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Weleda-Gruppe in der Krise

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Der angeschlagene Naturkosmetik- und Arzneimittelhersteller Weleda baut seine Unternehmensführung um. An einer außerordentlichen Generalversammlung am 23. März haben die Aktionäre einen neuen Verwaltungsrat gewählt.

Den Führungswechsel sollen die beiden Weleda-Hauptaktionäre, die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft und die Ita Wegman Klinik, veranlasst haben.

Die Neuwahl wurde laut Firmenangaben nötig, weil „die Weleda einen handlungsfähigen Verwaltungsrat braucht“.

An der Spitze des Verwaltungsrates steht nun der Wirtschaftswissenschaftler Paul Mackay, der seit 1996 dem Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft angehört.

Im vergangenen Jahr hatte Weleda einen Verlust von rund 10 Millionen Schweizer Franken (rund 8,3 Millionen Euro) eingefahren – mehr als doppelt so viel wie im Jahr 2010, als der Verlust 3,8 Millionen Euro erreichte. Gleichzeitig sank der Umsatz 2011 auf 307 Millionen Euro und liegt damit leicht unter dem Vorjahreswert von 308 Millionen Euro. Weleda bewegt sich seit Jahren fast durchwegs in den roten Zahlen.

Auf diesem finanziellen Hintergrund kann der Naturkosmetik- und Arzneimittelhersteller für das Jahr 2012 aus dem Cash-flow seine Zinsverpflichtungen nicht erfüllen. Die Besitzer kämpfen um die Existenz des Unternehmens.

Zwar macht die Firma Währungseffekte durch den starken Schweizer Franken für das schlechte Resultat verantwortlich. Weleda krankt jedoch auch an schwerwiegenden Strukturproblemen.

Hauptsächlich die Pharmasparte, also die Heilmittelherstellung, ist defizitär.

Quellen:

http://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/markt/feuerwehrmann-fuer-weleda

http://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/markt/weleda-kaempft-um-existenz?page=0,0#text

Kommentar & Ergänzung:

Weleda hält sich mit Naturkosmetik über Wasser, während die Herstellung von Antroposophika, also von Heilmitteln für die Anthroposophische Medizin, schwer in der Krise steckt.

Um die Bedürfnisse der Anthroposophischen Medizin zu decken, muss Weleda ein riesiges Sortiment von Heilmitteln bereitstellen, von denen viele nur wenig nachgefragt, aber aufwändig herzustellen sind. Darunter sind auch Präparate, die für Nichtanthroposophen reichlich skurril wirken wie Hirschgeweih (Cornu cervi D8), zerstossene Ameisen (z. B. Formica D15) oder das geröstete Skelett des Badeschwammes (Spongia tosta D6).

Den Erwartungen aus der Anthroposophischen Medizin gerecht zu werden und zugleich kommerziell erfolgreich zu sein oder zu mindestens schwarze Zahlen zu schreiben, ist wohl ein schwieriger Spagat.

Andererseits hat Weleda gegenüber Herstellern von synthetischen Medikamenten und von Phytopharmaka den grossen Vorteil,  dass Anthroposophika genauso wie Homöopathika via Grundversicherung  abgerechnet werden können, ohne dass sie ihre Wirksamkeit belegen müssen (wie es das Krankenversicherungsgesetz eigentlich verlangen würde).

Homöopathika und Anthroposophika sind vom Wirksamkeitsnachweis befreit, wodurch sich viel Forschungsaufwand einsparen lässt.

Ausserdem fallen bei den sehr grossen Verdünnungen vieler Weleda-Präparate kaum Materialkosten ins Gewicht.

Diese beiden Punkte müssten eigentlich die Kostenseite entlasten.

Weleda konnte sich bisher dank der Naturkosmetik-Sparte behaupten, die einen guten Ruf hat und die defizitäre Arzneimittel-Produktion wohl quersubventioniert. Doch der Naturkosmetik-Markt ist hart umkämpft. Und ausserdem kommt man in der Kosmetik rasch einmal in die Nähe von fragwürdigen Versprechungen, beispielsweise mit dem „Cellulite Programm“, mit welchem Weleda „Entschlackung“ verspricht.

Siehe dazu auch:

Entschlackung – was ist das?

Entschlackung – unnötig und ungesund

Schlackenstoffe – ein Phantom macht Karriere

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Weltwoche & Anthroposophische Medizin

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Die „Weltwoche“ ( Nr. 8 / 2011) brachte zum 150. Geburtstag von Rudolf Steiner einen Beitrag von Maurus Federspiel, der einige ausgesprochen merkwürdige Stellen enthält.

Besonders fragwürdig scheint mir der Abschnitt zur Anthroposophischen Medizin:

„Die einschlägigen Medikamente werden in zahllosen Apotheken Deutschlands und der Schweiz verkauft, ihre Wirksamkeit scheint durch die Verkaufsbilanzen bestätigt zu werden. Die Anfeindungen der anthroposophischen Medizin liegen vor allem in einer methodologischen Begrenztheit begründet, welche die materialistische geprägte Schulmedizin bestimmt. Der ständige Verweis auf den Placeboeffekt trägt allerdings kaum zur Klärung von Heilerfolgen gerade in der Tiermedizin bei. Mindestens ist auch einem anthroposophischen Arzt nicht zuzutrauen, dass er einen Ochsen oder eine Hauskatze durch blosse Suggestion zu heilen vermag……“

Schauen wir uns diese Aussagen Schritt für Schritt an:

„Die einschlägigen Medikamente werden in zahllosen Apotheken Deutschlands und der Schweiz verkauft, ihre Wirksamkeit scheint durch die Verkaufsbilanzen bestätigt zu werden.“

Sehen wir mal davon ab, dass hier betreffend „Verkaufsbilanzen“ einfach eine Behauptung aufgestellt wird.

Das Krankenversicherungsgesetz verlangt, dass ein Medikament wirksam sein muss, wenn es von der Grundversicherung bezahlt werden soll. Und das Bundesgericht verlangt, dass diese Wirksamkeit wissenschaftlich belegt sein muss. Offenbar hat jetzt aber Maurus Federspiel eine neue und einfachere Methode entdeckt, mit der Wirksamkeit festgestellt werden kann: Wirksam ist, was sich gut verkauft.  Ich würde diese Methode der Wirksamkeitsprüfung noch etwas verfeinern und schlage vor, einfach die 1000 meistverkauften Medikamente über die Grundversicherung abzurechnen. Ein Blick in die Verkaufsbilanz genügt dann, um diese Liste zu erstellen. Spart viel Aufwand für sinnlose Studien etc.

Im Ernst: Schon mal was gehört davon, dass Verkaufserfolg auch etwas mit Marketing und Lobbying zu tun hat und dass sich etwas auch gut verkaufen kann, weil es diverse Bedürfnisse der Konsumenten erfüllt? Tolle Verkaufsbilanzen haben auch Mike Shiva oder Scientology. Ist Umsatz wirklich ein Qualitätszeichen?

Präparate der Anthroposophischen Medizin werden übrigens entgegen den gesetzlichen Vorschriften von der Grundversicherung vergütet, ohne dass ihre Wirksamkeit geprüft wird. Das Bundesamt für Gesundheit kann jedenfalls nicht annähernd plausibel erklären, wie eine solche Prüfung stattfindet.

„Die Anfeindungen der anthroposophischen Medizin liegen vor allem in einer methodologischen Begrenztheit begründet, welche die materialistische geprägte Schulmedizin bestimmt.“

Warum wird Kritik als „Anfeindungen“ dargestellt? Was soll diese Opferrolle?

Und die „Anfeindungen“ kommen nur durch die “methodologische Begrenztheit“ von Materialisten zustande, die in der Anthroposophischen Medizin ihren Feind sehen?   – So einfach kann man es sich machen. Von derart methodologisch begrenzten Materialisten kann man ja nichts anderes als Anfeindungen erwarten. Auf solch feindlich gesinnte Anwürfe muss man natürlich nicht eingehen.

Wer die Behauptungen der Anthroposophischen Medizin nicht fraglos glaubt, sondern kritische Fragen stellt, macht also materialistisch motivierte „Anfeindungen“.

Das scheint mir eine sehr durchsichtige Immunisierungsstrategie. So wird eine Methode vorbeugend gegen Kritik und In-Frage-Stellung immunisiert.

Selbstverständlich ist zum Beispiel die Forschung nach Wirkstoffen in der Mistel insofern materialistisch, dass sie nach Wirkstoffen in Form von Molekülen sucht.  Aber was soll zum Beispiel eine klinische Studie mit Krebspatienten, denen Mistelextrakt verabreicht wird, mit Materialismus zu tun haben? Hier wird ganz schlicht zu klären versucht, ob Krebspatienten mit Mistelextrakt länger leben als ohne. Und hier schneidet die Anthroposophische Medizin nicht gerade überzeugend ab. Also selbst bei ihrem mit Abstand am meisten untersuchten Paradepferd, der Misteltherapie.

Siehe dazu:

Misteltherapie gegen Krebs – wirksam?

Meine Kritik an der Anthroposophischen Medizin bezieht sich darauf dass sie Krankheit und Behinderung als Folge von moralischem Versagen in einem früheren Leben auffasst.

Ich halte es für einen grossen Fortschritt der Moderne, dass diese Verknüpfung von Krankheit und Behinderung mit moralischer Schuld überwunden ist. Die Remoralisierung von Krankheit und Behinderung – wie sie die Anthroposophische Medizin verkörpert – ist meiner Ansicht nach diffamierend für Betroffene und nicht wünschenswert.

Anthroposophische Medizin sieht Krankheit und Behinderung im Zusammenhang mit dem Wirken der anthroposophischen Widersachermächte Ahriman und Luzifer. Eine solche Geistermedizin scheint mir nicht erstrebenswert – vor allem nicht, wenn sie über die Grundversicherung abgerechnet wird.

Diese Einwände haben meines Erachtens nichts zu tun mit einem methodologisch begrenztem Materialismus, wie ihn Maurus Federspiel den Kritikern der Anthroposophischen Medizin pauschal unterstellt.

Details hier:

Kritische Anmerkungen zu Anthroposophischen Medizin

Kritische Fragen zur Förderung der Anthroposophischen Medizin

Anthroposophische Medizin ins Medizinstudium – offene Fragen

Anthroposophische Pflege – offene Fragen

„Der ständige Verweis auf den Placeboeffekt trägt allerdings kaum zur Klärung von Heilerfolgen gerade in der Tiermedizin bei. Mindestens ist auch einem anthroposophischen Arzt nicht zuzutrauen, dass er einen Ochsen oder eine Hauskatze durch blosse Suggestion zu heilen vermag……“

Ach, die alte Leiher. Hundert mal gehört in Diskussionen mit unkritischen und gutgläubigen Anhängern der Komplementärmedizin „Sogar bei Tieren wirkt es doch….dann kann es nicht nur Placebo sein!“

1. Placebo-Effekte bei Tieren sind schon seit einigen Jahrzehnten gut belegt. Man müsste das nur endlich zur Kenntnis nehmen und weniger dumme Argumente ins Feld führen.

Und wer beurteilt denn Heilerfolge bei Tieren? Die können ja nicht selber Auskunft geben.

Fünf Minuten Internetrecherche hätten genügt, um klar zu machen, dass Placebo—Effekte in der Tiermedizin ein bekanntes Phänomen sind.

Mehr Infos dazu hier:

Artikel „Tierhomöopathie: Alles für die Katz?“:

http://www.zeit.de/2010/50/Homoeopathie-fuer-Tiere?page=1

Artikel: „Tierischer Placeboeffekt“:

http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,743592,00.html

2. Schon mal was gehört davon, dass auch Tiere Selbstheilungskräfte haben oder bei chronischen Erkrankungen einen schwankenden Verlauf mit besseren und schlechteren Phasen?

Tiere werden wohl nie von selbst gesund?

Was legitimiert denn Autor Maurus Federspiel zu solch apodiktischen Urteilen.  Die Auseinandersetzung mit dem Thema kann es ja wohl nicht sein – die ist nämlich nicht ansatzweise erkennbar.

Grundsätzlich finde ich es sehr erstaunlich, wie rasch sich viele Menschen im Bereich von Medizin und Komplementärmedizin abschliessende Urteile zutrauen, ohne sich vorgängig mit den entsprechenden Fragen auch nur einigermassen vertraut zu machen. Wer ein Haus baut, wird ja wohl auch die Berechnungen von Statik-Fachleuten zu Rate ziehen und sich nicht nur auf die eigenen Ideen dazu stützen. Der Mensch mit seinen Gesundheiten und Krankheiten ist aber noch viel komplexer als ein Haus.

Ich selber jedenfalls befasse mich zwar intensiv mit Fragen rund um Medizin und Komplementärmedizin. Dabei muss ich aber in vielen Fällen auf Aussagen von Fachleuten zurückgreifen und mir bewusst bleiben,  dass auch ein sorgfältiges Urteil nur vorläufigen Charakter hat.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

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Komplementärmedizin: Gut, wenns wirkt?

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Unter dem Titel „Komplementärmedizin: Gut, wenns wirkt“ berichtet die Sendung „Kontext“ auf Radio DRS 2 über das Thema „Komplementärmedizin und Placebo“.

Quelle: http://www.drs2.ch/www/de/drs2/sendungen/top/kontext/5005.sh10168514.html

Ich habe mir den dazu publizierten Text auf der DRS2-Website genauer angeschaut.

„Kontext“ – eine Sendung, die ich sehr schätze – stellt darin wichtige Fragen, lässt meines Erachtens aber auch entscheidende Fragen weg.

Eingangs stellt „Kontext“ fest:

„Die Diskussion in der Schweiz rund um die Komplementärmedizin ist gross. Alternative Behandlungen wirkten nicht besser als ein Placebo, wird oft bestätigt. Was wäre denn so schlimm daran?“

Eine interessante Frage. „Kontext“ schlägt auch den Bogen zur aktuellen Auseinandersetzung um die Aufnahme der Komplementärmedizin-Verfahren in die Grundversicherung:

„Vielleicht sollte die Diskussion um Sinn und Unsinn von medizinischen Therapien auch in der Schweiz stärker auf den Nutzen für den Patienten fokussieren, Placebo-Kontrolle hin oder her. Anders wird sich der Zwist um die Vergütung und Bewertung komplementärmedizinischer Verfahren wohl nicht lösen lassen.“

Heisst das nun, dass der Zwist um die Vergütung von Komplementärmedizin sich lösen lässt, wenn auch der reine Placebo-Effekt bezahlt wird?

Schauen wir uns die Argumentation Schritt für Schritt an. Den Kontext-Text von der Radio-DRS-Website setze ich kursiv, anschliessend folgt jeweils mein Kommentar.

„’Wer heilt hat recht‘, sagt der Volksmund. Doch was genau heisst «heilen»? Wie kann man wissen, ob ein Medikament, eine Therapie, ein medizinischer Eingriff tatsächlich wirkt – sei er nun schul- oder komplementärmedizinisch?“

Kommentar: Wichtiger Punkt. Wer heilt hat nur Recht, wenn er oder sie wirklich heilt und es nicht nur behauptet. Therapeutinnen und Therapeuten jeder Couleur neigen dazu, auch die Wirkung der Selbstheilungskräfte der eigenen Methode gut zu schreiben.

“In der wissenschaftlich begründeten Medizin, der so genannten «evidence based medicine», hat man dazu eine einfache Antwort gefunden: Das Medikament, die Therapie, der medizinische Eingriff muss in einer placebokontrollierten Studie getestet werden, muss also besser wirken als eine Scheinbehandlung, als ein Placebo.“

Kommentar: Das ist allerdings alles andere als eine einfache Antwort. Es gibt Studien unterschiedlicher Qualität und mit widersprüchlichen Ergebnissen. Im Bereich der Phytotherapie ist das gut ersichtlich bei Heilpflanzen wie Echinacea oder Ginkgo. Die „evidence based medicine“ wertet deshalb mehrere Studien zum gleichen Thema in Metastudien aus, und versucht daraus Schlussfolgerungen mit grösserer Plausibiliät zu ziehen. Und es gibt sogar widersprüchliche Ergebnisse bei Metastudien zum gleichen Thema. Einfache Antworten zur Wirksamkeit gibt es dagegen in der Komplementärmedizin zuhauf. So behauptet beispielsweise das Bundesamt für Gesundheit, es beurteile die Wirksamkeit von Präparaten aus Homöopathie und Anthroposophischer Medizin nicht einzeln, wenn es um die Zulassung zur Grundversicherung geht, sondern in Arzneimittelgruppen. Wie das genau abläuft, kann das BAG aber nicht darlegen. Eine vollkommen intransparente Pseudowirksamkeitsprüfung. Wenn also jemand eine (allzu) „einfache Antwort“ auf die Frage nach der Wirksamkeit gefunden hat, dann das BAG beim Thema Komplementärmedizin. Die Wirksamkeit als Arzneimittelgruppe zu beurteilen, das ist einfach eine Verarschung und zudem wohl kaum konform mit den Anforderungen des Krankenversicherungsgesetzes.

„Bedeutet das zwangsläufig, dass die komplementärmedizinischen Verfahren wie Homöopathie, Akupunktur oder traditionelle chinesische Medizin wertlos sind? «Das mag zwar manchmal Sinn machen. Aus Labor- und klinischen Studien wissen wir aber auch, dass der Placebo-Effekt selber durchaus heilsam sein kann», sagt der Placebo-Spezialist Frank Miller vom National Institute of Health in den USA.“

Kommentar: Ja, keine Frage. Auch der Placebo-Effekt ist wertvoll. Das bestreitet aber wohl niemand im Ernst.

„In der Tat zeigen komplementärmedizinische Verfahren meist keine bessere Wirkung als Placebo. Zum Beispiel kam eine Studie, bei der Anwendung von Akupunktur gegen Kopfschmerzen untersucht wurde, zum Schluss, dass gegenüber der Schein-Akupunktur, bei der die Nadeln an beliebigen Orten in den Körper geführt werden, kein Wirkungsunterschied besteht. Aber: Akupunktur wirkte gegen Kopfschmerzen tendenziell besser als Medikamente, so Klaus Linde, Mediziner und Epidemiologe an der technischen Universität München und langjähriger Erforscher der Komplementärmedizin.“

Kommentar: Dazu ist vorerst einmal festzuhalten, dass Akupunktur schon bisher von den Krankenkassen via Grundversicherung bezahlt wird. Darum kann es also nicht gehen.

Wenn Akupunktur gleich gut oder besser ist als Medikamente, dann soll Akupunktur bezahlt werden. Eigenartigerweise beruft sich „Kontext“ hier aber auf eine Vergleichsstudie, obwohl der Text sonst die Relevanz von Studien in Frage stellt.

Ich bin für klare, gerechte, transparente Regeln. Auf grund der Vergleichsstudie, aber auch wenn der Nutzen für den Patienten zum entscheidenden Kriterium wird, wie „Kontext“ das vorschlägt, dann muss Scheinakupunktur genauso bezahlt werden wie Akupunktur nach TCM-Lehre. Dann ist nicht einzusehen, weshalb man für teures Geld ein TCM-System mit Energiebahnen, Meridianen etc. lernen muss, wenn der Nutzen mit Scheinakupunktur genauso gross ist. Warum fordert niemand die Vergütung von Scheinakupunktur via Grundversicherung?

Nun zu den meines Erachtens entscheidenden Fragen, die „Kontext“ nicht stellt.

Wenn für die Aufnahme in die Grundversicherung das Kriterium „besser als Placebo“ fallen gelassen wird, und der „Nutzen für den Patienten“ zum Kriterium wird, stellen sich folgende Fragen bzw. Probleme:

1. Die Krankenkasse zahlt aus der Grundversicherung dann also auch den reinen Placeboeffekt. Für den Patienten ist dieser selbstverständlich fraglos wertvoll. Allerdings hat praktisch jede Heilmethode einen Placeboeffekt. Gerechterweise muss dann die Krankenkasse jede Methode zahlen.

2. Der „Nutzen für den Patienten“ ist ein nicht ganz einfach zu fassendes Phänomen. Wer den Nutzen als Kriterium propagiert, müsste auch klar darlegen, wie dieser Nutzen bestimmt werden soll. Mir hilft Pilates. Ich werde unter den Pilates-Übenden locker ein paar Tausend Leute finden, die den Nutzen dieser Bewegungsmethode bestätigen.  Im übrigen wäre es vor ein paar hundert Jahren auch ein leichtes gewesen, mit einer Umfrage den Nutzen der Aderlass-Methode darzulegen. Denn alle, die diese Intervention über sich ergehen liessen, waren von ihrem Nutzen wohl überzeugt. Für mich sehe ich keinen Nutzen in Homöopathie oder Anthroposophischer Medizin, in Pilates aber schon. Wenn also der Nutzen als Kriterium entscheidet: Warum wollen mir Politikerinnen und Politiker vorschreiben, dass ich komplementär Homöopathie, Neuraltherapie, Traditionelle chinesische Medizin, Anthroposophische Medizin oder Phytotherapie (die gar nicht zur Komplementärmedizin gehört) via Grundversicherung nutzen darf, Pilates aber nicht?

3. Das Kriterium „Nutzen“ ist etwa ähnlich schwammig und nebulös wie das Kriterium „Alltagswirksamkeit“. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat angekündigt, sich vermehrt am Kriterium „Alltagswirksamkeit“ zu orientieren, nachdem das Kriterium „wirksamer als Placebo“ durch populistische Politikerinnen und Politiker unter Druck geraten ist.

Quelle: http://www.news.admin.ch/dokumentation/00002/00015/?lang=de&msg-id=32878

„Nutzen“ und „Alltagswirksamkeit“ sind Beliebigkeitskriterien. Zum Kriterium „Alltagswirksamkeit“ findet sich auf der Website der Schweizerischen Gesellschaft der Vertrauens- und Versicherungsärzte (SGV) ein prägnantes Zitat:

„Im Sumpf methodischer Ungewissheiten pflegen seltsame Pflanzen Blüten zu treiben. In deren ästhetischer Hitliste darf zweifelsohne der neue Begriff der ‚Alltagswirksamkeit’ aus dem Hause BAG den ersten Platz beanspruchen. Abgesehen davon, dass er zu sarkastischen Fragen wie ‚Fallen Sonntage und allgemeine Feiertage auch unter den Begriff?’ oder ‚Sind Tage mit extremen klimatischen Bedingungen auch als Alltag einzustufen?’ provoziert, wird hier irreversibel der Abstieg des Diskurses in die massenmediale Blödelei vollzogen, wo sich nicht wenige Gesundheitspolitiker wohlig tummeln. Womit angedeutet ist, welcher faktische Schaden durch solches Nebelgranatenschiessen bewirkt werden kann.“

Quelle: http://www.vertrauensaerzte.ch/manual/chapter41.html

Das Kriterium „Nutzen“ scheint mir eine vergleichbare Nebelgranate wie „Alltagswirksamkeit“.

4. Der Placebo-Effekt ist wertvoll. Es gibt aber viele Krankheiten, bei denen ein Placebo-Effekt allein nicht reicht. Beispielsweise Krebs, Diabetes, AIDS, Borreliose, Parkinson, Malaria. Bei solchen Krankheiten ist es meines Erachtens entscheidend Medikamente zu finden, die besser wirken als Placebo. Und das geht nur durch den Vergleich mit Placebo. Dieser Aspekt geht leicht verloren, wenn man den „Kontext“-Text liest, der die positive Wirkung des Placebo-Effekts ins Zentrum stellt. Studien, in denen die Wirkung eines Heilmittels mit der Wirkung eines Placebos verglichen wird, werden von manchen Kreisen aus Komplementärmedizin und Alternativmedizin diffamiert, weil sie dadurch ihre Methoden und Überzeugungen bedroht sehen. Das ist ein Immunisierungsstrategie, die gegen Kritik schützen soll. „Kontext“ fährt meines Erachtens auf diesem „Diffamierungszug“ mit. Das halte ich für falsch, weil es kein besseres Mittel gibt für Fortschritte in der Medizin wie gut gemachte Doppelblind-Studien.

5. Wenn alle Heilmethoden und Heilmittel einen Placebo-Effekt enthalten: Was spricht dann dagegen, trotzdem für die Vergütung via Grundversicherung daran festzuhalten, dass ein Mittel besser wirken soll als Placebo? Es ist doch die Alternative: „Placebo“ oder „Placebo plus spezifische Wirkung“, die zur Wahl steht. Also warum nicht ein Mittel, das beides bietet? Weshalb plädiert „Kontext“ – wenn ich das richtig versteht – für die verstärkte Berücksichtigung von „Nur Placebo“ statt für „Placebo plus spezifische Wirkung“? Das würde meiner Ansicht nach nämlich bedeuten: Wenn Firma XY behauptet, ihr Heilmittel Z. wirke gegen Krebs, dann müsste die Grundversicherung Z. bezahlen, wenn Z. (wie jedes Mittel) einen Placebo-Effekt hat und (wie jedes Mittel, das einen Placebo-Effekt hat) einen Nutzen darlegen kann. Auf die Forderung nach einer Wirkung über den Placebo-Effekt hinaus wird somit verzichtet.

Der Kern dieser fraglichen Punkte ist meines Erachtens:

Wer für die Abrechnung via Grundversicherung auf die Forderung verzichten will, dass ein Heilmittel oder eine Heilmethode zusätzlich zum Placebo-Effekt noch eine spezifische Wirkung hat, wer also auch nur den reinen Placebo-Effekt aus der Grundversicherung zahlen will, wenn ein „Nutzen“ gegeben ist, der muss sehr genau darlegen, was er oder sie genau unter „Nutzen“ versteht und wie dieser „Nutzen“ erfasst und bewertet wird. Denn weil jedes Heilmittel und jede Heilmethode einen Placebo-Effekt hat, hat auch jedes Heilmittel und jede Heilmethode einen Nutzen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
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Phytotherapie als Komplementärmedizin-Methode in die Grundversicherung – was bringt’s?

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Letzte Woche wurde bekannt, dass die Eidgenössische Leistungskommission (ELGK) dem Bundesrat empfiehlt, fünf Methoden der Komplementärmedizin nicht wieder in die obligatorische Grundversicherung aufzunehmen. Gemäss Entscheid der ELGK genügen die zur Diskussion stehenden Methoden Homöopathie,  Anthroposophische Medizin, Traditionelle Chinesische Medizin, Phytotherapie und Neuraltherapie den Anforderungen des Krankenversicherungsgesetzes nicht. Dieses verlangt Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit.

Der Entscheid wurde von Befürwortern der Komplementärmedizin im Parlament heftig kritisiert.

Entscheiden muss nun Bundesrat und Gesundheitsminister Didier Burkhalter.

Für die Phytotherapie wirft dies einige Fragen auf.

1. Was bringt es den Patientinnen und Patienten, wenn Phytotherapie in die Grundversicherung aufgenommen würde?

Mir ist ein Nutzen nicht ersichtlich. Heute läuft es so:

Die Ärzte oder Ärztinnen machen eine normale medizinische Anamnese und Diagnostik, denn Phytotherapie hat keine eigene Diagnostik.

Dann wird entschieden, anstelle eines synthetischen Arzneimitttels ein pflanzliches zu verschreiben. Ist die Wirksamkeit dieses Phytotherapeutikums belegt, zahlt es die Grundversicherung bereits heute. Daran würde sich auch nach einer Aufnahme in die Grundversicherung nichts ändern.

Dem Entscheid von Bundesrat Didier Burkhalter kann man daher aus Sicht der

Phytotherapie meines Erachtens sehr gelassen entgegen sehen.

Hier stellt sich die Frage, weshalb überhaupt die Integration von Phytotherapie in die Grundversicherung gefordert wird, wenn doch reale Vorteile für Patientinnen und Patienten nicht ersichtlich sind.

Diese Forderung ist meines Erachtens tatsächlich leer, sie hat keinen Inhalt, aber sie kommt offenbar im „Volk“ gut an (weil das „Volk“ nicht weiss, dass es um nichts geht). Wenn Politikerinnen und Politiker Forderungen aufstellen, die inhaltsleer, aber wohl tönend sind, dann liegt die Vermutung sehr nah, dass wir es mit Populismus zu tun haben. Parlamentmitglieder wie Ständerat Rolf Büttiker (FDP, SO) und Nationalrätin Yvonne Gilli (Grüne, SG) kritisierten den Entscheid der ELGK heftig. In der Sendung „Rendez-vous“ von Radio DRS (8. 12. 2010) sprach Gilli von Skandal und streute Verdächtigungen, ohne sie zu belegen, und Büttiker verstieg sich gar zum Ausdruck „Stahlhelmentscheid“. Fundierte Argumente waren keine zu hören.

Woher kommt dieser Anflug von Fanatismus, Missionarismus und Kriegsrhetorik? Gilli und Büttiker sollten meiner Ansicht nach aufhören mit den schönen populistischen Schlagworten und auf eine inhaltliche Diskussion über die fünf Methoden einsteigen, wenn sie schon der ELGK jede Kompetenz absprechen.

2.  Gehört die Phytotherapie überhaupt zur Komplementärmedizin?

Meiner Ansicht nach nein. Phytotherapie gehört m. E. zur Naturheilkunde. Phytotherapie basiert auf einer medizinischen Diagnostik und sie ist in ihrem Kern kompatibel mit medizinischem Denken und Handeln. Fachliche Argumente für eine Zuordnung der Phytotherapie in die Komplementärmedizin sehe ich keine.

Siehe auch:

Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?

Naturheilkunde – was ist das?

Hier stellt sich die Frage, weshalb Phytotherapie in dieses „Fünfer-Päckli“ mit dem Etikett „Komplementärmedizin“ überhaupt aufgenommen wurde.

Meines Erachtens handelt es sich dabei um einen abstimmungstaktischen Entscheid und um geschicktes Lobbying. Phytotherapie ist von den fünf Methoden aus einem wissenschaftlichen Blickwinkel betrachtet am plausibelsten,  weltanschaulich neutral und in der Bevölkerung sind Heilpflanzen-Anwendungen gut verankert.

Die Integration der Phytotherapie wirkt sich gut aus auf die Glaubwürdigkeit des „Fünfer-Päckli“.

Die Auseinandersetzung über die Integration der Komplementärmedizin ist zu führen, weil der Wunsch in der Bevölkerung  offensichtlich ist. Aber nicht einfach über Schlagworte wie „Skandal“ oder „Stahlhelmentscheid“. Und auch nicht nur mit pauschalen, gut tönenden, aber fragwürdigen Begriffen wie „Komplementärmedizin“    (siehe dazu: Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff ).

Sondern konkret, inhaltlich und differenziert – bezogen auf die einzelnen Methoden. Denn die Komplementärmedizin als Methode gibt es nicht, der Begriff ist ziemlich fiktional. Unter diesem positiv besetzten Label segeln unterschiedlichste Verfahren, Weltbilder, Ideologien etc. Wer pauschal behauptet, dass die Komplementärmedizin wirksam und zweckmässig ist, blendet jedenfalls ziemlich viel aus.

Zudem wäre eine vertiefte Diskussion nötig über die Gründe für das zunehmende Bedürfnis nach Komplementärmedizin. Die liegen nämlich nicht einfach in den Defiziten der Medizin. Wer die Ursachen derart einseitig sieht, hätschelt Feindbilder. Nötig wäre beispielsweise eine Auseinandersetzung mit unseren Ansprüchen im Bereich von Krankheit und Gesundheit und mit den gesellschaftlichen und kulturellen Ursachen für die grosse Nachfrage nach „Komplementärmedizin“. „Komplementärmedizin“ deckt beispielsweise oft unerfüllte Sinnbedürfnisse. Über die Art und Weise, wie mit „Komplementärmedizin“ Sinnbedürfnisse gedeckt werden – und über allfällige daraus entstehende positive oder negative Nebenwirkungen – sollte meines Erachtens nachgedacht und diskutiert werden.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Komplementärmedizin: Expertenkommission lehnt Aufnahme in die obligatorische Krankenkassen-Grundversicherung ab

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Die Eidgenössische Leistungskommission (ELGK) empfiehlt Bundesrat Didier Burkhalter, keine der fünf zur Diskussion stehenden alternativen Heilmethoden wieder in die Grundversicherung aufzunehmen.
Der Tages-Anzeiger meldet am 8. 12. 2010:

„Man sei zum Schluss gekommen, dass weder die Homöopathie noch die Neuraltherapie, die Phytotherapie, die chinesische oder die anthroposophische Medizin  wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich genug seien, um von der Krankenkasse bezahlt zu werden. Wolle man diese Kassenpflicht einführen, so die ELGK, sei das Gesetz zu ändern.
Definitiv entscheiden muss diese Frage nun Gesundheitsminister Didier Burkhalter.“

Kommentar & Ergänzung:

1. Zur sorgfältigen Beurteilung dieser Empfehlung der ELGK müsste die detaillierte Begründung vorliegen. Es ist zu hoffen, dass diese Begründung rasch publiziert wird.

2. Anerkennenswert ist meines Erachtens, dass die ELGK dem populistischen Druck aus dem Parlament stand gehalten hat. Parlamentsmitglieder wie beispielsweise Ständerat Rolf Büttiker (FDP, SO) und Nationalrätin Yvonne Gilli (Grüne, SG), aber auch die ehemalige Ständerätin und jetzige Bundesrätin Simonetta Sommaruga (SP, BE) stellen meines Erachtens die Lage sehr verzerrt dar. Sie erwecken den Eindruck, dass die Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit der Komplementärmedizin über alle Zweifel erhaben sei, und nur missgünstige und böswillige Behörden dies nicht zur Kenntnis nehmen.
Beispiele siehe:

Falschaussage von Simonetta Sommaruga

Fragen an Ständerat Rolf Büttiker

Damit wird meines Erachtens die Öffentlichkeit getäuscht. Den Stimmberechtigten wurde schon bei der Abstimmung vorgegaukelt, mit der Annahme des Verfassungsartikels zur Förderung der Komplementärmedizin sei die Wiederaufnahme der fünf Komplementärmedizin-Methoden zu erreichen. Unterschlagen wurde dabei, dass die Forderung des Krankenversicherungsgesetzes – Wirksamkeit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit – damit nicht einfach aufgehoben werden.
Der populistische Druck auf das Bundesamt für Gesundheit, wie er in den letzten Wochen zum Beispiel von Nationalrätin Yvonne Gilli (Grüne, SG) und Ständerat Rolf Büttiker (FDP, SO) aufgebaut wurde, ist meines Erachtens ein Druck, sich über das Krankenversicherungsgesetz hinweg zu setzen. Genauso wie schon seit Jahren Präparate der Homöopathie und der Anthroposophischen Medizin ohne Wirksamkeitsnachweis über die Grundversicherung abgerechnet werden, obwohl dafür eine gesetzliche Grundlage bisher nicht ersichtlich ist.
Siehe dazu: Bundesamt für Gesundheit: Nebulöse Bevorzugung von Homöopathie und Anthroposophischer Medizin

3. Der vom KVG geforderte Wirksamkeitsnachweis ist nur zum kleinen Teil erbracht

Der Nachweis der Wirksamkeit, wie sie das Krankenversicherungsgesetz fordert, ist in der Komplementärmedizin über weite Strecken nicht erbracht, auch wenn Ständerat Rolf Büttiker und Nationalrätin Yvonne Gilli das anders darstellen und dadurch meines Erachtens die Öffentlichkeit fälschlicherweise aufputschen.

In der Anthroposophischen Medizin beispielsweise ist die Misteltherapie bei Krebs mit grossem Abstand am besten untersucht. Stellungnahmen von Medizinerinnen und Medizinern aus der komplementärmedizinischen Onkologie und systemische Auswertungen der vorliegenden Studien zeigen aber, dass die Wirksamkeit dieser Behandlung keineswegs so klar gesichert ist, wie es die Komplementärmedizin-Lobby darstellt.

Siehe dazu: Misteltherapie gegen Krebs – wirksam?

Im Bereich der Homöopathie hat das Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité Berlin eine kompakte Zusammenfassung des gegenwärtigen Stand der Forschung publiziert:

http://www.charite.de/epidemiologie/downloads/Informationen_Homoeopathie.pdf

Es handelt sich hier um eine homöopathiefreundliche Interpretation. Der Lehrstuhl von Prof. Claudia Witt wird von der Karl und Veronica Carstens Stiftung finanziert, deren Zweck die Förderung der Homöopathie-Forschung ist. Homöopathiekritische Interpretationen kommen zu negativeren Ergebnissen.

Von der Carstens-Stiftung unterstützt wird auch Tobias Nuhn, der in seiner Dissertation schreibt:

„Mögliche Konsequenzen für die zukünftige Beurteilung der Ergebnisse placebokontrollierter Studien zur klassischen Homöopathie: In der hier vorgelegten Studie variierte die Größe des Placeboeffekts zwar deutlich zwischen einzelnen Studien (abhängig vom betrachteten Erkrankungstyp, der Studiendauer etc.), jedoch nicht im Sinne eines grundsätzlich größeren Placeboeffektes in Studien der klassischen Homöopathie. Die Untersuchungsergebnisse sprechen daher für die herkömmliche Auffassung und Nullhypothese dieser Arbeit, dass der Placeboeffekt bei vergleichbarem Design in homöopathischen und konventionellen Studien ähnlich groß ausfällt. Der fehlende Wirksamkeitsnachweis der klassischen Homöopathie kann demnach nicht über die Größe der auftretenden Placeboeffekte erklärt werden, sondern vielmehr durch einen nicht ausreichend großen Verumeffekt.“

(Verum  = das zu testende Medikament im Gegensatz zum Scheinmedikament / Placebo; M.K.)

Quelle: http://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-16135/Tobias%20Nuhn%2C%20Dissertation.pdf

Aus:   Die Placebo-Problematik in klinischen Studien der Klassischen Homöopathie, Dissertation von Tobias Nuhn, S. 85

Entscheidend ist der letzte Satz:
„Der fehlende Wirksamkeitsnachweis der klassischen Homöopathie kann demnach nicht über die Größe der auftretenden Placeboeffekte erklärt werden, sondern vielmehr durch einen nicht ausreichend großen Verumeffekt.“

Mit anderen Worten: Der Effekt der Globuli ist nicht ausreichend gross, um einen Wirksamkeitsnachweis zu ermöglichen.

Die Aussagen von Witt und Nuhn zeigen, dass auch die Wirksamkeit der Homöopathie nicht annähernd so eindeutig belegt ist, wie die Komplementärmedizin-Lobby dies darstellt. Und diese beiden Fachleute können nicht einfach als „Homöopathie-Feinde“ verunglimpft werden, wie dies die“Homöopathie-Szene“ gerne mit Kritikern macht.

Zu diesem Punkt möchte ich allerdings festhalten: Dass die Anwendung von Homöopathie in manchen Fällen mit einer Besserung einhergeht, scheint mir nicht  zu bezweifeln. Dies abzustreiten würde einfach der Erfahrung vieler Menschen entgegenlaufen. Dass eine solche Besserung mit einer spezifischen Wirkung der Globuli zusammenhängt, konnte bisher nicht gezeigt werden. Die Zusammenfasung der Charité deutet an, dass ein grosser Teil der Wirkung von therapeutischen Kontext stammen könnte. Nun kann man natürlich argumentieren, dass es für Patientinnen und Patienten unwichtig ist, ob die Wirkung vom Globuli, vom therapeutischen Kontext, von den Selbstheilungskräften oder ähnlichen Einflüssen herkommt.

Für die Entscheidung, welche Leistungen durch die Grundversicherung zu bezahlen sind, ist die Frage aber nicht so leicht zu umgehen. Lässt man nämlich das Kriterium einer spezifischen und durch Studien belegten Wirkung weg, dann gelten sollen. Einfach zu sagen: „Bezahlt wird, was dem Patienten gut tut“, ist zwar auf den ersten Blick einleuchtend, als Kriterium aber überhaupt nicht fassbar.

Auf dieser Basis scheint mir jedenfalls die Polemik gegen den Entscheid der ELGK nicht angemessen.

4. Kassenpflicht nicht ohne Änderung des Krankenversicherungsgesetzes

Wichtig in der Meldung des „Tages-Anzeigers“ ist folgender Satz:
„Wolle man diese Kassenpflicht einführen, so die ELGK, sei das Gesetz zu ändern.“

In diese Richtung äussert sich auch Markus Moser. Er arbeitete von 1987 bis 1997 als Leiter der Hauptabteilung Kranken- und Unfallversicherung im Bundesamt für Sozialversicherungen. Der Jurist gilt als Vater des 1996 in Kraft getretenen Krankenversicherungsgesetzes (KVG).

Im Interview mit der „Berner Zeitung“ hält Moser fest, dass der Verfassungsartikel zur Komplementärmedizin nicht klar formuliert ist und er empfiehlt das Krankenversicherungsgesetz zu ändern.

Im Artikel steht nur: „Bund und Kantone sorgen im Rahmen ihrer Zuständigkeit für die Berücksichtigung der Komplementärmedizin.“

Markus Moser weißt zudem auf zwei Stellen im Abstimmungsbüchlein hin:

„Einige Parlamentarier sprachen sich für die Aufnahme wirksamer Methoden der Komplementärmedizin in den Leistungskatalog der Grundversicherung aus. Es bestand weitgehend Übereinstimmung darüber, dass auch komplementärmedizinische Leistungen den Kriterien der Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit zu genügen haben.“

„Sollten jedoch für Komplementärmedizin andere Kriterien gelten oder der Nachweis für Wirksamkeit nach einem anderen Verfahren erbracht werden, müsste das Gesetz entsprechend angepasst werden.“

Quelle: http://www.bernerzeitung.ch/schweiz/standard/Markus-Moser-Der-Verfassungsartikel-ist-nicht-klar/story/25207479

Statt populistisch Druck auf das BAG zu machen, damit dieses das Krankenversicherungsgesetz übergeht, sollten die Befürworter der Komplementärmedizin im Parlament selber Verantwortung übernehmen  und das Krankenversicherungsgesetz in ihrem Sinne ändern.

Das Parlament hat es in der Hand, das Kriterium „Wirksamkeit“ als Bedingung für die Aufnahme in die Grundversicherung abzuschaffen.

Allerdings müssen dann diejenigen Parlamentsmitglieder, die jetzt wie zum Beispiel Rolf Büttiker und Yvonne Gilli so laut ausrufen, offenlegen, nach welchen Kriterien sie entscheiden, was von der Grundversicherung bezahlt wird und was nicht. Das wird dann aber eine heisse Diskussion, denn es ist ziemlich schwierig, transparente und nachvollziehbare Kriterien zu finden, wenn man wissenschaftliche Kriterien ausklammert.
Anstelle der bisherigen Kriterien WZW (Wirksamkeit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit) könnte das Parlament ja, wenn es konsequent die Verantwortung übernehmen würde, umstellen auf BZW (Beliebtheit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit).

Oder BZW (Beliebigkeit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit).

Hört man die aktuellen Stellungnahmen aus dem Parlament zur Empfehlung der ELGK, so wäre dies nur folgerichtig.

Eine ernsthafte Diskussion würde sich aber inhaltlich und differenziert mit den einzelnen Methoden auseinandersetzen und nicht einfach pauschal mit dem wohl klingenden Schlagwort „Komplementärmedizin“ operieren.

Siehe dazu: Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital
Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Mistel-Therapie gegen Krebs – wirksam?

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Die Krebsbehandlung mit Mistelpräparaten ist beliebt. Fachleute sind allerdings skeptisch: Die Wirksamkeit der Misteltherapie ist nicht belegt.

Den Anstoß zur Therapie von Krebserkrankungen mit Mistelpräparaten gab der Begründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner, im Jahr 1916.

1917 entwickelte die Ärztin Ita Wegman das erste Mistelpräparat – seitdem hat sich die Mistelbehandlung zur häufigsten alternativen Krebsbehandlungsmethode im deutschsprachigen Raum entwickelt.

In der Schweiz liegen dem Bundesamt für Gesundheit zurzeit Gesuche von fünf Methoden der Komplementärmedizin vor, in denen es um deren Aufnahme in die Grundversicherung der Krankenkassen geht.

Laut Krankenversicherungsgesetz müssen die Methoden wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sein, um in die Grundversicherung aufgenommen zu werden (WZW-Kritierien).

Für die Anthroposophische Medizin ist dabei die Misteltherapie zentral, weil zu dieser viele Studien vorliegen, die nach Ansicht der Anthroposophen die Wirksamkeit belegen. Die Vertreterinnen und Vertreter der Anthroposophischen Medizin sind jedenfalls überzeugt, dass ihr Gesuch die  WZW-Kriterien belegt. So schreibt zum Beispiel Danielle Lemann, Fachärztin FMH für Allgemeine und Anthroposophische Medizin, in einem Leserbrief im Tages-Anzeiger vom 13. 10. 2010:

„Der neue Antrag ans Bundesamt für Gesundheit (BAG) enthält einen fundierten Wirksamkeitsnachweis, selbst der von den Schulmedizinern geforderte Doppelblindversuch ist gebührlich berücksichtigt.“

Das scheint mir Wunschdenken zu sein. Bezüglich der Misteltherapie jedenfalls fällt die Bewertung durch Fachleute nicht so eindeutig aus.

Aus Studien lassen sich Hinweise darauf finden, wonach Misteltherapie das Immunsystem stärken und die Lebensqualität verbessern kann.

„In der Regel wird dem Patienten während oder nach einer konventionellen Krebstherapie täglich ein Mistelpräparat unter die Haut gespritzt. Dabei finden Mistelpräparate unterschiedlicher Wirtsbäume Verwendung“(1), erklärt Gunver Kienle, Ärztin am Institut für angewandte Erkenntnistheorie und medizinische Methodologie (IFAEMM) in Freiburg.

„Die Behandlung kann über einige Wochen, aber auch über Jahre erfolgen – häufig mit dem Ziel, den Organismus und das Immunsystem zu stärken und möglicherweise auch das Tumorwachstum zu reduzieren.“(1)

Paradoxerweise gehört die Mistelbehandlung zwar zu den am besten erforschten Behandlungsansätzen der Komplementärmedizin, eine eindeutige Aussage über ihre Wirksamkeit lässt sich aber bis heute nicht treffen. „Nach streng wissenschaftlichen Kriterien, die man auch bei der Überprüfung neuer Medikamente anlegen würde, lässt sich bisher keine verlässliche Wirkung auf das Tumorwachstum oder die Überlebenszeit bei Krebspatienten nachweisen“(1), stellt Markus Horneber fest, Leiter der Arbeitsgruppe Biologische Krebstherapie am Klinikum Nürnberg.

Gemeinsam mit Forschern aus Berlin, Freiburg und München hat der Mediziner im Jahr 2008 Studien zur Misteltherapie aus den letzten 30 Jahren analysiert. Gerade einmal 21 zuverlässige Untersuchungen spürten die Wissenschaftler auf. Sie deuten allerdings auf eine Verbesserung der Lebensqualität und eine generell gute Verträglichkeit der Mistelbehandlung hin.

„Insgesamt ist es schwierig, eine Gesamtaussage über die Wirksamkeit von Mistelextrakten zu treffen, denn die Studien zu diesem Thema unterscheiden sich stark in ihrer Methodik, den verwendeten Mistelextrakten und der Art der Anwendung“(1), erläutert Horneber. „Allerdings zeigen vielfache ärztliche Erfahrungen, dass Mistelextrakte durchaus Wirkungen haben, zum Beispiel auf das Immunsystem.“(1)

Dies zeigten auch die Untersuchungen von Gunver Kienle, die sich seit 1994 wissenschaftlich mit der Mistelbehandlung beschäftigt. „Aus tierexperimentellen Studien wissen wir, dass Mistelextrakte Immunprozesse stimulieren, was eine Relevanz für die Tumorabwehr hat“, berichtet Kienle. „Weiterhin wurde auch ein direkter hemmender Einfluss auf das Wachstum von Krebszellen dokumentiert.“(1)

Für eine längere Überlebenszeit von Krebspatienten oder eine Rückbildung von Tumoren hat aber auch Kienle keine definitiven Belege gefunden. „Allerdings zeigt sich in vielen Studien, dass die Therapie die Lebensqualität der Patienten verbessern kann: Sie fühlen sich kräftiger und weniger müde, haben weniger Infekte und berichten über weniger Übelkeit, Angst und niedergeschlagene Stimmung“(1), sagt die Forscherin.

In einigen Studien haben Wissenschaftler die Mistelextrakte auch direkt in oder um den Tumor gespritzt und dabei offenbar eine Verkleinerung beobachtet. „Allerdings sind Mistelpräparate für diese Applikation nicht zugelassen, so dass sie nur in sorgfältig kontrollierten Untersuchungen eingesetzt werden sollten“, erklärt Kienle. „Um die Wirksamkeit und Sicherheit dieser Anwendung zu überprüfen, sind wesentlich mehr Untersuchungen notwendig.“(1)

In einem Interview äusserte sich kürzlich auch Dr. med. Jutta Hübner zur Misteltherapie. Sie leitet die Palliativmedizin, die komplementäre und supportive Onkologie am Universitätsklinikum in Frankfurt am Main. Auf die Frage, was sie von der umstrittenen Misteltherapie halte, antwortet die Expertin:

„Ich empfehle sie nicht, weil mir die im Moment vorhandenen Daten nicht ausreichen. Möchte eine Patientin gerne Mistel nehmen, kann ich sie über die derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnisse informieren. In einigen Fällen, wie zum Beispiel bei Leukämien und Lymphomen, sollte eine Misteltherapie nicht angewendet werden. Bei Patientinnen, die nach einer Chemotherapie dann einen Versuch mit einer Misteltherapie machen möchten, um ihre Lebensqualität zu verbessern, spricht meist nichts dagegen.“ (2)

In der Zeitschrift „Der Hausarzt“ schreibt Dr. med. Berthold Musselmann,

Facharzt für Allgemeinmedizn mit Ausbildung in Naturheilverfahren:

„ Der subkutane, seltener der intravenöse Einsatz bei Krebs als komplementäre und palliative Therapie wirkt leistungssteigernd, stimmungsverbessernd und immunstimulierend.  Eine Lebensverlängerung bei Krebserkrankungen durch Mistel konnte in Studien allerdings nicht nachgewiesen werden.“ (3)

Die Cochrane Collaboration erstellt systematische Übersichtsarbeiten (systematic reviews) zur Bewertung von medizinischen Therapien.

Zur Misteltherapie existiert ein Cochrane Database of Systematic Reviews 2008:

„Studien zeigen verbesserte Lebensqualität bei Brustkrebspatientinnen während der Chemotherapie durch standardisierte Mistelextrakttherapie. Diese Daten müssen bestätigt werden!” (4)

Selbst die Verbesserung der Lebensqualität ist also noch ungenügend gesichert.

Und hier die Zusammenfassung einer neueren Cochrane Übersichtsstudie von 2010 aus der Österreichischen Apothekerzeitung:

„Ein Cochrane Review (Horneber M, 2010) analysierte Studien zu Wirksamkeit, Verträglichkeit und Sicherheit von Mistelpräparaten bei Krebspatienten. Die betrachteten Endpunkte der eingeschlossenen Studien (21; 3484 Patienten) waren u.a. Gesamtüberleben, Tumoransprechen, Lebensqualität und diverse psychologische Outcome-Parameter. Die Autoren schlussfolgern, dass die vorliegende Evidenz schwach ist, um die Annahme zu unterstützen, dass Mistelextrakte einen Einfluss auf die Gesamtüberlebenszeit haben, die Fähigkeit, den Krebs zu bekämpfen, erhöhen und die Verträglichkeit konventioneller Krebstherapien verbessern. Es gibt Evidenz zu einem positiven Einfluss standardisierter Mistelpräparate auf die Lebensqualität von Patientinnen mit Mammakarzinom und Chemotherapie. Die meisten Studien hatten jedoch methodische Schwachstellen, die laut amerikanischem National Cancer Institute (NCI), Zweifel an der Richtigkeit und Verallgemeinerbarkeit aufkommen lassen: geringe Patientenzahlen, hohe Therapieabbruch-Raten, inadäquate Kontrollgruppen und Randomisierung, Unklarheiten zur Dosierung und Anwendungsart sowie häufige Subgruppenanalysen. Aufgrund der vorliegenden Evidenz empfiehlt das NCI die Anwendung von Mistelpräparaten nur im Rahmen kontrollierter klinischer Studien (NCI PDQ Mistletoe extracts).“ (5)

Quellenangaben:

(1) http://www.welt.de/gesundheit/article10529435/Misteln-gegen-Krebs-Humbug-oder-Heilsbringer.html

(2) http://www.apotheken-umschau.de/Brustkrebs/Brustkrebs-Was-kann-ich-selbst-tun-77401.html

(3) Der Hausarzt, 2010/14:  31-36, http://www.springermedizin.de/abc-der-klassischen-phytotherapie/275054.html

(4) Quelle: http://www.tumorzentrum.uk-erlangen.de/e1846/e3928/e4113/inhalt4749/Sinnvolletherapiebegleitende_20100707.pdf

(5) Quelle: http://www3.apoverlag.at/pdf/files/OAZ/OAZ-2010/OAZ-2010-25.pdf,  Österreichische Apothekerzeitung 25 / 2010,   Autor:   Mag. pharm. Gunar Stemer

Kommentar & Ergänzung:

Rudolf Steiner prophezeite, dass die Mistel das Messer des Chirurgen einst ersetzen würde. Schaut man sich die Bewertungen der Studienlage durch die zitierten Fachleute an, scheint dieser Anspruch doch sehr überzogen. Und es handelt sich dabei nicht um Experten, die der Komplementärmedizin feindlich gesinnt sind. Das IFAEMM in Freiburg, an dem Gunver Kienle arbeitet, ist gar ein anthroposophisches Institut.

Für den Entscheid, ob man als Tumorpatientin oder Tumorpatient eine Misteltherapie nutzen will oder nicht, scheint mir die Kenntnis dieser Bewertungen wichtig.

Kennen sollte man mögliche Stärken bezüglich Verbesserung der Lebensqualität, aber auch die deutliche Schwäche wenn es um den Nachweis einer  Verlängerung der Lebenszeit geht. Informiert werden sollten Krebspatienten auch über die von Jutta Hübner, erwähnte Einschränkung, dass Mistelpräparate bei einigen Tumorarten wie zum Beispiel Leukämien und Lymphomen nicht angewendet werden sollten.

Wichtig zu wissen ist auch: Wenn Gunver Kienle von einem dokumentierten, direkten hemmenden Einfluss der Mistel auf das Wachstum von Krebszellen spricht, dann handelt es sich dabei um Laborexperimente an isoliertem Gewebe. Ob ein solcher Effekt auch im krebskranken Menschen stattfindet, ist damit keineswegs klar. Im Labor lassen sich sehr oft Wirkungen beobachten, die im lebenden Organismus nicht zu erzielen sind.

Dass Krebspatienten jede mögliche Therapieoption prüfen, ist sehr gut verständlich. Eine Stärke der Misteltherapie scheint mir darin zu liegen, dass sie ein Gefühl der Unterstützung vermittelt. Chemotherapien sind sehr einschneidend, aggressiv und von vielfältigen Nebenwirkungen begleitet. Sie als positive, hilfreiche Heilmittel zu erleben, dürfte dadurch vielen Betroffenen nicht leicht fallen. Die Misteltherapie bietet hier ein ganz anderes Konzept. Hier wird ein Mittel angeboten, das als gut verträglicher, unterstützender Helfer erlebt werden kann. Dass dieser zusätzliche positive Support wertvoll für Krebspatienten sein kann, scheint mir auf der Hand zu liegen.

Die Misteltherapie wird von den Krankenkassen aus der Grundversicherung bezahlt, auch wenn dafür eine gesetzliche Grundlage nicht ersichtlich ist und der Wirksamkeitsnachweis nie erbracht wurde. Präparate der Anthroposophischen Medizin sind genauso wie Präparate der Homöopathie vom Wirksamkeitsnachweis pauschal befreit.

Ob Heilmittel der Komplementärmedizin aus der Grundversicherung bezahlt werden oder nicht, ist ein Entscheid, der unabhängig bleibt vom jetzt bevorstehenden BAG-Entscheid, welche Komplementärmedizin-Methoden von der Grundversicherung bezahlt werden sollen.

Hoch problematisch ist meines Erachtens, dass die Anthroposophische Medizin regelmäßig „Präkanzerosen“ (= Vorstadium eines Krebses) als Ergebnis eines “Blutkristallisationstests” diagnostiziert, von dem völlig ungeklärt ist, ob er überhaupt etwas relevantes aussagt. Konkret besteht hier ein Risiko, dass nicht existierende Krebskrankheiten „entdeckt“ werden. Als Folge dieser angsterzeugenden Diagnose wird den Patienten in der Regel und rein vorsorglich zu Mistelinjektionen geraten. Mit den dabei meisteingesetzten Mistel-Präparaten “Iscador” (Weleda) und “Iscucin” (Wala), werden Millionenumsätze erzielt. Es besteht hier die Gefahr, dass Menschen durch die Anthroposophische Medizin medikalisiert werden: Es wird ihnen ein (real nicht vorliegender) Krankheitsbefund unterschoben, der anschliessend therapiert wird.

Wer sich für eine Misteltherapie interessiert, sollte meines Erachtens auch wissen, dass die Anthroposophische Medizin Krebserkrankungen mit Deutungen belegt, die durchaus fragwürdig sind.

Rudolf Steiner sprach nach Aussagen von Johannes Hoffmann, dem früheren ärztlichen Leiter der „Lukas Klinik zur Behandlung Geschwulstkranker auf anthroposophischer Erkenntnisbasis“, in den späteren Jahren vom Krebs immer als von einer ahrimanischen Erkrankung. Und die Mistel „mit ihrer Fähigkeit, Entzündungen hervorzurufen, hat mindestens ebenso viele luziferische wie ahrimanische Anteile, wenn man das überhaupt so formulieren will.“

(Quelle: http://www.windstosser.ch/museum/manuskript/allgem_u_historisch/6_1.pdf).

Ahriman (6) und Luzifer sind zwei anthroposophische Widersachermächte.

Rudolf Steiner in einem Vortrag zum Thema Ahriman und Karzinombildung:

„Denn nehmen Sie einmal an, es gelingt den ahrimanischen Mächten, im menschlichen

physischen Körper einen Sieg zu erringen über die luziferischen Mächte, über diejenigen Mächte, die den Menschen ganz durchsetzen wollen mit dem, was nur an der Oberfläche in den Sinnen sein soll, dann verfällt der Mensch durch diesen Sieg der ahrimanischen Mächte in solche Erkrankungen, wie Geschwulstbildungen, Karzinombildungen oder Stoffwechselkrankheiten, wie Diabetes, Zuckerkrankheit.

Wenn irgendwo in einer physichen Menschennatur diese Krankheiten auftreten, dann hat Ahriman gegen Luzifer einen Sieg errungen, der aber damit verknüpft ist, dass die physische Natur des Menschen zeitweilig ruiniert ist. Dann taugt diese physische Natur dem Ahriman nicht dazu, die Instinkte, Triebe herauszureissen und sein eigenes Geschlecht daraus zu bilden. Daraus bekommen Sie eine vielleicht paradoxe, aber richtige Ansicht von der Krankheit. Sie ist in vielen Fällen das einzige Mittel der guten Mächte, den Menschen vor den Fängen von Ahriman zu retten.“

(GA 218, Vortrag 16. 11. 1922))

Es steht jedem Menschen frei, solche Geistergeschichten zu glauben, doch wäre es meines Erachtens aus Gründen der Transparenz wünschenswert, wenn die Anthroposophische Medizin die Voraussetzungen, von denen aus sie operiert, offen legen würde. Das gilt auch für einen zweiten zentralen Glaubenssatz der Anthroposophischen Medizin, der Überzeugung, dass Krankheit und Behinderung durch moralisches Versagen in einem früheren Leben verursacht werden. Diese Aspekte der Anthroposophischen Medizin müssten in der Öffentlichkeit diskutiert werden, wenn es um die Frage geht, ob dieser Ansatz von den Krankenkassen via Grundversicherung bezahlt werden soll.

Weiter Info:

Abstimmung Komplementärmedizin – kritische Fragen an Simonetta Sommaruga zur Förderung der Anthroposophischen Medizin

Komplementärmedizin-Abstimmung: Kritische Fragen zur anthroposophischen Medizin

Anthroposophische Pflege – offene Fragen

(6) Die Anthroposophie sieht in Ahriman ein Wesen, das in schädlicher Überspitzung des materialistisch-technischen Verstandes den Gegenpol zum rauschhaft schwelgenden, weltflüchtigen Luzifer bildet. Der Mensch müsse in sich mit Christi Hilfe die Mitte zwischen den beiden Wesen und deren Qualitäten halten.

Ahriman sei ein Geist, begabt mit einer die menschliche Fassungskraft übersteigenden, durchdringenden aber kalten Intelligenz, die er jedoch begierig in sich verschließe. Im Gegensatz zu Luzifer erscheine er daher als der Geist der Finsternis und der Widermächte, welcher der Menschenseele den Zugang zur seelisch-geistigen Welt verdunkeln und versperren möchte, um ihr Bewusstsein immer mehr an die physische Leiblichkeit zu ketten und einzuschränken.

(Quelle: Wikipedia)

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

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Komplementärmedizin auf dem Weg in die Grundversicherung? Mission impossible?

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Die „Weltwoche“ veröffentlichte am 4. 11. 2010 online einen Artikel unter dem Titel „’Mission impossible’ bei der Komplementärmedizin“. Autor Alex Reichmuth schreibt:

„ Die Bundesverwaltung muss entscheiden, wie weit alternative Heilmethoden in der Grundversicherung berücksichtigt werden. Sie steht vor einem unerfüllbaren Auftrag.“

Das sehe ich genau so. Weiter schreibt die „Weltwoche“:

„Die Verantwortlichen beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) sind nicht zu beneiden. Im letzten Jahr hat das Stimmvolk mit 67 Prozent Ja entschieden, dass fünf alternative Heilmethoden im Gesundheitswesen stärker berücksichtigt werden sollen. Bis Ende Jahr muss das BAG nun entscheiden, ob und wie weit die Leistungen der Homöopathie, der Neuraltherapie, der Phytotherapie, der anthroposophischen Medizin und der traditionellen chinesischen Medizin Aufnahme in die Krankengrundversicherung finden. Das Problem dabei ist, dass die Wirkung von Leistungen, die die Krankenkasse übernimmt, nach wissenschaftlichen Methoden nachgewiesen sein muss. So verlangt es das Gesetz.“

Wie wahr. Das BAG ist tatsächlich nicht zu beneiden, denn es steht massiv unter Druck und befindet sich in einem kaum lösbaren Dilemma.

Druck kommt von diesem Volksentscheid im Mai 2009, bei dem 67 % der Stimmenden für einen Verfassungsartikel zur Förderung der Komplementärmedizin votierten. Der Verfassungsartikel ist zwar vage formuliert. Er verlangt eine Berücksichtigung der Komplementärmedizin durch Bund und Kantone und sagt nichts über konkrete Methoden aus. Doch die Befürworter der Vorlage im Parlament versprachen, dass bei einem JA die fünf Methoden wieder in die Grundversicherung aufgenommen würden. Und sie blendeten dabei einfach aus, dass das Krankenversicherungsgesetz auch weiterhin „Wirksamkeit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit (WZW)“ als Bedingung für eine Aufnahme in die Grundversicherung fordert.

Genauer gesagt: Sie gingen wohl fraglos davon aus, dass die fünf Methoden diese Kriterien erfüllen, was ziemlich naiv ist. Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger wurden meiner Ansicht nach hier in die Irre geführt.

Dazu kommt noch, dass die Stimmenden nur marginalst über die Thematik im Bilde waren. Die meisten Leute, die ich gefragt habe, gingen davon aus, dass es bei der Abstimmung darum gehe, dass Medikamente beispielsweise der Homöopathie und der Anthroposophischen Medizin von den Krankenkassen bezahlt würden. Dabei werden diese Präparate schon seit 1996 von der Grundversicherung bezahlt – und zwar befreit vom Wirkungsnachweis und ohne ersichtliche gesetzliche Grundlage. Ganz abgesehen davon, dass viele Leute kaum den Unterschied zwischen einem Kamillentee und einem Homöopathikum kennen…….

Unter Druck kommt das BAG auch aus dem Parlament. Hier kommt die andauernde Forderung nach pauschaler Aufnahme dieser fünf Komplementärmedizin-Methoden, wieder unter Ausblendung der Tatsache, dass die vom Gesetz geforderte Wirksamkeit keineswegs so pauschal feststeht. Würde das Parlament seine Verantwortung wahrnehmen, dann würde es statt in populistische Rhetorik zu verfallen das Krankenversicherungsgesetz ändern und das Kriterium „Wirksamkeit“ streichen – und nicht den Schwarzen Peter einfach ans BAG weiterreichen. Die Parlamentsmehrheit reitet meines Erachtens auf einer Populismuswelle: Das “Volk“ will Komplementärmedizin. also geben wir ihm, was es wünscht. Dabei geht jede differenzierte Auseinandersetzung mit dem komplexen Thema unter.

Die „Weltwoche“ schreibt in ihrem Artikel:

„ Die Unterscheidung in Schulmedizin und Komplementärmedizin ist im Grunde eine einfache: Alles, was auf Wissenschaftlichkeit beruht, zählt zur Schulmedizin. Wo es hingegen nur um behauptete Wirkungen geht, die wissenschaftlich nicht belegt sind, handelt es sich um Komplementärmedizin. Die Wirksamkeit der Homöopathie beispielsweise kann wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden. Aufgrund des Konzepts der Homöopathie ist auch nicht zu erwarten, dass je eine Wirksamkeit belegt werden kann, die über den Placeboeffekt hinausgeht. Damit komplementär-medizinische Leistungen in den Grundversicherungskatalog kommen, müsste somit die Wirksamkeit von Methoden nachgewiesen werden, die wissenschaftlich eben nicht nachweisbar sind.“

Auch wenn das viele Leute, die der Komplementärmedizin nahestehen, nicht gerne hören: Alex Reichmuth bringt hier das Problem absolut auf den Punkt. Ich würde einzig die Verwendung des Begriffs „Schulmedizin“ in Frage stellen. Dieser diffamierende Kampfbegriff aus Homöopathie und Nationalsozialismus sollte meines Erachtens nicht mehr verwendet werden oder allenfalls noch zwischen Anführungs- und Schlusszeichen. Siehe dazu:

Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck

Was kann das BAG tun?

„ Das Bundesamt für Gesundheit hat in dieser Situation zwei Möglichkeiten: Es hält sich an das Gesetz und lehnt die Aufnahme alternativer Heilmethoden in die Grundversicherung vollumfänglich ab. Damit handelt es aber gegen den Volkswillen. Oder es respektiert den Volkswillen und nimmt die fünf Methoden auf. Das ist aber gegen das Gesetz und damit illegal.“

Das sehe ich etwas anders. Es gibt durchaus einen grösseren Bereich in der Phytotherapie, der wissenschaftlich anerkannt ist und das Kriterium der Wirksamkeit erfüllt. Nicht ganz ohne Grund gehen (unbestätigte) Gerüchte um, wonach die Phytotherapie für eine Aufnahme in die Grundversicherung vorgesehen sei. Der Clou dabei ist allerdings:

1. Fachlich gibt es meines Erachtens kaum Gründe, Phytotherapie zur Komplementärmedizin zu zählen. Dass Phytotherapie in diesem Fünfer-Päckli als Komplementärmethode auftaucht, scheint mir Folge von cleverem Lobbying im Hinblick auf die Abstimmung vom Mai 2009. Siehe dazu:

Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?

2. Sehr fraglich ist, was die Aufnahme der Phytotherapie in die Grundversicherung bringen würde. Kaum ein Arzt oder eine Ärztin wird Phytotherapie als Methode abrechnen. Üblich wird weiterhin sein: Es wird eine normale ärztliche Anamnese und Diagnostik gemacht, und am Schluss steht ein Entscheid, statt eines synthetischen Medikamentes ein Phytotherapeutikum zu verschreiben. Phytopharmaka, deren Wirkung durch Studien belegt ist, werden auch heute schon durch die Grundversicherung bezahlt (im Gegensatz zu den vom Wirksamkeitsnachweis befreiten Präparaten aus Homöopathie  und Anthroposophischer Medizin, die wie schon erwähnt ohne Wirksamkeitsnachweis bezahlt werden). Also wird da kaum etwas ändern.

Allenfalls profitiert die Phytotherapie beim Image, wenn sie in die Grundversicherung aufgenommen wird. Und es gibt möglicherweise den einen oder anderen Professorenposten für Vertreter der akademischen Phytotherapie.

Die Homöopathie zum Beispiel würde von einer Aufnahme in die Grundversicherung profitieren, weil ihre langen Gespräche unter dem Titel „Homöopathie“ dann abgerechnet werden könnten. Da wäre mein Vorschlag aber, dass allen Ärztinnen und Ärzten eine solche Gesprächszeitspanne zugestanden und bezahlt wird. Dann hätten nämlich alle gleich lange Spiesse und als Patient kann ich dann wählen, ob ich diese Gesprächszeit zum Beispiel  für Homöopathie, Information oder psycho-soziale Beratung einsetzen will. Dass mehr Zeit für Gespräch, Beratung und Information sich günstig auf die Behandlung und den Therapieerfolg auswirkt, scheint mir jedenfalls gut belegt.

„ Konsequenterweise müsste die Bundesverwaltung den unerfüllbaren Auftrag, über die Aufnahme der fünf alternativen Heilmethoden zu entscheiden, dem Bundesrat zurückgeben. Wäre auch der Bundesrat konsequent, müsste dieser das Parlament anschliessend beauftragen, den wissenschaftlichen Nachweis der Wirksamkeit aus dem Gesetz zu streichen, um dem Volkswillen nachkommen zu können. In Zukunft wäre Wissenschaftlichkeit bei der Krankengrundversicherung somit kein Kriterium mehr.“

Dann hätten wir statt WZW neu BZW (Beliebtheit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit).

„ Auch Anbieter von allerlei Voodoomedizin hätten die Chance, bald von der Kasse bezahlt zu werden: vom Handaufleger über den Geistheiler bis zu Uriella mit ihrem Badewasser. Würden diese Konsequenzen offen und transparent kommuniziert, gäbe es wohl einen grossen – und heilsamen – Aufschrei: Die Öffentlichkeit würde erkennen, welch unsinniger Volksentscheid 2009 getroffen wurde.“

So krasse Beispiele wie Uriella’s Badewasser würde ich hier zwar nicht wählen. Aber tendenziell sehe ich diesen Punkt sehr ähnlich. Wir hätten dann BZW im Sinne von: Beliebigkeit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit.

Die Frage ist wirklich und sehr ernsthaft: Welche Kriterien haben wir für die Aufnahme in die Grundversicherung, wenn wissenschaftlich geklärte Wirksamkeit wegfällt.

Nebelbegriff Alltagswirksamkeit

Das BAG in seinem heillosen Dilemma möchte nun  „Alltagswirksamkeit“ als Kriterium einführen.

(http://www.news.admin.ch/dokumentation/00002/00015/?lang=de&msg-id=32878)

„Alltagswirksamkeit“ ist nun genau ein solches Beliebigkeits-Kriterium. Für mich ist im Alltag Pilates wirksam. Warum soll – wenn Alltagswirksamkeit Kriterium ist – meine Pilates-Lektion nicht auch aus der Grundversicherung bezahlt werden?

Eine sehr prägnante Stellungnahme zum Kriterium „Alltagswirksamkeit“ findet sich auf der Website der Schweizerische Gesellschaft der Vertrauens- und Versicherungsärzte (SGV):

„Im Sumpf methodischer Ungewissheiten pflegen seltsame Pflanzen Blüten zu treiben. In deren ästhetischer Hitliste darf zweifelsohne der neue Begriff der ‚Alltagswirksamkeit’ aus dem Hause BAG den ersten Platz beanspruchen. Abgesehen davon, dass er zu sarkastischen Fragen wie ‚Fallen Sonntage und allgemeine Feiertage auch unter den Begriff?’ oder ‚Sind Tage mit extremen klimatischen Bedingungen auch als Alltag einzustufen?’ provoziert, wird hier irreversibel der Abstieg des Diskurses in die massenmediale Blödelei vollzogen, wo sich nicht wenige Gesundheitspolitiker wohlig tummeln. Womit angedeutet ist, welcher faktische Schaden durch solches Nebelgranatenschiessen bewirkt werden kann.“

(Quelle: http://www.vertrauensaerzte.ch/manual/chapter41.html )

Bisher ist es mir nicht gelungen, vom BAG eine Stellungnahme zu bekommen dazu,  wie denn diese Alltagswirksamkeit festgestellt werden soll. Ich bleibe aber dran.

Ich bin ja sehr gespannt, wie dieses Dilemma gelöst oder umgangen wird. Die Probleme, die bei der Umsetzung dieses Verfassungsartikels noch auf uns zu kommen werden, haben vor allem damit zu tun, dass schon im Vorfeld dieser Abstimmung sehr einseitig informiert wurde und Wunschdenken die Stellungnahmen beherrschte.

Verschärft werden die Probleme dadurch, dass im Parlament beim Thema Komplementärmedizin Anhängerinnen und Anhänger von Homöopathie und Anthroposopischer Medizin federführend sind. Eine kritische Reflexion auch über die Schwachpunkte dieser Methoden ist hier nicht erkennbar. Der überwiegende Teil der Parlamentarierinnen und Parlamentarier hat  aber keinen Schimmer von den Methoden, um welche es da geht – und surft einfach auf der Populismuswelle.

Quelle:

http://www.weltwoche.ch/onlineexklusiv/details/article/mission-impossible-bei-der-komplementaermedizin.html

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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www.phytotherapie-seminare.ch

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Komplementärmedizin im „Club“ auf SF DRS – Populismus und einseitige Suggestivfragen

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Am 12. Oktober brachte die Sendung „Club“ auf SF DRS eine Diskussionsrunde zum Thema Komplementärmedizin. Auf der Website wird die Sendung ziemlich einseitig-polemisch angekündigt. Ein Beispiel für den in vielen Medien weit verbreiteten undifferenzierten, unkritischen und oberflächlichen Umgang mit diesem Thema.

Und so kommt die Ankündigung daher:

„Homöopathie – bald nur noch für Reiche?

2009 hat das Schweizer Stimmvolk deutlich Ja gesagt zur Komplementärmedizin. Trotzdem sollen künftig nur zwei von fünf Behandlungsmethoden durch die Grundversicherung abgedeckt werden. Wird somit der Volkswille umgangen? Warum sollen diese Heilmethoden nicht jedermann zugänglich sein?
Bei Röbi Koller diskutieren Befürworter und Gegner von Komplementärmedizin.“

http://www.sendungen.sf.tv/club/Sendungen/Club

Es ist zwar korrekt, dass das Schweizer Stimmvolk 2009 deutlich Ja gesagt hat zum Verfassungsartikel zur Förderung der Komplementärmedizin. Allerdings zu einem sehr vagen, allgemeinen Artikel, der eine Berücksichtigung der Komplementärmedizin durch Bund und Kantone verlangt und im Detail nichts festlegt.

Damit ist allerdings das Krankenversicherungsgesetz, welches für die Grundversicherung Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit verlangt, nicht ausser Kraft gesetzt.

Die Ankündigung auf der Website des „Club“ suggeriert aber, dass der „Volkswille“ entscheidet. Das ist Populismus, wie man ihn schöner nicht demonstrieren könnte. Das „Volk“ hatte keine Gelegenheit, über einzelne Methoden abzustimmen. Ihm wurde ein vager Verfassungsartikel vorgelegt, weil so am meisten Zustimmung zu holen und am wenigsten Widerstand zu erwarten war.

Das „Volk“ konnte nur die Frage beantworten: Wollen wir Komplementärmedizin in unserem Gesundheitswesen fördern, Ja oder Nein?

Diese Frage ist so sinnvoll wie die Frage: Sind Pilze essbar, Ja oder Nein?

Hätte das „Volk“ über einzelne Methoden abstimmen können, hätte das wohl ziemlich harte Diskussionen ausgelöst, das Ergebnis wäre weniger traumhaft, aber dafür differenzierter gewesen.

Die Ankündigung auf der Website des „Clubs“ von SF DRS ist populistisch, weil sie den (angeblichen) „Volkswillen“ als absolute Instanz hinstellt. Aber auch für das „Volk“ gilt das Krankenversicherungsgesetz, welches von den Volksvertretern beschlossen wurde.

Die Volksvertreter könnten das Kriterium „Wirksamkeit“ im Gesetz auch abschaffen oder aufweichen. Bemühungen dazu gibt es von Seiten der Komplementärmedizin-Lobby. Das würde darauf hinauslaufen, dass anstelle von „Wirksamkeit“ mehr die „Beliebtheit“ einer Methode zum Kriterium dafür wird, ob eine Methode von der Grundversicherung bezahlt werden soll.

In diese Richtung neigte auch der Artikel im Tages-Anzeiger

Siehe.:

Komplementärmedizin: Aktuelles aus dem Bundeshaus

Beliebtheit ist aber als Kriterium höchst fragwürdig:

1. Beliebtheit hat mit Wirksamkeit oft wenig bis gar nichts zu tun. Die Medizingeschichte ist voll Methoden, die über Jahrhunderte sehr beliebt waren, sich aber irgendwann als unsinnig oder gar gefährlich heraus gestellt haben. Ein Beispiel dafür ist der Aderlass.

2. Eine Heilmethode ist beliebt, wenn sie bestimmte Bedürfnisse befriedigt, zum Beispiel nach einfachen Erklärungen, nach Sinngebung, nach schnellen Lösungen, nach Hoffnung, nach Zuwendung, nach dem Wunderbaren etc.

Bedürfnisse notabene, die man differenziert anschauen müsste.

Im antiken Rom waren die „Methodiker“ sehr beliebt, sie verordneten gerne Wein, Bäder und lange Spaziergänge….

3. Beliebtheit ist voll abhängig von guten Marketingstrategien und Lobbying-Strategien. Wenn Wirksamkeit als Kriterium durch Beliebtheit ersetzt wird, dann haben wir in der Grundversicherung einfach das, was am cleversten verkauft wird.

4. Beliebtheit ist sehr individuell und schwer fassbar.

Man könnte natürlich eine Umfrage machen und die fünf beliebtesten Methoden in die Grundversicherung aufnehmen. Dann sind wir allerdings bei Punkt 3 und bei einer statistischen Beliebtheit.

Oder wir fassen Beliebtheit individuell auf und dann kann jede und jeder sein Steckenpferd über die Grundversicherung abrechnen. Mir selber tut Pilates gut. Wenn also der Nachweis von Wirksamkeit durch Beliebtheit ersetzt wird, möchte ich gerne anstelle von Homöopathie und Anthroposophischer Medizin Pilates über die Grundversicherung bezahlt haben. Auf Homöopathie und Anthroposophische Medizin festgelegt zu werden, würde ich in einem solchen Fall als Bevormundung auffassen.

5. Von Beliebtheit zu Beliebigkeit ist es ein kleiner Schritt.

Die „Club“-Sendung auf SF DRS selber war meinem Eindruck nach genauso einseitig-polemisch moderiert wie die Ankündigung auf der Website. Auf den Inhalt der Sendung werde ich später zurückkommen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
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www.phytotherapie-seminare.ch

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Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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