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[Buchtipp] „Zivilisierte Verachtung“, von Carlo Strenger

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Zivilisierte_VerachtungVerlagsbeschreibung

Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit

Moderne Gesellschaften stehen seit je vor der Herausforderung, das Zusammenleben unterschiedlicher Konfessionen, Ethnien usw. zu ermöglichen. Leitbilder wie das der multikulturellen Gesellschaft gerieten dabei jüngst in die Kritik. Zu Recht, so Carlo Strenger, habe der Westen mit der Idee der Political Correctness doch ein „Eigentor“ geschossen, da er nun selbst zum Ziel von Intoleranz werde.
Anhand konkreter Beispiele erläutert Strenger sein Gegenmodell der „Zivilisierten Verachtung“, einer Haltung, aus der heraus Menschen Positionen, die sie für irrational oder unmoralisch halten, verachten, ohne jenen, die sie vertreten, ihre Menschlichkeit abzusprechen. Zum Shop

Zum Autor Carlo Strenger

Carlo Strenger, in der Schweiz geboren und aufgewachsen, ist Professor der Psychologie an der Universität Tel Aviv. Er schreibt regelmäßig für den britischen „Guardian“ und Israels führende liberale Zeitung „Haaretz“.

Kommentar von Martin Koradi

Der Titel dieses Buches wirkt wohl auf viele Menschen eher irritierend. „Verachtung“ ist ein hartes Wort und „zivilisiert“ passt irgendwie ganz und gar nicht dazu.

Worum es Carlo Sprenger geht, wird deutlicher durch dieses Zitat aus dem Vorwort des Buches:

„Meine Motivation war, der relativistischen Tendenz der politischen Korrektheit, die glaubt, alle Positionen, Glaubenssätze und Lebensformen hätten den gleichen Respekt verdient, entgegenzuwirken. Dieser oft gedankenlose Respekt hat meiner Meinung nach vielen liberal eingestellten Menschen den Mut genommen, offensiv für die fundamentalen Werte der offenen Gesellschaft – Freiheit, Kritik und offene Diskussion – einzutreten. Die Gefahr, die ich sah und heute erst recht sehe, besteht darin, dass rechtsnationale Parteien und Gruppierungen die vakante Rolle der Verteidiger der freien Welt übernehmen, dabei aber die zu verteidigenden Werte der Aufklärung, die unsere Gesellschaft im Laufe der letzten Jahrhunderte humanisiert haben, durch Fremdenhass und das Schüren von Ängsten untergraben.“

Das Buch von Carlo Sprenger ist eine Aufforderung, sich ernsthaft mit Islamismus und Populismus auseinanderzusetzen und dabei die Werte der Aufklärung zu verteidigen. Damit ist es sehr aktuell.

Ausserdem:

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz).

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[Buchtipp] „Was tun – Demokratie versteht sich nicht von selbst“, von Gabriele von Arnim, Christiane Grefe, Susanne Mayer

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Was-tun-demokratie-verstehenVerlagsbeschreibung:

Ein Gefühl geht um in Europa: die Demokratie ist in Gefahr!
Nationalisten sind auf dem Vormarsch, und viele Bürger erleben zum ersten Mal, dass die liberale Demokratie keineswegs so selbstverständlich ist, wie man immer geglaubt hat, sondern ein fortwährender Prozess. Etwas, das man schützen, bewahren und mit Energie versorgen muss. Aber wie?
Fünf renommierte Journalistinnen geben in diesem kompakten Buch eine Antwort aus fünf unterschiedlichen Perspektiven. Ein Crash-Kurs in Staatsbürgerkunde, der mit Analysen, Informationen, Argumenten und Erfolgsgeschichten die Leser motiviert, sich für die Demokratie stark zu machen.
Gabriele von Arnim schreibt einen Liebesbrief an die Demokratie. Christiane Grefe erzählt davon, wie durch die Globalisierung Staat und Politik zugunsten der Wirtschaft so geschwächt wurden, dass viele Bürger das Vertrauen verloren haben. Aber das ist kein Naturgesetz: Wenn Bürger Druck machen, müssen Regierungen das Gemeinwohl wieder stärken. Elke Schmitter erinnert an demokratische Utopien, die schon vorhanden sind, man hat sie nur aus dem Auge verloren. Evelyn Roll zeigt, wie überlebenswichtig es für die Demokratie ist, eine Lüge wieder eine Lüge zu nennen, und wie man Realität und Erfindung auseinanderhalten kann. Und Susanne Mayer erzählt von positiven und gelungenen Beispielen demokratischen Engagements. Zum Shop

Zu den Autorinnen Gabriele von Arnim, Christiane Grefe, Susanne Mayer, Evelyn Roll, Elke Schmitter:

Gabriele von Arnim, 1946 geboren, studierte Politik und Soziologie. Als freiberufliche Journalistin arbeitete sie für Hörfunk, Fernsehen und Zeitungen. Sie lebte zehn Jahre in New York, unter anderem als Korrespondentin für „art“. Seit mehreren Jahren moderiert sie „Wortwechsel“ (SWR).

Christiane Grefe, Jahrgang 1957, Journalistenschule in München, Politik-Studium, Redakteurin bei Zeit, Süddeutsche Zeitung, Magazin, Wochenpost und GEO-Wissen. Seit 1999 Redakteurin und Reporterin im Berliner Büro der Zeit. Bücher: Ende der Spielzeit.

Susanne Mayer, geboren 1952, studierte Literaturwissenschaft. Kulturreporterin, Literaturkritikerin und Autorin seit 1986 bei DIE ZEIT.

Evelyn Roll, geboren 1952, Politologin und Theodor-Wolff-Preisträgerin, arbeitet als Reporterin und Autorin der „Süddeutschen Zeitung“ in Berlin.

Elke Schmitter, geboren 1961, studierte Philosophie in München und arbeitet als Journalistin für die taz, DIE ZEIT und die Süddeutsche Zeitung, seit 2001 für DER SPIEGEL.

Kommentar von Martin Koradi:

Dieses kleine Buch ist gut zu lesen und sehr anregend, um über Demokratie nachzudenken. Und das ist nötig, weil liberale Demokratien stark gefährdet sind und die Unterstützung von Demokratinnen und Demokraten brauchen.

Mir gefällt der Aufsatz von Christiane Grefe, in dem sie den Ursachen für die Anziehungskraft des Populismus nachgeht. Zitat:

„Wenn man verstehen will, woher die weltweite Anziehungskraft der Populisten, der drohende Zerfall Europas und die Hoffnung auf starke Männer und Staaten rühren, dann fordert das auch einen Blick zurück auf die Erfahrungen im globalen Finanzkasino und eine verfehlte Form der Globalisierung…..Rund um den Globus hat die einseitige Fixierung auf den Markt die sozialen Sicherheiten und Solidarstrukturen untergraben, Gemeinschaften, Kulturen und natürliche Ressourcen zerstört, den ökologischen Umbau des westlichen Wirtschaftsmodells aufgehalten. Und dabei wurden zugleich Politik und Staat so heruntergeredet und geschwächt, dass viele Bürger heute beiden misstrauen.“

Gabriele von Arnim präsentiert in ihrem Text zwei Zitate, die mich angesprochen haben. Eines davon stammt von Sylke Tempel, der Chefredaktorin der Zeitschrift „Internationale Politik“, die am 5. Oktober 2017 während des Sturmtiefs Xavier durch einen umstürzenden Baum ums Leben gekommen ist:

„Hinführung zur Demokratie ist immer auch Hinführung zur Komplexität. Der Reflexionsprozess ist wichtig. Die Demokratie ist kein Billy-Regal, das man einmal zusammenschraubt, an die Wand stellt und das war’s. In einer Demokratie gibt es einen inneren Zusammenhalt von Unverhandelbarem. Einen Wertekanon. Das sind keine absoluten Wahrheiten, nur relative. Wir müssen die Paradoxien hinkriegen.Es gibt keine perfekten Lösungen, immer nur eine Annäherung ans Ziel. Mehr schaffen wir nicht.“

Das zweite Zitat stammt von Lorraine Daston, der Direktorin des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte:

„Leider hat man das Recht zu wählen abgekoppelt von der Pflicht, sich zu informieren. Und ohne den informierten Bürger funktioniert keine Demokratie.“

Auch die zwei Beiträge von Evelyn Roll sind sehr ansprechend. Sie gibt „Tipps für den Umgang mit Demokratieverächtern“ und zeigt auf, wie im Informations- und Cyberkrieg mit Lügen und Faktenzersetzung die Grundlagen der Demokratie angegriffen werden.

Ausserdem:

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz).

 

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Notwendig: Den Sumpf der Hasspropaganda im Internet trocken legen

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Hasspropaganda und Hasskommentare im Internet vergiftet das gesellschaftliche Klima und gefährdet die offen-liberale, pluralistische, demokratische Gesellschaft. Kritik gehört zur Demokratie wie das Salz in der Suppe. Aber Hass, Einschüchterung und Drohungen sind etwas fundamental anderes als Kritik und zurückzuweisen. Reflexion und Aktion gegen Hasspropaganda ist deshalb notwendig. Dieser Beitrag liefert dazu wichtige Stichworte und fasst zu diesem Zweck insbesondere im ersten Teil das Buch von Ingrid Brodnig zusammen (Hass im Netz, Brandstätter Verlag 2016).

 

Sechs Faktoren, welche die Enthemmung im Internet fördern

(nach John Suler)

  1. Anonymität: Gibt Gefühl der Unverwundbarkeit.

 

  1. Unsichtbarkeit: Nonverbale Feedbacksignale fallen weg. Fehlender Augenkontakt

 

  1. Asynchronität: Kein unmittelbares Feedback auf hasserfüllte Kommentare, „Emotionale Fahrerflucht“.

 

  1. Phantasievorstellung vom Gegner gespeist von eigener Persönlichkeit.

 

  1. Trennung zwischen Online- und Offline-Charakter: Online wird nicht so ganz ernst genommen.

 

  1. Fehlende Autorität: Online-Foren sind oft kaum moderiert – Hater werden selten zur Ordnung gerufen.

 

Internet fördert Echokammern – Echokammern fördern Radikalisierung

 

Confirmation Bias (Bestätigungsfehler): Menschen bevorzugen Informationen, die ihre Sichtweise bestätigen.

 

Menschen aggregieren sich in Communitys mit denselben Interessen. Kaum Kontakt mit Andersdenkenden.

 

Dadurch ständige Bestätigung der eigenen Vorurteile und Verfestigung der Vorstellung, dass alle so denken, wie man selbst.

 

Aggressive Kommentare auf Facebook bekommen mehr Likes (= Bestätigung). Bekommt ein Beitrag viele Likes und Kommentare, wird er von Facebook mehr gezeigt und bekommt mehr Beachtung. Dieses Zusammenwirken menschlicher und technischer Faktoren treibt die Polarisierung im Netz voran.

 

Diese Entwicklung ist verheerend, weil Demokratie darauf aufbaut, dass wir mit anderen Meinungen konfrontiert werden.

 

Zur Typologie problematischer Internetnutzer

1. Trolle

Ihnen geht es nicht um inhaltliche Anliegen, sondern um die eigene Belustigung. Sie wollen Aufruhr erzeugen und andere Internetnutzer zur Weissglut treiben. Daraus ziehen sie ein Gefühl der Überlegenheit. Die Bandbreite des Trollens reicht von skurrilen, aber harmlosen Provokationen bis hin zu äusserst verletzendem Mobbing.

Troll-Strategien nach Claire Hardaker:

– Abschweifen in ergebnislos bleibende Richtung, was Frustration auslöst.

– Unverhältnismässige oder pedantische Kritik.

– Antipathie auslösen durch Einnahme irritierender Haltungen und Sichtweisen.

– Eine Bedrohung fingieren, die andere Nutzer alarmiert.

– Schocken durch Tabubrüche und Verletzung von Moralvorstellungen.

– Unprovozierte Aggression durch grundlose Attacken und plumpe Beleidigungen.

 

2. Glaubenskrieger

Sie sind restlos überzeugt von einer Idee, dulden keinen Widerspruch und gehen aggressiv und herabwürdigend gegen alle vor, die eine andere Sichtweise einnehmen. Mit diesen Gegnern oder Feinden wollen sie nicht diskutieren, sondern sie nur wegmobben. In Diskussionen kommen sie sehr rasch auf ihr Thema, sind dort mitteilungsbedürftig, aufdringlich und von quasi religiösem Eifer getrieben. Glaubenskrieger wähnen sich im Krieg gegen Andersdenkende. Sie heizen daher die Stimmung gezielt an, weil sie polarisieren und eine Konfrontation herbeischreiben wollen.

 

Vier Faktoren sind charakteristisch für Glaubenskrieger:

 

– Unbeirrbare Überzeugungen:

Der Glaubenskrieger beansprucht, die Wahrheit zu kennen. Demensprechend ist es im ernst. Im Gegensatz zum Troll agiert er nicht aus Jux und Tollerei. Er fühlt sich verpflichtet, die Wahrheit möglichst laut zu verbreiten und zeigt als „Kampfposter“ oft grosses Engagement und eindrückliche Ausdauer.

 

– Heldenmythos:

Glaubenskrieger sind überzeugt davon, dass sie besser informiert sind als andere Menschen, und dass sie eine wichtige Information verstanden haben, die ein grosser Teil der Bevölkerung noch nicht so recht einsehen will. Dabei geht es oft um eine Bedrohung, manchmal sogar um ein Komplott, das die Eliten mittragen oder zumindestens schönreden. Hier kommen häufig Verschwörungstheorien ins Spiel. Glaubenskrieger begeben sich in Fundamentalopposition zum Rest der Gesellschaft und entwerfen ein Szenario von „Wir gegen die“, bei dem eine heldenhafte Gruppe gegen die verblendete Masse ankämpft.

– Abschottung:

Glaubenskrieger sind nicht zugänglich für Fakten und Argumente, die ihrem Weltbild widersprechen. Kommen sie argumentativ gegen einen Diskussionsgegner nicht an, werfen sie ihm kurzerhand vor, zu lügen oder verblendet zu sein. Sie selbst fallen auf durch ihren unsorgfältigen Umgang mit Fakten. Sie berufen sich oft auf Quellen, die keine hohen Qualitätsansprüche haben und die oft aus derselben Szene stammen wie sie selbst. Manche Glaubenskrieger halten auch den Einsatz gezielter Lügen für ein adäquates Mittel, um ihren Standpunkt durchzusetzen und auf die vermeintliche Bedrohung hinzuweisen.

 

– Aggressive Tonalität:

Glaubenskrieger zeigen kaum Empathie gegenüber Andersdenkenden. Ihr aggressives Auftreten erfüllt zwei Aufgaben: Erstens stärkt es den Zusammenhalt durch Abgrenzung der „Eigengruppe“ von der „Fremdgruppe“. Der gemeinsame Feind vereint die Eigengruppe. Zweitens sollen Andersdenkende gezielt verunglimpft, übertönt und zum Verstummen gebracht werden. Sachliche Stimmen ziehen sich durch die ständigen Beleidigungen aus der Diskussion zurück. Andersdenkende werden bewusst so lange frustriert, bis sie gar nicht mehr das Wort ergreifen (Silencing). Die kontinuierlichen Provokationen führen manchmal dazu, dass Andersdenkende sich ebenfalls im Ton vergreifen. In den Augen der Glaubenskrieger beweist das dann, dass sie selbst die wahren Opfer sind.

 

Glaubenskrieger gibt es in vielen Varianten: Islamfeindliche, islamistische, rechtsextreme, linksextreme, antifeministische, fundamentalistisch impfkritische…..

 

Wie funktionieren Glaubenskrieger?

– Motiviertes Denken:

Die Weltsicht ist stark mitbestimmend für ihre Denkweise: „Motivated Reasoning“ (Motiviertes Denken) durch

  1. a) „Selective Exposure“ = verstärkte Suche nach Informationen, die mit den eigenen bestehenden Ansichten übereinstimmen, und
  2. b) „Confirmation Bias“ (Bestätigungsfehler) = Aussagen eher akzeptieren, die der eigenen Weltsicht entsprechen, und
  3. c) „Disconfirmation Bias“ = Informationen eher ablehnen oder ignorieren, wenn sie der eigenen Weltsicht widersprechen.

 

– Zulaber-Technik:

In nur wenigen Sätzen unzählige Behauptungen aufstellen, was den Eindruck vermitteln soll, dass sie sich extrem gut auskennen. So rasch, wie Glaubenskrieger oft fragwürdige Behauptungen in den Raum werfen, kann ein Gegenüber sie gar nicht auf Richtigkeit überprüfen und gegebenenfalls widerlegen.

 

– Permanente Wiederholung:

Glaubenskrieger versuchen, ihre kognitiven Kurzschlüsse durch ständige Wiederholung zu verbreiten. Das Internet vervielfacht die Möglichkeiten dazu. Ständige Wiederholung von Behauptungen ist sehr wirkmächtig.

 

– Kampf um kulturelle Hegemonie:

Glaubenskrieger versuchen, digitale Diskussionsräume mit ihrer Aggression zu besetzen und damit sachliche Debatten in erhitzte Schlachtfelder zu verwandeln.

 

– Hass als Instrument zur Verhinderung von Empathie:

Durch fehlende Empathie fallen Hemmungen gegenüber den Gehassten weg, was starke Feindschaft ermöglicht und daraus folgende Spaltung in „wir“ gegen „die“.

 

– Schimpfworte und verbale Attacken:

Die konsequente Verwendung von Schimpfworten und verbalen Attacken führt zur Polarisierung und verhindert Konsensfindung, die für demokratische Gesellschaften essentiell ist.

 

– Fortlaufende Provokationen:

Durch Provokationen wird der Gegner dazu verleitet, selbst ausfällig zu werden. Gelingt das, kann sich der Glaubenskrieger als Opfer präsentieren. Statt in die Falle zu tappen und selber ausfällig zu werden: Unfaire Diskussionsstile konsequent benennen!

 

– Pochen auf „Meinungsfreiheit“ als Immunisierungsstrategie:

Glaubenskrieger missbrauchen den für demokratische Gesellschaften wichtigen Begriff der Meinungsfreiheit, klagen darüber, dass ihre Meinungsfreiheit eingeschränkt wird und stellen sich als Opfer von Zensur dar. Sie missverstehen oder verdrehen dabei den Sinn der Meinungsfreiheit.

Meinungsfreiheit ist jedoch kein Freibrief für Verleumdungen, Diffamierungen, Drohungen oder rüpelhaftes Verhalten. Sie umfasst nicht das Recht, jederzeit und überall zu Wort zu kommen und Gehör zu finden. Sie schützt auch nicht vor Kritik und In-Frage-gestellt-werden. Wie andere Grundrechte auch, ist die Meinungsfreiheit nicht grenzenlos. Sie schützt insbesondere vor Eingriffen der Behörden und staatlicher Verfolgung, wenn man Informationen oder Ideen weitergeben möchte.

 

Silencing

Mit „Silencing“ wird der Versuch bezeichnet, Menschen im Internet solange einzuschüchtern, bis sie nicht mehr das Wort ergreifen, verstummen und sich zurückziehen. Ziel der Attacken: Andere Meinungen sollen aus der öffentlichen Debatte verschwinden. Die Diskussionsräume im Internet sind kein egalitärer Ort. Von Silencing sind nicht alle Internet-Nutzer gleichermassen betroffen. Potenzielles Ziel von zum Teil organisierten Hasskampagnen sind alle, die sich mit Meinungen exponieren, die den Glaubenskriegern zuwider laufen, insbesondere Politikerinnen und Politiker. Frauen werden härter attackiert und persönlicher diffamiert, wobei Verunglimpfungen und Drohungen oft sexualisiert daherkommen, zum Beispiel als Vergewaltigungsdrohung.

Davon besonders betroffen sind Journalistinnen, Feministinnen und Lesben. Ein Migrationshintergrund verschärft die aggressive Tonalität der Angriffe.

 

Für demokratische Gesellschaften ist Silencing fatal, weil grosse Teile der Bevölkerung dadurch im öffentlichen Diskus unsichtbar werden.

Silencing belastet am stärksten, wenn Betroffene den Eindruck bekommen, ganz auf sich allein gestellt zu sein. Solidaritätsbekundungen anderer User sind daher enorm wichtig.

 

Falschmeldungen und Lügen als Hass-Generatoren

 

Falschmeldungen und Lügen verbreiten sich im Netz wahnsinnig schnell. Sie sind oft sehr viel schockierender und emotionalisierender als Richtigstellungen und werden daher auch von mehr Menschen geliked und weitergereicht. Die höhere Rate an Likes und Shares wiederum hat zur Folge, dass der Facebook-Algorithmus Falschmeldungen gegenüber Richtigstellungen bevorzugt und sie stärker verbreitet.

Die ständigen Wiederholungen machen die Fälschungen so wirkungsvoll. Glaubenskrieger zielen mit der Verbreitung von Falschmeldungen auf die Erzeugung von Panik. Die bisher ruhige Mitte, die sich in die Debatte nicht einmischt, soll auch polarisiert werden.

 

Umgang mit Falschmeldungen:

 

– Grundsätzliche Medienkompetenz vermitteln: Meldungen zuerst prüfen, erst danach allenfalls weiterverbreiten („Zuerst denken, dann klicken“). Quellen von Meldungen prüfen (wer, was, wann, wo, wie?). Weblink: www.mimikama.at

 

Richtigstellungen sind schwierig und müssen gut formuliert sein: Sie erreichen weniger Leute und oft die falschen. Facebook praktiziert „Preaching to the Choir“: Die Botschaft wird demjenigen präsentiert, der ohnehin schon an den Inhalt glaubt. Eine flüchtlingsfeindliche Falschmeldung wird dem Flüchtlingsfeind gezeigt, die Richtigstellung eher dem Flüchtlingsfreund. Dazu kommt der „Backfire Effekt“. Der Schuss kann nach hinten losgehen: Glaubenskrieger werden durch Richtigstellung von Falschmeldungen, die ihr Weltbild bestätigen, in diesem Weltbild oft sogar bestärkt.

Korrekturen nicht als Verneinung formulieren, weil dann die ursprüngliche Behauptung noch einmal wiederholt wird. „Obama ist kein Moslem“ verfestig die Verbindung „Obama–Moslem“. Affirmation ist wirksamer: „Obama ist Christ“. Den Hintergrund der Falschmeldung erklären (wem nützt sie?). Auf häufige Widerholungen falscher Aussagen verzichten.

 

– Bei rufschädigenden Falschmeldungen: Anzeige prüfen.

 

Quelle:

Ingrid Brodig, Hass im Netz, Brandstätter Verlag 2016

Die bisherigen Abschnitte sind im Wesentlichen eine Zusammenfassung dieses Buches. „Hass im Netz“ können Sie kaufen im Buchshop.

 

Hasspropaganda als Instrument hybrider Kriegsführung

 

Hasspropaganda im Internet wird auch eingesetzt im Rahmen hybrider Kriegsführung. Dabei handelt es sich um „eine flexible Mischform der offen und verdeckt zur Anwendung gebrachten regulären und irregulären, symmetrischen und asymmetrischen, militärischen und nicht-militärischen Konfliktmittel mit dem Zweck, die Schwelle zwischen den völkerrechtlich angelegten binären Zuständen Krieg und Frieden zu verwischen.“ (Quelle: Wikipedia).

Desinformationskampagnen und Propaganda spielen im hybriden Krieg eine wichtige Rolle. Aktuelles Beispiel ist die hybride Kriegführung Russlands (Krim, Ostukraine) und die propagandistische und finanzielle Unterstützung rechtsradikaler und linksradikaler Bewegungen in Europa durch die Kremlführung.

Beispiele:

– Staatlich gelenkte russische Propagandamedien streuen Falschmeldungen über Vergewaltigung durch NATO-Soldaten in Litauen.

– Unterstützung Marine Le Pens durch Diffamierung Macrons durch „Sputnick“ (Unterstellung von verheimlichter Homosexualität).

– Der „Fall Lisa“.

– Die St. Petersburger Trollfabrik, zur Flutung von Kommentarspalten westlicher Medien mit kremlfreundlichen, EU-feindlichen, Merkel-feindlichen Statements.

– Das Donezk-Leak aus dem E-Mail-Account der Informationsministerin der prorussischen Rebellen in der Ostukraine zeigt die Propagandastrategie und den Einfluss Russlands auf den Propagandaapparat der Separatisten.

– Social-Bots-Armeen für die politische Propaganda und Desinformation.

Quelle für diesen Abschnitt:

Markus Wehner, Putins Kalter Krieg, Knauer 2016

Boris Reitschuster, Putins verdeckter Krieg, Econ 2016

 

Kernpunkte im Engagement gegen Hasspropaganda:

– Differenzieren, ohne zu verharmlosen. Das ist nicht selten eine Gratwanderung.

– Unterscheiden zwischen Hass / Hetze / Diffamierung einerseits, und Kritik andererseits. Kritik bezieht sich auf konkrete Sachverhalte, Äusserungen oder Handlungen. Sie basiert auf Argumenten. Kritik ist wichtig und muss erlaubt sein. Sie ist unerlässlich in einem demokratischen Gesellschaftsmodell. Hass / Hetze / Diffamierung dagegen pauschalisiert, zielt auf die Person oder auf Personengruppen.

– Propaganda-Strategien durchschauen lernen. Wie überprüft man Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt?

– Unterscheiden lernen: Wie weit geht die Meinungsäusserungsfreiheit – und wo endet sie?

– Hasspropaganda kann jeden und jede treffen. Es gibt zum Beispiel Islamhasser, Hass von Islamisten gegen „Ungläubige“, Hass gegen Homosexuelle, Übergewichtige, gegen besonders „schöne“ oder „hässliche“ Menschen…………Das Engagement gegen Hasspropaganda ist deshalb umfassend und lässt sich nicht von einer bestimmten Position vereinnahmen.

– Gegenseitiger Hass hängt sehr viel stärker zusammen, als es den Beteiligten klar ist. Islamhasser und Islamisten brauchen sich, fördern sich gegenseitig und spielen sich in die Hände. Darum kann man Islamisten nicht mit Islamhass bekämpfen und Islamhass nicht durch Islamismus. Es braucht unabhängiges Engagement gegen Hasspropaganda.

 

Mögliche Aktivitäten gegen Hasspropaganda

– Counterspeech: Bei der Counter Speech geht man bewusst auf Redewendungen ein, die Ressentiments und Vorurteile enthalten: nicht durch Polemik, sondern durch unaufgeregte und klare Argumentation, die den diskriminierenden Post ins Leere laufen lässt. Counterspeech kann auch der Stärkung von Minderheiten dienen, weil diesen damit öffentlich gezeigt wird: »Ihr seid nicht alleine.« Guter Counterspeech will gelernt sein. Vernetzung und Erfahrungsaustausch sind dazu nützlich. Die Forderung nach Counterspeech ist allerdings bequem für die Social Media Plattformen. Counterspeech hält die Leute auf der Plattform und Twitter, Facebook & Co. können sich um ihre Veranwortung drücken. Die User erledigen die „Putzarbeit“ auf der Plattform, die eigentlich die Plattform-Firmen erledigen müssten. Daher ist neben gutem Counterspeech auch wichtig:

 

– Druck machen auf die Social Media Plattformen, damit sie ihre Verantwortung wahrnehmen (Rasche Löschung von Hass, Diffamierung, Drohung; Algorithmen überarbeiten, damit sie nicht Hass, Drohung, Diffamierung begünstigen).

 

– Hasspropaganda im Internet auffinden und an die entsprechenden Stellen melden (Social Media Plattformen, http://www.hass-im-netz.info, Gericht).

 

– Gegen Hasspropaganda sensibilisieren in Schulen, Betrieben etc.

 

– Möglichkeiten suchen und aufbauen, um Opfer von Hasspropaganda zu unterstützen.

 

Links gegen Hasspropaganda:

 

– Die Facebook-Gruppe #ichbinhier wirkt aktiv Hasskommentaren entgegen und steht für eine Diskussionskultur, die auf Argumenten basiert – nicht auf Gerüchten und Beleidigungen.

 

http://www.stoppt-hasspropaganda.de

 

http://www.mimikama.at (Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch)

 

https://no-hate-speech.de

 

http://hasspropaganda.tumblr.com (Seite von Martin Koradi)

 

http://www.stopfake.org/de/start/ (widerlegt russsiche Fake News zur Ukraine).

 

http://www.solidaritystorm.at/index

 

Zitat von Heinz Kleger zum Thema Einschüchterung:

«Bei solchen Fragen der Einschüchterung und Gewalt geht es nicht um Kompromisse. Abgesehen von faulen Kompromissen sind verhandelte Kompromisse meistens gut, zumindest sind sie legitim. Bei Gewalt- und Einschüchterungsfragen geht es dagegen um weit mehr, nämlich um Legitimitätskonzessionen und die sind immer schlecht, wenn es um Demokratie geht. Jeder sollte ohne Angst zu Wort kommen können. Einschüchterung und Gewalt sind nicht nur zu verachten, sondern offen zu bekämpfen. Entscheidend ist, dass es eine sichtbare Gegenwehr gibt.

Dies gilt insbesondere für eine Hasspropaganda, die zu Gewalt führt. Eine Politik des Hasses und der Gewalt lässt sich mit Demokratie nicht vereinbaren („not in my name“). Viel zu oft nehmen wir sie passiv hin, was kein Ausdruck demokratischer Tugendethik ist, sondern der Anfang vom Ende: Die lauten Minderheiten gewinnen dann über die stillen Mehrheiten, im Kleinen wie im Grossen. Gesellschaftliche Mehrheitsverhältnisse werden umgedreht. Toleranz und Entschiedenheit schliessen sich jedoch nicht aus, im Gegenteil. Es ist wichtig, frühzeitig, klug, breit und originell (in Verbindung mit den neuen Techniken, Künsten und den Lebenswelten heutiger Jugendlicher) gegen eine Politik des Hasses vorzugehen. Über und mit der Toleranz steht die Übung der Urteilsfähigkeit. Zu den kleinen Schritten der Aufklärung als Prozess gehört die Überprüfung der Informationen, um nicht Mitläufer zu werden („erst prüfen, dann teilen“).»

Quelle: Tugendethik ohne Tugendterror, Heinz Kleger, Verlag Books on Demand, 2015, Seite 89. Heinz Kleger ist Politikwissenschaftler in Potsdam.

Weitere Texte von mir zu gesellschaftspolitischen Themen:

Demokratie braucht eine diskursive Gesprächskultur -verteidigen wir sie! Für den konstruktiven Weg zwischen Relativismus und Dogmatismus.

Was ist Populismus? Und was nicht? (eine Zusammenfassung des Buchs „Was ist Populismus“ von Jan-Werner Müller).

Offene Gesellschaft oder geschlossene Gesellschaft – wohin geht die Reise? Das Konzept der offenen Gesellschaft von Karl Popper ist eine fulminante Verteidigung der liberalen, offenen Demokratie, die heute wieder weltweit unter Druck steht.

Wie Medien via Aufmerksamkeitsfalle den Populismus fördern. Eine Zusammenfassung des Buches „Die Aufmerksamkeitsfalle“ von Mattthias Zehnder.

– Hannah Arendt: Standnehmen in der Welt statt Weltentfremdung.
Die Sorge um intakte Weltbezüge in der modernen Gesellschaft

Übersicht meiner gesellschaftspolitischen Buchempfehlungen.

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Grüntee vorbeugend gegen Krebs?

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Hier ein “Fundstück” zur oft diskutierten Frage, ob Grüntee vorbeugend gegen Krebs wirksam ist:

“Die Polyphenole, die besonders im Grünen Tee reichlich enthalten sind, haben antimutagene und antioxidative Wirkung und hemmen im Tierversuch die Entstehung und das Wachstum von Tumoren. Epidemiologische Studien haben gezeigt, dass auch beim Menschen das Risiko, an Tumoren zu erkranken, durch regelmässigen Teegenuss verringert wird, allerdings in für einen Mitteleuropaer ungewöhnlich hohen Dosen (10 Tassen/Tag und mehr). Kritiker weisen darauf hin, dass die scheinbaren Wirkungen des Teegenusses auf die Häufigkeit des Auftretens von Tumoren möglicherweise auch auf die unterschiedlichen Essgewohnheiten von Teetrinkern und Menschen, die keinen Tee trinken, zurückzuführen sind.”

Dieses Zitat stammt aus dem Fachbuch “Biogene Arzneimittel” von Teuscher, Melzig und Lindequist.

Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart 2012.

Details zu diesem Buch und eine Bestellmöglichkeit finden Sie im Buchshop. Es handelt sich um ein Fachbuch, das sich fundiert mit der Wirkstoffkunde befasst, die der Phytotherapie zugrunde liegt.

 

Kommentar & Ergänzung:

Das wichtigste der Polyphenole, die für die Wirkung von Grüntee verantwortlich gemacht werden, heisst Epigallocatechingallat (EGCG).

Siehe dazu:

Grüntee-Inhaltsstoff EGCG als Therapieoption gegen Krebs erforscht

 

Experimente im Reagenzglas und Tierversuche können allerdings niemals die Wirksamkeit bei krebskranken Menschen belegen. Auch epidemiologische Studien verschaffen keine Gewissheit. Sie vergleichen Bevölkerungsgruppen. Dabei lässt sich zeigen, dass in den Gruppen mit hohem Grüntee-Konsum weniger Tumorerkrankungen auftreten als in Gruppen mit tiefem oder fehlendem Grüntee-Konsum.

Aber – das Zitat weist darauf hin, ein relevanter Unterschied zeigt sich bei sehr hohen Dosen von etwa 10 Tassen pro Tag. Ausserdem ist bei epidemiologischen Studien nie auszuschliessen, dass für die Unterschiede andere, noch unbekannte Faktoren verantwortliche sind. Grüntee-Trinker unterscheiden sich möglicherweise an mehreren entscheidenden Punkten von Nicht-Grüntee-Trinkern (Lebensstil, Ernährungsweise).

Es spricht viel dafür, dass Grüntee gesund ist und wer ihn gerne trinkt, kann das auch gerne weiter tun. Allerdings werden oft Gesundheitsversprechungen mit dem Grüntee-Konsum verbunden, die sich so nicht belegen lassen. Ein Wundermittel zum Beispiel gegen Krebs ist leider auch der Grüntee nicht.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

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Lernen über Heilpflanzen: Auf die Grundhaltung kommt es an – ein Zitat von Erich Fromm

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Möchten Sie Wissen über Heilpflanzen erwerben – zum Beispiel in der Phytotherapie-Ausbildung oder im Heilpflanzen-Seminar? – Dann lohnt sich eine kurze Reflektion über die verschiedenen Grundhaltungen, in denen Lernen möglich ist.

Dazu hat der Psychoanalytiker und Sozialpsychologe Erich Fromm interessante Gedanken formuliert, die ich Ihnen hier vorstellen möchte. Im Anschluss an das Zitat finden Sie einen Kommentar dazu von mir.

Erich Fromm unterscheidet zwei Grundtypen des Lernens:

Lernen in der Existenzweise des Habens und Lernen in der Existenzweise des Seins.

Hier das Zitat:

„Studenten, die an der Existenzweise des Habens orientiert sind, hören eine Vorlesung, indem sie auf die Worte hören, ihren logischen Zusammenhang und ihren Sinn erfassen und so vollständig wie möglich alles in ihr Notizbuch aufschreiben, so dass sie sich später ihre Notizen einprägen und eine Prüfung ablegen können. Aber der Inhalt wird nicht Bestandteil ihrer eigenen Gedankenwelt, er bereichert und erweitert diese nicht. Sie pressen das, was sie hören, in starre Gedankenansammlungen oder ganze Theorien, die sie speichern. Inhalt der Vorlesung und Student bleiben einander fremd, ausser dass jeder dieser Studenten zum Eigentümer bestimmter, von einem anderen getroffener Feststellungen geworden ist (die dieser entweder selbst geschaffen hat oder aus anderen Quellen schöpfte).

Studenten in der Existenzweise des Habens haben nur ein Ziel: das „Gelernte“ festzuhalten, entweder indem sie es ihrem Gedächtnis einprägen oder indem sie ihre Aufzeichnungen sorgsam hüten. Sie brauchen nichts Neues zu schaffen oder hervorzubringen. Der „Habentypus“ fühlt sich in der Tat durch neue Ideen oder Gedanken über sein Thema eher beunruhigt, denn das Neue stellt die Summe der Informationen in Frage, die er bereits hat. Für einen Menschen, für den das Haben die Hauptform seiner Bezogenheit zur Welt ist, sind Gedanken, die nicht leicht aufgeschrieben und festgehalten werden können, furchterregend, wie alles, was wächst, sich verändert und sich somit der Kontrolle entzieht.

Für Studenten, die in der Weise des Seins zur Welt bezogen sind, hat der Lernvorgang eine völlig andere Qualität. Zunächst einmal gehen sie selbst zu der ersten Vorlesung nicht als tabula rasa. Sie haben über die Thematik, mit der sich der Vortrag beschäftigt, schon früher nachgedacht; es beschäftigen sie bestimmte Fragen und Probleme. Sie haben sich mit dem Gegenstand schon auseinandergesetzt und sind an ihm interessiert.

Statt nur passiv Worte und Gedanken zu empfangen, hören sie zu und hören nicht bloss, sie empfangen und antworten auf aktive und produktive Weise. Was sie hören, regt ihre eigenen Denkprozesse an, neue Fragen, neue Ideen, neue Perspektiven tauchen dabei auf. Der Vorgang des Zuhörens ist ein lebendiger Prozess; der Student nimmt die Worte des Lehrers auf und wird in der Antwort lebendig. Er hat nicht bloss Wissen erworben, das er nach Hause tragen und auswendig lernen kann. Jeder Student ist betroffen und verändert worden: Jeder ist nach dem Vortrag ein anderer als vorher. Diese Art des Lernens ist nur möglich, wenn der Vortrag auch anregendes Material bietet. Auf leeres Gerede kann man nicht in der Weise des Seins reagieren und tut besser daran, nicht zuzuhören, sondern sich auf seine eigenen Gedanken zu konzentrieren.“

Erich Fromm, 1900 – 1980, deutscher Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe.

Zitat aus: Haben oder Sein, Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft, dtv Verlag 1980

 

Kommentar & Ergänzung:

Viele Menschen suchen heute ergänzend oder alternativ zur Medizin nach anderen Wegen des Heilens. Eine Suche, die sehr verschiedenartigen Motiven entspringen kann. Beteiligt daran scheint jedenfalls oft ein Wunsch nach menschenfreundlichen und naturnahen Behandlungsmethoden. Auffallend ist aber auch, dass sich dieser Wunsch nach alternativen Wegen nicht selten sehr isoliert auf den Bereich der Heilkunde beschränkt, während alle anderen Lebensbereiche sich schön brav im konventionellen Rahmen bewegen. Eigentlich wäre es doch nahe liegend, dass diese Suchbewegung auch noch in anderen Aspekten des Lebens wirksam wird. Für den Lebensbereich „Lernen“ finden sich in diesem Text von Erich Fromm wertvolle Anregungen auch für Menschen, die lernend im Bereich Phytotherapie / Pflanzenheilkunde unterwegs sind.

Mir ist es jedenfalls ein Anliegen, dass in meinen Lehrgängen nicht nur im konsumierenden Haben-Modus gelernt wird. Eine lebendige und auch kritische Auseinandersetzung mit dem Heilpflanzen-Wissen ist mir wichtig und passt auch viel besser zu diesen Themen. Erich Fromm hat mit dem sein-orientierten Lernen die Grundhaltung dazu beschrieben.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Menthol / Pfefferminzöl gegen Juckreiz

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Die österreichische Tageszeitung „Der Standard“ bringt ein Gespräch mit dem Dermatologen Franz Legat, dem Leiter der Juckreizambulanz in Graz.

Dabei wird als Mittel gegen Juckreiz (Pruritus) unter anderem auch Menthol erwähnt.

Zitat:

„Auch Cremes mit speziellen Inhaltsstoffen, etwa mit Urea, also Harnstoff, oder Menthol können helfen. Eine Therapie in Kältekammern oder die Phototherapie, also die Therapie mit UV-Strahlen, kann juckreizlindernd wirken.“

Quelle:

http://derstandard.at/2000057056706/Pruritus-Im-Juck-Kratz-Zyklus-sein

Kommentar & Ergänzung:

Menthol ist ein Bestandteil des Pfefferminzöls und dort in einem Anteil von 35 – 70 % vorhanden. Man kann also grob davon ausgehen, dass Pfefferminzöl etwas zur Hälfte aus Menthol besteht.

Bei der Anwendung von Menthol ist die Konzentration wichtig.

Um Juckreiz zu lindern sind Konzentrationen von 0,1 – 1% Menthol wirksam. Rechnet man bei Pfefferminzöl mit einen Mentholgehalt von etwa 50%, könnte man deshalb 1 – 2 % Pfefferminzöl in einer Salbengrundlage oder in fettem Öl (z. B. Mandelöl) applizieren.

Als Counterirritant zum Beispiel gegen Spannungskopfschmerzen beträgt die empfohlene Konzentration 1,25 – 16% Menthol. Üblich ist hier eine 10%ige Pfefferminzöl-Lösung auf alkoholischer Basis.

Urea (Harnstoff) ist eine organische Verbindung und bei Säugetieren ein harnpflichtiges Stoffwechselprodukt, das mit dem Urin und dem Schweiß ausgeschieden wird. In Salben und Lotionen dient er als Feuchtigkeitsspender und wird zu diesem Zweck synthetisch hergestellt.

Wissenschaftsgeschichtlich gilt Harnstoff als die erste aus anorganischen Ausgangsstoffen synthetisierte organische Verbindung.

Das widersprach der damals verbreiteten Vorstellung, dass organische Substanzen grundsätzlich nur von Lebewesen durch die so genannte vis vitalis (Lebenskraft) hergestellt werden könnten. Die erste Synthese von Harnstoff im Jahr 1828 durch Friedrich Wöhler gilt daher als Geburtsstunde der Biochemie. Durch diese Entwicklung galt der vitalistische Ansatz in der Biologie zunehmend als überholt.

Der Vitalismus nahm als Grundlage aller Lebensvorgänge als eigenständiges Prinzip eine Lebenskraft an. Die Hernstoffsynthese zeigte, dass zur Herstellung organischer Substanzen die Annahme einer Lebenskraft nicht notwendig ist.

Erwähnen möchte ich noch einen anderen interessanten Aspekt, der im Gespräch mit Franz Legat zu Sprache kommt:

Ein Juckreiz kann chronisch werden und sich dann von der ursprünglichen Ursache lösen. Zitat:

„Es entsteht ein Juck-Kratz-Zyklus, und der wird zu einer eigenen Juckreizerkrankung, die dann oft mit speziellen juckenden Hautveränderungen in einer sogenannten chronischen Prurigo mündet. In diesem Stadium bringt dann auch die Behandlung der auslösenden Ursache keine Hilfe mehr.“

Das scheint mir ähnlich zu sein wie bei chronischen Schmerzen. Auch sie können sich von der ursprünglichen Ursache lösen und zur eigenständigen Schmerzkrankheit werden.

Starker Juckreiz kann genauso stark belasten wie chronischer Schmerz.

In der Medizin kommen gegen Juckreiz oft Arzneimittel zur Anwendung, die eigentlich gegen andere Erkrankungen entwickelt wurden. Im Interview erwähnt werden als Optionen die Wirkstoffe Gabapentin und Pregabalin, die die Wahrnehmung und Weiterleitung von Juckreiz hemmen und bei Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz oder mit Nervenschäden meist gut wirken sollen.

Auch der Neurokinin-1-(NK1)-Antagonist Aprepitant habe sich als gutes Mittel gegen schweren chronischen Pruritus erwiesen, sei aber eigentlich zugelassen, um die Übelkeit bei stark wirksamen Chemotherapien zu lindern. Das Mittel sei teuer, und die Erfahrungen mit Langzeitbehandlungen seien derzeit noch gering.

Es gebe derzeit noch kein Medikament, das gegen Juckreiz zugelassen sei, sagt Legat.

In der Phytotherapie wird als Option bei Juckreiz noch der Paprika-Wirkstoff Capsaicin äusserlich angewendet. Siehe dazu:

Capsaicin-Creme hilft gegen Juckreiz

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Meerrettich als „Penicillin des Gartens“?

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Der Bayerische Rundfunk berichtete kürzlich sehr informativ über Meerrettich und seine Wirkungen. „Penicillin des Gartens“ werde der Meerrettich auch genannt. Das ist zwar etwas gar gross ausgedrückt, doch kann der Meerrettich tatsächlich antimikrobielle Wirkungen entfalten.

Dr. rer. nat. Iris Eisenmann-Tappe, Sommerhausen wird in dem Beitrag zur Wirkung des Meerrettichs folgendermassen zitiert:

„Wo er oft gebraucht wird, das sind Blasenentzündungen. Wenn man merkt, oh je, das geht schon wieder los, dann muss man nicht gleich mit dem Antibiotikum schießen, sondern dann kann man auch auf den Meerrettich zurückgreifen – Wenn man das so nicht zu sich nehmen möchte, eben dann die ausreichende Anzahl von Kapseln nehmen. Und in diesem modernen Medikament bekommt der Meerrettich mit seinen Senfölen auch Hilfe von einem Partner, der Kapuzinerkresse, die auch Senföle produziert und jetzt haben wir dann eine Kombination, die zusammen sehr schlagkräftig ist.“

Quelle:

http://www.br.de/br-fernsehen/sendungen/gesundheit/meerrettich-heilpflanze-gesundheit-100.html

Kommentar & Ergänzung:

Von der Meerrettichwurzel können antimikrobielle Wirkungen in den Atemwegen (Bronchitis) und in den Harnwegen (Blasenentzündung) erwartet werden. Die Tagesdosis beträgt 20 g frische Meerrettichwurzel gerieben und über den Tag verteilt in mehreren Portionen. Eine scharfe Sache, die nicht allen behagt, aber gemischt mit Quark, geraffelten Äpfeln, geraffelten Karotten oder ähnlichem geht das für viele Menschen schon. Das im Zitat erwähnte Präparat heisst Angocin und ermöglicht die Anwendung von antimikrobiellen Senfölen auch Personen, denen die direkte Meerretticheinnahme zu scharf ist. Eine Filmtablette enthält allerdings nur 80 mg Meerrettichwurzelpulver und 200 mg Kapuzinerkressenkrautpulver. Das ist nicht gerade viel und man muss daher eine stattliche Anzahl Tabletten einnehmen, um eine wirksame Dosis zu erreichen (3-5mal täglich je 4-5 Filmtabletten für Erwachsene). In der Schweiz ist Angocin nicht als Arzneimittel angemeldet, kann aber durch die Apotheke auf Kundenverlangen aus Deutschland bestellt werden. Ich selber würde im Bedarfsfall die frische Meerrettichwurzel vorziehen.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Phytotherapie ist plausibel….

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„Phytotherapie ist plausibel, denn pflanzliche Mittel enthalten pharmakologisch aktive Inhaltsstoffe. Die Wirkung einiger Phytopharmaka ist recht gut durch klinische Studien belegt.“

Quelle:

http://praxis.medscapemedizin.de/artikel/4900614

Kommentar & Ergänzung:

Das Zitat stammt aus einem Interview mit Prof. Dr. med. Edzard Ernst auf dem Portal „medscapemedizin.de“.

Edzard Ernst ist emeritierter Professor für Alternativmedizin der Universität Exeter (Grossbritannien) und hat komplementäre Therapien mit wissenschaftlichen Methoden untersucht.

Der Aussage von Prof. Ernst kann ich nur zustimmen – natürlich. Phytotherapie basiert auf der Wirkung pharmakologisch aktiver Inhaltsstoffe.

Deshalb gibt es meines Erachtens auch keinen plausiblen Grund, Phytotherapie zur Komplementärmedizin zu zählen, wie das heute oft unreflektiert gemacht wird. Phytotherapie gehört am ehesten zur klassischen Naturheilkunde und ist damit ein (randständiger) Bereich der Medizin.

Siehe dazu auch:

Naturheilkunde – was ist das?

Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?

Und ja:

„Die Wirkung einiger Phytopharmaka ist recht gut durch klinische Studien belegt.“

Das heisst aber auch:

Die Wirkung einiger Phytopharmaka ist nur schwach oder gar nicht durch klinische Studien belegt. Was heisst das nun?

Wir müssen einen sorgfältigen Umgang finden mit solchen Phytopharmaka, die nur schwach oder gar nicht klinisch belegt sind. Man kann nicht davon ausgehen, dass solche Präparate zum Vorneherein unwirksam sind. Vielleicht fehlt nur einfach das Geld für hochwertige Forschung, die zu verlässlichen Ergebnissen führt.

Meines Erachtens darf man auch Phytopharmaka anwenden oder empfehlen, die nur schwach oder gar nicht durch klinische Studien belegt sind. Eine plausible Begründung für die Anwendung zum Beispiel aufgrund von Wirkstoffen würde ich aber voraussetzen.

Allerdings sollte man sich oder anderen keine Sicherheit punkto Wirksamkeit vorspiegeln, die bei solchen Präparaten nicht vorhanden ist.

Es geht dabei um Transparenz. Ich muss wissen, auf welchem Boden ich mit einer Heilpflanzen-Anwendung stehe und dann kann ich entscheiden, ob ich ein Präparat anwende, auch wenn die Wirkung nicht durch Studien gesichert ist.

Wer Arzneimittel verkauft, empfiehlt oder verschreibt, sollte diese Transparenz gegenüber den Patientinnen und Patienten bieten können und nicht eine Sicherheit versprechen, wenn es sie nicht gibt. Es ist wichtig, auch mit unvollständiger Gewissheit umgehen zu können – unter anderem nur schon deshalb, weil die Gewissheit oft deutlich kleiner ist, als wir uns das vorstellen und gerne hätten.

An drei Punkten wäre es aber wichtig, möglichst hohe Gewissheit zu haben und auf Belegen für die Wirksamkeit auf der Basis von klinischen Studien zu bestehen:

 

  1. Über die Grundversicherung der Krankenkassen sollen nur Präparate abgerechnet werden können, deren Wirksamkeit mit hohem Evidenzlevel belegt ist. Andernfalls könnte man alles und jedes über die Grundversicherung abrechnen.

 

  1. Wenn das Präparat entscheidend ist für die Behandlung einer gefährlichen Krankheit. In solchen Situationen sollten Therapien bevorzugt werden, deren Wirksamkeit möglichst gut belegt ist.

 

  1. Wenn das Präparat sehr teuer ist. Es gibt viele teuer verkaufte Naturheilmittel, die weder plausibel noch in ihrer Wirksamkeit belegt sind. Da liegt der Verdacht auf Abzocke einfach nahe.

 

Phytopharmaka sind interessante Arzneimittel – wenn man sich kritisch, jedoch ohne Vorurteile mit ihnen auseinandersetzt.

 

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Fenchelfrüchte bei Völlegefühl, Blähungen und krampfartigen Bauchbeschwerden

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Auf n-tv.de hat Heidi Driesner gerade einen informativen Beitrag veröffentlicht zur Verwendung von Fenchel als Gewürz, Gemüse und Heilpflanze.

Zitat zu den Wirkungen des Fenchels als Heilpflanze:

„Richtig dosiert aber lindern die ätherischen Öle in den Samen tatsächlich Blähungen und Koliken. Besonders reich sind die Samen an Anethol, es bewirkt den anisartigen Duft und Geschmack des Fenchels (befindet sich auch in Anis). Anethol steigert die Bewegung der Muskulatur in Magen und Darm und wirkt zusätzlich krampflösend. Beides zusammen hilft bei Völlegefühl, Blähungen und krampfartigen Bauchbeschwerden. Es regt außerdem den Appetit an und fördert die Verdauung. Schon Sebastian Kneipp wusste Bauchschmerzen mit Fenchel zu vertreiben. Er empfahl, 1 Esslöffel Fenchelsamen mit 150 Milliliter Milch aufzukochen und möglichst heiß in kleinen Schlucken zu trinken.

Das Fenchon im Fenchel dagegen schmeckt bitter und kampferartig. Diesem ätherischen Öl wird eine entzündungshemmende Wirkung zugeschrieben, so dass Fenchel auch dazu beitragen kann, Bakterien und Pilze im Wachstum zu hindern.“

Quelle:

http://www.n-tv.de/leute/essen/Ein-Kraut-fuers-ganze-Leben-article14582226.html

Kommentar & Ergänzung:

Der Abschnitt umreisst die Wirkungen und Anwendungsbereiche der Fenchelfrüchte gut.

Interessant ist die Empfehlung von Sebastian Kneipp, die Fenchelfrüchte mit Milch aufzukochen.

Das Abkochen mit Milch dürfte zwar geschmacklich nicht jedermanns Sache sein, doch hat diese Variante der Teezubereitung einen interessanten Vorteil.

Weil Milch fetthaltig ist und ätherische Öle sich besser in Fett als in Wasser lösen, wird die Ausbeute an ätherischem Öl etwa doppelt so hoch sein als bei der Zubereitung mit Wasser. Allerdings muss dazu Vollmilch verwendet werden. Bei teilentrahmter Milch ist der Fettanteil zu tief.

Der letzte Abschnitt im Zitat ist etwas verwirrlich. Wenn das ätherische Fenchelöl entzündungswidrig wirkt, folgt daraus nicht die bakterienhemmende und pilzhemmende Wirkung. Das sind zwei unabhängige Wirkungen.

Die antimikrobielle Wirkung von Fenchelöl gegen Bakterien und Pilze ist aber in zahlreichen Testsystemen bestätigt worden.

Was im Zitat noch fehlt ist die schleimlösende (= expektorierende) Wirkung von Fencheltee und Fenchelöl. Sie regen die Flimmerhärchen in den Bronchien an und wirken so auswurffördernd.

Anethol und Fenchon vermindern zudem nach Inhalation die Dichte des Bronchialsekrets und verflüssigen die Atemwegsflüssigkeit.

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Akupunktur und Scheinakupunktur lindern Knieschmerzen – vorübergehend

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Eine Akupunktur-Behandlung hat in einer randomisierten Studie die Schmerzen bei einer chronischen Gonarthrose (Kniegelenkarthrose) nur vorübergehend gelindert. Publiziert wurde die Studie im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2014; doi: 10.1001/jama.2014.12660).

Knieschmerzen zählen nach dem 50. Lebensjahr zu den häufigen Beschwerden und zahlreiche Patienten probieren zur Linderung deer Schmerzen auch Methoden der Alternativmedizin oder Komplementärmedizin. Dabei zählt die Akupunktur zu den beliebtesten Angeboten – auch in Australien, dem Durchführungsort der Studie.

Mit der Laser-Akupunktur bieten zahlreiche Heilpraktiker eine Art „High-Tech“-Variante an, die ohne Einstiche arbeitet. Die Wirksamkeit der Akupunktur ist umstritten.

Ein Team um Rana Hinman vom Centre for Health, Exercise and Sports Medicine an der Universität Melbourne untersuchte diese Frage in einer Studie.

282 Patienten mit chronischen Knieschmerzen wurden per Zufallsprinzip auf vier Gruppen verteilt und bekamen dementsprechend:

– keine Akupunktur,

– Scheinakupunktur (bei der die Nadeln nicht eingestochen werden),

– konventionelle Akupunktur mit Nadeln,

– Laser-Akupunktur.

 

Nach Abschluss der 12-wöchigen Behandlungsphase wurden die Probanden erneut untersucht.

In allen drei Studienarmen, in denen die Patienten Akupunktur-Sitzungen erhielten (also auch nach der Scheinakupunktur), hatten sich die Schmerzen und die Funktion des Kniegelenks leicht verbessert, was Hinman auf die Erwartungen der Patienten und die vermehrte Aufmerksamkeit und die Empathie, die die Patienten durch den Akupunkteur erhielten, zurückführt.

Bei einer erneuten Untersuchung nach einem Jahr war dieser positive Effekt, nicht mehr nachweisbar.

Quelle:

http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/60320/Akupunktur-gegen-Knieschmerzen-nicht-wirksam

http://jama.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=1910110

Kommentar & Ergänzung:

Dass Akupunktur gewisse Wirkungen zeigt, Scheinakupunktur aber mehr oder weniger gleich wirksam ist, hat sich schon in einer ganzen Reihe von Studien gezeigt.

Beispiel:

Brustkrebs: Akupunktur kann Nebenwirkungen der Hormontherapie lindern – Scheinakupunktur aber auch 

Akupunktur wirkt bei Übelkeit nach Bestrahlung – Scheinakupunktur aber auch 

Akupunktur bei Spannungskopfschmerzen und Migräne

In-vitro-Fertilisation: Scheinakupunktur besser als echte Akupunktur 

Bei Knieschmerzen ist aber auch die Wirksamkeit vieler medizinischer Interventionen fraglich:

Kniegelenkarthrose: Injektionen und Spiegelungen häufig wirkungslos  

Weitere Studie verneint Wirkung von Glucosamin bei Kniearthrose 

Zitat des Tages von Eckart von Hirschhausen (Zum Thema Knieoperationen)

Arthroskopie bei Arthrose des Kniegelenks: Therapeutischer Nutzen nicht belegt 

 

Insgesamt ziemlich ernüchternd.

 

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Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

 

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