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Alternative Krebstherapie mit Amygdalin (bittere Aprikosenkerne / „Vitamin B17“): unwirksam und toxisch

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Bittere Aprikosenkerne enthalten einen verhältnismässig hohen Anteil an Amygdalin. Das cyanogene Glycosid Amygdalin spaltet während der Verdauung hochgiftige Blausäure ab.

Bittere Aprikosenkerne werden insbesondere zur alternativen Krebsbehandlung angepriesen, wobei dieser Einsatz in keiner Weise wissenschaftlich belegt ist und Amygdalin für die Krebstherapie als toxische Substanz ohne Effekte einzustufen ist.

Vom europäischen EFSA, vom deutschen Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte BfArM und von Tox Info Suisse wurden schon mehrere Warnhinweise veröffentlicht.

Nach Angaben von Tox Info Suisse wird Verbrauchern dringend empfohlen, wenn überhaupt maximal ein bis zwei bittere Aprikosenkerne täglich zu essen oder besser ganz darauf zu verzichten.

Produkte mit Amygdalin oder seinen Abkömmlingen (Mandelonitril oder Amygdalonitril, Laetrile) haben in der Schweiz keine Zulassung und werden als bedenklich eingestuft. Dennoch werden sie seit einiger Zeit wieder verstärkt als alternatives Heilmittel für die Krebstherapie und zur Tumorprophylaxe beworben und eingesetzt – auch unter der irreführenden Bezeichnung „Vitamin B17“.

Literatur:

– EFSA: Aprikosenkerne bergen Risiko einer Cyanidvergiftung, 27.04.2016

– Tox Info Suisse: Gefahr durch bittere Aprikosenkerne: die Menge macht‘s, 12.02.2015

– BfArM Bulletin zur Arzneimittelsicherheit, Ausgabe 3 – September 2014

Quelle:

http://www.pharmavista.net/content/default.aspx?http://www.pharmavista.net/content/NewsMaker.aspx?ID=5098&NMID=5144&LANGID=2

Kommentar & Ergänzung:

Dass Krebskranke nach alternativen Behandlungsmethoden suchen ist gut nachvollziehbar. Dass sie dabei anfällig sind für Täuschungen, zeigt sich allerdings nur allzu oft. Das Internet überquellt von unseriösen Angeboten zur Krebsheilung, von denen jede garantierten Erfolg verspricht. Skepsis ist angebracht. Wenn die Versprechungen nur zu einem allerkleinsten Teil wahr wären, hätten wir keine Probleme mehr mit Krebserkrankungen.

Bittere Aprikosenkerne sind seit Jahren ein Renner in der alternativen Krebsheilerszene, obwohl es keinerlei fundierte Hinweise auf eine Wirksamkeit gibt. Man kann nur immer wieder dazu auffordern, nicht alles zu glauben, sondern Behauptungen kritisch zu prüfen – Fact checking heisst das ja neuerdings….

Rolf Thesen schreibt in der Pharmazeutischen Zeitung:

„Nach derzeitigem Kenntnisstand fehlen klinische Belege für die Wirksamkeit von Amygdalin in der Krebstherapie. Angebliche positive Belege von In-vitro-Zellexperimenten oder Tiermodellen sind für einen Wirksamkeitsnachweis nicht ausreichend, ebensowenig wie eine Vielzahl von Berichten über Einzelfälle und Fallserien mit angeblichen therapeutischen Erfolgen. Nur kontrollierte klinische Studien könnten diesen Nachweis erbringen. Die fehlen aber. Zudem gibt es eine Vielzahl von Berichten über erfolglose Behandlungen mit Amygdalin. Auch der häufig beworbene Nutzen von Amygdalin zur Krebsprophylaxe, etwa durch das Kauen von Aprikosenkernen, konnte nicht belegt werden.“

(http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=54542)

Eine gute Übersicht zum Stand des Wissens bietet ein Text im „Bulletin zur Arzneimittelsicherheit“ des Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM):

http://www.bfarm.de/SharedDocs/Downloads/DE/Arzneimittel/Pharmakovigilanz/Bulletin/2014/3-2014.pdf?__blob=publicationFile&v=2

Siehe auch:

Krebsmittel Amygdalin / „Vitamin B17″ – oft propagiert, aber unwirksam

Unsinnige Krebstherapie mit bitteren Aprikosenkernen

 

Zitat des Tages von Eckart von Hirschhausen

Eckart von Hirschhausen zur Frage: Sind Wunderheiler Scharlatane?

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

 

 

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Holunderbeeren gegen Erkältungen

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Der Schwarze Holunder (Sambucus nigra) hat schon lange einen Ruf als Helfer bei Erkältungskrankheiten. In der Phytotherapie wird ein Tee aus Holunderblüten verwendet. Er soll schweisstreibend wirken bei fieberhaften Infekten, wobei diese Wirkung allerdings nicht geklärt oder gar belegt ist. Experimentelle Studien deuten zudem auf eine auswurffördernde Wirkung bei Husten hin.

Der Saft aus Holunderbeeren wird traditionell empfohlen zur Vorbeugung und Behandlung von Erkältungen.

Ein Spezialextrakt aus Holunderbeeren zeigte im Labor antivirale Aktivität gegen Influenzaviren vom Typ H1N1. Flavonoide aus den Holunderbeeren banden dabei an die Virusoberfläche und hemmten dadurch das Eindringen der Viren in die Wirtszellen.

Ob ein solcher Effekt auch im menschlichen Organismus auftritt, bleibt dabei allerdings offen. Überzeugende Daten aus Studien mit Patienten lagen bis vor kurzem nicht vor. Das könnte sich nun ein Stück weit ändern durch eine Studie, die im Jahr 2016 publiziert und in der Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“ erwähnt wurde:

„Auch Oma lag mit ihrem Holundertee wohl nicht so falsch. In einer Studie mit 312 Flugreisenden verringerten sich die Symptome und die Dauer von Erkältungen bei den Teilnehmern, die regelmäßig einen Extrakt aus Holunderbeeren (Sambucus nigra) zu sich genommen hatten. Holunderbeeren sind sehr vitaminhaltig; sie enthalten Kupfer, Zink und Magnesium sowie Polyphenole in beachtlichen Mengen, was den Körper bei der Auseinandersetzung mit den Schnupfenviren offensichtlich unterstützt.“

Quelle:

http://www.spektrum.de/news/hilft-huehnersuppe-gegen-erkaeltung/1432792?_ga=1.189200047.529023555.1471969798

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27023596

Nutrients. 2016 Mar 24;8(4):182. doi: 10.3390/nu8040182.

 

Kommentar & Ergänzung:

Die Studie war doppel-blind und placebokontrolliert.

Signifikant verringerten sich die Symptome und die Dauer von Erkältungen. In der Placebogruppe traten zudem mehr Erkältungen auf als in der Holunderbeeren-Extraktgruppe (17 versus 12), doch war dieser Unterschied nicht signifikant.

„Most cold episodes occurred in the placebo group (17 vs. 12), however the difference was not significant (p = 0.4). Placebo group participants had a significantly longer duration of cold episode days (117 vs. 57, p = 0.02) and the average symptom score over these days was also significantly higher (583 vs. 247, p = 0.05). These data suggest a significant reduction of cold duration and severity in air travelers. More research is warranted to confirm this effect and to evaluate elderberry’s physical and mental health benefits.“

Quelle: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27023596

Wenn das Ergebnis statistisch „signifikant“ ist, bedeutet das, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es zufällig zustande gekommen ist, unter 5% liegt (p < 0,05).

In der Studie wurde ein standardisierter Extrakt aus Holunderbeeren verwendet. Es ist offen, wieob und wie weit sich die Ergebnisse auf andere Zubereitungen aus Holunderbeeren übertragen lassen.

Wichtig ist jedoch: Der Genuss von rohen oder ungenügend erhitzten Holunderbeeren kann zu Übelkeit und Erbrechen führen. Sie enthalten nämlich den Giftstoff Sambunigrin. Erhitzt man die Holunderfrüchte, baut sich Sambinigrin vollständig ab.

Siehe auch:

Holunderbeeren – gesund und fein

Schwarzer Holunder: Holundersaft bei Grippe und Erkältung

Giftigkeit: Schwarzer Holunder – Roter Holunder – Zwergholunder

 

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Stollen, Glühwein, Zimtsterne: Schadet Zimt der Gesundheit?

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Das fragt Spiegel online reichlich spät am 24. Dezember. Jetzt sind sie doch zum grossen Teil schon gegessen, die Zimtsterne……

Aber tatsächlich: Warnungen, zu große Mengen an Zimt seien gefährlich, hört man immer wieder. Schauen wir uns mal genauer an, was es mit diesen Warnungen auf sich hat.

Als Lebensmittelkontrolleure 2006 zimthaltiges Gebäck untersuchten, schlugen sie Alarm, weil die Hersteller von Zimtsternen sich nicht einmal ansatzweise an die damaligen Cumarin-Höchstwerte hielten.

Kurz darauf warnte das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) Verbraucher vor einer zu hohen Belastung mit Cumarin, wenn sie viel Zimt zu sich nehmen. Die Verunsicherung aufgrund dieser Warnung hält zum Teil bis heute an, obwohl unklar ist, ob das Cumarin aus Weihnachtsgebäck der Allgemeinbevölkerung real schadet.

Nach dem Bericht auf Spiegel online wurde der Zusammenhang nämlich entdeckt „bei Patienten, die täglich cumarinhaltige Medikamente einnahmen, um ihre Blutgerinnung zu hemmen. Ärzte beobachteten bei sechs bis acht von hundert Patienten Anzeichen für Leberschäden. In seltenen Fällen versagte die Leber ganz.“

Diese Aussage ist meines Erachtens fragwürdig, weil hier zwei Stoffklassen durcheinander gebracht werden. Bei den blutgerinnungshemmenden Medikamenten (z. B. Phenprocoumon, Präp: Marcoumar / Marcumar) handelt es sich um dimere Cumarine, während im Zimt einfache Cumarine vorliegen (ohne blutgerinnungshemmende Wirkung).

Cumarin wurde erstmals 1922 aus Tonkabohnen isoliert und jahrzehntelang als Aromatikum mit Vanillin-ähnlichem Geschmack in der Lebensmittelindustrie eingesetzt. In den 1950er-Jahren wurde dieser Verwendungszweck zuerst in den USA und dann in vielen anderen Ländern wegen des Verdachts auf krebsfördernde und leberschädigende Wirkungen verboten, weil die Verabreichung von Cumarin in grossen Dosen an Ratten und Hunde solche Effekte zeigte. Heute weiss man allerdings, dass die Verstoffwechselung von Cumarin beim Menschen anders verläuft und Cumarin in der Regel sehr rasch wieder ausgeschieden wird.

Spiegel online macht noch einen zweiten fragwürdigen Versuch, das Phänomen genauer zu fassen:

„Wie genau Cumarin das Organ schädigt, ist allerdings unklar. Eine kleine Studie mit 114 Patienten aus dem Jahr 2003 legt nahe, dass wohl vor allem Menschen mit Vorerkrankungen der Leber empfindlich reagieren. Setzten die Patienten die Medikamente wieder ab, bildeten sich die Schäden in der Regel zurück.“

In dieser Studie wurde ein Arzneimitttel zur Linderung von Venenbeschwerden hinsichtlich seiner Sicherheit untersucht, das Cumarin und Troxerutin enthielt. Die Testpersonen bekommen über 16 Wochen 30 mg Cumarin und 180 mg Troxerutin pro Tag. Im Gegensatz zur Darstellung auf Spiegel online traten weder Leberschäden noch andere ernsthafte Arzneimittelnebenwirkungen auf.

Siehe: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12776809

Spiegel online fährt fort:

„Dagegen gibt es keinerlei Berichte, dass vorweihnachtliche Zimtsternorgien Leberschäden auslösen. Das allein ist natürlich kein Freifahrtschein für hemmungslosen Zimtgenuss. Erhält jemand ein cumarinhaltiges Medikament, überwacht der Arzt die Blutwerte und erkennt bedenkliche Reaktionen schnell. Bei Weihnachtsmarkt-Fans passiert dies nicht.“

Hier kommt sie noch einmal, diese Vermischung mit den blutgerinnungshemmenden dimeren Cumarinen vom Typ Phenprocoumon.

Dennoch kann Spiegel online „gute Nachrichten für Zimtliebhaber“ verkünden:

„2014 fand das Chemische Landes- und Staatliche Veterinäruntersuchungsamt unter 24 Gebäckproben keine Überschreitungen mehr.“

Das liege zum einen daran, dass 2011 der Cumarin-Grenzwert in Gebäck angehoben wurde:

„In den Achtzigern hatten Experten ihn an der Nachweisgrenze, also möglichst gering, festgelegt. Damals deuteten Tierversuche darauf hin, dass Cumarin schon in winzigen Mengen krebserregend sein könnte. Das hat sich für Menschen glücklicherweise nicht bestätigt.“ (aus den Fünfzigern stammen die Tierversuche mit hohen Dosen…..M.K.).

Ein anderer Grund für die positive Entwicklung sei, dass die Lebensmittelhersteller nach der Diskussion von 2006 offenbar den Cumarin-Gehalt in ihren Produkten gesenkt haben.

Und was heisst das nun für die Gegenwart:

Das BfR hat Cumarin in Zimt 2012 neu bewertet. Bei Erwachsenen hält die Behörde nun 24 kleine Zimtsterne (120 Gramm) pro Tag bei einem 60 Kilo schweren Erwachsenen für vertretbar, zumindest, wenn er ansonsten keinen Zimt verzehrt. Im Jahr 2006 waren es nur acht (ungefähr 40 Gramm).

Und diese Menge Zimtsterne könnte man theoretisch das ganze Jahr über jeden Tag verspeisen, ohne Gesundheitsschäden durch Cumarin befürchten zu müssen.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) liess zudem verlauten, dass man über einen Zeitraum von ein bis zwei Wochen die dreifache Menge Cumarin aufnehmen darf, ohne dass Gesundheitsschäden drohen. Damit dürfen auch Spitzenzeiten im Advent abgedeckt sein.

Bei kleinen Kindern hält das BfR maximal sechs kleine Zimtsterne (30 Gramm) oder 100 Gramm Lebkuchen pro Tag für garantiert unbedenklich. Auch in diesem Fall lag der Grenzwert 2006 noch tiefer, nämlich bei vier kleinen Zimtsternen (20 Gramm) oder 30 Gramm Lebkuchen.

Aber so ganz entwarnen wollen die Behörden dann doch nicht, insbesondere bei Langzeiteinnahme. Spiegel online formuliert das so:

„Wer jeden Morgen Zimt übers Müsli streut oder regelmäßig Milchreis unter einer dicken Zucker-Zimt-Haube isst, erreicht allerdings schnell die empfohlene Höchstmenge: Nicht mehr als ein kleiner, abgestrichener Teelöffel Zimt am Tag (2 Gramm) sollte ein 60 Kilogramm wiegender Erwachsener täglich konsumieren. Bei Kleinkindern sollte nach einem halben Gramm Schluss sein.“

Ganz am Schluss des Artikels und nach vielem hin und her kommt dann doch noch der erlösende Hinweis, dass es auf die Zimtsorte ankommt:

„Für den eigenen Haushalt gibt einen einfachen Trick. Während bei fertig gebackenen Lebensmitteln meist nicht deklariert wird, welche Zimtsorte verwendet wurde, kann man zu Hause auswählen: Cassia-Zimt enthält durchschnittlich 3000 Milligramm Cumarin pro Kilogramm, das entspricht 0,3 Prozent. Auf ihn beziehen sich auch die Richtwerte des BfR.

In Ceylon-Zimt kommt Cumarin dagegen nur in Spuren vor: Ungefähr acht Milligramm pro Kilogramm sind enthalten, das entspricht 0,0008 Prozent.“

Wer selbst gern mit Zimt koche oder backe, sei mit dem cumarinarmen Ceylon-Zimt auf der sicheren Seite.

Quelle:

http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/zimt-ist-zu-viel-cumarin-gefaehrlich-mythos-oder-medizin-a-1126831.html

 

Kommentar & Ergänzung:

Keine Frage: Auch Pflanzen können schädliche Stoffe enthalten und es ist richtig, dass Behörden darauf ein wachsames Auge werfen.

Manchmal sieht es allerdings schon eigenartig aus, wenn jedes noch so theoretische Risiko ausgeschlossen werden soll, jahrelang darüber diskutiert wird und am Schluss dann Grenzwerte festgelegt werden, die in der Praxis sowieso kein vernünftiger Mensch überschreitet.

Hingegen ist der Hinweis durchaus nützlich, dass man falls möglich den cumarinarmen Ceylon-Zimt dem billigeren, aber cumarinreicheren Cassia-Zimt vorziehen soll.

In der Phytotherapie wird Zimt als verdauungsförderndes Gewürz empfohlen (Ceylon-Zimt) und kontrovers als unterstützendes Mittel bei Diabetes diskutiert. Bisher konnte ein ausreichender Wirksamkeitsnachweis in Studien zum Anwendungsbereich Diabetes nicht erbracht werden.

Siehe auch:

Zimt zur Senkung des Blutzuckers bei Diabetes

Zimt bei Diabetes: Zum aktuellen Stand des Wissens

Für Zimtsterne Ceylon-Zimt statt Cassia-Zimt verwenden

Zimt & Cumarin: Ceylon-Zimt unproblematischer als Cassia-Zimt

Cumaringehalt von Zimt schwankt stark

Pflanzenheilkunde: Zimt gegen Diabetes kontrovers beurteilt

Phytotherapie: Zimt regt den Magen an

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Saathafer – die Arzneipflanze des Jahres 2017

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Der Saathafer wurde vom Studienkreis „Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ an der Universität Würzburg zur Arzneipflanze des Jahres 2017 gewählt.

Der Saathafer (Avena sativa) ist ein Getreide und zählt zu den Süßgräsern (Poaceae oder Gramineae). Er bildet im Gegensatz zu Weizen, Roggen und Gerste seine Körner nicht in Ähren, sondern in vielfach verzweigten Rispen aus.

Die Haferkörner sind von Spelzen umschlossen, die durch einen speziellen Mahlgang entfernt werden müssen. Der Hafer liefert zwar tiefere Hektar-Erträge als Weizen, Roggen und Gerste, doch ist er diesen gegenüber beim Nährwert und nicht zuletzt beim Geschmack überlegen. Zudem ist Hafer weniger anspruchsvoll, denn er gedeiht auch auf kargen Böden und bei feuchter Witterung.

Drei Pflanzenteile des Saathafers stossen auf pharmazeutisches Interesse:

Haferstroh (Avenae stramentum) wird als Abkochung für Bäder bei Hautverletzungen und Juckreiz verwendet.

Für die Gewinnung von Haferkraut (Avenae herba) wird der Hafer vor seiner Blüte geerntet. Haferkraut ist reich an Flavonoiden, Saponinen und Mineralien (Kalium, Calcium, Magnesium), wobei den Flavonoiden entzündungshemmende und den Saponinen immunmodulierende Eigenschaften zugesprochen werden.

Haferkraut-Extrakte kommen daher bei trockener Haut und bei atopischer Dermatitis zur Anwendung.

In den Neunzigerjahren wurde in Frankreich durch Selektion eine Hafersorte mit einem besonders hohen Anteil an Flavonoiden und Saponinen gezüchtet, die schon sehr jung geerntet und durch ein besonderes Verfahren extrahiert wird. Der aufgereinigte Extrakt ist frei von Proteinen und wird für Hautpflegemittel wie Cremes, Körpermilch und Badezusätze eingesetzt, die für Allergiker speziell gut verträglich sein sollen. Seine Bedeutung für die Dermatologie wurde schon in neueren Fachpublikationen gezeigt. Haferkrautextrakt-Produkte werden aber auch zur Pflege von empfindlicher Haut (Babys, Senioren) und zur Behandlung von Wunden, Rosacea und nicht zuletzt von Psoriasis eingesetzt.

Das Haferkorn (Avenae fructus), aus dem die allseits bekannten Haferflocken hergestellt werden, ist reich an Ballaststoffen (Polysacchariden), von denen die löslichen β-Glucane etwa die Hälfte ausmachen.

In 100 Gramm Haferflocken sind etwa 4,5 Gramm β-Glucane enthalten, in der Haferkleie sind es sogar mehr als 8 Gramm pro 100 Gramm. Die β-Glucane geben dem Haferschleim seine Konsistenz. Indem sie die Verdauung und den Stoffwechsel beeinflussen, wirken sie sich günstig auf den Cholesterinspiegel und den Blutzuckerspiegel aus.

Die Fähigkeit der β-Glucane, Gallensäuren zu binden, führt wahrscheinlich zur Ausscheidung von Cholesterol und zur Reduktion des Gesamtcholesterol- und des LDL-Cholesterol-Spiegels, was einer Atherosklerose vorbeugen kann. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat im Jahr 2011 bestätigt, dass die Einnahme von Hafer-β-Glucanen zur Reduktion des Cholesterolspiegels beitragen kann.

Die unlöslichen Ballaststoffe regulierend ausserdem die Verdauungstätigkeit. Da sie die Aufnahme der Nährstoffe aus dem Darm in den Körper verzögern, steigt der Blutzuckerspiegel nach einer Mahlzeit zeitverzögert an, was eine geringere Ausschüttung von Insulin zur Folge hat. Schon vor 100 Jahren wurden daher diätetische „Hafertage“ für Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 eingeführt. Eine neuere Studie am Diabetologikum in Berlin hat gezeigt, dass die Insulindosis bei Patienten mit einem hohen Insulinbedarf nach zwei Hafertagen um bis zu 30 Prozent reduziert werden kann. Dieser günstige Effekt soll bis zu vier Wochen nachweisbar sein.

Haferflocken zeigen aber auch günstige Auswirkungen auf die Verdauungsorgane selbst. Die Darmwand wird durch die viskösen löslichen Ballaststoffe vor Reizen aus dem Darmlumen geschützt und ein empfindlicher Magen beruhigt.

Umstritten ist noch, ob Menschen mit Zöliakie zu Haferprodukten greifen können. Bei der Zöliakie entzündet sich die Schleimhaut des Darms nach dem Verzehr von Gluten, dem Kleber-Eiweiß in verschiedenen Getreidekörnern.

Gluten ist die dominierende Eiweissfraktion im Weizenkorn, Im Haferkorn herrscht dagegen das Globulin Avenalin mit 80% vor, während Gluten nur einen Anteil von 15 Prozent hat. Hirse, Mais und Reis gelten dagegen als glutenfrei.

Die Zusammensetzung des Glutens unterscheidet sich in den einzelnen Getreidearten und ihren Sorten. Allgemein besteht Gluten aus den Proteingemischen der Prolamine und Gluteline, die wegen ihres hohen Anteils an den Aminosäuren Prolin und Glutaminsäure so benannt worden sind.

Krankheitsauslösend sind bei der Zöliakie die Prolamine, allerdings mit unterschiedlicher Intensität. Für zahlreiche Zöliakie-Patienten ist zwar das Weizen-Prolamin Gliadin, nicht jedoch das Hafer-Prolamin Avenin unverträglich. Und die relative Unverträglichkeit des Avenins hängt zudem noch von der Hafersorte ab; es gibt Hafersorten, die sogar für eine glutenfreie Ernährung infrage kommen.

Mehrere Studien zur Verträglichkeit des Hafers bei Zöliakie-Patienten haben gezeigt, dass kleinere Mengen Hafer im allgemeinen gut vertragen werden. In Schweden und Finnland gilt die Aufnahme von bis zu 50 g Hafer pro Tag als unbedenklich. Es muss sich dabei jedoch um „nicht-kontaminierten Hafer“ handeln, der nicht mit anderem Getreide verunreinigt sein darf und speziell für diesen Zweck angebaut wird.

Der Studienkreis „Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ ist überzeugt davon, dass das diätetische und therapeutische Potenzial des Hafers noch nicht ausgeschöpft ist und hofft, dass die Arzneipflanze des Jahres 2017 Gegenstand weiterer Forschungen sein wird.

Quelle:

https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2016/10/28/noch-viel-potenzial-bei-hautkrankheiten-und-zoeliakie

Kommentar & Ergänzung:

Das ist eine ungewöhnliche Wahl, zählt doch der Hafer seit je her zu den Nahrungsmitteln und nicht zu den typischen Heilpflanzen. Nimmt man ihn aber aus der Perspektive der Heilwirkungen in den Blick, steht er in einem Übergangsbereich zwischen Phytotherapie und Ernährungstherapie. Und dieser Übergangsbereich ist durchaus interessant.

Wie gewohnt begründet der Studienkreis „Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ seine Wahl der Arzneipflanze des Jahres 2017 auch dieses Mal fundiert.

2016 war der Kümmel Arzneipflanze des Jahres, 2015 das Johanniskraut, 20114 der Spitzwegerich, 2013 die Kapuzinerkresse und 2012 das Süssholz.

Hier geht’s zur Website des Studienkreises:

http://www.welterbe-klostermedizin.de/index.php

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Artischocke bei Kreislaufproblemen?

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Die Boulevard-Zeitung „Blick“ stellt „Grosis Hausmittelchen“ vor. Das wäre ja löblich, wenn dabei nicht soviel Unfug zusammengeschrieben würde. Es ist wirklich eindrücklich, was alles an Unsinn in Medien und auch sonst im Internet über Heilpflanzen herumgeistert.

Ich nehme hier den Abschnitt über Artischocke unter die Lupe und will damit auch zeigen, dass und wie man solche Aussagen auf ihre Substanz abklopfen soll und kann.

Was also schreibt der „Blick“ über Artischocke:

Artischocke: Hilfe bei Kreislaufproblemen und zu hohem Cholesterinwert

Schon Griechen und Römer wussten um die verdauungsfördernde Wirkung des Distelgewächses. Regelmässiger Verzehr hilft bei Kreislaufproblemen und hohem Cholesterinspiegel. Zudem sorgt die Artischocke für ein rasches Völlegefühl – ideal also für alle, die abnehmen wollen.“

Quelle:

http://www.blick.ch/gesundheit/wellness/grosis-hausmittelchen-bringens-rezeptfrei-und-guenstig-gesund-werden-id5668173.html

Kommentar:

Davon, dass Artischocke „bei Kreislaufproblemen“ hilft, weiss die Phytotherapie-Fachliteratur nichts.

Aber könnte es nicht ein, dass die Phytotherapie-Fachautoren und die Qualitätssicherungsgremien wie die ESCOP diese Wirkung einfach noch nicht erkannt haben und der Blick-Journalist Recht hat?

Sehr unwahrscheinlich – aber nicht ausgeschlossen. Die Angabe „Kreislaufprobleme“ ist allerdings schon ausgesprochen fragwürdig, weil viel zu vage. „Kreislaufprobleme“ gibt es in sehr vielen Varianten und mit ganz unterschiedlichen Ursachen. Kaum denkbar, dass Artischocke einfach in jedem Fall helfen können soll. Da wären genauere Angaben gefragt.

Artischockenextrakt aus den Blättern bewirkte in Studien eine leichte Senkung des Cholesterinspiegels. Ob ein solcher Effekt beim Verzehr von Artischocke als Gemüse auch auftritt, wie das der „Blick“ behauptet, ist völlig unklar. Jedenfalls handelt es sich hier um eine Anwendung aus der modernen Phytotherapie und nicht um „Grosis Hausmittelchen“.

Komplett eigenartig ist dieser Satz:

„Zudem sorgt die Artischocke für ein rasches Völlegefühl – ideal also für alle, die abnehmen wollen.“

Artischocke wird in der Phytotherapie empfohlen gegen Völlegefühl.

Völlegefühl wird meist durch eine üppige Mahlzeit verursacht und hat daher nichts mit Ab- oder Zunehmen zu tun. So wie der „Blick“ das formuliert tönt es aber so, wie wenn Völlegefühl etwas Positives wäre, weil man dann weniger isst und schlank bleibt. So ist der Begriff aber nicht gemeint.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Erkältung: Welche Therapien wirklich helfen

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Das Angebot an konventionellen und alternativen Präparaten zur Behandlung von Erkältungskrankheiten ist sehr gross. Die Studien zur Wirksamkeit sind aber oft nicht sehr überzeugend.

Erwachsene machen pro Jahr zwei bis vier Erkältungsepisoden durch, Kinder sogar sechs bis acht. Entsprechend umfangreich ist der Umsatz an Präparaten, mit denen Ärzte oder die Patienten selbst versuchen, den Verlauf der meist viralen Infektionen abzuschwächen und zu verkürzen. Von welchen Behandlungen nach derzeitigem Wissensstand wirklich Hilfe zu erwarten ist und von welchen eher nicht, das haben Miriam Croessmann vom Sana Klinikum Offenbach und Professor Markus Rose von der Universität Frankfurt / Main in der Fachzeitschrift „Pneumologe“ zusammengefasst (Pneumologe 2016: 13: 262–273). Dabei steht die Anwendung bei Kindern im Zentrum.

Die „Ärzte Zeitung“ hat den Text zusammengefasst.

Ich greife nachfolgend die pflanzlichen Präparate als Zitate heraus und kommentiere sie stellenweise.

Zu den schleimlösenden Mitteln (Sekretolytika / Mukolytika) steht da:

„Sie sollen bei erkältungsbedingter Bronchitis den Schleim verflüssigen und das Abhusten erleichtern. Unter Acetylcystein kann ein erhöhtes Volumen von verflüssigtem Bronchialsekret auftreten, das unter anderem von jungen Kindern schlecht abgehustet werden kann. Von Efeupräparaten ist dies nicht zu befürchten. Sekretolytika / Mukolytika sollten vor allem bei Säuglingen und Kleinkindern eine strenge Indikationsstellung erfahren.“

Hier werden also das synthetische Acetylcystein und die pflanzlichen Efeupräparate erwähnt. Zur Wirksamkeit wird nichts gesagt, aber die Efeupräparate sind an einem Punkt verträglicher. Das am besten dokumentierte Efeupräparat ist Prospan® (zugelassen für Kinder ab zwei Jahren). Das beste Mukolytikum sei eine gute Befeuchtung der Atemwege und reichlich trinken, heisst es in dem Beitrag.

Dann geht es noch um ätherische Öle als Einreibemittel:

„ Vapor rub mit den Wirkkomponenten Kampfer, Menthol, Eukalytpusöl hat bei Kindern keine Wirkung auf Husten oder Schnupfen, aber Kind und Eltern schlafen besser. Eltern müssen aufgeklärt werden, dass Einreibemittel und Tropfen auf Basis ätherischer Öle zu Atemwegsreizungen bis zum Bronchospasmus führen können.“

Gemeint ist hier wohl „Wick Vaporub“ (D) bzw. „Vicks vaporub“ (CH). Menthol ist der Hauptbestandteil von Pfefferminzöl. Es löst auf der Haut und an der Nasenschleimhaut ein Kältegefühl aus, das nicht physikalisch durch tiefe Temperatur, sondern durch Bindung an einen Kälterezeptor ausgelöst wird. In der Nase wird dadurch der Luftstrom intensiver wahrgenommen, wodurch eine subjektive Empfindung des Besser-durchatmen-könnens entsteht. Sie lässt sich nicht objektivieren, das heisst, man kann nicht durch Messung nachweisen, dass mehr Luft durch die Nase geht. Aber immerhin wirkt das erleichternd auf die Beschwerden der verstopften Nase, so dass nachvollziehbar ist, dass erkältete Kinder besser schlafen. Dass auch die Eltern besser schlafen, ist wohl ein erwünschter Nebeneffekt.

Ich würde allerdings bei Säuglingen und Kleinkindern als Einreibemittel nur mentholfreie Produkte verwenden. Als Regel gilt zudem, dass bei Säuglingen und Kleinkindern ätherische Öle nicht konzentriert in der Nähe der Atemöffnungen eingesetzt werden sollten.

Interessanterweise ist die Wirksamkeit von Honig gegen Hustenreiz recht gut belegt:

„Honig: Bei Kindern im Alter über einem Jahr kann ein Löffel Honig am Abend Husten und Nachtschlaf günstig beeinflussen.“

Siehe:

Erkältungen: Honig hilft gegen Husten

Hausmittel: Heisse Milch mit Honig gegen Husten

Erkältungsmittel: Hustenstiller und Schleimlöser

Honig lindert Erkältungen bei Kleinkindern

 

Und dann kommt Knoblauch:

„Knoblauch: Laut einer Cochrane-Analyse können Knoblauchtabletten möglicherweise Erkältungen vorbeugen, haben aber keinen Einfluss auf die Dauer von Erkältungen.“

Diese Cochrane-Analyse ist sehr interessant. Sie basiert aber auf nur einer Studie.

Siehe:

Schützt Knoblauch vor Erkältungen?

 

Für Kinder dürfte Knoblauch zur Prophylaxe von Erkältungen geruchlich allerdings wohl etwas schwierig sein.

Dann der Klassiker der pflanzlichen Immunstimulantien: Echinacea / Sonnenhut:

„Echinacea: Es gibt keine überzeugenden Daten für den therapeutischen Einsatz von Echinacea bei Erkältungen, allenfalls für eine leichte prophylaktische Wirkung.“

Diese Einschätzung ist ziemlich ernüchternd. Sie beruht wohl auf dem Cochrane-Review von 2014:

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24554461

Meinem Eindruck nach gibt es schon Leute, die von einer Echinacea-Einnahme profitieren. Klar scheint mir aber auch, dass die Erwartungen, die von der Werbung geweckt werden, durch die Studienlage nicht gedeckt sind.

Und dann weiter zu „Umckaloabo“, der alten Zulu-Heilpflanze aus Südafrika:

„Umckaloabo: Der Extrakt aus Pelargonium sidoides soll immunstimulierend, hustenstillend und schleimlösend wirken. In RCTs ist die Wirksamkeit bei Erwachsenen mit Erkältung oder akuter Rhinosinusitis sowie bei Erwachsenen und Kindern mit akuter Bronchitis gezeigt worden. Die Qualität der Evidenz sei niedrig, so Croessmann und Rose.“

„Umckaloabo“ ist auch als „Kapland-Pelargonie“ im Handel. Die relevanten Studien wurden alle mit dem Extrakt bzw. Präparat „Umckaloabo®“ durchgeführt (in der Schweiz nach ärztlicher Verordnung kassenpflichtig als Kaloabo®). Die Ergebnisse können nicht auf andere Produkte mit Kapland-Pelargonie übertragen werden, die zum Beispiel als Hausspezialitäten in Apotheken und Drogerien angeboten werden.

Bei Kindern seien günstige Effekte auf nasale Symptome und auf den Verbrauch von Dekongestiva durch Meerwasser-Spülungen dokumentiert, heisst es im Beitrag weiter (Dekongestiva hier = Abschwellende Nasentropfen).

Ausserdem wird darauf hingewiesen, dass für Vitamin C keine eindeutigen therapeutischen Effekte bei Erkältungen belegt sind. Das konnte für die Normalbevölkerung schon durch eine ganze Reihe von Studien belegt werden. Eine Ausnahme scheinen Sportler darzustellen, bei Ihnen kann die vorbeugende Einnahme die Erkältungshäufigkeit auf rund die Hälfte reduzieren. Siehe dazu auf „Medizin transparent“:

Vitamin C beinahe nutzlos gegen Erkältungen

Zum Nutzen der Luftbefeuchtung seien die Studienergebnisse widersprüchlich, wird im Artikel vermerkt.

Die Originalpublikation in der Zeitschrift „Der Pulmologe“ fasst als Ergebnis für Kinder zusammen:

„Bei Kindern gibt es für häufig als Erkältungsmittel angewandte Substanzen wie Hustensäfte oder Echinaceapräparate keine konsistente Datenlage. Potenziell nützlich sind ätherische Einreibungen (Vapor rub, cave: Reizungen), Zink, Pelargonium sidoides und Honig.“

Quellen

http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/infektionskrankheiten/erkaeltungskrankheiten/article/922746/erkaeltung-helfen-diese-20-therapien-wirklich.html

Der Pneumologe, Juli 2016, Volume 13, Issue 4, pp 262–273

http://link.springer.com/article/10.1007/s10405-016-0052-3

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

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Aloe vera als Wundheilmittel

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In der Zeitschrift für Phytotherapie (2/2016) befasst sich Prof. Karin Kraft mit dem Thema „Phytotherapie in der Wundbehandlung“. Dabei geht es in einem Kapitel um Aloe-Gel als Wundheilmittel. Die Autorin Karin Kraft ist Professorin am Lehrstuhl für Naturheilkunde der Universität Rostock und eine ausgezeichnete Kennerin der Phytotherapie.

Nachfolgend eine Zusammenfassung dieses Abschnitts:

Aloe-Gel wird aus den Parenchymzellen der frischen oder lyophilisierten Blätter von Aloe barbadensis (Aloe vera, Aloe vulgaris) nach dem Entfernen der grünen Anteile gewonnen. Seine Hauptinhaltsstoffe sind Mucopolysaccharide, Enzyme, Anthranoide, Lignin, Saponine, Salizylsäure und Mineralstoffe.

Aloe-Gel beziehungsweise seine Inhaltsstoffe wirken in verschiedenen Untersuchungsmodellen bakterienhemmend, antioxidativ, schmerzstillend und entzündungshemmend. Das Gel stimuliert auch das Wachstum von basalen Keratinozyten im Reagenzglas. Hinweise auf eine lokale oder systemische Toxizität wurden bisher nicht gefunden

In Tierversuchen mit Mäusen zeigte eine Aloe-Behandlung wundheilende Effekte. Solche Experimente lassen sich aber nicht einfach so auf menschliche Wunden übertragen.

Der Wirksamkeitsnachweis von Aloezubereitungen durch Studien an Wunden bei Menschen ist noch nicht befriedigend gelungen.

Die Cochrane Collaboration fasste im Jahr 2012 in einem Review die Ergebnisse von 7 randomisierten und kontrollierten Therapiestudien mit Aloe-vera-Zubereitungen bei akuten und chronischen Wunden zusammen. Die Studien hatten eine sehr geringe Qualität. Eine randomisierte Studie bei Brustkrebspatientinnen mit Hautschäden nach Bestrahlung kam zum Schluss, dass nur neutraler Puder, nicht jedoch Aloe-Creme oder Basis-Creme wirksam waren.

Patienten mit Druckulcera, diabetischen oder venösen Ulcera wurden in einer randomisierten, doppelblinden Studie während 30 Tagen entweder mit einer Aloe vera/Olivenöl- oder mit einer Phenytoin-haltigen Creme behandelt. Dabei wirkte die Aloe vera/Olivenöl-Creme signifikant besser wundheilungsfördernd und analgetisch.

Die Autorin Prof. Karin Kraft zieht den Schluss: „Aloe-Spezies haben damit zwar ein Potenzial bei der Indikation ‚Unterstützung der Wundheilung’, weitere klinische Studien mit exakt definierten Zubereitungen sind jedoch erforderlich.“

Quelle: Zeitschrift für Phytotherapie Nr. 2 / 2016

https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/html/10.1055/s-0042-105039#R10-1055-s-0042-105039-31 (Zugang nur für Abonnenten)

Kommentar & Ergänzung:

Mit Aloe vera gibt es einen völlig absurden Hype. Irgendwelche Beschwerden zu finden, gegen die Aloe vera nicht helfen soll, dürfte schwer fallen. Das ist typische Indikationslyrik.

Inzwischen gibt zudem schon Putz- und Waschmittel mit Aloe vera – oder Stumpfhosen für schöne Beine….

Das ist reines Marketing. Ein Produkt, auf dem steht: „Mit Aloe vera“, verkauft sich einfach besser. Ob Aloe vera darin überhaupt eine Wirksamkeit entfalten kann und in der nötigen Konzentration vorhanden ist, spielt keine Rolle.

Im Bereich der Wundheilung scheint Aloe vera jedoch tatsächlich eine günstige Wirkung zu haben, auch wenn die Belege aus Studien dazu noch mager sind.

Bei kleinen Verbrennungen und bei Sonnenbrand wird Aloe vera frisch aufgelegt oder als Gel eingesetzt – und viele Anwender machen damit gute Erfahrungen. Eine kühlende und entzündungswidrige Wirkung ist jedenfalls plausibel.

Bei schlecht heilenden Wunden wie beim Ulcus venosum (venöses Unterschenkelgeschwür) könnte auch der Gel aus den Blättern über eine Feuchthaltung der Wunde günstig wirken und die Granulation fördern.

Bei den Aloe-Gelen aus dem Handel gibt es grosse Qualitätsunterschiede. Sie sind nicht als Arzneimittel, sondern als Kosmetika im Markt. Dadurch müssen die Hersteller keine Wirksamkeit belegen, was die Motivation der Hersteller für die Finanzierung grosser Studien sehr reduziert.

Ursprünglich wurde Aloe vera in der Heilkunde vor allem als starkes Abführmittel eingesetzt. Dazu verwendet man den Zellsaft, der nach dem Abschneiden der Blätter austritt. Durch Eindampfen an der Sonne oder im Vakuum entsteht eine braune bis schwärzliche Substanz, die als Hauptwirkstoff das Anthranoid Aloin enthält. Die therapeutische Bedeutung von Aloe vera als Abführmittel ist stark zurückgegangen, da es deutlich verträglichere Wirkstoffe gibt.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Lavendelöl-Präparat (Lasea®) bei Ängstlichkeit und Unruhe – jetzt auch in der Schweiz zugelassen

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Lasea® ist ein Phytopharmakon auf der Grundlage von Lavendelöl, welches bei Ängstlichkeit und Unruhe zur Behandlung von Erwachsenen angewendet wird.

Lasea® ist schon seit mehreren Jahren in Deutschland als Arzneimittel auf dem Markt und nun auch in der Schweiz zugelassen.

Angstlösende und beruhigende Eigenschaften konnten für das Lavendelöl-Präparat in zwei placebokontrollierten Studien nachgewiesen werden: Patienten, die Lasea® eingenommen hatten, erzielten im Vergleich zur Placebogruppe bessere Resultate in der Hamilton Anxiety Scale (HAMA) bezüglich Ängstlichkeit und Unruhe.

Lasea® löst keine Sedierung aus, ist gut verträglich und frei von Missbrauchspotential.

Literatur:

– Fachinformation Lasea®

– Deutsche Apotheker Zeitung, 2/2010

Quelle:

http://www.pharmavista.net/content/default.aspx?http://www.pharmavista.net/content/NewsMaker.aspx?ID=5416&NMID=5417&LANGID=2

 

Kommentar & Ergänzung:

Bei leichten generalisierten Angststörungen ist Lasea® eine gute Option. Hilft vielleicht nicht in jedem Fall, ist aber viel sicherer als Tranquillizer, die bei den Indikationen Ängstlichkeit und Unruhe zu häufig verschrieben werden und oft zu Abhängigkeit führen.

Siehe auch:

Studie bestätigt Wirksamkeit von Lavendelöl-Kapseln Lasea® bei Angststörungen

BfArM wehrt sich gegen Kritik an der Zulassung des Lavendelöl-Präparats Lasea®

Arznei-Telegramm kritisiert Lavendelöl-Präparat Lasea®

Lavendelöl-Kapseln gegen Angst und Depressionen

Lavendelöl-Präparat bei Angststörungen

Lavendelöl: Keine Interaktionen mir der „Pille“

 

Lavendelöl-Kapseln reduzieren Angst bei Depressionen (Fallstudie)

Studie: Lavendelöl lindert Angststörungen

Lavendelöl reduziert Angst und bessert den Schlaf

Phytotherapie: Lavendelöl als Angstlöser

 

 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Schützt Knoblauch vor Erkältungen?

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Knoblauch wird seit sehr langer Zeit als Kulturpflanze und Heilpflanze verwendet. Er soll nach weit verbreiteter Überzeugung vor Erkältungen schützen. Begründet wird diese Ansicht mit der langen Tradition und mit Laboruntersuchungen, in denen Knoblauch sich gegen Bakterien und Viren wirksam zeigte.

Nun kann sich Tradition aber auch irren. Siehe dazu:

Komplementärmedizin – hat Tradition Recht?

Und was im Labor Viren und Bakterien tötet, kann das nicht zwingend auch im lebenden Organismus.

Mit Stand vom 7. August 2014 fanden die Cochrane-Forscher acht Studien zur Wirksamkeit von Knoblauch gegen Erkältungen, wovon aber nur eine die Kriterien für den Review erfüllte. An dieser Studie nahmen 146 Versuchspersonen über drei Monate teil. Die Hälfte der Probanden bekam während dieses Zeitraums ein Placebo, die andere Hälfte eine Knoblauchtablette. Die Probanden führten zudem ein Tagebuch, wenn sie Erkältungssymptome bei sich feststellten.

 

Hauptresultate

Die eingeschlossene Studie kam zu dem Resultat, dass die Versuchspersonen, die über drei Monate hinweg täglich eine Knoblauchtablette schluckten (anstelle eines Placebos), seltener an einer Erkältung litten. Im Einzelnen traten in den drei Monaten in der Knoblauchgruppe 24 Erkältungen auf, in der Placebogruppe dagegen waren es 65. Wenn die Probanden eine Erkältung hatten, war die Krankheitsdauer in beiden Gruppen ähnlich (4,63 bzw. 5,63 Tage).

Mehr Probanden aus der Knoblauchgruppegruppe (vier) als aus der Placebogruppe (einer) bemerkten einen Geruch beim Aufstoßen (nicht ganz unerwartet, M.K.).

Die Forscher halten es daher für möglich, dass die Verblindung der Versuchspersonen nicht genügte. Sie können also gemerkt haben, ob sie der Knoblauchgruppe oder der Placebogruppe zugeteilt sind.

Ansonsten beurteilen die Wissenschaftler die Studie aber recht positiv.

Andere mögliche Biasquellen (systematische Verzerrungen der Resultate) waren ihrer Ansicht nach gut kontrolliert. Die einzige eingeschlossene Studie sei für die Fragestellung des Reviews von direkter Bedeutung. Auch wenn es sich um eine kleine Studie handle, reiche die Teilnehmerzahl aus, um genaue und verlässliche Resultate zu liefern. Die Forscher fanden auch keine Hinweise darauf, dass die Resultate selektiv berichtet wurden. Grundsätzlich bestehe diese Möglichkeit allerdings, da die Endpunkte offenbar nicht im Voraus bestimmt wurden.

Da für Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln ein finanzieller Anreiz bestehe, positive Studien zu präsentieren, sei es möglich, dass Studien, in denen Knoblauch keine Wirkung zeigte, gar nicht erst publiziert wurden. Insgesamt sei die Qualität der Evidenz (Belege) moderat.

Die Forscher gehen auch auf unerwünschte Nebenwirkungen der Knoblauchtherapie ein.

Zu den möglichen unerwünschten Nebenwirkungen zählten in dieser kleinen Studie Geruchsbildung und Hautausschlag. Die Wissenschaftler merken an, dass weitere Informationen über die möglichen Nebenwirkungen von Knoblauch benötigt werden.

Quelle:

http://www.cochrane.org/de/CD006206/knoblauch-gegen-grippale-infekte

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD006206.pub4/abstract;jsessionid=8F284CF01EF34947272F580DC88820DB.f03t04

 

Kommentar & Ergänzung:

Mich hat überrascht, dass die Cochrane-Collaboration eine Metaanalyse macht zur Wirksamkeit von Knoblauch gegen Erkältungen. Knoblauch-Forschung dreht sich meistens um Themen im Bereich Herz-Kreislauf – Stichwort Bluthochdruck, Cholesterinspiegel, Verbesserung der Blutfliesseigenschaften. Traditionell wird Knoblauch zwar schon seit langen bei Infektionskrankheiten eingesetzt – früher sogar bei Pestepidemien. Die Forschung in diesem Bereich beschränkt sich aber meistens auf Experimente im Labor, bei denen sich immer wieder interessante antimikrobielle Wirkungen von Knoblauch zeigen. Kontrollierte Studien an Menschen, die solche Wirkungen quasi auch im lebenden Biotop zeigen, sind aber selten (und viel aufwendiger).

Immerhin hat die Cochrane-Forschergruppe acht Studien zu dieser Frage gefunden.

Die Cochrane-Collaboration versucht solche Fragen mit Metastudien zu klären. Dazu werden alle Studien zu einer bestimmten Fragestellung ausgewertet, die vorgängig festgelegten Qualitätskriterien genügen. Das Resultat der Metastudie soll verlässlicher sein als Einzelstudien, bei denen immer mit irgendwelchen Verzerrungen zu rechnen ist.

Dumm natürlich nur, wenn von den acht gefundenen Knoblauchstudien nur eine den Qualitätskriterien genügt. Mit einer Studie allein lässt sich keine Metastudie machen.

Aber immerhin: Diese eine Studie schätzen die Forscher von der Qualität her nicht allzu schlecht ein. Und die Ergebnisse sind durchaus bemerkenswert. Nötig wäre nun eine zweite qualitativ gute Studie, die das Ergebnis bestätigt.

Die Forscher sprechen im übrigen mit der fraglichen Verblindung ein Problem an, das wohl alle Knoblauchstudien betrifft. Verblindung ist ein Kernpunkt aller kontrollierten Studien: Die Probanden dürfen nicht wissen, ob sie zur Placebogruppe gehören oder das zu testende Mittel (Verum) bekommen. Gute Studien werden sogar doppelt verblindet: Auch die beteiligten Ärzte dürfen nicht wissen, ob sie in der Studie einem bestimmten Patienten Placebo oder Verum verabreichen.

Funktioniert die Verblindung nicht, kann das Ergebnis deutlich verfälscht werden.

Wird Knoblauch in einer wirksamen Dosis verabreicht, merken das aber in der Regel sowohl die Testpersonen als auch die beteiligten Ärzte am Geruch.

Die mangelhafte Verblindung kann man in diesem Fall jedenfalls nicht den Forschern zum Vorwurf machen. Sie liegt quasi in der Materie begründet.

Die in der Studie untersuchte Knoblauchtablette enthielt übriges 180 mg Allicin (= Knoblauchwirkstoff) und wurde einmal täglich eingenommen. Frische, unverletzte Knoblauchzwiebeln enthalten 0,5 bis 1,3% Allicin. Dreisatz….

100 g Knoblauch enthalten 500 mg bis 1300 mg Allicin.

Wieviel frischen Knoblauch braucht es, um 180 mg Allicin zuzuführen?

Nach meiner Rechnung: 36 g (bei Gehalt 0.5 %) bis 14 g (bei Gehalt 1,3%).

Das ist ja nicht gerade wenig und könnte möglicherweise soziale Nebenwirkungen verursachen……

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Neurologen warnen vor Falschdiagnosen und Übertherapie der Neuroborreliose

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Vor einer unzureichenden Diagnostik und einer falschen Behandlung der durch Zecken übertragenen Erkrankung Neuroborreliose warnt die Deutsche Gesellschaft für Neurologie. „Viele Patienten, die wegen einer vermeintlichen chronischen Borreliose zum Teil über Monate hinweg Antibiotika bekommen, sind gar nicht daran erkrankt“, erklärte der Neuroinfektiologe Sebastian Rauer vom Universitätsklinikum Freiburg auf der Jahrestagung der Fachgesellschaft in Mannheim.

Gemäss Rauer ist die vermeintliche chronische Borreliose jedoch eine umstrittene Krankheit. Zahlreiche Patienten und auch eine Reihe von Ärzten machten eine nicht erkannte oder unzureichend behandelte Infektion mit Borrelien für die unterschiedlichsten Beschwer­den verantwortlich. Von Zecken übertragene Krankheitserreger sollen noch Jahre nach dem Zeckenstich bei den Patienten zu Erschöpfung führen, hinter Konzentrationsstörungen und Gedächtnisproblemen stecken, auf die Stimmung drücken, Kopfschmerzen, wandernde Gelenkschmerzen oder Muskelschmerzen und zahlreiche weitere schwer fassbare Beschwerden auslösen.

Die vermeintliche chronische Borreliose werde jedoch häufig mit Labortests abgesichert, die nicht genügend geprüft seien, sagte Rauer.

Der Spezialist für Neuroinfektiologie unterstrich in Mannheim, dass die Infektion mit einer zwei‐ bis dreiwöchigen Antibiotikatherapie gemäss Studienlage in den meisten Fällen folgenlos ausheilt. Auch Ralf Gold, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) sieht keine Anhaltspunkte, dass eine längere Therapie oder eine Kombination von Antibiotika einen Vorteil bringt.

Die Neurologen raten ausdrücklich von einer Langzeittherapie mit Antibiotika  ab. Die Übertherapie setze die Patienten einem unnötigen Risiko aus.: „Wenn die Antibiotika nach zwei bis drei Wochen nicht anschlagen, bringen auch weitere Wochen oder gar Monate nichts“, sagt  Rauer. Das sei eher ein Hinweis, dass keine Neuroborreliose, sondern etwas anderes hinter den Beschwerden stecke, erklärt der Neuroinfektiologe.

Quelle: http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/70644/Neurologen-warnen-vor-Falschdiagnosen-und-Uebertherapie-der-Neuroborreliose

Kommentar & Ergänzung:

Die Diagnostik der Borreliose und die Interpretation der verschiedenen Laboruntersuchungen scheint oft alles andere als einfach zu sein. Die Borreliose mit ihrem vielfältigen Beschwerdebild bietet sich auch gerade zu an, unterschiedliche und oft diffuse Beschwerden mit dem Etikett „Borreliose“ zu erklären. Die Unerklärlichkeit von Beschwerden ist oft schwer auszuhalten. Da erleichtert manchmal eine Diagnose, auch wenn sie falsch oder schwerwiegend ist.

Ergänzend noch Anmerkungen zur Borreliose aus phyt0therapeutischer Sicht:

Heilpflanzen-Anwendungen können bei Borreliose in manchen Fällen unterstützend wirken und symptomatisch Beschwerden lindern, zum Beispiel durch Schmerzreduktion, Entzündungshemmung oder Verbesserung der Befindlichkeit. Eine ursächliche Behandlungsmöglichkeit durch Eliminierung der Borrelien mittels Heilpflanzen-Anwendungen ist nicht bekannt. Für die von Wolf-Dieter Storl als Borreliose-Heilmittel propagierte Kardentinktur gibt es auch nach vielen Jahren, in denen sie von zahlreichen Menschen ausprobiert wurde, immer noch keine einzige bestätigte Heilung und auch keine glaubwürdige Erklärung, wie eine Wirksamkeit zustande kommen könnte. Kontrollierte Studien mit Patienten haben die Karde-Propagandisten keine vorgelegt. In Laboruntersuchungen zeigte Karde eher eine wachstumsfördernde Wirkung auf Borrelien.

Heilungsberichte mit Kardentinktur, wie sie immer wieder mal im Internet auftauchen, basieren mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auf Placebo-Effekten, auf dem natürlicherweise schwankenden Verlauf der Erkrankung, wodurch jede Besserung der Symptome als Heilung interpretiert werden kann, auf Fehldiagnosen (es liegt gar keine Borreliose vor) oder auf der Tatsache, dass eine Borrelieninfektion bei einer grösseren Zahl von Menschen auch ohne Behandlung zum stehen kommt. Die Antibiotika-Behandlung im Frühstadium (zum Beispiel bei einer „Wanderröte“) macht man für diejenigen Personen, bei denen die Infektion nicht von selber zum stehen kommt, wobei man eben im voraus leider nicht weiss, wer zu welcher Gruppe gehört.

Ein paar kritische Fachtexte, die ich vor einigen Jahren zum Thema Karde & Borreliose geschrieben habe, finden Sie hier.

Ich habe auf diese Texte zwar eine ganze Reihe von bösen Mails bekommen – am beliebtesten war die Frage, wieviel mir die Pharmaindustrie für diese Beiträge bezahlt hat. So einfach kann man es sich machen…. Fundierte Argumente, die die Kritik in Frage stellen oder die Wirksamkeit der Kardentinktur belegen, sind jedoch bisher keine gekommen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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