Beiträge

Aktivkohle bei Durchfall

Diesen Artikel teilen:

Aktivkohle = „medizinische Kohle“, ist poröser, feinkörniger Kohlenstoff mit einer grossen inneren Oberfläche.

„ Die Poren sind wie bei einem Schwamm untereinander verbunden (offenporig). Die innere Oberfläche beträgt zwischen 300 und 2000 m2/g Kohle, damit entspricht die innere Oberfläche von vier Gramm Aktivkohle ungefähr der Fläche eines Fußballfeldes.“ (Quelle: Wikipedia).

An diese eindrücklich grosse Oberfläche bindet Aktivkohle Toxine und führt sie über den Stuhl der Ausscheidung zu. Diese Fähigkeit wird ausgenutzt bei Vergiftungen. Aktivkohle ist dabei zwar sehr breit wirksam, aber nicht gegen alle Gifte. Unwirksam ist sie zum Beispiel gegen Cyanid, Eisen, Lithium, Elektrolyte, Lösungsmittel und verschiedene Alkohole wie Methanol und Ethanol. (Quelle: Pharmawiki)

Da Aktivkohle zum Beispiel auch Bakterien und Bakterientoxine bindet, wird sie ebenfalls als Mittel gegen Durchfall eingesetzt. Sie ist nur lokal im Verdauungstrakt wirksam und wird nicht in den Organismus aufgenommen.

Aktivkohle kann auch andere Medikamente binden und dadurch ihre Aufnahme stören. Deshalb sollen andere Medikamente nicht gleichzeitig, sondern in einem Abstand von mindestens zwei Stunden eingenommen werden, da es sonst zu einem Wirkungsverlust kommen kann.

Aktivkohle kann auch zur Entfernung von Zahnverfärbungen eingesetzt werden.

Aktivkohle ist für medizinische Zwecke im Handel in Kapselform oder als flüssige Suspension (Carbovit).

Ausgesprochen fragwürdig ist der Trend, Aktivkohle Lebensmitteln beizufügen in der Hoffnung, damit den Körper zu entgiften, zum Beispiel in Form von Aktivkohle-Drinks. Erstens ist überhaupt nicht klar, was genau für Stoffe da entgiftet werden sollen. Die Aktivkohle ist nämlich nicht so schlau, dass sie unterscheiden kann, welche Stoffe für uns schädlich sein könnten, und welche wir brauchen. So ist es denkbar, dass sie auch gesunde und notwendige Stoffe bindet wie Vitamine, Polyphenole etc.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Heilpflanzenexkursionen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

Diesen Artikel teilen:

Öko-Test beurteilt Schleimlöser bei Husten: Heilpflanzen-Präparate top

Diesen Artikel teilen:

Öko-Test hat 24 frei verkäufliche Arzneimittel gegen Husten unter die Lupe genommen, davon 9 Hustenreizdämpfer und 15 Schleimlöser.

Die Fachleute halten nur für wenige Produkte eine lindernde Wirkung aus wissenschaftlicher Sicht hinreichend belegt. Darum schneidet die Mehrzahl der Hustenmittel im Test auch nur „ausreichend“ und schlechter ab.

Auffallend und erfreulich ist aber, dass bei den Schleimlösern Heilpflanzen-Präparate (Phytopharmaka) am besten abschneiden:

«Bei den Schleimlösern ist die Auswahl an sehr guten Produkten schon etwas größer: „Bronchipret TP, Filmtabletten“ (9,90 Euro/20 Stück), „GeloMyrtol Forte, Weichkapseln“ (10,19 Euro/20 Stück), „Soledum Kapseln Forte“ (9,90 Euro/20 Stück). Für die „Umckaloabo-Tropfen hat es immerhin noch für ein „gut“ gereicht (10,20 Euro/20 ml).»

Quelle:

https://www.n-tv.de/ratgeber/Diese-Mittel-helfen-bei-Husten-article20206388.html

Kommentar & Ergänzung:

Wir haben es hier mit ganz unterschiedlichen Phytopharmaka zu tun, die aber alle gut durch Studien in ihrer Wirksamkeit belegt sind.

– Bronchpret Filmtabletten enthalten Thymiankraut-Trockenextrakt und Primelwurzel-Trockenextrakt.

– GeloMyrtol Forte enthält ein ein Destillat aus einer Mischung von Eukalyptusöl, Süssorangenöl, Myrtenöl und Zitronenöl enthält. In der Schweiz gibt es dazu eine kassenzulässige Variante: GeloDurat (wird von der Grundversicherung bezahlt, wenn ärztlich verschrieben).

– Soledum Kapseln Forte besteht zu 100% aus Cineol, dem Hauptbestandteil von Eukalyptusöl. Dieses Präparat ist in Deutschland auf dem Markt, nicht jedoch in der Schweiz.

– Umckaloabo (flüssig) ist da einzige mit Studien belegte Präparat aus Kapland-Pelargonie. In der Schweiz gibt es dazu eine kassenzulässige Variante: Kaloabo (wird von der Grundversicherung bezahlt, wenn ärztlich verschrieben).

„Mangelhaft“ abgeschnitten haben synthetische Schleimlöser auf der Basis von ACC bzw. NAC (Acetylcystein) – nicht ganz unerwartet, weil ihre Wirksamkeit nur mangelhaft belegt ist.

Wikipedia schreibt zu ACC:

„Die Wirksamkeit hinsichtlich einer schleimverflüssigenden Wirkung von Acetylcystein ist für einfache Atemwegsinfekte nicht belegt. Die therapeutische Wirksamkeit bei Bronchitis ist umstritten, da die aus den 1980er Jahren stammenden Studien heutigen Ansprüchen an ein Studiendesign nicht standhalten. Dementsprechend gibt es nach der DEGAM-Leitlinie auch keine Empfehlung für ACC bei der Behandlung eines grippalen Infektes oder einer akuten Bronchitis, da in randomisierten doppelblinden placebokontrollierten Studien keine signifikanten Effekte auf Lungenfunktion, Bronchialschleim, systemische Oxygenierung und/oder Beatmungsnotwendigkeit nachgewiesen werden konnten. Der Einsatz von ACC als Schleimlöser wird aus medizinischer Sicht deshalb kritisch hinterfragt.“

Das ist bemerkenswert, weil ACC-Präparate sehr oft gegen Husten verkauft werden. Wikipedia führt als Präparate auf:

Monopräparate

ACC (D, A, CH), Acemuc (D), Acemucol (CH), Acetyst (D), Aeromuc (A), Dynamucil (CH), Ecomucyl (CH), Fluimucil (D, A, CH), Helvetussin (CH), Mucobene (A), Mucofluid (CH), Myxofat (D), NAC (D), Secresol (CH), Solmucol (CH), diverse Generika (D, CH)

Kombinationspräparate

Alvesin (D), Aminopäd (D), Aminoplasmal (D), Deltamin (D), Infesol (D), Nephrotec (D), Periplasmal (D, A), Pädamin (A), Rinofluimucil (CH), Salviamin (D), Solmucalm (CH)

 

Bei den Schleimlösern wird also den Phytopharmaka von „Öko-Test“ eine besser belegte Wirksamkeit attestiert als den synthetischen Präparaten. Diese Beurteilungen und Belege gelten allerdings nur für die entsprechenden Produkte und können nicht auf andere Heilpflanzen-Anwendungen übertragen werden.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

Diesen Artikel teilen:

Ralf Dahrendorf zu den Gefährdungen liberaler Demokratien

Diesen Artikel teilen:

Der deutsch-britische Soziologe, Politiker und Publizist Ralf Dahrendorf (1929 – 2009) hat am 11. Dezember 2006 für die Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus einen Vortrag gehalten zum Thema „Anfechtungen liberaler Demokratien“. Darin hat er fast prophetisch drei Gefährdungen liberaler Demokratien beschrieben, die seither noch sehr viel deutlicher im Raum stehen. Was sind diese drei Gefährdungen, vor denen Dahrendorf warnte?

1. Schleichender Autoritarismus

Als Beispiele für autoritäre Regime nennt Dahrendorf Singapur und Malaysia.

„Oligarchie plus Apathie“, das ist laut Dahrendorf die Formel des Autoritarismus.

Autoritarismus ist zu unterscheiden vom Totalitarismus. Totalitäre Regime kontrollieren und mobilisieren die Menschen ständig zum Zweck der Stärkung eines Gewaltregimes. Autoritäre Regime verlassen sich dagegen auf die Apathie und das Schweigen der Untertanen, die ihren eigenen, ‚privaten’ Interessen nachgehen, während eine kleine Gruppe – eine Nomenklatura, eine Bürokratie – die Zügel in der Hand hält und das öffentliche Interesse in eines zur eigenen Machterhaltung verwandelt hat.

Die überwiegende Zahl der Bürger mischt sich nicht in die öffentlichen Angelegenheiten ein. Tun einige es trotzdem, werden sie vom Regime zum Schweigen gebracht.

Davon könne in den westlichen Demokratien zumindestens in dieser Schärfe keine Rede sein, stellte Dahrendorf in seinem Vortrag im Dezember 2006 fest. Es gebe jedoch Tendenzen, die in eine ähnliche Richtung weisen:

„Das zunehmende Desinteresse vieler Bürger lässt sich nicht nur an der Wahlbeteiligung ablesen. Vielfach ist die Debatte über öffentliche Dinge erlahmt. Politik erreicht den Bürger und Wähler nicht mehr. Die meisten haben anderes im Sinn. Die Parteien verlieren Mitglieder, die Zeitungen verlieren Leser. Die Leute schütteln den Kopf über die Politik, aber betrachten das nicht als Aufforderung zum Tun, sondern als Grund zur Abkehr….

Zugleich geschehen Dinge, die die Macht der politischen Führer, also insbesondere der Exekutive, stärken.“

Als Beispiel für letzteres verweist Dahrendorf auf die Gesetzgebung, die dem Schutz vor Terrorismus dienen soll, und erwähnt dabei den US-amerikanischen Patriot Act.

Arroganz der Macht der wenigen und Apathie der vielen sei eine verbreitete Versuchung der Unfreiheit.

 

2. Staatsversagen (Failed States)

Dahrendorf meint damit nicht nur die Unfähigkeit eines Staates, bestimmte Probleme, wie beispielsweise die Kinderarmut, zu lösen, sondern die völlige Abwesenheit des Staates in wichtigen Bereichen. Die Rede ist also von gescheiterten Staaten (failed States).

Dahrendorf:

„Noch haben wir nicht recht zur Kenntnis genommen, was es bedeutet, wenn das staatliche Gewaltmonopol ganz oder teilweise ausser Kraft gerät.“

Dahrendorf verweist – im Jahr 2006 – als Beispiele für failed States auf Afghanistan, den Irak und den Kongo:

„Präsident Hamid Karzai mag von einer Mehrheit der afghanischen Wähler gewählt worden sein, aber tatsächlich ist er bestenfalls Bürgermeister von Kabul. Schon in Kandahar gilt sein Wort wenig. Afghanistan hat keine staatlichen Institutionen, mit denen man etwa über ein Programm einer Landwirtschaft ohne Opium-Anbau reden und dann Veränderungen durchsetzen könnte.

Der Irak war einer der wenigen Staaten mit einem (von Saddam Hussein scheusslich missbrauchten) staatlichen Gewaltmonopol in der Region; heute ist er weitgehend ein failed state, was seinen Schatten wirft auf die Absicht, den ‚irakischen Behörden’ zunehmend weitere Vollmachten zu überlassen.“

Das hat für Dahrendorf unter anderem auch Konsequenzen für die UNO:

„Sieht man sich die Vereinigten Nationen genau an, so haben viele ihrer Mitglieder tatsächlich nicht nur kein Mandat, sondern auch kein Land; sie vertreten keinen handlungsfähigen Staat. Es führt daher in die Irre, sie so zu behandeln wie Frankreich oder Deutschland oder die USA.“

Auch in Europa sieht Dahrendorf in seinem Vortrag im Jahr 2006 Anzeichen für failed states:

„Bei der Auflösung Jugoslawiens hat es sehr rasche Staatsbildungen gegeben, aber es ist dabei auch ein grosses Gebiet entstanden, in dem Hohe Beauftragte internationaler Instanzen oder regionale Kriegsherren das Sagen haben. Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Montenegro und andere Gebiete im europäischen Feld und Umfeld sind kaum als Staaten zu bezeichnen.“

Dahrendorf weist darüber hinaus darauf hin, dass es auch innerhalb europäischer Staaten Gebiete oder genauer Gegenden gibt, in denen das Gewaltmonopol des Staates gleichsam ausser Kraft gesetzt ist:

„Es gibt no-go areas, in die die meisten nicht gehen, die auch von staatlichen Instanzen, also von Polizei und Justiz, in der Regel gemieden werden…..Der demokratische Staat reicht nie bis in den letzten Winkel der Gesellschaft und soll es auch nicht tun….Die multikulturelle Gesellschaft aber, die unter dieser Überschrift ganzen Stadtvierteln und Gruppen eine Art Eigenleben einräumt, solange sie sich nicht einmischen in die Hauptgesellschaft, hat ein Stück Freiheit preisgegeben. Sie erlaubt sozusagen Staatsversagen nach innen. Sie hebt das staatliche Gewaltmonopol für einen Teil der Bevölkerung auf.“

Failed states, sich auflösende Staaten oder solche, denen das Gewaltmonopol entglitten ist, seien keine guten Verhandlungspartner und dazu auch in fast keinem Fall Demokratien.

 

3. Einschränkung demokratischer Entscheidungsmöglichkeiten im Nationalstaat infolge Globalisierung

Historisch gesehen war der Nationalstaat der Ort, an dem demokratische Institutionen Fuss fassen konnten. Im Verlaufe der Globalisierung sind wichtige Entscheidungen aus der Sphäre des Nationalsstaates abgewandert.

Wirtschaftspolitik sei vielfach nur noch teilweise, Währungspolitik zum Teil gar nicht mehr von nationalen Regierungen und Parlamenten zu betreiben, sagt Dahrendorf, und fährt fort:

„Manche meinen, dass das noch für andere, wichtige Bereiche der Politik gilt. Damit stellt sich die Schlüsselfrage: Haben wir demokratische Verfahren und Institutionen für Entscheidungen, die jenseits der Grenzen des Nationalstaates getroffen werden? Oder bedeutet die ‚Überwindung nationalstaatlichen Denkens’ immer zugleich einen Verlust an Demokratie?“

Auf diese Fragen gebe es keine einfachen Antworten, sagt Ralf Dahrendorf, und er bezieht diese Aussage auch auf Europa und die Europäische Union.

Die Europäische Union sei kein Nationalstaat im Grossformat. Sie habe bei ihren supranationalen Kompetenzen gewisse staatlichen Qualitäten, die zwar keinen failling state schaffen, aber einen noch nicht gelungenen Staat, was in der Wirkung nach Dahrendorf fast auf das gleiche hinausläuft. Das Gewaltmonopol der europäischen Institutionen hält er schon deshalb für fragwürdig, weil es durch nationalstaatliche Institutionen ausgeübt werden muss:

„Wenn Staaten Souveränität an ‚Brüssel’ abgeben, dann verlieren sie nicht nur ein Stück ihrer Macht, sondern auch ihrer Staatlichkeit, denn ‚Brüssel’ kann das nicht leisten, was Staaten leisten. In der Tat muss es sich an die Staaten als Träger des Gewaltmonopols halten, wenn es um die Erhebung von Steuern oder die Verfolgung von Vergehen oder die Kontrolle der Zuwanderung geht.“

Am Massstab funktionierender Staatswesen gemessen, sei die Europäische Union gegenüber den Nationalstaaten ein Rückschritt. Diese Tatsache werde noch verschärft durch die eher zweifelhalten demokratischen Qualitäten der Union:

„In ihrer ursprünglichen Konstruktion war die Europäische Union zweifellos nicht demokratisch. Sie bestand aus einer ernannten Kommission mit einem Vorschlagsmonopol. Beide tagen nicht-öffentlich. Inzwischen hat die ursprünglich eher beratende Versammlung sich zum Parlament gemausert. Doch sind die Kompetenzen des Europäischen Parlaments nach wie vor begrenzt, je gemessen an nationalen Parlamenten beschämend gering für eine direkt gewählte Kammer.“

Dahrendorf fragt, ob es überhaupt demokratische Verfahren für Entscheidungen geben kann, die jenseits des Raumes der Nationalstaaten getroffen werden.

Sicher sei, dass die schlichte Übertragung nationaler Institutionen wie Wahlen und Parlamenten das mit Demokratie Beabsichtigte nicht bewirke:

„Ist schon das Europäische Parlament durchaus fragwürdig, so wäre ein gewähltes Weltparlament vollends abwegig. Selbst wenn es 1000 Mitglieder hätte, würde das bedeuten, dass auf etwa 3 Millionen Wähler ein Abgeordneter käme. Deutschland hätte also höchstens 20 Vertreter, und die Frage, ob es einen relevanten demos gäbe, würde sich erübrigen.“

Mit Blick auf die globalisierte Welt und auf die Frage, wie dort demokratisch akzeptable Entscheidungen zustande kommen können, sieht Dahrendorf nur zweitbeste Antworten, nur Ersatzlösungen. Dazu gibt er aber immerhin Hinweise:

„Die Verfassung der Freiheit besteht nicht nur aus demokratischen Verfahren und Institutionen, sondern immer auch durch die Herrschaft des Rechts. Liberty under law, die rechtlich geschützte Freiheit, ist ein Grundsatz, der sich auch auf grössere Räume als den Nationalsstaat anwenden lässt. Auch das ist nicht problemlos. Immerhin bietet der Strassburger Gerichtshof des Europarates ein Beispiel. Ansätze wie der Haager Internationale Gerichtshof verdienen zudem Beachtung.“

Das sei nicht Demokratie im Sinne der Beteiligung der Bürger, sagt Dahrendorf. Für diese Beteiligungen seien jenseits des Nationalstaates einstweilen nur institutionell schwache Formen erkennbar.

Dahrendorf erwähnt dazu zwei Beispiele.

Erstens:

„Nicht-Regierungsorganisationen (ngo’s) spielen eine wichtige grenzüberschreitende Rolle, insbesondere wenn sie – wie etwa Transparency International – andere anregen, sich an der Kontrolle von Entscheidungen zu beteiligen.“

Zweitens:

„Auch die Technik der Informationsgesellschaft hilft. Regierungen mögen den Zugang zu bestimmten Teilen des Internet zu kontrollieren suchen, im diffuseren internationalen Raum aber gibt es dafür keine Instanzen.“

Gegen Schluss seines Vortrags konstatiert Dahrendorf noch einmal, dass wichtige Entscheidungen aus dem Raum ausgewandert sind, für den wir demokratische Institutionen haben, und er wirft die Frage auf, ob die Demokratie in der Krise sei.

In seiner Antwort auf diese Frage spricht er sich deutlich gegen falsche Dramatisierungen und demokratischen Defaitismus aus. Der demokratische Nationalstaat sei keineswegs am Ende seiner Kunst angelangt. Gerade in Deutschland werde der Nationalstaat zuweilen allzu leichthin im Namen Europas oder der Globalisierung abgeschrieben. Die parlamentarische Demokratie im nationalen Rahmen verdiene auch heute noch jene Unterstützung, die Theodor Heuss ihr immer gegeben habe:

„Der demokratische Nationalstaat, der mir als Modell vorschwebt, ist stark in den relativ engen Grenzen, die staatlicher Tätigkeit in freien Ländern gezogen werden. Es geht um einen Staat, der stark ist in seinen klassischen Funktionen, im Übrigen aber der Markwirtschaft und der Bürgergesellschaft breiten Raum lässt. Auch die allzu grosse Ausweitung staatlicher Aufgaben kann auf die schiefe Ebene der failed oder failling states führen: wenn der Staat zu viel tun will, verliert er seinen Zugriff auf Kernaufgaben.“

Soweit die Zusammenfassung der drei Gefährdungen liberaler Demokratien, die Dahrendorf in seinem Vortrag vom Dezember 2006 angesprochen hat.

In ein paar Nebensätzen erwähnt Dahrendorf eine weitere Gefährdung, die ich hier nachtragen möchte:

Es sei vor allem der heterogene Nationalstaat, der durch die Demokratie zu einer Verfassung der Freiheit wird. Demokratie brauche die Homogenität der Bevölkerungen nicht, die nicht zufällig oft eine Forderung antidemokratischer Kräfte sei:

„Sie kennt vielmehr Einstellungen und Institutionen, die Länder mit unterschiedlichen ethnischen, religiösen, kulturellen Gruppen zusammenhalten.“

Ralf Dahrendorf spielt damit auf Gefahren an, die er im Trend zum Regionalismus sieht. Etwas ausführlicher hat er dieses Phänomen thematisiert in seinem Buch „Auf der Suche nach einer neuen Ordnung“ (2003):

„Der neue Regionalismus, der oft mit grosser Intensität und nicht selten mit Gewalt verfochten wird, ist im Unterschied zum Lokalismus in aller Regel demokratiefeindlich. Er ist zumeist nicht aus dem Wunsch nach demokratischer Selbstbestimmung sondern aus dem nach ethnischer (sprachlicher, konfessioneller) Homogenität geboren. Sein erstes Prinzip ist die Abgrenzung, nach aussen gegenüber ‚fremden’ Nachbarn, nach innen gegenüber nicht minder ‚fremden’ Minderheiten. Die Triebkraft der Entwicklung ist nicht eine echte Volksbewegung, sondern die Mobilisierung durch Demagogen und das Interesse von Funktionären. Gelingt der Versuch, dann ist daher der Nutzen für die Aktivisten grösser als der für das Volk. Von Demokratie ist nicht mehr viel die Rede; denn nun, da man endlich schottisch ist oder katalanisch, wird alles andere, werden also checks and balances, Veränderungen an der Spitze, ja die Teilnahme des Volkes zweitrangig.

Glokalisierung1 als Regionalisierung hat nicht nur Folgen für die Demokratie, sondern auch für das friedliche Zusammenleben. Das Resultat kann eine neue Form der ‚Balkanisierung’ sein, bei der lauter angeblich homogene Regionen sich nach aussen absichern und nach innen alle, die nicht in das ethnisch saubere Bild passen, unterdrücken. Da sind Grenzstreitigkeiten nahezu unvermeidlich, und angesichts des nicht demokratischen, sondern demagogischen Charakters der Gebilde ist Gewalt in der Durchsetzung der Ziele durchaus wahrscheinlich.

Wenn hier das Lob der Nationalstaaten gesungen wird – und sie sind die Heimstatt der Demokratie und das Gehäuse, in dem die liberale Ordnung gedeiht -, dann ist ein definierendes Element entscheidend. Es ist die Rede von zumindest prinzipiell vielfältigen, ja heterogenen Staaten, also nicht solchen, in denen eine einzige ethnische ‚Nation’ das Sagen hat. Insofern sind die Vereinigten Staaaten von Amerika und Indien grosse, modellhafte Beispiele. Nicht überall ist Heterogenität so dramatisch wie in diesen Ländern. Mancherorts ist die Demokratie durch Zuwanderung auf eine späte Probe gestellt worden. Die Rede ist jedoch von Gemeinwesen, die Homogenität nicht zum Prinzip erheben, sondern Bürgerrechte Menschen vielfältigen Ursprungs und vielfältiger Orientierung anbieten. Die liberale Ordnung in solchen Nationalstaaten ist eine der grossen Errungenschaften der menschlichen Zivilisation.“

Zur Erläuterung:

1) „Glokalisierung ist ein Neologismus und ein Kofferwort gebildet aus den Begriffen Globalisierung und Lokalisierung, wobei diese beiden Begriffe als Spektrum der Größenordnungen, also nicht als Gegensätze, sondern als verbundene Ebenen, zu verstehen sind….. ‚Glokalisierung’ bezeichnet die Verbindung und das Nebeneinander des vieldimensionalen Prozesses der Globalisierung und seiner lokalen bzw. regionalen Auswirkungen und Zusammenhänge.“ (Quelle: Wikipedia)

Wenn man sich die gegenwärtige Krise zwischen Katalonien und Spanien (2017) vor Augen hält, dann sie die Ausführungen von Dahrendorf aus dem Jahr 2003 sehr bedenkenswert und vorausschauend.

 

Nachbetrachtung

Dieser Zusammenfassung eines Vortrags aus dem Jahr 2006 möchte ich ein paar Gedanken aus der Gegenwart – dem Jahr 2017 – hinzufügen und damit auf seitherige Entwicklungen kommentierend eingehen.

Schleichender Autoritarismus: Diese Gefahr hat inzwischen viel konkretere Formen angenommen, wenn man zum Beispiel an Ungarn, Polen, die Türkei und Russland denkt.

Wenn Dahrendorf die Apathie breiter Bevölkerungskreise als Grundvoraussetzung für den schleichenden Autoritarismus beschreibt, dann muss das heute zu Denken geben. Aktivität und Engagement ist in den letzten Jahren zwar ein Stück weit zurückgekehrt in den politischen Prozess. Es sind aber vor allem die extremen Pole, die Rechtpopulisten und Rechtsextremen, die Linksextremen, die Islamhasser und zum Teil auch die Islamisten, die mit oft sehr grossem Einsatz sich für ihre Ziele einsetzen – während die moderate Mitte der Gesellschaft ihren Geschäften nach geht und sich um das private Gärtchen kümmert. Die liberalen Demokratien sind tatsächlich in Gefahr, wenn die moderate Mitte unsere freiheitlichen Gesellschaftsordnungen weiterhin für selbstverständlich nimmt und weiter schläft.

Staatsversagen (Failed States): Hier zeigt sich auf dem Balkan, wie schwierig und langwierig es ist, nach dem Zusammenbruch des multiethnischen (aber unfreiwilligen) Jugoslawien ethnisch eher homogene Kleinstaaten auf die Beine zu bringen und dabei nach innen und aussen den Frieden zu bewahren. Und die Interventionen im Irak, in Afghanistan und inzwischen auch in Libyen zeigen überaus deutlich, dass solche Eingriffe von aussen – wenn sie überhaupt zu rechtfertigen sind – ein grosses Mass von Verantwortungsübernahme für die Zeit danach mit sich bringen. Failed States sind andernfalls oft das Ergebnis.

Das wird möglicherweise auch Russland in Syrien demnächst erfahren.

Interessant ist aber auch der Blick auf Failed States gegen innen. Dahrendorf spricht offensichtlich no-go areas im Zusammenhang mit eingewanderten Parallelgesellschaften an. Es gibt aber auch Gegenden, in denen ausländische Menschen sich nicht sicher bewegen können und der Staat nicht präsent genug ist. In der Schweiz sind wir meines Erachtens bezüglich no-go areas vergleichsweise noch in einer guten Position. Vielleicht gibt es Fussballstadien, die zeitweise rechtsfreie Räume sind, aber das ist ein beschränktes Phänomen.

Einschränkung demokratischer Entscheidungsmöglichkeiten im Nationalstaat infolge Globalisierung: Auch hier spricht Dahrendorf meines Erachtens problematische Vorgänge an, die sich inzwischen verschärft haben. Durch die Globalisierung wandern Entscheidungsspielräume aus dem Bereich der nationalen Demokratie in supranationale Bereiche ab. Und ja, die Antworten von Dahrendorf sind – wie er selber ssagt, nur Ersatzlösungen. Noch nicht sehr überzeugend. Dahrendorf, der 1973 ein Buch mit dem Titel „Plädoyer für die Europäische Union“ geschrieben hat, greift auch präzis die demokratischen Schwachstellen der Europäischen Union auf, die auch heute noch nicht überwunden sind.

Mitdenken ist auf vielen Ebenen gefragt und wir müssen den demokratischen Strukturen Sorge tragen.

Quellen:

Ralf Dahrendorf, Anfechtungen liberaler Demokratien, Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus, Kleine Reihe 19, 2007.

Ralf Dahrendorf, Auf der Suche nach einer neuen Ordnung, C. H. Beck Verlag 2003.

 

Autor dieser Zusammenfasung:

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

Weitere Texte von mir zu gesellschaftspolitischen Themen:

– Was ist Populismus? Und was nicht?

Zusammenfassung des Populismus-Konzepts von Jan-Werner Müller.

– Notwendig: Den Sumpf der Hasspropaganda im Internet trockenlegen

Hauptsächlich eine Zusammenfassung von „Hass im Netz“ von Ingrid Brodnig.

– Demokratie braucht diskursive Gesprächskultur

Zum Mittelweg zwischen Relativismus und Dogmatismus.

Wie Medien via Aufmerksamkeitsfalle den Populismus fördern.

Eine Zusammenfassung des Buches „Die Aufmerksamkeitsfalle“ von Mattthias Zehnder.

Offene Gesellschaft oder Geschlossene Gesellschaft – wohin geht die Reise?

Liberale Demokratien sind weltweit unter Druck. Das Konzept der offenen Gesellschaft von Karl Popper ist deshalb wieder sehr aktuell und bietet wertvolle Hinweise zur Verteidigung der liberalen, offenen Demokratie.

Hannah Arendt: Standnehmen in der Welt statt Weltentfremdung.
Die Sorge um intakte Weltbezüge in der modernen Gesellschaft.

Lob der Kritik. Vom Wert der Kritikfähigkeit in Zeiten von Fake News.

Übersicht meiner gesellschaftspolitischen Buchempfehlungen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diesen Artikel teilen:

Hirtentäschelkraut reduziert in Studie Blutungen nach der Geburt

Diesen Artikel teilen:

Ergänzend zu Oxytocin zeigte sich die Gabe eines Extraktes von Capsella bursa-pastoris (Hirtentäschel) zur Linderung postpartaler Hämorrhagie (Blutungen nach der Geburt) gegenüber Placebo als überlegen.

Starke Blutungen nach einer Geburt können zu einem kritischen Gesundheitszustand führen. Als Folge des hohen Blutverlustes und anhaltender Blutungen können Anämie, Infektionen, Nierenprobleme, die Erfordernis von Bluttransfusionen oder einer Gebärmutterentfernung auftreten. Im schlimmsten Fall kann die postpartale Hämorrhagie sogar tödlich enden. Das vom menschlichen Körper produzierte Hormon Oxytocin kommt als Standardtherapie zur Eindämmung übermäßiger postpartaler Blutungen und zur Gebärmutterrückbildung zur Anwendung. Hebammen setzen in verschiedensten Kulturkreisen seit jeher die Kräuterheilkunde ein zur Begleitung von Schwangeren und Wöchnerinnen. Eine fast über die ganze Erde verbreitete Heilpflanze, die traditionell zur Stillung von Blutungen eingesetzt wird, ist das Hirtentäschelkraut (Capsella bursa-pastoris).

An der Shahid Beheshti University of Medical Sciences in Teheran wurde im Rahmen einer Doktorarbeit erstmals mit einer klinischen Studie untersucht, inwieweit die Verabreichung eines wässrig-alkoholischen Extraktes von Capsella bursa-pastoris den postpartalen Blutverlust bei Frauen mit vaginaler Entbindung reduzieren kann.

Jeweils 50 Frauen wurden per Zufallsentscheid zwei Gruppen zugeordnet (= randomisiert), die entweder Hirtentäschelkraut-Extrakt oder Placebo-Flüssigkeit bekamen.

Nach vollständiger Entfernung der Nachgeburt wurden den Studienteilnehmerinnen sublingual (= unter die Zunge) 10 Tropfen der jeweiligen Testflüssigkeit verabreicht. Alle Frauen bekamen als Standardbehandlung eine Infusion mit 20 U Oxytocin in 1 l Ringerlösung.

Der Blutverlust in den ersten drei Stunden nach der Geburt wurde durch das Wiegen unbenutzter und der benutzten (blutgetränkten) Hygienevorlagen erfasst. Ausserdem wurden in diesem Zeitraum in regelmäßigen Abständen die Vitalwerte der Probandinnen dokumentiert. Zu Geburtsbeginn und 6 Stunden nach der Entbindung wurden Blutproben der Frauen auf den Hämoglobin- und den Hämatokrit-Gehalt untersucht. In einer 40-tägigen Follow-up-Phase befragte die Studienleiterin die Teilnehmerinnen telefonisch zu ihrem Wohlbefinden und zu speziellen Vorkommnissen (Blutungen, Krankenhausaufenthalte, sonstige Komplikationen bei der Mutter oder beim Kind).

Verglichen mit der Kontrollgruppe (Oxytocin + Placebo) verlor die Behandlungsgruppe (Oxytocin + Capsella) total durchschnittlich 35 ml weniger Blut. Die Differenz erwies sich im statistischen Test für den Gesamtverlust und für die Messungen zur ersten, zweiten und dritten Stunde nach der Geburt als signifikant (p < 0.0001). Sowohl die Hämoglobin- als auch der Hämatokrit-Werte lagen bei den Frauen der Hirtentäschelkraut-Gruppe höher als in der Placebo-Gruppe. Die Teilnehmerinnen in der Hirtentäschelkraut-Gruppe waren mit ihrer Behandlung deutlich zufriedener als die Frauen der Placebo-Gruppe.

Quelle:

https://www.carstens-stiftung.de/artikel/hirtentaeschelkraut-gegen-blutungen-nach-der-entbindung.html

Ghalandari S, Kariman N, Sheikhan Z, Mojab F, Mirzaei M, Shahrahmani H. Effect of hydroalcoholic extract of Capsella bursa patoris on early postpartum hemorrhage: a clinical trial study. J Altern Complement Med 2017; 23(10):794-799.

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/28590768

 

Kommentar & Ergänzung:

Hirtentäschelkraut hat eine lange Tradition als Mittel gegen starke Blutungen in der Gynäkologie. Aber die Belege für eine Wirksamkeit sind bisher schwach. Auf diesem Hintergrund ist diese Studie aus dem Iran ziemlich überraschend und interessant.

Allerdings habe ich zu Studien aus dem Iran noch eine Aussage von Roman Huber in Erinnerung, dem Leiter des Zentrums für Naturheilkunde der Universitätsklinik Freiburg:

„Bei derartigen Untersuchungen sollte man vorsichtig sein, denn aus dem Iran kommen genau wie aus China in Sachen Naturheilkunde eigentlich nur Studien mit positiven Ergebnissen.“

Quelle dazu  siehe hier: Lavendelöl lindert Menstruationsbeschwerden

Wie es die Wissenschaft normalerweise fordert, müsste diese Studie nun von einer unabhängigen Forschungsgruppe wiederholt und das Resultat bestätigt werden, damit die Wirksamkeit anerkannt werden kann.

Interessant an diesem Bereicht ist ausserdem, dass die Verabreichung des Hirtentäschelextrakts sublingual erfolgte.

„Bei der sublingualen Einnahme gelangt der Wirkstoff schneller in den Blutkreislauf, da das venöse Blut aus der Mundschleimhaut direkt in die obere Hohlvene fließt. Bei der oralen Einnahme muss der Wirkstoff erst die Leber passieren, um in den großen Kreislauf zu gelangen, wobei er eventuell chemisch verändert wird. Dies ist bei der sublingualen Einnahme nicht der Fall, die Leber wird umgangen.“

Quelle: Wikipedia

Hirtentäschelkraut soll laut dem Phytotherapie-Fachbuch „Teedrogen und Phytopharmaka“ ein Peptid enthalten, das in-vitro (= im Reagenzglas) eine dem Oxytocin ähliche Wirkung zeigt. Das könnte eine Erklärung sein für eine allenfalls vorhandene blutstillende (hämostyptische) Wirkung.

Auch hier gilt es allerdings festzuhalten, dass eine Wirkung im Labor nicht unbedingt einer Wirkung im menschlichen Organismus entspricht.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Diesen Artikel teilen:

Giftmischerin produziert und testet Rizin im Altersheim

Diesen Artikel teilen:

Diese ziemlich verrückte Geschichte ging vor kurzem durch die Medien:

Eine 70-jährige Seniorin aus dem US-Bundesstaat Vermont hat auf eigene Faust hochgefährliches Pflanzengift Rizin produziert – und an ihren Mitbewohnern im Altersheim getestet.

Wie das US-Justizministerium mitteilte, wurde durch die Machenschaften der 70-jährigen Betty Miller aber offenbar kein Bewohner der idyllischen Seniorenresidenz in Shelburne im Bundesstaat Vermont getötet.

Die US-Bundespolizei FBI war den Angaben zufolge aufgrund einer möglicherweise gefährlichen Substanz in Millers Appartement alarmiert worden. Die Polizisten entdeckten in der Wohnung eine Flasche mit der Aufschrift „Rizin“. Untersuchungen bestätigten, dass es sich um das hochgefährliche Pflanzengift handelte. Rizin lähmt die Atemwege und kann bei Verschlucken schon in kleinsten Dosen tödlich wirken.

Die Giftmischerin wurde festgenommen. Sie habe angegeben, „Interesse an Giftstoffen auf Pflanzenbasis zu haben“, erklärte das Justizministerium. Nach einer Internet-Recherche produzierte sie das Rizin in ihrer Küche. Um seine Wirksamkeit zu prüfen, mischte sie das Gift in Speisen und Getränke ihrer Mitbewohner.

Millers Wohnung wurde von FBI-Fachleuten für „Massenvernichtungswaffen“ durchsucht. Die Polizisten entdeckten dort noch mehr Rizin und Pflanzenbestandteile etwa von Äpfeln, Kirschen, Rizinus, Fingerhut und Hefe, aus denen nach Einschätzung der Fachleute ebenfalls Gift hergestellt werden kann. Eine Gefahr bestehe nun jedoch nicht mehr.

Das Altersheim sprach von einem Einzelfall. Um die toxikologisch interessierte Bewohnerin des Appartements kümmern sich nun die Strafverfolgungsbehörden. In die Seniorenresidenz wird sie nicht zurückkehren.

Quelle:

https://www.stern.de/gesundheit/giftkueche-im-altenheim–seniorin-braut-hochgefaehrliches-rizin-7771444.html

 

Kommentar & Ergänzung:

Keine Ahnung, wie genau die Frau Rizin produziert hat.

Rizin ist vor allem enthalten in Rizinussamen.

Wikipedia schreibt dazu:

„Rizin oder Ricin ist ein äußerst giftiges Protein aus den Samen des Wunderbaums (Ricinus communis) aus der Familie der Wolfsmilchgewächse. Chemisch ist das Protein Rizin ein Lektin, das aus einer zellbindenden und einer giftigkeitsvermittelnden Komponente besteht. Seine Giftigkeit wird auf eine Hemmung der eukaryotischen Proteinbiosynthese zurückgeführt.

Gelangt das Gift in den menschlichen Organismus, so bringt es die kontaminierten Zellen zum Absterben. Für eine tödliche Vergiftung eines Menschen genügen (bei oraler Aufnahme) 0,3–20 Milligramm isoliertes Rizin pro Kilogramm Körpergewicht entsprechend etwa acht Samenkörnern, deren Größe und Gehalt jedoch stark schwankt. Bei Kindern kann, je nach Alter und Konstitution, schon ein halbes Samenkorn tödlich wirken. Allerdings wird auch berichtet, dass selbst nach Einnahme von 40 bis 60 Samen eine Überlebenschance besteht. Dabei kommt es darauf an, zu welchem Zeitpunkt das Erbrechen einsetzt. Bei intravenöser, inhalativer oder subkutaner Aufnahme wirken wesentlich geringere Mengen letal, so bei subkutaner Gabe schon 43 μg/kg Körpergewicht.

Rizin ist in der Kriegswaffenliste des deutschen Kriegswaffenkontrollgesetzes aufgeführt.“

Für den Einsatz von Rizin als Biowaffe gibt es eine Reihe von Fallbeispielen. Dazu wieder bei Wikipedia:

„Bekanntheit erlangte der Mordanschlag mit Rizin als ‚Regenschirmattentat’ auf den bulgarischen Schriftsteller und Dissidenten Georgi Markow in London 1978.

1991 wurden in Minnesota mehrere Mitglieder der rechtsextremistischen Gruppe Patriot’s Council festgenommen, weil sie für einen Anschlag auf Bundespolizisten eine Menge an Rizin hergestellt hatten, die für die Tötung von über 100 Menschen ausreichend gewesen wäre. Vier von ihnen wurden gemäß dem ‚Biological Weapons Anti-Terrorism Act’ von 1989 für schuldig befunden, sie waren die ersten nach diesem Gesetz Verurteilten überhaupt. 1995 wurde an der Grenze von Alaska ein ebenfalls dem rechtsextremistischen Lager zugerechneter Mann festgenommen beim Versuch, 130 Gramm pulverisiertes Rizin nach Kanada einzuschmuggeln.

Die Londoner Times berichtete am 16. November 2001, dass in verlassenen Al-Qaida-Häusern in Kabul Herstellungsanleitungen für Rizin gefunden worden waren, allerdings kein Rizin selbst. Im August 2002 gaben US-amerikanische Behörden bekannt, dass die islamistische Terrororganisation Ansar al-Islam Versuche mit Rizin und anderen chemischen und biologischen Kampfstoffen im Nord-Irak angestellt habe.

Am 9. Januar 2003 meldete die dpa, dass in London kleinere Mengen Rizin sowie Geräte zu seiner Herstellung gefunden worden waren. In diesem Zusammenhang wurden sechs Algerier festgenommen. Im April 2005 wurden bis auf einen alle Beteiligten freigesprochen. Ein Angeklagter wurde wegen Mordes an einem Polizisten, den er während einer Hausdurchsuchung erstochen hatte, zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Ermittlungsbehörden gaben in dem Verfahren entgegen früheren Meldungen an, kein Rizin, sondern lediglich amateurhafte Anweisungen zu seiner Herstellung gefunden zu haben.

Im Februar 2008 wurde in einem Hotelzimmer in Las Vegas Rizin gefunden. Die dortige Polizei erklärte, eine schwer vergiftete Person sei in ein Krankenhaus eingeliefert worden und schwebe in Lebensgefahr. Trotz des Fundes von Waffen und ‚anarchistischer Literatur’ glaube man nicht an einen terroristischen Hintergrund.

Am 12. August 2011 berichtete die New York Times über geheimdienstliche Erkenntnisse bezüglich des Versuchs zur Herstellung von Rizin durch den regionalen Arm von Al-Qaida im Jemen. Demnach sei die US-Regierung besorgt, dass dort Rizin für Anschläge gegen die USA hergestellt werden könne.

Am 16. April 2013 wurde je ein Brief mit Rizin an den republikanischen US-Senator Roger Wicker und den US-Präsidenten Barack Obama abgefangen. Am 30. Mai 2013 wurde bekannt, dass am 24. bzw. 26. Mai 2013 zwei Briefe mit Rizin an den amtierenden New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg abgefangen worden waren. Als Absenderin der Briefe an Bloomberg und Obama wurde die Schauspielerin Shannon Guess Richardson ermittelt; sie gestand dies. Sie wurde zu 18 Jahren Haft und 367.222 Dollar Entschädigungszahlung verurteilt.

Anfang September 2014 wurden in einem US-amerikanischen Labor schlecht gesicherte Rizinrestbestände aus Waffenexperimenten im Ersten Weltkrieg gefunden, zusammen mit Pest- und Botulismus-Erregern.“

Ein ziemlich gruseliger Giftstoff, dieses Rizin

Aus Rizinussamen gewinnt man das fette Rizinusöl, das in der Phytotherapie als Abführmittel (Laxans) eingesetzt wird. Für medizinische Zwecke wird Rizinusöl durch Kaltpressung hergestellt und raffiniert, das heisst entschleimt, entsäuert und mit Wasserdampf behandelt. Raffiniertes Rizinusöl enthält kein Rizin mehr.

Das Fachbuch „Pharmakognosie / Phytopharmazie“ schreibt zur Anwendung als Abführmittel:

„Innerlich als Laxans: Je nach Dosis tritt die laxieerende Wirkung unterschiedlich rasch ein: nach Einnahme von 1 Teelöffel voll nach etwa 8 h, nach Einnahme von 15 – 30 g (1 – 2 Esslöffel) innerhalb von 2 – 4 h. Unerwünschte Wirkungen: Es können sich dyspeptische Beschwerden einstellen. In Stadien fortgeschrittener Schwangerschaft können höhere Dosen die Wehen auslösen.“

Wegen der wehenauslösenden Wirkung ist Rizinusöl auch Bestandteil von sogenannten „Wehencocktails“. Siehe dazu:

Rizinusöl zur Geburtseinleitung

Rizinusöl als Abführmittel & Wehenmittel – Wirkung via Prostaglandinrezeptor

In Kosmetik und Dermatologie wird Rizinusöl zudem wegen seiner guten Löslichkeit in Alkohol als Fettzusatz in alkoholhaltigen Externa eingesetzt, insbesondere in Haartonika.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

Diesen Artikel teilen:

Zimt gegen Entzündungen?

Diesen Artikel teilen:

Die österreichische Zeitung „Kurier“ empfiehlt Gewürze als Entzündungshemmer:

„Zimt, Knoblauch, Ingwer und Kurkuma genießen unter den Gewürzen einen Sonderstatus. In Studien konnte nachgewiesen werden, dass sie Entzündungen im Körper gezielt bekämpfen.“

Schauen wir uns das Beispiel Zimt genauer an:

„Zimt ist ein Allroundtalent. Das Pulver aus der getrockneten Zimtbaumrinde kann sowohl für süße als auch für pikante Speisen verwendet werden. Im Haferbrei oder Backwaren sorgt Zimt für eine angenehm herbe Note, mariniert man Fleisch oder würzt Saucen damit, erhält man ein duftendes, weihnachtliches Aroma.

Zimt wurde von der Wissenschaft eine desinfizierende und krampflösende Wirkung attestiert. In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) wird das beliebte Gewürz gerne bei Kältegefühl verwendet, da es die „innere Kälte“ durch gesteigerte Durchblutung vertreiben kann. Auch die blutzuckersenkende und stimmungsaufhellende Wirkung des Gewürzes wird betont. Wissenschaftler des Rush University Medical Centers haben in einer Studie mit Zimt und Mäusen zudem eine deutliche Steigerung der Gehirnleistung festgestellt.“

Quelle der Zitate:

https://kurier.at/wellness/zimt-kurkuma-ingwer-knoblauch-wie-sie-ihr-gewuerzregal-gesund-haelt/247.739.154

Kommentar & Ergänzung:

Zimt ist ein feines Gewürz, das Verdauungsbeschwerden lindern kann. Die ESCOP bestätigt als Anwendungsbereiche für die Zimtrinde:

Dyspeptische Beschwerden wie Bauchkrämpfe, Blähungen und Flatulenz; Appetitlosigkeit, Durchfall.

Die blutzuckersenkenden Wirkung wurde in Laborexperimenten im Reagenzglas und an Mäusen festgestellt. Diese Einschränkung fehlt im Artikel des „Kuriers“.

Das Phytotherapie-Fachbuch „Teedrogen und Phytopharmaka“ schreibt:

„Zur blutzuckersenkenden Wirkung von Zimtrinde liegen In-vitro- und In-vivo-Untersuchungen an Mäusen vor, in denen eine antidiabetische Wirkung eines wässrigen Extrakts gezeigt werden konnte, doch ist die Übertragbarkeit auf eine therapeutische Anwendbarkeit beim Menschen schwierig.“

Die klinischen Studien zur Wirksamkeit von Zimt bei Diabetespatienten sind bisher nicht überzeugend. Siehe dazu:

Zimt zur Senkung des Blutzuckers bei Diabetes?

Einschränkung sind auch angebracht bezüglich der Studie zur Steigerung der Gedächtnisleistung bei Mäusen. Auch hier ist alles andere als klar, ob das Gehirn von Menschen von Zimtgaben profitieren kann und welche Dosierungen dazu nötig wären.

Ich habe zu diesem Experiment hier schon einen Beitrag geschrieben:

Zimt verbessert Lernvermögen bei Labormäusen

Auch die erwähnte entzündungswidrige Wirkung der Zimtrinde wurde in Laborexperimenten festgestellt. Ob Zimt gegen Entzündungen im menschlichen Organismus wirksam ist und welche Zimtmengen dazu nötig wären, bleibt offen.

Der Beitrag im „Kurier“ ist deshalb ein gutes Beispiel dafür, dass es nicht sehr sinnvoll ist, Laboreffekte aneinanderzureihen, ohne auf die begrenzte Aussagekraft solcher Experimente für den Menschen hinzuweisen.

Chinesischer Zimt (Cinnamomum cassia, Cassia-Zimt) enthält übrigens erhebliche Konzentrationen an Cumarin, das auf längere Sicht die Leber belasten könnte. Im Ceylon-Zimt (Cinnamomum verum) sind die Cumarin-Werte viel tiefer. Ich würde also Ceylon-Zimt vorziehen. Allerdings sollte man diese Gefahr nicht dramatisieren. Wikipedia schreibt dazu:

„Einen eindeutigen Beleg für die angebliche Gefährlichkeit von Cumarin beim normalen Gebrauch von cumarinhaltigen Gewürzen gibt es allerdings bis zum heutigen Tage nicht. In allen Studien trat eine gesundheitschädigende Wirkung erst nach extremen Überdosierungen bei Versuchen an Ratten auf.“

Siehe auch:

Zimt & Cumarin: Ceylon-Zimt unproblematischer als Cassia-Zimt

Stollen, Glühwein, Zimtsterne: Schadet Zimt der Gesundheit?

Zimt ist ein tolles Gewürz mit verdauungsfördernden Eigenschaften. Im Artikel des „Kuriers“ wird Zimt aber „überverkauft“, das heisst mit unrealistischen Versprechungen angepriesen.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Diesen Artikel teilen:

Weidenröschenkraut bei gutartiger Prostatavergrösserung (BPH) von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) positiv bewertet

Diesen Artikel teilen:

Die EMA trägt in regelmässigen Abständen Informationen zu Arzneipflanzen zusammen und bewertet deren Einsatz in der Pharmazie. Diese Bewertungen sollen Apotheken, Ärzten und Verbrauchern klare Richtlinien geben, inwieweit der Einsatz aus wissenschaftlicher Sicht sinnvoll ist. Inzwischen liegt auch eine Beurteilung des Weidenröschenkrauts (Epilobii herba) vor.

Epilobii herba, das Weidenröschenkraut, kann nach Einschätzung der EMA-Gutachter für Patienten mit benigner Prostatahyperplasie (BPH, gutartige Prostatavergrösserung) empfohlen werden. Weidenröschen kann bei Miktionsstörungen unterstützend eingesetzt werden. Eine Wirksamkeit sei insbesondere durch den jahrelangen erfolgreichen Gebrauch der Pflanze erwiesen, schreibt die EMA, und verweist auf Daten zu Sicherheit und Wirksamkeit aus mehr als 30 Jahren. In der EU sind Produkte aus Weidenröschen seit 15 Jahren auf dem Markt.

Zwar gebe es keine klinischen Studien, doch sei aus Labortests ersichtlich, dass Epilobium einen Effekt auf das Wachstum von Prostatazellen habe. Darüber hinaus konnten im Labor antientzündliche und schmerzlindernde Wirkungen festgestellt werden. Nebenwirkungen bei Anwendung von Weidenröschenkraut sind nach Aussage der EMA nicht bekannt.

Für die Fachleute sind die jahrelange sichere Verwendung und die Hinweise auf gute Wirksamkeit zur unterstützenden Behandlung der BPH ausreichend, um die Anwendung bei dieser Indikation ausdrücklich zu empfehlen. Vor der Behandlung sollen allerdings schwerere Erkrankungen durch einen Arzt ausgeschlossen werden, erklärt die EMA.

Quelle:

https://m.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/pharmazie/arzneipflanzen-ema-empfiehlt-drei-phyto-klassiker-epilobium-eleutherococcus-centaurium/?forceMobile=1%3F&noMobile=1&tx_aponews_newsdetail%5B%40widget_4%5D%5BcurrentPage%5D=2&tx_aponews_newsdetail%5B%40widget_4%5D%5BitemsPerPage%5D=1&cHash=7114c4db7166baf0d965eea791dd4b48&tx_ttnews%5BsViewPointer%5D=2

 

Kommentar & Ergänzung:

Die Inhaltsstoffe verschiedener Weidenröschen-Arten wurden intensiv im Labor erforscht und zeigten zum Teil interessante Wirkungen. Die Empfehlung der EMA steht trotzdem auf wackligem Fundament. Laborergebnisse lassen sich nicht direkt auf die Anwendung beim Menschen übertragen und Erfahrungsberichte aus traditioneller Anwendung lassen keine sicheren Schlüsse zu. Bei einer Besserung ist nie klar erkennbar, ob sie wirklich vom angewendeten Weidenröschentee ausgelöst wurde. Bei langandauernden Beschwerden schwankt die Intensität der Beschwerden meistens im Verlauf und es passiert sehr leicht, dass jede Besserung dem angewendeten Mittel zugeschrieben wird, obwohl nur das natürliche Auf und Ab der Beschwerden vorliegt. Nur klinische Studien könnten hier Klarheit verschaffen, sind aber nicht in Sicht.

Die Phytotherapie-Fachliteratur ist deutlich zurückhaltender bezüglich der Wirksamkeit des Weidenröschens als die EMA.

Weidenröschentee verdankt seine Bekanntheit den Empfehlungen von Maria Treben (1907 – 1991), die aber wegen ihren zahlreichen fragwürdigen bis gefährlichen Ratschlägen nicht vertrauenswürdig ist.

Die auf Wikipedia geäusserte Kritik teile ich voll und ganz:

„Die Stiftung Warentest äußert erhebliche Zweifel an der Sachkundigkeit Maria Trebens und weist auf mehrere Fehler in ihren Büchern hin. Sie empfehle Pflanzen zur Behandlung schwerer Krankheiten bis hin zu Krebs, deren Wirksamkeit für diese Pflanzen überhaupt nicht nachgewiesen seien. Teilweise verwechsele Treben wichtige Fachbegriffe, beispielsweise den Zucker Inulin mit dem Hormon Insulin, wodurch sie fälschlich Löwenzahn gegen Diabetes mellitus empfehle. „Ihr Schöllkraut-Rezept gegen Leber- und Gallenleiden ist eine Anleitung zur Vergiftung. Der Ratschlag, Ohnmächtigen einen Esslöffel Schwedenbitter einzuflößen, ist lebensgefährlich.“

Die Universitätsklinik Freiburg äußert in ihrem Ratgeber für Krebspatienten: „(…) gefährlich ist (…) die Grundtendenz, alle Krankheiten als mit Kräutern heilbar darzustellen. Treben behauptet mit Hinweis auf Sebastian Kneipp, dass das Zinnkraut jeden gut- oder bösartigen Tumor zum Stillstand bringt und ihn langsam auflöst. (…) Gegenüber den ‚Ratschlägen und Erfahrungen mit Heilkräutern‘ der Maria Treben ist Skepsis und Zurückhaltung geboten. (…) Gefährlich sind Ratschläge, primär gut operable und damit heilbare Tumoren zuerst versuchsweise mit Kräutern zu behandeln, z. B. Hodenkrebs mit Spitzwegerichumschlägen. Damit geht (…) viel Zeit und möglicherweise die Heilungschance verloren. Alle diese Medikamente sind in ihrer Wirksamkeit gegen Krebs unbewiesen.“

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

Diesen Artikel teilen:

Quittensirup bei Schwangerschaftsübelkeit?

Diesen Artikel teilen:

Die Carstens-Stiftung beschreibt eine iranische Studie, wonach Quittensirup schwangerschaftsinduzierte Übelkeit besser reduziert als standardmäßig verabreichtes Vitamin B6. Das ist interessant, wirft aber auch einige Fragen auf.

Acht von zehn Schwangeren leiden an Übelkeit und Erbrechen und bei besonders stark ausgeprägtem Verlauf spricht man von Hyperemesis gravidarum. Der anhaltende Brechreiz kann mehrmals täglich zur Erbrechen und infolgedessen zu teils gravierendem Flüssigkeits- und Nährstoffverlust führen. Eine Anpassung der Ernährung, der Ausgleich des entstehenden Flüssigkeits- und Nährstoffmangels und die Behandlung der Symptome mittels medikamentöser Verfahren sowie eine Vitamin B6-Supplementierung (Pyridoxin) zählen zur Standardbehandlung der Hyperemesis gravidarum. Da vor allem in der frühen Schwangerschaftsphase wegen möglicher Komplikationen und Schädigungen des ungeborenen Kindes auf synthetische Arzneimittel möglichst verzichtet werden sollte, wird zunehmend auf pflanzliche Mittel wie z.B. Pfefferminze und Ingwer zurückgegriffen, um die Schwangerschaftsübelkeit zu reduzieren

Unbekannt ist bei uns bisher die Anwendung von Quittensirup.

In der Traditionellen Iranischen Medizin wird die Quitte unter anderem als Magentonikum zur Linderung von Übelkeit und Erbrechen sowie als Mittel zur Appetitanregung empfohlen. Auf dieser Basis führten iranische Wissenschaftler eine Studie durch, um die Wirkung von Quittensirup im Vergleich mit Vitamin B6 bei Frauen mit Schwangerschaftsübelkeit zu untersuchen. Die Studie wurde an fünf klinischen Zentren in Teheran und Qom durchgeführt. Aufgenommen wurden 90 Frauen in der Gestationsphase zwischen der 6. bis 14. Woche und einer therapiebedürftigen, schwangerschaftsinduzierten Übelkeit von 3 bis 12 Punkten auf der PUQE-Skala (PUQE = Pregnancy-Unique Quantification of Emesis) mit und ohne Erbrechen. Per Zufallsprinzip wurden die Studienteilnehmerinnen in eingeteilt und bekamen über die Therapiephase von einer Woche dreimal täglich jeweils vor den Mahlzeiten entweder einen Esslöffel des eigens für die Studie hergestellten Quittensirups oder aber eine Tablette mit einem Gehalt von 20 mg Vitamin B6 pro Einheit.

Die Einnahme zusätzlicher Arzneimittel war nicht gestattet. Darüber hinaus wurden die Probandinnen zu einer Vermeidung von fettem Essen und dem Verzehr regelmäßiger kleiner Mahlzeiten angehalten. Während der einwöchigen Therapiephase und der nachfolgenden, ebenfalls siebentägigen Nachbeobachtungszeit dokumentierten die teilnehmenden Frauen mittels PUQE-24-Fragebogen die Dauer, Häufigkeit und Intensität ihrer Übelkeit und des auftretenden Erbrechens. Ausserdem wurden die Probandinnen zur Erfassung auftretender Nebenwirkungen angehalten.

In die Auswertung flossen Daten von 76 Patientinnen ein. In der Quittensirup-Gruppe konnte im Vergleich mit der Vitamin B-Gruppe nach 7 Tagen schon eine klinisch signifikante Besserung um rund 4,3 Punkte auf der PUQE-Skala festgestellt werden, die noch eine Woche nach Beendigung der Behandlung anhielt. In der Vitamin B6-Gruppe betrug die Punktedifferenz nach 7 Tagen lediglich 1,1 Punkte – mit sinkender Tendenz nach 14 Tagen. Zudem wiesen die Probandinnen der Quittensirup-Gruppe zu Studienbeginn eine höhere Punktezahl auf der PUQE-Skala auf (9.55, Standardabweichung 2.05) als die Frauen in der Vitamin B-Gruppe (8.44, Standardabweichung 1.87). Die Forscher ziehen daraus den Schluss, dass die Quittensirup-Intervention sich auch bei schwereren Verläufen erfolgreich ist. Keine der teilnehmenden Frauen klagte über das Auftreten von Nebenwirkungen.

Quelle:

https://www.carstens-stiftung.de/artikel/gar-nicht-uebel-quittensirup-bei-schwangerschaftsuebelkeit.html

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/28631509

 

Kommentar & Ergänzung:

Da Schwangerschaftsübelkeit für die betroffenen Frauen oft eine starke Belastung ist und Quittensirup ein billiges und darüber hinaus gesundes Mittel, kann diese Studien aus dem Iran berechtigtes Interesse wecken. Jedenfalls sind mir keine Gründe bekannt, die gegen einen Versuch mit Quittensirup sprechen würden.

Die Studie ist allerdings mit 90 teilnehmenden Frauen ziemlich klein, was ihre Aussagekraft einschränkt. Wir treffen hier auf ein Problem, das in der Forschung mit Naturheilmitteln oft vorkommt:

Für eine grosse, beweisende Studie, die entsprechend teuer und aufwendig ist, wird sich kaum ein Sponsor finden, wenn das untersuchte Produkt nicht patentierbar sondern billig im Haushalt herzustellen ist. Bei solchen Hausmitteln fehlt einfach oft (und ökonomisch nachvollziehbar) das kommerzielle Interesse für Investitionen in die Forschung.

Fragen wirft auch der Vergleich von Quittensirup versus Vitamin B6-Gabe auf.

Die Wirksamkeit von Vitamin B6 bei Schwangerschaftsübelkeit ist selber nicht zweifelsfrei geklärt. Pharmawiki schreibt dazu:

„Die Verwendung von Pyridoxin gegen Übelkeit geht vermutlich auf kleine, unkontrollierte Studien aus den 1940er Jahren zurück (z.B. Willis et al., 1942). Moderne Zulassungsstudien sind nicht verfügbar. Wir haben in der neueren wissenschaftlichen Literatur lediglich zwei kleine randomisierte und placebokontrollierte klinische Studien aus den 1990er Jahren identifiziert, ausschliesslich in der Indikation Schwangerschaftserbrechen (Sahakian, 1991; Vutyavanich, 1995). Aus unserer Sicht gibt es Hinweise für eine mögliche Wirksamkeit, sauber wissenschaftlich nachgewiesen ist sie bisher jedoch nicht. Ein Therapieversuch ist aufgrund der guten Verträglichkeit möglich.“

Quelle:

http://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Pyridoxin%20gegen%20Übelkeit

 

Und die Pharmazeutische Zeitung verweist auf eine Cochrane-Metaanalyse:

„Forscher der Cochrane Collaboration haben in einer aktuellen Übersichtsarbeit Studien zu Arzneimitteln zusammengefasst, die bei Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft empfohlen werden. Ihr Fazit: In Anbetracht der hohen Prävalenz der Beschwerden ist die Studienlage erstaunlich schlecht. So fanden sich beispielsweise für die vielfach empfohlenen Ingwer- oder Pyridoxinpräparate nur sehr wenige Daten aus qualitativ hochwertigen klinischen Studien. Ingwer und Pyridoxin (Vitamin B6) scheinen aber besser als Placebo morgendliche Übelkeit zu lindern. Bei der Reduktion von Erbrechen zeigte nur Ingwer einen leichten Nutzen, während sich die Symptome mit Vitamin B6 nicht eindeutig verbesserten.“

Quelle:

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=36523

Wenn für die Vergleichsgruppe mit der Vitamin B6-Gabe eine Intervention gewählt wird, die selber nicht eindeutig in ihrer Wirksamkeit ist, dann kann der Quittensirup diese Vergleichgruppe verhältnismässig leicht übertreffen. Aussagekräftig wäre zudem eine dritte Gruppe gewesen, die ein Placebo bekommen hätte.

Aber eben, das ist alles auch eine Frage der Ressourcen.

Interessant schein mir noch die überlegung, welcher Wirkungsvorgang der Anwendung von Quittensirup bei Schwangerschaftsbelkeit zugrunde liegen könnte.

Die Quittenfrucht enthält „viel Vitamin C, Kalium, Natrium, Zink, Eisen, Kupfer, Mangan und Fluor, Tannine (Catechin und Epicatechin), Gerbsäure, organische Säuren, viel Pektin und Schleimstoffe.“ (Quelle: Wikipedia)

Am interessantesten scheinen mit hier Pektin und Schleimstoffe zu sein. Sie könnten möglicherweise über eine Eindickung der Nahrung dem Erbrechen entgegenwirken. Das kennt man auch von Johannisbrotkernmehl (z. B. als Nestargel) gegen Erbrechen bei Säuglingen.

In der traditionellen Pflanzenheilkunde werden eher die reifen Quittensamen verwendet. Unzerkleinerte Quittensamen nutzt man für die Zubereitung eines Schleims, der gegen Hustenreiz, als mildes Abführmittel und gegen Entzündungen von Haut und Schleimhäuten eingesetzt wird.

Quittensirup gibt es meines Wissens nicht als Fertigprodukt zu kaufen, doch existieren viele Rezepte zur Zubereitung.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Diesen Artikel teilen:

Wie Medien via Aufmerksamkeitsfalle den Populismus fördern

Diesen Artikel teilen:

Ein Text von Martin Koradi

Die Aufmerksamkeit der Konsumenten ist im Informationszeitalter zum unverzichtbaren Schlüsselgut der Medienanbieter geworden. Medien aller Art müssen sich diese Aufmerksamkeit um jeden Preis erkämpfen.

Und wie holt man sich Aufmerksamkeit? Durch Auffallen. Und wie fällt man auf?

Durch Emotionalisierung, Skandalisierung, Aufregung, Polarisierung, Kontrastierung. Provokationen, Tabubrüche.

Nun ist das Aussergewöhnliche und Aufregende aber nicht unbedingt auch das Relevante. Eine Medienlandschaft, in der Aufmerksamkeit die überlebenswichtige Währung ist, könnte daher dramatische Folgen für den Einzelnen und für die demokratische Gesellschaft haben, zum Beispiel im Hinblick auf die Meinungsbildung.

Matthias Zehnder beschreibt in seinem Buch „Die Aufmerksamkeitsfalle“ die fatalen Folgen einer Publizistik, die sich ganz dem Aufmerksamkeitsmarkt verschrieben hat.

In diesem Text stelle ich die zentralen Aussagen aus diesem infomativen Buch zusammenfassend vor. Ergänzende Kommentare von mir sind kursiv gesetzt.

Wie es zum Schlaraffenlandproblem kam

Zehnder beschreibt sehr eindrücklich und illustrativ ein „Schlaraffenlandproblem“. Dazu kommt es so:

Die Menschen sind eigentlich Jäger und Sammler. Wir sind dafür gebaut, stundenlang durch die Savanne zu streifen und nach Beeren und Antilopen Ausschau zu halten.

In einer kargen Landschaft selten auftauchende Nahrung von weitem zu entdecken und dann auch gut zu verwerten war in den Anfängen der Menschheit überlebenswichtig.

Heute ist die Situation für die meisten Menschen vollkommen anders. Wir bewegen uns minimal und stehen vor übervollen Supermarktregalen. Demensprechend essen in den Industrieländern die meisten Menschen zu viel, zu süss, zu fettig, zu salzig. Und anstelle der Herausforderung, das spärliche Angebot zu finden und daraus viel Nahrung zu machen geht es nun darum, aus dem riesigen Angebot weniges, gesundes und leckeres auszuwählen.

Es kommt nicht mehr darauf an, in einem Meer von Blättergrün eine rote Beere zu entdecken, sondern aus unzähligen Joghurtsorten eine auszuwählen.

Im der Medienwelt und im Informationsbereich lässt sich eine ähnliche Entwicklung beobachten. Noch vor wenigen Jahrzehnten war Information so wertvoll und schwer verfügbar wie eine Antilope für den Jäger in der Steppe. Dementsprechend sind die Menschen fundamental darauf angelegt, aus wenig Information viel Wissen und Meinung zu generieren. Unsere Gehirne sind geradezu optimiert dafür, aus wenig Information viel Zusammenhang zu machen. Ein Blick ins Gesicht eines Gegenübers genügt, um über dessen Gefühlslage einigermassen Bescheid zu wissen.

Zehnder schreibt dazu:

„Die Welt war für uns Menschen einst eine leere, weisse Leinwand, auf der jeder Farbtupfer eine grosse Bedeutung hatte. Heute leben wir in einem Action-Painting von Jackson Pollock, das ein verwirrendes Geflecht von Farben und Formen zeigt.“

Von der Steppe her sind unsere Gehirne auch darauf optimiert, primär Bewegung wahrzunehmen (es könnte ein Gepard sein oder eine Antilope). Dieses priorisierte Wahrnehmen von Bewegung hat zur Folge, dass wir uns heute unwillkürlich nach jedem Bildschirm umdrehen. Auch der belanglosesten Bewegung auf einem Monitor geben unsere Gehirne eine grössere Wichtigkeit als der bedeutsamsten Buchstabenfolge auf Papier.

Die Situation hat sich also für uns auch im Informationsbereich völlig verändert. Wir sind umzingelt von einem Informationssupermarkt und haben überall jederzeit Zugriff auf Bücher, Musik, Filme, Bilder, Nachrichten und ein unermessliches Meer von Websites. Dieses Riesenangebot ist nicht nur unendlich, sondern zum grössten auch noch gratis. Zumindestens die „Fett- und Zuckerbomben“ seien kostenlos, schreibt Zehnder: „Wer sich sinnvoll ernähren will, muss zahlen. Die Folgen lassen sich an einer Hand ausrechnen: Informative Fehlernährung, Mangelbildung durch Überinformation, geistige Adipositas bei gleichzeitiger Unterernährung des Verstandes. Es ist das mediale Schlaraffenlandproblem.“

Im medialen Supermarkt greifen wir gerne zu den kostenfreien Schleckereien fürs Gehirn und lassen die kostenpflichtigen geistigen Vitamine links liegen.

Zehnder stellt fest, dass ähnlich wie bei der Ernährung für das geistige Überleben ganz neue Fähigkeiten und Fertigkeiten erforderlich sind:

„Es kommt nicht mehr darauf an, etwas beschaffen zu können und es zu besitzen, es kommt darauf an, das Richtige auszuwählen und sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Das Schlaraffenlandproblem fordert die Menschen ganz neu heraus, und nicht nur jene, die konsumieren, sondern auch die, die Inhalte schaffen. Sie drohen, wie die tausendste Joghurtsorte im Supermarktregal, zur beliebigen Variante des Überflusses zu verkommen. So wie es für das körperliche Überleben entscheidend ist, in der Fülle des Angebots die richtigen Nahrungsmittel in der richtigen Dosis auszuwählen, ist es für das geistige Überleben wichtig, die richtigen Informationen auszulesen.“

Zehnder konstatiert eine verzweifelte Unfähigkeit des Menschen, im (medialen) Supermarkt mit übervollen Regalen umzugehen und beschreibt dies mit dem Ausdruck „Schlaraffenlandproblem“. Besonders schlimm an dieser Diagnose sei, dass wir nicht auf die Hilfe des Marktes hoffen können. Die Wirtschaft sei nicht daran interessiert, dass wir uns selbst beschränken, genügsam nur das konsumieren, was uns guttut, und sonst den Supermarkt der Medien links liegen lassen: „Wir müssen uns selbst aus dem Schlamassel ziehen.“

Diese fundamentalen Veränderungen werfen daher wichtig Fragen auf:

  1. Welche Auswirkungen hat die grenzenlose Verfügbarkeit von Medien auf uns? Welche Folgen hat es, wenn wir immer und überall alles und jedes hören, sehen und lesen können?
  1. Was tut uns gut im Umgang mit den Medien, und was schadet? Ist mehr besser, oder wäre vielleicht weniger mehr?
  1. Welche Konsequenzen hat die veränderte Mediensituation auf die Erziehung? Wie können wir unsere Kinder gut auf die veränderten Weltbedingungen vorbereiten? Ist das überhaupt möglich? Was ist gut für unsere Kinder?

 

Zeitungsmodelle und Aufmerksamkeit

Im medialen Schlaraffenland ist die Konkurrenz um unsere Aufmerksamkeit sehr gross. In den letzten 100 Jahren hat sich die Zeit, die wir mit Medien verbringen, wohl mindestens verzehnfacht. Um 1900 lag der Medienkonsum nur etwa bei zehn Stunden pro Woche. Das ist nicht weiter erstaunlich, denn damals waren Medien nur knapp verfügbar. Rund 100 Jahre später waren es etwa 100 Stunden pro Woche, also ganze 14 Stunden pro Tag. Stark zugenommen hat in den letzen Jahren die Zeit, die wir im Internet sind, während die Zeit, die wir mit dem Lesen von Büchern, Zeitungen und Zeitschriften verbringen, kontinuierlich zurück geht. Die langen Verweilzeiten im Internet hängen stark damit zusammen, dass das Handy immer dabei ist. Viele Alltagsaktivitäten sind heute medial begleitet. Die Zeit, die wir im Internet verbringen, geht dadurch nicht unbedingt auf Kosten von anderen Freizeitaktivitäten, aber auf Kosten der Konzentration darauf. Die konstante Präsenz von Handy und Internet hat zur Folge, dass die Aufmerksamkeit immer häufiger nur geteilt ist.

In dieser geteilten Aufmerksamkeit müssen Medien sich nun behaupten und an diesem Punkt kommt die Wandlung der Zeitungsmodelle ins Spiel.

Die abonnierte Zeitung setzt auf eine kontinuierliche Beziehung zum Lesenden, die über die reine Vermittlung von Nachrichten hinausgeht. Sie ist eingebettet in die Gewohnheiten des Alltags. Das verlässliche Verhältnis zwischen Zeitung und Abonnent ist verbunden mit gegenseitigen Erwartungen. Der Abonnent weiss, was er an seiner Zeitung hat und deshalb muss ihm die Zeitung das nicht jeden Morgen oder mit jedem Artikel beweisen. Es wird pauschal einmal im Jahr abgerechnet und nicht jede Leistung einzeln.

Die Boulevardzeitung funktioniert völlig anders als eine Abo-Zeitung (Boulevardzeitung in Deutschland ab 1904, in der Schweiz ab 1959 mit „Blick“).

Ihr geht es nicht um die Pflege einer Vertrauensbeziehung und nicht um Verlässlichkeit, sondern darum, innert Sekundenbruchteilen am Kiosk oder auf der Strasse potenzielle Käufer zum Kauf zu animieren. Das braucht Titel als „Knaller“ und mit grossen Buchstaben. Ausgewogene, differenzierende Titel funktionieren nicht. Das Erfolgsrezept heisst emotionalisieren, skandalisieren und personalisieren. Es geht nicht einfach um eine Nachricht, und schon gar nicht um Argumente, sondern um starke Emotionen, Menschen, Schicksale, Skandale – nur damit bewegt man Menschen zum Kauf.

Die Gratiszeitung konkurriert in der Schweiz seit Ende der 1990er Jahre die klassische Boulevardzeitung. Kostenlose Zeitungen gibt es in der Schweiz allerdings schon seit vielen Jahren. Insbesondere die Zeitungen der beiden Grossverteiler „Coopzeitung“ und „Migros Magazin“ erscheinen in Millionenauflagen.

Sie sind hauptsächlich ein Werbemittel und werden den Genossenschaftern gratis und ungefragt ins Haus geliefert. Dort werden sie gelesen oder auch nicht. Den Zwang, sich mit jeder Ausgabe Leser zu erkämpfen, kennen sie nicht.

Das ist bei den Gratis-Pendlerzeitungen anders, die sich ab Ende der 1990er-Jahre durchsetzten. Sie müssen die vorübereilenden Passanten jeden Tag mit einer Schlagzeile dazu bringen, in die Zeitungsbox zu breifen und ein Exemplar herauszunehmen. Dabei muss die Motivation nicht so stark sein wie bei einer Boulevardzeitung, weil die Pendlerzeitung nichts kostet. Zudem greifen manche Leser wohl aus purer Gewohnheit in die Zeitungsbox.

Die gedruckte Pendlerzeitung dient dann oft einfach dem Zeitvertreib während der Fahrt, bekommt in dieser Funktion aber zunehmend harte Konkurrenz durch die Smartphones. Pendlerzeitungen könnte man als anorektische Zeitungen beschreiben. Sie befinden sich also im Zustand der Magersucht oder auf Dauerdiät. Für intensivere Recherchen fehlen in den Redaktionen die Ressourcen und für differenziertere Argumentationen der Platz im Blatt. Sie füttern die Lesenden mit einem kontinuierlichen Strom von Nachrichten, helfen aber kaum bei der Einordnung der verspiesenen Informationen in einen grösseren Zusammenhang. Kurzfutter halt, oder Schmalkost.

In der Schweiz gehören die beiden grössten Gratis-Tageszeitungen den beiden grössten traditionellen Verlagen Tamedia („20 Minuten“) und Ringier („Blick am Abend“). In Deutschland haben sich die Verlage der Kaufzeitungen bisher erfolgreich gegen Gratiszeitungen gewehrt.

Das Internet hat in den letzten Jahren diesen grossen Medienmarktplatz drastisch erweitert und völlig umgekrempelt. Im Internet ist jede regionale Begrenzung aufgehoben. Etwa eine Milliarde Websites buhlen um die Aufmerksamkeit der Benutzer und im Unterschied zum Zeitungskiosk kann niemand die Übersicht haben über das Angebot im Internet. Im Internet braucht es daher sehr starke Schlagzeilen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Das Internet, schreibt Zehnder, ist Boulevard total.

Hier scheint mir ein anderer Aspekt mindestens so wichtig:

Ob eine Website im Internet auffällt, hängt nicht nur von starken Schlagzeilen ab, sondern mindestens so stark davon, ob sie die Algorhythmen von Google und Facebook bedient. Die weitgehend intransparenten Algorithmen von Google und Facebook bestimmen, welche Websites und News aus dem unendlichen Meer des Internets einem Benutzer präsentiert werden. Firmen geben sehr viel Geld aus, um bei Google auf die erste Seite zu kommen – als Anzeige oder via Suchmaschinenoptimierung (SEO) in den organischen Suchresultaten.

Die Algorhythmen von Google und Facebook, die über die Positionierung und damit über die Sichtbarkeit im Internet entscheiden, sagen kaum etwas aus über Relevanz und Qualität der Informationen, die damit gefunden werden. Sie sind gleichmacherisch, indem völlig irrelevante oder lügnerische Information neben oder über sorgfältig aufbereiteter, differenzierter Information steht. Das Internet ist ein unendlich langes Buffet, aber welche Gerichte mir da aus welchen Gründen und mit welchen Interessen angeboten werden, ist weitgehend intransparent.

Wer blind einer Suchmachine vertraut delegiert die Auswahl an einen Konzern, der nach intransparenten Kriterien vorgeht und dessen Hauptinteresse einzig darin liegt, kommerziell verwertbare Nutzerdaten abzuziehen.

Das Phänomen Aufmerksamkeit besser verstehen

Aufmerksamkeit ist zum Schüsselfaktor in der Medienwelt geworden. Schon immer war Aufmerksamkeit die Grundvoraussetzung dafür, dass Medien Informationen transportieren können. Ohne Aufmerksamkeit würden die Inhalte der Medien nicht wahrgenommen. Matthias Zehnder formuliert das mit einem prägnanten Bild: „Ohne Aufmerksamkeit wird die Zeitung zur Fliegenklatsche, und der Fernseher verkommt zur Zimmerlampe.“

Bis vor ein paar Jahren haben die meisten Medien allerdings anders funktioniert als heute. Sie konnten davon ausgehen, dass sie die grundsätzliche Aufmerksamkeit ihrer Leser oder Zuschauer schon haben und diese nicht erst erobern müssen. Sie bauten auf eine Art von Vertrauensbeziehung, die zwischen dem Abonnenten und seiner Tageszeitung oder zwischen dem Zuschauer und seinem Fernsehsender bestand. Zehnder vergleicht diese konstante Grundbeziehung mit dem Verhältnis zwischen einem Gast mit Vollpension und dem Wirt in einem Hotel. Vielleicht wird auch mal gemurrt, aber grundsätzlich vertrauten die Vollpensiongäste darauf, dass der Wirt ihnen passende Mahlzeiten zum richtigen Zeitpunkt servierte. Der Wirt wiederum konnte davon ausgehen, dass seine Gäste bei ihm essen würden. Das erlaubte ihm, frisches Gemüse einzukaufen und eine abgestimmte Menge von Mahlzeiten zuzubereiten.

Solche Vertrauensverhältnisse gebe es heute kaum mehr, schreibt Zehnder. Der Gast sei zum Buffet-Hopper geworden. Er wende sich dem Stand zu, der gerade die farbigsten Angebote mache oder dessen Inhaber gerade am lautesten rufe.

Vergleichbares geschieht im Bereich der Medien. Kein Medium kann heute mehr davon ausgehen, dass es Aufmerksamkeit bekommt. Es muss sich die Aufmerksamkeit der Benutzer zuerst erkämpfen, und zwar für jeden Beitrag einzeln. Doch das Bufett in der Medienwelt ist unendlich gross geworden und dank Internet geogratisch ohne Grenzen. Im virtuellen Naschmarkt der Medien ist nicht mehr die Beziehung zwischen Vollpensiongast und Wirt entscheidend, sondern die Aufmerksamkeit in jedem Moment. Gewinnen wird jenes Angebot, dem es gelingt, die grösste Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Awareness und attention

Das deutsche Wort Aufmerksamkeit zieht zwei verschiedene Geisteszustände zusammen, die im Englischen als „awareness“ und „attention“ auseinandergehalten werden.

„Awareness“ ist eine Art Stand-by-Modus des Bewusstseins, eine Breitbandaufmerksamkeit, vergleichbar mit dem Grundlicht auf der Bühne, das dafür sorgt, dass niemand über ein Requisit stolpert. „Awareness“ ist ein Zustand der wachen Bewusstheit mit der Bereitschaft zur Zuwendung. Die Wahrnehmung ist im Betriebsmodus „Auto-Pilot“.

„Attention“ dagegen ist fokussiert, zielgerichtet und darum auch selektiv. Dieses gezielte Achtgeben ist vergleichbar mit dem Verfolgungsscheinwerfer, der eine einzelne Figur auf der Bühne hell ausleuchtet. „Attention“ ist ein Zustand des gezielten Achtgebens, verbunden mit Informationsselektion und Informationsverarbeitung. Der Betriebsmodus ist eher vergleichbar mit der manuellen Steuerung durch den Piloten. Der Pilot entspricht dabei dem bewussten Ich, das gezielt seine Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand richtet und sich Zielen oder Aufgaben widmet. In diesem Zustand konsumieren wir Medien (sofern sie nicht nur als Hintergrundgeräusch mitlaufen), lesen eine Zeitung, verfolgen eine Sendung im Fernsehen…..

„Awareness“ und „attention“ sind zeitlich in einer bestimmten Abfolge angeordnet, weil „awareness“ die Voraussetzung dafür ist, dass es zu „attention“ kommen kann. Am Übergang zwischen „awareness“ und „attention“ steht das Aufmerksamwerden, das „Aufmerken“. Das „Aufmerken“ entspricht also dem Aufwachen aus dem Stand-by-Modus am Übergang zwischen „awareness“ und „attention“. Es ist vergleichbar mit dem Einschalten des Verfolgungsscheinwerfers.

Dem „Aufmerken“ geht immer etwas voraus. Etwas fällt uns auf, stört, unterbricht, bietet einen Anblick, erhebt einen Anspruch.

Was sind das genau für Reize, die zum „Aufmerken“ führen. Wodurch wechselt der Modus vom Autopiloten zur manuellen Steuerung durch den Piloten?

Die stärksten Steuerungsmechanismen sind hier die drei zentralen Elemente, die schon in der Steinzeit das langfristige Überleben der Menschen abgesichert haben:

1. Überleben in Gefahrensituationen,

2. Fortpflanzung,

3. Nachwuchspflege.

 

  1. Überleben in Gefahrensituationen

Wer als Mensch überleben will, muss Gefahren aller Art frühzeitig erkennen, um für Kampf oder Flucht bereit zu sein. Deshalb drehen wir uns unwillkürlich nach einer Bewegung am Rande unseres Gesichtsfeldes um. Es könnte ein Raubtier sein. Bewegungen haben in unseren Wahrnehmungsprozessen eine extrem hohe Priorität. Aus diesem Grund zieht Werbung, die sich bewegt, unsere Blicke magisch an und es fällt uns schwer, einen Fussballmatch auf dem Bildschirm im Restaurant zu ignorieren, auch wenn uns das Fussballspiel gar nicht interessiert.

  1. Fortpflanzung

Dass erotische Reize einen hohen Aufmerksamkeitseffekt haben, ist fest in unserer Evolution verankert. Schliesslich zeigen sie immer eine Gelegenheit zur Weitergabe der eigenen Gene an. Kein Wunder daher, dass Werbung mit erotischen Bildern funktioniert.

  1. Nachwuchspflege

Um seine Gene weiterzugeben ist es nicht nur wichtig, sich fortzupflanzen. Der entstandene Nachwuchs muss auch mindestens solange überleben, bis er wieder selbst fortpflanzungsfähig ist.

 

Weil Überleben, Fortpflanzung und Nachwuchspflege evolutionär bedingt fest in unseren Genen verankert sind, lassen sich Reize, die aus diesen Bereichen stammen, kaum mit dem Verstand kontrollieren. Diesen Effekt nutzt die Boulevardpresse. Deren Slogan umschreibt Zehnder so: „Blut, Brüste, Büsi (schweizerdeutsch für ‚Kätzchen’) sind die ‚drei grossen B’ des Boulevardjournalismus.“

 

– Mit Blut sind Berichte über Unfälle und Verbrechen gemeint.

Brüste kommen in Boulevardmedien mit dem klassischen „Seite-3-Girl“ zum Zug. Seriösere Medien bringen Bilder von flirtenden Promis, Modeaufnahmen mit jungen Frauen oder – top seriös – erotisch angehauchte Bilder im Rahmen von Beiträgen zur medizinischen Aufklärung.

– Mit Büsi sind insbesondere Berichte gemeint über Jungtiere – zum Beispiel Videos mit jungen Kätzchen als Quotenrenner.

Neben diesen evolutionär quasi fest verdrahteten Ur-Aufmerksamkeiten gibt es weitere Techniken der Aufmerksamkeitsgewinnung, derer sich insbesondere die Boulevardmedien bedienen. Matthias Zehnder führt dazu die wichtigen Stichworte an aus einer Untersuchung des Kommunikationswissenschaftlers Peter A. Bruck und des Sprach- und Literaturwissenschaftlers Günther Stocker:

– Familiarisierung nach dem Prinzip: Nähe schafft Aufmerksamkeit.

Benutzung von Spitznamen anstelle der richtigen Namen, Bevorzugung von umgangssprachlichen Wendungen und Fokussierung auf Menschen mit ihren Schicksalen und Erlebnissen schaffen Nähe zwischen dem Thema und dem Medienkonsumenten.

– Simplifizierung nach dem Prinzip: Kontraste schaffen Aufmerksamkeit.

Die Welt wird unterteilt in einfache Gegensätze wie „gut“ und „böse“, „links“ oder „rechts“. Die Komplexität wird reduziert unter anderem durch Personifizierung, Einpassen in übersichtliche Weltbilder und moralische Bewertung der Handlungen der Personen durch das Medium.

– Personalisierung nach dem Prinzip: Menschen schaffen Aufmerksamkeit.

Wirtschaftliche und politische Probleme werden überschaubar gemacht durch Reduktion auf ihre Protagonisten. Zehnder führt als Beispiele an: „So hat nicht mehr Deutschland ein kompliziertes Problem mit der Türkei, sondern Merkel mit Erdoğan, und die Credit Suisse kämpft nicht mit Renditeproblemen, sondern Tidjane Thiam muss sich etwas einfallenlassen.“

– Melodramatisierung nach dem Prinzip: Drama schafft Aufmerksamkeit.

Ein Thema wird dramatisiert, indem es nicht einfach sachlich dargestellt wird, sondern als Melodram, als Schicksal von Menschen erzählt. Der Medienkonsument wird abwechselnd als Voyeur und als Theaterzuschauer angesprochen.

– Visualisierung nach dem Prinzip: Gefahr und Gefühle schaffen Aufmerksamkeit.

Komplexe Themen werden über Bilder oder einfache Grafiken vermitttelt. Durch Bilder und eine bildhafte Sprache werden beim Zuschauer / Leser „Schauer und Entsetzen“ ausgelöst. Entscheidend für die Auswahl der Bilder ist ihr Schock-Gehalt, wobei die Abbildungen oft gar nicht die behandelte Sache abbilden, sondern Themenbilder sind.

– Spektakularisierung nach dem Prinzip: Teilnahme schafft Betroffenheit und Betroffenheit schafft Aufmerksamkeit.

Geschichten werden in der Gegenwartsform so erzählt, dass der Medienkonsument den Eindruck eines Live-Berichts bekommt. Ein drastisches Beispiel sind die Live-Streams in Sozialen Medien. Sie ermöglichen es den Benutzern, Ereignissen live zu verfolgen und vermitteln das Gefühl, dabei zu sein.

– Sensationalisierung nach dem Prinzip: Dringlichkeit schafft Aufmerksamkeit.

In diesen Bereich gehören grosse, fett gedruckte Titel mit ständigen Übertreibungen und der permanenten Konstruktion von Krisen.

Matthias Zehnder fügt noch ein weiteres Boulevardelement hinzu:

– Repetition oder Serialisierung.

Damit ist gemeint: Eine Geschichte wird nicht als Ganzes und in allen Aspekten erzählt, sondern aufgeteilt in einzelne Häppchen hintereinandergeschaltet. So entsteht der Eindruck einer sich ständig weiterentwickelten Story. Ein Teil einer solchen Story ist von Beginn weg geplant, ein weiterer Teil ergibt sich, wenn Betroffene widersprechen, sich wehren und eigene Standpunkte einbringen.

Weitere verschärfende Tricks und Phänomene

Im folgenden sollen einige weitere Phänomene und Tricks in der Medienlandschaft vorgestellt werden, welche die Aufmerksamkeitsfalle verschärfen und die Spaltungstendenzen in der Gesellschaft verstärken.

– Clickbaiting

Die Anzahl der Klicks ist für Online-Medien entscheidend, weil dadurch Werbegelder generiert werden. Beim Clickbaiting wird eine Schlagzeile so formuliert, dass der Leser fast nicht anders kann, als zu klicken. Der Leser wird mit einer Teilinformation „angefixt“, während das Wesentliche noch offengelassen wird. Beispielsweise: „Vier Änderungen der Steuergesetze, die Ihnen schlaflose Nächte bereiten können.“

Listen und Bildergalerien, durch die man sich klicken muss, dienen ebenfalls dem Clickbaiting und dem Verkauf von dazwischengeschalteter Werbung („Die zehn Schlankheitsdiäten, die Sie noch nicht kennen“).

– Boulevardmedien vertiefen über Stimmungsmache die Spaltung der Gesellschaft (Disjunktion)

Stimmmungen und Stimmungswechsel gibt es nicht nur bei Individuen, sondern auch in Gesellschaften. Dabei spielen die Medien eine zentrale Rolle. Sie erzeugen Räume der Stimmungen. Mit diesem Thema befasst sich der Soziologe Heinz Bude in seinem Buch „Das Gefühl der Welt – über die Macht von Stimmungen“.

Solche Räume der Stimmungen werden aufrecht erhalten durch einen gleichmässigen Strom von relevanten Informationen und durch gemeinsame Erregungen, wodurch das Erleben von Gesellschaft intensiviert wird. Heinz Bude unterscheidet dabei zwischen den traditionellen Medien, also beispielsweise den abonnierten Tageszeitungen, und den Boulevardmedien. Wesentlicher als ihr Inhalt ist bei den Boulevardmedien die direkte, emotionale, affektive Art ihrer Ansprache.

Die Boulevardmedien und die klickorientierten Internetmedien verbreiten Stimmungen nicht über die Inhalte, die sie transportieren, sondern über die Art und Weise, wie sie diese Inhalte vermitteln. Entscheidend ist dabei die Methode der direkten, affektiven Publikumsansprache. Dabei kommt es zu einem Wir-Gefühl unter Menschen, die sich im Opposition zur etablierten Gesellschaft und zu den etablierten Medien sehen – also zur sogenannten „Classe Politique“ und zur angeblichen „Lügenpresse“.

Wenn diese Annahmen Heinz Budes zutreffen, dann ist die zu beobachtende Disjunktion in der Politik, die Spaltung der Gesellschaft und das Auseinanderbrechen von Parteien und Gruppen, eine direkte Folge der Boulevardisierung der Medien. Die Spaltung entsteht dann aus einer direkten Folge einer immer stärkeren Ausrichtung der Medien auf den Aufmerksamkeitsmarkt. Indem die Medien in die Aufmerksamkeitsfalle tappen, verstärken sie die Spaltung der Gesellschaft.

Ergänzung: Heinz Bude bezieht sich an dieser Stelle in seinem Buch auf den französichen Soziologen Gabriel Tarde (1843 – 1904). Er publizierte 1898 und 1899 zwei Abhandlungen, in denen er sich den Stimmungsträgern des Publikums, der Masse und der öffentlichen Meinung widmete.

Heinz Bude schreibt:

„Wie kommen die Individuen, fragt Tarde im Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert, die voneinander getrennt in der Stadt, zerstreut in einem Land oder nur schwer füreinander erreichbar auf einem Kontinent leben, zu dem Gefühl, dass sie in einer gemeinsamen sozialen Welt leben? Die Antwort lautet: Indem sie eine inländische oder eine ausländische Zeitung lesen. Der Unterschied zwischen Zeitungs- und Buchlektüre liegt darin, dass das Empörende, Verschreckende oder Abstossende, von dem ich gerade lese, in diesem Moment von einer grossen Zahl anderer Menschen geteilt wird, die, ebenfalls ein jeder für sich, auf dem Weg zur Arbeit oder sonstwo dieselbe Zeitung lesen. Die lebhafte Neugier, mit der der Abonnent noch in der Nachtkleidung am Morgen die Tageszeitung aus dem Briefkasten holt, wird von der unbewussten Einbildung gegleitet, dass eine grosse Zahl anderer Menschen im gleichen Augenblick ebenfalls zum Briefkasten unterwegs ist. Darin liegt das Geheimnis der Konstitution eines Publikums.“

Nach Tardes Ansicht hängt das Gefühl der Aktualität nicht an der bedrängenden Tatsächlichkeit der Ereignisse, sondern an der erregenden Gleichzeitigkeit ihrer Kenntnisnahme. Aktuell ist auf diesem Hintergrund nicht das, was gerade stattgefunden hat, sondern was im Moment ein allgemeines Interesse weckt – auch wenn es sich um ein längst vergangenes Ereignis handelt. Aktuell ist auf diesem Hintergrund alles, was besprochen wird. Das fiebrige Interesse an Aktualität begründet die Assoziation, den Zusammenschluss eines Zeitungspublikums. Es kommt zu einer Gruppenbildung aufgrund von geteilten Erregungen.

Diese Gruppenbildung, dieses Wir-Gefühl wird über die Boulevardmedien hinaus verstärkt durch die sogenannten Sozialen Medien. Hier wird die Ansprache noch personalisierter und emotionalisierter, weil sie quasi unter Freunden und in einer Filterblase stattfindet, die den Eindruck vermittelt, dass alle so denken.

Das begünstigt Radikalisierung.

Heinz Bude schreibt:

„Es ist nur konsequent, dass sich dieses verborgene, aber sich mächtig fühlende Volk schliesslich noch von den vorbereiteten Foren des Bürgerjournalismus emanzipiert und in Blogs und sozialen Netzwerken kommunikative Katakomben einer rebellischen Grundstimmung aufbaut. Die Affekte der Rebellion sind Wut und Zorn, die sich gegen diejenigen richtet, die in den ‚frivolen Jahren’ des Neoliberalismus unermesslich reich und unglaublich verlogen geworden sind. Sprecher dieser Stimmung wie die Komiker Beppo Grillo in Italien oder Dieudonné in Frankreich verleihen einem Systemmisstrauen in ihren Blogs mit Hunderttausenden von Followern Ausdruck, indem sie wieder eine vertikale Spaltung in den politischen Diskurs einführen: die Spaltung zwischen dem Palazzo, der die gleichgültigen, glatten und grausamen Mächtigen beherbergt, und der Piazza, wo das Volk murmelt, rumort und sich empört.

Gabriel Tarde wusste, dass aus einem überhitzten Publikum plötzlich eine kämpferische Masse werden kann, die durch die Strassen zieht oder sich auf Plätzen versammelt und Losungen und Parolen skandiert, die irgendetwas hochleben lassen oder irgendjemandem für irgendetwas die Schuld geben. In diesem Sinne liesse sich das Publikum als virtuelle Masse begreifen. Im Publikum bereitet sich vor, was in der Masse sich Luft verschafft. Der Absturz des letzlich passiven Publikums in die aktive Masse hat für Tarde etwas in höchstem Masse Gefährliches, findet seiner Wahrnehmung nach aber zum Glück nur selten statt.

Trotzdem ist der Umschlag immer möglich. Das Publikum führt ein, wie er an anderer Stelle sagt, schweigsames Leben, das zur friedlichen Verkettung der Möglichkeiten neigt, aber aufgrund zufälliger Bedingungen wie extremer Witterung, des Todes einer Ikone, eines bestimmten Tweets oder eines über Instagram geteilten Bildes oder Videos kann sich die Szene mit einem Mal wandeln.“

Heinz Bude zitiert zu diesem Punkt Gabriel Tarde:

„Eine Masse ist ein seltsames Phänomen: Sie ist eine Versammlung heterogener Elemente, die sich gegenseitig unbekannt sind; aber sobald ein Funke der Leidenschaft entstanden ist, der von einem ihrer Elemente ausgeht, wird dieses Durcheinander elektrisiert; auf diese Weise findet ein spontaner und plötzlicher Organisationsprozess statt. Die Inkohärenz wird kohärent, der Lärm wird zur Stimme; und die Tausende eng zusammengepferchten Leute verwandeln sich in nichts anderes als eine Bestie, ein wildes Tier ohne Namen.“

Zum Abschluss dieser Ergänzung noch ein Hinweis auf den Begriff „Disjunktion“, der hier im Sinne einer Spaltung der Gesellschaft steht. Der Begriff „Disjunktion“ wird auch in der Ökologie verwendet:

Die Disjunktion ist in der Ökologie ein Teilareal (Exklave), das vom übrigen Verbreitungsgebiet einer Pflanzen- oder Tierart räumlich getrennt wurde und mit den üblichen Verbreitungsmitteln dieser Art nicht überbrückt werden kann, aber noch ein Habitat darstellt.“

(Quelle: Wikipedia)

Das sagt auch einiges aus über die gesellschaftliche Disjunktion.

Nun aber zurück zum Buch „Die Aufmerksamkeitsfalle“.

– „Fake News“ verbreiten sich im Netz schneller als echte News

Gefälschte Nachrichten wurden schon immer in Umlauf gebracht, sei es in Form von Leserbriefen oder von professioneller Desinformation.

Noch nie jedoch konnten Lügenbarone ihre Falschmeldungen so einfach und grenzenlos verbreiten und damit sogar direkt Gewinn machen mittels bezahlter Werbeanzeigen, die neben den „News“ eingeblendet werden.

Weshalb sind „Fake News“ so erfolgreich? Weshalb glauben Menschen auch noch den grössten Humbug?

Die Antwort ist simpel: Weil sie den gefälschen Nachrichten glauben wollen. Und sie wollen den gefälschten Nachrichten glauben, wenn sie ihrer eigenen Meinung entsprechen und in ihr Weltbild passen.

Für diese Menschen scheint es keine glaubwürdigen Medien zu geben, sondern nur glaubwürdige Meinungen. Und glaubwürdig ist nur diejenige Meinung, die sie in ihren Ansichten bestätigt.

In der Folge richten die Menschen das Bild in ihrem Kopf nicht mehr nach der Welt, sondern bauen sich die Welt nach dem Bild in ihrem Kopf. Die Menschen basteln sich immer öfter jene Realität, die präzis zu ihrer eigenen Meinung passt.

„Fake News“ sind daher dann erfolgreich, wenn sie (unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt), erwünscht sind.

Verkompliziert wird die Diskussion um „Fake News“, weil dieser Begriff inzwischen auch ins Gegenteil gewendet verwendet wird. Donald Trump bezeichnet Nachrichten als „Fake News“, wenn sie aus seiner Sicht besonders unerwünscht sind. Unter „Fake News“ fällt bei ihm, was er nicht hören will.

„Fake News“ sind gefälschte News. Nicht jede falsche Information ist deshalb „Fake News“. Eine Wetterprognose, die sich als falsch heraus stellt, ist keine „Fake News“.

Ergänzung:

Eine Website, die sich mit „Fake News“ im Internet befasst, ist http://www.mimikama.at.

 

– Filterblasen

Das Internet wäre eigentlich prädestiniert dafür, jede „Fake News“ sogleich als falsch zu entlarven, denn die richtigen Informationen sind im Netz in der Regel verfügbar. Eine Suchmaschine, in welche man die Kernbegriffe einer Story eingibt, genügt dazu in vielen Fällen.

Leider passiert im Internet aber das genaue Gegenteil. Das Netz wird mehr und mehr zur grossen „Fake-News-Schleuder“. Ein wichtiger Grund dafür sind die sogenannten Filterblasen, die ebenfalls mit der Bewirtschaftung von Aufmerksamkeit zusammenhängen.

Wenn Sie ein Suchsystem bei Google oder Facebook nutzen, werden Ihnen Resultate gezeigt, die aufgrund Ihres bisherigen Verhaltens im Internet zusammengestellt sind.

Google und Facebook sortieren die Ergebnisse speziell für Sie nach ihrer Wichtigkeit, nach ihrer „Relevanz“. Unter Wichtigkeit verstehen diese beiden privaten Supermächte allerdings nicht die Bedeutung der Ergebnisse für die Welt, sondern die Wahrscheinlichkeit, dass Sie auf ein Ergebnis klicken. – also auf die Bedeutung, die das Ergebnis für Sie hat.

Noch genauer gesagt geht es bei der Reihenfolge der Ihnen präsentierten Ergebnisse um die höchste Wahrscheinlichkeit, Ihnen Werbung einblenden zu können, die zu Ihren Bedürfnissen passt.

Das kann auf den ersten Blick betrachtet auch angenehm erscheinen, hat aber drastische Nebenwirkungen. Google und Facebook präsentieren Ihnen mit ihren Suchresultaten nur noch jene Welt, die sie suchen. Diese von Algorithmen nach den Vorlieben der Benutzer zurechtgefilterte Welt nennt man Filterblase („Filter Bubble“). Sie entsteht überall dort, wo Computerprogramme Resultate so auswählen, dass die Klickrate zunimmt, dass also die Wahrscheinlichkeit steigt, dass ein Benutzer auf ein Resultat klickt. Dieses Prinzip funktioniert also überall dort, wo es darauf ankommt, Ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.

Die verheerenden Folgen von Filterblasen lassen sich sehr gut in den USA beobachten, die scharf in Republikaner und Demokraten getrennt sind.

Linksliberale Personen sehen nur noch linksliberale News, Konservative nur noch konservative. Die Fähigkeit, in einer gemeinsam geteilten Welt Kompromisse zu finden, wird dadurch stark reduziert.

Die Zeitung „Wall Street Journal“ hat eine Seite aufgeschaltet, auf der links ein liberaler Newsfeed läuft und rechts ein konservativer. Diese beiden Newsstränge zeigen zwei völlig verschiedene Welten.

Bis zu einem gewissen Grad leben wir auch in der realen Welt in Filterblasen – entsprechend unserem Umfeld, unserem beruflichen oder bildungsmässigen Hintergrund.

Drei Gründe sprechen aber dafür, dass Google, Facebook & Co. dieses Problem drastisch verschärfen:

– Die Onlineangebote von Google, Facebook & Co. wenden einen geheimen Algorithmus an, sind also vollkommen intransparent. Sie können als Nutzer nicht wissen, weshalb sie online sehen, was Sie sehen.

– Sie haben keine Möglichkeit, auf diesen Plattformen dem Filter zu entkommen. Diese Seiten wollen uns möglicht gut gefallen und zeigen uns darum möglichst viele Dinge, die uns gefallen.

– Weil immer mehr Onlineangebote auf solchen Algorithmen basieren, wird es immer weniger möglich, dieser Filterblase zu entgehen.

Der Unterschied zur Nutzung klassischer Medien ist einschneidend: Wer durch eine Zeitung blättert oder durch die Fernsehprogramme zappt, stösst unvermeidlich auch auf Inhalte, die er oder sie nicht primär gesucht hat und die ihn oder sie nicht von vorneherein interessieren. Und manchmal werden solche Fundstücke dann doch konsumiert. Dieser Effekt heisst im Fachjargon „ Serendipity“, was sich übersetzen lässt mit „über die Ränder lesen“.

Online kommt dieser Effekt viel weniger zum Zug, weil wir sehr viel direkter und gezielter auf ein Ziel zusteuern. Wir sind online quasi im Schlüssellochmodus unterwegs. Online sehen wir immer nur einen kleinen Ausschnitt, nämlich genau den Ausschnitt, der unsere Aufmerksamkeit geholt hat, weil er unseren Erwartungen entspricht.

Aus der Filterblase hinaus zu treten bedeutet nicht, keine Meinung und keine Haltung mehr zu haben. Es bedeutet, sich mit anderen Meinungen zu konfrontieren, und damit auch jenen Menschen Respekt zu zollen, die anderer Meinung sind.

Ausserdem entdeckt man auf Umwegen nicht selten Wertvolles, dem man auf dem direktesten Weg nicht begegnet wäre. Der direkte Weg ist zwar oft der schnellste, aber er blendet auch sehr viel aus.

– Desensibilisierung

Alles, was unsere Aufmerksamkeit anspricht, unterliegt dem Gesetz der Desensibilisierung, oder etwas härter ausgedrückt: der Abstumpfung. Das Phänomen der Desensibilisierung lässt sich gut bei der Geschwindigkeit von Medien beobachten. Die Geschwindigkeit von Filmen hat sich über die Jahre dramatisch gesteigert. Die Reizintensität hat dadurch massiv zugenommen. Es braucht infolge dieser Entwicklung immer mehr und dichtere Reize, um dieselben Effekte wie früher zu erzeugen.

Auch erotische Reize, wie sie beispielweise in der Werbung eingesetzt werden, stumpfen ab. Es braucht immer mehr nackte Haut, um noch Aufmerksamkeit zu bekommen.

Aber auch die Schlagzeilen der Boulevardzeitungen müssen grösser und schriller werden, die Sprache im Fernsehen lauter und deftiger.

Auch Nachrichten unterliegen der Desensibilisierung. Früher war ein ankommender Brief ein einzelnes Ereignis, das sich im Gedächtnis einbrannte und dort eine einzelne Spur hinterliess. Heute werden wir mit Nachrichten überschwemmt. Eine einzelne Nachricht hinterlässt in der Regel keine Spur mehr. Ausnahmen von dieser Regel sind allenfalls Nachrichten von besonders glücklichen oder tragischen Ereignissen. Viele Menschen erinnern sich zum Beispiel noch an die Situation, als sie von den Anschlägen auf das Word Trade Center in New York erfuhren. Eine normale Facebook-Nachricht oder ein einzelnes SMS sind aber ausgesprochen flüchtige Ereignisse. Damit Nachrichten Spuren hinterlassen, müssen sie wiederholt vermittelt werden. Die einzelne Nachricht spielt keine Rolle, es braucht den kontinuierlichen Nachrichtenfluss, um Eindrücke zu erzeugen. Das stellt Medien vor die Herausforderung, laufend neue News anzubieten.

Solche Desensibilisierungseffekte machen es für die Medien immer schwerer, Aufmerksamkeit zu erreichen.

– Push-Meldungen

Push-Meldungen sind besonders wichtige Meldungen, die mit einem Alarmsignal versehen auf das Mobiltelefon ‚gepusht’ (also gestossen) werden, beim Surfen am Computer automatisch im Browser auftauchen oder sich durch Klopfen auf der Apple Watch melden. Für Medien sind Push-Meldungen die simpelste Form, um die Aufmerksamkeit der Benutzer zu bekommen.

Hinter jeder Push-Meldung verbirgt sich ein Beitrag mit einer ausführlichen Meldung. Mit wirksamen Push-Meldungen lassen sich Benutzer regelmässig auf das Angebot des Versenders lenken. Push-Meldungen sind oft weder eilig noch wichtig. Sie appellieren vielfach auch simpel an die Neugier des Benutzers und funktionieren dann nach dem altbewährten Boulevardprinzip. Sie treiben das Aufmerksamkeitsproblem auf die Spitze.

– Das Hirtenjungen-Problem

Mit dem Begriff „Hirtenjungen-Problem“ umschreibt Matthias Zehnder den Verlust der Glaubwürdigkeit von Medien mangels Sorgfalt im Umgang mit der Aufmerksamkeit der Leser oder Zuschauer. Die Geschichte vom Hirtenjungen und dem Wolf geht auf den antiken griechischen Dichter Äsop zurück. Der Hirtenjunge hatte mehrfach mit „Der Wolf! Der Wolf!“ um Hilfe gerufen, obwohl kein Wolf da war. Als der Wolf dann wirklich kam, um ein Schaf zu reissen, und der Hirtenjunge wieder um Hilfe rief, kam niemand mehr zu Hilfe.

Die Medien können gar nicht anders, als die Aufmerksamkeit des Publikums zu enttäuschen. Sie erscheinen regelmässig, egal ob sich etwas Wichtiges ereignet hat oder nicht. Die Medien haben Rezepte, mit denen sie auf Grossereignisse reagieren – zum Beispiel Sondersendungen. Für ereignislose Tage fehlen ihnen aber meist die Rezepte.

In solchen „Sommerloch-Zeiten“ ist die Versuchung sehr gross, Ereignisse herbeizuschreiben und unbedeutende Geschehnisse aufzublasen. Die Ereignislosigkeit wird durch die Medien nicht abgebildet. Sie warnen quasi vor Wölfen, die gar nicht existieren. Medien aber, die mehrmals ohne Anlass nach Aufmerksamkeit rufen, werden mit dem Enzug von Aufmerksamkeit bestraft.

– Die Briefträger-Verzerrung

Matthias Zehnder nennt die „Briefträger-Verzerrung“ eine „alte Journalistenweisheit“ und beschreibt sie so:

„Wenn ein Hund den Briefträger beisst, ist das keine Nachricht. Wenn ein Briefträger aber einen Hund beisst, das ist eine Nachricht. Anders gesagt: Das Erwartbare, das Normale, hat keinen Nachrichtenwert. Gemeldet wird das Aussergewöhnliche, das Überraschende…….“

Das hat einschneidende Konsequenzen:

„….Wenn nie gemeldet wird, wenn Briefträger Hunde beissen, aber immer gemeldet wird, wenn Briefträger Hunde beissen, verkehrt sich unser Weltbild ins Gegenteil dessen, was tatsächlich der Fall ist. Also glauben wir mit der Zeit, dass sehr viele Briefträger Hunde beissen und ganz wenige Hunde Briefträger beissen.“

Die „Briefträger-Verzerrrung“ ist im Bereich der Nachrichten laufend zu beobachten, zum Beispiel wenn über Flugzeugabstürze, Erdbeben, Terrorattacken und andere Katastrophen berichtet wird. Flugzeuge stürzen sehr selten ab und kommem dabei zuverlässig in die News. Über planmässig landende Flugzeuge wird dagegen nicht berichtet. Darum wird das Risiko, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben zu kommen, systematisch überschätzt – und beispielsweise das Risiko von Gesundheitsgefährdungen wie der Luftverschmutzung oder mangelnder Bewegung unterschätzt.

Wenn Medien zunehmend auf die Bewirtschaftung von Aufmerksamkeit fokussiert sind, steigert das die „Briefträger-Verzerrung“ und bewirkt in der Folge, dass wir uns ein falsches Bild der Welt machen. Das ist in einer direkten Demokratie fatal, weil das Bild, das wir uns als Stimmbürgerinnen und Stimmbürger von der Welt machen, unser Abstimmungsverhalten beeinflusst.

Als eine Variante der „Briefträger-Verzerrung“ beschreibt Matthias Zehnder das

Konflikt-Prinzip: „Medien suchen den Konflikt.“

Für die Medien ist eine Geschichte dann interessant, wenn sie sich als Konflikt darstellen lässt. Insbesondere die Boulevardmedien suchen das Drama, die Zuspitzung. Je stärker die Medien auf Aufmerksamkeit angewiesen sind, desto mehr stellen sie die Welt als dramatischen Kampf dar. Matthias Zehnder schreibt dazu:

„Aus den harmlosen Gesprächen über eine Rentenreform wird ein ‚Ringen um unsere Renten’, aus der simplen Diskussion über die Klimaerwärmung wird der ‚Showdown’, die Wissenschaftler stehen sich ‚unversöhnlich’ gegenüber und kämpfen mit ‚harten Bandagen’.“

Dieser Kampf sei umso dramatischer, je ausgeglichener die Kräfte sind. Auch das verzerre das Bild der Welt. Am augenfälligsten sei das bei der Diskussion über den Klimawandel:

„99 von 100 Wisssenschaftlern sind sich heute einig, dass der Klimawandel vom Menschen verursacht worden ist. Jeder Fernsehsender wird für eine Diskussion über den Klimawandel aber einen ‚Bestätiger’ und einen ‚Leugner’ einladen. Beim Fernsehzuschauer entsteht der Eindruck, dass die Diskussion fifty-fifty steht.

Wollte ein Fernsehsender die Diskussion über den Klimawandel korrekt abbilden, müsste er 99 Wissenschaftler einladen, die sich für einen menschengemachten Klimawandel aussprechen, und einen, der den Klimawandel leugnet.“

Entsprechend dem Konflikt-Prinzip erhalten kontradiktorische Diskussionen und Darstellungen in den Medien mehr Aufmerksamkeit – vermitteln manchmal aber auch ein völlig falsches Bild und neigen stark zur „Briefträger-Verzerrung“. Diskussionen in den Medien sind spannender, wenn sie nicht einfach die vorherrschende Meinung abbilden, sondern wenn Vertreter von Extrempositionen eingeladen werden. Sie sind zuverlässige Garanten dafür, dass Diskussionen nicht konstruktiv (und damit etwas langweilig) verlaufen, sondern konfliktbeladen und damit erregend.

Daraus entsteht eine doppelte „Briefträger-Verzerrung“:

Erstens werden Extrempositionen nur schon dadurch salonfähig, dass sie Sendezeit bekommen. Ihre Vertreter erhalten dadurch Gelegenheit, ansonsten eher Undenkbares auszusprechen und in den Raum zu stellen.

Zweitens hinterlassen Diskussionen mit Extrempositionen den Eindruck von tiefen Gräben, von unversöhnlichen Lagern, die sich feindlich gegenüberstehen, weil sie gerne in laute Konflikte münden, statt konstruktiv zu verlaufen.

Dabei stehen sich im realen Leben nur die Extrempositionen so unversönlich gegenüber, und die grosse Mehrheit in der Gesellschaft steht ganz friedlich dazwischen und könnte sich problemlos auf eine konstruktive Lösung einigen.

Die starke Fokussierung auf Aufmerksamkeit und die damit zusammenhängende „Briefträger-Verzerrung“ führen dazu, dass die Gesellschaft auseinanderdriftet.

– Boulevardmedien und Boulevardpolitik Hand in Hand

Extrempositionen werden gerne in Talkshows eingeladen, weil sie Aufmerksamkeit erzeugen. Entsprechend werden auch Politiker mit extremen Ansichten häufiger eingeladen (SVP-Nationalrat Rogel Köppel ist bspw. gern gesehener Gast in deutschen Talkshows). Dadurch verstärken sich Medien und (extreme) Politik gegenseitig. Beide hängen quasi an der Droge „Aufmerksamkeit“. Politiker können sich am leichtesten Aufmerksamkeit verschaffen, indem sie etwas Aufsehenerregendes tun.

Vor allem Tabubrüche werden von den Medien gerne weiterverbreitet und ausgewalzt, weil das auch für sie Aufmerksamkeit generiert. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte gegenüber ZEIT ONLINE (27. 9. 2017):

„‎Tabubrüche dürfen sich nicht auszahlen: wer für jede neue Provokation eine neue Einladung in eine Talkshow erhält, fühlt sich zum Provozieren ermuntert.“

Durch die Aufmerksamkeitsökonomie sind Politiker und Medien in eine gegenseitige Abhängigkeit geraten und werden in eine Aufmerksamkeitsspirale gezwungen. Es kommt zu einer fatalen Symbiose von Politik und Medien im Kampf um Aufmerksamkeit. Das Ergebnis ist eine Boulevardpolitik, die nicht Probleme löst, sondern sich im Scheinwerferlicht der Aufmerksamkeit inzeniert.

Die Boulevardisierung der Medien führt zu einer Boulevardisierung der Politik. Das ist speziell in einer direkten Demokratie wie der Schweiz fatal, weil sich die Politik in der direkten Demokratie in der Öffentlichkeit abspielen muss – und darum auf Aufmerksamkeit angewiesen ist.

Laut Matthias Zehnder kommt es aber noch schlimmer: „Die Folge der Aufmerksamkeitsfalle, in der die Medien (und die Politik) stecken, ist letzlich Populismus.“

– Weshalb in der Aufmerksamkeitsfalle der Populismus lauert

Der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller beschreibt in seinem Buch „Was ist Populismus?“ den Populismus als „eine ganz bestimmte Politikvorstellung, laut der einem moralisch reinen, homogenen Volk stets unmoralische, korrupte und parasitäre Eliten gegenüberstehen. – wobei diese Art von Eliten eigentlich gar nicht wirklich zum Volk gehören“. Populisten wenden sich also im Namen des Volkes gegen die Eliten, wobei sie der Ansicht sind, dass einzig sie „das wahre Volk vertreten; alle anderen vermeintlichen Repräsentanten der Bürger seien auf die eine oder andere Art illegitim“. Der Schlachtruf der Populisten ist also weniger „Wir sind das Volk“ als vielmehr „Nur wir vertreten das Volk“.

In einer modernen Demokratie gibt es aber kein homogenes Volk, sondern viele verschiedene Interessen, Perspektiven und Meinungen, die miteinander um Lösungen ringen.

In einer Demokratie besitzt auch niemand die absolute Macht, auch nicht das Volk. Es gibt vielmehr ein System von „Checks and Balances“ mit Institutionen wie einem Verfassungsgericht oder Bundesrichtern, die für eine Gewaltenteilung auf allen Ebenen sorgen. Populisten lehnen deshalb solche Institutionen ab, weil sie diesen einen, angeblich moralisch richtigen Volkswillen zum Beispiel mit Gerichtsurteilen verwässern.

Und wie tragen die Massenmedien zum Aufkommen des Populismus bei? 

Massenmedien und populistische Politik sind eng miteinander verwoben. Beide sind abhängig von Aufmerksamkeit und profitieren voneinander.

Populisten befinden sich permanent im Wahlkampf und buhlen um die Masse. Dabei bedienen sie sich derselben Mittel wie eine auf Masse und Aufmerksamkeit fokussierte Publizistik. Populistische Parteien, Bewegungen und Politiker könnten nicht existieren ohne die Nutzung von Massenmedien und die Grundzüge populistischer Politik kommen den Massenmedien entgegen.

Matthias Zehnder verweist an diesem Punkt auf die Kommunikationswissenschafterin Beate Ociepka. Sie hat drei wesentliche Merkmale populistischer Politik beschrieben, die sich besonders dafür eignen, von den Medien zum Zweck der Aufmerksamkeitserzeugung aufgenommen und genutzt zu werden:

1.) Das Charisma des populistischen Anführers ist wichtiger als politische Programme. Das kommt der Neigung der Medien zur Personalisierung entgegen. Jedes Thema wird wenn möglich an Personen aufgehängt.

2.) Populisten setzen auf eine vereinfachte Form der Kommunikation und stützen sich darum mehr auf emotionale als auf rationale Argumente (entspricht der Emotionalisierung im Boulevard) und auf einseitige anstelle von differenzierter Darstellung (kommt dem Konflikt-Prinzip der Medien entgegen).

3.) Die populistische Politik wird zum Spektakel (zum Beispiel durch Tabubrüche und Grenzüberschreitungen).

Diese Aufzählung lese sich wie ein Wunschkatalog von Boulevardmedien an die Politik, schreibt Matthias Zehnder. Populistische Politik und eine aufmerksamkeitsorientierte Publizistik seien natürliche Partner:

„Populisten vereinfachen, spitzen zu, emotionalisieren. Sie teilen die Welt ganz simpel in Freund und Feind, in Gut und Böse. Sie bedienen sich alter Stereotypen und sind deshalb fremdenfeindlich und nationalistisch. Das Funktionsprinzip eines populistischen Politikers ist die Sensation. Er tritt im Namen des Volkes gegen ‚die da oben’ an. Schliesslich ist er der Auserwählte, der das auserwählte Volk errettet und ‚great again’ macht. All diese Eigenschaften machen populistische Politiker zum Lieblingsobjekt von Boulevardmedien.“

Aber auch seriöse Medien können sich diesen Effekten nicht entziehen. Wenn Donald Trump lügt ist es für sie ein Skandal, über den sie gross berichten. Beispielsweise hat Trump wiederholt behauptet, Obama habe ihn im Wahlkampf abgehört. Dieser ungeheure Vorwurf wird noch durch die Provokation gesteigert, dass Trump es offensichtlich nicht für nötig gehalten hat, ihn durch Belege glaubhaft zu machen.

Die ständige Berichterstattung über solche Lügen machen sie grösser, hämmern sie in die Köpfe der Medienkonsumenten und lassen sie als eine reale Möglichkeit erscheinen (zumindestens bei Trumps Anhängern, und auf die kommt es ihm an).

Seriöse Medien sind darauf fokussiert, die Wahrheit zu finden. Im Populismus gibt es aber diese Wahrheit nicht mehr. Wahrheit wird zu einer Möglichkeit unter anderen Möglichkeiten (wir erinnern uns: Trumps Sprecherin präsentierte „Alternative Fakten“).

Wenn seriöse Medien nachweisen, dass Trump lügt, dann sagt Trump: „Die Medien lügen, sie sind Fake News“. Wenn Wahrheit kein unabhängiger Referenzwert mehr ist, dann bestimmt der Stärkere, was als wahr zu gelten hat – und der Stärkere ist dann derjenige, der die Medien dominiert. Und das ist, weil er dem Aufmerksamkeitsbedarf der Medien so gut in die Hände spielt, der Populist.

Matthias Zehnder schreibt:

„Je stärker die Medien in der Aufmerksamkeitsfalle sitzen und um die Aufmerksamkeit ihrer Leser, Hörer und Zuschauer buhlen, desto eher werden sie zur Beute populistischer Politik. Populismus führt im Endeffekt zu einer iliberalen Demokratie, einer antielitären und antipluralistischen Tyrannei der Mehrheit. Auf diese Weise wird letzlich die Aufmerksamkeitsfalle zur Gefahr für die liberale Demokratie.“

Wege aus der Aufmerksamkeitsfalle

Dass Medien in der Aufmerksamkeitsfalle stecken ist nicht nur für die Medien von Bedeutung, sondern für uns alle. Denn die Folgen dieser Entwicklungen sind für Politik und Gesellschaft unerwünscht.

Matthias Zehnder befasst sich gegen Schluss seines Buches mit Wegen aus der Aufmerksamkeitsfalle – einerseits für die Medien und anderseits für das Publikum.

Welche Auswege für die Medien?

Zehnder ist der Ansicht, dass die Hinwendung zu einer rein aufmerksamkeitsorientierten Publizistik für die meisten Medien eine Sackgasse ist. Er begründet das mit dem Phänomen der Desensibilisierung und weil es im unendlich grossen Medienschlaraffenland nicht möglich sei, die Aufmerksamkeit der Medienkonsumenten auf Dauer zu erhalten. Zwar brauche jedes Medium Aufmerksamkeit, doch gehe es um den Grund, warum es zum Aufmerken komme, also um die Ursache für ein Umschalten von „awareness“ zu „attention“.

Wenn dieses Aufmerken rein Neugier-basiert sei, dann sei die Aufmerksamkeit eine flüchtige und untreue Angelegenheit. Sie wende sich dem jeweils stärksten Reiz zu – und von diesem sogleich wieder ab, wenn ein anderer, stärkerer Reiz auftauche. Weil die Empfindlichkeit der Menschen sich wiederholenden Reizen gegenüber abnehme, brauche es immer stärkere Reize. So öffne sich die Aufmerksamkeitsfalle.

Matthias Zehnder zieht daraus den Schluss, dass die Aufmerksamkeit nicht aufgrund eines Reizes dem Medium zugewendet werden darf, sondern aufgrund eines Entscheides.

Früher, in der Vergangenheit, basierte die Mediennutzung auf einem Entscheid und der daraus sich entwickelnden Gewohnheit.

Gewohnheit kann aber nicht die Lösung sein, welche die Medien heute anstreben. Es braucht viel Zeit, bis Gewohnheiten aufgebaut sind und für die grosse Mehrheit der heutigen Bürgerinnen und Bürger scheint das kein atttraktives Angebot zu sein – sie verpflegt sich lieber jeweils spontan am grossen Medienbuffet.

Wenn sowohl die Aufmerksamkeit aus Neugier aufgrund von Reizen als auch aus Gewohnheit nicht realisierbar sind, bleibt nach Ansicht von Matthias Zehnder nur eine Lösung: Nutzen.

Das Medienangebot muss einen klar ersichtlichen Nutzen schaffen.

Für eine politische Zeitung würde das heissen: Information ohne Sensation, Erklärung statt Emotionalisierung, Bildung anstelle von Blut und Brüsten.

Der Nutzen eines solchen Medienangebots zeigt sich daran, ob seine Benutzer bereit sind, dafür zu zahlen, schreibt Zehnder.

Was können Medienkonsumenten tun?

Dieser Abschnitt ist im Buch „Die Aufmerksamkeitsfalle“ leider etwas gar kurz. Zehnder weißt darauf hin, dass das Angebot der Nachfrage folgt. Er rät, die Aufmerksamkeitsstrategie der Anbieter nicht mit Aufmerksamkeit zu belohnen. In der Medienwelt steuert der Kunde mit seinem Verhalten das Angebot. Wer häufig auf Nackedeis klickt, wird mehr Nackedeis bekommen. Als Medienkonsument kann man sich auch vornehmen, nicht jeder Versuchung für einen Neugier-Klick nachzugeben.

Das sind allerdings sehr individuelle Lösungen, nicht ganz ohne Einfluss, aber mit doch sehr begrenzter Wirkung.

Darum sollten diese individuellen Verhaltensmassnahmen ergänzt werden durch grundsätzlichere Ansätze, auf die Zehnder abschliessend zu sprechen kommt:

„Verabschieden Sie sich vom Gedanken, dass gute Information gratis ist. Was gut ist, kostet. Und es soll Sie nicht nur Aufmerksamkeit kosten. Am direktesten steuern Sie das Angebot mit Ihrem Geld, sei das über Abobeiträge, freiwillige Donationen, Crowd-funding oder den Kauf von Medien.“

Mir fehlt hier noch eine gesellschaftlich-politische Ebene. Vielleicht braucht es auch Rahmenbedingungen, um die Qualität der Medienlandschaft zu schützen. Zum Beispiel könnte man Facebook, Google & Co. unter das Presserecht stellen. Diese privaten Supermächte müssten dann Verantwortung übernehmen für ihre Inhalte, so wie das klassische Medien auch müssen.

Abschliessend hält Matthias Zehnder ein beherzigenswertes „Plädoyer für die Aufklärung“:

„Letztlich ist es für unsere liberale, aufgeklärte Gesellschaft eine Überlebensfrage, dass wir uns aus der Aufmerksamkeitsspirale verabschieden, uns also der Aufmerksamkeitsfalle entziehen und uns wieder dem widmen, was unsere Gesellschaft im Kern ausmacht: der Aufklärung, also der Bildung.

Das Spiel mit der Aufmerksamkeit ist letzlich ein Spiel mit den Instinkten, mit den Überlebensinstinkten, welche die Evolution tief in uns eingepflanzt hat. Wir sprechen an auf Storys über Unfälle und Verbrechen, über Sex und über niedliche Kinder, weil wir evolutionär programmiert sind auf die Erhaltung unserer Art. Diese Instinkte waren wichtig für das Überleben in der Savanne. Für das Überleben in der Informationsgesellschaft, im Medienschlaraffenland, brauchen wir neue Instinkte und neue Verhaltensweisen. Es ist Zeit, den Verstand einzuschalten.“

Quelle: Mathias Zehnder, Die Aufmerksamkeitsfalle, Zytglogge 2017,

Das sehr empfehlenswerte Buch ist erhältlich in meinem Buchshop.

Weitere Texte von mir zu gesellschaftspolitischen Themen:

Was ist Populismus? Und was nicht? Eine Zusammenfassung des Essays von Jan-Werner Müller.

– Demokratie braucht eine diskursive Gesprächskultur -verteidigen wir sie! Eine konstruktive Alternative zu Relativismus und Dogmatismus.

– Notwendig: Den Sumpf der Hasspropaganda im Internet trocken legen. Dieser Text bietet vor allem eine Zusammenfassung des Buches „Hass im Netz“ von Ingrid Brodnig.

– Offene Gesellschaft oder Geschlossene Gesellschaft – wohin geht die Reise? Liberale Demokratien sind weltweit untere Druck. Das Konzept der offenen Gesellschaft von Karl Popper ist deshalb wieder sehr aktuell und bietet wertvolle Hinweise zur Verteidigung der liberalen, offenen Demokratie.

Hannah Arendt: Standnehmen in der Welt statt Weltentfremdung.
Die Sorge um intakte Weltbezüge in der modernen Gesellschaft.

– Ralf Dahrendorf zu den Gefährdungen liberaler Demokratien
Schleichender Autoritarismus, Staatsversagen, Einschränkung demokratischer Entscheidungsmöglichkeiten im Nationalstaat infolge Globalisierung, neuer Regionalismus.

.- Lob der Kritik. Vom Wert der Kritikfähigkeit in Zeiten von Fake News.

Übersicht meiner gesellschaftspolitischen Buchempfehlungen.

Diesen Artikel teilen: