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Aspirin schützt offenbar nicht vor (erstem) Herzinfarkt

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Aspirin kann die Fliesseigenschaften des Blutes verbessern und wird daher oft eingenommen zur Vorbeugung gegen Herzinfarkt und Schlaganfall. Eine neue Studie zeigt nun, dass die vorbeugende Einnahme von Aspirin zum Schutz vor Erst-Infarkten nutzlos ist und sogar schaden kann. Das Risiko von Magen- und Darmblutungen und Nierenschäden steigt.
Wissenschaftler um Prof. Jill Belch vom Cardiovascular Research Institute der Dundee University (Schottland) stellten im British Medical Journal eine Studie vor, die den Nutzen von Aspirin zur Infarktpropylaxe untersuchte.
Dazu wurden 1276 Diabetes-Patienten über 40 Jahren mit Arterienerkrankungen untersucht, die bisher noch keinen Herzinfarkt hatten. Sie wurden in Aspirin- und Placebo-Gruppen eingeteilt und acht Jahre beobachtet.
Das Ergebnis: Von den Patienten in der Aspirin-Gruppe (2 mal täglich 100mg) bekamen 116 einen Infarkt, in der Placebo-Gruppe waren es 117.
Statistisch ist dieser Unterschied irrelevant.
Zusätzlich zeigte die Studie keinerlei vorbeugenden Effekt auf die Verhinderung von Schlaganfällen oder Todesfälle durch Herzerkrankungen. Studienautorin Belch warnt aufgrund ihrer Ergebnisse vor einer eigenmächtigen Vorsorge mithilfe von Aspirin.
Sie weist aber gleichzeitig darauf hin, dass die Therapie nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall mit Aspirin gesichert sei. Insofern wäre es sinnvoll einem zweiten Ereignis mithilfe der Medikation entgegenzuwirken, wohingegen der erste Herzinfarkt oder Schlaganfall durch präventiv gegebenes Aspirin nicht verhindert werden kann.
Quellen:
http://www.scienceblogs.de/medlog/2008/10/aspirin-senkt-herzinfarktrisiko-nicht.php http://www.bmj.com/cgi/content/abstract/337/oct16_2/a1840

P.S.: Ähnliche Wirkstoffe wie im Aspirin kommen auch in einigen Heilpflanzen vor, zum Beispiel in der Weidenrinde. Die Phytotherapie verwendet Extrakte aus der Weidenrinde deshalb als leichtes und gut verträgliches Schmerzmittel. Allerdings unterscheiden sich die Wirkstoffe der Weidenrinde an einem entscheidenden Punkt von der Acetylsalicylsäure im Aspirin. Wegen diesem Unterschied muss man davon ausgehen, dass die Weidenrinde unwirksam ist zur Verbesserung der Fliesseigenschaften des Blutes. Es gibt immer wieder fachlich nicht sattelfeste Leute im Bereich Pflanzenheilkunde / Naturheilkunde, welche Weidenrinde (oder Heilpflanzen mit ähnlichen Wirkstoffen) als Ersatz für Aspirin Cardio empfehlen. Das könnte riskant werden in Fällen, in denen die Aspirin-Therapie nötig ist.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

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Heilpflanzen-Bücher: Qualität prüfen – aber wie?

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Heilpflanzen-Bücher gibt es fast wie Sand am Meer, und sie könnten kaum unterschiedlicher sein. Grundsätzlich kann jeder Mensch seine Ideen und Erfahrungen zum Thema Heilpflanzen publizieren – dafür sorgt die Meinungs- und Pressefreiheit. Das ist auch gut so. Allerdings folgt daraus, dass die Qualität von Heilpflanzen-Büchern ausserordentlich unterschiedlich ist. Nur die wenigsten Verlage sind fähig oder willens, eine präzise Qualitätskontrolle zu machen, wenn es um Heilpflanzen-Bücher geht.
Für Laien und Fachleute im Bereich der Pflanzenheilkunde ist das eine heikle Situation. Immerhin steht ja die Gesundheit auf dem Spiel. Da ist es nötig genau zu prüfen, auf welche Informationen man sich stützt.
Wie lassen sich aber nun seriöse, fundierte Heilpflanzen-Bücher unterscheiden von den ungesicherten Spekulationen mancher VerfasserInnen?
Die folgende Checkliste kann vielleicht dabei helfen:

1. Welchen beruflichen Background hat der Autor / die Autorin?

Sind die Ausbildung und die aktuelle berufliche Tätigkeit im Buch ersichtlich und haben sie einen Zusammenhang mit dem Thema “Heilpflanzen”? – Lässt sich daraus auf eine fundierte, längerdauernde Auseinandersetzung mit der Pflanzenheilkunde schliessen?

2. Hat der Verlag Fachwissen & Erfahrung im Bereich Heilpflanzen & Medizin?

Ein Fachverlag mit Erfahrung bezüglich Publikation von Büchern in den Bereichen Medizin & Heilpflanzenkunde wird eher ein kompetentes Lektorat haben, das die Qualität eines angebotenen Manuskriptes beurteilen kann. Einem Verlag, der nur ausnahmsweise Bücher im Bereich Pflanzenheilkunde & Medizin produziert, fehlt möglicherweise das nötige Know-how, um einen irrlichternden Autor mit seinen fachlichen Schwächen und Macken zu konfrontieren. So wird dann halt publiziert, was auf dem Markt gut ankommt, und das ist oft nicht von überzeugender Qualität.

3. Wie transparent sind die Quellen?

Wird klar, woher der Autor / die Autorin das dargestellte Wissen über Heilpflanzen hat? Erweckt er oder sie den Eindruck, das ganze beschriebene Wissen selber entdeckt zu haben? – Das ist sehr fragwürdig. Überzeugender ist es, wenn ein Autor / eine Autorin Wissen darstellt, das sich in Diskussionen innerhalb der Phytotherapie-Fachwelt behaupten konnte. Nur was auch kritischen Einwänden standgehalten hat, kann als bewährt gelten, während sich individuelle “Entdeckungen” nicht selten als hoch spekulativ erweisen.

4. Bemüht sich der Autor / die Autorin um eine möglichst klare Sprache oder dominieren leere Worthülsen?

Viele populäre Heilpflanzen-Bücher strotzen nur so von wohlklingenden, aber nichtssagenden Ausdrücken. Da ist vom “Wesen der Pflanzen” die Rede, das für die Wirkungen der Pflanzen verantwortlich sein soll, ohne dass dieser hoch komplexe Begriff des Wesens auch nur annähernd geklärt wird. Heilpflanzen wirken “ganzheitlich”, “schützend”, “harmonisierend”, “energetisierend”, sie “gleichen Schwingungen aus” oder “wirken feinstofflich”. Das sind alles Wörter, die noch kaum etwas Konkretes aussagen, aber diffuse Bedürfnisse von Lesenden ansprechen. Und es würde grosse Anstrengungen brauchen, um genau zu klären, was die schreibende Person damit gemeint hat (falls sie das selber überhaupt weiss…). Oft verdecken solche ausgesprochen vagen Begriffe nämlich nur Wissenslücken. Wer so nebulös daherschreibt, dürfte sich kaum mit den konkreten Details auseinandergesetzt haben. Da bleibt man dann doch lieber möglichst allgemein-wolkig.

5. Zeigt der Autor / die Autorin auch Grenzen und Schwächen der Pflanzenheilkunde?

Oder vermittelt das Buch den Eindruck, mit Heilpflanzen seinen alle gesundheitlichen Probleme zu lösen?
Wenn sich ein Autor / eine Autorin mit Haut und Haaren mit den Heilpflanzen identifiziert, fehlt oft die nötige Distanz, um auch Schwächen und Grenzen der Pflanzenheilkunde wahrzunehmen. Dann sind zum Beispiel unerwünschte Nebenwirkungen durch Pflanzen nirgends ein Thema und der Grundtenor eines solchen Heilpflanzen-Buches lautet: Gegen jede Krankheit ist ein Kräutchen gewachsen (was eben höchstwahrscheinlich nicht stimmt, sondern eine Wunschphantasie ist).

6. Begründungen oder Behauptungen?

Bemüht sich der Autor / die Autorin darum, Aussagen über Heilwirkungen von Pflanzen zu begründen? Beschreibt er/sie, welche Überlegungen, Erfahrungen oder Untersuchungen konkret hinter einer Aussage stehen? Oder dominieren einfach blanke Behauptungen, die man nur blind glauben kann oder nicht?

Wer solche Fragen prüft, bekommt meiner Ansicht nach ein präziseres Bild von der Qualität eines Heilpflanzen-Buches.

Ausgewählte und fundierte Bücher aus den Bereichen Pflanzenheilkunde / Phytotherapie finden Sie im Heilpflanzen-Buchshop.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Spagyrik: Nachfragen bei nebulösen Aussagen!

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Spagyrik boomt in vielen Apotheken, Drogerien und Naturheilpraxen. Doch es gibt kaum eine Sparte der Pflanzenheilkunde mit derart schwammigen und zugleich wohltönenden Aussagen. Jede dieser Aussagen ist meiner Ansicht nach eine Aufforderung, sehr genau und detailliert nachzuhaken.
So erklärte mir vor kurzem ein Spagyrik-Vertreter, dass spagyrische Heilmittel ganzheitlicher und tiefer wirken würden als “gewöhnliche” Phytotherapie.
Ganzheitlicher und tiefer tönt natürlich immer gut, doch mir scheint, dass wir es hier mit typischen Worthülsen zu tun haben.
Ich fragte nach, wie genau denn die Spagyrik ganzheitlicher wirke. Die Antwort war, dass sie eben gleichzeitig auf Geist, Seele und Körper wirke. Ich fragte nach, wie denn genau die Wirkung auf den Geist sei und bekam sehr verworrene Antworten wie “heilend” und “harmonisierend”.
Wenn ich spagyrische Mittel einnehmen würde und diese Aussagen ernstnähme, wäre ich sehr beunruhigt. Hier wird eine Wirkung auf meinen Geist behauptet, aber niemand weiss offenbar, was genau das Mittel dort auslöst. Es scheint so, als ob das Mittel von selber wüsste, was es in meinem Geist tun soll, und diesen “Job” selbständig erledigt. Na bravo, das ist ja sehr effizient. Weder der Patient noch die behandelnde Person müssen sich da noch gross anstrengen, geschweige denn sich mit dem “Geist” auseinandersetzen.
Ich habe dann noch nachgefragt, wie genau die Wirkung der Spagyrik auf der seelischen Ebene zustande komme, und wieder nur ausgesprochen vage Antworten bekommen. Hier muss man sich als TherapeutIn offenbar nicht ernsthaft mit der Psyche des behandelten Menschen auseinandersetzen oder gar eine psychotherapeutische Ausbildung haben – und trotzdem kann man “tief” in die Seele einwirken.
Auch hier hatte ich den Eindruck: Wenn all diese tiefen seelischen Wirkungen real wären, aber niemand eine genauere Ahnung davon hat, was da genau passiert in der Psyche, dann wäre das höchst problematisch. Vergleichbar schiene mir das mit einer Operation durch einen blinden Chirurgen – ein kriminelles Vorgehen!
Keine Angst vor Schäden, Risiken und Nebenwirkungen in der Psyche? Oder kann man da gar nie etwas falsch machen? Das wäre dann wirklich wunderbar.
Aber ich will nicht dramatisieren: Für mich deutet nichts darauf hin, dass Spagyrik in dieser Art auf Geist und Psyche wirkt. Wer aber an solche Effekte glaubt, muss sich auch fragen lassen, was er da genau in Geist und Seele auslöst. In diesen Bereichen kann man doch nicht so einfach herumfuhrwerken. Auch stellt sich die Frage, wie denn individuell auf Geist und Psyche der behandelten Person eingegangen wird, wenn doch die Vorstellungen derart vage und nebulös bleiben. Für die Naturheilkunde ist es ja ein oft postuliertes Anliegen, den Menschen individuell zu behandeln. Hier aber – ohne fundiertes Wissen über Psyche und Geist der behandelten Person, kann die Therapie ja nur ausgesprochen pauschal ausfallen.

Ich habe dann darauf verzichtet, meinen Spagyrik-Vertreter noch zu fragen, wie genau die “tiefe” Wirkung zustande kommt oder was genau er damit meint. Aber “tief” ist auch so ein Allerweltswort, das immer gut tönt und noch gar nichts aussagt.

Fragen Sie hartnäckig nach, wenn ihnen solche Worte serviert werden – in der Naturheilkunde, in der Pflanzenheilkunde, oder auch sonst im Alltag.
Nichts konkretes aussagen, kein Inhalt, aber eine wohltönende Hülle. Das ist meines Erachtens Manipulation pur.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Naturheilkunde: Früchte essen statt Burgerstein schlucken

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Erstaunlich, wie viele Menschen heute sogenannte Nahrungsergänzungsmittel schlucken. Offenbar ist die permanente Botschaft angekommen, dass uns immer etwas fehlt, dass wir ständig in einem Mangelzustand leben. Und deshalb Tabletten brauchen, damit wir ganz und heil werden. Sehr, sehr komisch dieses Mangelgefühl vor dem Hintergrund einer noch nie dagewesenen Vielfalt und eines Überschusses an Nahrungsmitteln. Doch unsere Nahrungsmittel werden systematisch schlecht geredet, damit Pillen verkauft werden können.
Noch erstaunlicher ist meines Erachtens, dass naturheilkundliche Kreise so stark auf diesen Trend aufspringen. Denn wenn es um Heilpflanzen geht, betonen VertreterInnen der Naturheilkunde jeweils, dass die ganze Pflanze viel wirksam sei als einzelne isolierte Wirkstoffe. Geht es aber um Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente und andere Nahrungsergänzungsmittel, schlucken die gleichen Leute ohne mit der Wimper zu zucken isolierte Substanzen.
Dabei wären ganze Früchte nicht nur billiger, sondern auch viel gesünder. Äpfel, Birnen und viele andere Früchte sind reich an Antioxidantien. Das sind Schutzstoffe, die schädliche, aggressive Sauerstoffradikale abfangen. Und sie bieten eine viel breitere Palette dieser Schutzstoffe als jede Burgerstein-Pille. Alles spricht dafür, dass unser Organismus von einem vielfältigen Angebot unterschiedlicher Antioxidantien in moderater Dosis mehr profitiert als von wenigen Stoffen in hoher Dosis, wie sie die Nahrungsergänzungspräparate zuführen.
Zudem haben mehrere Studien gezeigt, dass Antioxidantien in höheren Dosierungen gegenteilige, also schädliche Wirkungen haben können. Davon reden die Nahrungsergänzungs-Propagandisten nie. Auch nicht davon, dass Antioxidantien nicht nur böse, sondern in kleineren Mengen offenbar auch nötig sind.
Ausserdem ist der gesundheitliche Nutzen von Nahrungsergänzungsmittel bis heute nicht einmal ansatzweise belegt. Solche Substanzen können notwendig sein, wenn ein klar diagnostizierter Mangel vorliegt. Das ist allerdings nur selten der Fall. Nahrungsergänzungsmittel aber werden überwiegendst ohne Diagnose empfohlen, verkauft und geschluckt – basierend nur auf diesem diffusen Mangelgefühl.

Wir sollten meines Erachtens mehr darauf vertrauen, dass wir uns mit einer einigermassen ausgewogenen Ernährung zuführen können, was unser Organismus benötigt. Dazu braucht man nicht zum lupenreinen Super-Gesundheitsapostel zu werden. Eine moderat vernünftige Haltung und Ernährung reicht durchaus.
In diesem Sinne: Esst Früchte und erspart eurem Organismus und eurem Geldbeutel überflüssige Nahrungsergänzungsmittel.

Weitere Informationen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel im Buch „Pillen, Pulver, Powerstoffe“ von Pollmer / Warmuth, das Sie im Buchshop anschauen und bestellen können.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Phytotherapie: Fortschritt durch Diskussion und Kooperation

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Im Bereich der Komplementärmedizin gibt es einige Heilmethoden, die ganz und gar auf dem “Mist” einer einzelnen Person gewachsen sind. Eine angeblich geniale Einzelperson entdeckt oder erfindet ein Heilsystem, ohne damit an das “umliegende” Wissen der jeweiligen Zeit anzuschliessen. Dann wird dieses Heilsystem direkt den Patienten und Patientinnen verkündet, ohne dass es sich zuerst in den kritischen Diskussionen unter Fachleuten bewähren musste. Wird dann noch die Gründerfigur von den AnhängerInnen stark idealisiert, erstarrt die Methode oft in einem unfruchtbaren Dogmatismus. An den Vorstellungen und Aussagen des genialen Führers soll ja nicht gerüttelt werden. Mir scheinen solche Formen des Heilkultes sehr fragwürdig. Die folgende Geschichte hat mich dagegen stark angesprochen:

Der König sprach: “Ehrwürdiger Nagasena, möchtest du noch weiter mit mir diskutieren?”
“Wenn du nach Art eines Weisen diskutieren willst, o König, dann schon; willst du aber nach Art eines Königs diskutieren, dann nicht.”
Wie diskutieren denn Weise, ehrwürdiger Nagasena?”
“Bei den Diskussionen der Weisen, o König, zeigt sich ein Auf- und Abwickeln, ein Überzeugen und Zugestehen; Nebeneinanderstellungen und Gegenüberstellungen werden gemacht. Und doch geraten die Weisen dabei nicht ausser sich. So, o König, diskutieren Weise.”

Aus dem Milinda-Panha, einem altindischen Text aus dem 2. Jahrhundert v. u. Z., zitiert aus: Jens Soentgen, Selbstdenken, Peter Hammer Verlag 2003

Mir scheint, wir brauchen deutlich mehr Diskussionen nach Art der Weisen. Es gibt zu viele Heilsysteme, die nach Art der Könige gewachsen sind.
Engagierte Auseinandersetzungen nach Art der Weisen führen zu fundierterem Wissen. In der wissenschaftlich orientierten Phytotherapie findet man diese arbeitsteilige Form der Erkenntnisgewinnung. Wissen wird hier immer wieder überprüft und nötigenfalls korrigiert. Es gibt eine lebhafte Diskussion zwischen den Fachleuten und ein gemeinsames Ringen darum, der Wahrheit näher zu kommen. Auch wenn den Beteiligten (hoffentlich) klar ist, dass die endgültige Wahrheit nicht erreicht werden kann. In dieser Phytotherapie-Diskussionsszene gibt es keine überragende Führerfigur.

So bleibt das Wissen der Phytotherapie im Fluss. Es ist nicht statisch wie die fest gefügten Heilsysteme einzelner Monomanen.
Es ist meines Erachtens ein fundamentaler Irrtum zu glauben, das (angeblich) geniale Wissen eines Einzelmenschen sei dem kooperativen Wissen überlegen. Nur in der kooperativen Auseinandersetzung kommen Irrtümer auf den Tisch – jedenfalls wenn wir genügend Ausdauer und eine Portion Glück haben. Das passiert den genialen Einzelmasken kaum. Wer hauptsächlich begeisterte Fans um sich schart, bleibt mangels kritischer Auseinandersetzung viel stärker in seinen Irrtümern gefangen und kann ungestört von der ewigen Wahrheit seiner Erkenntnisse träumen.
Meine Empfehlung: Prüfen Sie Informationen aus Naturheilkunde bzw. Pflanzenheilkunde immer darauf, ob die Erkenntnisse kooperativ entstanden oder einem singulären, isolierten Hirn entsprungen sind. Für die Glaubwürdigkeit macht das meines Erachtens einen grossen Unterschied.

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Pflanzenheilkunde: Die Falle der Beliebigkeit vermeiden!

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Ich höre und lese Tag für Tag Aussagen über die Wirkungen von Heilpflanzen. Erstaunlicherweise bleiben all diese Aussagen oft unangetastet nebeneinander im Raum stehen. Es fehlt meiner Ansicht nach in der Naturheilkunde fundamental an Auseinandersetzungen darüber, welche Aussagen stimmen und welche nicht. Diese Beliebigkeit scheint mir problematisch, weil sie eigentlich auf Stillstand hinausläuft. Jürgen August Alt schreibt in seinem Buch “Das Abenteuer der Erkenntnis” (Beck 2002) dazu:

“Häufig hört man in Diskussionen: ,Das ist eine Frage des Standpunktes‘, ,Ich betrachte das eben aus einer anderen Perspektive‘, ,Das sehen Frauen nun einmal anders als Männer‘. Dahinter steht die Vermutung, dass die Wahrheit unserer Hypothesen vom Standpunkt oder vom Kontext abhängt. Diese Ansichten sind zur Zeit einigermassen populär; ,Relativismus‘ lautet die philosophische Bezeichnung für solche Positionen. Leider verführen sie uns dazu, denkfaul zu werden. Weil ohnehin alles relativ ist, lohnt sich die kritische Auseinandersetzung nicht mehr. Doch wenn jemand eine interessante Behauptung vorbringt, sollte uns interessieren, ob die Behauptung auch zutrifft. Woher eine These auch stammen mag, aus welcher Disziplin, welcher Kultur usw. – Sie können versuchen, sie mit anderen, konkurrierenden Behauptungen zu vergleichen oder nach empirischen Belegen zu fragen. Gegen Beliebigkeit helfen kritische Prüfungen.”

Natürlich hat jeder Mensch seine eigene Perspektive. Aber das soll uns nicht davon abhalten, uns über die verschiedenen Ideen, Thesen oder gar Behauptungen auseinanderzusetzen. Nicht mit dem Ziel, die absolute und endgültige Wahrheit zu finden, aber einer bescheideneren Wahrheit ein Stück näher zu kommen. Und das im Bewusstsein, sie niemals vollständig zu erreichen. Das bringt uns Schritt für Schritt weiter, während Relativismus uns stagnieren lässt und geistig träge macht.
Darum plädiere ich mit Nachdruck dafür, dass wir Aussagen zu den Wirkungen der Heilpflanzen nicht einfach relativistisch im Raum stehen lassen, sondern uns fundiert mit ihnen auseinandersetzen und sie kritisch prüfen. Das gilt selbstverständlich auch für andere Aussagen im Bereich von Naturheilkunde und Komplementärmedizin.

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Von der Bedeutung kompetenter Therapieentscheidungen

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Noch nie in ihrer Geschichte wurden die Menschen wohl so stark überschwemmt mit Therapieangeboten wie heute: Operationen, Medikamente, Physiotherapie, Psychotherapie, aber auch der ganze komplementärmedizinische Sektor mit Heilpflanzen, homöopathischen Chügeli, Akupunktur-Nadeln, Bach-Blütentropfen, Pflanzentinkturen, Schüssler Salzen, Kinesiologie usw.
Sich in dieser Vielfalt zurecht zu finden und kompetente Therapieentscheidungen zu fällen, ist eine grosse Herausforderung für Behandelnde und Behandelte. Bedenkenswerte Aussagen zu diesem Thema fand ich im Buch “Mit Krankheit leben” von Farideh Akashe-Böhme und Gernot Böhme:

“Es ist eine Illusion zu glauben, dass es in der Abwägung alternativer Therapien nur um Vor- und Nachteile ginge. Wenn es so wäre, könnte man – wozu man als Patient ohnehin neigt – die Entscheidung getrost den Experten überlassen. Doch die Entscheidung für eine Therapie oder die Wahl zwischen verschiedenen Eingriffen ist in der Regel auch eine Entscheidung darüber, wie und als wer man leben will….der Patient muss das, was mit ihm geschieht, in sein Selbstverständnis integrieren, und das könnte er gerade versäumen, wenn er sich die Entscheidung abnehmen lässt.
Die schwerste Entscheidung ist sicherlich die zwischen Lebensdauer und Lebensinhalt bzw. Lebensqualität. Natürlich geht es bei therapeutischen Massnahmen im Falle von schweren Krankheiten um die Verlängerung des Lebens. Was man häufig euphemistisch als Lebensrettung bezeichnet, kann immer nur eine Lebensverlängerung sein. Deshalb stellt sich die Frage: um welchen Preis? Welchen Verlust an Organen, Gliedern oder Lebensvollzügen ist man bereit hinzunehmen. Es stellt sich die Frage, wie das Leben aussieht, wenn es unter Bedingungen dauernder Therapien oder unter der Bedingung von Medikamenten und Apparaten geführt werden muss………Unsere Darstellung mag den Eindruck erwecken, dass solche ernsten Fragen sich nur bei gravierenden Eingriffen, etwa bei der Entscheidung für oder gegen eine Transplantation oder der Entscheidung zwischen einem chirurgischen Eingriff und einer Strahlentherapie bei Krebs, stellen. Das ist aber nicht der Fall. Vielmehr sind auch Therapieentscheidungen im Bereich alltäglicher Krankheiten und Beschwerden ernst, und zwar in dem Sinne, dass sie einen Einfluss auf die Lebensführung haben. Soll ich mich gegen diese oder jene Krankheit impfen lassen oder nicht? Soll ich gegen meine Schlaflosigkeit Tabletten nehmen oder es mit meditativen Übungen versuchen? Soll man bei jedem Infekt, um ihn schnell hinter sich zu bringen, Antibiotika anwenden? Das sind nicht Fragen der reinen Zweckmässigkeit, sondern Fragen der Lebenswelt.”

Da stellt sich die Frage was es braucht, damit Patientinnen und Patienten kompetente Therapieentscheidungen treffen können.
Die wichtigste Voraussetzung dafür scheint mir die Abwesenheit von Dogmatismus und Schwarz-Weiss-Denken.
Und zwar bei Patientinnen und Patienten, weil sie nur unter diesen Bedingungen alle Optionen unvoreingenommen prüfen können.
Genauso wichtig ist aber die Abwesenheit von Dogmatismus und Schwarz-Weiss-Denken bei den Behandelnden. Es braucht beispielsweise in der Pflanzenheilkunde Leute, welche die Möglichkeiten und Grenzen der Heilpflanzen kennen und auch gegenüber Patientinnen und Patienten zum Thema machen. Schädlich sind im Gegensatz dazu Leute, welche sich so total mit ihren Heilpflanzen identifizieren, dass sie diesen alles zutrauen und sie zum Allheilmittel hochstilisieren. Das behindert die offene Prüfung aller Optionen durch Behandelte und Behandelnde.
Nicht nur in der Medizin, auch in der Naturheilkunde braucht es mehr Aufmerksamkeit für kompetente Therapieentscheidungen.

Das zitierte Buch “Mit Krankheit leben” von Böhme & Böhme können Sie im Buchshop anschauen und bestellen.

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Phytotherapie: Wirkt Johanniskraut auch bei schweren Depressionen?

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Johanniskraut gehört zu denjenigen Heilpflanzen, die seit vielen Jahren intensiv wissenschaftlich untersucht werden. Bisher galt die antidepressive Wirkung von Johanniskraut-Extrakten in der Phytotherapie als gut belegt bei leichten bis mittelschweren Depressionen. Nun verdichten sich die Hinweise, dass auch schwere Depressionen auf eine Behandlung mit Johanniskraut-Präparaten ansprechen könnten.

Ein neuer Cochrane Review ergab jedenfalls, dass Johanniskraut-Extrakte ausgeprägte Depressionen ebenso effektiv lindern wie synthetische Antidepressiva. Privatdozent Klaus Linde vom Zentrum für naturheilkundliche Forschung der Technischen Universität München wertete mit seinem Team 29 Studien mit knapp 5500 Patienten aus. Einbezogen wurden dabei ausschliesslich Studien, bei denen nach DMS-IV- oder ICD-10-Kriterien eine «Major Depression» vorlag. Die Patienten zeigten mindestens zwei Wochen lang Symptome, die sie im Alltag beeinträchtigten. In 18 der Studien wurden Johanniskraut-Präparate (meist 900 mg Trockenextrakt pro Tag) gegen Placebo verglichen, in 17 gegen synthetische Antidepressiva. Verglichen mit Placebo waren die Ansprechraten mit Johanniskraut knapp 50 Prozent höher, wobei aber der Effekt stark von Studiengröße und -qualität abhängig war. Im Vergleich mit den synthetischen Antidepressiva zeigten sich dagegen praktisch keine Unterschiede in den Ansprechraten. Allerdings erwiesen sich die Johanniskraut-Extrakte als verträglicher. Die Abbrechraten waren nur ein Viertel so hoch wie bei Behandlungen mit trizyklischen Antidepressiva und nur etwa halb so hoch wie mit SSRI (The Cochrane Library 4, 2008).

Auffallend war, dass sämtliche Studien aus dem deutschsprachigen Raum bessere Ergebnisse für Johanniskraut zeigten als Untersuchungen aus anderen Regionen, wo Johanniskraut keine lange Tradition als pflanzliches Arzneimittel hat. Eine Beurteilung dieses Phänomens liefert die Cochrane-Studie jedoch nicht.
(Quelle: 10. 10. 2008, www.pharmazeutische-zeitung.de)
Klar festzuhalten gilt, dass schwere Depressionen fachärztliche Behandlung brauchen, nur schon wegen der damit verbundenen Suizidgefahr.
Auch gelten diese Ergebnisse für Johanniskraut-Extrakte und können nicht ohne weiteres auf Johanniskraut-Tee oder Johanniskraut-Tinkturen übertragen werden.
Es wird auch weiterhin Depressionen geben, bei denen eine Johanniskraut-Therapie nicht ausreicht.
Die Arbeit von Klaus Linde deutet aber darauf hin, dass Johanniskraut auch bei schwereren Depressionen eine therapeutische Rolle spielen könnte, wenn es in ein umfassenderes Behandlungskonzept integriert wird.

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Phytotherapie in der Psychiatrie – Weiterbildung und Kurse für die Pflege in Winterthur

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Phytotherapie im Sinne einer fundierten, professionellen Anwendung von Heilpflanzen findet zunehmende Akzeptanz in der Psychiatrie:

“Die Phytotherapie erfreut sich grosser Beliebtheit. Patienten
verlangen mehr und mehr natürliche Behandlungsalterna-
tiven für ihre Beschwerden. Das gilt besonders im Bereich
von Psychiatrie und Psychotherapie, wo Arzneipflanzen eine
wichtige Rolle spielen können, als erster therapeutischer
Ansatz bei leichten Beschwerden oder als adjuvante Thera-
pie.”

Das schreiben Prof. Matthias Hamburger, Pharmazeutische Biologie Universität Basel, und Dr. med. Andrea Jakobitsch, prakt. Ärztin und FMH Psychiatrie/Psychotherapie. Gefunden habe ich diese Aussage in einer Einladung zur Weiterbildung im Botanischen Garten Brüglingen (Basel). Ziel der Veranstaltung war es, mittels Referat und Führung im Kräutergarten den Ärztinnen und Ärzten Wissen zu vermitteln über Heilpflanzen, die im Bereich der Psyche eine Wirkung entfalten.

Auch die phytotherapeutische Fachliteratur hat sich schon seit längerem intensiv mit der Anwendung von Heilpflanzen-Präparaten in der Psychiatrie auseinandergesetzt.
So schreibt beispielsweise Prof. Dr. Volker Fintelmann im “Lehrbuch der Phytotherapie” (2006):

“Ein als sensationell empfundener Durchbruch in der modernen Pharmakotherapie war die Entwicklung völlig neuartiger Psychopharmaka, besonders der Tranquilizer, aber auch der Neuroleptika und der trizyklischen Antidepressiva. Die gesamte Therapie psychiatrischer Krankheitsbilder wurde durch diese Arzneimittel revolutioniert. So verwundert es nicht, dass traditionelle Phytotherapeutika vom Typ des Baldrians oder des Hopfens oder auch die stark wirksamen Arzneimittel aus dem Opium immer mehr in den Hintergrund gedrängt und bestenfalls als plazeboartige Medikamente eingeordnet und belächelt wurden. Inzwischen ist die Euphorie über die Wirkungen moderner Psychopharmaka einer wesentlich sachlicheren Denkweise gewichen, wozu auch kritische Bewertungen in der Fach- und Laienpresse beigetragen haben. Heute wendet man sich vorsichtig wieder den “alten” Phytotherapeutika zu, die teilweise in wesentlich besserer Galenik als Fertigarzneimittel ihre Wirksamkeit auch unter den Bedingungen kontrollierter Studien erwiesen haben….Der grosse Nachteil moderner, synthetischer Psychopharmaka besteht vor allem in Gewöhnung und Abhängigkeit, die auch zur Sucht führen können. Das plötzliche Absetzen einer Langzeittherapie beispielsweise mit Tranquilizern führt zu schweren Entzugserscheinungen bis hin zu psychotischen Zuständen. Auch wurde man im Zusammenhang mit der Langzeiteinnahme auf auffällige Persönlichkeitsveränderungen aufmerksam.
Manche dieser Medikamente werden auch als Ersatzdrogen auf dem Drogenmarkt gehandelt. Gerade bei den nervösen und psychogenen Erkrankungen oder Befindensstörungen wird immer wieder beobachtet, dass pflanzliche Mittel viel eher regulierend als verdrängend oder betäubend wirken. Körpereigene Funktionen werden geordnet, Selbstheilungskräfte angeregt. Man wird fast immer – mit Ausnahme ganz besonderer Persönlichkeitsstrukturen – eine auch über längere Zeit mit bis in die Psyche hinein wirksamen Phytotherapeutika durchgeführte Behandlung absetzen können, wenn die Symptomatik des Behandelten eine weitere Einnahme nicht mehr notwendig macht, ohne dass es zu entsprechenden Entzugserscheinungen kommt. Hierin liegt der eindeutige Vorteil gegenüber den synthetischen Psychopharmaka. Allerdings sind die pflanzlichen Arzneimittel fast nie als Akutmittel einsetzbar, und es existieren keine echten pflanzlichen Hypnotika oder Narkotika, sieht man vom Opium ab.”

Fintelmann spricht sich für eine abwägende, nicht dogmatisch festgelegte Haltung aus, bei welcher aus der jeweiligen Situation des Patienten heraus zu entscheiden ist, ob ein synthetisches oder ein phytotherapeutisches Arzneimittel passender ist. Diese auf beide Seiten hin offene Haltung entspricht meines Erachtens sehr den Voraussetzungen, wie sie in der Psychiatrie gegeben sind. Patientinnen und Patienten in psychiatrischen Kliniken profitieren, wenn ihnen beide Optionen offen stehen, und wenn sie sich selber auch auf die jeweils angemessenere Option einlassen können.
Das heisst aber auch, dass sich eine differenzierte Haltung gegen Dogmatismus auf beiden Seiten wenden muss.
Es gibt eine dogmatische Nicht-Anerkennung bei manchen MedizinerInnen. Sie sind nicht bereit zu sehen, dass es inzwischen eine ganze Anzahl von gut belegten Phytopharmaka gibt, die in gewissen Situationen eine gute Wahl sein könnten.
Und es gibt dogmatische Haltungen bei manchen Leuten aus dem Bereich Naturheilkunde / Komplementärmedizin, die alle synthetischen Psychopharmaka verteufeln und damit meines Erachtens die Realität vieler psychiatrischer Erkrankungen völlig verkennen.
Es geht aber – ganz im Sinne von Fintelmann – nicht um Entweder-Oder, sondern um diejenige Variante, die der individuellen Situation des kranken Menschen am besten gerecht wird.

Fintelmann schreibt weiter:

“Dabei kann davon ausgegangen werden, dass für akute Befindensstörungen die Synthetika besser geeignet sind, für die Langzeitanwendung dagegen Phytotherapeutika grosse Vorteile bieten. Die Prämedikation für operative oder diagnostische Eingriffe wäre heute ohne die Möglichkeit synthetischer Psychopharmaka überhaupt nicht denkbar. Das Gleiche gilt auch für die Behandlung echter Psychosen. Bei den vielfältigen Angst- und Unruhezuständen, den immer häufigeren reaktiven depressiven Verstimmungszuständen oder den vielfältigen vegetativen Dysregulationen sind jedoch die Phytotherapeutika Mittel der ersten Wahl.”

Die Aussagen von Hamburger/Jakobitsch und Fintelmann zeigen meiner Ansicht nach deutlich, dass es sinnvoll ist, wenn die Phytotherapie in der Psychiatrie einen professionellen Platz bekommt.
Dabei geht es aber nicht nur um die Behandlung von psychischen Leiden im engeren Sinn. Patientinnen und Patienten in psychiatrischen Kliniken erkranken ja auch an Erkältungen, Blasenentzündungen, Ekzemen, Herzschwäche, Prostatabeschwerden, Wunden, Arthrose etc. – an allem, was Menschen an Krankheiten halt haben können. Und gerade Menschen in den psychiatrischen Kliniken, die oft nicht ohne starke Medikamente auskommen, sind dann dankbar, wenn sie für andere Beschwerden eine “sanfte” Therapie erhalten können.

Phytotherapie in der Psychiatrie für die Pflege – Weiterbildung in Winterthur

Bei der Umsetzung von Phytotherapie in die Psychiatrie können Pflegepersonen eine wichtige Rolle spielen. Es ist klar, dass psychiatrische Erkrankungen fachärztliche Behandlung brauchen. Doch es sind Pflegepersonen, die näher und konstanter bei den Patientinnen und Patienten sind. Das prädestiniert Pflegende zur Umsetzung von Phytotherapie-Angeboten in den Kliniken. Voraussetzung ist aber, dass die Pflegenden sich das nötige Wissen in einer fundierten Phytotherapie-Ausbildung angeeignet haben.

Qualitätssicherung nötig

Wenn nun zunehmend und erfreulicherweise Phytotherapie in die Psychiatrie einfliesst, sollte aber die Qualitätssicherung nicht aus den Augen verloren werden. Neben einer fundierten Ausbildung braucht es dazu auch entsprechende Konzepte. Und weil es im Bereich der Pflanzenheilkunde sehr grosse Qualitätsunterschiede gibt, braucht es Heilpflanzen-Präparate mit gut dokumentierter, belegter Wirksamkeit. Wenn Kliniken nun damit beginnen, Pflanzentinkturen in Dosierungen von 3 mal täglich 3 Tropfen zu verabreichen, so ist das hoch fragwürdig. Diese Dosierungen liegen sehr weit unter den Empfehlungen phytotherapeutischer Fachgremien und es gibt keinerlei Belege dafür, dass die Wirkung über einen Placebo-Effekt hinausgeht. Blind den Versprechungen des Herstellers glauben reicht einfach nicht.
Wenn Kliniken solche Pseudotherapien anbieten fragt es sich, ob sie sich damit nicht einfach aus kommerziellen Gründen ein “grünes” Mäntelchen umlegen.
Nun kann man natürlich einwenden, dass auch ein Placebo-Effekt für die Patientinnen und Patienten nützlich ist – und das stimmt zweifellos. Ziel jeder Behandlung müsste aber sein, über den bei jeder Behandlung vorhandenen Placebo-Effekt hinaus eine Wirkung mit den Medikament selber zu erreichen. Dieses “Mehr” muss dokumentiert sein und nicht nur mit schönen Geschichten beschworen werden. Placebo können sehr eindrückliche Wirkungen zeigen, doch ist eine reine Placebo-Therapie oft ethisch fragwürdig und bewegt sich nicht selten am Rande des Betruges.
Psychiatrie-Patientinnen und -Patienten haben ein Recht auf Phytopharmaka mit belegter Wirksamkeit oder dann mindestens in Dosierungen, die den Empfehlungen der Fachgremien entsprechen.

Das zitierte Buch von Fintelmann/Weiss “Lehrbuch der Phytotherapie” finden Sie im Buchshop in der Abteilung Phytotherapie-Fachbücher.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Pflanzenheilkunde

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik, Palliative Care

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Antibiotika bei Sinusitis: Nutzen in Frage gestellt

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Wenn MedizinerInnen bei Nebenhöhlenentzündung Antibiotika verschreiben, profitiert von dieser Behandlung nur einer von 15 Patienten. Zu diesem Ergebnis kamen Forscher des Instituts für klinische Epidemiologie in Basel (www.bice.ch), die für ihre Studie fast 2600 Krankheitsfälle untersuchten. Trotzdem würden zum Beispiel in Grossbritannien 90% der Sinusitis-Patienten mit Antibiotika therapiert, berichtete die BBC. Gemäss gültigen Richtlinien soll der Arzt die starken Behandlungsmittel erst verordnen, nachdem der Patient 7 – 10 Tage erkrankt war. Doch auch nach dieser Zeitspanne sei der Einsatz nicht gerechtfertigt, sagten die Forscher. Co-Autor Ian Williamson: “Es sieht so aus, als ob Antibiotika einfach nicht wirksam sind.”
(Lancet 2008; 371: 908-914, gefunden in: Zeitschrift für Phytotherapie 2/2008)

Das ist ein bemerkenswertes Ergebnis, weil wir mit Resistenzentwicklungen bei Antibiotika grosse Probleme haben. Daher liegt es klar auf der Hand, dass Antibiotika in Fällen, in denen sie sowieso nutzlos sind, vermieden werden sollten. Es gibt dann immer noch genug Situationen, in denen eine antibiotische Behandlung notwendig ist.
Was heisst das nun für die Sinusitis-Therapie? – In schweren Fällen wird ein starkes Schmerzmittel oder andere ärztliche Massnahmen angemessen sein. Es gibt aber auch einige Heilpflanzen-Anwendungen, die bei Sinusitis in gewissen Phasen nützlich sein könnten: Dazu gehören äusserliche Anwendungen wie Meerrettich-Auflagen oder Leinsamen-Breiumschläge, Inhalationen mit ätherischen Ölen (Thymianöl, Eukalytusöl) und verschiedene innerliche Heilpflanzen-Präparate.

Aus dieser Meldung lassen sich aber auch grundsätzlichere Lehren ziehen:
In erster Linie ist sie wieder einmal ein Hinweis darauf, dass es nötig ist, medizinische Praktiken fundiert in Frage zu stellen. Das ist aber nicht dasselbe wie Schwarz-Weiss-Denken. Mir sind in der Alternativmedizin immer wieder Leute begegnet, die sich genau durch solche Meldungen in ihren Feindbildern bestätigt fühlen: Hier die gute Naturheilkunde – dort die böse, schädliche, unwirksame Medizin. Das ist alles andere als eine differenzierte Kritik. Solche Leute werfen dann alles in einen Topf und blenden vollkommen aus, dass es auch Situationen gibt, in denen Antibiotika lebenswichtig sind.
Ausser dem übersieht dieses blinde Feindbild-Denken einen entscheidenden Punkt: Es ist die Medizin selber, die hier fundierte Kritik an der Medizin übt. Es läuft wahrlich nicht alles perfekt in der Medizin und es gibt viele relevante Kritikpunkte. Aber die Medizin kennt wenigstens – wie die Wissenschaft generell – eine Kultur der gegenseitigen Kritik und Auseinandersetzung. Das halte ich für eine der grössten Stärken von Medizin und Wissenschaft, auch wenn die internen Kritiker oft einen schweren Stand haben. Es fehlt ihnen häufig an finanzieller Unterstützung, weil das kritische Infragestellen von Behandlungmethoden keinen Profit abwirft, sondern im Gegenteil die Absatzmöglichkeiten einschränkt.
Aber noch einmal: Es ist ein Vorteil von Medizin und Wissenschaft, dass es eine interne Kritikkultur gibt, welche Theorien, Konzepte, Behandlungsmethoden etc. in Frage stellt.
Im Bereich von Alternativmedizin / Naturheilkunde fehlt diese interne Auseinandersetzung praktisch vollständig. Es gibt kaum eine argumentativ-kritische Auseinandersetzung, die Irrtümer an den Tag bringen könnte. Umso empörter reagieren dann viele AlternativheilkundlerInnen auf Kritik von aussen.
Ich bin aber überzeugt davon, dass es für die Alternativmedizin / Naturheilkunde (oder wie immer man es nennen will) nötig wäre, eine interne Kultur der kritischen Auseinandersetzung zu entwickeln – und nicht nur schadenfreudig mit dem Finger auf die Medizin zu zeigen, wenn die Medizin einen Irrtum oder Fehler der Medizin in Frage stellt. Für die Glaubwürdigkeit wäre es meiner Ansicht nach wertvoller, wenn Naturheilkundler Fehler oder Irrtümer von Naturheilkundlern in Frage stellen.
Im Bereich der Pflanzenheilkunde beispielsweise gibt es riesige Qualitätsunterschiede bei den Heilpflanzen-Präparaten. Heilpflanzen-Bücher sind voll von wirren, überzogenen und ganz offensichtlich widersprüchlichen Angaben……
Und das alles steht weitgehend unhinterfragt nebeneinander im Raum.
Es gibt meines Erachtens viel zu tun. Packen wir‘s an!

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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