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Baldrian gegen Schlafstörungen erst nach zwei Wochen wirksam

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Zitat aus einer dpa-Meldung:

„Wer leichte Schlafstörungen natürlich behandeln möchte, braucht etwas Geduld. Baldrian entfaltet seine volle Wirkung erst nach bis zu zwei Wochen, schreibt die Landesapothekerkammer Hessen in einer Mitteilung.

Im Gegensatz zu chemischen Schlaf- und Beruhigungsmitteln mache Baldrian allerdings nicht süchtig.“

Quelle:

https://de.nachrichten.yahoo.com/gegen-schlafstörungen-wirkt-baldrian-nach-etwa-zwei-wochen-030000824.html

 

Kommentar & Ergänzung:

Schaut man sich die Ergebnisse klinischer Studien an, spricht tatsächlich viel dafür, dass Baldrianpräparate erst nach etwa zwei Wochen besser wirken als Placebo.

Allerdings wurde Baldrianextrakt in den Studien in geruchfreier Form verabreicht (Kapseln, Dragees). Nur so lässt sich die Verblindung gewährleisten, die dafür sorgt, dass die Probanden nicht wissen, ob sie Baldrianextrakt bekommen oder Placebo. Die sichere Verblindung ist ein zentrales Kriterium für die Qualität einer Studie.

Denkbar wäre jedoch, dass die Anwendung als Baldriantee oder Baldriantinktur einen schlaffördernden Effekt über die Duftebene auslöst – und das wäre dann ein rasch eintretender Effekt. Geklärt ist das aber nicht.

Die Empfehlung der Landesapothekerkammer Hessen für eine längerdauernde Anwendung von Baldrian deckt sich mit den Angaben in der Phytotherapie-Fachliteratur, sie widerspricht aber der landläufigen Verwendung in der Bevölkerung. Dort wird Baldrian meistens sehr punktuell eingesetzt, wenn jemand gerade nicht einschlafen kann.

Wer das volle Potenzial von Baldrianpräparaten ausschöpfen will, sollte sich aber die Empfehlungen der Landesapothekerkammer und der Phytotherapie-Fachliteratur zu Herzen nehmen.

Baldrian hilft nicht bei jeder Schlafstörung. Dass er nicht süchtig macht und auch keine erhöhte Sturzgefahr mit sich bringt sind aber beachtenswerte Vorteile.

Siehe dazu:

Schlafmittel: Sturzrisiko auch mit Nicht-Benzodiazepinen

Pflanzliche Schlafmittel: Weder Hang-over noch Entzugssymptome

Phytotherapie: Baldrian bei Schlafstörungen

Baldrian als verträgliche Schlafhilfe für Senioren bestätigt

Schlafmittel begünstigen Stürze älterer Menschen

Süchtig nach Schlafmitteln: Phytotherapie bietet gesunde Alternativen

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

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Zimt und Teebaumöl gegen Fusspilz?

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Das Magazin „Focus“ berichtet über die Behandlung von Fusspilz mit Zimt und Teebaumöl:

„Fußpilz ist ein großes Tabuthema. Doch es gibt gute Mittel dagegen: Geben Sie etwas Zimt in Ihre Schuhe und verteilen Sie diesen. Zimt wirkt antibakteriell und tötet so den Fußpilzerreger ab.

Zur Anwendung auf der Haut empfiehlt Mediziner Dietrich Grönemeyer Teebaumöl. Geben Sie dazu zehn Tropfen Teebaumöl in einen bis eineinhalb Liter Wasser und baden Sie Ihre Füße 15 Minuten darin. Achten Sie nach dem Fußbad darauf, dass Sie Ihre Füße vollständig abtrocknen. Vor allem die Zwischenräume zwischen den Zehen sollten Sie trocknen. Denn die Feuchte bietet das perfekte Milieu für den Pilz.“

Quelle:

http://www.focus.de/gesundheit/videos/fusspilz-entfernen-welches-haushaltsmittel-hilft-wirklich_id_7019492.html

 

Kommentar & Ergänzung:

Zimtrinde enthält ätherisches Zimtöl, das im Labor fungistatische Eigenschaften zeigt. Es hemmt also die Ausbreitung der Pilze, tötet sie aber nicht sicher ab.

Im Labor in einer Pilzkultur lassen sich solche Wirkungen gut zeigen. Ob es reicht, Zimtpulver in die Schuhe zu streuen, um einen Fusspilz loszuwerden, scheint mir aber sehr zweifelhaft. Wahrscheinlich verdunstet im warmen Klima der Schuhe etwas Zimtöl aus dem Zimtpulver. Es ist aber eher zweifelhaft, ob dadurch eine wirksame Konzentration des Zimtöls in der Luft erreicht wird, um einen Fusspilz abzutöten.

Teebaumöl wirkt im Labor deutlich pilztötend (fungizid) auf viele Pilzarten und zeigt diese Wirkung auch am Menschen, also zum Beispiel bei Patienten mit Fusspilz.

Die fungizide Wirkung von Teebaumöl ist jedoch konzentrationsabhängig und an diesem Punkt wird die Empfehlung von 15 Tropfen auf 1 – 1 ½ Liter Wasser fragwürdig.

Teebaumöl ist leichter als Wasser und sammelt sich an der Oberfläche des Badewassers. Dort wird daher wohl eine wirksame Konzentration erreicht, wobei die hohe Konzentration aber auch ein erhöhtes Risiko von Hautreizungen mit sich bringt. Im restlichen Badewasser kommt dagegen des Teebaumöl nur in geringer Konzentration vor, die bei den empfohlenen 15 Tropfen pro 1 bis 1 ½ Liter Wasser deutlich unterhalb der wirksamen Schwelle liegen dürfte. In einer Laborstudie ergab sich als minimale fungizide Konzentration gegen verschiedene Pilzarten ein Wert von 0,03 – 8 % (Quelle 1).

Oft wird Teebaumöl unverdünnt oder in hohen Konzentrationen (zum Beispiel 10%ig) in Präparaten eingesetzt. Aufgrund bisheriger wissenschaftlicher Erkenntnisse reichen tiefere Konzentrationen für eine fungizige Wirkung. Aus diesem Grund und insbesondere auch aus allergologischen Gesichtspunkten scheint in örtlich anzuwendenden Präparaten eine maximale Konzentration von 1 % empfehlenswert. Damit dürfte das Sensibilisierungsrisiko sehr gering sein und die Konzentration in einer wirksameren Grössenodnung als bei den 15 Tropfen auf 1 bis 1 ½ Liter Wasser. Passend wäre die Einarbeitung von 1 % Teebaumöl in Cremegrundlage, Salbengrundlage, Lotion oder Gel (Quelle 2).

Damit ist auch eine homogene Konzentration gewährleistet, im Gegensatz zur Lösung in Wasser, bei der das Teebaumöl obenauf schwimmt.

Anzumerken ist noch, dass das Sensibilisierungsrisiko von Teebaumöl mit zunehmender Oxidation steigt. Darum ist es so wichtig, Teebaumöl vor Luft geschützt auszubewahren.

Siehe dazu auch:

Teebaumöl: Korrekte Aufbewahrung reduziert Nebenwirkungen

Aufgrund der besseren Verträglickeit würde ich gegen Fusspilz allerdings sowieso eher Lavendelöl oder Korianderöl empfehlen.

Siehe dazu auch:

Lavendelöl gegen Hautpilze

Lavendelöl wirksam gegen Hautpilze

 

Zur Wirkung von Korianderöl

Phytotherapie: Zur Wirkung von Koriander / Korianderöl

Korianderöl bekämpft gefährliche Bakterien

Quelle 1: Augustin/Hoch; Phytotherapie bei Hauterkrankungen, 2004, Seite 241.

Quelle 2: Augustin/Hoch; Phytotherapie bei Hauterkrankungen, 2004, Seite 243.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Was hilft gegen Krampfaderbeschwerden?

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Die österreichische Kronenzeitung befasst sich mit dem Thema Krampfadern.

Dabei kommen auch pflanzliche Arzneimittel zur Sprache.

Ass.- Prof. Priv.-Doz. Dr. Stanislava Tzaneva von der Klinischen Abteilung für Dermatologie der MedUni Wien erklärt dazu:

„Das konsequente (!) Tragen von Kompressionsstrümpfen, -strumpfhosen oder Verbänden während des Tages fördert den Rückfluss des Blutes. In Kombination mit dieser Basistherapie kann der Betroffene auch venoaktive Medikamente, z. B. mit Rosskastanien oder Traubenkernextrakt einnehmen. Das Ziel ist die Linderung typischer Beschwerden wie Schwellungen, Schweregefühl und Schmerzen.“

Eine weitere Möglichkeit sei das operative Entfernen der Krampfadern (Venenstripping).

„Diese Methode wurde in den vergangenen Jahren aber mehr und mehr von der Radiofrequenz- und Laserbehandlung verdrängt, die nun erste Wahl sind“, erklärt die Fachärztin für Dermatologie und Venerologie. Als dritte Möglichkeit komme die Verödung mit Flüssigkeit oder Schaum zum Einsatz.

Quelle:

http://www.krone.at/gesund-fit/was-hilft-bei-krampfadern-zeigt-her-eure-beine-story-570161

Kommentar & Ergänzung:

Die Wirksamkeit von Rosskastanienextrakt bei Krampfaderbeschwerden wie Schwellungen, Schweregefühl und schmerzenden Beinen ist gut mit Studien belegt.

Es braucht aber einen Extrakt, der eingestellt ist auf eine Tagesdosis von 100 mg Aescin und die Einnahme über längere Zeit.

Tee aus Rosskastaniensamen ist keie praktikable Anwendungsform und Rosskastanientinktur enthält zuwenig Aescin. Beliebt sind Rosskastaniensalben, doch ist ungeklärt, ob dadurch eine Wirkung über die Haut erzielt werden kann.

Traubenkernextrakt ist reich an oligomeren Proanthocyanidinen (OPC), wirkt deshalb als Antioxydans und wird in Nahrungsergänzungsmitteln als Anti-Aging-Mittel propagiert. Studien, die diese Versprechungen belegen würden, fehlen allerdings.

Auch eine Wirksamkeit gegen Krampfaderbeschwerden ist nicht plausibel belegt. Daher würde ich bei Krampfaderbeschwerden auf Rosskastanienextrakt setzen.

Siehe auch:

Cochrane-Studie zu Rosskastanien-Extrakt bei Venenbeschwerden

Venenschwäche – hilft Rosskastaniensalbe?

Pharmawiki: Rosskastanien-Extrakt bei Venenleiden

Venenerkrankungen: Wirksamkeit von Rosskastanienextrakt erneut bestätigt

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Ginkgo – nicht alle Zubereitungsarten sind gleichwertig

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Ginkgo verbessert die Funktion des Gehirns. So lautet eine oft gehörte, aber eher oberflächliche und ungenaue Beschreibung der Wirkung der Heilpflanze Ginkgo biloba.

Aus fachlicher Sicht sagt das noch wenig aus und die Anwendungsgebiete müssen präziser gefasst werden. In welchen Situationen eignet sich Gingko und in welchen nicht? Wirkt Ginkgo vorbeugend oder bei bestehenden Beschwerden?

Darüber hinaus wird aber im Umgang mit Heilpflanzen oft unterschätzt, wie wichtig die Wahl der geeignetsten Zubereitungsform ist.

Ein Kräutertee? Eine Frischpflanzentinktur bzw. Urtinktur? Eine Pflanzentinktur aus getrockneten Pflanzen nach Arzneibuch? Ein Frischpflanzensaft? Ein Pflanzenextrakt?

Bei Ginkgo biloba ist die Situation ziemlich klar:

Ginkgotee ist ungeeignet. Er enthält oft zu hohe Gehalte an Ginkgolsäuren, die ein hohes allergenes Potenzial besitzen und in pharmakologisch-toxikologischen Untersuchungen auch cytotoxische, neurotoxische und mutagene Wirkungen zeigen. Die wirksame Dosis wird mit Ginkgotee nicht erreicht.

Siehe dazu:

Ginkgotee nicht ohne Risiko

 

Auch Ginkgotinkturen enthalten die entscheidenden Wirkstoffe in zu geringen Mengen und sind daher unterdosiert.

Sicher anwendbar sind nur Trockenextrakte aus Ginkgo biloba, bei denen die Gingolsäuren während der Herstellung entfernt wurden, und die eine hohe Wirkstoffkonzentration aufweisen. Der am besten mit Studien belegte Ginkgoextrakt ist EGb 761 (Tebokan / Tebofortin).

Für diesen Spezialextrakt gibt es medizinisch anerkannte Anwendungsgebiete. Das Herbal Medicinal Product Committee (HMPC) als EU-Zulassungsbehörde für pflanzliche Arzneimittel akzeptiert ihn zur Verbesserung altersbedingter kognitiver Einschränkungen und zur Verbesserung der Lebensqualität als „medizinisch allgemein anerkannt“ („well-established use“).

Die ESCOP hält standardisierte Ginkgo-Extrakte für geeignet zur symptomatischen Behandlung von leichtem bis mittel¬schwerem demenziellem Syndrom einschließlich primärer degenerativer Demenz, vaskulärer Demenz und deren Mischformen; für hirnorganisch bedingte Leistungsstörungen; neurosensorische Störungen wie Schwindel, Gleichgewichtsstörungen und Tinnitus; zur Verbesserung der kognitiven Leistung; zur symptomatischen Behandlung der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (PAVK, Claudicatio intermittens = „Schaufensterkrankheit“).

Siehe: Phytotherapie – was sind ESCOP-Monografien

In der Phytotherapie ist die Frage, in welcher Arzneiform eine Heilpflanze optimal eingesetzt werden kann, sehr zentral und wird oft unterschätzt.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Medikamentenverkauf: Migros versus Apotheken & Drogerien

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Ab 2019 werden in der Schweiz gewisse Medikamente auch im Detailhandel erhältlich sein. Dabei geht es auch um Heilpflanzen-Präparate.

Gegenwärtig prüft die Heilmittelbehörde Swissmedic, welche Arzneimittel in Zukunft von dieser Liberalisierung betroffen sind. Damit setzt Swissmedic die im revidierten Heilmittelgesetz angestrebte Förderung der Selbstmedikation um.

Grossverteiler wie Migros und COOP begrüssen diese Entwicklung selbstverständlich und möchten möglichst viele Präparate verkaufen dürfen.

Die Branchenvertreter der Apotheken und Drogerien sind ebenso selbstverständlich dagegen und warnen vor Gefahren.

Beide Seiten operieren mit fragwürdigen Argumenten.

Bisher sind in der Schweiz die meisten Medikamente nur in Apotheken und Drogerien erhältlich. Die Migros strebt aber deutsche Verhältnisse an. In Deutschland werden viel mehr Arzneimittel im Detailhandel verkauft.

Martin Bangerter, Zentralpräsident des Schweizerischen Drogistenverbandes, macht auf die Gefahren aufmerksam, wenn man sich unbesehen an den Verkaufsvorschriften anderer Länder orientiere, etwa wenn in Deutschland Johanniskraut-Dragées im Supermarkt verkauft werden. Diese gegen Depressionen und Stimmungsschwankungen eingesetzten pflanzlichen Mittel könnten im Zusammenhang mit anderen Medikamenten unerwünschte Nebenwirkungen haben, sagt Bangeter. Er weist darauf hin, dass Johanniskraut die Wirkung der Pille zur Schwangerschaftsverhütung abschwächen könne und dass dieses Beispiel zeige, weshalb eben auch bei scheinbar unproblematischen Heilmitteln eine Fachberatung nötig sei.

Diese Argumentation ist grundsätzlich nachvollziehbar. Johanniskraut-Extrakte mit ihren möglichen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten taugen nicht für den Verkauf im Supermarkt.

Aber was sagt dazu die Migros?

Jürg Maurer, bei Migros stellvertretender Leiter der Direktion Wirtschaftspolitik, kontert: «Wir fordern keine Höchstdosierungen, sondern moderat dosierte Präparate, die in Deutschland in jedem Supermarkt seit Jahren erhältlich und absolut selbstbedienungstauglich sind.»

Der Migros sei kein einziger Fall bekannt, bei welchem es mit einem frei verkäuflichen Johanniskrautpräparat zu den genannten Interaktionen gekommen sei, betont Maurer.

Damit hat er höchstwahrscheinlich Recht. Mit den niedrig dosierten Johanniskraut-Präparaten, wie sie die Supermärkte in Deutschland verkaufen, sind Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten kaum zu erwarten.

Was Maurer nicht sagt: Von diesen niedrig dosierten Johanniskraut-Präparaten sind auch keine Wirkungen zu erwarten.

Effekte in diesem tiefen Dosisbereich sind weder plausibel noch durch Studien belegt (im Gegensatz zu den hochdosierten Extrakten).

Das scheint für die Migros aber kein Kriterium zu sein. Hauptsache, sie kann mehr Medikamente verkaufen…….

Ins Regal stellen will die Migros künftig auch Schmerzmittel auf pflanzlicher Basis mit Weidenrinde-Pulver. Das Präparat wird sich bestimmt gut verkaufen, aber auch hier fällt ein wesentlicher Punkt unter den Tisch: Studien mit positiven Ergebnissen gibt es nur für Weidenrindenextrakt-Präparate, die wesentlich konzentrierter sind und dadurch einen deutlich höheren Gehalt an schmerzstillendem Salicin haben. Wirksamkeit scheint auch hier für die Migros kein Kriterium.

Die Vertreter der Apotheken und Drogerien argumentieren aber auch nicht überzeugend.

Der Apothekerverband Pharmasuisse weist darauf hin, dass die Kundschaft im Detailhandel vermehrt durch «Pseudomedikamente» getäuscht werden könnte, speziell verpackte Medizinprodukte, Ernährungsergänzungsmittel oder Nahrungsmittel, die eine unrealistische Wirkung versprächen.

Pharmasuisse-Generalsekretär Marcel Mesnil sagt:

«Im Selbstbedienungsladen gibt es an der Kasse niemanden, der die Leute berät.»

Dort müssten sich die Patienten auf ihre eigene Einschätzung verlassen, die auch falsch sein könne. In der Apotheke oder Drogerie dagegen könne eine falsche Selbsteinschätzung im Beratungsgespräch korrigiert werden.

Das ist zumindestens schönfärberisch. Apotheken und Drogerien verkaufen selber aktiv und passiv (auf Verlangen) sehr viele „Pseudomedikamente“, ohne dass ihnen das grossen Kummer bereitet, solange es zum Umsatz beiträgt.

Für Bachblüten, Schüssler-Salze, Homöopathika und Spagyrika gibt es keine überzeugenden Belege. Unrealistische Wirkungsversprechungen dazu präsentieren die Schaufenstern von Apotheken und Drogerien aber noch und noch, ganz abgesehen von den Beratungen in den Geschäften.

Bei den Phytopharmaka ist nur eine Minderheit fundiert durch Studien belegt und viele Heilpflanzen-Präparate fallen durch unsinnige Zusammensetzung oder ungenügende Dosierung auf. Und auch eine ganze Reihe von synthetischen Medikamenten hat ihre Zulassung vor einigen Jahrzehnten bekommen auf der Grundlage von Studien, die heutigen Qualitätskriterien bei weitem nicht genügen.

Dass Mitarbeitende in Apotheken und Drogerien die Kundschaft hier kritisch beraten ist meiner Erfachrung nach eher die Ausnahme als die Regel. Wer mit fundiertem Heilpflanzen-Wissen in Apotheken und Drogerien fachliche Fragen stellt, bekommt oft falsche oder nichtssagende Antworten. Und Testkäufe von Konsumentenorganisationen zeigen immer wieder lückenhafte und falsche Beratungen.

Hier ein Beispiel für skrupellose Kundentäuschung aus der Apotheke:

Entschlackung – illusionäre Hoffnung auf Gewichtsreduktion

Apotheken und Drogerien sollten also den Mund nicht zu voll nehmen, was ihre überragende Beratungskompetenz gegenüber den Grossverteilern angeht.

Die Migros ist jedoch genauso wenig überzeugend. Sie begründet ihren Druck zugunsten einer Liberalisierung des Medikamentenverkaufs natürlich nicht mit dem zusätzlichen Markt und dem Umsatz, den sie damit machen kann. Sie präsentiert sich als Preisbrecherin zugunsten der Konsumenten.

In Drogeriemärkten in Deutschland seien frei verkäufliche Arzneimittel zum Teil erheblich günstiger, sagt Martin Schläpfer, Leiter der Direktion Wirtschaftspolitik bei der Migros. Einen Grund für die hohen Preise in der Schweiz sieht er im fehlenden Preiswettbewerb. Schläpfer ist überzeugt, dass die Konkurrenz durch die Detailhändler die Preise in der Schweiz endlich ins Rutschen bringen werde.

Das kann sein. Die Preise werden sinken, aber die Wirksamkeit der Präparate auch. Wandert ein grosser Teil des Umsatzes mit Heilpflanzen-Präparaten zu den Grossverteilern, werden die Hersteller weniger Geld in die Entwicklung hochwertiger Extrakte und in die klinische Forschung zum Nachweis der Wirksamkeit investieren.

Um beim Beispiel Johanniskraut zu bleiben: Hersteller, die ihr niedrig dosiertes Johanniskraut-Präparat im Supermarkt verkaufen, brauchen keine Forschung, weil kein Wirksamkeitsnachweis gefordert wird. Darum wird es in diesem Bereich auch keine Forschung geben.

Hersteller, die ihr hochkonzentriertes, aber teureres Johanniskraut-Präparat als Arzneimittel in Apotheken und Drogerien verkaufen, werden weniger Umsatz machen und daher weniger in Forschung investieren können. Das schadet der Phytotherapie.

Ich selber bin bereit, einen höheren Preis für ein Heilpflanzen-Präparat zu bezahlen, wenn ich weiss, dass der Hersteller in Forschung und Entwicklung investiert hat. Trittbrettfahrer, die ein billiges, aber wirkungsloses Präparat in den Supermarkt werfen und vom Forschungs-, Entwicklungs- und Marketingaufwand anderer Hersteller profitieren, gehen bei mir leer aus.

Quelle der Zitate und Stellungnahmen:

http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/streit-um-medikamente-im-supermarkt/story/25388132

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Auf Kräuterwanderung angetroffen: Das Barbarakraut (Barbarea vulgaris)

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Auf der Kräuterwanderung im Dättnauertal bei Winterthur angetroffen:

Echtes Barbarakraut (Winterkresse).

Foto auf Wikipedia hier.

 

Barbarakraut gehört zur Familie der Kreuzblütler (Brassicaceae). Es enthält viel Vitamin C und Glukosinolate (Senfölglykoside), eine Wirkstoffgruppe, die für diese Pflanzenfamilie charakteristisch ist.

Barbarakraut kann als Salat oder Gemüse verwendet werden (in Butter gedünstet spinatähnlich). Fischgerichte bekommen dadurch eine scharfe und würzige Note.

Im 16. Jahrhundert wurde Barbarakraut in den Bauerngärten als Salatpflanze kultiviert.

Schon damals war die Pflanze der Heiligen Barbara gewidmet. Die Blattrosetten des Barbarakrauts überwintern und können daher auch um den Barbaratag (4. Dezember) sowie im zeitigen Frühling geerntet werden.

Es gab Versuche, das Samenöl des Barbarakrauts zu nutzen. Früher wurde die Pflanze auch zu Heilzwecken genutzt – als Wundbalsam. Das ist nicht unplausibel, weil Senfölglykoside für antimikrobielle Wirkungen bekannt sind. Allerdings gibt es keine sicheren Erkenntnisse über therapeutische Wirkungen des Barbarakrauts, weil kein Untersuchungen und Studien dazu vorhanden sind.

Von den Senfölglykosiden ist aber bekannt, dass sie nach der Einnahme durch eine Reizwirkung auf die Magenschleimhaut die Magensaftproduktion anregen und vielleicht auch die Magenperistaltik beschleunigen, wodurch verdauungsfördernde und appetitsteigernde Effekte zu erwarten sind.

Senfölglykoside sind auch charakteristische Inhaltsstoffe in vielen Gemüsen wie beispielsweise Radieschen, Rettich, Meerrettich, Brunnenkresse, Gartenkresse, Rucola und alle Kohl-Arten. In Laborexperimenten zeigen Senfölglykoside Eigenschaften, die auf die auf eine Hemmung der Krebsentstehung hindeuten. Ob das beim Menschen auch so läuft wie im Reagenzglas, wieviel von diesen Gemüsen täglich gegessen werden müsste und wie realistisch das ist, lässt sich aber noch nicht konkret aussagen. Senfölglykoside sind aber gewiss ein wertvoller Bestandteil einer abwechslungsreichen Ernährung.

Siehe auch:

Wirkstoffkunde: Was sind Senfölglykoside und welche Wirkung haben sie?

Eine weitere Wildpflanze mit Senfölglykosiden, die sich als Zugabe in Salat eignet, ist das Wiesen-Schaumkraut:

Naturkunde: Was blüht gerade? Wiesen-Schaumkraut

 

 

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Zwiebel gegen Bakterien wirksam?

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Das Magazin Focus beschreibt die Zwiebel als „Alleskönner“.

Zitat:

„Zwiebel besitzen zudem die Fähigkeit, Bakterien zu absorbieren. Das lässt sich zu Hause zur Luftreinigung nutzen. Mit ein paar Zwiebelscheiben, die Sie in ihren vier Wänden verteilen, können Sie die Ausbreitung von Bakterien eindämmen. Wer will, kann seine Zwiebeln über Nacht aber auch in seine Socken stecken. Das soll schon nach einigen Stunden Fieber zum Sinken bringen.“

Quelle:

http://www.focus.de/gesundheit/videos/die-zwiebel-der-alleskoenner-zwiebeln-gegen-fieber-5-situation-in-denen-das-gemuese-abhilfe-schaffen-kann_id_6821554.html

 

Kommentar & Ergänzung:

Dass die Zwiebel (Allium cepa) antibakteriell wirkt, lässt sich gut im Labor nachweisen. Thiosulfinate aus der Zwiebel zeigen im Lochplattentest Wirkung gegenüber Bacillus subtilis, Salmonella typhi, Pseudomonas aeruginosa und Escherichia coli.

Ob Zwiebel allerdings die Raumluft von Bakterien reinigen kann, ist eine ganz andere Frage. Dazu braucht es eine bestimmte Konzentration an Thiosulfinaten in der Luft und es wäre durchaus möglich, dass bei der nötigen Konzentration niemand sich mehr freiwillig in diesem Raum aufhalten würde – also nicht nur keine Bakterien, sondern auch keine Menschen.

Ziemlich abenteuerlich ist die Vorstellung, dass die Zwiebel Bakterien aus der Luft absorbiert. Mit welcher Kraft soll sie denn Bakterien anziehen?

Nun gilt allerdings das Aufstellen einer halbierten oder stärker zerkleinerten Zwiebel über Nacht als bewährtes Hausmittel bei Schnupfen. Immer wieder gibt es Berichte, wonach diese Massnahme die Atemwege befreit und mehr Luft verschafft.

Wie lässt sich das erklären?

Bestimmt nicht mit dem Absorbieren von Bakterien.  Schnupfen wird durch Viren ausgelöst und ob die Zwiebel da auch antiviral wirkt, ist nicht geklärt.

Plausibler scheint mir, dass dieser Effekt mit der schleimhautreizenden Wirkung der Zwiebel zusammenhängt. Dafür verantwortlich ist Propanthial-S-oxid, der Tränenreizstoff in den Zwiebeln.

Denkbar ist, dass diese Substanz über eine Schleimhautreizung in den Atemwegen die Produktion von dünnflüssigem Schleim anregt, wodurch dicklüssiger Schleim verdünnt wird. Eine Reizung der Schleimhäute kann auch die lokale Durchblutung steigern und dadurch die Abwehrkraft des Immunsystems verbessern.

Das sind allerdings nur Überlegungen. Belege für solche Wirkungsmechanismen gibt es nicht.

Dass eine über Nacht in die Socken gesteckte Zwiebel das Fieber senkt, ist im Übrigen genauso fragwürdig wie die angebliche Absorption von Bakterien.

Über Nacht sinkt das Fieber in der Regel sowieso. Darum spricht einiges dafür, dass hier ein Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss vorliegt:

Zwei zeitgleich und unabhängig voneinander ablaufende Vorgänge – in die Socken gesteckte Zwiebeln und sinkendes Fieber – werden irrtümlich in einen ursächlichen Zusammenhang gestellt: Wegen der in die Socken gesteckten Zwiebeln sinkt das Fieber.

In der traditionellen Pflanzenheilkunde wird die Zwiebel aber noch in einer ganzen Reihe von Hausmitteln gegen Erkältungen eingesetzt, beispielsweise Zwiebeltee und Zwiebelsirup als schleimlösende Anwendung bei Husten. Hier könnte eine Reizwirkung der Zwiebel-Inhaltsstoffe auf die Magenschleimhaut via Vagus-Nerv zu einer verstärkten Sekretion von dünnflüssigem Schleim in den Bronchien führen, wodurch „verhockter“ Schleim gelöst wird. Auch für diesen möglichen Wirkungsmechanismus gibt es allerdings keine fundierten Belege.

Grundsätzlich enthält die Zwiebel sehr ähnliche Wirkstoffe wie der Knoblauch, insbesondere Alliine, die beim Zerkleinern der frischen Zwiebeln durch enzymatische Umwandlung mittels Alliinase in Allicin übergehen. Bei der Einnahme von Zwiebeln über längere Zeit können daher ähnliche Wirkungen erwartet werden, wie sie vom Knoblauch bekannt sind. Die Zwiebel ist aber schlechter untersucht als der Knoblauch und ihre Wirkungen dürften bei innerlicher Anwendung eher etwas schwächer sein.

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Woraus besteht Opium und was ist Opiumtinktur?

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Nimmt man die Phytotherapie-Fachliteratur zum Massstab, gehört Opium nicht zur Phytotherapie. Dort taucht Opium nämlich kaum auf. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass Opium dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt ist.

Denn eigentlich ist Opium ja ein Pflanzenprodukt, das zu medizinischen Zwecken verwendet wird. Das würde eigentlich nahelegen, dass Opium zur Phytotherapie zu zählen.

In meiner Phytotherapie-Ausbildung taucht Opium allerdings in der Wirkstoffkunde auf im Kapitel „Alkaloide“. Opium selber ist aber kein Alkaloid. Alkaloide enden immer auf –in.

Opium enthält jedoch ein Alkaloidgemisch.

Opium ist der durch Anritzen gewonnene getrocknete Milchsaft unreifer Samenkapseln des zu den Mohngewächsen (Papaveraceae) gehörenden Schlafmohns (bot. Papaver somniferum L.). Im Verlauf des Trocknungsprozesses entwickelt sich aus dem Milchsaft durch Autoxidation das Rohopium, eine braune bis schwarze Masse. Wirksame Hauptbestandteile des Opiums sind die Alkaloide Morphin, Codein und Thebain.

Das aus Opium gewinnbare halbsynthetische Diacetylmorphin ist allgemein als Heroin bekannt.

Im Opium sind 37 unterschiedliche Alkaloide vorhanden, die im Rohopium bis zu einem Viertel der Masse ausmachen.

Die wichtigsten Alkaloide des Opiums sind:

–        Morphin (ca. 12 %), eines der stärksten Analgetika ( Schmerzmittel),

–        Codein (0,2 bis 6 %), ein hustenstillendes Mittel (Antitussivum),

–        Noscapin (2 bis 12 %), ein hustenstillendes Mittel (Antitussivum),

–        Papaverin (0,1 bis 0,4 %), ein krampflösendes Mittel (Spasmolyticum),

–        Thebain (0,2 bis 1 %), wirkt stärker stimulierend, aber schwächer schmerzstillend als

Morphin,

–        Papaveraldin (0,5 bis 3 %) und

–        Narcein (0,1 bis 1 %), wirkt selber schwächer als Morphin, potenziert jedoch dessen

Wirkung.

(Quelle für die Prozentzahlen: Wikipedia)

Diese Alkaloide wirken bereits in ihrer natürlichen Zusammensetzung synergistisch, da sich die schmerzstillenden und krampflösenden Eigenschaften gut ergänzen.

Historisch wurde Opium als Schmerz- und Schlafmittel eingesetzt, sowie seit jeher als Rauschmittel verwendet. In der Psychiatrie wurde Opium zur Therapie von Depressionen angewendet, insbesondere als sogenannten „Opiumkur“.

Opiumtinktur kommt heute in der Medizin gelegentlich noch gegen starke Durchfälle zum Einsatz.

Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert wurde Opiumtinktur auch als Laudanum, Mohnsaft (Laudanum liquidum) oder Meconium bezeichnet.

Wikipedia schreibt dazu:

„Der Name Laudanum wurde in unterschiedlichen Zusammensetzungen unter anderem vom Arzt und Naturforscher Theophrastus Bombastus von Hohenheim (1493–1541) beschrieben, besser bekannt als Paracelsus. Er glaubte, mit dem Laudanum ein Allheilmittel erfunden zu haben, und nannte seine Tinktur daher auch Stein der Unsterblichkeit. Seine Hauptbestandteile waren zu etwa 90 Prozent Wein sowie Opium zu etwa 10 Prozent, die Zusammensetzung ist jedoch umstritten. Als weiterer Zusatz wird Bilsenkraut, die gemeine Alraune und Tollkirsche genannt………….

Seit seiner Erfindung um das Jahr 1500 fand das Laudanum in Europa eine große Verbreitung. Während der nächsten Jahrhunderte erfreute es sich als Universaltonikum und Wunderdroge einer großen Beliebtheit. Seine herausragende Eigenschaft bestand allerdings nicht in einer lebensverlängernden, sondern vielmehr in seiner schmerzstillenden und beruhigenden Wirkung. Sogar Kindern wurde die verdünnte Tinktur bedenkenlos zur Ruhigstellung eingegeben.

Laudanum war frei verkäuflich und günstig, daher war es in allen Gesellschaftsschichten Europas sehr populär. Seine Verbreitung im 18. und 19. Jahrhundert lässt sich in etwa mit der des Aspirins in der heutigen Zeit vergleichen. Eine Zeit lang fand der Begriff auch als Synonym für Schmerzmittel allgemein Verwendung.

In Schriftstellerkreisen kam das Laudanum teilweise zur Anregung der kreativen Fähigkeiten in Mode; der Dauergebrauch der Tinktur schien jedoch die eigene Kreativität eher auszulöschen. Zu den bekanntesten bekennenden Laudanumkonsumenten gehören u. a. der englische Lyriker Samuel Taylor Coleridge (1772–1834) und der Schriftsteller Thomas de Quincey (1785–1859) sowie der walisische Schriftsteller Edward Williams (bekannt als Iolo Morganwg, 1747–1826). Alle drei litten offenbar über lange Zeit ihres Lebens unter einer starken Abhängigkeit. Der englische Autor Wilkie Collins verarbeitete seine eigenen Erfahrungen mit Opium in seinem Roman The Moonstone.

Tatsächlich fand in der europäischen Gesellschaft erst ab dem 19. Jahrhundert eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem suchtbildenden und schädlichen Charakter eines dauerhaften Opiumkonsums und somit auch des Laudanums statt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts standen der Medizin zunehmend neue Mittel zur Verfügung, die die bedenklichen Opiate ersetzen konnten. Im Jahre 1920 verbot England schließlich per Gesetzesbeschluss die freie Verkäuflichkeit von Opiaten. 1929 trat in Deutschland das sogenannte Opiumgesetz in Kraft.“

Man kann also mit Fug und Recht sagen, dass Opiumtinktur zu den Wurzeln der Phytotherapie gehört. Und das Beipiel Opiumtinktur macht wieder einmal klar, dass die Natur sehr stark wirksame Substanzen bereithält – sowohl was die therapeutischen Effekte betrifft also auch in Bezug auf mögliche Risiken und unerwünschte Nebenwirkungen.

Ein Rezept für Laudanum / Opiumtinktur stand noch im Arzneibuch von 1933 (Pharmacopoea Helvetica Editio Qunita, 1933): Tinctura Opii crocata PH 5.

„30 T. Safran, 10 T. Nelkenpulver und 10 T. chinesisches Zimtpulver werden mit einer Mischung von 250 T. Weingeist und 250 T. Wasser nach dem Mazerationsverfahren (Allgemeine Bestimmungen, Seite 5) während 6 Tagen extrahiert. Hierauf wird koliert und der Rückstand abgepresst. Zu den vereinigten Kolatur- und Pressflüssigkeiten wird eine Lösung von 50 T. Opiumtrockenextrakt in 50 T. Wasser zugemischt. Nach 14tägigem Stehenlassen an einem kühlen Orte wird filtriert und das Filtrat durch Nachwaschen des Filters mit der nötigen Menge Wasser auf 1000 T. ergänzt.“

(Quelle: Pharmawiki)

 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Storchenschnabeltinktur zur Aktivierung des Lymphflusses?

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Ich höre immer wieder einmal den Hinweis, dass Storchenschnabeltinktur (aus Geranium robertianum) den Lymphfluss aktivieren soll.

Es gibt allerdings keinerlei auch nur ansatzweise plausible Argumente für eine solche Wirkung. Keine Studien, keine Wirkstoffe im Storchenschnabel, die eine solche Wirkung nahelegen würden, rein gar nichts.

Allfällige Anekdoten, wonach es Menschen nach Einnahme von Storschenschnabeltinktur besser gegangen wäre, können nicht aussagekräftig sein.

Anekdoten können nicht belegen, dass eine Besserung durch die Storchenschnabeltinktur und durch Aktivierung des Lymphflusses zustande gekommen ist.

Es spricht sehr viel dafür, dass diese Empfehlung der Fantasie eines Herstellers von Storchenschnabeltinktur entsprungen ist, der damit Werbung für seine Produkte macht.

Ich bin immer wieder beeindruckt, wie unkritisch solche faktenfreie Heilungsversprechungen auch von manchen Drogerien und Apotheken weiterverbreitet werden. Hauptsache, man hat etwas anzubieten.

Für Konsumentinnen und Konsumenten ist es meiner Ansicht nach wichtig sich klar zu machen, dass nicht unbedingt diejenigen Anbieter am seriösesten sind, die für jedes gesundheitliche Problem eine Lösung versprechen. Es ist eher ein Zeichen für Seriosität, wenn ein Anbieter auch Grenzen seiner Methoden sichtbar macht.

Wenn zu einem Anwendungsbereich einer Heilpflanze keine Belege und Studien vorliegen, heisst das allerdings nicht sicher, dass keine Wirkung vorhanden ist. Vielleicht hat sich ja einfach niemand um Belege und Studien gekümmert.

Das bedeutet aber nicht, dass im Gegenzug jede willkürliche Behauptung wahr ist. Ein paar handfeste und glaubwürdige Argumente müsste ein Hersteller schon liefern, wenn er sein Produkt für eine bestimmte Indikation verkaufen will. Solche Argumente fehlen komplett, wenn es um die Wirksamkeit von Storchenschnabeltinktur zur Aktivierung des Lymphflusses geht.

Gäbe es solche Argumente, wäre Storchenschnabeltinktur für diesen Anwendungsbereich schon längst in der Phytotherapie-Fachliteratur aufgetaucht und würde dort empfohlen oder zu mindestens diskutiert.

Wer Heilpflanzen anwenden will tut gut daran, sich fundierte Kenntnisse anzueignen, sich einen kritischen Blick anzugewöhnen und nicht jede Versprechung unbesehen zu glauben.

Hier dazu ein paar Beiträge:

Pflanzenheilkunde: Erfahrung allein genügt nicht zur Begründung

Naturheilkunde: Sorgfältig prüfen lernen

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Naturheilkunde: Woran erkennen sie fragwürdige Aussagen?

 

 

 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Wissenschaftler wollen von Heilern in Afrika lernen

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Forscher der Universität Halle wollen von afrikanischen Heilern lernen und untersuchen zu diesem Zweck deren medizinisch genutzte Pflanzen.

Untersucht werden sollen Pflanzen aus Äthiopien, Botswana und Tansania mit dem Ziel, Aids, Tuberkulose und Wurmerkrankungen zu bekämpfen. Das Projekt wird vom Bundesministeriums für Bildung und Forschung über vier Jahre mit 800.000 Euro gefördert, beteiligt sind auch Hochschulen und Unternehmen in Afrika.

Projektleiter Peter Imming vom Institut für Pharmazie der Uni Halle erklärt dazu:

«Wir wollen ökologisch gefährdete, therapeutisch wirksame und kommerziell nutzbare Pflanzen zunächst identifizieren und schließlich kultivieren. Unser Ziel ist, wissenschaftlich zu begründen, welche Inhaltsstoffe für die Wirkung der Arzneipflanzen verantwortlich sind.»

Wenn sich die gewünschten Arzneipflanzen tatsächlich kultivieren lassen, wollen die Forscher sie für den kommerziellen Anbau in den afrikanischen Partnerländern empfehlen.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=68916

 

Kommentar & Ergänzung:

Solche Forschungsprojekte sind auch für die Phytotherapie in Europa interessant, hat sie doch immer wieder Arzneipflanzen aus anderen Weltgegenden in ihre Behandlungskonzepte integriert, wenn entsprechende Wirkungen zu erwarten sind.

Beispiele dafür sind Teufelskralle und Umckaloabo (Kapland-Pelargonie) aus Afrika,

Ginseng, Ginkgo, Curcuma (Gelbwurz) und Indischer Weihrauch aus Asien,

Echinacea, Hamamelis (Zaubernuss) und Traubensilberkerze (Cimicifuga) aus Nordamerika,

Passionsblume, Cayennepfeffer und Ratanhia aus Südamerika.

Die traditionelle Pflanzenheilkunde – ob in Afrika, Europa oder sonstwo – bringt wertvolle Erkenntnisse und Erfahrungen mit, enthält aber auch immer wieder Irrtümer, die sich über Jahrhunderte hartnäckig halten können.

Nötig im Umgang mit der traditionellen Pflanzenheilkunde ist daher eine offene, interessierte, aber zugleich auch kritisch-prüfende Grundhaltung.

Siehe auch:

Komplementärmedizin – hat Tradition Recht?

 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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