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Naturheilkunde: Kritische Fragen unerwünscht?

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Mit kritischen Fragen zu Naturheilmethoden kann man sich ganz schön in die Nesseln setzen. Oft reagieren Anhängerinnen und Anhänger der betroffenen Methoden sehr heftig und fühlen sich persönlich angegriffen. Schnell wird der kritische Frager zum Verräter gestempelt und in die “schulmedizinische Ecke” abgeschoben.
Woher das wohl kommt?
Ich glaube vom allzu ausgeprägten Schwarz-Weiss-Denken: Hier die gute, reine, heilsame, gesunde Naturheilkunde – dort die giftige, gefährliche Schulmedizin mit ihrer “Chemie”. Wer kritische Einwände zu einer Naturheilmethode anbringt, wird von solchen Schwarz-Weiss-Denkern sofort ins gegnerische oder gar feindliche Lager gestellt. In ihren Augen muss offenbar die Naturheilkunde um jeden Preis vollständig heil, gut und unbefleckt gehalten werden. Vielleicht deshalb, weil ihnen sonst in der Welt nicht mehr viel heil und intakt vorkommt. So wäre denn die Vorstellung von der absolut positiven, reinen, guten Naturheilkunde für diese Menschen sehr verführerisch.
Mir scheint diese Haltung allerdings wie alle Schwarz-Weiss-Bilder als viel zu einseitig. Diese Einseitigkeit zeigt sich zum Beispiel in der Vorstellung, dass Heilpflanzen niemals schaden können und dass jede Krankheit mit Kräutern geheilt werden kann. Beides ist allzu schön, um wahr zu sein. Wer an dem absolut positiven, hellen Bild der Naturheilkunde festhält,
-klammert oft aus, dass auch Naturheilmethoden unerwünschte Nebenwirkungen und Risiken haben können;
– ist anfälliger für übertriebene Heilungsversprechungen, die in der Naturheilkunde nicht selten anzutreffen sind;
– kann die Grenzen, die jede Methode hat, viel schlechter abschätzen;
– macht sich meist zu wenig bewusst, dass im Zuge des Naturheilmittelbooms auch vieles produziert und vermarktet wird, das mit grosser Wahrscheinlichkeit unnütz und überflüssig ist.
Dies alles trägt nicht gerade zu einem zweckmässigen, der jeweiligen Situation angemessenen Umgang mit Naturheilmethoden bei.
Wer die Naturheilkunde ernst nimmt, stellt sie nicht unter eine Glasglocke, um sie vor jeder Kritik zu schützen. Wir brauchen die konstruktiv-kritische Auseinandersetzung mit den eigenen und anderen Methoden – auch im Bereich der Pflanzenheilkunde.
Nur so werden mit der Zeit die Stärken und Schwächen einer Methode deutlicher. Die Befürchtung, dass dadurch die Naturheilkunde geschwächt wird, teile ich gar nicht. Im Gegenteil: Sie bekommt sichereren Boden, ein gefestigteres Fundament. Durch die konstruktiv-kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Methoden gewinnt die Naturheilkunde an innerer Stärke. Und wer sich stark genug fühlt, kann auch Schwächen und Grenzen seiner Methoden sehen und zugeben. Nur wer selber auf schwachen Füssen steht, muss sich oder seine Methoden als in jeder Hinsicht perfekt und vollkommen hinstellen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Pflanzenheilkunde

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Bach-Blüten im Schnellverfahren……

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Vor kurzem berichtete mir eine Kursteilnehmerin aus dem Thurgau folgendes:
Wenn ihr Sohn gesundheitliche Beschwerden habe, schicke sie ihn zu einer Bach-Blüten-Therapeutin im oberen Stock. Das Kind greift dort in ein Körbchen mit den 38 Bach-Blüten und zieht daraus ein Fläschchen heraus. Dieses herausgegriffene Mittel soll dann für die gegenwärtigen Beschwerden das geeignete Heilmittel sein. Wir haben der Teilnehmerin dann geraten, sich dieses Körbchen doch einmal auszuleihen und das Auswahlverfahren mehrere Male hintereinander durchzuführen. Prompt kam beim zweiten Ziehen ein anderes Ergebnis heraus. Wer nun dieses Verfahren “retten” will kann natürlich sagen, dass das Kind zur Zeit halt beide gezogenen Bach-Blüten brauche. Sehr überzeugend scheint mir diese Argumentation aber nicht.
Schaut man sich das Prozedere dieser Bach-Blüten-Therapeutin etwas genauer an, hat es für die “Heilerin” zweifellos einige Vorteile:
1. Wenn man die Annahme akzeptiert, dass das Kind “intuitiv” immer die richtige Wahl trifft, so schliesst dieses Verfahren jeden Zweifel aus. Das ist ein grosser Vorteil gegenüber allen seriösen Therapeutinnen und Therapeuten, die sich immer wieder dem Zweifel stellen müssen, ob die angewandte Behandlung auch die richtige sei.
2. Das Verfahren kommt ganz ohne Kenntnisse über Bau und Funktion des menschlichen Organismus und über seine Krankheiten aus. Jede und jeder kann es ohne die geringste Ausbildung anwenden. Der Begründer der Bach-Blüten-Therapie, Eduard Bach, hat im übrigen genau diese Ansicht vertreten: “Ohne Kenntnisse der Medizin kann ihre Anwendung so leicht verstanden werden, dass sie in jedem Haushalt benutzt werden können……Wieder möchte ich Ihnen einprägen, dass keinerlei wissenschaftliche Kenntnisse notwendig sind, um mit diesen Pflanzen zu heilen – nicht einmal der Name der Krankheit oder des Leidens ist wichtig. Was zählt, ist nicht die Krankheit, sondern der Patient.” (Vortrag in Wallingford an Bachs 50. Geburtstag).
Hier wird einem Vorgehen das Wort geredet, das gänzlich ohne Wissen und Ausbildung auskommt (fragwürdig ist zudem das Auseinanderreissen von “Patient” und “Krankheit”).
Dieses Minimal-Verfahren kommt Personen entgegen, die geistig zu träge sind, um sich fundierte Kenntnisse anzueignen, was Zeit braucht und manchmal auch anstrengend sein kann.
3. Die Methode ist ausgesprochen schnell. Während der Medizin gerade aus Kreisen der Naturheilkunde manchmal (zu Recht oder zu Unrecht) eine Fünf-Minuten-Medizin vorgeworfen wird, handelt es sich hier bestenfalls um eine Dreissig-Sekunden-Therapie, bei der eine Auseinandersetzung mit der zu behandelnden Person vollkommen überflüssig ist.

Fazit: Wir haben hier ein Vorgehen, das perfekt in unsere Zeit passt – schnell, ohne Aufwand für Behandelnde und Behandelte, sowie glatt, das heisst ohne Tücken, Widersprüche, Unebenheiten, Nebenwirkungen. Fast-food-mässig eben.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Ein kurzer Steckbrief: Phytotherapie – was ist das eigentlich?

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Ich werde immer wieder gefragt, was denn Phytotherapie genau sei. Darum hier ein kleiner Versuch, mit wenigen Zeilen eine Antwort darauf zu geben.
Grossmutter‘s Heilkräuterapotheke – darunter kann man sich etwas vorstellen. Phytotherapie ist quasi die neuzeitliche und professionelle Variante davon.

Heilpflanzen begleiten den Menschen seit seinen Anfängen durch alle Zeitalter hindurch bis in die Gegenwart. Phytotherapie verbindet die jahrtausendealte Erfahrung traditioneller Heilkräuterkunde mit den Ergebnissen neuzeitlicher Arzneipflanzenforschung. Dieser weite historische Bogen ist ein spannender Aspekt der Phytotherapie und macht sie zudem zur idealen Brücke zwischen Medizin und Naturheilkunde.

Phytotherapie eignet sich zur Vorbeugung und Behandlung zahlreicher gesundheitlicher Störungen und Krankheiten. Sie muss sich aber meiner Ansicht nach auch immer wieder selbstkritisch mit ihren Grenzen auseinandersetzen. Das bedingt ein grundsätzlich kooperatives Verhältnis zur Medizin (was jedoch nicht Kritiklosigkeit bedeuten muss).

Phytotherapie bringt Heilpflanzen in vielfältigen Formen zur Anwendung, zum Beispiel als Tee, Tinktur, Extrakt oder Salbe, inhalativ als ätherisches Öl, als Bad oder Wickel usw..

Phytotherapie orientiert sich an Wirkstoffen und unterscheidet sich damit von anderen komplementärmedizinischen Heilverfahren wie Homöopathie, Bachblüten-Therapie, Anthroposophischer Medizin, Schüsslersalzen, Spagyrik, TCM etc.- die ihrerseits auf eigenen Weltbildern und Theoriesystemen basieren.

Phytotherapie bietet faszinierende Gelegenheiten zum Kontakt mit Heilpflanzen in der Natur – zum Beispiel auf Exkursionen in den Bergen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Die Noni-Frucht – dürftige Belege für grosse Versprechungen

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Im Internet wird er in den höchsten Tönen gelobt. Dem Noni-Saft werden sagenhafte Heilwirkungen zugeschrieben. Gehört Noni in die Kategorie “Scharlatanerie” oder zu den ernstzunehmenden Heilpflanzen?

Noni hat sich in kurzer Zeit von einem ethnomedizinischen “Mauerblümchen” zu einem weltweit vermarkteten Nahrungsergänzungsmittel gemausert. Seit der ersten Publikation 1985 über eine potenzielle therapeutische Wirkung der Noni-Frucht (Morinda citrifolia) stieg die Zahl der verkauften Produkte markant an und es erschienen inzwischen auch viele Veröffentlichungen über die Pflanze und ihre Inhaltsstoffe.
Was aber lässt sich denn über Noni Verlässliches aussagen?

Morinda citrifolia ist ein 3 – 6 m hoher immergrüner Baum oder Strauch, der im gesamten indopazifischen Raum heimisch ist. Die Noni-Früchte werden bis zu 12 cm gross, sind im reifen Zustand weisslich gelb, sehr weich und von einem unangenehmen käsig-buttersäureartigen Geruch und seifigen Geschmack. Wahrscheinlich ist dieser schlechte Geruch dafür verantwortlich, dass die Frucht von der einheimischen Bevölkerung in Polynesien nur in Hungerzeiten gegessen wurde.
Unter den Heilpflanzen im Indopazifik hat Noni hingegen eine lange Tradition. Alle Teile der Pflanze werden eingesetzt, um Verbrennungen, Abszesse, Entzündungen, Verstopfung, Durchfall und Pilzinfektionen zu behandeln. Für die gegenwärtige Verwendung als Nahrungsergänzungsmittel wird der gepresste Saft der reifen Früchte verwendet.
Der Noni-Saft wurde im Labor untersucht, wobei aber viele Berichte darüber nur als Kongressbeiträge vorliegen. Sie wurden also nicht in Fachzeitschriften publiziert. Damit fehlt auch die Kontrolle, die mit der Veröffentlichung in einer renommierten Fachzeitschrift verbunden ist. Oft handelte es sich bei diesen Laboruntersuchungen um Experimente am Tier, die für einen Vergleich mit der Situation beim Menschen nicht mehr aussagekräftig sind.
Untersucht wurden hauptsächlich Wirkungen in drei Gebieten:
– Krebserkrankungen: Noni-Saft zeigte bei Mäusen und in menschlichen Zellkulturen Effekte, die als krebswidrig gedeutet werden können.
– Entzündungen: An Rattenpfoten reduzierte der Saftextrakt künstlich ausgelöste Entzündungen.
– Stoffwechselstörungen: Im Reagenzglas zeigten Inhaltsstoffe des Noni-Saftes Effekte auf die Blutfette, bei Rauchern senkte der Noni-Saft die Serumwerte für Cholesterin und Triglyceride. Bei Ratten wirkte Noni antithrombotisch auf Thrombosen, die künstlich ausgelöst worden waren.

Das sind alles in allem kaum überzeugende Belege für Wirkungen am Menschen. Und klinische Studien mit Patienten sind äusserst rar. Vorläufige Ergebnisse einer Phase-1-Studie des US-amerikanischen National Center for Complementary and Alternative Medicine an Krebspatienten zeigen eine Schmerzabnahme bei Bewegung und einen dosisabhängigen Effekt auf den Gesamtgesundheitsstatus. Allerdings bildeten sich die Tumore nicht zurück. Die Studie ist zudem noch nicht abgeschlossen, was ihre Aussagekraft sehr reduziert.
Immerhin sprechen Laboruntersuchungen für eine gute Sicherheit und Verträglichkeit des Noni-Saftes.

Die hohe Popularität des Noni-Saftes als Nahrungsergänzung steht aber in krassem Gegensatz zur schwachen Faktenlage bezüglich seiner allfälligen Heilwirkungen.
Hier müsste sich noch sehr viel ändern, bis Noni in der Pflanzenheilkunde zu den anerkannten Heilpflanzen gezählt würde.

Quelle:
Zeitschrift für Phytotherapie 4 / 2008:
Ulrike Andres, Was ist dran an der Noni-Frucht?

Originalarbeit:
Planta Med 2007; 73: 191 – 199:
Potterat O, Hamburger M; Morinda citrifolia (Noni) fruit – phytochemistry, pharmacology, safety

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Naturheilkunde: Sorgfältig prüfen lernen!

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Naturheilkunde boomt. Dabei werden die verschiedenen Methoden allerdings oft sehr oberflächlich und unkritisch konsumiert. Es fehlt weit gehend an einer fundierten Auseinandersetzung.

Fernsehsendungen, Zeitschriften, Internet – wir werden überschwemmt mit Informationen, Empfehlungen, Ratschlägen, Behauptungen und Versprechungen zu naturheilkundlichen Fragen – auch im Bereich der Heilpflanzen. Es gibt drei grundverschiedene Wege, mit dieser Flut umzugehen:

1. Alles ablehnen oder ignorieren.
Damit entfällt jeder Aufwand, den eine sorgfältige Prüfung mit sich brächte, aber auch jede Chance, etwas Neues zu lernen und sich eine eigene Meinung zu bilden.

2. Alles kritiklos für wahr halten und keine Fragen stellen.
Auch damit entfällt jeder Aufwand, den eine sorgfältige Prüfung mit sich brächte. Alle Behauptungen stehen gleich-gültig nebeneinander. Mit Ludwig Marcuse lässt sich dieser Zustand beschreiben als “Faulheit des kritiklosen Für-wahr-Haltens”.

3. Den Versuch wagen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Das ist nicht einfach und braucht Zeit.

Ich plädiere mit Nachdruck für Weg Nr. 3: Wir müssen gerade in der Naturheilkunde lernen, sorgfältig zu prüfen und kritische Fragen zu stellen, Widersprüche zu erkennen und anzusprechen. Es fehlt in der Naturheilkunde weitestgehend an einer institutionalisierten Qualitätssicherung. Weil wissenschaftliche Kriterien in weiten Bereichen der Naturheilkunde als nicht relevant gelten, stehen alle Behauptungen grösstenteils ungeprüft nebeneinander. Darum würde es als Ersatz mindestens die kritische Diskussion auf der Basis von Argumenten brauchen. Leider fehlt eine solche Diskussionskultur in der Naturheilkunde fast vollkommen. Es ist mir ein wichtiges Anliegen, diese Art der sorgfältig-kritischen Auseinandersetzung im Bereich der Phytotherapie / Pflanzenheilkunde zu führen und in meinen Kursen und Ausbildungen zu lehren. Glücklicherweise existiert innerhalb der Phytotherapie eine “Szene”, welche diese kritische Diskussionskultur unter Einbezug wissenschaftlicher Erkenntnisse pflegt. Nur so können wir meines Erachtens die Wirkungen und Anwendungsmöglichkeiten der Heilpflanzen Schritt für Schritt fundiert klären und damit unsere Verantwortung gegenüber Patientinnen und Patienten wahrnehmen. Wer nur blind alles glaubt und nachplappert macht es sich einfach und nimmt die Verpflichtung zu professionellem Handeln nicht ernst.

Ein weiterer Beitrag zu diesem Thema:
Naturheilkunde-Ausbildung: Mehr kritisches Denken – weniger blinden Dogmatismus

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Übermedikalisierung – ein Problem in Medizin und Naturheilkunde

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Während langer Perioden der Menschheitsgeschichte waren Arzneimittel rar und teuer. Das hatte zwar den gravierenden Nachteil, dass ärmere Bevölkerungsschichten sich eine Behandlung oftmals gar nicht leisten konnten. Vorteilhaft daran war jedoch, dass solch teure Arzneimittel wohl auch sparsamer und gezielter eingesetzt wurden.
Während Arzneimittelknappheit in vielen Weltgegenden auch heute noch ein bitteres Problem ist, werden wir in Mitteleuropa von Medikamenten geradezu überschwemmt. Sie werden nicht mehr nur zur Heilung bestimmter Krankheiten eingesetzt, sondern in zunehmendem Masse auch zur Lebensbewältigung im Alltag: Diese Medikalisierung des Alltags hat dank industrieller Produktion und Massenvertrieb der Heilmittel inzwischen bedenkliche Ausmasse erreicht. Stark zugenommen hat die Einstellung, dass der eigene Körper, die eigene Psyche und das eigene Wohlbefinden medikamentös beliebig, rasch und ohne Bedenken manipuliert werden können.
Muskelaufbaupräparate, Vitaminpillen, Appetitzügler, Stimmungsaufheller, Bräunungspillen, Abführmittel, Angstlöser, Schlafbringer, Muntermacher, Entspanner, Schmerzstiller, Konzentrationsförderer, Leistungsverbesserer, Stressbewältiger….. – sie alle sollen dazu beitragen, Körper und Psyche stärker in den Griff zu bekommen. Wofür eigentlich? Um besser zu funktionieren? Perfektere Leistungen zu erbringen? Begehrter zu sein auf dem Arbeits- oder Partnerschaftsmarkt?
Mir scheint diese Entwicklung ungesund. Sie wird ständig gefördert durch eine Industrie, die laufend neue Produkte lanciert. Selbst viele Naturheilmittel versprechen mehr oder weniger deutlich, dass wir mit ihrer Hilfe Körper und Psyche besser in den Griff bekommen. Wenn mir beispielsweise eine Bekannte erzählt, dass sie sich nicht mehr vorstellen kann, wie sie ihren Alltag ohne Schüssler Salze bewältigen könnte, dann scheint mir das eine ausgewachsene psychische Abhängigkeit zu sein. Im Bereich der Heilpflanzen verspricht zum Beispiel der Aloe-vera-Boom umfassende Problemlösungen und entwickelt zunehmend Züge einer Heilslehre.
Sehr bedenklich ist, dass die Einnahme von Medikamenten in den letzten Jahren immer stärker auch bei Kindern und Jugendlichen zur verbreiteten Problemlösungsstrategie wurde. Wenn Säuglinge nicht schlafen wollen; wenn Schulkinder unruhig sind, sich nicht konzentrieren können oder unter Schulstress leiden; wenn Jugendliche über Kopfschmerzen oder Nervosität klagen: Immer häufiger wird die Störung durch Einnahme von Medikamenten behoben. Und das geschieht auch oft mit Naturheilmitteln. Ein Kind kann kaum mehr den Ellbogen am Tisch anschlagen, ohne dass Sekunden später mehrere Leute mit Globuli und Notfall-Tropfen von Dr. Bach dastehen. Ein Notfall? Natürlich sind Globuli und Notfall-Tropfen unschädlich. Aber mit dieser Übermedikalisierung gibt man dem Kind zu verstehen, dass es bei jedem geringsten Zwischenfall Hilfe von aussen braucht. Kinder lernen so frühzeitig, dass es möglich und üblich ist, Unpässlichkeiten, Spannungszustände oder Verstimmungen durch bestimmte Stoffe zu manipulieren. Man unterminiert damit schon früh ihr Vertrauen, dass sie solche Situationen auch selber bewältigen können. Die damit etablierte Überzeugung, auf irgendwelche Mittelchen angewiesen zu sein, könnte als Wegbereiter dienen für späteren Medikamentenmissbrauch.
Nichts gegen den gezielten, verantwortungsbewussten Einsatz von Arzneimitteln, seien es nun solche aus Heilpflanzen oder aus synthetischen Substanzen. Die ungesunde Übermedikalisierung unseres Alltages aber dient wohl vor allem der Stabilisierung krankmachender Verhältnisse. Was in Familie, Schule, Arbeitswelt und Gesellschaft schief läuft, soll durch Medikamente zumindestens erträglich gemacht werden. Anstatt die Übel an der Wurzel zu packen und krankmachende Verhältnisse soweit wie möglich zu verändern, werden Körper und Psyche medikamentös in den Griff genommen, damit sie sich den ungünstigen Bedingungen anpassen. Gesünder wäre wohl genau das Gegenteil: Dass wir uns medikamentös weniger in den Griff nehmen und stattdessen unseren Alltag möglichst lebensfreundlich gestalten.

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Phytotherapie: Arnika-Gel erfolgreich bei schmerzhaften Handarthrosen getestet

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Arthrosen sind die häufigsten Gelenkerkrankungen, wobei Beteiligungen im Bereich der Hand etwa 20 % erreichen. Mit dem Ziel einer Reduktion der Schmerzen, der Funktionsverbesserung und der Verzögerung von degenerativen Spätschäden werden neben chirurgischen und physikalischen Massnahmen vor allem schmerzstillende und entzündungswidrige Medikamente eingesetzt. Die Einnahme solcher Medikamente ist aber oft mit arzneimitteltypischen Nebenwirkungen hauptsächlich im Magen-Darm-Bereich verbunden. Die äusserliche Anwendung durch die Haut ist darum eine interessante Alternative. Als synthetischer Entzündungshemmer wird häufig der Wirkstoff Ibuprofen in Gel-Form eingesetzt.
Arnika gehört zu den Heilpflanzen mit entzündungswidriger Wirkung.
In der Pflanzenheilkunde haben Einreibungen mit Arnika-Extrakten zur Behandlung von Verstauchungen aber auch von entzündlichen Gelenkerkrankungen eine jahrhundertealte Tradition. Eine kontrollierte Studie mit 198 Patienten untersuchte die Wirksamkeit und Verträglichkeit eines Arnika-Gels bei schmerzhaften Arthrosen der Hand im Vergleich zur Behandlung mit einem Ibuprofen-Gel. 100 Patienten wurden mit Arnika-Gel behandelt, 98 mit Ibuprofen-Gel. Beide Gruppen bestanden aus rund zwei Dritteln Frauen und einem Drittel Männern. Die Studie war randomisiert, das heisst, die Teilnehmenden wurden per Zufall der Arnika-Gruppe oder der Ibuprofen-Gruppe zugeteilt. Beteiligt an der Durchführung waren 20 Schweizer Kliniken und Arztpraxen.
Die Studie zeigte die Gleichwertigkeit der beiden Gel-Präparate: Schmerzintensität und Handfunktion wurden unter der Therapie in beiden Gruppen klinisch relevant verbessert. Arnika gehört damit zweifellos zu den Heilpflanzen, die in der Therapie arthrotischer Beschwerden der Hand eine wertvolle Rolle spielen können.

Quelle:

Volker Schulz; Schmerzhafte Arthrosen im Bereich der Hand: Arnika-Gel wirkäquivalent mit Ibuprofen-Gel.
Zeitschrift für Phytotherapie 4/2008

Originalarbeit:
Widrig R, Suter A, Saller R, Melzer J; Choosing between NSAID and arnica for topical treatment of hand osteoarthritis in a randomised, double-blind study.
Rheumatol Int 2007; 27: 585 – 591

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Fragwürdige Nahrungsergänzungsmittel!

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Uns wird tagtäglich von einer intensiven Propaganda eingeredet, dass wir uns mit gewöhnlichen Lebensmitteln gar nicht mehr ausreichend mit Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und weiteren notwendigen Stoffen ernähren könnten. Darum müssen Nahrungsergänzungsmittel (Supplemente) her. Regelmässig eingenommen und hochdosiert sollen sie gegen Krebs und zahlreiche andere Krankheiten schützen.
Viele Menschen sind anfällig für diese subtilen Drohungen und Werbeversprechen. Wer kann schon guten Gewissens behaupten, sich jederzeit optimal zu ernähren. Darum boomt der Handel mit Nahrungsergänzungsmitteln im Internet, in Apotheken, Drogerien und Grossverteilern.
Allerdings häuften sich in den letzten Jahren die Hinweise, dass Nahrungsergänzungsmittel unter Umständen auch schaden könnten. Das schlägt sich jetzt auch im Report “Ernährung, körperliche Aktivität und Krebsprävention” nieder, der vom World Cancer Research Fund (WCRF) herausgegeben wurde. Der gemeinnützige und unabhängige WCRF widmet sich seit seiner Gründung im Jahr 1982 der weltweiten Krebsprävention. Sein 517 Seiten starker Report ist die bisher massgeblichste wissenschaftliche Auswertung von über 7000 Forschungsstudien zum Thema Ernährung, körperliche Aktivität und Übergewicht und deren Auswirkungen auf das Krebsrisiko. Die Beurteilungen von weltweit anerkannten Experten führten zu 10 Empfehlungen zur Senkung des Krebsrisikos.
Empfehlung Nr. 8 lautet:
“Der Nährstoffbedarf sollte ausschliesslich durch Lebensmittel gedeckt werden. Nahrungsergänzungsmittel werden für die Krebsprävention nicht empfohlen.”
Begründet wird diese Empfehlung folgendermassen:
“Die Daten zeigen, dass hochdosierte Nahrungsergänzungsmittel sowohl vor Krebs schützen als auch Krebs begünstigen können. Diesbezügliche Studienergebnisse sind jedoch nicht auf die allgemeiner Bevölkerung übertragbar, so dass insgesamt keine sichere Einschätzung des Nutzens und der Risiken von Nahrungsergänzungsmitteln vorgenommen werden kann. Eine allgemeine Empfehlung, Nahrungsergänzungsmittel zur Prävention von Krebserkrankungen einzusetzen, könnte unerwartete und nachteilige Wirkungen mit sich bringen. Deshalb wird eine erhöhte Zufuhr relevanter Nährstoffe mittels der üblichen Kost vorgezogen.”
Der Ernährungswissenschaftler und Experte für Vollwerternährung Prof. Claus Leitzmann kommentiert die Empfehlung in einer Zusammenfassung des Berichtes so:
“Die Gratwanderung der richtigen Dosierung von Nahrungsergänzungsmitteln zeigt sich deutlich an zwei gut untersuchten Beispielen: Beta-Carotin als Supplement erhöht das Risiko für Lungenkrebs (zumindest bei ehemaligen Rauchern) und senkt das Risiko für Lungenkrebs als Bestandteil von Lebensmitteln. Calciumsupplemente von etwa 1000g pro Tag senken das Risiko für Darmkrebs, erhöhen aber das Risiko für Prostatakrebs.”

Die Experten des WCRF-Reports erkennen zwar an, dass es Situationen geben kann, in denen der Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln empfehlenswert ist, zum Beispiel bei bestimmten Krankheiten oder Mangelzuständen. Das sind aber Ausnahmen. Bezogen auf die gesamte Bevölkerung könnte man dagegen zusammenfassen: Geschäft läuft, Nutzen in den meisten Fällen unklar, Schäden bei höheren Dosierungen möglich.

Die Propagandisten der Nahrungsergänzungsmittel verkünden sehr selektiv alle für ihr Business positiven Studien, verschweigen aber die negativen.
Kommt noch dazu, dass Nahrungsergänzungsmittel oft sehr unkontrolliert konsumiert werden. Gar nicht so selten trifft man auch Menschen, die zwei oder mehr dieser Produkte gleichzeitig einnehmen. So kommt es sehr leicht zu grotesken Überdosierungen, die nur den Herstellern und Verkäufern nützen, den Konsumierenden aber möglicherweise schaden.
Erstaunlich ist zudem, dass die Nahrungsergänzungsmittel auch im Umfeld der Naturheilkunde boomen. Schliesslich hört man ja oft von Seiten der Naturheilkunde an die Adresse der Medizin gerichtet den Vorwurf, sie setze auf isolierte Substanzen, während zum Beispiel Heilpflanzen immer Vielstoffgemische seien, deren Wirkstoffe sich gegenseitig ergänzten.
Was aber sind Nahrungsergänzungsmittel anderes als isolierte Substanzen? – Die von Claus Leitzmann empfohlene Vollwerternährung dagegen enthält die nötigen Stoffe im natürlichen Verbund der Lebensmittel. Aber selbst wer sich nicht konsequent vollwertig ernährt, kann den Bedarf noch immer mit Nahrungsmitteln decken, wenn nicht gerade die totale Einseitigkeit zum Ernährungsprinzip erhoben wird.
Offenbar gibt es jedoch bereits eine grössere Zahl von Menschen, die von der Propaganda für Nahrungsergänzungsmittel schon derart verunsichert sind, dass sie glauben, dringend auf solche Produkte angewiesen zu sein. Solchen Menschen kann man eigentlich nur den Rat geben: Wenn Sie schon die Hersteller und Verkäufer von Supplementen grosszügigerweise unterstützen wollen, halbieren Sie doch die empfohlenen Dosierungen. Es reicht immer noch bestens, schont Ihren Geldbeutel und reduziert allfällige negative Folgen. Ausgenommen von dieser Empfehlung ist nur der seltene Fall von konkreten, klar diagnostizierten Krankheiten oder Mangelzuständen, die eine Zufuhr gewisser Stoffe sinnvoll machen können. In solchen Situationen halten Sie sich am besten an die empfohlenen Dosierungen. Aber lassen Sie sich keine vagen Mangelzustände unterschieben. Sie werden dadurch nur krankgeredet und als behandlungsbedürftig hingestellt, damit Ihnen eine Therapie verpasst werden kann.

Literaturangabe:

World Cancer Research Fund / American Institute for Cancer Research.
Food, Nutrition, Physical Activity, and the Prevention of Cancer: a Global Perspective.
Washington, DC: AICR, 2007

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Jugend & Natur: Nachhaltige Entfremdung?

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Jugendlichen scheint die Natur offenbar zunehmend unbekannter. Zu diesem Ergebnis kommt schon im Jahre 2003 die Studie “Jugendreport Natur 03 – Nachhaltige Entfremdung”. Der Soziologe Rainer Brämer von der Universität Marburg untersuchte darin das Naturverständnis von Kindern und Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen und Hessen. Der Vergleich mit dem ersten “Jugendreport Natur” aus dem Jahre 1997 zeigte einen besorgniserregenden Trend: 1997 glaubten 7 Prozent der Befragten, dass Enten gelb gefärbt sind. 2003 waren es schon 11 Prozent der befragten 1405 Schülerinnen und Schüler der Klassen 6 und 9. Offenbar lernen Kinder die Natur früher in den Medien kennen als in der Realität. Wie Brämer erklärte, hat sich das Interesse an Pflanzen innerhalb von nur sechs Jahren halbiert und nur jeder sechste Schüler interessiere sich für das Bestimmen heimischer Pflanzen. Unter dem Einfluss der Medien und aufgrund fehlender eigener Erfahrungen werde die natürliche Umwelt immer mehr verniedlicht und pauschal als schützenswert empfunden. Die Einsicht in eine nachhaltige Nutzung unserer natürlichen Ressourcen gehe den Jugendlichen völlig verloren. Jugendliche könnten immer weniger differenzieren zwischen Realität und Fiktion. Dieses “Bambi-Syndrom” führe zu einer übertriebenen Naturverehrung und für die Mehrheit der Befragten sei es deshalb ein Tabu, Tiere als Nahrungsmittel und Bäume als Rohstoffe anzusehen.
Die Studie ist zwar nicht mehr taufrisch, doch dürfte sich der Trend zur Naturentfremdung in den letzten Jahren eher noch verstärkt haben. Das Thema wirft meines Erachtens auf mehreren Ebenen interessante Fragen auf:
Was sind die Konsequenzen einer zunehmenden Naturentfremdung?
Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass Naturerfahrungen sich günstig auf die menschliche Gesundheit auswirken können. Natur bietet zum Beispiel emotionale Ankerplätze, welche bei der Bewältigung von Lebenskrisen helfen. Es spricht viel dafür, dass die zunehmende Naturentfremdung destabilisierend wirkt – und das nicht nur bei Jugendlichen.
Wie lässt sich die Naturentfremdung rückgängig machen?
Dazu sind wohl verschiedenartige Ansätze möglich und nötig, und es gibt auch einige Tücken. Als Ersatz für die ferne Natur wird den Menschen heute Natur in gezähmten, präparierten, leicht konsumierbaren Häppchen angeboten. Als Instant-Food quasi, als isolierte Insel, die mit ihnen und ihrem Leben nicht viel zu tun hat. Es ist dies eine künstliche Natur als Surrogat. Die Werbung quillt über von solchen Angeboten – und das nicht nur im Bereich der Urlaubsreisen sondern auch etwas weniger offensichtlich bei Nahrungsmitteln, Kosmetika oder Naturheilmitteln. Überall wird “Natur” verkauft. Aber diese Ersatzangebote ermöglichen kaum Kontakt zur wirklichen Natur. Sie können daher die Lücke zwischen uns und der Natur nicht füllen.
Damit Kinder und Jugendliche sich weniger entfremden von der Natur, gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Angeboten wie Bücher, Spiele, naturpädagogische Wochenenden etc. Ich will diesen Angeboten nicht jeden Wert absprechen. Sie können gute Impulse geben. Aber auch hier wird oft Natur in einer künstlich präparierten Form verabreicht. Mir scheint, damit Kinder und Jugendliche leichter Kontakt zur Natur finden braucht es vor allem Erwachsene die einen solchen Zugang haben. Eltern, Grosseltern, Lehrpersonen, die selber fasziniert sind von der Natur und ein waches Auge besitzen für die Pflanzen und Tiere in der unmittelbaren Umgebung. Solche alltägliche Begeisterung springt am leichtesten auf Kinder und Jugendliche über. Eine gute Möglichkeit für Erwachsene, sich einen Naturzugang zu schaffen, bietet die Pflanzenheilkunde. Wer sich intensiv mit Heilpflanzen befasst, wird meistens zuerst einmal wissen wollen, welche Wirkungen sie haben und gegen welche Krankheiten sie angewendet werden können. Dabei bleibt es aber nur, wenn die Pflanzenheilkunde eng beschränkt auf den menschlichen Nutzen hin betrieben wird. Fasst man sie weiter, kommt irgendwann einmal auch das Interesse für andere Pflanzen, für Tiere und für die Zusammenhänge in der Natur. Wer sich für diesen Natur-Zugang interessiert, findet dazu Angebote auf www.phytotherapie-seminare.ch.

Der “Jugendreport Natur 03” zeigt über die erwähnte Naturentfremdung hinaus aber noch ein weiteres auffallendes Phänomen:
Es gibt eine starke Idealisierung der Natur als ausschliesslich gut, heil, wahr, schön etc. Der Report spricht vom “Bambi-Effekt”. Diese Idealisierung findet man auch in einem Teil der Naturheilkunde, wo Natur als umfassender Heilsbringer quasireligiöse, göttliche Züge annimmt. Damit wird Natur tendenziell unberührbar, was die Distanz vergrössert. Mir scheint es sehr wichtig zu erkennen, dass diese starke Idealisierung eine Folge der starken Entfremdung ist. Wer real Kontakt hat zur Natur weiss, dass sie nicht nur heil, lieblich und gut ist.
Vielleicht bewahrheitet sich hier die Regel, dass dort, wo die grössten Defizite sind, auch die Ideale am stärksten in die Höhe wachsen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Pflanzenheilkunde: Woran Sie fragwürdige Aussagen erkennen könnennnen

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Pflanzenheilkunde findet erfreulicherweise zunehmend Interesse. Dadurch werden wir jedoch auch überschwemmt mit Ratschlägen, Versprechungen und Behauptungen zu diesem Thema. Im Gebiet der Naturheilkunde fehlt es weit gehend an Qualitätskontrolle – bei Therapeutinnen und Therapeuten, im Bereich der Ausbildungsinstitute, aber auch bei Apotheken und Drogerien. Papier ist sowieso geduldig. Gedruckt wird praktisch alles, was sich verkaufen lässt. Und im Internet findet sich neben hochwertiger Information auch jede Menge Schrott. Konsumentinnen und Konsumenten sind darum zum grossen Teil auf sich allein gestellt, wenn sie sich in diesem Dschungel eine eigene Meinung bilden wollen. Sie finden hier 14 Punkte, die zur Orientierung und Klärung beitragen können – und das nicht nur in der Pflanzenheilkunde.

1. Quellenangaben verlangen
Wenn Sie Ratschläge, Versprechungen oder Behauptungen auf Glaubwürdigkeit prüfen wollen, verlangen Sie konsequent Quellenangaben: Wer hat was, wann und wo gesagt oder geschrieben?

2. Begründungen verlangen
Akzeptieren Sie keine reinen Behauptungen. Verlangen Sie Begründungen. Auf Grund welcher Erfahrungen, Beobachtungen oder Überlegungen kommt jemand zu einer Aussage?
Wenn Sie Quelle und Begründungen kennen, lässt sich die Glaubwürdigkeit einer Behauptung eher einschätzen.
Skepsis ist angebracht, wenn Begründungen durch Schlagworte ersetzt werden. Ein oft gehörtes Beispiel dafür ist der Spruch: “Wer heilt hat recht!” – Er fegt scheinbar die Notwendigkeit von plausiblen Begründungen vom Tisch. Ausgeklammert bleibt dabei, ob die Heilung spezifisch mit der Therapie zusammenhängt, oder ob sie auf die Selbstheilungskräfte des Organismus zurück zu führen ist, oder auf den Placebo-Effekt, der bei jeder Behandlung mitbeteiligt ist.

3. Verständlichkeit verlangen
Verlangen Sie verständliche Begründungen. Erstarren Sie nicht vor Ehrfurcht, wenn Sie eine Erklärung nicht verstehen. Unverständlichkeit wird manchmal als Folge besonders tief greifender oder gar höherer Erkenntnis aufgefasst. Genauso gut kann sie aber ein Ergebnis wirrer Gedankengänge sein.

4. Bestätigung durch Fachwelt
Steht die zu prüfende Behauptung isoliert da oder wird sie von anderen Fachleuten oder Büchern geteilt? Zwar wird eine Meinung nicht unbedingt wahr dadurch, dass Sie von zahlreichen Personen geteilt wird – auch viele können sich irren. Von einer isoliert dastehenden Behauptung müssen jedoch besonders plausible Gründe verlangt werden. Die Glaubwürdigkeit einer Aussage steigt dagegen, wenn sie die kritische Diskussion in der Fachwelt “überlebt” hat.

5. Suspekte Heilungsgarantien
Vorsicht bei absoluten Heilungsversprechen, die zum beispielsweise mit “immer” oder “nie mehr” daher kommen. Menschliche Gesundheit und Krankheit sind viel zu komplex, als dass Garantien abgegeben werden könnten. Wer dies trotzdem tut, gehört wohl zu den “terrible simplificateurs”, den “schrecklichen Vereinfachern”.

6. Feindbilder meiden!
Wie in anderen Bereichen der Komplementärmedizin auch, gibt es in der Pflanzenheilkunde nicht wenige Leute, die Sie mit ihren eigenen Feindbildern gegen die “Schulmedizin” abfüllen wollen. Man erkennt solche Personen an ihrem Schwarz-Weiss-Denken: Hier die gute, lebens- und menschenfreundliche Naturheilkunde, dort die schädliche, menschenverachtende Medizin. Notwendig wäre dagegen eine kritisch-differenzierte Auseinandersetzung mit Medizin und Naturheilkunde. Wer nur kritisch gegenüber der sogenannten “Schulmedizin” auftritt, in der Naturheilkunde aber blauäugig alles wunderbar findet, ist nicht wirklich kritisch, sondern nur verhaftet in den eigenen Feindbildern.

7. Werden Misserfolge, unerwünschte Nebenwirkungen und Grenzen thematisiert?
Wer nur von Heilerfolgen redet oder schreibt, nie jedoch von Misserfolgen und Grenzen der eigenen Methoden, der blendet einen wichtigen Bereich der Realität aus. Es ist aussergesprochen unwahrscheinlich, dass es jemals eine Heilmethode gab oder geben wird, die weder Misserfolge noch Grenzen kennt.
Fragwürdig ist auch, wenn zum Beispiel in einem Heilpflanzenbuch nur von wunderbaren Heilwirkungen, nie aber von unerwünschten Nebenwirkungen die Rede ist. Es spricht viel dafür, dass, was therapeutische Wirkung entfaltet, auch unerwünschte Nebenwirkungen zeigen kann. Das gilt auch für Behandlungen mit Heilpflanzen.

8. Arbeitsteiliges Wissen bevorzugen
Vorsicht ist angebracht, wenn ein einzelner Mensch ein scheinbar geniales, aber durch andere unüberprüfbares Heilsystem aus dem Hut zaubert. Daraus entsteht oft die Grundlage für ein Guru-System. Solche Angaben kann man nur glauben oder nicht. Arbeitsteilig in kleinen Schritten gewonnene Erkenntnisse dagegen sind zwar viel weniger spektakulär, stehen dafür aber auf sichererem Fundament. Ein einzelner Mensch ist anfälliger für Irrtum und (Selbst-)Täuschung. Narzissmus und Selbstüberschätzung können beispielsweise dazu verführen, eigene Deutungen der Pflanzen für allgemeingültig zu erklären, statt klar zu stellen, dass es sich um Interpretationen handelt

9. Vorsicht bei grossen Versprechungen
Je grösser die Versprechungen, desto mehr Belege sind zu fordern! Achten Sie auf Leute mit Grössenphantasien. Charakteristisch für solche Personen ist, dass sie sich und ihren Methoden grundsätzlich alles zutrauen. Das äussert sich zum Beispiel in Sprüchen wie: “Gegen jede Krankheit ist ein Kräutchen gewachsen” oder “Die Schulmedizin behandelt nur Symptome, wir dagegen behandeln die Ursachen”. Letzteres trieft vor Arroganz, ist doch das Finden der letztendlichen Ursachen einer Krankheit ein äusserst schwieriges, wenn nicht gar unmögliches Unterfangen.

10. Diffuse Begriffe in Frage stellen!
In der Pflanzenheilkunde gibt es eine “Szene”, die mit äusserst vagen Begriffen operiert und damit viele Leute einnebelt. So wird zum Beispiel gern vom “Wesen der Pflanzen” gesprochen, das erkannt werden müsse, wenn Heilpflanzen erfolgreich angewendet werden sollen. Der bedeutungsschwer tönende Begriff vom “Wesen der Pflanzen” bleibt aber weitestgehend ungeklärt. So kann jeder Mensch seine eigenen Vorstellungen damit verbinden. Werden diese nie thematisiert, reden die beteiligten Personen vollkommen aneinander vorbei, während sie zugleich glauben, sie würden sich gut verstehen. Unter dem Etikett des “Wesens” der Pflanzen werden dann eigene Deutungen als allgemein gültig verkauft. Anstelle eines sorgfältigen “so sehe ich diese Pflanze” gilt dann ein dogmatisierendes “so ist diese Pflanze”.

11. Transparenz verlangen!
Akzeptieren Sie es nicht, wenn Ihnen die Zusammensetzung eines Heilmittels, einer Teemischung oder eines anderen Präparates, verschwiegen wird. Mündige und aufgeklärte Patientinnen und Patienten wissen, was sie einnehmen.

12. Popularität ist nicht unbedingt gleichzusetzen mit Qualität
Lassen Sie sich nicht täuschen von hohen Buchauflagen und grosser Bekanntheit. Beides entsteht hauptsächlich, wenn ein Buch oder ein Mensch Bedürfnisse weiter Kreise bedient. Daraus folgt nicht zwangsläufig, dass die vertretenen Ansichten richtig und die Behandlung wirksam sein muss. Oder halten Sie McDonalds qualitativ für das beste Restaurant? Cola für das wertvollste Getränk?

13. Vorsicht bei Heilungsgeschichten
Bleiben Sie skeptisch bei überschwänglichen Heilungsgeschichten. Dabei werden oft Placebo-Effekte und Selbstheilungsvorgänge ausgeblendet.

14. “Erfahrung” reicht nicht als Begründung
Oft werden Ratschläge und Heilungsversprechungen nur begründet mit Aussagen wie: “Es wirkt doch, ich habe es selbst erlebt”. Dieser simple Rückgriff auf “Erfahrung” ist naiv, weil es keine reine Erfahrung geben kann, die uns unmittelbar etwas sagt. Wir kommen nur mit bereits (durch uns) wahrgenommener und interpretierter Erfahrung in Kontakt. Und jede Erfahrung ist bereits durch unsere vorgängigen Theorien und Überzeugungen beeinflusst. Erfahrung allein zählt zudem nicht, man muss auch aus ihr gelernt haben. Dazu braucht es Auseinandersetzung mit den eigenen Erfahrungen, Vergleiche mit den Erfahrungen anderer Leute in ähnlichen Situationen etc.

Diese 14 Punkte garantieren nicht, dass Sie sicher die Spreu vom Weizen trennen können. Sie schärfen aber die Wahrnehmung für Qualitätsunterschiede. Lassen Sie sich nicht für dumm verkaufen! Prüfen Sie Behauptungen, Meinungen und Versprechungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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