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Taigawurzel von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) positiv bewertet

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Die EMA trägt in regelmässigen Abständen Informationen zu Arzneipflanzen zusammen und bewertet deren Einsatz in der Pharmazie. Diese Bewertungen sollen Apotheken, Ärzten und Verbrauchern klare Richtlinien geben, inwieweit der Einsatz aus wissenschaftlicher Sicht sinnvoll ist. Inzwischen liegt auch eine Beurteilung der Taigawuzel vor.

Die Taigawurzel (Eleutherococci radix von Eleutherococcus senticosus) wird aufgrund von Daten nach Markteintritt und Erfahrungen positiv bewertet. Den Gutachtern der EMA standen dafür klinische Studien zur Verfügung, in denen ein möglicher Effekt auf Müdigkeit und Schwächegefühl beobachtet worden war. Wirkliche Belege seien aus den mehr als 30 Studien jedoch nicht zu entnehmen, schreibt die EMA, weil die Studiendesigns nicht den höchsten wissenschaftlichen Kriterien entsprächen.

Die EMA kommt dennoch zu dem Resultat, dass die Effekte und die Sicherheit der Taigawurzel hinreichend belegt sind. Aufgrund der jahrelangen traditionellen Anwendung der Taigawurzel könne von einer ausreichenden Wirksamkeit und Sicherheit der Präparate ausgegangen werden.

In Deutschland sind Extrakte aus der Taigawurzel in Form von Lösungen oder Dragees seit rund 20 Jahren im Handel. Eingesetzt werden sollen Eleutherococcus-Präparate bei Personen über 12 Jahren zur unterstützenden Symptomlinderung bei Asthenie (Schwäche, Kraftlosigkeit). Die Tagesdosis liegt bei 2 bis 3 Gramm Taigawurzel. Die Anwendungdauer beträgt in der Regel bis zu drei Monaten.

Quelle:

https://m.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/pharmazie/arzneipflanzen-ema-empfiehlt-drei-phyto-klassiker-epilobium-eleutherococcus-centaurium/?forceMobile=1%3F&noMobile=1&tx_aponews_newsdetail%5B%40widget_4%5D%5BcurrentPage%5D=2&tx_aponews_newsdetail%5B%40widget_4%5D%5BitemsPerPage%5D=1&cHash=7114c4db7166baf0d965eea791dd4b48&tx_ttnews%5BsViewPointer%5D=2

 

Kommentar & Ergänzung:

Die Taigawurzel gehört zusammen mit Ginseng und Rosenwurz zu den sogenannten Adaptogenen. Das sind Arzneipflanzen, die zur besseren Bewältigung von Stresssituationen beitragen können.

Siehe:

Taigawurzel, Ginseng, Rosenwurz: Was sind Adaptogene?

Burnout-Syndrom: Adaptagene wie Ginsengwurzel, Taigawurzel und Rosenwurz

Phytotherapie: Was sind Adaptogene?

Die meisten Studien zur Wirksamkeit der Taigawurzel stammen aus den 1950er Jahren und wurden in der Sowjetunion durchgeführt. Es erstaunt daher nicht, dass sie neueren wissenschaftlichen Kriterien nicht genügen.

Hier wären neuere und bessere Studien nötig. Wenn nämlich die EMA nur aufgrund der jahrelangen traditionellen Anwendung der Taigawurzel die Wirksamkeit der Präparate bestätigt sieht, dann ist diese Schlussfolgerung nicht sehr fundiert. Zumal in diesem Zusammenhang schon von einer traditionellen Anwendung ausgegangen wird, wenn die Pflanze mehr als 30 Jahre im Handel ist. Auch langjährige Anwendung garantiert nicht Wirksamkeit. Das zeigt sich zum Beispiel beim traditionellen Einsatz von Nashorpulver als Potenzmittel in Asien.

Siehe auch:

Komplementärmedizin: Hat Tradition Recht?

Zur Taigawurzel gibt es eine ganze Reihe von Laborexperimenten und Untersuchungen an Tieren, aber wenige und widersprüchliche klinische Studien mit Patienten.

So wurde beispielsweise in einer randomisierten und kontrollierten Studie an 144 Patienten mit stressbezogenen Erschöpfungs- und Müdigkeitssymptomen bei Behandlung mit 120 mg Eleutherococcus-senticosus-Wurzelextrakt pro Tag in Ergänzung zu einem professionellen Stressmanagement-Training (SMT) kein zusätzlicher Nutzen gesehen (nach: Wichtl, Teedrogen und Phytopharmaka).

Trotzdem gibt es aber auch sehr klare Empfehlungen für die Taigawurzel in der ESCOP-Monografie:

„Nachlassende geistige und körperliche Leistungsfähigkeit wie Schwächegefühl, Erschöpfung, Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, zur Rekonvaleszenz.“

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

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Andorn (Marrubium vulgare) zur Arzneipflanze des Jahres 2018 gekürt

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Der „Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ an der Universität Würzburg hat den Andorn (Marrubium vulgare) zur Arzneipflanze des Jahres 2018 gewählt.

Außerhalb von Fachkreisen ist der Andorn hierzulande fast unbekannt. Dabei zählte der stattliche Lippenblütler (Lamiaceae) von der Antike bis weit in die Neuzeit zu den bedeutendsten Arzneipflanzen Europas. Die Verwendung der Pflanze bei Katarrhen der Atemwege sowie bei Verdauungsbeschwerden ist schon seit über 2000 Jahren dokumentiert. Heute wird Andornkraut zur Schleimlösung bei Husten im Rahmen von Erkältungen eingesetzt. Andorn lindert Entzündungen in den Atemwegen, wirkt schleimlösend bei festsitzendem Schleim und krampflösend in den Bronchien.

Mit seinen kugeligen, vielblütigen Scheinquirlen steht der Andorn zwischen Ackerminze und Melisse. Seine Blätter sind aber kleiner, rundlich bis herzförmig, und besitzen auf der Oberseite ein tief eingesenktes Nervennetz, während sie unten stark filzig behaart sind. Die unverzweigten Stängel wachsen bis zu 80 cm hoch. Andorn stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum.

Unter den Arzneipflanzen aus der Familie der Lippenblütler fällt der Andorn auf durch seinen prägnanten Gehalt an Bitterstoffen und Gerbstoffen, während der Gehalt an ätherischem Öl nur gering ist. Durchaus zutreffend urteilt darum der berühmte Abt und Dichter Walahfrid im 9. Jahrhundert: „Er duftet süß, schmeckt aber scharf.“

Neben dem wirksamkeitsmitbestimmenden Bitterstoff Marrubiin enthält Andornkraut unter anderem Flavonoide, stickstoffhaltige Verbindungen und ätherisches Öl. Traditionell eingesetzt wird die Heilpflanze bei Bronchialkatarrhen sowie bei Verdauungsbeschwerden und Appetitlosigkeit. Verschiedene Studien zeigen eine Wirkung zur Schleimlösung bei Husten im Rahmen von Erkältungen.

Darüber hinaus entdeckten Wissenschaftler erst in jüngerer Zeit Mechanismen, die eine weitergehende therapeutische Bedeutung von Bitterstoffen nahe legen.

Die Bedeutung von Bitterstoffen für den menschlichen Körper zeigt sich schon darin, dass uns die Natur mit jeweils nur einem einzigen Rezeptortyp für süß, salzig, sauer und umami (japanisch für „würzig“, „schmackhaft“) ausgestattet hat, aber mit 25 verschiedenen Bitterrezeptoren. Sie versetzen uns zumindest theoretisch in die Lage, Tausende von Bittersubstanzen zu erkennen.

Solche Rezeptoren für Bitterstoffe gibt es nicht nur z. B. auf der Zunge sowie im Mund- und Rachenraum, sondern auch auf glatten Muskelzellen des Bronchialsystems. Dort bewirkt ihre Aktivierung eine Erweiterung von verengten Bronchien, die zu einer verbesserten Sauerstoffaufnahme und erleichterten Schleimentfernung führt[1]. Eine Studie von Forschern aus den USA weist außerdem darauf hin, dass die gezielte Stimulation dieser Rezeptoren mit Bitterstoffen eine Stärkung des Immunsystems bewirken kann[2]. Eine verstärkte Stimulation der Bitterrezeptoren könnte einen größeren Schutz vor Infektionen zur Folge haben, während eine niedrigere Funktion die Anfälligkeit für Infekte steigert, vermuten die Wissenschaftler.

Andornkraut wirkt zudem choleretisch, das heisst es hat eine den Gallenfluss-fördernde Wirkung, was die günstigen Effekte bei Verdauungsbeschwerden unterstützt.

 

Andorn – eine Arzneipflanze mit großer historischer Bedeutung

Für die Wahl des Andorns zur Arzneipflanze des Jahres 2018 war die historische Bedeutung der Pflanze mit entscheidend. Von der Antike bis weit in die Neuzeit hinein zählte der Andorn zu den beliebtesten Heilpflanzen in Europa. Laut Plinius dem Älteren (gest. 79 nach Chr.) war Andorn als „eines der vorzüglichsten Kräuter“ bekannt. Er wurde hauptsächlich bei Lungenerkrankungen und hartnäckigem Husten angewendet, aber auch bei Brüchen, Verstauchungen, Krämpfen und Erkrankungen der Sehnen. Der zeitgleich tätige griechische Arzt Dioskurides nennt Schwindsucht, Asthma und Husten als die ersten Anwendungsgebiete.

Der schon erwähnte Abt Walahfrid Strabo preist den Andorn nicht nur bei „starken Beklemmungen der Brust“ sondern auch als rasch wirkendes Mittel gegen Giftanschläge, etwa durch böse Stiefmütter: „Sollten die Stiefmütter in feindseliger Absicht Gifte zubereiten und in das Getränk mischen oder Eisenhut zum Verderben in trügerische Speisen mengen, so vertreibt ein Trank des heilkräftigen Andorn, unverzüglich eingenommen, die lebensbedrohenden Gefahren.“

Die Äbtissin Hildegard von Bingen rät bei starkem Husten zu einer Abkochung von Andorn, Fenchel und Dill mit Wein.

In allen einschlägigen Werken bis ins 18. Jahrhundert hinein werden zudem für Andorn auch Ohrenschmerzen und Probleme bei der Geburt sowie Menstruationsbeschwerden unter den Indikationen erwähnt.

Im 19. Jahrhundert konzentrierte sich die Anwendung des Andorns auf die schleimlösende Wirkung in den Atemwegen und auf Verdauungsprobleme. Anfangs des 20. Jahrhunderts wurde in Frankreich sogar für etwa drei Jahrzehnte eine Wirkung bei Malaria diskutiert.

Der „Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ schreibt, der Andorn sei kulturgeschichtlich eine hochinteressante Pflanze, die auch unter medizinischen Aspekten wohl zu Unrecht in Vergessenheit geraten sei. Neue Forschungen seien jedoch dringend erforderlich, um das Potential der Pflanze ausloten zu können.

Zur Herkunft des Pflanzennamens Andorn schreibt der Studienkreis:

„Was jedoch wohl nie wirklich geklärt werden wird, ist die Bedeutung des deutschen Namens; es ist völlig unklar, was Andorn, ohne Dornen (an-dorn) bei diesem Lippenblütler uns sagen soll.“

Literatur:

  1. Deepak, A. et al.: Bitter taste receptors on airway smooth muscle bronchodilate by localized calcium signaling and reverse obstruction. Nature Medicine EPub, abstract 24 Oct 2010 (2010)
  2. Lee, RJ. et al.: Bitter Taste Bodyguards. Scientific American 314: 38 – 43 (2016)

Quelle:

http://www.welterbe-klostermedizin.de/index.php

Kommentar & Ergänzung:

Der Andorn ist ein Beispiel für eine Arzneipflanze, die etwas in Vergessenheit geraten ist. Natürlich kann man nicht alle Anwendungsempfehlungen, die irgendwann im Laufe der Geschichte auftauchen, unbesehen für heute übernehmen. Tradition hat sich auch oft geirrt und daher hat sie nicht immer Recht.

Siehe dazu:

Komplementärmedizin – hat Tradition Recht?

Man muss sich mit der Tradition der Pflanzenheilkunde sorgfältig und kritisch auseinandersetzen. So bekommt man eine Basis, auf der sich entscheiden lässt, welche historischen Anwendungsempfehlungen überholt sind und welche auch heute noch sinnvoll eingesetzt werden können. Der „Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ tut dies in vorbildlicher Art.

Im Standardwerk Teedrogen und Phytopharmaka bin ich auf einen interessanten Hinweis zum Andorn gestossen:

„In einer ethno-pharmakologischen Arbeit wurde über einen erfolgreichen Einsatz bei asthmatischen Erkrankungen in Sardinien berichtet. Acetosid könnte bei entsprechenden Anwendungsgebieten eine wichtige Rolle zukommen.“

Aber auch hier sind weitere Untersuchungen und Studien nötig, bis je nach Ergebnis allenfalls eine Behandlungsempfehlung ausgesprochen werden kann.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Wissenschaftler wollen von Heilern in Afrika lernen

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Forscher der Universität Halle wollen von afrikanischen Heilern lernen und untersuchen zu diesem Zweck deren medizinisch genutzte Pflanzen.

Untersucht werden sollen Pflanzen aus Äthiopien, Botswana und Tansania mit dem Ziel, Aids, Tuberkulose und Wurmerkrankungen zu bekämpfen. Das Projekt wird vom Bundesministeriums für Bildung und Forschung über vier Jahre mit 800.000 Euro gefördert, beteiligt sind auch Hochschulen und Unternehmen in Afrika.

Projektleiter Peter Imming vom Institut für Pharmazie der Uni Halle erklärt dazu:

«Wir wollen ökologisch gefährdete, therapeutisch wirksame und kommerziell nutzbare Pflanzen zunächst identifizieren und schließlich kultivieren. Unser Ziel ist, wissenschaftlich zu begründen, welche Inhaltsstoffe für die Wirkung der Arzneipflanzen verantwortlich sind.»

Wenn sich die gewünschten Arzneipflanzen tatsächlich kultivieren lassen, wollen die Forscher sie für den kommerziellen Anbau in den afrikanischen Partnerländern empfehlen.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=68916

 

Kommentar & Ergänzung:

Solche Forschungsprojekte sind auch für die Phytotherapie in Europa interessant, hat sie doch immer wieder Arzneipflanzen aus anderen Weltgegenden in ihre Behandlungskonzepte integriert, wenn entsprechende Wirkungen zu erwarten sind.

Beispiele dafür sind Teufelskralle und Umckaloabo (Kapland-Pelargonie) aus Afrika,

Ginseng, Ginkgo, Curcuma (Gelbwurz) und Indischer Weihrauch aus Asien,

Echinacea, Hamamelis (Zaubernuss) und Traubensilberkerze (Cimicifuga) aus Nordamerika,

Passionsblume, Cayennepfeffer und Ratanhia aus Südamerika.

Die traditionelle Pflanzenheilkunde – ob in Afrika, Europa oder sonstwo – bringt wertvolle Erkenntnisse und Erfahrungen mit, enthält aber auch immer wieder Irrtümer, die sich über Jahrhunderte hartnäckig halten können.

Nötig im Umgang mit der traditionellen Pflanzenheilkunde ist daher eine offene, interessierte, aber zugleich auch kritisch-prüfende Grundhaltung.

Siehe auch:

Komplementärmedizin – hat Tradition Recht?

 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Schützt Knoblauch vor Erkältungen?

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Knoblauch wird seit sehr langer Zeit als Kulturpflanze und Heilpflanze verwendet. Er soll nach weit verbreiteter Überzeugung vor Erkältungen schützen. Begründet wird diese Ansicht mit der langen Tradition und mit Laboruntersuchungen, in denen Knoblauch sich gegen Bakterien und Viren wirksam zeigte.

Nun kann sich Tradition aber auch irren. Siehe dazu:

Komplementärmedizin – hat Tradition Recht?

Und was im Labor Viren und Bakterien tötet, kann das nicht zwingend auch im lebenden Organismus.

Mit Stand vom 7. August 2014 fanden die Cochrane-Forscher acht Studien zur Wirksamkeit von Knoblauch gegen Erkältungen, wovon aber nur eine die Kriterien für den Review erfüllte. An dieser Studie nahmen 146 Versuchspersonen über drei Monate teil. Die Hälfte der Probanden bekam während dieses Zeitraums ein Placebo, die andere Hälfte eine Knoblauchtablette. Die Probanden führten zudem ein Tagebuch, wenn sie Erkältungssymptome bei sich feststellten.

 

Hauptresultate

Die eingeschlossene Studie kam zu dem Resultat, dass die Versuchspersonen, die über drei Monate hinweg täglich eine Knoblauchtablette schluckten (anstelle eines Placebos), seltener an einer Erkältung litten. Im Einzelnen traten in den drei Monaten in der Knoblauchgruppe 24 Erkältungen auf, in der Placebogruppe dagegen waren es 65. Wenn die Probanden eine Erkältung hatten, war die Krankheitsdauer in beiden Gruppen ähnlich (4,63 bzw. 5,63 Tage).

Mehr Probanden aus der Knoblauchgruppegruppe (vier) als aus der Placebogruppe (einer) bemerkten einen Geruch beim Aufstoßen (nicht ganz unerwartet, M.K.).

Die Forscher halten es daher für möglich, dass die Verblindung der Versuchspersonen nicht genügte. Sie können also gemerkt haben, ob sie der Knoblauchgruppe oder der Placebogruppe zugeteilt sind.

Ansonsten beurteilen die Wissenschaftler die Studie aber recht positiv.

Andere mögliche Biasquellen (systematische Verzerrungen der Resultate) waren ihrer Ansicht nach gut kontrolliert. Die einzige eingeschlossene Studie sei für die Fragestellung des Reviews von direkter Bedeutung. Auch wenn es sich um eine kleine Studie handle, reiche die Teilnehmerzahl aus, um genaue und verlässliche Resultate zu liefern. Die Forscher fanden auch keine Hinweise darauf, dass die Resultate selektiv berichtet wurden. Grundsätzlich bestehe diese Möglichkeit allerdings, da die Endpunkte offenbar nicht im Voraus bestimmt wurden.

Da für Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln ein finanzieller Anreiz bestehe, positive Studien zu präsentieren, sei es möglich, dass Studien, in denen Knoblauch keine Wirkung zeigte, gar nicht erst publiziert wurden. Insgesamt sei die Qualität der Evidenz (Belege) moderat.

Die Forscher gehen auch auf unerwünschte Nebenwirkungen der Knoblauchtherapie ein.

Zu den möglichen unerwünschten Nebenwirkungen zählten in dieser kleinen Studie Geruchsbildung und Hautausschlag. Die Wissenschaftler merken an, dass weitere Informationen über die möglichen Nebenwirkungen von Knoblauch benötigt werden.

Quelle:

http://www.cochrane.org/de/CD006206/knoblauch-gegen-grippale-infekte

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD006206.pub4/abstract;jsessionid=8F284CF01EF34947272F580DC88820DB.f03t04

 

Kommentar & Ergänzung:

Mich hat überrascht, dass die Cochrane-Collaboration eine Metaanalyse macht zur Wirksamkeit von Knoblauch gegen Erkältungen. Knoblauch-Forschung dreht sich meistens um Themen im Bereich Herz-Kreislauf – Stichwort Bluthochdruck, Cholesterinspiegel, Verbesserung der Blutfliesseigenschaften. Traditionell wird Knoblauch zwar schon seit langen bei Infektionskrankheiten eingesetzt – früher sogar bei Pestepidemien. Die Forschung in diesem Bereich beschränkt sich aber meistens auf Experimente im Labor, bei denen sich immer wieder interessante antimikrobielle Wirkungen von Knoblauch zeigen. Kontrollierte Studien an Menschen, die solche Wirkungen quasi auch im lebenden Biotop zeigen, sind aber selten (und viel aufwendiger).

Immerhin hat die Cochrane-Forschergruppe acht Studien zu dieser Frage gefunden.

Die Cochrane-Collaboration versucht solche Fragen mit Metastudien zu klären. Dazu werden alle Studien zu einer bestimmten Fragestellung ausgewertet, die vorgängig festgelegten Qualitätskriterien genügen. Das Resultat der Metastudie soll verlässlicher sein als Einzelstudien, bei denen immer mit irgendwelchen Verzerrungen zu rechnen ist.

Dumm natürlich nur, wenn von den acht gefundenen Knoblauchstudien nur eine den Qualitätskriterien genügt. Mit einer Studie allein lässt sich keine Metastudie machen.

Aber immerhin: Diese eine Studie schätzen die Forscher von der Qualität her nicht allzu schlecht ein. Und die Ergebnisse sind durchaus bemerkenswert. Nötig wäre nun eine zweite qualitativ gute Studie, die das Ergebnis bestätigt.

Die Forscher sprechen im übrigen mit der fraglichen Verblindung ein Problem an, das wohl alle Knoblauchstudien betrifft. Verblindung ist ein Kernpunkt aller kontrollierten Studien: Die Probanden dürfen nicht wissen, ob sie zur Placebogruppe gehören oder das zu testende Mittel (Verum) bekommen. Gute Studien werden sogar doppelt verblindet: Auch die beteiligten Ärzte dürfen nicht wissen, ob sie in der Studie einem bestimmten Patienten Placebo oder Verum verabreichen.

Funktioniert die Verblindung nicht, kann das Ergebnis deutlich verfälscht werden.

Wird Knoblauch in einer wirksamen Dosis verabreicht, merken das aber in der Regel sowohl die Testpersonen als auch die beteiligten Ärzte am Geruch.

Die mangelhafte Verblindung kann man in diesem Fall jedenfalls nicht den Forschern zum Vorwurf machen. Sie liegt quasi in der Materie begründet.

Die in der Studie untersuchte Knoblauchtablette enthielt übriges 180 mg Allicin (= Knoblauchwirkstoff) und wurde einmal täglich eingenommen. Frische, unverletzte Knoblauchzwiebeln enthalten 0,5 bis 1,3% Allicin. Dreisatz….

100 g Knoblauch enthalten 500 mg bis 1300 mg Allicin.

Wieviel frischen Knoblauch braucht es, um 180 mg Allicin zuzuführen?

Nach meiner Rechnung: 36 g (bei Gehalt 0.5 %) bis 14 g (bei Gehalt 1,3%).

Das ist ja nicht gerade wenig und könnte möglicherweise soziale Nebenwirkungen verursachen……

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Internationale Fledermausnacht (Batnight 2016)

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Am 27. / 28. August 2016 findet zum 20. Mal die Internationale Fledermausnacht statt.

Als nachtaktive Tiere lassen sich Fledermäuse nicht so einfach beobachten und darum ist das Wissen über diese faszinierenden Lebewesen in der Bevölkerung gering.

Die Internationale Fledermausnacht will die Tiere bekannter machen und für ihren Schutz werben.

Fledermäuse sind vor allem bedroht durch Pestizide, Windräder und Lichtverschmutzung.

Hier gibt’s einen Artikel zur Internationalen Fledermausnacht auf n-tv.de.

Weitere Infos:

Eurobats – Übereinkommen zum Schutz der Europäischen Fledermäuse (englisch)

NABU Deutschland zur Batnight 2016

Stiftung Fledermausschutz Schweiz zur Batnight 2016

Kommentar & Ergänzung:

Den Fledermäusen als Nachttieren wurde oft etwas Unheimliches, Teuflisches. Dämonisches zugeschrieben. Sie wurden früher aber auch in der Heilkunde verwendet. Beispiel:

„Hildegard von Bingen (1098 – 1179) behandelt in ihrem Naturkundebuch (Physica) auch Tiere (De animalibus), wobei ihr Interesse v. a. ihrer medizinischen Brauchbarkeit gilt. So verschreibt sie z. B. bei Gelbsucht eine lebende Fledermaus, die auf den Leib gebunden werden muss, bis sie tot ist….“

(Quelle: Peter Dinzelbacher, Mensch und Tier in der Geschichte Europas, Kröner 2000, S. 259).

Ein gutes Beispiel dafür, dass nicht alles, was traditionell als Heilmittel überliefert wurde, auch heute noch eins zu eins umgesetzt werden sollte…..

Siehe dazu:

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Erneut Vergiftungen durch Ayurveda-Medizin

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Der Skandal um mit Schwermetallen belastete Ayurveda-Medikamente zieht weitere Kreise: Bei zwei Ehepaaren aus Nordrhein-Westfalen sind erhöhte Arsen-, Blei- oder Quecksilberwerte festgestellt worden.

Die Vergiftungen seien erheblich, sagt Siddhartha Popat, ein Allgemeinmediziner aus dem rheinland-pfälzischen Sankt Katharinen, der die Patienten behandelt. Sie leiden an Magenkrämpfen, Durchfällen, Kopfschmerzen, Haarausfall und Vergesslichkeit.

Die Ehepaare hatten verschiedene Ayurveda-Medikamente verschrieben bekommen – im gleichen Kurhotel im Süden Sri Lankas wie eine Frau aus Hamburg, die fast an einer Quecksilbervergiftung gestorben wäre.

Einer der betroffenen Männer hat unterdessen bei der Staatsanwaltschaft in Aachen eine Strafanzeige gegen die deutsche Inhaberin des Kurhotels eingereicht. Diese soll eigenen Angaben zufolge inzwischen in Deutschland sein und habe Medikamentenproben an ein hiesiges Labor gegeben.

Inzwischen hat sich in einem anderen Ayurveda-Resort auf Sri Lanka eine weitere Deutsche vergiftet. Nach ihrer Rückkehr leide sie nun unter Gewichtsverlust, Müdigkeit und Leistungsabfall, meldete Tobias Meyer, Chefarzt der Nephrologie der Asklepios Klinik Barmbek in Hamburg. Die betroffene Frau schluckte demnach drei Wochen lang schwarze Ayurveda-Kügelchen – deren Quecksilbergehalt laut einer Analyse in Hamburg um das 2,31-Millionenfache über der erlaubten Norm liegt.

Quelle:

http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/ayurveda-zwei-deutsche-ehepaare-auf-sri-lanka-vergiftet-a-1054771.html

Kommentar & Ergänzung:

Über hohe Schwermetallgehalte in Ayurveda-Medikamenten und über daraus entstandene Vergiftungen haben Fachzeitschriften immer wieder berichtet. Dabei handelt es sich nicht einfach um Verunreinigungen. Vielen traditionellen Ayurveda-Präparaten werden absichtlich Schwermetalle beigefügt, weil dies für ihre Wirkung wichtig sein soll. Die pharmazeutische Qualität solcher Produkte ist zudem meist nicht oder nur ungenügend geprüft – insbesondere wenn sie über dubiose Quellen im Internet bezogen werden. Davon ist nachdrücklich abzuraten.

Tradition ist nicht immer gesund und hat nicht immer Recht.

Siehe auch:

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Bärentraube gegen Blasenentzündung

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In verschiedenen Medien wurde vor kurzem eine Pressemitteilung des Phytopharmaka-Herstellers Schaper & Brümmer veröffentlicht mit dem Titel: „Geheimwaffe aus der Natur: Bärentraube gegen Blasenentzündung“.

Über die martialische Sprache will ich mal hinwegsehen – und so geheim ist Bärentraube auch nicht, wenn sie schon – gemäss Pressemitteilung – seit dem Mittelalter gegen Blasenbeschwerden eingesetzt wird.

Jedenfalls sind Bärentraubenblätter zentral in phytotherapeutischen Behandlungskonzepten bei Blasenentzündung.

Schauen wir uns die wichtigsten Aussagen der Pressemitteilung daher genauer an (Zitate aus dem Pressetext und dazwischen Kommentare von mir):

„Die Arzneipflanze Bärentraube (Arctostaphylos Uvae-ursi) wird bereits seit dem Mittelalter erfolgreich bei Blasenbeschwerden angewendet. Heute wird ein Trockenextrakt aus den Blättern des immergrünen Zwergstrauchs in Arzneimitteln (wie in Cystinol akut® Dragées) zur Behandlung von akuten Blasenentzündungen eingesetzt.“

Kommentar:

Der erste Satz scheint mir schon ziemlich gewagt. Es fehlen schlichtweg konkrete Angaben, aus denen sich auf eine erfolgreiche Anwendung von Bärentrauben gegen Blasenbeschwerden im Mittelalter schliessen liesse. Wird seit dem Mittelalter erfolgreich angewendet, das tönt aber immer gut. Wenn ein Heilmittel über längere Zeit angewendet wird, heisst das noch nicht, dass es auch wirksam ist.

Siehe dazu:

Komplementärmedizin – hat Tradition Recht?

Beim zweiten Satz: Keine Einwände.

 

„Als wichtigster Inhaltsstoff gegen Harnwegsinfekte wurde in den 1950er Jahren das Arbutin identifiziert. Es liegt zunächst noch inaktiv vor und wird erst nach der Einnahme im menschlichen Organismus in seine aktive Wirkform verstoffwechselt. Das gebildete Hydrochinon wirkt antibakteriell und desinfizierend auf die Harnwege. Das Besondere dabei: Die letzte Stufe der Umwandlung in die wirksame Form (freies Hydrochinon) erfolgt erst innerhalb der Blase in den infektauslösenden Erregern (Bakterien), die sich dadurch regelrecht selbst vernichten. Dabei ist der pH-Wert des Urins für die Wirkung unbedeutend, da das Hydrochinon erst innerhalb der Bakterien freigesetzt wird – eine Ernährungsumstellung ist somit nicht erforderlich.“

Kommentar:

Am interessantesten ist hier der Hinweis, dass der pH-Wert des Urins für die Wirkung der Bärentraubenblätter unbedeutend ist. Über einige Jahrzehnte war nämlich in der Phytotherapie-Fachwelt die Ansicht gesetzt, dass Bärentraube nur im alkalischen Harn wirksam sei (pH 8+). Durch neuere Untersuchungen wird diese Ansicht stark angezweifelt. Es spricht jedenfalls einiges für die oben im Zitat formulierte Ansicht, dass der pH-Wert unbedeutend ist.

 

„Zusätzlich tragen die enthaltenen Gerbstoffe zur Wirksamkeit der Bärentraubenblätter bei. Sie verhindern, dass die Bakterien an der Blasenschleimhaut anhaften können. Beschwerden wie Schmerzen und Brennen beim Wasserlassen sowie häufiger Harndrang bessern sich zügig und die gereizte Blasenschleimhaut kann sich erholen.“

Kommentar:

Sehr unplausibel. Gerbstoffe werden kaum aus dem Verdauungstrakt resorbiert. Und bei den 10 – 15 % Gerbstoffen, die im Bärentraubenblatt 

enthalten sind, handelt es sich vorwiegend um Gallotannine, die in Säuren hydrolisiert und damit wohl schon im Magen gespalten werden. Gallotannine verbinden sich mit Proteinen (Eiweissen), und selbst wenn ein kleiner Teil der Gallotannine in den Körper aufgenommen werden sollte, beginnen sie damit nicht erst in der Blase. Der Weg der Gallotannine zur Blase ist quasi mit Eiweissen „gepflastert“. Die Gallotannine würden sich auf jedes Eiweissmoleküle „stürzen“, das ihnen über den Weg läuft. Unplausibel.

Die beschriebene Hemmung der Anhaftung von Bakterien an die Blasenschleimhaut erinnert an Cranberry. Dort wird ein solcher Wirkungsmechanismus aber mit oligomeren Proanthocyanidinen erklärt. Sie werden je nach Substanz unterschiedlich stark resorbiert, haben aber keine Gerbwirkung und sollten daher sinnvollerweise auch nicht als Gerbstoffe bezeichnet werden.

Keines der aktuellen und relevanten Phytotherapie-Fachbücher nennt als Inhaltsstoff von Bärentraubenblättern oligomere Procyanidine. Also immer noch unplausibel, dieser Abschnitt.

 

„Verglichen mit Tee aus Bärentraubenblättern, bei dem die Wirkstoffmenge starken Schwankungen unterliegt, ist in einem Arzneimittel (wie Cystinol akut®) in jeder Tablette exakt die gleiche Wirkstoffmenge, d. h. ein standardisierter Bärentraubenblätterextrakt, enthalten.“

Kommentar und Ergänzung:

Ja, es ist ein Vorteil standardisierter Pflanzenextrakte, dass die Wirkstoffmenge konstant und damit verlässlich ist. Das betrifft aber nur die Substanz, auf welche der Extrakt eingestellt wurde – hier Arbutin.

Allerdings relativiert sich dieser Vorteil, wenn man sich die Dosierungen genau anschaut.

Cystinol akut® enthält pro Dragée 70 mg Arbutin, das ergibt bei 6 Dragées pro Tag eine Tagesdosis von 420 mg Arbutin. Die Phytotherapie-Fachliteratur empfiehlt eine Tagesdosis von 400 – 840 mg Arbutin. Somit liegt Cystinol akut® am unteren Rand.

400 – 840 mg Arbutin ist etwa enthalten in 6 – 12 g getrocknete Bärentraubenblätter und das entspricht 4 Tassen Bärentraubenblättertee pro Tag.

Rein rechnerisch gesehen dürfte es also gut möglich sein, mit Bärentraubentee mehr Arbutin zuzuführen als mit Cystinol akut®. Ein grosser Vorteil der Cystinol-Dragees ist allerdings, dass sie viel angenehmer einzunehmen sind. Bärentraubenblättertee ist geschmacklich doch eher eine Zumutung.

Generell lässt sich festhalten: Pflanzenextrakte sind bezüglich Wirkstoffmenge den Kräutertees manchmal überlegen, manchmal aber auch nicht.

Man muss im Einzelfall entscheiden, welche Anwendungsform bei einer bestimmten Arzneipflanze am sinnvollsten ist.

 

Zum Bärentraubenblatt bei Blasenentzündung noch kurz:

– Die Dosierung muss hoch genug sein (siehe oben).

– Die Anwendung ist auf 7 Tage zu beschränken.

– Nicht während Schwangerschaft und Stillzeit, weil noch keine Untersuchungen zur Unbedenklichkeit vorliegen.

– Treten im Laufe der Behandlung Symptome wie Fieber, Harnverhalten, Krämpfe oder Blut im Urin auf, muss ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden, ebenso, wenn die Symptome länger als 4 Tage andauern.

– Kaltauszug vorziehen (bessere Verträglichkeit im Magen, geschmacklich bessr).

 

Neben Bärentraubenblatt/ Arbutin ist bei akuter Blasenentzündung auch noch an Senfölglykoside (Glukosinolate) zu denken, die vor allem via Meerrettichwurzel oder Kapuzinerkressenkraut zur Anwendung kommen.

Siehe dazu:

Phytotherapie: Meerrettich als Heilpflanze bei Husten und Blasenentzündung

Kapuzinerkresse: Breitbandantibiotikum aus der Natur 

Meerrettich: Breitbandantibiotikum aus der Natur

Phytotherapie bei Harnwegsinfekten

Vorbeugend:

D-Mannose schützt vor Harnwegsinfekt

Quelle der Zitate:

http://www.apotheke-adhoc.de/branchennews/alle-branchennews/branchennews-detail/baerentraube-gegen-blasenentzuendung/

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Heilpflanzenexkursionen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

 

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Medikamente – weder alt noch neu garantieren Wirksamkeit

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„Testing Treatements“ fordert „Faire Tests für medizinische Therapien“ und schreibt:

„Naturgemäß neigen wir zu der Auffassung, dass «neu» – wie in der Waschmittelwerbung – immer mit «besser» gleichgesetzt wird. Doch wenn man neue Therapien fair bewertet, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie schlechter abschneiden als bereits bestehende Behandlungen, ebenso hoch wie die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich als besser erweisen. Ebenso natürlich ist unsere Neigung, etwas für sicher und wirksam zu halten, nur weil wir es schon lange kennen. Doch in der Medizin gibt es unzählige Beispiele dafür, dass Therapien aus Gewohnheit oder fester Überzeugung angewendet werden und nicht, weil ihre Wirksamkeit durch verlässliche Hinweise aus klinischen Studien (Evidenz) belegt ist: Therapien, die oftmals gar nicht helfen und manchmal sogar erheblichen Schaden anrichten.“

Quelle:

http://de.testingtreatments.org/tt-main-text/1-neu-aber-auch-besser/warum-wir-faire-tests-von-medizinischen-therapien-brauchen/

 

Kommentar & Ergänzung:

 

Das gilt für die Medizin genauso wie für das noch unübersichtlichere Gebiet, welches als Komplementärmedizin bzw. Alternativmedizin bezeichnet wird.

„Klassische“ Pharmafirmen verändern manchmal alte Arzneimittel, deren Patent abgelaufen ist, um eine Kleinigkeit, um sie dann neu patentiert als Innovation weiterhin auf hohem Preisniveau verkaufen zu können. Nicht immer ist das so geschaffene neue Produkt im Vergleich zum alten wirklich so deutlich besser, wie die Marketingabteilung es verkündet.

Aber auch in Komplementärmedizin / Alternativmedizin gibt es den „Novitäts-Bonus“ – er kommt beispielsweise als „Exotenbonus“ daher. Was von weit her kommt, von Indio-Stämmen aus den Anden oder von Regenwald-Bewohnern aus dem Amazonas – das muss besonders wirksam sein, jedenfalls solange es für uns neu ist.

Sehr oft berufen sich Komplementärmedizin bzw. Alternativmedizin auf langjährige Traditionen. Aber auch Tradition hat nicht immer Recht. Tradition irrt auch immer wieder.

Siehe:

Komplementärmedizin – hat Tradition Recht? 

Daraus kann man meines Erachtens nur die Schluss ziehen, weder „Altem“ noch „Neuem“ blind zu vertrauten.

Die sehr informative Website „Testing Treatements“ zeigt auf, wie die Wirksamkeit von Therapien und Medikamenten überprüft werden kann – und wodurch sich qualitativ gute Studien von schlecht gemachen Studien unterscheiden.

Genauso wichtig scheint mir aber, dass Konsumentinnen und Konsumenten sich darin üben, Heilungsversprechungen mit kritischen Fragen auf ihre Substanz hin abzuklopfen.

Und das gibt selbstverständlich für Medizin, Komplementärmedizin, Alternativmedizin, Naturheilkunde oder was auch immer…

Siehe auch:

Komplementärmedizin – Naturheilkunde – Pflanzenheilkunde – Nachfragen statt blind glauben 

Komplementärmedizin- woran erkennen Sie fragwürdige Aussagen? 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Hildegard-Medizin – eine Erfindung des 20. Jahrhunderts

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Der „Volksfreund“ berichtete über einen Vortrag des Bonner Theologen und Botanikers Dr. Hermann Josef Roth mit dem Thema „Klostermedizin von Hildegard bis heute: Rheinischer Beitrag – Kritische Würdigung“. Die Pflege der Kranken habe im Mittelalter zu den wichtigen Tätigkeiten im Kloster gehört. Schon die Ordensregel des heiligen Benedikt von Nursia, des Vaters des europäischen Mönchtums, habe einen Abt oder eine Äbtissin zum Dienst an den Kranken und Schwachen verpflichtet. Daher seien die Klöster nicht nur wichtige Orte der Kulturtradition, der Forschung und Lehre, sondern auch der Ursprung einer „ganzheitlichen Medizin“ gewesen.

Diesen Behandlungsansatz setzten die Nonnen und Mönche mit eigenen Krankenhäusern und der Herstellung von Arzneien aus Heilpflanzen um. Die heilige Hildegard von Bingen kannte, schätzte und förderte gemäss Hermann Josef Roth umsichtig diese „echte Klostermedizin“ in Eibingen und auf dem Rupertsberg. Hildegard habe ein Herz für Kranke und Schwache gehabt, weil sie selbst auf ärztliche Hilfe angewiesen war. Medizinische Schriften wie die „Physica“ habe sie wohl kaum selbst verfasst; sie seien ihr zugeschrieben worden, sagte Roth.

Die sogenannte „Hildegard-Medizin“, die heute sehr populär ist und zahlreiche „Hildegard-Produkte“ vermarktet, ist laut Roth eine Erfindung des 20. Jahrhunderts und steht in keiner Verbindung zur historischen Hildegard.

Quelle:

http://www.volksfreund.de/nachrichten/region/trier/Kurz-Die-Klostermedizin-im-Wandel-der-Zeit;art777,3672661

Kommentar & Ergänzung:

Das scheint auf den ersten Blick vielleicht ein gar hartes Urteil über die „Hildegard-Medizin“ zu sein. Hermann Josef Roth weiss aber, wovon er spricht, wenn es um die Klostermedizin geht. Er ist nicht nur Theologe und Botaniker, sondern darüber hinaus auch Zisterzienserpater und Ordenshistoriker. Zudem gehört er zum erweiterten Kreis der Forschergruppe Klostermedizin an der Universität Würzburg.

Klar ist: Diese Kritik richtet sich nicht gegen Hildegard von Bingen, die eine faszinierende Persönlichkeit war und ein eindrückliches Werk hinterlassen hat.

Fragwürdig ist einfach, wenn aus der Geschichte der Heilkunde einfach das herausgepickt wird, was einem gerade in den Kram passt. Tradition darf nicht einfach als Steinbruch missbraucht werden, um gegenwärtige Phantasien und Bedürfnisse zu befriedigen.

Die Tradition ist ganz besonders auch für die Pflanzenheilkunde eine wichtige Quelle. Aber es braucht eine kritische Auseinandersetzung mit der Tradition.

Siehe dazu:

Komplementärmedizin –  hat Tradition Recht?

Wer sich mit der traditionellen Pflanzenheilkunde befasst, sollte meines Erachtens auch danach streben, den jeweiligen geschichtlichen Kontext zu verstehen. Man kann nicht einfach ein Zitat von Hildegard von Bingen quasi wie mit dem Wordprogramm im Mittelalter „ausschneiden“, und dann im Jahr 2013 isoliert und kontexlos „einfügen“. Für das Verständnis eines Zitates ist ein Verständnis des Welt- und Menschenbildes nötig, auf dem die Klostermedizin basiert.

Die Forschergruppe Klostermedizin an der Universität Würzburg befasst sich vorbildlich mit diesen medizingeschichtlichen Fragen.

Siehe: http://www.klostermedizin.de

Die „Hildegard-Medizin“ dagegen benutzt (oder vielleicht gar: missbraucht) Hildegard um ein eigenes Konstrukt zu bauen. Dieses Konstrukt hat mehr mit den Erbauerinnen und Erbauern des Konstrukts zu tun als mit Hildegard.

Zur Hildegard-Medizin siehe auch:

Hildegard-Medizin

Die Vermarktung der Hildegard von Bingen

Aderlass & Hildegard-Medizin

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Vortrag Zürich: Wie Akupunktur in China verboten und im Westen neu erfunden wurde

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Referent: Dr. med. Hanjo Lehmann

Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) hat in den letzten Jahren in Mitteleuropa stark an Bedeutung gewonnen. Eher marginal geblieben ist aber das Verständnis für die Geschichte der Traditionellen Chinesichen Medizin und ihren Transfer in den Westen. In diesem Vortrag geht es um die Geschichte der Akupunktur – eines Teilbereichs der TCM.

Die Akupunktur hat die traditionelle chinesische Medizin (TCM) im Westen bekannt gemacht. Darum glaubt man bei uns, dass sie stets im Zentrum der TCM stand hat. Das ist jedoch ein Irrtum. Tatsächlich war die Akupunktur in China klinisch stets nebensächlich. Kaum eine Handvoll der ca. 400 Kaiser in Chinas Geschichte wurde jemals mit Akupunktur therapiert. 1822 wurde die Akupunktur am Kaiserhof gar “für alle Zeiten” verboten. Ihre Wiederbelebung nach dem Jahr 1954 – mit anatomisch definierten Punkten, dünnen sterilen Stahlnadeln und Hautdesinfektion – war keine Fortsetzung alter Tradition, sondern in Wirklichkeit eine Neuerfindung.

Die größte Zeit der Akupunktur war deshalb nicht die Jin- oder Yuan-Dynastie, sondern ist die Gegenwart.

Dr. med Hanjo Lehmann lernte 1980-1985 an der Tongji-Universität in Shanghai Chinesisch und Akupunktur, eröffnete 1986 eine Akupunkturpraxis, dann Medizinstudium an der FU Berlin und ärztliche Approbation. Er hat eine ganze Reihe von Publikationen veröffentlicht zur Akupunktur.

Datum: 28. Oktober 2013

Ort: Literaturhaus Zürich, Limmatquai 62, 8001 Zürich, Debattierzimmer

Zeit: 18:30 Uhr Türöffnung / 19:00 Uhr Beginn

Eintritt: 10.- CHF / 5.- CHF

Quelle: www.skeptiker.ch

Kommentar & Ergänzung:

Ich selber kenne mich nicht aus mit Akupunktur. Ich befasse mich aber seit vielen Jahren  mit den Unterschieden zwischen westlichem und chinesischem Denken – unter anderem mit den Schriften von François Jullien und mit Studienreisen in verschiedene Regionen Chinas.

Mich erstaunt immer wieder, wie klein das Wissen und das Interesse für die kulturellen und historischen Hintergründe  der Traditionellen Chinesischen Medizin bei vielen Menschen ist, die TCM im Westen anbieten oder konsumieren.  Solches Hintergrundwissen scheint mir unverzichtbar, wenn man eine Methode einordnen will.

Der Vortrag von Hanjo Lehmann dürfte hier wohl  wertvolle Informationen liefern.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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