Universität Bern: Sehr fragwürdige Aussagen zur Anthroposophischen Medizin

Unter dem Titel „Hauptsache irrational“ druckt „Das Magazin“ (Nr. 41 / 2010, PDF hier) ein Gespräch mit Peter Brugger, dem Leiter der Abteilung für Neuropsychologie am Universitätsspital Zürich und Erforscher des Aberglaubens. Der informative und fundierte Text befasst sich unter anderem mit Esoterik, Wissenschaftsfeindlichkeit und Homöopathie.

Auf die Frage von Finn Canonica und Birgit Schmid, ob der Wettstreit zwischen Wissenschaft und unwissenschaftlichem Denken nicht vielleicht einfach zu einer offenen und liberalen Gesellschaft gehöre, antwortet Peter Brugger:

„Das ist eine gefährliche Tendenz. Schauen Sie nur, wie an deutschen Universitäten mit Alternativmethoden gearbeitet wird und die Paramedizin Einzug hält. Sobald das Volk sagt, Schulmedizin und Alternativmedizin sind gleichwertig, entstehen ganze Universitäten, die sich alternativem Unsinn widmen. Nach geduldigem Schürfen gelangt dann irgendein erstaunlicher Befund an die Öffentlichkeit, und schon glauben die Leute, dieser sei nun rational, da er an einer Universität erhoben wurde. Das nimmt eine Eigendynamik an und ist bedenklich.“

Dazu vier Anmerkungen:

1. Meiner Ansicht nach gehört die Auseinandersetzung zwischen Wissenschaft und unwissenschaftlichem Denken fraglos zu einer offenen und liberalen Gesellschaft. Schulen aller Stufen und die Wissenschaft selber sind an diesem Punkt stark gefordert und haben zum Teil grossen Nachholbedarf. Sehr viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen meines Erachtens noch lernen, diesen Diskurs mit der Öffentlichkeit überzeugend zu führen.

2. Es gibt meines Erachtens an Universitäten auch sinnvolle Forschung zu Themen aus der Komplementärmedizin, aber auch Anpassungen an einen esoterischen Zeitgeist, die zu den fragwürdigen pseudowissenschaftlichen Aktivitäten führen, welche Peter Brugger in seiner Antwort beschreibt.

3. Das „Volk“ habe gesagt, Schulmedizin und Alternativmedizin seien gleichwertig oder zu mindestens gleichwertig zu behandeln. Diese Schlussfolgerung wird von vielen Protagonisten der Komplementärmedizin aus dem Resultat der Abstimmung vom 17. Mai 2009 gezogen. Mit diesem „Volkswillen“ werden dann die verschiedensten Forderungen nach Privilegierung begründet, beispielsweise dass Präparate aus Homöopathie und Anthroposophischer Medizin auch weiterhin ohne Wirksamkeitsnachweis von der Grundversicherung bezahlt werden. Auch wenn ein pauschaler „Volkswille“ postuliert wird, sind solche „Privilegierungsforderungen“ genau zu prüfen. Der populistische Druck mit einem vagen „Volkswillen“ ist hoch problematisch. Peter Brugger spricht hier einen Punkt an, der kritischer Aufmerksamkeit bedarf.

4. Peter Brugger kritisiert den Einzug von Paramedizin und  Alternativmethoden an deutschen Universitäten. Ergänzend könnte man dazu sagen: „Warum denn in die Ferne schweifen, sieh das Schlechte liegt so nah.“ (Goethe umgedreht).

Zum Beispiel an der ehrwürdigen Universität Bern:

Aufgrund eines bereits einige Jahre zurückliegenden kantonalen Volksentscheides gibt es an der Universität Bern eine „Kollegiale Instanz Komplementärmedizin“ (KIKOM).

Anthroposophische Medizin ist ein Schwerpunkt der KIKOM.

Die Darstellung der Anthroposophischen Medizin auf der Website der Universität Bern ist allerdings total irreführend.  Keine Spur von auch nur einigermassen neutraler Information. Statt dessen pure Propaganda und eine Täuschung der Öffentlichkeit mit absurden Formulierungen. Zitat:

„Die moderne Anthroposophie wurde von Dr. Rudolf Steiner (1861-1925) begründet als eine Geisteswissenschaft, die sich mit dem Immateriellen in Mensch und Natur auf eine vergleichbare Art wissenschaftlich beschäftigt, wie die Naturwissenschaft mit dem Materiellen.“

http://www.kikom.unibe.ch/content/fachbereiche/bla/index_ger.html, 20. 10. 2010


Dieser Satz enthält meiner Ansicht nach eine geballte Ladung an Bullshit und wirft mindestens zwei Fragen auf:

1. Was ist modern an der Anthroposophie?

Meiner Ansicht nach ist es eine der wichtigen Errungenschaften der Moderne, dass Krankheit und Behinderung nicht mehr mit Sünde und moralischen Verfehlungen verknüpft werden. Wer nur schon eine Ahnung hat von Medizingeschichte weiss, wie viel Unglück mit solchen moralisierenden Unterstellungen verbunden war – und immer noch ist.

Anthroposophische Medizin aber besteht in ihrem Kern aus der Überzeugung, dass Krankheit und Behinderung Folge moralischer Verfehlungen in einem früheren Leben sind.

Lügenhaftigkeit zum Beispiel führt in einem späteren Leben zu geistiger Behinderung.

Siehe:

Komplementärmedizin-Abstimmung: Kritische Anmerkungen zur Anthroposophischen Medizin

Kritische Fragen an Simonetta Sommaruga zur Förderung der Anthroposophie

Anthroposophische Medizin ins Medizinstudium – offene Fragen

Anthroposophische Medizin dreht an diesem Punkt das Rad zurück und betreibt eine Remoralisierung der Heilkunde.  Sie unterstellt kranken und behinderten Menschen moralisches Versagen in einem früheren Leben und arbeitet dann engagiert an einer Verbesserung dieses angeblich desolaten Karmas. Über diesen Kern der Lehre reden Anthroposophen allerdings mit Uneingeweihten – die noch nicht so weit sind – nur ungern.

Doch der lupenreine Anthroposoph Adolf Baumann nennt die Karmaidee in seinem “ABC der Anthroposophie” gar das Herzstück der anthroposophischen Weltanschauung (Bern 1986). Und Michaela Glöckner, die langjährige Leiterin der Medizinischen Sektion am Goetheanum schreibt im von ihr herausgegebenen Buch “Anthroposophische Medizin” (Verlag Freies Geistesleben, 1993, S. 27/28):

“Rudolf Steiners bedeutendste Leistung war es, zu der blossen Annahme von wiederholten Erdenleben, wie sie von vielen Menschen geteilt wird (z. B. Goethe, Lessing, Friedrich der Grosse, Stefan Zweig, Wilhelm Busch), mit Hilfe seiner Geistesforschung zu einer umfassenden Darstellung der Gesetzmässigkeit zu kommen, nach denen sich die wiederholten Erdenleben vollziehen.
Erst die Kenntnis dieser Gesetzmässigkeiten macht ein vollbewusstes Mitarbeiten am Krankheitsschicksal möglich.”

Anthroposophische Medizin  – eine Geisterheilkunde

Im Krankheitsverständnis der Anthroposophischen Medizin spielen Ahriman und Luzifer eine zentrale Rolle,  die beiden Widersachermächte der Anthroposophie. Eine Lungenentzündung bekommt, wer sich  in einem früheren Leben  sinnliche Ausschweifungen zuschulden kommen liess, und daher nun mit  Luzifer im Krieg steht. Im Falle von Lungentuberkulose dagegen geht es um eine Auseinandersetzung mit Ahriman.

Siehe:

Anthroposophische Pflege – offenen Fragen

Anthroposophische Medizin steht im Kampf gegen die Widersachermächte Ahriman und Luzifer.  Da stellt sich doch die Frage, warum nicht auch der katholische Exorzismus in die KIKOM der Universität Bern  integriert wird. Hier zeigt sich ein eklatantes Versagen der Katholischen Kirche in Sachen Lobbying.

Es fragt sich aber auch sonst, was denn die Universität Bern modern findet an der Anthroposophie.

Die Wurzelrassenlehre, wonach zum Beispiel Indianer genauso wie die Affen eine  dekadente Abzweigung sind in der Entwicklung der Menschheit hin zum Europäer bzw. zum Arier?

(GA 100, Vortrag vom 22. 11. 1907)

Oder die Vorstellung, dass Indianer nicht etwa ausgerottet wurden, sondern aussterben mussten aufgrund ihres schlechten Karmas?

(GA 121, Vortrag vom 10. 6. 1910)

Dass eine remoralisierende Geistermedizin an der Universität Bern  Platz gefunden hat, scheint mir mehr als fragwürdig. Die Universität Bern kann dafür aber wohl nicht letztendlich verantwortlich gemacht werden. So kommt es nämlich heraus, wenn Politik und clevere Lobby-Gruppen bestimmen, was an Universitäten gelehrt werden soll – wobei allerdings das „Volk“ kaum etwas weiss vom Geisterleben in der Anthroposophischen Medizin und von der diskriminierenden Unterstellung moralischen Versagens gegenüber von Kranken und Behinderten.

2. Sind anthroposophische „Geisteswissenschaft“ und Naturwissenschaft wirklich so vergleichbar – wie das die Universität Bern behauptet?

Da steht doch auf der Website der Universität Bern tatsächlich die Behauptung, dass sich die Anthroposophie „mit dem Immateriellen in Mensch und Natur auf eine vergleichbare Art wissenschaftlich beschäftigt, wie die Naturwissenschaft mit dem Materiellen.“

Diese Behauptung ist so absurd, dass sich ernsthaft die Frage stellt, was den die Universität Bern unter Wissenschaft versteht. Es ist mir schon fast peinlich, als Nichtakademiker die Universität Bern ausgerechnet an diesem Punkt kritisieren zu müssen. Eine solche Desinformation sollte meines Erachtens aber nicht einfach so unkommentiert stehen gelassen werden.

Prägnant formulierte der amerikanische Philosoph John Dewey (1859-1952) „das erste Erfordernis des wissenschaftlichen Verfahrens – nämlich volle Öffentlichkeit der Materialien und Prozesse“.

(in: Erfahrung, Erkenntnis und Wert, S. 314, Suhrkamp 2004)

Rudolf Steiner hat seine angeblichen „Erkenntnisse aus höheren Welten“ aus der Akasha-Chronik. Wikipedia schreibt im Beitrag zur Akasha-Chronik:

„ Akasha-Chronik bezeichnet in Teilen der Esoterik, vor allem in der ‚modernen’ (anglo-indischen) Theosophie und in der Anthroposophie, die Vorstellung eines übersinnlichen „Buchs des Lebens“, das in immaterieller Form ein allumfassendes Weltgedächtnis enthält“

Und ausserdem:

„Nach der Auffassung des Religionswissenschaftlers Hartmut Zinser sind vermeintliche Erkenntnisse über die und aus der Akasha-Chronik Glaubensaussagen im religiösen Sinn, deren Glaubenscharakter aber geleugnet werde, indem diese als objektive Tatsachen ausgegeben werden. Damit unterlägen Esoteriker wie Rudolf Steiner ‚einem der erkenntnistheoretischen Grundfehler des modernen Okkultismus: nicht, jedenfalls nicht hinreichend zwischen Wahrnehmung (hier: den Seelenerlebnissen) und Deutung (als übersinnliche Welt) zu unterscheiden.’“

Wo also ist hier die Öffentlichkeit der Materialien und Prozesse, die Dewey als erstes Erfordernis wissenschaftlicher Verfahren beschreibt?

Wer hat denn an der Universität Bern Zugang zu dieser Akasha-Chronik, um die angeblichen dort gefundenen „Forschungsergebnisse“ Rudolf Steiner’s zu überprüfen? – Intersubjektive Überprüfbarkeit der Erkenntnisse ist schliesslich ein weiterer Kernpunkt wissenschaftlicher Vorgehensweise.

Wie stellt sich die Universität Bern eine Überprüfung des schlechten Karmas von Behinderten vor? Wie die Beteiligung der Widersachermächte Ahriman und Luzifer bei Lungenkrankheiten und Tumoren?

Die Universität Bern „verarscht“ – Verzeihung für den „unanständigen“, aber direkten Ausdruck –  meines Erachtens mit dieser absurden Formulierung auf ihrer Website die Öffentlichkeit.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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