Natur als Medikamenten-Deponie

Durch falsche Entsorgung und als Rückstände, die vom Menschen nach Gebrauch ausgeschieden werden, gelangen Medikamente in großen Mengen in die Umwelt. Welche Wirkungen diese Substanzen dort entfalten, darüber ist nur wenig bekannt.

Ist das Haltbarkeitsdatum eines Medikamentes abgelaufen, landet es allzu oft im Abfluss, während die Flasche danach selbstverständlich korrekt im Glasmüll entsorgt wird. Gemäss einer Umfrage des Instituts für sozial-ökologische Forschung entledigt sich jeder Fünfte so seiner alten Medikamente – mit problematischen Folgen für die Umwelt. Arzneimittel gehören einerseits zu den am besten untersuchten Substanzen, was ihre Wirkung auf den Menschen betrifft, andererseits ist über ihre ökologischen Auswirkungen, wenn sie in die Umwelt gelangen, kaum etwas bekannt.

Diclofenac tötete Greifvögel

Dabei können die Folgen von Medikamenten in der Natur dramatisch sein. In Südasien verendeten vor einigen Jahren mehrere Millionen Greifvögel an Diclofenac. Der Wirkstoff wurde Rindern in großen Mengen mit dem Futter verabreicht. Geier fraßen die Kadaver gestorbener Rinder und nahmen so das Diclofenac auf. Bei den Vögeln bewirkte dies Nierenversagen und schließlich den Tod. Einige Geierarten stehen in den betroffenen Ländern inzwischen kurz vor der Ausrottung. Dies ist der erste dokumentierte Fall, in dem ein Medikament eine derartige ökologische Katastrophe bewirkte.

Die meisten Medikamente gelangen jedoch nicht durch Tierheilmittel in die Umwelt, sondern werden durch den Menschen direkt freigesetzt. Dies geschieht nur in kleineren Maß durch falsche Entsorgung. Zum grössten Teil ist die korrekte Anwendung eines Medikaments Ursache dafür, dass ein Wirkstoff in die Umwelt gelangt. Denn die meisten Arzneien werden nicht vollständig im Organismus abgebaut. Bei ihrer Entwicklung wird sogar speziell Wert auf eine lange Haltbarkeit gelegt. Dies gewährleistet, dass das Medikament nicht abgebaut wird, bevor es seine Wirkung entfalten kann. Viele Pillen sind zum Beispiel so konstruiert, dass sie die Magensäure unbeschadet überstehen und erst im Darm ihren Wirkstoff freisetzen.

Als Folge davon sind viele Arzneien sehr stabil und werden größtenteils unverändert wieder ausgeschieden. Im Fall von Diclofenac verlassen 70 Prozent den Organismus unverändert. In Deutschland werden etwa 90 Tonnen des Wirkstoffs jährlich verbraucht, wodurch schätzungsweise 63 Tonnen Diclofenac über den Urin in den Wasserkreislauf gelangen. Die Kläranlagen sind jedoch nicht darauf ausgelegt, Medikamente herauszufiltern. So erreichen diese ungehindert die Umwelt und gelangen über die Oberflächengewässer auch wieder ins Trinkwasser. In deutschen Gewässern lassen sich inzwischen mehr als 180 der 3 000 zugelassenen Wirkstoffe nachweisen. Darunter findet man fast alles, was der Medikamentenschrank hergibt: von Hormonen und Lipidsenkern über Schmerzmittel und Antibiotika bis zum Röntgenkontrastmittel.

Auswirkungen auf den Menschen sind allerdings nicht zu befürchten. Die Umweltkonzentrationen von Medikamenten liegen in Deutschland mehrere Zehnerpotenzen tiefer als die Wirkkonzentration. Man müsste dementsprechend große Mengen belasteten Wassers trinken, um eine wirksame Dosis aufzunehmen. Zum Beispiel enthalten 25 Millionen Liter Trinkwasser gerade mal eine Tagesdosis Diclofenac. Entwarnung kann aber doch nicht gegeben werden. Es existieren keine Erfahrungen mit der Langzeitaufnahme von kleinen Medikamentenmengen, wie sie im Trinkwasser auftreten. Spätfolgen können darum nicht ausgeschlossen werden. In der Umgebung von Klärwerken findet man manchmal deutlich höhere Wirkstoffmengen, und die Auswirkungen auf die verschiedenen Biotope sind meist kaum untersucht. “Diclofenac führt in Experimenten auch bei einigen Fischarten zu Nierenschäden. Allerdings ist die Analyse von Populationseffekten in freien Gewässern aufgrund der Vielzahl von Einflüssen schwierig”, erklärt Klaus Kümmerer, Professor im Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Freiburg und Leiter eines Projekts der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) zu Arzneimittelrückständen in der Umwelt.

Auch wenn die Forschung noch am Anfang steht, gibt es für einige Wirkstoffe schon alarmierende Resultate. Ethinylestradiol, eine Komponente von Antibabypillen, ist ein synthetisches Hormon mit einer hohen biologischen Wirksamkeit. Schon sehr kleine Konzentrationen von nur wenigen Nanogramm pro Liter reichen bei längerer Exposition aus, um die Befruchtungsraten einiger Fischarten und Schnecken zu vermindern. Solche Wirkstoffmengen sind tatsächlich in einigen Oberflächengewässern oder in der Umgebung von Kläranlagen feststellbar. Weibliche Vorderkiemenschnecken entwickeln bei etwas höheren Ethinylestradiol-Konzentrationen sogar zusätzliche männliche Geschlechtsorgane.

Die Wirkstoffe grösstenteils aus dem Abwasser herauszufiltern wäre schwierig. Vor allem bei wasserlöslichen Wirkstoffen sind konventionelle Kläranlagen überfordert. Zusätzliche Aufreinigung, zum Beispiel durch Nanofiltration, Ozonierung oder den Einsatz von Aktivkohle, kann zwar die Medikamente aus dem Wasser eliminieren, verursacht allerdings ihrerseits wieder problematische Abfälle oder Abfallprodukte – oder sie ist teuer. Für einen sinnvollen Einsatz dieser Technologien ist es darum nötig, stark belastete Abwässer schon am Entstehungsort abzutrennen, zum Beispiel durch entsprechende Abwasserkanäle an Pflegeheimen, um diese effektiv reinigen zu können.

Nachhaltige Pharmazie gefordert

Kümmerer ruft darum zu einer nachhaltigen Pharmazie auf. Dazu “muss man den gesamten Lebenszyklus von Arzneimitteln betrachten: von der Entwicklung über die Produktion und die Anwendung bis zur Entsorgung”. Die Umwelteigenschaften von Wirkstoffen sollten schon bei der Entwicklung eine wichtige Rolle spielen. Durch computerbasierte Methoden sei es möglich, die Umweltverträglichkeit von Arzneien zu optimieren, zum Beispiel durch eine zielgenauere Wirkung eines Medikaments. Dadurch können die Dosen reduziert werden, was zu einer geringeren Umweltbelastung führt. Entscheidender Vorteil umweltverträglich designter Medikamente: Auch in armen Ländern, wo eine aufwendige Aufbereitung von Abfällen und Abwasser nicht möglich ist, wird eine übermäßigen Belastung vermieden.

Anstrengungen vonseiten der Industrie gibt es durchaus. So verweist der Verband Forschender Arzneimittelhersteller auf die kürzlich eingeführte Jahreskurzinfusion zur Osteoporosebehandlung, welche eine seltenere Medikamentenanwendung möglicht macht. Die entscheidenden Kriterien bei Entwicklung von Medikamenten sind allerdings weiterhin Wirksamkeit, Verträglichkeit und gute Handhabbarkeit. “Es wäre nicht zu akzeptieren, dass Patienten weniger wirksame oder schlechter verträgliche Präparate einnehmen müssen, nur weil diese umweltverträglicher sind”, sagt Siegfried Throm, Geschäftsführer Forschung, Entwicklung, Innovation des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller.

Einen anderen Ansatz verfolgt Schweden. Hier werden Ärzte dazu angehalten, bei gleicher Wirksamkeit ein entsprechend umweltfreundlicheres Arzneimittel zu verschreiben. Dazu liegen entsprechende Listen vor, die zu den Arzneimitteln ein Umweltrisiko und einen PTB-Index aufführen. Die Risikobewertung richtet sich dabei nach der aktuellen Umweltkonzentration eines Wirkstoffs und ob von dieser schon eine Gefährdung ausgeht. Der PTB-Index gibt unabhängig von der momentan vorliegenden Belastung einen Wert zwischen null und neun an, der sich aus Stabilität des Arzneimittels (Persistence), der Anreicherung in der Umwelt (Bioakkumulation) und der Toxizität ergibt. Je höher der PTB-Wert, desto schlechter steht es um die Umweltverträglichkeit. Die Einführung eines vergleichbaren Systems steht in Deutschland nicht vor der Tür. Eine Adaption dieses Ansatzes wird erschwert durch die europaweite Arzneimittelgesetzgebung und durch die grundsätzlich andere Organisation der Apotheken – in Schweden werden Apotheken staatlich geführt.

Eine Kombination aller Möglichkeiten wird nötig sein, um die Arzneimittel aus der Umwelt zu verbannen. “Jeder von uns kann einen Beitrag leisten. Wir als Patienten sollten immer auch die oft bestehenden Alternativen zur medikamentösen Behandlung von Beschwerden prüfen”, hält Hans-Christian Schäfer von der DBU fest. Die korrekte Entsorgung von Medikamenten gehört selbstverständlich auch dazu. Zwar wird in den Beipackzetteln darauf hingewiesen, dass Medikamentenreste beim Apotheker abzugeben sind, und der interessierte Bürger kann auch entsprechendes Informationsmaterial bei den verschiedenen Umweltverbänden bekommen. Allerdings wäre ein breiteres Bewusstsein für die Belastung durch Medikamentenrückstände begrüssenswert.

Quelle: Dtsch Arztebl 2008; 105(24): A-1324; Meißner M.

Kommentar:

Dieser Text aus dem Deutschen Ärzteblatt beschreibt eindrücklich die Risiken, wenn wir die Natur als Medikamenten-Deponie missbrauchen. Die geschilderten Fakten stammen zwar aus Deutschland, doch dürften die Verhältnisse in der Schweiz nicht wesentlich anders sein.

Ein Argument mehr für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Mir scheint, das Problem betreffend Natur als Medikamenten-Deponie ist tatsächlich noch zu wenig im Bewusstsein der Menschen angekommen. Und es ist ein weiteres Argument zugunsten von Phytotherapie / Pflanzenheilkunde. Mit Wirkstoffen aus Heilpflanzen kann die Natur nämlich umgehen. Das erwähnte Diclofenac beispielsweise lässt sich nicht in jedem Fall durch Heilpflanzen-Präparate ersetzen. Bei leichteren Schmerzen haben sich aber in verschiedenen Studien Beinwell-Salben und Arnika-Salben gegenüber einer Diclofenac-Salbe als gleich wirksam erwiesen.
Und bei der Einnahme von Diclofenac-Präparaten lässt sich in gewissen Fällen durch Kombination mit Heilpflanzen-Präparaten wie beispielsweise Teufelskrallen-Extrakt die Diclofenac-Dosis reduzieren. Das kommt dann nicht nur der Umwelt zugute, es reduziert auch allfällige unerwünschte Nebenwirkungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

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Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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