Lavendel belebt in der dunklen Jahreszeit

Unter dieser Schlagzeile berichtete das Portal www.nachrichten.at kürzlich über Heilkräuter, die in der dunklen Jahreszeit helfen können, die Stimmung aufzuhellen.
In der dunklen Jahreszeit kämpfen viele Menschen mit einer trüben Gemütslage. Heilkräuter können dann helfen, die Stimmung aufzuhellen. Heilpraktikerin Anke Herrmann vom Naturheilkundeverein NHV Theophrastus mit Sitz in München gab im Gespräch mit dem dpa-Themendienst Tipps für verschiedene Anwendungen.

Der Text ist meiner Ansicht nach ein Beispiel für fragwürdige und ziemlich willkürliche Ratschläge im Internet und er verdeutlicht die fehlende Qualitätssicherung im Bereich Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde / Komplementärmedizin. Ich schildere den Text hier und stelle meine Einwände dazu. Es geht mir dabei aber nicht nur um diesen konkreten Text. Es fehlt meiner Ansicht nach fundamental an kritischer Auseinandersetzung mit solchen Themen. Abgesehen von ein paar juristischen Einschränkungen (z. B. Ehrverletzung, Rassismus, Genozid-Leugnung) darf im Internet ja jeder Mensch schreiben, was ihm oder ihr in den Sinn kommt.

Das ist auf dem Boden der Meinungsäusserungsfreiheit auch richtig so. Nur stellt sich dann die Frage: Wenn tausende von Aussagen nebeneinander stehen, wie soll sich der Konsument oder die Konsumentin, die oft kein entsprechendes Fachwissen haben, eine eigene Meinung bilden? Dazu braucht es meiner Überzeugung nach kritische Auseinandersetzung. Wer Heilwirkungen behauptet, soll plausible Begründungen liefern. Leere Behauptungen reichen nicht, weil man sie nur blind glauben oder blind ablehnen kann. Nur im Austausch von Argumenten und Gegenargumenten können meiner Ansicht nach mündige Menschen zu eigenen Schlüssen kommen.

Kursiv gesetzt folgen nun die Zitate aus dem Text und anschliessend meine Fragen und Einwände:

“ÄTHERISCHE ÖLE: Viele Heilpflanzen enthalten ätherische Öle, die sich positiv auf die Seele auswirken. An erster Stelle steht für Herrmann der Lavendel – sein Öl regt den Kreislauf an. ,Er impliziert das Gefühl von Urlaub, Provence und Wärme und lässt sich daher ganz gezielt in der dunklen Jahreszeit einsetzen‘, sagt die in Großschirma (Sachsen) tätige Heilpraktikerin.”

Dass Lavendelöl manchen Menschen wohltut, würde ich durchaus anerkennen. Wir reagieren in vielen Bereichen unterschiedlich auf ätherische Öle. Die Frage ist aber, ob es darüber hinaus Wirkungen gibt, die verallgemeinerbar sind und einer grossen Zahl von Lesenden empfohlen werden können. Für Lavendelöl ist als verallgemeinerbare Wirkung vor allem ein beruhigender, entspannender Effekt dokumentiert. Für kreislaufanregende und stimmungsaufhellende Wirkungen scheint mir das nicht annähernd der Fall zu sein. Was ist hier zudem mit kreislaufanregend gemeint? Herzstärkend? Blutdrucksteigernd? Durchblutungsfördernd?

“Rosmarin klärt den Geist und vermittelt ebenfalls Wärme. Generell stimmungsaufhellend wirkt Geranium. Melisse empfiehlt Herrmann als ausgleichende Pflanze: ,Sie wirkt anregend für diejenigen, die zu wenig Power haben, und beruhigend auf hibbelige Menschen.‘ Vor allem für Tee bietet sich Melisse an.”

Rosmarinöl klärt den Geist – das tönt schön, aber was ist genau damit gemeint. Wovon wird der Geist geklärt und wie? Dokumentiert ist bei Rosmarinöl eine anregende, belebende Wirkung. Das kann wohl bei „trüber Stimmung“ durchaus nützlich sein.
Dass Geranium “generell stimmungsaufhellend wirkt”, scheint mit eine gewagte Behauptung. Gemeint ist wohl das ätherische Öl aus Pelargonium graveolens (Rosengeranie, Duftpelargonie, Duftgeranie). Im führenden Aromatherapie-Fachbuch von Wabner & Baier (2009) ist zwar eine antidepressive Wirkung der Geranie erwähnt, allerdings bei hormonell bedingter Depression, also nicht bei trüber Gemütslage in der dunklen Jahreszeit. Und selbst die stimmungsaufhellende Wirkung bei hormonell bedingter Depression ist nicht dokumentiert.

Melisse als ausgleichende Pflanze in Teeform, je nach Bedarf anregend oder beruhigend, das tönt sehr ideal. Die Melisse macht also immer genau das, was man gerade nötig hat. Dokumentiert ist zwar nur die beruhigende Wirkung, doch würde ich nicht ausschliessen, dass es auch Menschen gibt, bei denen Melisse anregende Effekte zeigt. Nur verallgemeinern würde ich dies nicht.

“BITTERSTOFFE: Etliche Heilpflanzen enthalten Bitterstoffe, die stimmungsaufhellend und klärend wirken. ,Sie regen die Leber an‘, erläutert die Heilpraktikerin. Denn bei vielen Verstimmungen sei die Leber betroffen, die als Organ der Lebenskraft gilt. Besonders viele Bitterstoffen stecken in Wermut und Tausendgüldenkraut.”

Dass Bitterstoffe stimmungsaufhellend und klärend wirken sollen, ist eine Behauptung, die völlig in der Luft schwebt und genauer begründet werden müsste. Bitterstoffe sind nur definiert durch ihren bitteren Geschmack. Chemisch gesehen kann es sich um sehr unterschiedliche Substanzen handeln, denen nur gemeinsam ist, dass sie unsere Bitterrezeptoren erregen. Der behauptete stimmungsaufhellende und klärende Effekt müsste daher nur schon durch die Wahrnehmung der Geschmacksqualität “bitter” zustande kommen. Ob das möglich ist und so stattfindet, ist total ungeklärt.

Ziemlich fragwürdig scheint mir auch die Behauptung, dass bei vielen Verstimmungen die Leber “betroffen” ist. Wie genau betroffen? Was läuft genau schief in der Leber bei Verstimmungen? Diese vagen, nebulösen, schwammigen Ausdrücke sind problematisch. So kann man eigentlich immer behaupten was man will.

Und die Leber gilt “als Organ der Lebenskraft”. Tönt schön, sagt aber kaum etwas. Auf Nachfrage hat mir jedenfalls noch niemand auch nur eingermassen plausibel erklären können, was er / sie unter Lebenskraft konkret versteht.
Emil du Bois-Reymond hat bereits 1848 die “Lebenskraft” als eine “Dienstmagd für alles” verspottet. Man kann mit ihr jedenfalls fast alles und auch das Gegenteil von fast allem begründen.

Bitterstoffe “regen die Leber an”. Auch dies eine ausgesprochen vage und pauschale Ausdrucksweise. Die Leber hat doch sehr zahlreiche, unterschiedliche Aufgaben. Was also wird genau angeregt? Die Entgiftungsfunktionen der Leber zum Beispiel? Dann würden auch viele lebenswichtige Medikamente rascher abgebaut. Könnte bei gewissen Patienten tödlich enden. Ernsthafte Warnungen vor der Einnahme von Bitterstoffen gleichzeitig mit wichtigen Medikamenten wären unumgänglich.
Oder ist das alles gar nicht so ernst gemeint und nur so daher geplaudert? Die Phytotherapie-Fachliteratur ist sich mehr oder weniger einig, dass Bitterstoffe die Produktion von Galle fördern können (vielleicht wird auch nur die Entleerung der Gallenblase angeregt). Geht es wirklich um eine Steigerung der Galleproduktion in der Leber, dann könnte eine Anregung der Leber die Fettverdauung verbessern. Das mag zwar in manchen Fällen nützlich sein, hat aber noch nichts zu tun mit einer angeblichen Stimmungsaufhellung und Klärung durch Bitterstoffe.

FARBE: Die sonnige Farbe Gelb gilt als Stimmungsaufheller schlechthin. So hilft es laut Herrmann im Winter manchmal schon, eine Postkarte mit gelb-orangen Ringelblumen aufzustellen und sich an deren Anblick zu erfreuen. Auch als Tinktur oder Öl zum Einreiben lässt sich die Heilpflanze des Jahres 2009 nutzen.
Stimmungsaufhellend wirken Ringelblumen außerdem als Tee. ‚Allerdings sollte man sie nicht allein verwenden, sondern als Zugabe zum Melissentee‘, rät die Heilpraktikerin.

Kann durchaus sein, dass gelb-orange bei manchen Menschen die Stimmung positiv beeinflusst. Mir gefällt die Ringelblume ja auch. Aber das Rezept mit der Postkarte scheint mir doch etwas gar einfach.

Und ja, Ringelblume lässt sich auch als Tinktur oder Öl verwenden, nur geht es dann in der Phytotherapie meistens um Wundheilung oder Entzündungshemmung. Für eine stimmungsaufhellende Wirkung der Ringelblume finde ich in der gesamten deutschsprachigen Phytotherapie-Fachliteratur keinen einzigen Hinweis. Zwar könnte es durchaus Wirkungen von Heilpflanzen geben, die der Fachliteratur und der Diskussion in der “Fachszene” entgangen sind. Aber wenn man eine so ausgefallene Behauptung aufstellt, wie der angebliche stimmungsaufhellende Effekt der Ringelblume, dann müssten Argumente und Begründungen auf den Tisch (z. B.: Wie ist diese Überzeugung zustande gekommen? Auf Grund welcher Erfahrungen, Theorien, Beobachtungen, Experimenten, Studien?). Nur auf der Basis dieser Hintergrundinformationen kann man sich eine eigene Meinung bilden.

Bei der Melisse sind beruhigende, entspannende Effekte gut dokumentiert. Für eine stimmungsaufhellende Wirkung gibt es nur spärliche Hinweise. Aus der Geschichte der Pflanzenheilkunde beispielsweise wird der Äbtissin Hildegard von Bingen die Aussage zugeschrieben: “Man lacht gern, wenn man sie isst, da sie das Herz freudig stimmt, weshalb die Melisse auch Herztrost heisst. Darüber hinaus deuten Tierversuche mit Rosmarinsäure, die unter anderem in Melisse enthalten ist, auf eine antidepressive Wirkung hin. Ob sich solche Ergebnisse auf den Menschen übertragen lassen, bleibt offen.

„Viel Sonne gespeichert sei außerdem in Holunderbeeren oder Hagebutten – beide sind reich an Vitamin C.“

Ja, alle grünen Pflanzen speichern Sonnenenergie in Form von Traubenzucker. Nichts gegen Holunderbeeren und Hagebutten, aber weshalb diese zwei Früchte besonders viel Sonne speichern sollen, ist mir ein Rätsel, und ebenso unklar bleibt, was das nun mit Vitamin C zu tun hat.

„WÄRME: ‚Ingwer macht einfach warm, ebenso wie Chili oder Nelke‘, sagt Herrmann. Wie viele andere weihnachtliche Gewürze auch vermittele der wärmende Ingwer ein Gefühl von Gemütlichkeit. Er lässt sich als Gewürz am Essen nutzen oder für Tee. Dazu wird ein Viertelliter kochendes Wasser über zwei Scheiben frisch geschälte Ingwerwurzel gegossen. Nach dem Ziehen kann mit Honig oder Kandis gesüßt werden.“

Dass Ingwer vor allem im Winter von vielen Menschen als angenehm empfunden wird, kann ich nachvollziehen. Geht mir selber auch so.

Schliesslich stellt sich noch die Frage, weshalb in diesem Text keine Rede ist vom Johanniskraut (Hypericum perforatum). Johanniskraut-Extrakte sind mit einer ganzen Reihe von Patientenstudien als Mittel gegen leichte und mittelschwere Depressionen sehr gut dokumentiert. Johanniskraut ist von allen Heilpflanzen die einzige, für die eine solch fundierte Dokumentation zur Wirksamkeit gegen Depressionen vorliegt. Johanniskraut bewährt sich auch bei Winterdepressionen.
Johanniskraut ist die Heilpflanze gegen Depressionen.

Warum also werden zahlreiche nebulöse, vage, fragwürdige Empfehlungen gemacht, während die einzige gut dokumentierte Heilpflanze gegen Depressionen gar nicht erwähnt wird?

Wenn die Naturheilkunde bzw. Pflanzenheilkunde sich weiter entwickeln will, müsste meines Erachtens genau an diesem Punkt angesetzt werden: Es braucht präzise, gut dokumentierte Angaben. Und es braucht deutlich mehr kritisches In-Frage-stellen von nebulösen, willkürlichen Behauptungen.

Quelle:
http://www.nachrichten.at/ratgeber/gesundheit/wellness/Gesundheit-Wellness;art54,299330

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

1 Antwort
  1. Albert
    Albert sagte:

    Ihr Gedankenansatz verdient Beachtung. Da jedoch das Kapitel Kräuter und deren Erforschung bei uns noch in den Kinderschuhen steckt ist auch der von Ihnen kritisch betrachtete Ansatz aus der Tradition heraus zu beachten.
    Learning by doing.
    Bei einer entsprechenden Risikoverteilung (= Mischung verschiedener Kräuter / Heilwirkung mit und ohne Beweisführung )wird nach meiner Erfahrung nach, bei entsprechendem Studium (Internet) ein positiver Erfolg in vielen Fällen möglich sein.
    Darüberhinaus zeigt sich, daß mit fortschreitender Forschung Eigenschaften von Kräutern – die vorher in Frage gestellt wurden – nachträglich erkannt wurden. Beispiel : Mistel /heiliges Kraut der Druiden.

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