Risiko der Photosensibilisierung durch Johanniskraut wird überschätzt

Ein Dauerbrenner ist das regelmäßig im Frühling kursierende Gerücht, dass Johanniskraut-Präparate ein hohes Photosensibilisierungspotenzial besitzen – also die Lichtempfindlichkeit steigern – und demzufolge im Sommer abgesetzt werden sollten. Diese Behauptung dürfte angesichts der aktuellen Datenlage wohl eher zu den Auslaufmodellen gehören. Johanniskraut-Extrakte werden oft als Paradebeispiel für photosensibilisierende Präparate – sog. Photosensibilisatoren – dargestellt. Dabei wird aber in aller Regel übersehen, ist, dass phototoxische Reaktionen der Haut durch eine Vielzahl systemisch oder topisch (örtlich) angewandter Arzneistoffe ausgelöst werden.

Nach aktuellem Wissensstand sind gegenwärtig beinahe 300 synthetische Arzneimittel mit photosensibilisierenden Eigenschaften auf dem deutschen Markt gelistet. Dazu zählen unter anderem Diuretika, Antiarrhythmika, nicht-steroidale Antiphlogistika sowie antibakterielle Substanzen, aber auch viele Antidepressiva bis hin zu den SSRI.

Wie ist also erklärbar, dass ausgerechnet Johanniskraut-Präparate in grosser Regelmäßigkeit als Auslöser phototoxischer Reaktionen thematisiert werden?

Wegbereiter dieser verbreiteten Vorstellung ist wohl das bei Weidetieren nach Aufnahme exzessiver Johanniskraut-Mengen beobachtete Intoxikationsbild des Hypericismus. Beim Menschen wird das photosensibilisierende Potenzial von Johanniskraut allerdings sehr überschätzt.

Nur bei wiederholter Einnahme sehr hoher Johanniskraut-Extrakt-Konzentrationen oder von reinem Hypericin, wie sie zum Beispiel in der antiviralen Therapie von HIV-Patienten zum Einsatz kommen (off-label), könnte mit einer erhöhten Lichtempfindlichkeit der Haut zu rechnen sein. Dieser spezifische Indikationsbereich benötigt allerdings ein Mehrfaches der für Johanniskraut-Präparate zugelassenen Tagesdosis. Die für die antidepressive Behandlung therapierelevanten Dosierungen (Standard sind 900 mg Johanniskraut-Extrakt pro Tag) sind hingegen in der Regel viel zu tief, um eine phototoxische Reaktion auslösen zu können. Das erklärt, warum bisher – trotz der häufigen Anwendung von Johanniskraut – nur sehr selten über eine gesteigerte dermale Lichtempfindlichkeit unter Sonneneinwirkung berichtet wurde.

Diese marginale Inzidenz wird von einer Studie zur Bewertung phototoxischer Effekte untermauert, in der ein hochdosierter Johanniskraut-Extrakt in einmal täglicher Applikation über einen Zeitraum von zwei Wochen bei 20 gesunden männlichen Probanden zum Einsatz kam. Als Maß für die dermale Lichtempfindlichkeit wurde vor Behandlungsbeginn und nach Einnahmeende die minimale Erythem-Dosis (MED) der Studienteilnehmer mittels eines Erythem-Testers ermittelt, der ein dem Sonnenlicht sehr ähnliches Spektrum erzeugt. Im Resultat zeigte sich keine statistisch signifikante Differenz der Photosensitivität zwischen Baseline und nach 14-tägiger Medikation.

Schlussfolgerung: Für die tägliche Praxis konnte damit erneut dokumentiert werden, dass Johanniskraut-Präparate eine sichere und gut verträgliche Behandlungsmöglichkeit in der antidepressiven Therapie sind – und zwar uneingeschränkt zu jeder Jahreszeit!

Quellen:

Schulz HU et al., Arzneim-Forsch/Drug Res 2006; 56:212-221

http://www.journalmed.de/newsview.php?id=33763

(basierend auf einer Pressemitteilung der Firma Steigerwald)

Kommentar & Ergänzung:

Dieser Text basiert zwar auf einer Pressemitteilung von Steigerwald, einem Hersteller von Heilpflanzen-Präparaten auf der Basis von Johanniskraut-Extrakt (Laif). Es gibt aber schon seit einiger Zeit Hinweise aus anderen Quellen, wonach die Photosensibilisierung durch Johanniskraut-Extrakte nicht so stark ist, wie dies oft dargestellt wird.

Klar ist aber, dass sinnvollerweise während einer Johanniskraut-Behandlung intensive Sonnenbestrahlung vermieden werden sollten – das ist sowieso empfehlenswert – auch ohne Johanniskraut-Einnahme.

Der Hinweis im Text auf eine antivirale Therapie bei HIV-Patienten mit Hypericum-Extrakt ist meines Erachtens fragwürdig, weil er falsche Hoffnungen machen kann.

Setzt man HIV-verseuchten Blutkonserven den Johanniskraut-Wirkstoff Hypericin zu und setzt man diese anschliessend einer kurzen Lichtbestrahlung aus, so werden die HIV-viren inaktiviert. Was im Labor prompt funktioniert, lässt sich aber nicht so einfach auf HIV-Patienten übertragen. Bereits 1999 wurde eine erste klinische Studie publiziert, in welcher sich unter Hypericin-Therapie die Viruslast bei HIV-Patienten nicht reduzierte, hingegen kam es bei den meisten teilnehmenden Personen zu schweren phototoxischen Reaktionen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
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www.phytotherapie-seminare.ch

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Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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