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Onkologie: Johanniskraut beim Chronischen Fatigue Syndrom?

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In der Zeitschrift der Österreichischen Gesellschaft für Phytotherapie (Nr. 1 / 2015) schreibt Christian Thuile, Leiter der Abteilung für Komplementärmedizin am KH Meran, über Johanniskraut beim Chronische Fatigue Syndrom:

„Wir alle kennen Johanniskraut für den Einsatz bei depressiven Ver- stimmungen, leichten und mittelschweren Grades. Die Studienlage ist gut und es gilt als klinisch anerkannt. Es wäre sozusagen prädestiniert für den Einsatz beim krebskranken Menschen, Niedergeschlagenheit ist ja ein häufiges Problem, das den Erkrankten begleitet. Dazu gibt es noch Studien die zeigen, dass Johanniskraut absolut positive Effekte auf das Chronische Fatigue Syndrom hat, also geradezu ideal vom Profil her.“

Thuile geht aber auch auf die Wechselwirkungen ein, die Johanniskraut mit manchen Chemotherapeutika auslösen kann:

„Leider schaut es in der Realität aber wieder ganz anders aus. Es gibt Chemotherapeutika (z. B. Irinotecan, aber auch viele andere) die denselben Abbaumechanismus in der Leber verwenden wie das Johanniskraut. Das ausschlaggebende Enzym ist das Cytochrom P 450 (3A4); wie stark diese Interaktion sein kann, sieht man an der Tatsache, dass Irinotecan unter dem Einfluss von Johanniskraut bis zu 40 Prozent schneller abgebaut werden kann. Der schnellere Abbau klingt auf den ersten Blick vielleicht verlockend positiv in Hinblick auf Nebenwirkungen, bedeutet aber ganz klar einen deutlichen Wirkungsverlust der Chemotherapie.“

Quelle:

http://www.phytotherapie.co.at/pdf/PT0215.pdf

Kommentar & Ergänzung:

Als „Fatigue“ wird eine besonders ausgeprägte Form der Erschöpfung bei Krebspatienten bezeichnet. Nicht alle Tumorpatienten sind davon gleichermassen betroffen: Bei vielen Krebspatienten tritt die Fatigue akut auf und steht in direktem Zusammenhang mit einer Behandlung. Die akute Fatigue verschwindet in den meisten Fällen rasch nach Abschluss der Krebsbehandlung. Wer noch Wochen oder Monate nach abgeschlossener Krebstherapie darunter leidet, obwohl die Krebserkrankung nicht fortschreitet oder sogar geheilt werden konnte, leidet an einer chronischen Fatigue. Sie kann die Lebensqualität Betroffener stark einschränken.

Der Hinweis auf eine positive Wirkung des Johanniskrauts beim Chronischen Fatigue Syndrom ist interessant. Die Studienlage zu diesem Thema ist zwar sehr schmal. Ich finde dazu nur eine kleine Pilotstudie aus dem Jahr 1998:

Hypericum for fatigue — a pilot study

  1. Stevinson, M. Dixon, E. Ernst

http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0944711398800408

Zwanzig depressive Patienten wurden über sechs Wochen mit Johanniskraut behandelt, wobei sich die Müdigkeit verringerte. Es gab keine Placebo-Kontroll-Gruppe und es handelte sich nicht um Krebspatienten, sondern um depressive Personen.

„Studien die zeigen, dass Johanniskraut absolut positive Effekte auf das Chronische Fatigue Syndrom hat“, müssten anders aussehen.

Trotzdem scheint es mir sinnvoll, Johanniskraut beim Chronischen Fatigue Syndrom in Auge zu behalten, insbesondere natürlich für Situationen, in denen gleichzeitig eine depressive Thematik vorliegt.

Der Warnhinweis auf die Wechselwirkungen von Johanniskraut mit diversen Chemotherapeutika ist sehr berechtigt.

Allerdings treten solche Wechselwirkungen mit Wirkungseinbusse der Chemotherapie nur auf, wenn Johanniskraut parallel zur Chemo eingenommen wird. Das Chronische Fatigue Syndrom kann aber noch lange nach dem Therapieende anhalten und dann sind diese Wechselwirkungen hinfällig.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

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www.phytotherapie-seminare.ch

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Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

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Mistel gegen Bluthochdruck?

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Mistel gegen Bluthochdruck – diese Empfehlung liest man immer wieder. So auch auf Kleinezeitung.at:

„Auch in der Naturheilkunde spielt die Mistel seit Hildegard von Bingen eine große Rolle: Sie wirkt blutdrucksenkend, harntreibend und tumorhemmend.“

Quelle:

http://www.kleinezeitung.at/allgemein/bauenwohnen/garten/3489478/stachelige-schoenheiten-fuer-den-advent.story

Kommentar & Ergänzung:

In diesem kleinen Abschnitt ist fast alles fragwürdig.

– Die immer wieder erwähnte Wirkung der Mistel gegen Bluthochdruck ist alles andere als überzeugend:

„Bisher konnte noch keine der aus der Mistel isolierten Verbindungen der immer wieder beschriebenen, aber nicht bewiesenen blutdrucksenkenden Wirkung von Mistelauszügen zugeordnet werden.
Für die Anwendung von Misteltee als einer unterstützenden Maßnahme bei Bluthochdruck gibt es daher keine echte Begründung, obwohl zahlreiche Untersuchungen mit dem Ziel durchgeführt wurden, eine antihypertone Wirkung nachzuweisen. Die Ergebnisse bei Tierversuchen sind recht widersprüchlich und lassen keine Übertragung auf die Humanmedizin zu. Zwar erwiesen sich die isolierten Viscotoxine bei parenteraler Gabe als hypotensiv wirksam, als Wirkprinzip kommen sie jedoch nicht in Betracht, da sie oral nicht resorbiert werden.“

Quelle: http://www.kup.at/db/phytokodex/datenblatt/Mistelkraut.html

– Eine harntreibende Wirkung der Mistel?  Ist nicht im Ansatz fassbar.

– Eine tumorhemmende Wirkung? – Die gibt es bei Mistelextrakt gut dokumentiert im Labor, wenn damit isolierte Krebszellen behandelt werden. Im lebenden Organismus – also bei Krebspatienten – ist dieser Effekt nicht annähernd klar belegt. Mistelextrakt kann bei Tumorpatienten das unspezifische Immunsystem aktivieren.

„In niedriger, nichttoxischer Dosierung dominiert die immunstimulierende Wirkung der Mistellektine, aus der nicht auf eine Hemmung des Tumorwachstums geschlossen werden darf. Erst in höheren Konzentrationen, die bereits deutliche unerwünschte Wirkungen hervorrufen, zerstören Lektine und Viscotoxine Zellen.“

Quelle: http://www.kup.at/db/phytokodex/datenblatt/Mistelkraut.html

Präzisiert werden muss zudem, dass Misteltee und Misteltinktur schon zum Vorneherein zur Tumorbehandlung unwirksam sind, weil allfällige Wirkstoffe beim Weg über den Verdauungstrakt nicht aufgenommen werden. Fallls die Mistel eine Wirkung auf Tumore haben sollte, dann nur via Injektion.

Zum Thema Mistel in der Krebstherapie siehe auch:

Misteltherapie gegen Krebs – wirksam?

Interessante kulturhistorischen und botanischen Aspekte der Mistel (Viscum album) hat die „Kleine Zeitung“ übrigens auch noch beschrieben.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Cannabis als Heilpflanze – es tut sich was

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Schmerzen, Appetitlosigkeit, Schlafstörungen oder Depressionen sind nur ein Teil der Beschwerden, welche bei Krankheiten wie Krebs, Aids oder Multipler Sklerose (MS) auftreten können. „Das muss man nicht erleiden“, erklärt Dr. Franjo Grotenhermen von der „Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin“. Täglich erhalte er Hilferufe von Patienten, die mehr über die Möglichkeit einer Cannabis-Behandlung wissen wollten.
Eine Heilung verspricht die Cannabis-Anwendung nicht. Nach den Erfahrungen des Mediziners aus dem sauerländischen Rüthen lindert Cannabis bei zahlreichen schweren und meist unheilbaren Krankheiten wie Krebs, Aids, MS aber einen Teil der Beschwerden.
„Schmerzen werden erträglicher, Appetitlosigkeit und Schlafstörungen gehören bei vielen der Vergangenheit an. Und auch die depressive Stimmung vieler Kranker wird deutlich aufgehellt“, stellt Grotenhermen fest. Diese Erfahrung bestätigt auch Professor Joachim Nadstawek vom Berufsverband der Schmerztherapeuten. „MS- und Tumor-Patienten profitieren deutlich davon und gewinnen mehr Lebensqualität.“
Gegenwärtig ist Cannabis im Arzneikästchen allerdings noch die Ausnahme: In Deutschland gibt es nach Auskunft der Bonner Bundesopiumstelle nur 30 Patienten, die Cannabis-Blüten oder Cannabis-Extrakt zur Therapie nutzen dürfen, die Zahl der Anträge habe jedoch deutlich zugenommen. Grundsätzlich sind Medikamente mit Cannabis-Bestandteilen in Deutschland als „nicht-verschreibungsfähige Betäubungsmittel“ verboten. Es gebe jedoch viele subjektive Berichte von Patienten, denen Cannabis helfe, bestätigt Wilhelm Schinkel von der Bundesopiumstelle am Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte.
Medizin aus Hanfextrakt werde immer noch als Droge verteufelt, aber das scheint so langsam aufzuweichen, erklärt Grotenhermen: „Die Bundesopiumstelle hat die Hürde für eine Medikation mit Cannabis-Medikamenten deutlich abgebaut.“ Seit kurzem würden Ärzte nicht mehr durch die Forderung nach einem Gutachten abgeschreckt, eine Cannabis-Behandlung für ihre Patienten zu beantragen. „Jetzt wird nur noch ein normaler Arztbericht erwartet.“
Doch zahlreiche Ärzte wüssten nichts von der Möglichkeit, ihren Patienten mit Cannabis zu helfen, erklärt Nadstawek. „Die denken sofort an Drogensüchtige.“ Zudem gebe es immer noch Mediziner, die selbst eine Verschreibung des synthetisch hergestellten und erlaubten Cannabiswirkstoffs Dronabinol grundsätzlich ablehnen, kritisiert Grotenhermen. Auch dies werde viel zu selten eingesetzt. „Die Kassen erstatten die Kosten nicht“, stellt er fest.
Im Durchschnitt müssten die Patienten 400 Euro monatlich für Dronabinol aufwenden, falls ihr Arzt den Wirkstoff verschreibe. Darum versuchten Patienten, eine Ausnahme-Genehmigung für den preiswerteren Cannabis-Extrakt zu bekommen. Zudem gebe es Einzelfälle, in denen Dronabinol im Gegensatz zu Cannabis-Extrakt oder Cannabis-Blüten keine Wirkung zeige, sagt Grotenhermen.
Wilhelm Schinkel von der Bundesopiumstelle vermutet: „In Sachen Cannabis wird sich etwas tun“. Es gebe mehrere Medikamente, für welche eine Kassenzulassung beantragt werden soll. Laut Schmerztherapeut Nadstawek existieren bei MS- und Tumorerkrankungen bereits eindeutige Studien. Cannabis-Präparate seien eine Alternative zu anderen starken Schmerzmitteln, die zum Teil schwere Nebenwirkungen aufweisen.
Die von der Politik angeführte Suchtgefahr ist für Nadstawek nebensächlich. „Bei Tumorpatienten geht es darum, die Lebensqualität in der letzten Phase zu verbessern“, erklärt er. Zudem hätten die derzeit genutzten Opiate ebenfalls ein erhebliches Suchtpotenzial. Außerdem bricht der Schmerztherapeut eine andere Lanze für die Cannabis-Therapie: „Die Kassen würden sparen, weil man zum Teil auf teure Opiate und Medikamente zur Behandlung der Nebenwirkungen verzichten kann.“
Nach Einschätzung Grotenhermens könnte eine aktuelle Studie zur Wirkung eines Cannabis-Präparates auf die MS-Symptome einen Damm für die Cannabis-Behandlung brechen. 3 von 10 MS-Patienten fühlten sich mit Cannabis besser, also 30%. In der Kontrollgruppe, die ein Scheinmedikament (Placebo) bekam, waren es lediglich 15 Prozent.
Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) sieht die Anwendung von Cannabis-Produkten allerdings kritisch. Der Cannabis-Einsatz sei nur im Einzelfall „nach Versagen zugelassener Medikamente und anderer denkbar wirksamer Arzneimittel“ zu vertreten. Zur aktuellen Studie existiert noch keine Stellungnahme der DMSG.
Quelle: www.aerztezeitung.de

Kommentar & Ergänzung:

Es gibt sehr gute Argumente dafür, Cannabis zu den wirksamen Heilpflanzen zu zählen und seine therapeutische Anwendung möglich zu machen, vor allem für Multiple-Sklerose-Kranke und Tumorpatienten. Dass dies bis heute noch immer nicht legal möglich ist, lässt sich meines Erachtens weder mit wissenschaftlichen noch mit medizinischen Gründen rechtfertigen. Die Blockade in dieser Frage hat wohl eher politisch-ideologische Wurzeln.
Bemühungen zur Entkrampfung dieser für Patientinnen und Patienten unsäglichen Situation sind deshalb zu begrüssen.
Zum Thema “Dronabinol” und seine Anwendung in der Schweiz siehe:
Cannabis als Heilmittel zulassen!

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

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