Kalorienreduktion verbessert Gedächtnisleistung

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Eine Senkung der Kalorienzufuhr um 30 Prozent über drei Monate verbessert das Gedächtnis und reduziert die Insulinkonzentrationen bei älteren Menschen deutlich. Für Nagetiere war dies schon seit einiger Zeit bekannt. Nun haben Wissenschaftler um Agnes Flöel von der Universität Münster untersucht, ob dieser Zusammenhang auch bei Menschen besteht. An der Studie waren 50 Personen im Alter von durchschnittlich 60 Jahren beteiligt, welche in drei Gruppen aufgeteilt wurden: Eine behielt ihre bisherige Ernährungsweise bei, eine zweite nahm verstärkt ungesättigte Fettsäuren zu sich, eine dritte Gruppe senkte die Kalorienzufuhr um 30 Prozent.

Die Teilnehmer mit der Kalorienreduktion schnitten in Gedächtnistests nach drei Monaten um 20 Prozent besser ab als vor der Diät, berichten die Forscher im Fachjournal «PNAS» (Doi: 10.1073/pnas.0808587106). Bei den Teilnehmenden aus den anderen beiden Gruppen verbesserte sich die Gedächtnisleistung nicht. Die Diätgruppe zeigte zudem niedrigere Blutglucose- und Insulinspiegel als vor der Ernährungsumstellung, was die verbesserten kognitiven Fähigkeiten erklären könnte. Denn tiefere Werte waren in früheren Untersuchungen mit einer verbesserten Hirnfunktion in Verbindung gebracht worden.

Quelle: www.pharmazeutische-zeitung.ch, 27.01.2009 l

Kommentar:

Eine zwanzigprozentige Verbesserung ist fast unglaublich.
Zur Verbesserung des Gedächtnisses werden unzählige Nahrungsergänzungsmittel empfohlen, aber auch Heilpflanzen-Präparate zum Beispiel auf der Basis von Ginkgo-biloba-Extrakten oder Ginseng-Extrakten. Es geht dabei immer darum, was wir alles noch zusätzlich einnehmen könnten, um die Gedächtnisleistung zu verbessern. Interessanterweise legt diese Studie das Gegenteil nahe, nämlich nicht mehr, sondern weniger.
Dass tiefere Blutglukose- und Insulinspiegel mit einer verbesserten Hirnfunktion zusammenhängen sollen, scheint mir auch sehr interessant.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen
www.phytotherapie-seminare.ch

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Jedes dritte Antibiotikum unnötig verordnet

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Ärzte verordnen Antibiotika häufig nicht korrekt. Eine Untersuchung an drei Walliser Spitälern fand über einen Drittel unnötige Verschreibungen. Und war eine Antibiotikatherapie sinnvoll, verschrieb sie der Arzt in fast der Hälfte aller Fälle nicht korrekt.

Die Forscher um Nicolas Troillet vom Zentralinstitut der Walliser Spitäler untersuchten die Krankenakten von total 600 Patienten, denen zwischen November 2002 und April 2003 ein Antibiotikum verordnet worden war. Sie kamen zum Resultat, dass ein Antibiotikum nur in 62,9 Prozent der Fälle das Mittel der Wahl war.

Viele unnötige Verschreibungn gab es bei Patienten mit akuter Bronchitis, wie die Forscher im Fachmagazin „Journal of Hospital Infection“ berichten. Auch bei – zumeist älteren – Patienten mit Bakterien im Urin, jedoch ohne Infektionssymptome, griffen die Ärzte häufig auf Antibiotika zurück.

War eine Antibiotikabehandlung angezeigt, bekamen die Patienten nur in 55,1 Prozent das richtige Antibiotikum in der richtigen Dosierung und für die richtige Dauer. Zudem entschieden sich die Mediziner oft fälschlich für Tabletten statt für eine Injektion.

Die Wissenschaftler stellten fest, dass in der Studie die unnötig verordneten Antibiotika 20 Prozent der Gesamtkosten ausmachten. Diese Ausgaben könnten vollständig vermieden werden. Sie fanden jedoch auch, dass die unnötigen Medikamente deutlich günstiger waren als die ungeeigneten – wahrscheinlich, weil sie häufiger oral verabreicht werden.

Beim Vergleich zwischen den ungeeigneten und den richtigen Antibiotika ergibt sich ein weniger deutliches Bild: ungeeignete waren im Durchschnitt teurer, der Unterschied jedoch nicht signifikant. Trotzdem: Für die Wissenschaftler ist dies ein guter Grund, um Massnahmen für eine höhere Verschreibungsqualität voranzutreiben.

http://www.medical-tribune.ch/deutsch/news/news.php, 13. 2. 2009

Kommentar:

Die Resultate dieser Studie sind eindrücklich. Angesichts der weltweit zunehmenden Resistenzprobleme mit Antibiotika stellt sich die Frage, ob die Qualitätssicherung der Ärztegesellschaften hier versagt hat und ob die Weiterbildung den fachlichen Ansprüchen genügt.
Die Resistenzprobleme sind schon seit Jahren ein Thema. Meines Erachtens müsste ein solch niederschmetterndes Studienresultat Konsequenzen haben. Und das nicht nur im Wallis.
Dabei ist es mir wichtig festzuhalten, dass ich dies nicht aus einer Feindbildhaltung gegenüber der “Schulmedizin” heraus schreibe, wie sie leider in der Naturheilkunde-Szene weit verbreitet ist. Ich bin überzeugt davon, dass Antibiotika in vielen Fällen wichtige und lebensrettende Medikamente sind.
Im Übrigen könnte die Phytotherapie an manchen Punkten eine sinnvolle Alternative zu unnötigen Antibiotika-Behandlungen bieten. Zum Beispiel bei zwei Problempunkten, welche die Studie anspricht:
Bei akuter Bronchitis könnte beispielsweise Umckaloabo oder Meerrettichwurzel in Frage kommen.
Bei Bakterien im Urin und bei leichteren Fällen von Blasenentzündung (Zystitis) zeigt Preiselbeersaft eine gute Wirkung, und ebenfalls die Meerrettichwurzel.

Es wäre Zeit, an solchen Punkten über seriöse Alternativen aus der Phytotherapie ernsthaft nachzudenken. Das kann man nämlich, ohne dabei in eine extreme “Antibiotika-nie!”-Haltung zu fallen. Differenziertes Denken ist gefragt – und zwar auf Seiten von Medizin und Naturheilkunde.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

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Zürcher Zivilcourage Training

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Die meisten Leute bleiben passiv und schauen weg, wenn jemand angepöbelt oder gar verprügelt wird. Weshalb das so ist, untersuchen Zürcher Motivationspsychologen. Und sie haben auf der Basis der gewonnenen Erkenntnisse ein Zivilcourage-Training entwickelt
Doch warum schauen die Menschen weg? Veronika Brandstätter und ihr Team stellten dazu vier Hauptgründe fest:
– Man scheut vor einer Einmischung in die vermeintliche Privatsphäre anderer zurück.
– Man will sich nicht exponieren.
– Man weiss einfach nicht, was zu tun wäre.
– Man ist so aufgeregt, dass man nicht zum Handeln kommt.

Die verbreitete Passivität steht allerdings im Gegensatz dazu, dass viele Menschen durchaus aktiv werden möchten. «Es gibt eine Lücke zwischen Einstellung und Verhalten», sagt die Motivationspsychologin Veronika Brandstätter.
Dabei hat die Passivität manchmal fatale Folgen: Schweigen kann als Zustimmung fehlinterpretiert werden und die Gewaltbereitschaft sogar verstärken, indem es den Tätern die Rechtfertigung liefert, sie vollzögen ja nur das, was die schweigende Mehrheit will.

Doch was ist überhaupt Zivilcourage?

Zivilcourage, sagt die Forschung, ist das sichtbare Eintreten für die Wahrung von zivilgesellschaftlich demokratischen Grundrechten. Es geht also nicht nur um eine Spende an Amnesty International, sondern um ein sichtbares Aktivwerden für die Menschenwürde. Das braucht Mut, weil mit dem Einschreiten ein gewisses Risiko verbunden ist.

Mit zivilcouragiertem Handeln meint Veronika Brandstätter allerdings keine Heldentaten à la Leoluca Orlando, dem sizilianischen Mafiajäger. «Kleine Schritte statt Heldentaten», ist denn auch ein Motto des Zürcher Zivilcourage-Trainings (ZZT). Die zentrale Botschaft: Zivilcourage braucht es keineswegs nur in Diktaturen. Auch in unserem Alltag gibt es dazu genügend Gelegenheiten: Kleine, zu einem selbst passende Verhaltensweisen, die einem Klima von Gleichgültigkeit und abschätzigem Verhalten Einhalt gebieten können.

Ein zentrales Forschungsergebnis lautet so: Je häufiger sich eine Person in einer Situation befand, in der sie aktives Einschreiten einüben konnte, und je öfter sie dieses Einschreiten kompetent bewältigte, desto wahrscheinlicher ist es, dass Selbstvertrauen, Handlungsentschlossenheit und vor allem Handlungsroutine zunehmen. Es soll beim Einüben von Zivilcourage aber nicht darum gehen, Angstgefühle «wegzutrainieren», sondern darum, Verhaltensweisen zu entwickeln, die trotz Angst ausgeführt werden können.

Das Zürcher Zivilcourage Training (ZZT) vermittelt psychologisches Hintergrundwissen und entwickelt mit Rollenspielen und Übungen wirksame Strategien für das eigene Verhalten in kritischen Alltagssituationen.
Das ZZT basiert auf zwei Säulen. Es vermittelt relevantes Wissen und baut Handlungskompetenzen auf. «Das Spezielle an unserem Training», erklärt Veronika Brandstätter, «ist, dass wir den Teilnehmenden immer die relevanten aktuellsten Resultate aus der psychologischen Forschung präsentieren. So lassen sich Verhaltensänderungen leichter erreichen.» Diese Informationen werden mit den Erfahrungen der Teilnehmenden verknüpft, wobei den Teilnehmenden auch polizeilich erprobte Verhaltensweisen vermittelt werden, die sie in kritischen Situationen anwenden können. Schlussendlich geht es darum, praktikable Handlungspläne zu erarbeiten – keine vagen Absichtserklärungen, sondern konkrete, auf die einzelnen Teilnehmenden ausgerichtete Handlungspläne.

Quelle:
Paula Lafranconi, Couragiert handeln, Artikel auf www.uzh.ch (Universität Zürich, news, 29. 1. 2009)

Öffentlich zugängliche Kurse auf der Basis des Züricher Zivilcourage Trainings gibt es an der EB Zürich (Kantonale Berufsschule für Weiterbildung).
Infos:
http://www.eb-zuerich.ch/kursprogramm/persoenlichkeit-und-management/arbeitswelt-gesellschaft/zuercher-zivilcourage-training.html

Kommentar:

Sie fragen sich, was ein solcher Text in einem Pflanzenheilkunde-Blog zu suchen hat? – Ganz einfach: Wenn es um Gesundheit und Krankheit geht, darf sich eine wache Pflanzenheilkunde meines Erachtens nicht darauf beschränken, die passende Heilpflanze für die jeweiligen Beschwerden zu finden. Der Kontext, in dem wir Menschen leben, ist genauso im Auge zu behalten. Dazu gehört auch die Art und Weise unseres Zusammenlebens. Natürlich stehen solche Aspekte nicht im Zentrum von Pflanzenheilkunde bzw. Phytotherapie. Aber eine Sensibilität für solche Zusammenhänge sollten alle Personen pflegen, die in der Heilkunde tätig sind.
Leider zeigt sich auch im Bereich von Komplementärmedizin / Naturheilkunde verbreitet eine Fixierung auf das Individuum. Gesundheit und Krankheit sind aber immer auch gesellschaftlich beeinflusste Phänomene. Zivilcourage beispielsweise hat meiner Ansicht nach etwas mit Würde und Respekt zu tun – und zwar bei denen, die Zivilcourage ausüben genauso wie bei denen, welchen sie zugute kommt.
Und Würde und Respekt wirken sich meiner Überzeugung nach günstig auf die Gesundheit aus. Obwohl dies natürlich nicht durch doppelblind-randomisierte Studien belegt ist.

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Körperliche Bewegung beugt Dickdarmkrebs vor

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Wer körperlich aktiv ist, sei es berufsbedingt oder in der Freizeit, erkrankt deutlich seltener an einem Dickdarmkrebs (Kolonkarzinom). Zu diesem Resultat kommt eine Meta-Analyse im British Journal of Cancer (2009; doi: 10.1038/sj.bjc.6604917). Kathleen Wolin vom Siteman Cancer Center in St. Louis im US-Staat Missouri hat die Resultate von 52 Studien zusammengefasst, die seit den 1980er-Jahren den Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und Darmkrebs untersucht haben. Dabei schloss sie jene Untersuchungen aus, in denen nicht zwischen Kolon- und Rektumkarzinom (Enddarmkrebs) unterschieden wurde. Dem Krebs im Enddarm kann nämlich nach heutigem Wissensstand nicht durch Sport vorgebeugt werden. Für das Kolonkarzinom ist eine schützende Wirkung aber eindeutig (soweit dies aus Beobachtungs- und Fallkontrollstudien geschlossen werden kann). Menschen mit der größten körperlichen Betätigung erkrankten zu etwa einem Viertel seltener am Kolonkarzinom. Die Art der körperlichen Aktivität spielt keine Rolle. Ob Jogging, Radfahren, Schwimmen oder berufliche Tätigkeiten wie lange Fußwege, Heben oder Graben – die Hauptsache ist offenbar einfach, dass der Körper (und auch der Darm?) in Bewegung gerät. Diese Meinung vertritt auch ein Sprecher der britischen Stiftung Cancer UK, der zusätzlich die Bedeutung des Übergewichts als Risikofaktor betont. Rund die Hälfte der jährlich 13.000 Kolonkarzinome im Vereinigten Königreich seien durch eine Änderung des Lebensstils vermeidbar, heißt es in einer Pressemitteilung der Stiftung Cancer UK.

Quelle: http://www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp?id=35413

Kommentar:

Es ist immer wieder erstaunlich, in welchen Bereichen sich positive Effekte von körperlicher Aktivität zeigen. Mich selber motiviert vor allem die Natur zu körperlicher Bewegung: Heilpflanzen, Wildblumen, Schmetterlinge und viele andere kleine oder grössere Lebewesen locken zu Entdeckungen. Auch Landschaften wie die Lenk im Simmental oder das Hintere Lauterbrunnental bei Mürren faszinieren mich jedes Jahr von neuem. Bewegung in der Natur ist für mich die attraktivste Art körperlicher Aktivität. Und die Pflanzenheilkunde bietet beste Gelegenheiten, sich regelmässig zu Fuss auf Erkundungstouren zu begeben.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Forschungsprojekt verneint Risiko durch Amalgam-Füllungen

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Die Entfernung von Amalgamfüllungen bei Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Müdigkeit ist in der Regel unnötig. Solche Symptome könnten auch durch ein spezielles Gesundheitstraining und eine gesunde Lebensweise verschwinden. Die Metalllegierung jedenfalls verursache nur selten Beschwerden.

Zu diesem Resultat kommt ein fächerübergreifendes, insgesamt zwölf Jahre dauerndes Forschungsprojekt.

„Die Empfehlung aus dieser Studie ist: Eine Entfernung des Amalgams ist nicht die einzige Option gegen die Beschwerden“, hält Dieter Melchart vom Münchner Klinikum rechts der Isar fest. An dem Langzeitprojekt hatten mehrere universitäre Einrichtungen mitgewirkt. Die Leitung lag beim Zentrum für naturheilkundliche Forschung am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München.
Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass eindeutige Aussagen über die Schädlichkeit von Amalgam nicht gemacht werden können. „Mit Sicherheit besteht kein Zusammenhang mit viel Amalgam im Mund und hohen Beschwerden“, erklärt Melchart.

Quecksilber-Werte liegen weit unterhalb der Belastungsgrenze

„Allgemein schadet Amalgam nicht“, sagt auch Prof. Reinhard Hickel von der Zahnpoliklinik der Münchner Ludwig Maximilians-Universität. Die Patienten hatten in Fragebögen über 300 Symptome wie Konzentrationsstörungen mit ihren Amalgam-Füllungen in Verbindung gebracht.
Die Wissenschaftler fanden heraus, dass die anorganischen Quecksilberwerte im Blut von Patienten mit Amalgamfüllungen viermal höher waren als bei Menschen ohne solche Füllungen. Allerdings bewegten sich diese Werte weit unterhalb der kritischen Belastungsgrenze, berichtete der Toxikologe Prof. Stefan Halbach vom Helmholtz-Forschungszentrum in Neuherberg bei München. „Hier befinden wir uns im Dosis-Keller.“

Amalgam als Füllstoff

Amalgame sind Legierungen, die aus Quecksilber und anderen Metallen zusammengesetzt sind. Als Material für Zahnfüllungen werden sie eingesetzt, weil sie gut formbar sind und anschliessend rasch hart werden. Das Quecksilber wird während des Härtens fest in die Legierung eingebunden. Dennoch können geringe Mengen des giftigen Metalls aus den Zahnfüllungen freigesetzt werden.

Halbach erläuterte, dass das anorganische Quecksilber im Amalgam weit weniger giftig sei als das organische Quecksilber, welches die Menschen durch den Verzehr von Fischen zu sich nehmen. Bei der Entfernung des Amalgams verminderten sich die anorganischen Quecksilberwerte bei den Patienten, die organischen Quecksilberbestandteile im Blut blieben davon unberührt.
Nach Angaben der Forscher existiert kein Verfahren, um Amalgamschäden eindeutig festzustellen. In einer Kontrollstudie hatten die Wissenschaftler die Messung elektrischer Hautwiderstände, die medikamentöse Ausleitung des im Amalgam enthaltenen Quecksilbers und einen immunologischen Sensibilisierungstest an gesunden und amalgambelasteten Personen untersucht. Resultat: Mit keiner der Methoden könne zwischen gesunden und subjektiv amalgamgeschädigten Menschen unterschieden werden.
Heiss umstrittene Zahnfüllungen

Das Ausmaß der Amalgam-Belastung und die damit verbundenen Folgen sind umstritten. Amalgam-Gegner führen Kopfschmerzen, Nervosität und andere Beschwerden auf ihre Zahnfüllungen zurück. Nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte bergen ordnungsgemäß gelegte Amalgamfüllungen keine Gesundheitsgefährdung. Trotz vieler Millionen solcher Füllungen seien weltweit nur etwa 100 Fälle sicher als Amalgam-Allergie beschrieben worden. Einschränkungen der Anwendung bei Schwangeren oder Kleinkindern seien lediglich aus Gründen des vorbeugenden Gesundheitsschutzes gemacht worden.

Die Auswertung von über 4.700 Fragebögen aus deutschen Zahnpraxen zu Beschwerden und Zahnstatus ergab keine Unterschiede zwischen Personen mit und ohne Amalgamfüllungen hinsichtlich der subjektiv genannten Beschwerden: „Es gab keine signifikante Korrelation zwischen dem Auftreten und der Intensität bestimmter Symptome und der Anzahl von Amalgamfüllungen“, schreiben die Autoren in ihrer Studie.
Vor der breiten Diskussion über mögliche Gesundheitsschäden wurden in Deutschland pro Jahr rund 60 Millionen Amalgamfüllungen gelegt. Diese Zahl vermindert sich seit Jahren.

http://www.aerztlichepraxis.de/artikel_homepage_aktuell_amalgam_120731564541.htm

Kommentar:

Amalgam ist in der “Naturheilkunde-Szene” ein grosses Thema. Es gibt unzählige “Ausleitverfahren”, mit denen angeblich Quecksilber-Rückstände aus dem Organismus eliminiert werden können.
Ich würde die Möglichkeit nicht ausschliessen, dass es Menschen gibt, die gesundheitliche Probleme wegen Amalgam-Füllungen haben. Geklärt ist offenbar, dass ca. 0,1 Prozent der Bevölkerung allergisch auf Amalgam reagiert (nach SSO, Schweizerische Zahnärzte-Gesellschaft). Andere Gesundheitsschäden konnten bis heute in wissenschaftlichen Untersuchungen nicht nachgewiesen werden. Belegt ist dagegen, dass die Belastung des menschlichen Organismus durch gelöstes Quecksilber aus Amalgamen kleiner ist als die Quecksilberaufnahme durch unsere Nahrungsmittel.

Die Verwendung von Quecksilber scheint mir allenfalls aus ökologischen Gründen fragwürdig .
Darüber hinaus gibt es aber meines Erachtens einige Hinweise für eine groteske Dämonisierung von Amalgam. Es wird für eine sehr lange Reihe von Beschwerden verantwortlich gemacht.
Nun leiden aber auch sehr viele Menschen an diversen, unklaren, unfassbaren Beschwerden.
Meines Erachtens werden oft solche vagen Symptome dem Amalgam untergeschoben. Es ist nämlich schwer auszuhalten, wenn für solche Beschwerden keine Ursache zu finden ist. Eine klare Ursache, ein Sündenbock, erleichtert die Situation ungemein und ermöglicht eine Behandlungsstrategie. Zum Beispiel das Ersetzen aller Amalgam-Füllungen oder aufwendige Quecksilber-Ausleitungen. Dadurch verbessern sich vage Beschwerden oft.
Das könnte gut mit dem Placebo-Effekt zu tun haben. Der ist umso stärker, je ausgefallener, teurer, exotischer, schmerzhafter die Behandlung ist.

Im Klartext: Es gibt wohl eine (eher kleine) Gruppe von Menschen mit gesundheitlichen Problemen infolge von Amalgam-Füllungen. Und es gibt wohl eine viel grössere Gruppe von Menschen, denen eingeredet wurde, dass sie ein Problem mit Amalgam haben. Das kommt vielen angeblich Betroffenen entgegen, weil sie dadurch endlich eine klare Diagnose für ihre unklaren Beschwerden bekommen. Und es kommt auch vielen Therapeuten und Therapeutinnen entgegen, die sich voller Überzeugung an die Eliminierung des Quecksilbers machen und dabei in einer Heiler-Rolle aufgehen können.

Die Untersuchung unter Leitung des Zentrums für naturheilkundliche Forschung scheint mir jedenfalls diese Einschätzung zu stützen.

Korianderkraut, Knoblauch, Bärlauch, Zwiebel, Kapuzinerkresse, Meerrettich – Ausleitungsmittel?

Zur Ausleitung von Quecksilber werden auch verschiedene Heilpflanzen angepriesen, zum Beispiel Korianderkraut, Knoblauch, Bärlauch, Zwiebel, Kapuzinerkresse, Meerrettich. Trotz intensiver Suche habe ich bis zum jetzigen Zeitpunkt kein einziges Argument gefunden, welches die Wirksamkeit dieser Massnahmen glaubwürdig macht.
Heilpflanzen haben viele Kräfte, auch Korianderkraut, Knoblauch, Bärlauch, Zwiebel, Kapuzinerkresse und Meerrettich. Aber nicht alles, was ihnen an Wirkungen zugeschrieben wird, ist auch plausibel.

Dazu kommt dann noch, dass die Amalgam-Angst in der Naturheilkunde-Szene stark geschürt wird. Dadurch werden zahlreiche Leute überzeugt sein von Amalgam-Problemen, die sie möglicherweise gar nicht real haben.
Lassen Sie sich nicht unnötigerweise Angst einjagen. Wenn Ihnen jemand zur Behandlung von vagen Beschwerden wie Müdigkeit oder Kopfschmerzen eine Quecksilber-Ausleitung empfiehlt, verlangen Sie Belege dafür, dass Wirklich das Quecksilber die Ursache ihrer Beschwerden ist. Solche Zusammenhänge werden nämlich häufig konstruiert von Therapeutinnen oder Therapeuten, für welche Quecksilber fast für alle gesundheitlichen Beschwerden verantwortlich ist.

Ich behaupte nicht, dass Amalgam harmlos ist. Es gibt aber meines Erachtens gute Gründe dafür, dass Amalgam als Sündenbock hochgespielt wird. Und kaum fundierte Gründe für die Wirksamkeit von Quecksilber-Ausleitungen, die als Gegenmittel propagiert werden.
Trotzdem boomt die Amalgam-Sanierungs-Branche, weil sie offenbar verbreitete Bedürfnisse bedient.

Solche Überlegungen hört man in weiten Bereichen der Naturheilkunde gar nicht gerne. Und auch die Untersuchung am Zentrum für naturheilkundliche Forschung wird in diesen Kreisen wohl unreflektiert zerrissen oder gar nicht zur Kenntnis genommen.

Dabei wäre meiner Meinung nach ein kritischerer Umgang mit den eigenen Überzeugungen für die weitere Entwicklung der Naturheilkunde von grosser Bedeutung. Panikmache und Wundergeschichten allein sind jedenfalls nicht dazu angetan, das Vertrauen in die Naturheilkunde zu stärken.

Falls mir jemand Facts zur Wirksamkeit von Quecksilber-Ausleitungen durch Korianderkraut, Bärlauch, Knoblauch, Zwiebel, Kapuzinerkresse und Meerrettich liefern kann, bin ich daran interessiert und werde alle Infos sorgfältig prüfen. Aber Facts bitte, nicht nur wunderbare Heilungsgeschichten.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

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