– „Arlie Russell Hochschild hört hin, wenn die Abgehängten der USA schimpfen und klagen. […] Sie ist von Empathie geleitet, sie will verstehen, abwägen, begreifen, was schiefgelaufen ist.“ Rüdiger Schaper (Der Tagesspiegel, 07.09.2017)

– „Was das Buch auszeichnet, ist der Ton: neugierig, beobachtend, unmittelbar und mitfühlend, aber niemals herablassend. Vor allem kommt das Buch ganz ohne strenge Belehrungen aus. Auch das macht es so lesenswert, besonders in Deutschland.“ Katja Ridderbusch (Deutschlandfunk Andruck, 11.09.2017)

– „Mit ihrem Buch gelingt Arlie Hochschild ein verständnisvolles und zugleich kritisches Psychogramm einer Welt im permanenten Widerspruch, und wer es liest, wird die Wähler Trumps ein wenig besser verstehen, unter anderem auch, weil sie auf Augenhöhe mit ihnen und nicht nur über sie spricht.“ Daniel Windheuser (der Freitag, 07.09.2017)

– „Ein Buch, das sich […] leicht liest und spannend ist wie ein Krimi.“ Susanne Mayer (DIE ZEIT, 21.09.2017)

– „Es sind diese paradoxen Geschichten, die Widersprüche, die Hochschild aufspürt. Sie begegnet ihren Gesprächspartnern auf Augenhöhe, redet mit ihnen, nicht über sie. Sie will verstehen, nicht bewerten. Sie will begreifen und nicht belehren.“ Gabi Biesinger (NDR Info, 20.09.2017)
– „Die Leute folgten einer, wie Hochschild es nennt, Tiefengeschichte. Sie liefert die Muster für ihre Deutung der Informationen und Ereignisse. Nicht Interessen und Argumente begründeten ihre Urteilsfindung, sondern ein Wahrheitsgefühl.“ Nils Minkmar (Der Spiegel, 23.09.2017)
– „[Hochschild] gelingt die ‚Skizzierung einer emotionalen Landkarte‘ in einer gespaltenen Gesellschaft und ein erster Schritt, die Mauern, die den politischen Diskurs in den USA bestimmen, zu überwinden.“ (Buchreport, 28.09.2017)

Inhaltsverzeichnis „Fremd in ihrem Land“

Inhalt
Vorwort
Teil I: Das große Paradox
Reise ins Herz
„Immerhin etwas Gutes“
Die Erinnererk
Die Kandidaten
Die „am wenigsten widerstandsbereite Persönlichkeit“
Teil II: Das gesellschaftliche Umfeld
Industrie: „Die Schnalle an Amerikas Energiegürtel“
Der Staat: Marktregulierung 1200 Meter unter der -Erdoberfläche
Kanzel und Presse: „Das Thema kommt nicht zur Sprache“
Teil III: Die Tiefen-geschichte und die Menschen darin
Die Tiefengeschichte
Die Teamplayer: Loyalität über alles
Die Gläubigen: Stiller Verzicht
Die Cowboys: Stoizismus
Die Rebellen: Loyale Teamplayer für ein neues Anliegen
Teil IV: Die nationale Ebene
Die Feuer der Geschichte: Die 1860er und die 1960er Jahre
Nicht länger fremd: Die Macht der Verheißung
„Es heißt, da gibt es herrliche Bäume.“
Nachwort zur deutschen Ausgabe
Danksagung
Anhang A: Zur Forschungsmethode
Anhang B: Politik und Umweltverschmutzung:
Erkenntnisse aus der landesweiten ToxMap?344
Anhang C: Faktencheck zu gängigen Ansichten
Anmerkungen
Literatur