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Bullshit zu Aromapflege und Aromatherapie

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Bullshit redet, wer wohlklingende Worte äussert, die nichts aussagen. Ein Beispiel für solchen Bullshit sind meines Erachtens folgende Sätze über Aromapflege und Aromatherapie:

„Aromapflege und Aromatherapie folgen den Prinzipien der Naturheilkunde. Sie wollen die Lebenskraft und Selbstheilungskräfte des Menschen wecken und stärken. Die ätherischen Öle haben tiefe Wirkungen auf unser psychisches Gleichgewicht. Sie bewirken eine seelische Umstimmung, regulieren aus der Balance Geratenes und entziehen einer Krankheit den eigentlichen Nährboden. Sie wirken gleichermaßen auf den Körper und die Seele, also im ganzheitlichen Sinne.“

Quelle:

http://www.springermedizin.at/fachbereiche-a-z/i-o/komplementaermedizin/?full=50130

Kommentar und Ergänzung:

Hier werden wohlklingende Begriffe aneinandergereiht, die kaum irgendwelche konkreten Inhalte haben.

⇒ Die „Prinzipien der Naturheilkunde“ sind nicht so klar definiert, wie das hier aussieht. Der Autor müsste konkrete Beispiele bringen um zu illustrieren, was genau er damit meint. Aber wenn man konkret wird, stösst man schnell an Grenzen oder verwickelt sich in Widersprüche. Bleibt man schön im wohlklingenden Allgemeinen, lässt sich diese Schwierigkeit vermeiden.

„Lebenskraft“ ist ein schillernder Begriff, der spontan oft klar und einleuchtend klingt, aber sofort schwierig wird, wenn man genau erklären soll, was damit gemeint ist.

Wikipedia schreibt dazu:

„Der Begriff Lebenskraft war in seiner Entstehungszeit sehr populär und wurde oft auch wenig spezifisch gebraucht, als weit verbreiteter Platzhalterbegriff für unverstandene körperliche Vorgänge……

Die Vorstellung einer Lebenskraft wurde als Gesundheits- und Krankheitskonzeption von Christoph Wilhelm Hufeland Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts differenziert beschrieben…..

Hufeland sah als Grundursache aller Lebensvorgänge und als Selbsterhaltungsprinzip des Organismus eine allgemeine Lebenskraft mit weiteren Teilkräften:

  • eine erhaltende Kraft,
  • eine regenerierende und neubildende Kraft,
  • eine besondere Lebenskraft des Blutes,
  • eine Nervenkraft,
  • eine Kraft, die eine allgemeine Reizfähigkeit des Körpers bewirke, sowie
  • eine Kraft, die eine spezifische Reizfähigkeit des Körpers bewirke.

Krankheit sei eine Beeinträchtigung der Lebenskraft beziehungsweise der Lebenskräfte durch krankmachende Reize. Sichtbare Zeichen der Krankheit seien Heilreaktionen der Lebenskraft auf solche Krankheitsreize. Die Heilkraft der Natur (vis medicatrix naturae) und die Lebenskraft seien wesensgleich, wenn nicht identisch. Jedes therapeutische Handeln des Arztes wie auch jede Selbstbehandlung durch den Patienten solle die individuelle Lebenskraft unterstützen. Insgesamt habe sich das ärztliche Handeln am Prinzip des contraria contrariis zu orientieren. Dabei empfahl Hufeland neben der vorsichtigen Anwendung von Medikamenten die Beachtung diätetischer Regeln und physikalische Therapien (zum Beispiel als Wasseranwendungen).

Auf Hufelands Konzept gehen Impulse für die Entwicklung der Naturheilkunde im 19. Jahrhundert zurück.“

⇒  Die „Selbstheilungskräfte des Menschen wecken und stärken“ tönt auch immer gut. Die Selbstheilung des Menschen ist faszinierend. Daran wirken aber tausende von Vorgängen im Organismus mit, die sich je nach Krankheit beträchtlich unterscheiden können. Die Selbstheilungskräfte als feststehende Grösse wird es daher kaum geben. Auch hier wären detaillierte Angaben vorzuziehen. Welche Prozesse beeinflusst das ätherische Öl genau und wie? Aber auch hier gilt: Sobald man genaue Aussagen macht, können diese auch in Frage gestellt, kritisiert und widerlegt werden. „Die Selbstheilungskräfte“ dagegen bieten keine Angriffsfläche für konkrete Einwände.

 „Die ätherischen Öle haben tiefe Wirkungen auf unser psychisches Gleichgewicht.“ – „Tief“ tönt immer gut. Aber was heisst „tief“ genau in diesem Zusammenhang? Eingreifend? Tief eingreifend in die Psyche? Könnte das, wenn es stimmt, nicht gefährlich werden? Oder ist nur immer und ausschliesslich eine positive Wirkung zu erwarten im Sinne einer Förderung des Gleichgewichts. Ist das nicht etwas gar viel Wunschdenken?

 „Sie bewirken eine seelische Umstimmung…“  Wenn das stimmt, kann das nicht auch schiefgehen? Oder muss ich mir das einfach immer positiv vorstellen? In Sinne von: Das ätherische Öl weiss schon, was es machen muss? Ist das nicht allzu schön um plausibel zu sein?

„…regulieren aus der Balance Geratenes…“ Da haben wir sie wieder, die umfassende Regulation. Damit kann man nie schiefliegen.

 „…und entziehen einer Krankheit den eigentlichen Nährboden.“    Das ist eine sehr weitreichende Versprechung. Wie machen die ätherischen Öle das und was sollen wir verstehen unter dem „eigentlichen Nährboden“ einer Krankheit: Auch hier: Wer nicht konkret wird, versteckt sich vor möglichen konkreten Einwänden.

„Sie wirken gleichermaßen auf den Körper und die Seele, also im ganzheitlichen Sinne.“ Das tönt immer gut, sagt aber auch nichts Konkretes aus.

Diese Kritik richtet sich nicht generell gegen Aromatherapie und Aromapflege. Ätherische Öle sind im vielen Bereichen interessante und wirksame Heilmittel. Es ist allerdings nicht das erste Mal, dass ich in Texten über Aromatherapie und Aromapflege auf derartigen Worthülsen treffe.

Das ist meines Erachtens immer ein Anlass für genaues, kritisches Nachfragen, auch wenn es um andere Bereiche als Aromapflege und Aromatherapie geht – zum Beispiel um Texte in der Pflanzenheilkunde.

Vorgänge und Begriffe möglichst genau zu beschreiben ist eine Grundvoraussetzung guter Kommunikation und fachlicher Auseinandersetzung. Mit schwammigen Begriffen wie sie das oben aufgeführte Zitat enthält, redet man weitgehend aneinander vorbei. Das gilt auch für Vorträge, Kurse und Ausbildungen. Haken Sie nach, wenn Sie in Lehrveranstaltungen mit wohlklingenden, aber schwammigen Begriffen „gefüttert“ werden.

Wer leere Worthülsen einfach schluckt, weil sie so gut tönend daherkommen, lässt sich einlullen oder lullt sich selber ein. Wer dagegen genau nachfragt, klärt die Begriffe so weit es geht und bekommt dadurch einen stabileren Stand in der Welt.

Der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt hat übrigens ein lesenswertes Büchlein geschrieben mit dem Titel „Bullshit“ (Suhrkamp Verlag).

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

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GlaxoSmithKline will transparenter mit Studien umgehen

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Der britische Pharmakonzern GlaxoSmithKline will in Zukunft offener mit eigenen Studien umgehen. In einer Pressemeldung teilte das Unternehmen mit, dass Berichte zu klinischen Studien für bereits zugelassene Arzneimittel öffentlich zugänglich gemacht werden sollen.

Beate Wieseler, Leiterin des Ressorts Arzneimittel am Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQwig) bezeichnete diese Ankündigung in der «Süddeutschen Zeitung» als ganz wesentlichen Schritt. Es zeigte was alles möglich sei. Andere Unternehmen werden begründen müssen, warum sie weniger transparent sind, sagte Wieseler.

Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz von der Goethe-Universität, Frankfurt am Main, forderte kürzlich am Pharmacon-Kongress in Davos den Hersteller Roche auf, endlich Studiendaten zum Grippemittel Oseltamivir (Tamiflu®) zu publizieren. In diesem Zusammenhang hatte das britische Ärzteblatt «British Medical Journal» (BMJ) schon im November des vergangenen Jahres als erste große Fachzeitschrift angekündigt, klinische Studien zu Arzneimitteln und Medizinprodukten nur noch dann zu veröffentlichen, wenn die Autoren unabhängigen Wissenschaftlern Einsicht in die Rohdaten ermöglichen würden.

GlaxoSmithKline hatte bereits im Oktober des vergangenen Jahres angekündigt, bei «vernünftiger wissenschaftlicher Fragestellung» anonymisierte Patientendaten seiner klinischen Studien zur Verfügung zu stellen. Nun will der Konzern offenbar noch transparenter vorgehen.

Die «Süddeutsche Zeitung» wies jedoch darauf hin, dass auch diese Ankündigung noch einigen Einschränkungen unterliegt. GlaxoSmithKline  wolle die Informationen nur preisgeben, wenn das getestete Medikament schon zugelassen sei oder die Entwicklung abgebrochen wurde. Darüber hinaus müssten die Studien vorgängig in einer Fachzeitschrift publiziert worden sein.

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=nachrichten&Nachricht_ID=45173&Nachricht_Title=Nachrichten_GSK%3A+Weniger+Geheimnisse+um+Studien&type=0

Kommentar & Ergänzung:

Falls den Worten Taten folgen, ist dieser Schritt von GlaxoSmithKline sehr begrüssenswert, wenn auch noch nicht ausreichend.

Unvollständige und selektive Publikation von Studiendaten ist ein verbreitetes Problem bei Pharmastudien. Diese Praxis ist nicht nur fragwürdig, sondern zutiefst unwissenschaftlich.

Prägnant formulierte der amerikanische Philosoph John Dewey (1859-1952) „das erste Erfordernis des wissenschaftlichen Verfahrens – nämlich volle Öffentlichkeit der Materialien und Prozesse“.

(in: Erfahrung, Erkenntnis und Wert, S. 314, Suhrkamp 2004).

Gegen diesen Grundsatz verstösst die Datenverheimlichung fundamental. Die Öffentlichkeit darf solch täuschende und irreführende Geheimniskrämereien nicht hinnehmen.

Siehe auch:

Boykottaufruf gegen Roche wegen Tamiflu-Datenverheimlichung

Tamiflu® – Roche verheimlicht weiterhin Studiendaten

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Boykottaufruf gegen Roche wegen Tamiflu-Datenverheimlichung

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In einem diese Woche publik gemachten Brief fordert Peter Gøtzsche, der Leiter des angesehenen Nordischen Cochrane-Zentrums in Kopenhagen, dass die Regierungen der europäischen Länder den Pharmahersteller Roche verklagen und dass generell alle Produkte des Unternehmens boykottiert werden sollten – so lange, bis Roche fehlende Daten zu seinem Grippemittel Tamiflu (Oseltamivir) öffentlich macht.

Vor kurzem hatte auch die Chefredakteurin des „British Medical Journal“ (BMJ) in einem offenen Brief von Roche gefordert, die Studiendaten zum Grippemittel Tamiflu® endlich offenzulegen.

Siehe:

Tamiflu® – Roche verheimlicht weiterhin Studiendaten

Mit reichlich Verzögerung hat Roche nun darauf reagiert, aber kaum Neues gesagt.

In einer öffentlichen Stellungnahme des Pharmakonzerns heißt es, Roche akzeptiere den Vorwurf der mangelnden Transparenz nicht. Das Unternehmen halte sich an alle gesetzlichen Vorgaben hinsichtlich der Publikation von Daten.

Man habe die Cochrane-Gruppe mit 3.200 Seiten Informationen ausgestattet, um ihre Fragen zu beantworten. Ein weiterer Antrag auf Auskunft sei jedoch verweigert worden, weil die Wissenschaftler es abgelehnt hätten, eine Vertraulichkeitserklärung zu unterzeichnen. Darüber hinaus behauptet Roche, den nationalen Gesundheitsbehörden vollständige klinische Daten zur Verfügung gestellt zu haben.

Die Cochrane-Wissenschaftler wiederum halten fest, ihnen sei eine solche Vertraulichkeitsvereinbarung nie angeboten worden. Darüber hinaus habe die Europäische Arzneimittel-Agentur ihnen bestätigt, dass ihr einige Module der Studien fehlten.

Quellen:

Tages-Anzeiger, 15. November 2012

http://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/pharmazie/news/2012/11/12/roche-reagiert-aber-liefert-keine-daten/8749.html

Kommentar & Ergänzung:

Natürlich können Aussenstehende nicht überprüfen, ob Roche relevante Daten zu Tamiflu-Studien zurückhält. Es liegt aber nicht an Roche zu entscheiden, ob die Cochrane-Forscher alle Daten haben, die sie benötigen. Und im Grunde ist es völlig ungehörig von Roche,  wenn der Konzern von den Wissenschaftlern eine Vertraulichkeitserklärung verlangt. Wissenschaft ist dazu da, dass die Ergebnisse publiziert werden.

Ich kann mich nur wiederholen:

Der amerikanische Philosoph John Dewey (1859-1952) formulierte sehr prägnant „das erste Erfordernis des wissenschaftlichen Verfahrens – nämlich volle Öffentlichkeit der Materialien und Prozesse“.

(in: Erfahrung, Erkenntnis und Wert, S. 314, Suhrkamp 2004)

Ein Pharmakonzern, welcher derart grosse Summen mit staatlichen Gesundheitsinstitutionen verdient, ist der Öffentlichkeit verpflichtet. Kommt er dieser Transparenzforderung nicht nach, ist Boykott durch Behörden, Apotheken, Konsumentinnen und Konsumenten eigentlich nur eine folgerichtige Konsequenz.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Tamiflu®: Roche verheimlicht weiterhin Studiendaten

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Die Chefredakteurin der medizinischen Fachzeitschrift „British Medical Journal“ (BMJ), Fiona Godlee, hat in einer Mail den Roche-Vorstand dazu aufgerufen, die Studiendaten zum Grippemittel Oseltamivir (Tamiflu®) offenzulegen. Sie unterstützt damit die langjährige Forderung von Cochrane-Wissenschaftlern, Transparency International Deutschland und inzwischen auch Überwachungsbehörden nach mehr Transparenz.

Seit Jahren fordern Cochrane-Wissenschaftler um Tom Jefferson von Roche vor allem die Offenlegung von Daten aus acht klinischen Studien, die die Überlegenheit von Oseltamivir gegenüber Placebo gezeigt haben sollen. Aus Sicht des Pharmakonzerns haben die Cochrane-Autoren alle Daten, die sie brauchen, bekommen. Die Forscher werfen Roche hingegen vor, die Daten aus der Metaanalyse und weitere Daten gezielt zurückzuhalten.

Godlee schreibt in ihrer Mail, Tamiflu® sei ein enormer kommerzieller Erfolg für Roche. Öffentliche Gelder dafür seien in Milliardenhöhe ausgegeben worden und trotzdem bleibe der Beleg für die Wirksamkeit und Sicherheit bis heute verborgen.

Allerdings scheint es seitens Roche keine Bereitschaft zu geben, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Jedenfalls wartet die Chefredaktorin offenbar immer noch auf eine Antwort des Konzerns.

Quelle: http://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/pharmazie/news/2012/10/30/skeptiker-lassen-nicht-locker/8631.html

Kommentar & Ergänzung:

Tom Jefferson kritisierte schon im Dezember 2009, dass der Tamiflu-Hersteller Roche nicht alle Studiendaten veröffentlicht habe. Das birgt die Gefahr, dass Studienresultate falsch dargestellt und interpretiert werden können, dass sie also „geschönt“ werden. Auf ein Angebot von Roche – Zugang zu den Daten gegen Zusicherung  von Stillschweigen – ging die Cochrane Collaboration verständlicherweise nicht ein.

Und es kann nicht in der Entscheidungskompetenz von Roche liegen, ob die Cochrane-Forscher alle Daten haben, die sie brauchen. Vertrauen kann Roche nur gewinnen, wenn die Firma ohne wenn und aber alle Daten publiziert. Die Geheimniskrämerei nährt nur den Verdacht, dass Roche etwas zu verstecken hat.

Die Wissenschaftsgemeinschaft darf hier nicht locker lassen, sonst definieren Konzerne, was Wissenschaft ist. Die Unabhängigkeit der Wissenschaft von den Pharmakonzernen ist zu verteidigen und zu stärken.

Der amerikanische Philosoph John Dewey (1859-1952) formulierte sehr prägnant „das erste Erfordernis des wissenschaftlichen Verfahrens – nämlich volle Öffentlichkeit der Materialien und Prozesse“.

(in: Erfahrung, Erkenntnis und Wert, S. 314, Suhrkamp 2004)

Trifft die Kritik von Tom Jefferson und nun auch von Fiona Godlee und vielen anderen Fachleuten und Fachgremien zu, dass Roche die Studiendaten zu Tamiflu nicht vollständig offengelegt hat und sich vollständiger Transparenz verweigert, so verabschiedet sich der Konzern an diesem Punkt aus dem wissenschaftlichen Prozess.

Konsequenterweise müsste dann Tamiflu zu jenen Bereichen der Komplementärmedizin gerechnet werden, die sich ebenfalls einer fundierten Überprüfung durch Doppelblind-Studien entziehen wollen – beispielsweise mit dem fragwürdigen Argument, „individuelle“ Therapien könnten nicht mit Doppelblind-Studien überprüft werden.

Allerdings wäre eine Umteilung von Tamiflu in den Bereich Komplementärmedizin auch nicht zielführend. Da Präparate aus Homöopathie und Anthroposophischer Medizin vom Wirksamkeitsnachweis durch Doppelblind-Studien schon zum vorneherein pauschal befreit sind, würde es die Diskussion, wie sie jetzt um Tamiflu geführt wird, so dann auch nicht mehr geben.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Esowatch ist neu Psiram

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Das Internetportal Esowatch hat einen neuen Namen und eine neue Internetadresse: http://psiram.com/

Esowatch / Psiram befasst sich kritisch mit fragwürdigen Methoden und Produkten aus Alternativmedizin / Komplementärmedizin / Esoterik.

Esowatch / Psiram wurde und wird stark angefeindet aus Kreisen, die von dem Portal kritisiert werden.

Ein Kritikpunkt an Esowatch / Psiram ist, dass die Betreiber und Autoren der Plattform anonym bleiben. Die Plattform bemüht sich aber sehr, ihre Kritik mit Quellenangaben zu belegen und mit Argumenten zu begründen.

Die Anonymität wird von den Betreibern mit den Anfeindungen begründet, die kritische Stellungnahmen zu Themen aus Alternativmedizin und Esoterik oft auslösen.

Das kann ich gut nachvollziehen, weil ich selber gelegentlich kritische Fragen zu Methoden, Versprechungen und Produkten aus Alternativmedizin und Esoterik veröffentliche. Auch sachlich begründete Einwände werden von „Gläubigen“ dieser Szene oft mit persönlichen Diffamierungen und Hassmails beantwortet. Offenbar gibt es da eine grosse Zahl von Leuten, denen eine Auseinandersetzung um das bessere Argument fremd ist und die daher nur auf dieser Diffamierungsebene reagieren können.

Man soll und kann auch Stellungnahmen von Esowatch / Psiram kritisch in Frage stellen – aber mit Argumenten bitte.

Ich kann nicht genug betonen, dass ich eine kritische Stimme in diesen Bereichen für sehr wichtig erachte und deshalb das Projekt Esowatch / Psiram begrüsse.

Das Internet wird überflutet mit grossartigen Heilungs- und Heilsversprechungen.

Wer sich in diesem Bereich eine eigene Meinung bilden will ist darauf angewiesen, dass dazu auch kritische Argumente im Netz verfügbar sind. Nur so ist eine fundierte Meinungsbildung möglich. Wer die Veröffentlichung von Einwänden und kritischen Argumenten ablehnt, will keine fundierte Meinungsbildung durch Konsumentinnen und Konsumenten, sondern blinde Gläubigkeit und Anhängerschaft.

Es gibt im Bereich Komplementärmedizin /Alternativmedizin / Esoterik eine eindrückliche Menge an Missbrauch und Betrug – wobei die jeweiligen Akteure meist davon überzeugt sind, dass sie sich nur zum Wohle der Menschheit betätigen. Meinem Eindruck nach geht es daher eher selten um bewussten Betrug oder reine Geschäftemacherei. Es geht eher um Selbsttäuschung entlang eigener Bedürfnisse, um Grössenfantasien, um einen weitgehenden Verlust des Bezuges zur Wahrheit und um die exzessive Verwendung von leeren, wohltönenden Worthülsen. Aussagen gründen dann weder in der Überzeugung, dass sie wahr sind, noch in dem Glauben, dass sie falsch sind, wie es für eine Lüge erforderlich wäre. Der Philosoph Harry G. Frankfurt hat dieses Phänomen in seinem Bändchen mit dem Titel „Bullshit“ beschrieben:

„Gerade in dieser fehlenden Verbindung zur Wahrheit – in dieser Gleichgültigkeit gegenüber der Frage, wie Dinge wirklich sind – liegt meines Erachtens das Wesen des Bullshits.“ (Suhrkamp 2006)

Harry G. Frankfurt beschreibt „Bullshit“ auch als „heisse Luft“:

„Wenn wir Gerede als ‚heisse Luft’ charakterisieren, meinen wir damit, was da aus dem Mund des Sprechers kommt, sei nichts weiter als das. Es ist nur Dampf. Seine Rede ist leer, ohne Substanz und ohne Inhalt. Sein Gebrauch der Sprache trägt dementsprechend auch nichts zu dem Zweck, dem sie angeblich dient. In bezug auf den Informationsgehalt macht es keinen Unterschied, ob er etwas sagt oder einfach nur ausatmet. Es gibt übrigens gewisse Ähnlichkeiten zwischen heisser Luft und Exkrementen, die heisse Luft zu einem ausgesprochen brauchbaren äquivalent für Bullshit machen. Während heisse Luft ein von jeglichem Informationsgehalt entleertes Reden darstellt, sind Exkremente Stoffe, denen jeglicher Nährstoffgehalt entzogen worden ist.“

(Kursivsetzung im Original)

Im Bereich Komplementärmedizin / Alternativmedizin / Esoterik zeigt sich „heisse Luft“, wenn schwallweise wohlklingende, aufgeladene Worte wie „Energie“, „Schwingungen“ oder das „Wesen der Pflanzen“ verwendet werden, ohne dass ihr Inhalt bzw. ihre Bedeutung auch nur einigermassen geklärt ist.

Genaues Nachfragen lässt solche Worthülsen schnell platzen.

Es fehlt in diesen Bereichen jede Qualitätssicherung, die diesen Namen auch nur ansatzweise verdienen würde.

Bei Waschmitteln, Kosmetika, Reiseveranstaltern etc. gibt es einen kritischen Konsumentenschutz, der reelle von irreführenden Versprechungen zu unterscheiden trachtet und allfällige Kritik an Fragwürdigkeiten auch in die Öffentlichkeit trägt.

Im Bereich Komplementärmedizin / Alternativmedizin / Esoterik hat dagegen kritisches Nachhaken in der Öffentlichkeit absoluten Seltenheitswert. Verbreitet ist eine eigenartige Leichtgläubigkeit, die alles fraglos gut findet, was als  ganzheitlich, sanft und natürlich daher kommt und propagiert wird. Das ist populistischer Boulevard.

Ich halte diese „Faulheit des kritiklosen Für-wahr-Haltens“ (Ludwig Marcuse) unter anderem auch demokratiepolitisch für problematisch. Wenn die Fähigkeit, windige Versprechungen in Frage zu stellen verloren geht, dann ist das für eine demokratische Kultur verheerend.

Die Fähigkeit, glaubwürdige Aussagen von „heisser Luft“ zu unterscheiden, ist deshalb fundamental.

Siehe auch:

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

Komplementärmedizin – mehr Argumente, weniger fraglose Gläubigkeit

Naturheilkunde: Kritische Fragen unerwünscht?

Mehr Kontroverse in Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde

Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde – nachfragen statt blind glauben

Naturheilkunde: Selber denken statt blind glauben

Komplementärmedizin – woran erkennen Sie fragwürdige Ausssagen

Und wie lernt man, die Spreu vom Weizen zu trennen?

Zum Beispiel im Tagesseminar: Komplementärmedizin verstehen und beurteilen

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
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Ungesunde TCM-Kräuter

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Zwei Studien zeigen Risiken bei manchen Heilpflanzen der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM)

Krebserkrankungen des Harntrakts kommen in Taiwan ungewöhnlich oft vor. Eine neue Studie kommt zu Schluss, dass höchstwahrscheinlich Pflanzenzubereitungen aus der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) bei zahlreichen Betroffenen die Tumoren ausgelöst haben dürften.

Ein internationales Forscherteam um Chung-Hsin Chen vom National Taiwan University Hospital in Taipeh hat mithilfe von Genanalysen 151 Krebserkrankungen der oberen Harnwege untersucht. Eine besondere Gensignatur ist charakteristisch für Tumoren, die unter der Einwirkung von sogenannter Aristolochiasäure entstanden sind. Diese Signatur entdeckten die Forscher bei 60 Prozent der Fälle.

In der Fachzeitschrift PNAS berichten die Wissenschaftler, dass zwischen 1997 und 2003 ein Drittel der taiwanischen Bevölkerung Aristolochia-Präparate einnahm. Sie basieren auf der sogenannten Gewöhnlichen Osterluzei (Aristolochia clematitis) und verwandten Pflanzen, die  in der TCM über lange Zeit als Heilmittel galten.

Dass zahlreiche Taiwanesen durch Aristolochia-Präparate an Harnwegstumoren erkrankten, erkläre auch, weshalb sich die Verteilung dieser Krebsformen dort von der in anderen Staaten unterscheide, meinen die Wissenschaftler. Bei 35 Prozent der Patienten in Taiwan entwickeeln sich die Tumore nicht in der Blase, sondern in Harnleiter oder Nierenbecken. Weltweit sei dies bei weniger als zehn Prozent der Patienten der Fall. Auch erkrankten Frauen in Taiwan überdurchschnittlich häufig an diesen Tumorformen – und sie bekamen auch häufiger Aristolochia-Präparate verordnet als Männer.

Aristolochiasäure schädigt auch die Nieren, was im schlimmsten Fall zu Nierenversagen führen kann. In Belgien erkrankten in den neunziger Jahren mehrere Frauen an Nierenversagen, die die Präparate im Rahmen von Diätkuren eingenommen hatten.

Hierzulande sind Präparate, die Aristolochia-Säure enthalten, bereits länger untersagt. Auch in China und Taiwan wurden sie m Jahr 2003 verboten.

Während also das  Problem mit den Aristolochia-Präparate mittlerweile auch in China vom Tisch ist, geben andere TCM-Präparate, die weiterhin im Handel sind und nun von australischen Wissenschaftlern untersucht wurden, Anlass zu berechtigter Sorge. Die Forscher fanden in den vom Zoll beschlagnahmten Präparaten Extrakte von total 68 verschiedenen Pflanzenfamilien, und einige davon sind alles andere als risikolos.

Einige der Mixturen enthielten beispielsweise Pflanzenbestandteile der Gattung Ephedra (Meerträubel) und Asarum (Haselwurz), die bei falscher Dosierung toxisch sind. In den Packungsbeilagen fehlte der Hinweis auf diese heiklen Inhaltsstoffe und die potenzielle Gefährlichkeit.

In ihrem Artikel im Fachplan PLoS Genetics weisen die australischen Wissenschaftler jedoch noch auf ein weiteres Problem hin: In einigen der analysierten TCM-Proben fanden sie Spuren von Tieren, die gefährdet oder gar vom Aussterben bedroht sind, wie der Kragenbär oder die asiatische Huftierart Saiga.

Quelle:

http://derstandard.at/1334132463824/Giftig-und-krebserregend-Ungesunde-TCM-Inhaltsstoffe

http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,826636,00.html

http://www.pnas.org/content/early/2012/04/03/1119920109

Kommentar & Ergänzung:

Dieses Beispiel zeigt, dass Tradition nicht immer Recht hat. In diesem Sinn kann man auch für die westliche Pflanzenheilkunde viel daraus lernen.

Siehe:

Komplementärmedizin: Hat Tradition Recht?

Erfahrung allein zeigt Irrtümer und Risiken nur sehr unzulänglich.

Siehe:

Naturheilkunde: Vom sorgfältigen Umgang mit Erfahrung

Naturheilkunde braucht sorgfältigeren Umgang mit Erfahrung

Naturheilkunde: Erfahrung genügt nicht als Begründung

Daher reicht es nicht zu sagen, diese Heilpflanze ist seit Tausenden von Jahren im Gebrauch, ergo ist sie wirksam und harmlos.

Manche Zusammenhänge sieht man erst, wenn man systematisch danach sucht. Dem sagt man dann Wissenschaft.

Aus diesem Grund verknüpft eine seriöse Phytotherapie die Erfahrungen traditioneller Pflanzenheilkunde mit den Erkenntnissen moderner Arzneipflanzenforschung.

Diese Kombination ist unverzichtbar zum Schutz von Patientinnen und Patienten.

Leider ist der Begriff „Phytotherapie“ nicht geschützt und deshalb laufen unter diesem Begriff inzwischen auch Vorstellungen mit, welche die wissenschaftliche Überprüfung der Wirksamkeit und Sicherheit  von Heilpflanzen-Präparaten ablehnen, und sich statt dessen lieber an ihren eigenen Überzeugungen von der ausschliesslich heilenden und sanften Natur festhalten. Das ist meines Erachtens aber eine zu einseitige und riskante Betrachtungsweise.

Eine fundierte, seriöse Phytotherapie verbindet Tradition und Wissenschaft. Sie verlässt sich nicht einfach auf die Fantasien irgendeines Kräutergurus (wie heisst eigentlich die weibliche Form von Guru? Guresse?).

Das Beispiel mit den ungesunden TCM-Kräutern zeigt auch, wie wichtig eine staatliche Kontrolle des Heilmittelmarktes ist. Vor ein paar Monaten gab es einen Wirbel im Internet über ein angebliches Verbot der Heilpflanzen durch die EU, dabei ging es nur um ein Registrierungsverfahren für pflanzliche Arzneimittel.

Dazu ein Zitat von Reinhold Rathscheck:

„Der Nachweis der Wirksamkeit ist von jedem neuen Mittel zu fordern, das den Anspruch erhebt, ein Arzneimittel zu sein. Hiervon wird man nicht die Mittel ausnehmen dürfen, deren Unschädlichkeit  zwar keineswegs bezweifelt wird, deren Wirkung aber einzig und allein auf dem Glauben beruht. Sonst müsste auch ein Placebo, ein Scheinarzneimittel, das keinen arzneilich wirksamen Stoff enthält, beim Bundesgesundheitsamt registrierbar sein, fehlen ihm doch toxische Effekte mit Sicherheit, wogegen psychische Wirkungen durchaus nachweisbar sein können.

Hier trägt der Staat eine Mitverantwortung: Ein Staat, der einerseits mit Recht Arzneimittelsicherheit fordert, hat seine Bürger andererseits vor Arzneimitteln zu schützen, die keine sind. Er hat kranke Menschen davor zu bewahren, dass Gutgläubigkeit oder Verzweiflung dank staatlicher Mithilfe ummünzbar werden in Profit, ohne dass eine wirkliche Aussicht auf Heilerfolg besteht.“

(aus: Konfliktstoff Arzneimittel, Suhrkamp 1974)

Klar ist aber auch, dass solche Registrierungsverfahren und Kontrollen verhältnismässig sein müssen und dass Entscheide der Arzneimittelbehörden aus fachlicher Sicht auch kritisiert werden dürfen und sollen (z. B. im Fall Kava-Kava)

Das Aristolochiasäure-Problem scheint zumindestens in Europa durch das Verbot entsprechender Bestandteile in Arzneimittel unter Kontrolle zu sein. Bei TCM-Kräutern, die unkontrolliert im Internet gehandelt werden, wäre ich da nicht so sicher.

Und zudem sind die generellen Qualitätsprobleme bei TCM-Kräutern nicht vom Tisch. Anbaubedingungen und Verarbeitungsbedingungen sind oft alles andere als einfach zu kontrollieren. Und ob in den entsprechenden Kräutermischungen auch drin ist, was drauf steht, bleibt oft fraglich – sofern überhaupt etwas draufsteht.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Signaturen der Pflanzen – Bemerkungen zu Bedeutung und Hintergründen

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Die sogenannte „Signaturenlehre“ war vor allem in der Renaissance ein wichtiges Element in der Pflanzenheilkunde. Sie ging von der Annahme aus, dass Heilpflanzen uns beispielsweise durch ihre Farben und Formen sagen, wozu sie für uns gut sind. Paracelsus (1493 – 1541) sah zum Beispiel im Augentrost Wimpern und schloss daraus auf eine Wirksamkeit bei Augenerkrankungen.  Die Signaturenlehre war aber nicht so simpel, wie das auf den ersten Blick aussieht und wie sie heute zum Teil wieder ziemlich oberflächlich propagiert wird. Sie war eingebettet in eine zeitbedingte Anordnung des Wissens entlang von Ähnlichkeiten. Michel Foucault (1926 – 1984) hat diese Anordnung des Wissens als „Episteme der Ähnlichkeit“ beschrieben.

Seit einigen Jahren ist im Bereich einer esoterisch geprägten Pflanzenheilkunde wieder von den Signaturen der Heilpflanzen die Rede, die man erkennen müsse, um ihre Wirkungen zu erkennen. Dies geschieht meinem Eindruck nach in einer höchst unhistorischen und oberflächlichen Art, die aber viele Sehnsüchte nach dem Wunderbaren und nach einer harmonischen Naturbeziehung  anspricht.

Meiner Ansicht nach wäre es hier nötig, den historischen und philosophischen Kontext dieser Signaturenlehre zu verstehen. Wer sich nämlich damit befasst hat, fällt nicht so leicht auf dogmatische Aussagen über ein angeblich wahres „Wesen“ der Heilpflanzen herein. Ein „Wesen“ notabene, welches die Heilpflanzen über ihre Signaturen natürlich nur auserwählten sensitiven Pflanzenfreunden und Heilern enthüllen…..

Zum geschichtlichen und philosophischen Kontext der Signaturenlehre hat Hans Blumenberg (deutscher Philosoph, 1920 – 1996) Wichtiges geschrieben, und zwar in einem kleinen Bändchen mit dem Titel „Die Sorge geht über den Fluss“ (Suhrkamp 1987). Er schreibt dort im Kapitel „Nebenfolgen des Sinnbedarfs“:

„In einer sinnhaften Welt muss es Hinweise, Orientierungen, Wegweiser, Gebrauchsanweisungen, Zeichen, Signaturen geben. Jedes Kraut muss erkennen lassen, wofür der aus ihm gebrauchte Trank gut sein könnte. Keiner ist Günstling der Natur ohne Grund; aber wer es ist, versteht vor allem die Zeichen zu lesen, auch die auf den Stirnen, wie der unsägliche Lavater, und hält Gericht, noch bevor Gerichtstag ist.“

Blumenberg beschreibt hoch präzis die Konsequenzen einer solchen sinngetränkten Welt:

„Doch ist die Annahme, in einer sinngesteuerten Welt zu leben, in der jedes Ereignis im Prinzip auf sein Warum und Wohin befragbar – wenn auch nicht immer auskunftswillig – sein muss, nicht ohne Risiken. In einer solchen Welt wird man schwerlich von einem sichtbaren Leiden betroffen, ohne nicht selbst  und mehr noch vor den anderen der Überlegung ausgesetzt zu sein, für welche geheime Verwerflichkeit man dies nun als Strafe zugewiesen erhalten habe. Die Unglücklichen sind nicht nur unglücklich, sie sind dazu noch als Schuldige an ihrem Unglück gezeichnet, wenn die Welt durch und durch sinnvoll geordnet ist. Wir sind ja bis zum heutigen Tag, trotz einer Serie von Aufklärungen und Glanzleistungen der hinterfragenden Vernunft, der billigen Alltagsweisheit nicht vollends entronnen, mit der man bestimmte stigmatisierende Krankheiten und Gebrechen besser verbirgt, weil man die diffuse Vermutung zu meiden hat, irgendwer – die Eltern oder Vorväter oder man selbst – werde da schon entsprechend gesündigt haben, selbst wenn man sich modernerer Ausdrücke bedient.

Es ist die Kehrseite der Medaille einer sinnträchtigen Welt, dass man in ihr wissen kann oder zu wissen glaubt oder zu wissen angehalten wird, wer jeweils an was schuld ist.“

Im Bereich der Krankheiten sind die Bücher von Thorwald Dethlefsen und Rüdiger Dahlke meines Erachtens prägnante Beispiele für etikettierende Sinnzuschreibungen, welche Schuldzuschreibungen im Schlepptau hinter sich her ziehen.

Die „Nebenfolgen des Sinnbedarf“, die Hans Blumenberg beschreibt, scheinen mir sehr bedenkenswert. Es gibt eine „Sinntrunkenheit“, die durchaus problematischen Folgen haben kann.  Und deshalb sollte man meines Erachtens nicht unreflektiert irgendwelche „Signaturen der Pflanzen“ propagieren.

Siehe auch:

Pflanzenheilkunde: Nebulöse Aussagen vom Wesen der Pflanzen

Zum Wesen der Heilpflanzen – Storchenschnabel gegen Schock?

Die fragwürdige Rede vom Wesen der Pflanzen

Pflanzenheilkunde: John Ray zur Signaturenlehre

Wilde Möhre, Leberblümchen…und die Signaturen der Heilpflanzen

Von Schopenhauers Feldblume zu den Signaturen der Pflanzen

Signaturen der Pflanzen: Fragwürdiger Neuaufguss der Signaturenlehre

Naturheilkunde: Hoch fragwürdige Theorie von der Signatur der Pflanzen

Ausserdem:

Im Kurs „Die Heilkräfte der Pflanzen im Wandel der Zeit“ wird die historische Signaturenlehre eingehender vorgestellt, zusammen u. a.mit Magischer Medizin, Humoralpathologie (Viersäfte-Lehre), Klostermedizin (Hildegard von Bingen), Signaturenlehre (Paracelsus).

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Fernsehtipp: Gernot Böhme zum Thema „Hat der Mensch die Technik im Griff?“

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Die Sternstunde Philosophie von SF DRS brachte heute am 8. Mai 2011 ein Gespräch mit Gernot Böhme zum Thema „Hat der Mensch die Technik noch im Griff?“

Der Philosoph Gernot Böhme liefert seit Jahren wertvolle Debatten-Beiträge zu Fragen der Naturphilosophie, Naturästhetik, Naturethik, Technikphilosophie und Leibphilosophie.

Das Gespräch ist sehr sehenswert. Es beschränkt sich nicht nur auf das Beispiel der Atomkatastrophe von Fukushima / Japan. Angesprochen werden auch wichtige  Entwicklungen in unserem Umgang mit Gesundheit und Krankheit, Leib und Leben.

Hier können Sie den Beitrag anschauen:

http://www.videoportal.sf.tv/video?id=eeed95aa-5b9b-462e-91ce-98063e661985

Und falls Sie ein Bedürfnis haben nach Reflexionen über Gesundheit, Krankheit, Leib und Leben, empfehle ich Ihnen die „Eidberger Gedankengänge“.

Hier noch die Beschreibung der Sternstunde Philosophie mit Gernot Böhme auf der Website von sf.tv:

„«Die Technik ist zur zweiten Natur geworden», sagt der Philosoph Gernot Böhme. Heute gehe es nicht mehr um die Kontrolle der Natur, sondern der Technik; dies zeige erneut die Atomkatastrophe von Fukushima. Scharf kritisiert Böhme zudem, dass die Menschen im Westen ihr Leben mehr und mehr an Experten delegieren, anstatt es selber zu leben.  In der «Sternstunde Philosophie» zeigt der Philosoph Gernot Böhme, wie wir unser Leben ändern müssen, damit die kommenden Generationen lebenswerte Verhältnisse auf der Erde vorfinden und welchen Beitrag dazu eine aufgeklärte Philosophie leistet.“

Und noch ein paar Veröffentlichungen von Gernot Böhme (Auszug):

Literaturhinweise:

Gernot Böhme: Invasive Technologisierung. Technikphilosophie und Technikkritik. Verlag Die graue Edition 2008.
Gernot Böhme: Ethik leiblicher Existenz. Über den Umgang mit der eigenen Natur, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008.
Gernot Böhme: Ethik im Kontext. Über den Umgang mit ernsten Fragen, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1998, 2. Auflage 1998. Englische Übersetzung: Ethics in Context. The Art of Dealing with Serious Questions. Cambridge/Engl.: Polity Press 2001.
Marcel Hänggi: Ausgepowert. Das Ende des Ölzeitalters als Chance. Rotpunktverlag, Zürich 2011.
Urs P. Gasche / Hanspeter Guggenbühl: Schluss mit dem Wachstumswahn. Plädoyer für eine Umkehr. Rüegger Verlag, Glarus / Chur 2010.“

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Das Zitat: Zur Bankenkrise

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Der Krieg in Libyen und die Erdbeben- / Tsunami- / Reaktorkatastrophe in Japan verdrängen aus den Medien, dass eine griffige Regelung zur Eindämmung der „strukturierten Verantwortungslosigkeit“ in der Bankenwelt politisch blockiert wird.

Zur Erinnerung daher zwei Zitate des Ökonomen Martin Hellwig:

„Dass die Vertreter der Banken heute so auftreten, als hätte es die Krise nie gegeben, will mir nicht in den Kopf. Sich über Regulierung und Staatseingriffe zu beschweren, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren, dass man den Staat soeben Milliarden gekostet hat, ist skandalös. Ein solches Verhalten unterminiert die Grundlagen unserer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung.“

„25% Eigenkapitalrendite sind normalerweise nur zu erzielen, wenn man mit wenig Eigenkapital hohe Risiken eingeht. Wenn es gut geht, kommen die 25 Prozent heraus, wenn nicht, muss der Steuerzahler helfen. Auch das müsste von den Medien kommentiert werden.“

Quelle: Wochenzeitung (WoZ) Nr. 12 / 2011

Martin Hellwig (61), hat 1973 als Ökonom promoviert. Professor für Wirtschaftstheorie an verschiedenen Universitäten, darunter acht Jahre lang in Basel. Seit 2004 ist er Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn.

Vertiefende Literatur:

Claudia Honegger, Sighard Neckel, Chantal Magnin: „Strukturierte Verantwortungslosigkeit. Berichte aus der Bankenwelt“. Suhrkamp Verlag. Berlin 2010. 298 Seiten. Fr. 24.50

P.S.: Das Thema „Gesundheit“ betrifft nicht nur das einzelne Individuum. In einem erweiterten Verständnis können auch gesellschaftliche und wirtschaftliche Verhältnisse gesund oder krank sein. In diesem Sinne steht die Therapie, und vor allem auch die Rückfallprophylaxe der Bankenkrise noch aus.

Martin Koradi

P.S.:

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

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Inserat:

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Anthroposophische Medizin: Zum 150. Geburtstag von Rudolf Steiner

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Zum 150. Geburtstag Rudolf Steiners publizierte die NZZ am Sonntag unter anderem ein Interview mit Bodo von Plato, Mitglied des internationalen Vorstands der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft am Goetheanum in Dornach.

http://www.nzz.ch/nachrichten/hintergrund/wissenschaft/anthroposophie_ist_eine_perspektive_1.9031951.html

Das eigentliche Ziel der Anthroposophie sei vielleicht die Sinngebung, sagt von Plato im Schlusssatz.

Genau: Anthroposophie ist ein starkes, aber heteronomes Sinnangebot – made by Rudolf Steiner halt. Autonome Sinngebungen sind mir grundsätzlich sympathischer.

Schade, dass das Interview in der NZZ an diesem Punkt endet, denn von hier aus könnte eine wichtige Auseinandersetzung mit Anthroposophie gerade starten.

Der 150. Geburtstag von Rudolf Steiner wäre nämlich eine gute Gelegenheit, über den Sinn des Steinerschen Sinnangebotes nachzudenken. Wenn Steiner behauptet, dass Krankheit und Behinderung durch moralisches Versagen in einem früheren Leben verursacht wird, dann ist das ein Sinnangebot. Es beantwortet die Frage: Warum gerade ich? Oder: Warum gerade mein Kind? Mag sein, dass manche Menschen solche „Auskünfte“ entlastend finden. Unproblematisch sind sie aber ganz und gar nicht.

Es scheint mir eine der wichtigsten Errungenschaften der Moderne, dass Krankheit und Behinderung nicht mehr mit moralischem Versagen erklärt werden.

Siehe:

Kritische Anmerkungen zur Anthroposophischen Medizin

Kritische Fragen zur Förderung der Anthroposophischen Medizin

Anthroposophische Pflege – offene Fragen

Zum Thema „Sinnangebot“ passt ein Zitat von Ernst Topitsch (österreichischer Philosoph und Soziologe, 1919 – 2003):

„Man sehnt sich zurück nach einer verklärten ‚Geborgenheit’, nach einer ‚sinn’-erfüllten Weltordnung, mit unseren Worten: nach dem Drama der intentional gedeuteten Welt, in welcher der Mensch seine Lebensrolle von der kosmischen Regie zugewiesen erhält und in einen übersehbaren Zusammenhang einordnen kann oder wenigstens an einen verborgenen Plan glauben mag, wie dies ein stoischer Denker formuliert hat

„‚Führ’ du mich, Zeus, und du, o Schicksalsmacht

Wohin auch immer euer Plan es will,

Und ohne Zaudern folg’ ich…..’“

(in: Mythos – Philosophie – Politik, Rombach Verlag 1969)

Hans Blumenberg (deutscher Philosoph,  1920 – 1996) beschrieb in einem kleinen Bändchen mit dem Titel „Die Sorge geht über den Fluss“ (Suhrkamp 1987) die „Nebenfolgen des Sinnbedarfs“:

„In einer sinnhaften Welt muss es Hinweise, Orientierungen, Wegweiser, Gebrauchsanweisungen, Zeichen, Signaturen geben. Jedes Kraut muss erkennen lassen, wofür der aus ihm gebrauchte Trank gut sein könnte.“

Blumenberg beschreibt präzis die Konsequenzen einer solchen sinngetränkten Welt:

„Doch ist die Annahme, in einer sinngesteuerten Welt zu leben, in der jedes Ereignis im Prinzip auf sein Warum und Wohin befragbar – wenn auch nicht immer auskunftswillig – sein muss, nicht ohne Risiken. In einer solchen Welt wird man schwerlich von einem sichtbaren Leiden betroffen, ohne nicht selbst  und mehr noch vor den anderen der Überlegung ausgesetzt zu sein, für welche geheime Verwerflichkeit man dies nun als Strafe zugewiesen erhalten habe. Die Unglücklichen sind nicht nur unglücklich, sie sind dazu noch als Schuldige an ihrem Unglück gezeichnet, wenn die Welt durch und durch sinnvoll geordnet ist. Wir sind ja bis zum heutigen Tag, trotz einer Serie von Aufklärungen und Glanzleistungen der hinterfragenden Vernunft, der billigen Alltagsweisheit nicht vollends entronnen, mit der man bestimmte stigmatisierende Krankheiten und Gebrechen besser verbirgt, weil man die diffuse Vermutung zu meiden hat, irgendwer – die Eltern oder Vorväter oder man selbst – werde da schon entsprechend gesündigt haben, selbst wenn man sich modernerer Ausdrücke bedient.

Es ist die Kehrseite der Medaille einer sinnträchtigen Welt, dass man in ihr wissen kann oder zu wissen glaubt oder zu wissen angehalten wird, wer jeweils an was schuld ist.“

Die Komplementärmedizin ist reich an vorfabrizierten (heteronomen) Sinnangeboten. Anthroposophische Medizin ist dafür nur ein starkes Beispiel. Sinnstrukturen finden sich auch in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Dazu ein Zitat des Medizinhistorikers und Sinologen Paul U. Unschuld:

„Wie wirkte TCM auf die Bürger westlicher Industrienationen? Beruhigend. Beunruhigt  waren wir in vielerlei Hinsicht. Auch durch den Verlust der Mitte…….Der Verlust der Mitte ist auch und vor allem der Verlust der zentralen Sinngebung. Im täglichen Leben, wo Sinn, den die Religionen jahrhundertelang vermittelten, nicht mehr akzeptiert wird. In der medizinischen Praxis, wo der Sinn des Krankseins keine Ziffer in der Gebührenordnung für Ärzte erhält. Wie und wo man krank ist, welche Werte überhöht, welche Gewebe geschädigt, welche Gene mutiert sind, das alles kann erfahren, wer zum Arzt geht. Aber den Sinn dahinter? Das Warum? Das erfährt er nicht. Die Wirklichkeit kennt keinen Sinn. Die Wirklichkeit ist einfach da. Sinn vermittelt sich nicht durch Wirklichkeit. Sinn ist Deutung. Deutung ist Privatsache. Das ist für viele noch sehr ungewohnt. Sie wollen die Deutung mitgeliefert haben. Mitgeliefert auch in der Medizin. Sie wollen den zentralen Urgrund ihrer Krankheit wissen. Das kann die moderne Medizin nicht. Das darf sie nicht, denn sie orientiert sich an den Naturgesetzen. Die kennen keinen Sinn. Die sind nun einmal da. So wie sie sind.

Die TCM vermittelt die Mitte. Sie vermittelt Sinn. Sie drängt das Anorganische fort und stellt die Lebenskraft, das Qi, in die Mitte. Sie verknüpft verschiedene Leiden und führt sie auf das eine, zentrale Leiden zurück. Sie bezeichnet dieses zentrale Leiden mit einem Begriff wie Nieren-Yang-Schwäche und deutet damit an, dass es regulierbar ist. Das gibt dem Leiden einen Sinn und verspricht die Rückkehr in das grosse Gleichgewicht – ohne Chemie, ohne Technologie in Diagnose und Therapie, ohne Kriegsführung mit der Gewissheit von Kollateralschäden. Das wirkt beruhigend.“

(aus: Was ist Medizin ? – Westliche und östliche Wege der Heilkunst, Beck Verlag 2003, erhältlich im Buchshop).

Im übrigen beschreibt Unschuld auch, wie diese Traditionelle Chinesische Medizin im letzten Jahrhundert aus Versatzstücken der chinesischen Medizin als Exportprodukt geschaffen und auf westliche Bedürfnisse zugeschnitten wurde.

Die Medizin soll und kann keine vorfabrizierten Sinnzuschreibungen verkaufen. Offenbart geht jedoch das Bewusstsein dafür mehr und mehr verloren, dass es auch bedeutende Vorteile hat, wenn Sinnproduktion und Heilkunde getrennte Veranstaltungen sind. Die Ausdifferenzierung der Wertesphären Kunst, Wissenschaft, Medizin, Religion und Politik ist eine Errungenschaft der Moderne und die Grundlage einer offenen, demokratischen Gesellschaftsordnung. Sinnbedürfnisse werden heute sehr unreflektiert und unbewusst via Komplementärmedizin gedeckt. Wichtiger wäre meines Erachtens eine offene Diskussion über Sinnansprüche und über die Art, wie Sinn gefunden, produziert und vermarktet wird.

Auf dieser Basis könnte eine bio-psycho-soziale Medizin ihren Teil zu autonomen Sinnfindungen beitragen, indem sie Menschen in solchen eigenständigen Prozessen begleitet. Sinnfindung ist dann ein vielschichtiger Vorgang der Auseinandersetzung des Individuums mit sich selber, mit seinem sozialen Umfeld, mit Kunst und Natur.

Und nicht zuletzt bedenkenswert wäre wohl gelegentlich die These Odo Marquard’s (deutscher Philosoph mit Jahrgang 1928):

„Unsere primäre Schwierigkeit ist nicht der Sinnverlust, sondern das Übermass des Sinnanspruchs; und nicht die grosse Sinnverlustklage bringt uns weiter, sondern eine Reduktion des unmässig gewordenen Sinnanspruchs, eine Diät in Sachen Sinnerwartung.“

(aus: Apologie des Zufälligen, Reclam 1996)

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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