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Bullshit zu Aromapflege und Aromatherapie

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Bullshit redet, wer wohlklingende Worte äussert, die nichts aussagen. Ein Beispiel für solchen Bullshit sind meines Erachtens folgende Sätze über Aromapflege und Aromatherapie:

„Aromapflege und Aromatherapie folgen den Prinzipien der Naturheilkunde. Sie wollen die Lebenskraft und Selbstheilungskräfte des Menschen wecken und stärken. Die ätherischen Öle haben tiefe Wirkungen auf unser psychisches Gleichgewicht. Sie bewirken eine seelische Umstimmung, regulieren aus der Balance Geratenes und entziehen einer Krankheit den eigentlichen Nährboden. Sie wirken gleichermaßen auf den Körper und die Seele, also im ganzheitlichen Sinne.“

Quelle:

http://www.springermedizin.at/fachbereiche-a-z/i-o/komplementaermedizin/?full=50130

Kommentar und Ergänzung:

Hier werden wohlklingende Begriffe aneinandergereiht, die kaum irgendwelche konkreten Inhalte haben.

⇒ Die „Prinzipien der Naturheilkunde“ sind nicht so klar definiert, wie das hier aussieht. Der Autor müsste konkrete Beispiele bringen um zu illustrieren, was genau er damit meint. Aber wenn man konkret wird, stösst man schnell an Grenzen oder verwickelt sich in Widersprüche. Bleibt man schön im wohlklingenden Allgemeinen, lässt sich diese Schwierigkeit vermeiden.

„Lebenskraft“ ist ein schillernder Begriff, der spontan oft klar und einleuchtend klingt, aber sofort schwierig wird, wenn man genau erklären soll, was damit gemeint ist.

Wikipedia schreibt dazu:

„Der Begriff Lebenskraft war in seiner Entstehungszeit sehr populär und wurde oft auch wenig spezifisch gebraucht, als weit verbreiteter Platzhalterbegriff für unverstandene körperliche Vorgänge……

Die Vorstellung einer Lebenskraft wurde als Gesundheits- und Krankheitskonzeption von Christoph Wilhelm Hufeland Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts differenziert beschrieben…..

Hufeland sah als Grundursache aller Lebensvorgänge und als Selbsterhaltungsprinzip des Organismus eine allgemeine Lebenskraft mit weiteren Teilkräften:

  • eine erhaltende Kraft,
  • eine regenerierende und neubildende Kraft,
  • eine besondere Lebenskraft des Blutes,
  • eine Nervenkraft,
  • eine Kraft, die eine allgemeine Reizfähigkeit des Körpers bewirke, sowie
  • eine Kraft, die eine spezifische Reizfähigkeit des Körpers bewirke.

Krankheit sei eine Beeinträchtigung der Lebenskraft beziehungsweise der Lebenskräfte durch krankmachende Reize. Sichtbare Zeichen der Krankheit seien Heilreaktionen der Lebenskraft auf solche Krankheitsreize. Die Heilkraft der Natur (vis medicatrix naturae) und die Lebenskraft seien wesensgleich, wenn nicht identisch. Jedes therapeutische Handeln des Arztes wie auch jede Selbstbehandlung durch den Patienten solle die individuelle Lebenskraft unterstützen. Insgesamt habe sich das ärztliche Handeln am Prinzip des contraria contrariis zu orientieren. Dabei empfahl Hufeland neben der vorsichtigen Anwendung von Medikamenten die Beachtung diätetischer Regeln und physikalische Therapien (zum Beispiel als Wasseranwendungen).

Auf Hufelands Konzept gehen Impulse für die Entwicklung der Naturheilkunde im 19. Jahrhundert zurück.“

⇒  Die „Selbstheilungskräfte des Menschen wecken und stärken“ tönt auch immer gut. Die Selbstheilung des Menschen ist faszinierend. Daran wirken aber tausende von Vorgängen im Organismus mit, die sich je nach Krankheit beträchtlich unterscheiden können. Die Selbstheilungskräfte als feststehende Grösse wird es daher kaum geben. Auch hier wären detaillierte Angaben vorzuziehen. Welche Prozesse beeinflusst das ätherische Öl genau und wie? Aber auch hier gilt: Sobald man genaue Aussagen macht, können diese auch in Frage gestellt, kritisiert und widerlegt werden. „Die Selbstheilungskräfte“ dagegen bieten keine Angriffsfläche für konkrete Einwände.

 „Die ätherischen Öle haben tiefe Wirkungen auf unser psychisches Gleichgewicht.“ – „Tief“ tönt immer gut. Aber was heisst „tief“ genau in diesem Zusammenhang? Eingreifend? Tief eingreifend in die Psyche? Könnte das, wenn es stimmt, nicht gefährlich werden? Oder ist nur immer und ausschliesslich eine positive Wirkung zu erwarten im Sinne einer Förderung des Gleichgewichts. Ist das nicht etwas gar viel Wunschdenken?

 „Sie bewirken eine seelische Umstimmung…“  Wenn das stimmt, kann das nicht auch schiefgehen? Oder muss ich mir das einfach immer positiv vorstellen? In Sinne von: Das ätherische Öl weiss schon, was es machen muss? Ist das nicht allzu schön um plausibel zu sein?

„…regulieren aus der Balance Geratenes…“ Da haben wir sie wieder, die umfassende Regulation. Damit kann man nie schiefliegen.

 „…und entziehen einer Krankheit den eigentlichen Nährboden.“    Das ist eine sehr weitreichende Versprechung. Wie machen die ätherischen Öle das und was sollen wir verstehen unter dem „eigentlichen Nährboden“ einer Krankheit: Auch hier: Wer nicht konkret wird, versteckt sich vor möglichen konkreten Einwänden.

„Sie wirken gleichermaßen auf den Körper und die Seele, also im ganzheitlichen Sinne.“ Das tönt immer gut, sagt aber auch nichts Konkretes aus.

Diese Kritik richtet sich nicht generell gegen Aromatherapie und Aromapflege. Ätherische Öle sind im vielen Bereichen interessante und wirksame Heilmittel. Es ist allerdings nicht das erste Mal, dass ich in Texten über Aromatherapie und Aromapflege auf derartigen Worthülsen treffe.

Das ist meines Erachtens immer ein Anlass für genaues, kritisches Nachfragen, auch wenn es um andere Bereiche als Aromapflege und Aromatherapie geht – zum Beispiel um Texte in der Pflanzenheilkunde.

Vorgänge und Begriffe möglichst genau zu beschreiben ist eine Grundvoraussetzung guter Kommunikation und fachlicher Auseinandersetzung. Mit schwammigen Begriffen wie sie das oben aufgeführte Zitat enthält, redet man weitgehend aneinander vorbei. Das gilt auch für Vorträge, Kurse und Ausbildungen. Haken Sie nach, wenn Sie in Lehrveranstaltungen mit wohlklingenden, aber schwammigen Begriffen „gefüttert“ werden.

Wer leere Worthülsen einfach schluckt, weil sie so gut tönend daherkommen, lässt sich einlullen oder lullt sich selber ein. Wer dagegen genau nachfragt, klärt die Begriffe so weit es geht und bekommt dadurch einen stabileren Stand in der Welt.

Der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt hat übrigens ein lesenswertes Büchlein geschrieben mit dem Titel „Bullshit“ (Suhrkamp Verlag).

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

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Oeko-Test beurteilt Hustensäfte für Kinder

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Die Zeitschrift „Oeko-Test“ hat Hustensäfte für Kinder beurteilt. Dabei kamen auch Heilpflanzen-Präparate zu guten Bewertungen.

Bei den Schleimlösern (Expektorantien) schnitten unter den Thymian-Präparaten Aspecton Hustensaft und Abtei Bronchial Sirup mit „gut“ ab. Thymiverlan, Tussamag zuckerfrei und Bronchicum Elixier (Thymian/ Primel) bekamen wegen des Alkoholgehalts nur ein „ausreichend“. Mit „mangelhaft“ wurde Eucabal Hustensaft (Thymian / Spitzwegerich) bewertet.

Überzeugt haben auch die Efeu-Säfte Prospan, Hedelix, Bronchostad und Sinuc , sowie die ätherischen Öle in Gelomyrtol forte und Soledum Kapseln.

Untersucht wurden auch Hustenstiller (Antitussiva). Ein „sehr gut“ vergaben die Experten für Schoenenberger Heilpflanzensaft Spitzwegerich Bio.

Quelle:

http://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/panorama/nachricht-detail-panorama/oeko-test-punkte-abzug-fuer-alkohol-und-konservierungsmittel-in-hustensaeften-kinder/?tx_ttnews%5BsViewPointer%5D=1&cHash=f01ad2b9823c1f5225db568a9a9775cb

 

Kommentar & Ergänzung:

Punktabzug gab es für Alkoholgehalt und für den Zusatz von Konservierungsmitteln wie Propylparaben und Benzoesäure. Den beiden Konservierungsstoffe Propylparaben und Benzoesäure  werden schädliche Wirkungen zugeschrieben: Paraben soll hormonell wirksam und reproduktionstoxisch sein, Benzoesäure könne im Extremfall Gehirnschäden bewirken.

Nicht ersichtlich wird aus dem Bericht, wie die Wirksamkeit der Präparate beurteilt wurde.

Festzuhalten ist noch, dass die Beurteilung dieser Heilpflanzen-Präparate nicht auf andere Produkte mit den selben Bestandteilen übertragen werden kann. Thymian-Präparate zum Beispiel gibt es eine ganze Reihe und sie sich nur sehr eingeschränkt vergleichbar.

Die Präparate sind nur zum Teil in der Schweiz im Handel, zum Beispiel Prospan (Efeuextrakt) und Gelomyrtol (Gemisch aus ätherischen Ölen, vor allem Eukalyptusöl).

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Hausmittel gegen Bronchitis: Knoblauch

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Das Portal Apotheke-Adhoc empfiehlt zum Thema Hausmittel bei Bronchitis:

„Knoblauch enthält Sulfide, die antibiotisch wirken und die Entzündung in den Bronchien lindern können. Zudem unterstützt er den Abtransport des Schleims aus den Bronchien. Die scharfe Knolle ist deshalb ein altbewährtes Hausmittel gegen Bronchitis. Essen Sie bei einer akuten Bronchitis mindestens zwei Zehen pro Tag.“

Quelle:

http://www.apotheke-adhoc.de/branchennews/alle-branchennews/branchennews-detail/blogads-welche-hausmittel-helfen-gegen-bronchitis/

Kommentar & Ergänzung:

Knoblauch hat eine sehr lange Tradition als Hausmittel gegen Erkältungen, aber auch gegen andere Infektionen. Knoblauch-Wirkstoffe wie Allicin zeigen im Labor gute Wirkungen gegen Bakterien. Wie stark mit solchen Effekten auch im menschlichen Organismus gerechnet werden kann, ist aber nicht klar belegt. Schliesslich ist doch ein grosser Unterschied zwischen der Situation im Labor, wo Knoblauch-Wirkstoffe direkt und in grosser Konzentration auf Bakterien einwirken können, und der Situation im lebenden Organismus eines Patienten. Dort sind so hohe Konzentrationen wie im Labor oft nicht erreichbar und es gibt viele Störfaktoren, die im Labor fehlen.

Interessant ist aber, dass vor kurzem eine Studie der renommierten Cochrane-Collaboration zum Schluss kam, dass Versuchspersonen, die über drei Monate hinweg täglich eine Knoblauchtablette schluckten, im Vergleich zu einer Placebo-Gruppe seltener an einer Erkältung litten. Hier handelt es sich also um einen vorbeugenden Effekt. Wenn die Versuchspersonen eine Erkältung hatten, war die Krankheitsdauer in beiden Gruppen ähnlich (4,63 bzw. 5,63 Tage). Die untersuchte Knoblauchtablette enthielt allerdings 180 mg Allicin und wurde täglich einmal eingenommen. Umgerechnet auf frischen Knoblauch würde das zwischen 14 g und 36 g ausmachen, was aus sozialen Gründen nicht alltagstauglich ist.

Siehe auch:

Schützt Knoblauch vor Erkältungen?

Apotheke-Adhoc weist im übrigen zu Recht auf die Grenzen der Selbstbehandlung bei Bronchitis hin:

„Bei jeder Verwendung von Bronchitis-Hausmitteln gilt: sollte sich innerhalb einer Woche keine Besserung zeigen oder hohes Fieber dazukommen, sollten Sie auf jeden Fall einen Arzt aufsuchen.“

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Cannabis als Medizin: Unterschiedliche Wirkung von Cannabis sativa und Cannabis indica

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Professor Dr. Theo Dingermann, Seniorprofessor an der Universität Frankfurt, hat auf einer Fortbildungsveranstaltung die verschiedenen Cannabisarten mit ihren unterschiedlichen Wirkungen beschrieben.

Die Pflanzengattung Hanf (Cannabis) gehört in die Familie der Hanfgewächse und besteht aus drei verschiedenen Arten, auf die sich jede erhältliche Mischung oder Kreuzung zurückführen lässt: Cannabis sativa, Cannabis indica und Cannabis ruderalis.

Zu Cannabis sativa, der bekanntesten Art, sagt Dingermann:

„Das High, das solche Sorten erzeugen, wird meist als psychedelisch, verträumt und kreativitätsfördernd beschrieben. Der Effekt ist sowohl geistig als auch körperlich spürbar.“

Diese Cannabis-Sorten werden insbesondere zur Behandlung von Übelkeit und Brechreiz eingesetzt, beispielsweise verursacht durch eine Chemotherapie oder durch HIV/Aids-Medikamente, ausserdem bei Appetitlosigkeit, Migräne, Depression, chronischen Schmerzen und verwandten Symptomen.

Das High von Cannabis indica beschrieb Dingermann als schwer und stark und in der Regel wie ein Beruhigungsmittel wirkend. Diese Empfindung sei vor allem körperlicher Natur und wirke entspannend, da die Muskelspannung vermindert werde. Bevorzugte Anwendungsbereiche sind daher die Behandlung von Muskelspasmen und Tremor-Symptomen (beispielsweise bei Multiple Sklerose und Parkinson) sowie chronische Schmerzen, Schlaflosigkeit oder Ängste.

Cannabis ruderalis ist eine kleinwüchsige, struppige Pflanze, die nur äußerst wenig THC enthält und wegen ihrer frühen Blüte in der Züchtung eine Rolle spielt.

Quelle:

ptaforum 06/2016

http://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=8597

Kommentar & Ergänzung:

Interessante Differenzierung, die auch für die medizinische Anwendung wichtig ist. Für die unterschiedliche Wirkung von Cannabis sativa und Cannabis indica dürfte unter anderem der höhere Gehalt an Cannabidiol (CBD) in Cannabis indica verantwortlich sein. Mit reinen THC-Präparaten wie Dronabinol ist jedenfalls nicht allen Patientinnen und Patienten optimal geholfen. CBD kann die Wirkung offenbar in manchen Fällen günstig modulieren.

Siehe dazu auch:

Cannabis-Wirkstoffe: Neben THC zunehmend auch Cannabidiol (CBD) im Fokus

Sativex-Spray mit Cannabisextrakt gegen Spastik bei Multipler Sklerose in der Schweiz zugelassen

Zu Möglichkeiten des legalen Bezug von Cannabis-Präparaten für Patientinnen und Patienten in der Schweiz:

Cannabis für Patienten in der Schweiz legal erhältlich

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Lebensgefährliche Vergiftung durch Verwechslung von Fingerhutblättern mit Beinwellblättern

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Dumm gelaufen: Ihre Schlaflosigkeit wollte eine 63-jährige Frau aus Grossbritannien mit einem Tee aus Beinwellblättern lindern. Jemand aus dem Freundeskreis hatte ihr dazu geraten.

Die Frau ging zum Markt und kaufte dort vermeintlich Blätter von Beinwell (Symphytum officinale). Zu Hause übergoss sie die Pflanzenteile mit heißem Wasser und hoffte auf eine beruhigende, schlaffördernde Wirkung des Tees. 18 Stunden später wurde sie mit Übelkeit, Herzrasen und Benommenheit in die Notaufnahme des King’s College Hospital in London eingeliefert. Die behandelnden Ärzte Mathew Kurian Vithayathil und Matthew Edwards berichten im Fachblatt „BMJ Case Reports“ von ihrem Fall.

In der medizinischen Vorgeschichte der Patientin liess nichts auf Herzprobleme schliessen. Im Elektrokardiogramms (EKG) fanden die Ärzte aber klare Auffälligkeiten. Die Blutwerte waren dagegen normal: Der Elektrolythaushalt war in Ordnung, die Entzündungsmarker waren nicht erhöht.

Die Mediziner wollten sich in einer nationalen toxikologischen Datenbank über Beinwell informieren, doch gibt es dort keinen Eintrag für die Pflanze. In einem anderen Online-Nachschlagewerk fanden sie aber einen Eintrag, der die Beinwellpflanze mit einer Lebervenen-Verschlusskrankheit in Verbindung bringt. Die Symptome der Patientin passen jedoch überhaupt nicht zu diesem Leiden.

Berichte, in denen Beinwell im Zusammenhang mit Herzkrankheiten oder Herzrhythmusstörungen genannt wird, fanden die Ärzte keine.

Dennoch hielten sie den Tee weiterhin für die wahrscheinlichste Ursache für die Symptome der Patientin und setzten deshalb ihre Recherche mit einer Bildersuche im Internet fort. Dabei fiel ihnen auf, dass die Blätter der Beinwellpflanze ähnlich aussehen wie die Blätter der Fingerhutpflanze (Digitalis purpurea, engl. foxglove).

Erneut untersuchen die Mediziner das Blut der Frau und konnten erhöhte Digoxin-Werte nachweisen – eine Substanz, die im Fingerhut vorkommt. Das Herzglykosid Digoxin bewirkt im menschlichen Organismus, dass sich das Herz kraftvoller zusammenzieht und langsamer schlägt.

Wegen dieser Wirkungen wurde die Substanz schon früh als Medikament bei Herzschwäche eingesetzt eingesetzt. Digoxin hat allerdings eine kleine therapeutische Breite, wodurch die Grenze zur Vergiftung rasch überschritten werden kann. Das führt dann zu Symptomen, die auch die britische Patientin hatte.

Nachdem der Auslöser der Vergiftung bekannt war, konnte die Frau mit einem Gegenmittel behandelt werden, mit dem das Digoxin unschädlich gemacht wurde. Das Herz kehrte wieder in seinen gewohnten Rhythmus zurück und die Frau konnte nach fünf Tagen die Klinik ohne bleibende Schäden verlassen.

Die Mediziner baten die Patientin noch, dem Händler auf dem Wochenmarkt mitzuteilen, welche Verwechslung ihm unterlaufen ist. Außerdem regen sie an, dass Beinwell nun doch in die nationale toxikologische Datenbank aufgenommen wird – wegen der möglichen Verwechslung mit Fingerhut.

Quelle:

http://derstandard.at/2000049373482/Selbstgemachter-Kraeutertee-Riskante-Mischung

http://www.t-online.de/lifestyle/gesundheit/id_79729294/raetselhafter-medizinfall-frau-stirbt-fast-an-beruhigendem-kraeutertee.html

http://casereports.bmj.com/content/2016/bcr-2016-216995

 

Kommentar & Ergänzung:

1. Ja, Pflanzen (auch Heilpflanzen) sind nicht immer harmlos. Man sollte sie gut kennen, bevor man sie direkt aus der Natur, aus dem Garten oder vom Markt anwendet. Andernfalls bezieht man sie besser aus Apotheken oder Drogerien.

2. Beinwell gegen Schlaflosigkeit, das ist eine Empfehlung, die weder durch seriöse Phytotherapie-Fachliteratur gedeckt noch sonst wie plausibel ist. Gute Ratschläge aus dem Freundeskreis nicht unbesehen übernehmen, sondern mit seriöser Fachliteratur überprüfen.

3. Digoxin aus dem Roten Fingerhut war über längere Zeit ein zentrales Medikament bei Herzschwäche. Das zeigt die Bedeutung, die Naturstoffe für die Medizin hatten und in vielen Bereichen auch heute noch haben. Aufgrund der kleinen therapeutischen Breite (geringer Abstand zwischen wirksamer und toxischer Dosis) wird Digoxin aus Fingerhut isoliert eingesetzt. Mit einem Fingerhut-Tee könnte Digoxin nicht präzis genug dosiert werden. Digoxin-Präparate sind rezeptpflichtig und haben inzwischen stark an Bedeutung verloren. Also bitte keine Selbstversuche mit Fingerhut!

4. Der geschilderte Fall ist eindrücklich. Im allgemeinen kann man aber auch feststellen, dass Vergiftungen mit Pflanzen heute eher selten vorkommen, vor allem im Vergleich zu Vergiftungen mit Medikamenten und Chemikalien.

5. Beinwell enthält Pyrrolizidinalkaloide, die unter anderem Lebererkrankungen auslösen können. Das erklärt die Erwähnung einer Lebervenen-Verschlusskrankheit im Artikel. Beinwell wird deshalb nur zur Anwendung äusserlich auf intakter Haut empfohlen, zum Beispiel als Salbe oder Gel bei Verstauchungen, Prellungen, Quetschungen, Sehnenscheidenentzündungen etc. Meist werden dazu Auszüge aus den Beinwellwurzeln verwendet (zum Beispiel in Kytta-Salbe), seltener aus den Blättern.

6. Im Bericht der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ über diesen Fall wird irrtümlich anstelle von Digoxin als Inhaltsstoff von Fingerhut Dioxin erwähnt. Das schreibt sich zwar ähnlich, ist aber genauso eine Verwechslung wie der Konsum von Fingerhut- anstelle von Beinwellblättern. Schon blöd, wenn man einen Artikel über Verwechslung schreibt, und dann selber eine macht. Dioxin steht im allgemeinen Sprachgebrauch für eine Gruppe von gefährlichen Umweltgiften, die sich über die Nahrungskette anreichern.

7. Dass die Mediziner offenbar nur die Patientin baten, den Händler auf dem Markt über seinen Irrtum aufzuklären, scheint mir ungenügend. In einem solchen Fall würde ich erwarten, dass diese Meldung über einen offiziellen Kanal läuft, bei dem überprüft werden kann, ob der Händler identifiziert und die Warnung angekommen ist. Bei uns hat die Gewerbepolizei die Aufsicht über den Markt und die kennen ihre Marktfahrer. Das wäre meiner Meinung nach die sichere Variante. Zwar wird es selten vorkommen, dass jemand Beinwellblätter zur Teezubereitung kauft, aber manche Leute verwenden sie als Wildgemüse. Und das würde dann auch reichen für eine veritable Vergiftung, wenn statt Beinwellblätter irrtümlich Fingerhut verkauft wird.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Cannabis als alternatives Krebsheilmittel?

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Die Boulevard-Zeitung „Blick“ schafft es wieder einmal, Unfug über Heilpflanzen-Wirkungen zu verbreiten. Eine reisserische Schlagzeile ist wichtiger als seriöse Information.

„Cannabis soll Polo (71) heilen“, titelt die Zeitung. Der Mundartrocker Polo Hofer hatte vor zwei Monaten bekanntgegeben, dass er an Lungenkrebs erkrankt ist. Er unterzieht sich einer Chemotherapie.

Hofer mache nun auch eine amtlich bewilligte Cannabis-Kur, meldet „Blick“:

„Doch Polo setzt nicht nur auf Chemotherapie, sondern auch auf ein alternatives Krebsheilmittel. «Ich mache eine Cannabis-Kur!», verrät Hofer. Er sei einer der Ersten, die diese Therapie erhielten, die Bewilligung sei deshalb voll bürokratischer Hürden gewesen.“

Der Ausdruck „alternatives Krebsheilmittel“ sagt aus, dass Cannabis den Krebs bekämpft. Dafür gibt es keinerlei glaubhafte Hinweise. Cannabis kann aber bei Krebserkrankungen Appetitlosigkeit und Übelkeit lindern, die während der Chemotherapie auftreten können. Das sind wertvolle Wirkungen. Aber es ist fundamental etwas anderes als ein „alternatives Krebsheilmittel“. Dieser Begriff und auch die Schlagzeile schüren Hoffnungen, die in keiner Weise belegt sind.

Polo Hofer ist auch nicht „einer der Ersten“, die eine solche Therapie erhalten, auch wenn er offenbar davon überzeugt ist. Hätte der Autor des Artikels die Aussage überprüft, wie das von einem Journalisten erwartet werden kann, dann hätte er gemerkt, dass Cannabis bei Krebspatienten gegen Übelkeit und Appetitlosigkeit und bei MS-Kranken gegen Spastik schon seit längerem über eine Bewilligung des BAG erhältlich ist.

Dazu muss der behandelnde Arzt oder die behandelnde Ärztin zwar ein Gesuch beim BAG einreichen. Es ist aber stark übertrieben zu sagen, dass eine solche Bewilligung „voll bürokratischer Hürden“ sei. Wenn der Arzt weiss, wie dieses Gesuch aussehen muss, dann geht das Verfahren in der Regel zügig vonstatten.

Es ist zwar sinnvoll, wenn „Blick“ über die medizinische Anwendung von Cannabis informiert. Der Artikel enthält aber klare Fehlinformationen und die Cannabis-Kur von Polo Hofer wird faktenwidrig als Pionieraktion dargestellt. Der Artikel verkauft sich so aber natürlich besser.

Die Bildlegenden im Artikel sind genauso irreführend:

„Cannabis-Öl soll Polo Hofer auch gegen seine Appetitlosigkeit helfen, eine Folge der Chemotherapie.“

Die Formulierung mit „auch“ suggeriert fälschlicherweise, dass es eigentlich um eine andere Wirkung geht – die Wirkung gegen Krebs.

„Der Musiker ist einer der ersten Schweizer, denen das BAG eine Hanf-Kur bewilligte.“

Diese Aussage wird auch nicht wahrer, wenn sie wiederholt wird.

Aber trotzdem natürlich gute Besserungswünsche an Polo Hofer.

Seriöse Informationen über die medizinischen Anwendungsbereiche von Cannabis und über das nötige Bewilligungsverfahren für Patientinnen und Patienten gibt es hier:

www.panakeia.ch

Quelle:

http://www.blick.ch/people-tv/schweiz/die-kur-ist-amtlich-bewilligt-cannabis-soll-polo-71-heilen-id5751617.html

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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moodle.heilpflanzen-info.ch/course/view.php?id=6

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Schizophrenie: Häufigere Rückfälle bei Cannabis-Konsumenten

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Schizophrenie-Kranke, die nach der ersten Episode ihrer Psychose ihren Cannabis-Konsum fortsetzten, erleiden deutlich häufiger einen Rückfall als Patienten, die abstinent wurden. Zu diesem Schluss kommt eine prospektive Beobachtungsstudie, die im Fachjournal Lancet Psychiatry (2016; doi: 10.1016/S2215-0366(16)30188-2) publiziert wurde.

Riskant könnte insbesondere die Cannabis-Variante „Skunk“ sein, die einem besonders hohen Gehalt an Tetrahydrocannabinol (THC) aufweist.

Kognitive Störungen und psychotische Symptome können zu den aktiven Wirkungen der Cannabis-Drogen gehören. Nach dem Rausch normalisiert sich die Hirnfunktion zwar, doch vermuten viele Psychiater, dass der häufige Konsum von Cannabis die Entwicklung einer dauerhaften Psychose begünstigt.

Bei Patienten, die mit der ersten Episode einer Schizophrenie hospitalisiert wurden, war ein hoher Cannabis-Konsum auffällig.

Damit ist allerdings noch nicht zweifelsfrei belegt, dass der Cannabiskonsum ursächlich für das Auftreten der Schizophrenie-Episode ist.

Gemäss der sogenannten Selbstmedikationshypothese könnte der Cannabis-Konsum der Patienten nämlich auch ein (letztlich fehlgeschlagener) Versuch sein, die Symptome der Schizophrenie-Erkrankung durch Cannabis zu vermindern. Trifft diese Hypothese zu, sollten Patienten, die nach der Entlassung aus der Klinik weiterhin Cannabis konsumieren, ein reduziertes Risiko auf einen Rückfall haben.

In einer Gruppe von 256 Patienten, die Psychiater aus dem Süden Londons nach der ersten Episode ihrer Psychose betreuten, war jedoch das Gegenteil war der Fall.

Ein Rückfall trat bei denjenigen Patienten früher ein, die ihren Cannabis-Konsum nach der Entlassung aus der Klinik fortgesetzt hatten.

Besonders riskant scheint diesbezüglich der Konsum von „Skunk“ zu sein, einer Cannabis-Variante, die aus Pflanzen mit einem besonders hohen THC-Gehalt hergestellt wird.

Patienten, die täglich „Skunk“ konsumierten, hatten ein 3,28-fach erhöhtes Risiko für einen Rückfall.

Bei ihnen war es in einem Zeitraum von zirka zwei Jahren 1,77-fach häufiger zu mehreren Rückfällen gekommen und sie brauchten 3,16-fach häufiger eine intensive psychiatrische Behandlung.

Diese Risiken bestanden auch bei Patienten, die regelmäßig ihre Medikamente eingenommen hatten, allerdings in etwas abgeschwächtem Mass.

Die Resultate dieser Studie schließen nicht völlig aus, dass Patienten, bei denen die Medikamente nicht die erhoffte Wirkung erbrachten, eher geneigt waren, den Drogenkonsum fortzusetzen. Rachel Rabin von der Universität Toronto hält es in einem Kommentar zu den Ergebnissen jedoch für wahrscheinlicher, dass der Drogenkonsum den Rückfall begünstigt hat. Für diesen kausalen Zusammenhang spricht ihrer Ansicht nach, dass Patienten, die THC-ärmere Varianten wie Haschisch konsumierten, ein tieferes Rückfall-Risiko hatten. Haschisch hat eine geringere THC-Konzentration. Der Gehalt an Cannabidiol (CBD), dem antipsychotische Eigenschaften nachgesagt werden, ist dagegen höher.

In der Studie erkrankten allerdings auch Haschisch konsumierende Patienten häufiger an einem Rückfall als solche, die keine Drogen gebrauchten. Wissenschaftliche Belege für eine ärztliche Empfehlung zum illegalen Haschisch-Konsum kann aus den Studienresultaten sicher nicht abgeleitet werden. Rachel Rabin argumentiert jedoch, dass Haschisch das geringere Übel sein kann, wenn von einem fortgesetzten Cannabis-Konsum ausgegangen werden muss.

Quelle:

http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/70166/Schizophrenie-Cannabis-Konsumenten-erleiden-haeufiger-Rezidive

https://secure.jbs.elsevierhealth.com/action/getSharedSiteSession?redirect=http%3A%2F%2Fwww.thelancet.com%2Fpdfs%2Fjournals%2Flanpsy%2FPIIS2215-0366%2816%2930188-2.pdf&rc=0&code=lancet-site

 

Kommentar & Ergänzung:

Mit dieser Studie verdichten sich die Hinweise dafür, dass Cannabis-Konsum das Auftreten schizophrener Episoden fördern kann, jedenfalls bei entsprechendem Risiko. Kiffen kann zudem die Hirnentwicklung bei Jugendlichen ungünstig beeinflussen.

Das ändert aber nicht daran, dass Cannabis für manche Situationen eine wirksame Arzneipflanze sein kann. Zum Beispiel zur Linderung von Spastik bei Multipler Sklerose oder gegen Übelkeit und Appetitlosigkeit als Begleiterscheinung von Krebstherapien.

Eine ganze Reihe von Beiträgen zum Thema „Cannabis als Arzneimittel“ finden Sie über die Suchfunktion oben in diesem Blog, wenn Sie „Cannabis“ eingeben.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Resveratrol bessert in Studie Hormonhaushalt bei Frauen mit Polyzystischem Ovar-Syndrom (PCOS)

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Das Polyphenol Resveratrol kommt in Weintrauben und einer Reihe anderer Früchte vor. In einer kleinen randomisierten Studie verbesserte Resveratrol die Hormonwerte von Frauen mit Polyzystischem Ovar-Syndrom (PCOS) deutlich. Die Studie wurde publiziert im Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism (2016; doi: 10.1210/jc.2016-1858).

Das PCOS ist mit einer Prävalenz von 6 bis 18 Prozent eine häufige hormonelle Störung von Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter. Prävalenz ist ein Begriff aus der Epidemiologie der aussagt, welcher Anteil der Menschen einer bestimmten Gruppe (Population) zu einem bestimmten Zeitpunkt an einer bestimmten Krankheit erkrankt ist.

Die meist übergewichtigen Frauen leiden an Zyklusstörungen mit seltener bis ganz ausbleibender Periode und klagen über einen Hirsutismus oder andere Androgenisierungserscheinungen wie Hautunreinheiten oder fettiges Haar. Bei vielen betroffenen Frauen liegt eine Insulinresistenz vor, wodurch das Diabetesrisiko ansteigt. Erhöhte Lipidwerte und Entzündungsparameter wie CRP weisen auf ein gesteigertes kardiovaskuläres Risiko hin.

Die Ursache des PCOS ist nicht genau bekannt. Eine gesteigerte Bildung von männlichen Geschlechtshormonen im Eierstock und auch in den Nebennieren ist ein gemeinsamer Faktor. Eine Therapie mit Antiandrogenen ist in der Regel nicht akzeptabel, und zahlreiche Frauen lehnen auch die Einnahme vTestosteron,Progesteron,klinische Studie,Placebo,on hormonellen Kontrazeptiva ab, von denen eine gute Wirkung erwartet werden kann.

Wissenschaftler der Medizinischen Universität Posen entdeckten bei Experimenten an Thekazellen des Eierstocks, dass Resveratrol die Bildung von Testosteron (nicht jedoch von Progesteron) vermindern kann.

Darum wurde in Kooperation mit Endokrinologen der Universität von Kalifornien in San Diego eine erste klinische Studie durchgeführt, an der in Posen total 30 Frauen mit einem PCOS (nach den Rotterdam-Kriterien) teilnahmen.

Die Probandinnen schluckten über einen Zeitraum von drei Monaten täglich eine Kapsel, die bei der Hälfte der Frauen das Resveratrol-Supplement eines amerikanischen Produzenten und bei der anderen Hälfte ein Placebo enthielt.

Als primärer Endpunkt der Studie legten die Forscher das Gesamt-Testosteron im Serum fest.

Die Wissenschaftler berichten hier von einem deutlichen Rückgang um 23,1 Prozent, während in der Placebo-Gruppe ein Anstieg um 2,9 Prozent gemessen wurde. Resveratrol verminderte nicht nur die Androgenproduktion im Eierstock. Auch die Variante DHEAS (Dehydroepiandrosteron-Sulfat), die hauptsächlich in den Nebennieren heergestellt wird, wurde um 22,2 Prozent vermindert, während sich dieser Wert in der Placebo-Gruppe um 10,5 Prozent erhöhte.

Darüber hinaus kam es zu einer Reduktion der Insulinkonzentration im Serum um 31,8 Prozent. Beim „Insulin Sensitivity Index“ zeigte sich eine Verbesserung um 66,3 Prozent. Die Resveratrol-Supplemente wurden gut vertragen, bis auf zwei Frauen, bei denen vorübergehende Sensibilitätsstörungen auftraten.

Aus den guten Resultaten lässt sich ableiten, dass die Durchführung weitergehender klinischer Studien gerechtfertigt wäre, um einen medizinischen Nutzen von Resveratrol beim PCOS zweifelsfrei zu belegen.

Dass solche grösseren Studien durchgeführt werden, ist allerdings eher unwahrscheinlich. Der US-Produzent vertreibt sein Resveratrol-Präparat als Nahrungsergänzungsmittel. Daher muss er für dieses Produkt keine Wirksamkeit belegen und deshalb auch keine aufwendigen und teuren Studien vorlegen. Er darf für sein Nahrungsergänzungsmittel aber auch nicht die Behauptung verbreiten, dass es einen klinischen Nutzen bei PCOS habe.

Nur wenn der Hersteller diese Aussage machen will, wird sein Produkt als Arzneimittel zulassungspflichtig und eine grosse Phase 3-Studie mit positivem Ergebnis unverzichtbar.

Quelle:

http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/71010/PCOS-Resveratrol-bessert-Hormonhaushalt-in-Studie

http://press.endocrine.org/doi/pdf/10.1210/jc.2016-1858

 

Kommentar & Ergänzung:

Resveratrol gehört zu den Polyphenolen und kommt in relativ grossen Mengen in der Haut von roten Weintrauben vor, aber auch in Himbeeren, Maulbeeren, Pflaumen, Erdnüssen und im Japanischen Staudenknöterich, der bei uns als Neophyt Probleme bereitet.

Resveratrol wird diskutiert und erforscht als Antioxidans, Krebsmittel, Anti-Aging-Mittel, Phytoöstrogen. Um die Substanz ist in den letzten Jahren ein gewisser Hype entstanden, was immer eine gewisse Vorsicht in der Bewertung nahelegt. So sind zum Beispiel die Wirkungen gegen Krebs vor allem im Labor an Krebszellen festgestellt worden. Untersuchungen an Krebspatienten, die eine erfolgreiche Anwendung von Resveratrol gegen Tumore belegen könnten, existieren jedoch keine.

PCOS als Forschungsbereich für eine mögliche Anwendung von Resveratrol ist mir neu. Die gemessene Reduktion des Testosteronspiegels ist interessant und könnte für weitere Anwendungsbereiche in Frage kommen.

Die Studie ist mit total 30 Frauen allerdings sehr klein und kann eine Wirksamkeit nicht sicher belegen. Das wird den Hersteller des Nahrungsergänzungsmittels nicht davon abhalten, sie in seine Marketingbemühungen einzubinden.

Die Tagesdosis betrug in der Studie 1500mg Resveratrol in einer Kapsel.

Der Text spricht ein wichtiges Problem pflanzlicher Naturheilmittel an. Werden sie als Nahrungsergänzungsmittel verkauft, braucht es dazu keinen Wirksamkeitsnachweis. Damit entfällt für die Hersteller meistens auch die Motivation, grosse, beweisende Phase-3-Studien durchzuführen. Ich selber bin nicht strikt gegen die Vermarktung pflanzlicher Präparate als Nahrungsergänzungsmittel. Ich ziehe aber Hersteller von, die ihre Präparate als Arzneimittel anmelden und auch die entsprechenden Phase-3-Studien durchführen. Diesen Forschungsaufwand gilt es meines Erachtens wertzuschätzen. Das ist aber auch aus Kostengründen für viele Firmen nicht zu stemmen.

Eine Phase-3-Studie lohnt sich für den Hersteller auch nicht, weil Resveratrol als Naturstoff nicht patentierbar ist. Die Forschungskosten lassen sich nicht auf den Produktpreis schlagen, weil jeder Konkurrent die Forschungsergebnisse auch für sich nutzen und sein Resveratrol-Präparat ohne Forschungsaufwand günstiger auf den Markt werfen kann. Wenn der Forschungsstand in manchen Bereichen der Phytotherapie ungenügend ist, dann kann das jedenfalls auch mit diesen nachteiligen kommerziellen Bedingungen zu tun haben. Das ist auf alle Fälle nicht einfach eine reine Schutzbehauptung.

Was ist eine Phase-3-Studie:

„Die Phase III umfasst die Studien, welche die für die Zulassung entscheidenden Daten zum Wirksamkeitsnachweis ermitteln. Üblicherweise sind mindestens zwei voneinander unabhängige kontrollierte klinische Studien, die jede für sich einen Nachweis der statistischen Signifikanz der Wirksamkeit erbringen, notwendig. Phase-III-Studien können viele tausend Patienten einschließen und sich über mehrere Jahre erstrecken. In der Regel handelt es sich um randomisierte Doppelblindstudien.“

Quelle: Wikipedia

Zu Resveratrol siehe auch:

Zur Bioverfügbarkeit von Resveratrol

Resveratrol aus Weintrauben als Diabetes-Heilmittel?

Resveratrol aus Rotwein als Entzündungshemmer

Mythos vom gesunden Rotwein bröckelt

 

 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

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Schützt Knoblauch vor Erkältungen?

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Knoblauch wird seit sehr langer Zeit als Kulturpflanze und Heilpflanze verwendet. Er soll nach weit verbreiteter Überzeugung vor Erkältungen schützen. Begründet wird diese Ansicht mit der langen Tradition und mit Laboruntersuchungen, in denen Knoblauch sich gegen Bakterien und Viren wirksam zeigte.

Nun kann sich Tradition aber auch irren. Siehe dazu:

Komplementärmedizin – hat Tradition Recht?

Und was im Labor Viren und Bakterien tötet, kann das nicht zwingend auch im lebenden Organismus.

Mit Stand vom 7. August 2014 fanden die Cochrane-Forscher acht Studien zur Wirksamkeit von Knoblauch gegen Erkältungen, wovon aber nur eine die Kriterien für den Review erfüllte. An dieser Studie nahmen 146 Versuchspersonen über drei Monate teil. Die Hälfte der Probanden bekam während dieses Zeitraums ein Placebo, die andere Hälfte eine Knoblauchtablette. Die Probanden führten zudem ein Tagebuch, wenn sie Erkältungssymptome bei sich feststellten.

 

Hauptresultate

Die eingeschlossene Studie kam zu dem Resultat, dass die Versuchspersonen, die über drei Monate hinweg täglich eine Knoblauchtablette schluckten (anstelle eines Placebos), seltener an einer Erkältung litten. Im Einzelnen traten in den drei Monaten in der Knoblauchgruppe 24 Erkältungen auf, in der Placebogruppe dagegen waren es 65. Wenn die Probanden eine Erkältung hatten, war die Krankheitsdauer in beiden Gruppen ähnlich (4,63 bzw. 5,63 Tage).

Mehr Probanden aus der Knoblauchgruppegruppe (vier) als aus der Placebogruppe (einer) bemerkten einen Geruch beim Aufstoßen (nicht ganz unerwartet, M.K.).

Die Forscher halten es daher für möglich, dass die Verblindung der Versuchspersonen nicht genügte. Sie können also gemerkt haben, ob sie der Knoblauchgruppe oder der Placebogruppe zugeteilt sind.

Ansonsten beurteilen die Wissenschaftler die Studie aber recht positiv.

Andere mögliche Biasquellen (systematische Verzerrungen der Resultate) waren ihrer Ansicht nach gut kontrolliert. Die einzige eingeschlossene Studie sei für die Fragestellung des Reviews von direkter Bedeutung. Auch wenn es sich um eine kleine Studie handle, reiche die Teilnehmerzahl aus, um genaue und verlässliche Resultate zu liefern. Die Forscher fanden auch keine Hinweise darauf, dass die Resultate selektiv berichtet wurden. Grundsätzlich bestehe diese Möglichkeit allerdings, da die Endpunkte offenbar nicht im Voraus bestimmt wurden.

Da für Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln ein finanzieller Anreiz bestehe, positive Studien zu präsentieren, sei es möglich, dass Studien, in denen Knoblauch keine Wirkung zeigte, gar nicht erst publiziert wurden. Insgesamt sei die Qualität der Evidenz (Belege) moderat.

Die Forscher gehen auch auf unerwünschte Nebenwirkungen der Knoblauchtherapie ein.

Zu den möglichen unerwünschten Nebenwirkungen zählten in dieser kleinen Studie Geruchsbildung und Hautausschlag. Die Wissenschaftler merken an, dass weitere Informationen über die möglichen Nebenwirkungen von Knoblauch benötigt werden.

Quelle:

http://www.cochrane.org/de/CD006206/knoblauch-gegen-grippale-infekte

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD006206.pub4/abstract;jsessionid=8F284CF01EF34947272F580DC88820DB.f03t04

 

Kommentar & Ergänzung:

Mich hat überrascht, dass die Cochrane-Collaboration eine Metaanalyse macht zur Wirksamkeit von Knoblauch gegen Erkältungen. Knoblauch-Forschung dreht sich meistens um Themen im Bereich Herz-Kreislauf – Stichwort Bluthochdruck, Cholesterinspiegel, Verbesserung der Blutfliesseigenschaften. Traditionell wird Knoblauch zwar schon seit langen bei Infektionskrankheiten eingesetzt – früher sogar bei Pestepidemien. Die Forschung in diesem Bereich beschränkt sich aber meistens auf Experimente im Labor, bei denen sich immer wieder interessante antimikrobielle Wirkungen von Knoblauch zeigen. Kontrollierte Studien an Menschen, die solche Wirkungen quasi auch im lebenden Biotop zeigen, sind aber selten (und viel aufwendiger).

Immerhin hat die Cochrane-Forschergruppe acht Studien zu dieser Frage gefunden.

Die Cochrane-Collaboration versucht solche Fragen mit Metastudien zu klären. Dazu werden alle Studien zu einer bestimmten Fragestellung ausgewertet, die vorgängig festgelegten Qualitätskriterien genügen. Das Resultat der Metastudie soll verlässlicher sein als Einzelstudien, bei denen immer mit irgendwelchen Verzerrungen zu rechnen ist.

Dumm natürlich nur, wenn von den acht gefundenen Knoblauchstudien nur eine den Qualitätskriterien genügt. Mit einer Studie allein lässt sich keine Metastudie machen.

Aber immerhin: Diese eine Studie schätzen die Forscher von der Qualität her nicht allzu schlecht ein. Und die Ergebnisse sind durchaus bemerkenswert. Nötig wäre nun eine zweite qualitativ gute Studie, die das Ergebnis bestätigt.

Die Forscher sprechen im übrigen mit der fraglichen Verblindung ein Problem an, das wohl alle Knoblauchstudien betrifft. Verblindung ist ein Kernpunkt aller kontrollierten Studien: Die Probanden dürfen nicht wissen, ob sie zur Placebogruppe gehören oder das zu testende Mittel (Verum) bekommen. Gute Studien werden sogar doppelt verblindet: Auch die beteiligten Ärzte dürfen nicht wissen, ob sie in der Studie einem bestimmten Patienten Placebo oder Verum verabreichen.

Funktioniert die Verblindung nicht, kann das Ergebnis deutlich verfälscht werden.

Wird Knoblauch in einer wirksamen Dosis verabreicht, merken das aber in der Regel sowohl die Testpersonen als auch die beteiligten Ärzte am Geruch.

Die mangelhafte Verblindung kann man in diesem Fall jedenfalls nicht den Forschern zum Vorwurf machen. Sie liegt quasi in der Materie begründet.

Die in der Studie untersuchte Knoblauchtablette enthielt übriges 180 mg Allicin (= Knoblauchwirkstoff) und wurde einmal täglich eingenommen. Frische, unverletzte Knoblauchzwiebeln enthalten 0,5 bis 1,3% Allicin. Dreisatz….

100 g Knoblauch enthalten 500 mg bis 1300 mg Allicin.

Wieviel frischen Knoblauch braucht es, um 180 mg Allicin zuzuführen?

Nach meiner Rechnung: 36 g (bei Gehalt 0.5 %) bis 14 g (bei Gehalt 1,3%).

Das ist ja nicht gerade wenig und könnte möglicherweise soziale Nebenwirkungen verursachen……

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

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Gemüsesaft aus Spinat und Rucola bessert chronische Zahnfleischentzündungen

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Blattgemüse mit hohem Nitratgehalt gilt bislang als problematisch. Doch der kritisch betrachtete Inhaltsstoff hat auch gesundheitsfördernde Eigenschaften. Das zeigt eine vor kurzem publizierte Studie der Universität Hohenheim und des Universitätsklinikums Würzburg. Nitrat aus einem handelsüblichen Gemüsesaft kann den Verlauf chronischer Zahnfleischentzündungen schon nach nur zwei Wochen merklich verbessern.

Nitrat häuft sich in den Blättern an und spielt eine bedeutende Rolle für Wachstum und Gesundheit der Pflanzen. Deshalb gehören zahlreiche Blattgemüse wie Rucola, Spinat, Mangold und verschiedene Blattsalate zu den wichtigsten Nitratquellen in der Ernährung des Menschen.

Nitrat an sich ist nicht gesundheitsschädlich, doch der Verzehr von nitratreichen Lebensmitteln gilt bisher als problematisch, weil Verdauungsprozesse Nitrat unter gewissen Umständen zu Nitrit, Stickoxiden und sogenannten Nitrosaminen umsetzen. Vor allem die Nitrosamine gelten als stark krebserregend und werden mit der Entstehung von Speiseröhren- und Magenkrebs in Verbindung gebracht.

Studien der letzten Jahre haben beim Verzehr von nitratreichen Blattgemüsen jedoch zunehmend gesundheitsfördernde Effekte gezeigt.

Wird Nitrat nämlich zusammen mit Vitamin C aufgenommen, unterbleibt die Nitrosaminbildung. Das ist in der Regel auch der Fall.

Pflanzliche Lebensmittel enthalten meist genügende Mengen an natürlichem Vitamin C. Daher muss die Nitrataufnahme aus Blattgemüsen ganz anders bewertet werden als bei gepökelten Fleischwaren, denen die Zusatzstoffe Nitrat bzw. Nitrit hinzugefügt werden.

Ein Team um den Lebensmittelwissenschaftler Prof. Dr. Reinhold Carle von der Universität Hohenheim zeigte jetzt gemeinsam mit dem Parodontologen Prof. Dr. Ulrich Schlagenhauf vom Universitätsklinikum Würzburg, dass dieses Nitrat aus Gemüsepflanzen sogar gesundheitsfördernde Eigenschaften entfalten kann. Die Studie wurde vor kurzem im Journal of Clinical Periodontology publiziert.

Die Wissenschaftler teilten total 44 Teilnehmer mit chronischer Zahnfleischentzündung zunächst in zwei Gruppen. Die erste Gruppe von 21 Personen nahm dabei über einen Zeitraum von zwei Wochen dreimal täglich ein von Prof. Dr. Carle und seinem Team entwickeltes Placebo-Salatsaftgetränk ein.

Durch ein spezielles Adsorberverfahrens war das natürlicherweise enthaltene Nitrat zuvor aus dem Placebo-Getränk entfernt worden.

Die zweite Gruppe von 23 Testpersonen bekam in gleichen zeitlichen Abständen das identische Testgetränk mit der ursprünglich enthaltenen Nitratmenge.

Prof. Dr. Ulrich Schlagenhauf und die Zahnärztin Dr. Yvonne Jockel-Schneider vom Universitätsklinikum Würzburg untersuchten die Versuchspersonen jeweils am Anfang der Studie sowie erstmals nach 14 Tagen und waren erstaunt über die Unterschiede. Schon nach zwei Wochen waren deutliche und statistisch signifikante Verbesserungen bei den Zahnfleischentzündungen der Patienten aus der „Nitrat-Gruppe“ zu beobachten. In der Placebogruppe, also in der Gruppe, in der das Nitrat im Testgetränk entfernt wurde, konnten dagegen keine Verbesserung festgestellt werden.

 

Nitratreicher Gemüsesaft regt natürlichen Nitrat-Nitrit-NO-Stoffwechsel a

Den Wirkmechanismus erklären die Wissenschaftler so:

Mit der Nahrung aufgenommenes Nitrat wird schnell im Magen und dem oberen Dünndarm aufgenommen und danach über das Blut zu den Speicheldrüsen transportiert. Ein gutes Viertel des resorbierten Nitrats wird dort in den Speichel abgegeben. Dadurch ist die Nitratkonzentration im Mundraum nicht nur beim Trinken des Salatsaftgetränks, sondern auch während eines längeren Zeitraums deutlich messbar erhöht. Gewisse Bakterien, die im gesamten Rachenraum und vor allem in den Zahnzwischenräumen vorkommen, wandeln das Nitrat in Nitrit um. Letzteres wirkt einerseits selbst antimikrobiell und könnte durch die Hemmung schädlicher Bakterien direkt zur Linderung der Zahnfleischentzündung beitragen.

Darüber hinaus wird Nitrit aber auch zu Stickstoffmonooxid (NO) umgewandelt. NO gilt als blutdrucksenkend, durchblutungsfördernd und kann im Organismus entzündungshemmende Vorgänge auslösen. Die Studienresultate könnten die Gesundheitsdebatte über Nitrat aus pflanzlichen Lebensmitteln neu entfachen. Prof. Dr. Carle weist darauf hin, dass weder die Weltgesundheitsorganisation noch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit vom Verzehr von Blattgemüsen abraten, vor allem wenn man sich nicht ausschließlich auf den besonders nitratreichen Rucola beschränkt, sondern verschiedene Blattsalate und Blattgemüse ausgewogen zusammenstellt und zubereitet.

Quelle:

http://www.journalmed.de/newsview.php?id=48807

Universität Hohenheim

Literaturhinweis:

Jockel-Schneider Y, Goßner SK, Petersen N et al. Stimulation of the nitrate-nitrite-NO-metabolism by repeated lettuce juice consumption decreases gingival inflammation in periodontal recall patients: a randomized, double-blinded, placebo-controlled clinical trial; The Journal of Clinical Periodontology, doi: 10.1111/jcpe.12542.

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26969836

 

Kommentar & Ergänzung:

Dass Nitrat in Salat und Gemüse auch positive Wirkungen auf die Gesundheit haben kann, ist eine eher überraschende Perspektive. Nitrat wird sonst vor allem als Problemfaktor thematisiert, weil die Umwandlung im Verdauungstrakt zu Nitrit, Stickoxiden und sogenannten Nitrosaminen krebsfördernd wirken könnte.

Forschung zu positiven Effekten von Nitrat gibt es schon zur Roten Beete (CH: Randen), beispielsweise gegen Bluthochdruck und Karies.

Siehe dazu:

Randensaft (Rote Beete) senkt Blutdruck

http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/08/08/randensaft-rote-beete-senkt-blutdruck.html

http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2015/11/19/rote-bete-saft-gegen-karies.html

http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2011/07/15/rote-beete-saft-randensaft-legales-doping-bei-radrennen.html

Randensaft (Rote-Beete-Saft) steigert sportliche Ausdauer

http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/08/08/randensaft-rote-beete-steigert-sportliche-ausdauer.html

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

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Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

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