Naturheilkunde: Sorgfältig prüfen lernen!

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Naturheilkunde boomt. Dabei werden die verschiedenen Methoden allerdings oft sehr oberflächlich und unkritisch konsumiert. Es fehlt weit gehend an einer fundierten Auseinandersetzung.

Fernsehsendungen, Zeitschriften, Internet – wir werden überschwemmt mit Informationen, Empfehlungen, Ratschlägen, Behauptungen und Versprechungen zu naturheilkundlichen Fragen – auch im Bereich der Heilpflanzen. Es gibt drei grundverschiedene Wege, mit dieser Flut umzugehen:

1. Alles ablehnen oder ignorieren.
Damit entfällt jeder Aufwand, den eine sorgfältige Prüfung mit sich brächte, aber auch jede Chance, etwas Neues zu lernen und sich eine eigene Meinung zu bilden.

2. Alles kritiklos für wahr halten und keine Fragen stellen.
Auch damit entfällt jeder Aufwand, den eine sorgfältige Prüfung mit sich brächte. Alle Behauptungen stehen gleich-gültig nebeneinander. Mit Ludwig Marcuse lässt sich dieser Zustand beschreiben als “Faulheit des kritiklosen Für-wahr-Haltens”.

3. Den Versuch wagen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Das ist nicht einfach und braucht Zeit.

Ich plädiere mit Nachdruck für Weg Nr. 3: Wir müssen gerade in der Naturheilkunde lernen, sorgfältig zu prüfen und kritische Fragen zu stellen, Widersprüche zu erkennen und anzusprechen. Es fehlt in der Naturheilkunde weitestgehend an einer institutionalisierten Qualitätssicherung. Weil wissenschaftliche Kriterien in weiten Bereichen der Naturheilkunde als nicht relevant gelten, stehen alle Behauptungen grösstenteils ungeprüft nebeneinander. Darum würde es als Ersatz mindestens die kritische Diskussion auf der Basis von Argumenten brauchen. Leider fehlt eine solche Diskussionskultur in der Naturheilkunde fast vollkommen. Es ist mir ein wichtiges Anliegen, diese Art der sorgfältig-kritischen Auseinandersetzung im Bereich der Phytotherapie / Pflanzenheilkunde zu führen und in meinen Kursen und Ausbildungen zu lehren. Glücklicherweise existiert innerhalb der Phytotherapie eine “Szene”, welche diese kritische Diskussionskultur unter Einbezug wissenschaftlicher Erkenntnisse pflegt. Nur so können wir meines Erachtens die Wirkungen und Anwendungsmöglichkeiten der Heilpflanzen Schritt für Schritt fundiert klären und damit unsere Verantwortung gegenüber Patientinnen und Patienten wahrnehmen. Wer nur blind alles glaubt und nachplappert macht es sich einfach und nimmt die Verpflichtung zu professionellem Handeln nicht ernst.

Ein weiterer Beitrag zu diesem Thema:
Naturheilkunde-Ausbildung: Mehr kritisches Denken – weniger blinden Dogmatismus

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Pflanzenheilkunde

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik, Palliative Care

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Übermedikalisierung – ein Problem in Medizin und Naturheilkunde

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Während langer Perioden der Menschheitsgeschichte waren Arzneimittel rar und teuer. Das hatte zwar den gravierenden Nachteil, dass ärmere Bevölkerungsschichten sich eine Behandlung oftmals gar nicht leisten konnten. Vorteilhaft daran war jedoch, dass solch teure Arzneimittel wohl auch sparsamer und gezielter eingesetzt wurden.
Während Arzneimittelknappheit in vielen Weltgegenden auch heute noch ein bitteres Problem ist, werden wir in Mitteleuropa von Medikamenten geradezu überschwemmt. Sie werden nicht mehr nur zur Heilung bestimmter Krankheiten eingesetzt, sondern in zunehmendem Masse auch zur Lebensbewältigung im Alltag: Diese Medikalisierung des Alltags hat dank industrieller Produktion und Massenvertrieb der Heilmittel inzwischen bedenkliche Ausmasse erreicht. Stark zugenommen hat die Einstellung, dass der eigene Körper, die eigene Psyche und das eigene Wohlbefinden medikamentös beliebig, rasch und ohne Bedenken manipuliert werden können.
Muskelaufbaupräparate, Vitaminpillen, Appetitzügler, Stimmungsaufheller, Bräunungspillen, Abführmittel, Angstlöser, Schlafbringer, Muntermacher, Entspanner, Schmerzstiller, Konzentrationsförderer, Leistungsverbesserer, Stressbewältiger….. – sie alle sollen dazu beitragen, Körper und Psyche stärker in den Griff zu bekommen. Wofür eigentlich? Um besser zu funktionieren? Perfektere Leistungen zu erbringen? Begehrter zu sein auf dem Arbeits- oder Partnerschaftsmarkt?
Mir scheint diese Entwicklung ungesund. Sie wird ständig gefördert durch eine Industrie, die laufend neue Produkte lanciert. Selbst viele Naturheilmittel versprechen mehr oder weniger deutlich, dass wir mit ihrer Hilfe Körper und Psyche besser in den Griff bekommen. Wenn mir beispielsweise eine Bekannte erzählt, dass sie sich nicht mehr vorstellen kann, wie sie ihren Alltag ohne Schüssler Salze bewältigen könnte, dann scheint mir das eine ausgewachsene psychische Abhängigkeit zu sein. Im Bereich der Heilpflanzen verspricht zum Beispiel der Aloe-vera-Boom umfassende Problemlösungen und entwickelt zunehmend Züge einer Heilslehre.
Sehr bedenklich ist, dass die Einnahme von Medikamenten in den letzten Jahren immer stärker auch bei Kindern und Jugendlichen zur verbreiteten Problemlösungsstrategie wurde. Wenn Säuglinge nicht schlafen wollen; wenn Schulkinder unruhig sind, sich nicht konzentrieren können oder unter Schulstress leiden; wenn Jugendliche über Kopfschmerzen oder Nervosität klagen: Immer häufiger wird die Störung durch Einnahme von Medikamenten behoben. Und das geschieht auch oft mit Naturheilmitteln. Ein Kind kann kaum mehr den Ellbogen am Tisch anschlagen, ohne dass Sekunden später mehrere Leute mit Globuli und Notfall-Tropfen von Dr. Bach dastehen. Ein Notfall? Natürlich sind Globuli und Notfall-Tropfen unschädlich. Aber mit dieser Übermedikalisierung gibt man dem Kind zu verstehen, dass es bei jedem geringsten Zwischenfall Hilfe von aussen braucht. Kinder lernen so frühzeitig, dass es möglich und üblich ist, Unpässlichkeiten, Spannungszustände oder Verstimmungen durch bestimmte Stoffe zu manipulieren. Man unterminiert damit schon früh ihr Vertrauen, dass sie solche Situationen auch selber bewältigen können. Die damit etablierte Überzeugung, auf irgendwelche Mittelchen angewiesen zu sein, könnte als Wegbereiter dienen für späteren Medikamentenmissbrauch.
Nichts gegen den gezielten, verantwortungsbewussten Einsatz von Arzneimitteln, seien es nun solche aus Heilpflanzen oder aus synthetischen Substanzen. Die ungesunde Übermedikalisierung unseres Alltages aber dient wohl vor allem der Stabilisierung krankmachender Verhältnisse. Was in Familie, Schule, Arbeitswelt und Gesellschaft schief läuft, soll durch Medikamente zumindestens erträglich gemacht werden. Anstatt die Übel an der Wurzel zu packen und krankmachende Verhältnisse soweit wie möglich zu verändern, werden Körper und Psyche medikamentös in den Griff genommen, damit sie sich den ungünstigen Bedingungen anpassen. Gesünder wäre wohl genau das Gegenteil: Dass wir uns medikamentös weniger in den Griff nehmen und stattdessen unseren Alltag möglichst lebensfreundlich gestalten.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Phytotherapie: Arnika-Gel erfolgreich bei schmerzhaften Handarthrosen getestet

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Arthrosen sind die häufigsten Gelenkerkrankungen, wobei Beteiligungen im Bereich der Hand etwa 20 % erreichen. Mit dem Ziel einer Reduktion der Schmerzen, der Funktionsverbesserung und der Verzögerung von degenerativen Spätschäden werden neben chirurgischen und physikalischen Massnahmen vor allem schmerzstillende und entzündungswidrige Medikamente eingesetzt. Die Einnahme solcher Medikamente ist aber oft mit arzneimitteltypischen Nebenwirkungen hauptsächlich im Magen-Darm-Bereich verbunden. Die äusserliche Anwendung durch die Haut ist darum eine interessante Alternative. Als synthetischer Entzündungshemmer wird häufig der Wirkstoff Ibuprofen in Gel-Form eingesetzt.
Arnika gehört zu den Heilpflanzen mit entzündungswidriger Wirkung.
In der Pflanzenheilkunde haben Einreibungen mit Arnika-Extrakten zur Behandlung von Verstauchungen aber auch von entzündlichen Gelenkerkrankungen eine jahrhundertealte Tradition. Eine kontrollierte Studie mit 198 Patienten untersuchte die Wirksamkeit und Verträglichkeit eines Arnika-Gels bei schmerzhaften Arthrosen der Hand im Vergleich zur Behandlung mit einem Ibuprofen-Gel. 100 Patienten wurden mit Arnika-Gel behandelt, 98 mit Ibuprofen-Gel. Beide Gruppen bestanden aus rund zwei Dritteln Frauen und einem Drittel Männern. Die Studie war randomisiert, das heisst, die Teilnehmenden wurden per Zufall der Arnika-Gruppe oder der Ibuprofen-Gruppe zugeteilt. Beteiligt an der Durchführung waren 20 Schweizer Kliniken und Arztpraxen.
Die Studie zeigte die Gleichwertigkeit der beiden Gel-Präparate: Schmerzintensität und Handfunktion wurden unter der Therapie in beiden Gruppen klinisch relevant verbessert. Arnika gehört damit zweifellos zu den Heilpflanzen, die in der Therapie arthrotischer Beschwerden der Hand eine wertvolle Rolle spielen können.

Quelle:

Volker Schulz; Schmerzhafte Arthrosen im Bereich der Hand: Arnika-Gel wirkäquivalent mit Ibuprofen-Gel.
Zeitschrift für Phytotherapie 4/2008

Originalarbeit:
Widrig R, Suter A, Saller R, Melzer J; Choosing between NSAID and arnica for topical treatment of hand osteoarthritis in a randomised, double-blind study.
Rheumatol Int 2007; 27: 585 – 591

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Fragwürdige Nahrungsergänzungsmittel!

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Uns wird tagtäglich von einer intensiven Propaganda eingeredet, dass wir uns mit gewöhnlichen Lebensmitteln gar nicht mehr ausreichend mit Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und weiteren notwendigen Stoffen ernähren könnten. Darum müssen Nahrungsergänzungsmittel (Supplemente) her. Regelmässig eingenommen und hochdosiert sollen sie gegen Krebs und zahlreiche andere Krankheiten schützen.
Viele Menschen sind anfällig für diese subtilen Drohungen und Werbeversprechen. Wer kann schon guten Gewissens behaupten, sich jederzeit optimal zu ernähren. Darum boomt der Handel mit Nahrungsergänzungsmitteln im Internet, in Apotheken, Drogerien und Grossverteilern.
Allerdings häuften sich in den letzten Jahren die Hinweise, dass Nahrungsergänzungsmittel unter Umständen auch schaden könnten. Das schlägt sich jetzt auch im Report “Ernährung, körperliche Aktivität und Krebsprävention” nieder, der vom World Cancer Research Fund (WCRF) herausgegeben wurde. Der gemeinnützige und unabhängige WCRF widmet sich seit seiner Gründung im Jahr 1982 der weltweiten Krebsprävention. Sein 517 Seiten starker Report ist die bisher massgeblichste wissenschaftliche Auswertung von über 7000 Forschungsstudien zum Thema Ernährung, körperliche Aktivität und Übergewicht und deren Auswirkungen auf das Krebsrisiko. Die Beurteilungen von weltweit anerkannten Experten führten zu 10 Empfehlungen zur Senkung des Krebsrisikos.
Empfehlung Nr. 8 lautet:
“Der Nährstoffbedarf sollte ausschliesslich durch Lebensmittel gedeckt werden. Nahrungsergänzungsmittel werden für die Krebsprävention nicht empfohlen.”
Begründet wird diese Empfehlung folgendermassen:
“Die Daten zeigen, dass hochdosierte Nahrungsergänzungsmittel sowohl vor Krebs schützen als auch Krebs begünstigen können. Diesbezügliche Studienergebnisse sind jedoch nicht auf die allgemeiner Bevölkerung übertragbar, so dass insgesamt keine sichere Einschätzung des Nutzens und der Risiken von Nahrungsergänzungsmitteln vorgenommen werden kann. Eine allgemeine Empfehlung, Nahrungsergänzungsmittel zur Prävention von Krebserkrankungen einzusetzen, könnte unerwartete und nachteilige Wirkungen mit sich bringen. Deshalb wird eine erhöhte Zufuhr relevanter Nährstoffe mittels der üblichen Kost vorgezogen.”
Der Ernährungswissenschaftler und Experte für Vollwerternährung Prof. Claus Leitzmann kommentiert die Empfehlung in einer Zusammenfassung des Berichtes so:
“Die Gratwanderung der richtigen Dosierung von Nahrungsergänzungsmitteln zeigt sich deutlich an zwei gut untersuchten Beispielen: Beta-Carotin als Supplement erhöht das Risiko für Lungenkrebs (zumindest bei ehemaligen Rauchern) und senkt das Risiko für Lungenkrebs als Bestandteil von Lebensmitteln. Calciumsupplemente von etwa 1000g pro Tag senken das Risiko für Darmkrebs, erhöhen aber das Risiko für Prostatakrebs.”

Die Experten des WCRF-Reports erkennen zwar an, dass es Situationen geben kann, in denen der Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln empfehlenswert ist, zum Beispiel bei bestimmten Krankheiten oder Mangelzuständen. Das sind aber Ausnahmen. Bezogen auf die gesamte Bevölkerung könnte man dagegen zusammenfassen: Geschäft läuft, Nutzen in den meisten Fällen unklar, Schäden bei höheren Dosierungen möglich.

Die Propagandisten der Nahrungsergänzungsmittel verkünden sehr selektiv alle für ihr Business positiven Studien, verschweigen aber die negativen.
Kommt noch dazu, dass Nahrungsergänzungsmittel oft sehr unkontrolliert konsumiert werden. Gar nicht so selten trifft man auch Menschen, die zwei oder mehr dieser Produkte gleichzeitig einnehmen. So kommt es sehr leicht zu grotesken Überdosierungen, die nur den Herstellern und Verkäufern nützen, den Konsumierenden aber möglicherweise schaden.
Erstaunlich ist zudem, dass die Nahrungsergänzungsmittel auch im Umfeld der Naturheilkunde boomen. Schliesslich hört man ja oft von Seiten der Naturheilkunde an die Adresse der Medizin gerichtet den Vorwurf, sie setze auf isolierte Substanzen, während zum Beispiel Heilpflanzen immer Vielstoffgemische seien, deren Wirkstoffe sich gegenseitig ergänzten.
Was aber sind Nahrungsergänzungsmittel anderes als isolierte Substanzen? – Die von Claus Leitzmann empfohlene Vollwerternährung dagegen enthält die nötigen Stoffe im natürlichen Verbund der Lebensmittel. Aber selbst wer sich nicht konsequent vollwertig ernährt, kann den Bedarf noch immer mit Nahrungsmitteln decken, wenn nicht gerade die totale Einseitigkeit zum Ernährungsprinzip erhoben wird.
Offenbar gibt es jedoch bereits eine grössere Zahl von Menschen, die von der Propaganda für Nahrungsergänzungsmittel schon derart verunsichert sind, dass sie glauben, dringend auf solche Produkte angewiesen zu sein. Solchen Menschen kann man eigentlich nur den Rat geben: Wenn Sie schon die Hersteller und Verkäufer von Supplementen grosszügigerweise unterstützen wollen, halbieren Sie doch die empfohlenen Dosierungen. Es reicht immer noch bestens, schont Ihren Geldbeutel und reduziert allfällige negative Folgen. Ausgenommen von dieser Empfehlung ist nur der seltene Fall von konkreten, klar diagnostizierten Krankheiten oder Mangelzuständen, die eine Zufuhr gewisser Stoffe sinnvoll machen können. In solchen Situationen halten Sie sich am besten an die empfohlenen Dosierungen. Aber lassen Sie sich keine vagen Mangelzustände unterschieben. Sie werden dadurch nur krankgeredet und als behandlungsbedürftig hingestellt, damit Ihnen eine Therapie verpasst werden kann.

Literaturangabe:

World Cancer Research Fund / American Institute for Cancer Research.
Food, Nutrition, Physical Activity, and the Prevention of Cancer: a Global Perspective.
Washington, DC: AICR, 2007

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Pflanzenheilkunde: Nebulöse Aussagen vom „Wesen der Pflanzen“

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Pflanzen werden schon seit Urzeiten zu Heilzwecken verwendet. Wie solche Heilwirkungen zustande kommen und wie man sie erkennen und nutzen kann, darüber gab und gibt es sehr unterschiedliche Vorstellungen. Die heute von einigen Autoren propagierte Variante, Wirkungen von einem ominösen “Wesen” herzuleiten, muss aus ethischen, psychologische, historischen und philosophischen Gründen sehr kritisch unter die Lupe genommen werden.
Die Rede vom “Wesen der Pflanze” tönt zwar tiefsinnig. Was genau mit “Wesen” gemeint ist, wird aber kaum je genau bestimmt. So kann sich dann jede und jeder seine eigenen Vorstellungen dazu machen. Das hat zur Folge, dass man sich stundenlang über das “Wesen der Pflanze” unterhalten kann, und dabei vollkommen aneinander vorbei redet, weil jeder etwas anders darunter versteht, diese Unterschiede aber nicht auf den Tisch kommen.
Wenn zum Beispiel das Wesen des Hopfens als “fröhlich” beschrieben wird, wirft dies zahlreiche Fragen auf. Kann eine Pflanze ein fröhliches Wesen haben? Oder wird hier nicht schlicht eine menschliche Eigenschaft auf die Pflanze projiziert? – Immerhin werden ja Menschen auf eine bestimmte Art fröhlich, wenn sie Hopfen in Form von Bier zu sich nehmen. Aus solchen Phänomenen aber auf die Heilwirkungen des Hopfens zu schliessen, entbehrt jeder Seriosität. Menschen mit gesundheitlichen Problemen haben ein Anrecht auf einen sorgfältigeren Umgang. Von derart wirren Gedankengängen sollten sie verschont werden.
Das “Wesen” ist zudem philosophiegeschichtlich einer der schwierigsten Begriffe überhaupt. Immer aber bezeichnete er etwas Absolutes, Ewiges, Gleichbleibendes, das unabhängig von allen Wandlungen und aller menschlicher Wahrnehmung besteht. Die alten Griechen gingen davon aus, dass es ein solches “Wesen” gibt. Für Platon (427 – 347 v. u. Z.) steckte es allerdings in den ewigen, geistigen Ideen der Dinge. Real existierende Gegenstände waren für ihn so etwas wie eine minderwertige Kopie der wesenhaften Ideen. Sein Schüler Aristoteles (384 – 322 v. u. Z.) glaubte das Wesen dagegen in den Dingen selbst erkennen zu können. Er sprach von “substantia”, dem Darunterliegenden, das unabhängig von allen sinnlich wahrnehmbaren und veränderlichen Eigenschaften dauerhaft bleibt. Auch Kant (1724 – 1804) ging noch davon aus, dass es so etwas wie ein Wesen gibt. Er nannte es “Ding an sich”. Allerdings hielt er es für ausgeschlossen, dass wir Menschen dieses Wesen erkennen können. Wir nehmen nur Erscheinung war. Was wir wahrnehmen, ist immer wahrgenommene Welt, nicht Welt-an-sich. In jeder Wahrnehmung stecken unsere Sinnesorgane und unser Verarbeitungs- und Denkapparat schon mit drin. Wer ein Wesen der Pflanzen zu erkennen vorgibt, stellt damit seine persönlichen Assoziationen, Interpretationen und Phantasien bezüglich einer Pflanze als allgemein gültig und absolut dar. Damit werden möglicherweise Pflanzen zu narzisstischen Zwecken missbraucht und die Grundlage gelegt für ein Guru-System. Die Position des grossen Kants war jedenfalls bescheidener. Später haben Philosophen wie Friedrich Nietzsche, John Dewey oder Richard Rorty die Vorstellung von der Existenz eines “Wesens” in den Dingen grundsätzlich in Frage gestellt. Die Spaltung der Welt in ein ewiges, wahres Wesen und trügerische, vergängliche Erscheinungen schien ihnen hoch problematisch.

Über die Heilwirkungen der Pflanzen darf es durchaus kontroverse Vorstellungen geben. Von nebulösen Begriffen wie dem “Wesen” der Pflanzen sollte man sich allerdings nicht einlullen lassen, sondern sie mit Nachdruck in Frage stellen.
Falls Pflanzen wirklich ein “Wesen” haben sollten, dann geht es dabei nur um sie selber, dann ist es ihr Wesen. Schaut man sich aber die heute gängigen Beschreibungen über das Wesen der Pflanzen genauer an, dann beziehen sie sich in der Regel auf den Menschen mit seinen Beschwerden. Damit wird der Mensch aber meines Erachtens für viel zu wichtig genommen. Wenn das Wesen der Wilden Möhre darin bestehen soll, dass zerstreute Kräfte wieder auf den Mittelpunkt hingeführt werden und der Blick für das Wesentliche geschärft wird, dann ist das eine Enteignung. Das Wesen der Wilden Möhre wird auf die Bedürfnisse des Menschen hin umgebogen.
Oder beim Gänseblümchen: Es soll tatsächlich das Wesen des Gänseblümchens sein, die Folgen einer Versehrung, einer physischen oder psychischen Gewaltanwendung zu lindern. Das heisst: Der Kern der Existenz des Gänseblümchens soll darin liegen, uns zu heilen von Gewaltanwendung. Es geht im Wesen also nicht um das Gänseblümchen. Es geht exklusiv um uns. Eine ausgesprochen hochmütige Angelegenheit.

Gelegentlich wird von “Wesen der Pflanzen” auch gesprochen im Sinne eines inneren Kerns. Damit wird die Pflanze quasi auseinandergerissen. Wer vom inneren Kern spricht trennt diesen von randständigeren, offenbar weniger wichtigen Bereichen. Diese Trennung ist anmassend. Etwas krasser ausgedrückt: Wer vom “Wesen der Pflanze” spricht, impliziert damit auch, dass es ein “Unwesen der Pflanze” gibt. Das sagt natürlich keiner der “Wesens-Apostel” so, doch es folgt automatisch aus ihren Theorien: Wer ein Wesen setzt, setzt auch ein Un-wesen.
Dem könnte man mit Goethe entgegnen: „Natur hat weder Kern noch Schale, alles ist sie mit einem Male.“
Die Trennung in ein Wesen als ewiges, wahres Prinzip und in das Erscheinende als täuschend und vergänglich, hat die Geschichte des abendländischen Denkens geprägt. Die gravierenden Folgen dieser Trennung sind bis heute wirksam. Wir sollten diese Trennung nicht weiterhin aufrechterhalten, indem wir ein Wesen der Pflanzen herbeiphantasieren. Und wir sollten uns nicht dazu versteigen, den Pflanzen ein Wesen überzustülpen, das ganz und gar auf unsere Heil(ung)sbedürfnisse zugeschnitten ist. Diese Vorstellung scheint mir viel zu eng und zu anthropozentrisch.
Mir wäre ganz im Gegensatz dazu wichtig, dass wir die Heilpflanzen in ihrem eigenen Dasein kennenlernen, ohne alles immer sofort auf uns zu beziehen. Wo lebt die Pflanze? Welche Ansprüche hat sie an ihre Umgebung? Wie hat sie sich durch Formen und Farben an ihre Lebensbedingungen angepasst? Wem dient sie als Nahrung? Bei all diesen Phänomenen geht es um die Pflanze selbst, nicht um uns. Darum scheint es mir frevelhaft, daraus ein Wesen abzuleiten, das auf unsere Bedürfnisse gerichtet ist.
Die Heilpflanzen sind ganz für sich betrachtet schon faszinierend.
Dazu kommt dann noch die ästhetische Ebene. Auf die Schönheit der Pflanzen können wir uns intensiver einlassen, wenn wir sie ohne Nützlichkeitsdenken betrachten. Denn Schönheitsempfinden hat viel zu tun mit interesselosem Schauen. Diese Erlebnisqualität wird beeinträchtigt, wenn wir den inneren Kern der Pflanze in einem Wesen fixieren, das uns zu Heilzwecken dienlich sein soll.

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