Hannah Arendt: Standnehmen in der Welt statt Weltentfremdung

Die Sorge um intakte Weltbezüge in der modernen Gesellschaft

Von Martin Koradi

Die politische Denkerin Hannah Arendt (1906 – 1975) kritisiert das Verschwinden der politischen Sphäre, das die Menschen als vereinzelte Individuen zurücklässt und das Aufkommen totalitärer Herrschaft ermöglicht.

Den öffentlichen Raum, in dem sich Menschen handelnd aufeinander beziehen, bezeichnet Arendt als kostbarstes Gut, das Menschen überhaupt besitzen.

Das Verschwinden des öffentlichen Raumes habe die Bürger ohnmächtig werden lassen und zu ihrer – im wörtlichen Sinne – Verantwortungslosigkeit und Vereinsamung beigetragen.

Als „politisch“ versteht Hannah Arendt das Netz von willentlichen und kontingenten (= zufälligen) Bezügen von Menschen aufeinander, die beim Handeln entstehen und auf etwas gemeinsames Drittes orientiert sind.

Politisch sind alle Beziehungen, die Menschen miteinander eingehen – ob bewusst oder zufällig – um ihrer verschiedenen und gemeinsamen Interessen an einem Gemeinwesen willen, das ihr eigenes Leben überdauert.

Nicht politisch sind alle Beziehungen, die sie um ihrer legitimen privaten Interessen willen eingehen.

Die am Gemeinwesen orientierten Beziehungen nennt Hannah Arendt die politische Macht der Gesellschaft.

Antonia Grunenberg schreibt in ihrer Einführung ins Denken von Hannah Arendt:

„Politisches Handeln ist nur möglich in einem öffentlichen Raum. Dieser begründet die gemeinsame Mit-Welt, in der Menschen handelnd einander begegnen. Die Bürger haben sich darum zu sorgen, wie jene öffentliche Sphäre gestiftet und geschützt werden kann, in der öffentliches Denken und Handeln stattfindet…….Das Gemeinwesen ist für sie…..ein unabschliessbarer Prozess des Handelns in einem immer wieder neu zu bestimmender Raum. Die sorge der Bürger entsteht aus einem gemeinsamen Interesse an der Welt, der sie angehören und die ihnen immer wieder neues Leben schenkt.

Arendt hält die Erneuerung des öffentlichen Raums – der gemeinsamen Welt – für die einzige Möglichkeit, den (selbst)zerstörerischen Potenzen innerhalb der Moderne zu wehren. Sich dem Bösen in der Welt entgegenzustellen – das ist die Konsequenz aus dem Faktum der totalen Herrschaft-, ist nur möglich, wenn Menschen ihre Mit-Welt bewohnbar machen und diese Bewohnbarkeit ständig erneuern. Dies kann allerdings nur in dem Masse gelingen, wie sich Bürger darauf verständigen, dass der Zweck ihres Handelns die Stiftung der Freiheit ist.“

Das Denken Hanna Arendts ist geprägt von der Totalitarismus-Erfahrung im und mit dem Nationalsozialismus. Arendt setzt sich unter anderem mit den Ursachen auseinander, die diesem Desaster den Weg bereitet haben.

Da die liberalen, demokratischen Gesellschaften seit einigen Jahren wieder besorgnisserregend durch autoritäre Tendenzen unter Druck stehen, sind die Einsichten Hannah Arendts brandaktuell. Die folgenden Zeilen stellen solche Einsichten vor und ich würde mich freuen, wenn Sie sich als Leserin oder Leser damit aufmerksam befassen.

Der Mensch hat den Rückbezug auf einen einzigen, umfassenden und solchermassen objektiv verbürgten Sinnzusammenhang verloren. Angesichts dieser Situation der Bodenlosigkeit weist Hannah Arendt auf Zwischenböden hin, die uns davon abhalten, nach ideologischen Ersatzböden Ausschau zu halten. Zwischenböden lassen sich gewinnen, wenn wir unsere eigene sinnhafte Welt konstruieren. Zentral als sinnstiftende Tätigkeit ist für Arendt das Handeln. Sie unterscheidet dazu zwischen Arbeiten, Herstellen und Handeln.

 

Zum Unterschied von Arbeiten, Herstellen und Handeln

☛ Arbeiten ist eine Tätigkeit, die der biologische Rhythmus des menschlichen Körpers selbst verlangt: Das Leben muss erneuert, erhalten und genährt werden. Arbeit dient dazu, die ständige Sorge um den Körper und um die Umgebung, in der sich der Körper befindet, aufrechtzuerhalten. Zur Kategorie der Arbeit gehört die Beschaffung der täglichen Nahrung, das Sauberhalten und Pflegen des Körpers und des vom Menschen bewohnten Raumes, die Sorge um die uns alltäglich umgebenden Dinge und um die Welt der Gegenstände, welche die Menschen brauchen und die dem Verschleiss ausgesetzt sind. Arbeitstätigkeiten sind in einen immer währenden natürlichen Prozess eingebunden. Dieser einfache Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur erschafft keine beständige Dingwelt, sondern mündet in eine Kreislauf von Produktion und Verzehr.

 

☛ Herstellen umfasst diejenige Tätigkeit, in welcher der Mensch eine zweite Natur von Dingen schafft: Gebäude, Strukturen, Denkmale, Bücher etc. Durch das Herstellen entsteht eine Welt mehr oder weniger dauerhafter, künstlicher, der Natur widerstrebender Dinge, in welcher sich das menschliche Leben einrichtet. Das Herstellen setzt der natürlichen Vergänglichkeit des Menschen Bestand und Dauer entgegen. Die Güter des Herstellens besitzen eine bescheidene Eigenständigkeit, die sie befähigt, die wechselnden Launen ihres Besitzers für einen recht beträchtlichen Zeitraum zu überdauern. Damit entsteht eine künstliche Welt von Dingen, die der Welt bis zu einem gewissen Grad widerstehen und die von den lebendigen Prozessen nicht einfach zerrieben werden. Grundbedingung des Herstellens ist die Weltlichkeit des Menschen und sein Angewiesensein auf Gegenstände. Herstellen schafft aber noch keine Sinnzusammenhänge.

 

☛ Handeln dagegen ist ein Heilmittel gegen die Sinnlosigkeit der Moderne. Es sind v.a. drei Merkmale, die Arendt für das Handeln beschreibt:

  1. Natalität

Das heisst die Fähigkeit zur Spontanität, etwas aus sich heraus und kreativ tun zu können. Basis dieser Fähigkeit ist die Natalität (Gebürtlichkeit) des Menschen. Da wir alle durch Geburt als Neuankömmlinge und als Neu-AnfängerInnen auf eine Welt kommen, die unserer Existenz vorausgeht, sind wir fähig, etwas Neues zu beginnen. Arendt schreibt in „Vita   activa“:   „Weil jeder Mensch auf Grund des Geborenseins ein initium, ein Anfang und Neuankömmling in der Welt ist, können Menschen Initiative ergreifen, Anfänger werden und Neues in Bewegung setzen.“ Zu handeln heisst für Arendt demnach „selbst einen neuen Anfang machen.“

Mit dem Begriff „Natalität“ schuf Arendt eine Metapher für den Anfang. Natalität bedeutet eine Art „zweite Geburt“. Gemeint ist jener Aspekt des Handelns, durch den wir uns selbst in die Welt einschalten. Diese „zweite Geburt“ geschieht nicht durch die blosse Tatsache des Geborenwerdens, sondern durch Einführung von Worten und Taten. Arendt nennt diese Einführung „das Prinzip des Anfangs“. Der einzelne Mensch könne es so wenig umgehen wie die „Tatsache des Geborenwerdens“. Ein Kind wird zum Mitglied der menschlichen Gemeinschaft, indem es lernt, Sprache und Handlung einzuführen, wodurch jeweils „etwas Neues anfängt“. Diese „Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen.“

Nur im Sprechen und Handeln tritt Schritt um Schritt die Originalität einer Person zutage. In diesen Tätigkeiten unterscheiden sich die Menschen via Aktivität voneinander. Dies ist etwas völlig anderes als eine blosse Verschiedenartigkeit aufgrund unterschiedlicher genetischer Ausstattung. Zu den Eigentümlichkeiten, mit denen ein Mensch bei seiner Geburt ausgestattet ist, trägt der solchermassen ausgestattete nichts bei. Dagegen bildet sich, was das Handeln und Sprechen betrifft, die Einzigartigkeit einer Person im Vollzug dieser Tätigkeiten selbst aus:

„Handelnd und sprechend offenbaren die Menschen jeweils, wer sie sind, zeigen aktiv die personale Einzigartigkeit ihres Wesens, treten gleichsam auf die Bühne der Welt […] Im Unterschied zu dem, was einer ist, im Unterschied zu den Eigenschaften, Gaben, Talenten, Defekten, die wir besitzen und daher soweit zum mindesten in der Hand und unter Kontrolle haben, dass es uns freisteht, sie zu zeigen oder zu verbergen, ist das eigentlich personale Wer jemand jeweilig ist, unserer Kontrolle darum entzogen, weil es sich unwillkürlich in allem mitoffenbart, das wir sagen oder tun.“ (aus: Vita activa)

  1. Pluralität

Arendt betrachtet das Handeln im Gegensatz zum Arbeiten und Herstellen als einzige Tätigkeit, die generell auf die Anwesenheit der anderen angewiesen ist. Handeln spielt sich ohne Vermittlung von Materie, Material und Dingen direkt zwischen Menschen ab. Es basiert daher auf der Tatsache, dass nicht ein Mensch, sondern viele Menschen auf der Erde leben und die Welt bevölkern. Diese Pluralität bedeutet, „dass alle dasselbe sind, nämlich Menschen, aber dies auf die merkwürdige Art und Weise, dass keiner dieser Menschen je einem anderen gleicht, der einmal gelebt hat oder lebt oder leben wird.“

Pluralität bringt also sowohl Gleichartigkeit als auch Verschiedenheit mit sich. Wären Menschen nicht gleich, so könnten sie einander nicht verstehen; wären sie nicht verschiedenartig, so bräuchten sie weder das Sprechen noch das Handeln, um sich voneinander zu unterscheiden. Sprechend und Handelnd unterscheiden sich Menschen voreinander; sie werden zu Urhebern von „Worten und Taten“. Die Menschen „erscheinen“ sich oder offenbaren sich einander durch Worte und Taten.

Sprechen und Handeln geschieht zwischen Menschen, und „fast alles Handeln und Reden betrifft diesen Zwischenraum.“ Dieses Zwischen schliesst zwar die Welt der Dinge ein, hat aber auch eine ungreifbare Dimension: Handeln und Sprechen sind Vorgänge, die von sich aus keine greifbaren Resultate und Endprodukte hinterlassen. Doch dieses Zwischen ist in seiner Ungreifbarkeit nicht weniger wirklich als die Welt der Dinge in unserer sichtbaren Umgebung. Arendt nennt diese Wirklichkeit der Zwischenwelt „das Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten“. Es sind die Verknüpfungen, Netzwerke und Zusammenhänge menschlicher Beziehungen, die wie unsichtbare, hauchdünne, gesponnene Fäden den „Horizont“ menschlicher Angelegenheiten ausmachen. Dabei spielt der Ausdruck „Horizont“ auf die allgegenwärtigen, aber niemals ganz durchsichtigen Voraussetzungen, Zusammenhänge und Vernetzungen an, die wir immer auch für selbstverständlich halten müssen als In-der-Welt-Seiende. Der Horizont ist immer vorhanden und weicht bis ins Unendliche zurück. Wir konzentrieren unsere Aufmerksamkeit an einem beliebigen Moment nur auf irgendeinen Aspekt dieses Horizontes, irgendeinen Ausschnitt daraus, und dieser Teil wird uns dann gegenwärtig und erschliesst sich uns. Jeder Mensch findet bei seiner Geburt einen solchen Horizont und ein „Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten“ schon vor als den stets schon gegebenen Hintergrund, vor dem sich sein Leben entfaltet.

„Da Menschen nicht von Ungefähr in die Welt geworfen, sondern von Menschen in eine schon bestehende Menschenwelt geboren werden, geht das Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten allem einzelnen Handeln und Sprechen voraus, so dass sowohl die Enthüllung des Neuankömmlings durch das Sprechen wie der Neuanfang, den das Handeln setzt, wie Fäden sind, die in ein bereits vorgewebtes Muster geschlagen werden und das Gewebe so verändern [….] Sind die Fäden erst zu Ende gesponnen, so ergeben sie wieder klar erkennbare Muster bzw. sind als Lebensgeschichten erzählbar.[…..] Kein Mensch kann sein Leben ‚gestalten’ oder seine Lebensgeschichte hervorbringen, obwohl ein jeder sie selbst begann als er sprechend und handelnd sich in die Menschenwelt einschaltete.“ (aus: Vita activa, S. 174)

Zur menschlichen Realität gehören also die Handlungseinschüsse der vielen Einzelnen in ein vorbestehendes Gewebe und „weil dieses Bezugsgewebe mit den zahllosen, einander widerstrebenden Absichten und Zwecken, die in ihm zur Geltung kommen, immer schon da war [….] kann der Handelnde so gut wie niemals die Ziele, die ihm ursprünglich vorschwebten, in Reinheit verwirklichen.“ (Vita activa, S. 174)

Weil das Handeln immer in ein Netz einander widersprechender Ziele und Absichten hineinhandelt, kann eine Tat niemals wirklich der Erwartung des Täters voll entsprechen, so wie etwa das hergestellte Ding den Erwartungen des herstellenden Handwerkers entsprechen kann. Diese Unabsehbarkeit ergibt sich aus der Pluralität und sie ist der Preis für die Freude, nicht allein zu sein.

Auch wenn wir alle Handelnde sind, ist niemand von uns Autor oder Verfasser seiner oder ihrer eigenen Lebensgeschichte. Die Vorstrukturierung durch das Bezugsgefüge menschlicher Angelegenheiten führt bei Arendt allerdings nicht in den Determinismus, in die totale Vorbestimmtheit. Denn wie jeder Sprechende die Fähigkeit besitzt, eine unbegrenzte Anzahl grammatisch korrekter Sätze zu bilden, besitzt der Mensch als Handelnder die Fähigkeit, jederzeit das Unvorhersehbare und Unwahrscheinliche in Gang zu bringen, das genauso zum Repertoire menschlichen Handelns und menschlichen Verhaltens gehört.

  1. Narrativität (von lat. narratio = Erzählung)

Die Narrativität besteht darin, dass das Handeln mit der gleichen Selbstverständlichkeit Geschichten hervorbringt, mit der das Herstellen Dinge und Gegenstände erzeugt. Geschichten und Erzählungen entstehen aus dem Handeln, weil dieses Eingebunden ist in ein Netz von Interpretationen. Unsere Handlungen stehen durchwegs den Deutungen und Fehldeutungen anderer offen. Handlungen werden von ihren AkteurInnen, von den Zuschauenden und auch von denjenigen, welche die Handlungsfolgen erleiden, durch verschiedene narrative Berichte bestimmt. In unserer eigenen Lebensgeschichte spielen wir zwar fraglos die Hauptrolle, sind aber keineswegs durchgängig deren AutorIn:

„Obwohl also erzählbare Geschichten die eigentlichen ‚Produkte’ des Handelns und Sprechens sind, und wiewohl der Geschichtscharakter dieser ‚Produkte’ dem geschuldet ist, dass handelnd und sprechend die Menschen sich als Personen enthüllen […..] mangelt der Geschichte selbst gleichsam ihr Verfasser. Jemand hat sie begonnen, hat sie handelnd dargestellt und erlitten, aber niemand hat sie ersonnen.“

(Vita activa, S. 175)

Vollständig erzählen lässt sich die Lebensgeschichte erst von ihrem Ende, vom Tod her.

Im Handeln und Sprechen zeigt sich nach Arendt, Wer-einer-ist. Dabei unterscheidet sich ihr narratives Handlungsmodell von essentialistischen Handlungsmodellen (von lat. essentia = Wesen). Ein essentialistisches Handlungsmodell setzt ein vorgängiges „Wesen“ voraus, das sich im Handeln manifestiert. Es geht im essentialistischen Modell also um eine Enthüllung dessen, wer einer ist, um ein Manifestwerden des Inneren (wie es bspw. von der Physiognomie postuliert wird). Das Handeln wird zum Entdeckungsprozess, in dem das vorgängige „Wesen“ –   nämlich “Wer man ist“ – sich offenbart. Dass sich allerdings ein vorgängiges „Wesen“ fassen lässt, wird in der gegenwärtigen Philosophie stark in Frage gestellt. Dagegen ist Handeln im narrativen Modell charakterisiert durch das „Erzählen einer Geschichte“ und „das Weben eines Gewebes aus Geschichten“. Das „Wer-man-ist“ entsteht hier im Prozess des Tuns und beim Erzählen der Geschichte. Handeln ist ein Prozess des Erfindens und damit konstruktivistisch.

 

Handeln will geübt sein

Beim Sehen ist es so, dass aus dem Besitz des Sehens der Gebrauch des Sehens folgt. Beim Handeln ist es genau umgekehrt: Der Gebrauch geht dem Besitz voraus, d.h. aus der Handlung, dem Tätigkeitsvollzug, entwickelt sich die Tüchtigkeit. Im Gang des Praktizierens selbst wird in erster Linie eine gelingende Praxis erlernt. Nur über das Einüben im Tun wird der Besitz der Tüchtigkeit im entsprechenden Tun erworben. Schon Aristoteles (384-322 v.u.Z.) hat darauf hingewiesen, dass die Qualitäten, die unser Tätigsein charakterisieren, sich erst im Verlaufe des Tätigsein selbst bilden.

Arendt wendet sich entschieden gegen die Trennung von Wissen und Tun und dem damit verbundenen Handlungsverständnis, wonach menschliches Handeln verkürzt wird zur blossen Ausführung von Wissen. Handeln ist nicht das Vollstrecken theoretischen Wissens. Im Handeln bildet sich das Wissen um das Tun erst im Tätigkeitsverlauf selbst.

So hält Arendt auch Denken und Erfahrung für eine untrennbare Einheit. Das Denken braucht die konkrete Erfahrung des Handelns, aber das Handeln ist ohne die kritische Funktion des Denkens von seiner Sinnhaftigkeit abgeschnitten.

 

Handeln als „Heilmittel“ gegen moderne Sinnlosigkeit 

Arendt sieht die Moderne nicht durch Selbstentfremdung, sondern durch Weltentfremdung gekennzeichnet. Sie charakterisiert moderne Menschen als im Grunde weltlose und verlassene Menschen. Sie beobachtet eine Verflüchtigung des Zwischen und beschreibt dies als Ausbreitung der Wüste. Wirklichkeit zerrinnt uns, wenn wir sie nicht mit anderen Menschen erfahren und sie danach nicht zusammen besprechen, uns über die Bedeutung, die sie für unser Leben hat, verständigen. Weltlosigkeit entsteht, wenn wir uns nicht an dem gemeinsamen Unternehmen beteiligen, eine heimatgebende Welt zu etablieren. Die Weltlosigkeit kann in der Moderne zu den verheerendsten Verwüstungen führen und nach Arendt besteht die gegenwärtige Gefahr drin, dass wir anfangen, uns in der Wüste einzurichten. Arendt warnt uns vor der Versuchung, unser Dasein als Wüstenexistenz anzunehmen. Daraus ergeben sich auch Fragen an den Psycho-Boom in den fortgeschrittenen Industrieländern. Arendt schreibt: “sofern die Psychologie Menschen zu ‚helfen’ versucht, hilft sie ihnen, sich der Wüstenexistenz ‚anzupassen’.“ Diese Art von Psychologie sieht nicht so sehr die Wüste und ihre Ausbreitung als Problem, sondern thematisiert die psychischen Widerstände, die es dem Einzelnen verwehren, sich umstandslos in die Verwüstung einzufügen (für den „Eso-Boom“, welcher den „Psycho-Boom“ gegenwärtig deutlich überflügelt, gilt das genauso).

Arendt warnt auch eindringlich davor, sich den Verhältnissen der Wüste anzupassen. Menschen als weltbegabte Wesen können ihre Qualitäten nicht leben, wenn sie nicht gemeinsam dafür Sorge tragen, untereinander intakte Weltbezüge einzugehen. Dabei geht es um die Pflege des Zwischenraumes im Handeln. Das Handeln kann sich allerdings erst durch den Verzicht auf den Rückzug ins Private entfalten, und dadurch einem Verlust des Gemeinsinnes entgegenwirken, der die Sinne des Menschen in ein objektiv Gemeinsames (Wirkliches) einfügt (Sinn macht). Den Verlust des Gemeinsinns sieht Arendt begleitet von Anfälligkeit für Leichtgläubigkeit und Ideologie, kurz von Realitätsverlust. Weltentfremdung, Weltverlust und Realitätsverlust entstehen aus einem neuzeitlichen Misstrauen in die Wirklichkeit der Sinneswahrnehmung und die dieses begleitende Wendung nach innen in den Subjektivismus.

Arendt fordert daher die Anerkennung von Tatsachenwahrheiten, weil sie uns Weltkontinuität, Verlässlichkeit und Orientierung in der Welt ermöglichen. Es sind für Arendt die Handlungen und Tatsachen, über die wir Geschichten erzählen, und es sind die erzählten Geschichten, in denen sich unsere Welt in ihrer Zusammenhang stiftenden Verlässlichkeit präsentiert.

Neben dem Verzicht auf den Rückzug ins Private – Handeln spielt sich für Arendt in der Öffentlichkeit ab – braucht das Handeln gleiche Menschen, d.h. Menschen, die sich von Herrschen oder Beherrschtwerden befreit haben.

 

Handelnd können wir in der Welt Stand nehmen

Unsere fortgeschrittene Art und Weise der Naturbeherrschung gewöhnt moderne Menschen daran, allenfalls gegenüber der Welt Stand zu nehmen. Ein Standnehmen in der Welt ist uns weitgehend fremd geworden und passt zudem schlecht zur wissenschaftlichen Methode. Descartes (1596-1650) suchte keinen Stand in der Welt, die ihm dadurch zur Heimat hätte werden können, sondern eine Stand gegenüber der Welt, von dem aus er sich ihrer bemächtigen konnte. Allerdings bleibt uns die Welt sehr fremd, wenn wir nicht handelnd und sprechend in ihr tätig sind und wenn wir nicht in einer politischen Ordnung leben, in der die handelnde Teilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten zum Alltag gehört.

 

Handeln statt Sich-Verhalten

Arendt befürchtet, dass „das Handeln immer weniger Aussicht hat, die steigende Flut des Sich-Verhaltens einzudämmen.“

Im   „Sich-Verhalten“ zeigt sich der verbreitete Konformismus, in dem die Menschen zu Kopien werden und ihre Originalität verlieren, die im Handeln und Sprechen gründet. Auch wenn unsere Tätigkeit zur zeitsparenden Erledigung verkommt und wir unser Tun unter dem Diktat der Zeitersparnis möglichst schnell hinter uns bringen wollen, verkommt es zum bedeutungslosen „Sich-Verhalten“.

 

Die Welt als Bezugsraum des Menschen

Bereits in ihrer Dissertation über den Liebesbegriff bei Augustinus setzt sich Arendt mit der spezifisch christlichen Weltabgewandtheit auseinander. Sie fragt sich, ob es nicht möglich ist, ein innerweltliches Bezugssystem zu knüpfen, in dem sich die Menschen auch jenseits der christlichen Nächstenliebe in eine verlässliche, gemeinsame Welt einbinden: „In der Nächstenliebe lieben die Menschen einander, weil sie auf diese Weise Christus ihren Erlöser lieben; Nächstenliebe ist eine überirdische, transzendente Liebe, zwar in der Welt, aber nicht zu ihr.“

Der andere Mensch wird nicht als diejenige Person angenommen, als welche er handelnd und sprechend in seiner Einmaligkeit zutage tritt, sondern im Anderen wird das geliebt, was am Ewigen teilhat, nämlich die Gleichursprünglichkeit aus der identischen Abstammung von Gott.

Was diesen Glauben an das Einssein aus der gemeinsamen Abstammung von Adam anbelangt, so schreibt Arendt von der „Unweltlichkeit des Christentums“. Denn wenn das Gemeinsame vorrangig in der gleichen Schöpfungsabstammung aus einem Ursprung gesehen wird, ist das Verbindende eben gerade nicht die gemeinsame Welt, in welcher wir leben. Es ist nicht ein aus Tätigkeiten zwischen Menschen entstandenes Bezugsgeflecht, welches uns miteinander verbindet – weder mit den heute Lebenden noch mit jenen, die vor uns gelebt haben und die nach uns leben werden.

Für Arendt ist dagegen entscheidend, dass die Bezüge zwischen Menschen nicht von einem massgebenden Bezugspunkt ausserhalb der Welt hergeleitet werden. Arendt denkt darüber nach, wie wir uns untereinander weltliche Bedeutsamkeit gewähren können. Unser Bezugspunkt muss die Welt sein, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, eine gelungene weltliche Existenz in ihrer Eigenbedeutsamkeit aus den Augen zu verlieren.

Im Verlaufe ihres politischen Schreibens setzt Arendt der Liebe in der Welt, die von der ausserweltlichen Beziehung zu Gott getragen wird, immer ausdrücklicher die Liebe zur Welt entgegen, die sie als „amor mundi“ bezeichnet.

Eine Zwei-Welten-Theorie mit einem jenseitigen Prinzip, das der diesseitigen Welt vorausgeht und sie begründet, verfehlt in Arendt’s Denken alle weltbezogenen Bedingungen menschlichen Handelns und Sprechens. Beispielsweise depotenziert (= entmächtigt) die (partielle) Wiederverzauberung das Handeln, in dem das Wesentliche sich nun in einer (pseudo)magischen Hinterwelt abspielt. Die dadurch geförderte Entpolitisierung, der Rückzug ins „innere Gärtchen“, begünstigt totalitäre Entwicklungen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Hannah Arendt zahlreiche Anregungen bietet für ein gelingendes Leben in einer entzauberten Welt.

Beispielsweise:

☛ Erst das Handeln schafft Bezug zur Welt und gibt der Welt Bedeutung. Gefragt ist weltbezogenes Tätigsein.

☛ In der Welt stehen, statt ihr gegenüber.

☛ Bezugspunkte in der Welt pflegen, auch in der gemeinsamen, politischen Sphäre. Kein kompleter Rückzug ins eigene Gärtchen.

☛ Aufmerksam bleiben für gesellschaftliche Entwicklungen, Einfluss nehmen, einen Faden schlagen ins Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten.

☛ Die offene, liberale Gesellschaft verteidigen.

Literatur zu den Abschnitten über Hannah Arendt:

  • Hannah Arendt; Vita activa, oder vom tätigen Leben, Kohlhammer Stuttgart 1960
  • Karl-Heinz Breier; Hannah Arendt zur Einführung, Junius Verlag Hamburg 1992
  • Seyla Benhabib; Hannah Arendt, Die melancholische Denkerin der Moderne, Rotbuch Verlag Hamburg 1998
  • Antonia Grunenberg; Arendt, Herder Spektrum Meisterdenker, 2003

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

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