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Heilpflanzen-Anwendungen bei Neandertalern?

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Die Neandertaler (Homo neanderthalensis) starben vor etwa 40.000 Jahren aus – etwa zur selben Zeit, als sich der moderne Mensch (Homo sapiens) in Europa ausbreitete.

Forscher um Laura Weyrich und Alan Cooper von der australischen University of Adelaide untersuchten Neandertaler-Zähne aus zwei Höhlen im heutigen Belgien und Spanien.

Insgesamt analysierte die Wissenschaftler Erbgut aus dem Zahnstein von vier Neandertalern, wovon zwei aus der Höhle El Sidrón in der nordspanischen Region Asturien stammten.

Der Neandertaler „El Sidrón 1″ aus Spanien wurde wegen seines guten Erhaltungszustands besonders eingehend analysiert.

Den Forschern zufolge war er ziemlich krank. Sein Verdauungstrakt war von Parasiten befallen, er hatte Durchfall und litt an einem Zahnabszess. Gegen letzteres wusste sich der Neandertaler aber offenbar zu helfen. In seinem Zahnstein fanden die Forscher DNA-Reste der Westlichen Balsam-Pappel (Populus trichocarpa). „Er aß Pappel, die das Schmerzmittel Salicylsäure enthält“, erläutert dazu Studienleiter Cooper. Auf Abkömmlingen der Salicylsäure basiert das Arzneimittel Acetylsalicylsäure (ASS) – besser bekannt unter dem Handelsnamen Aspirin. „Offenbar kannten sich die Neandertaler gut mit medizinischen Pflanzen aus und kannten ihre entzündungshemmende und schmerzstillende Wirkung“, kommentiert Cooper.

Jean-Jacques Hublin, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, der an der Studie nicht beteiligt war, hält die Schlussfolgerung, dass der Neandertaler gezielt schmerzstillende Pappel aß für „ziemlich überzeugend“. Die Hauptschwäche der Studie liege aber darin, dass nur vier Neandertaler von zwei Fundstellen untersucht wurden.

http://www.n-tv.de/wissen/Neandertaler-assen-natuerliche-Schmerzmittel-article19740070.html

Kommentar und Ergänzung:

Da nur vier Skelette untersucht wurden und nur bei „El Sidrón 1“ diese Kombination von Zahnabszess und Pappelkonsum gefunden wurde, lässt sich daraus natürlich noch nicht schliessen, dass die Pappel bei den Neandertalern als Schmerzmittel quasi zur „Höhlenapotheke“ gehörte. Allerdings ist Pappel weder besonders schmackhaft noch nährstoffreich und darum ist schwer vorstellbar, wozu „El Sidrón 1“ über längere Zeit Pappel gekaut haben soll.

In der heutigen Phytotherapie wird als Salicylat-Pflanze vor allem die Weidenrinde verwendet. Ihr Gesamtsalicylgehalt sollte mindestens 1 % sein, wird jedoch von vielen Arten nicht erreicht. Hohe Gehalte findet man in Salix purpurea (6-8,5 %), Salix daphnoides (4,9-5,6 %) und Salix fragilis (3,9-10,2 %).

Im Unterschied zu Acetylsalicylsäure (Aspirin) beeinflussen Weidenrindenextrakte die Thrombozytenfunktion nicht. Die Salicinverbindungen der Weidenrinde bewirken im Unterschied zu Aspirin keine Verzögerung der Blutgerinnung, weshalb sie auch zur Schmerzbehandlung nach Operationen verwendet werden können.

Leider wurde das am besten wissenschaftlich geprüfte Weitenrindenextrakt-Präparat „Assalix“ vom Hersteller Bionorica aus dem Markt genommen – aus „portfoliostrategischen Gründen“ (was auch immer das bedeuten mag).

Pappelblätter und Pappelrinde aus der Zitterpappel (Espe) sind Bestandteil der „Phytodolor Tinktur“ (neben Goldrutenkraut und Eschenrinde). Das Präparat wird zur Linderung leichter Gelenkschmerzen bei Arthrose eingesetzt. Phytodolor ist in Deutschland und Österreich im Handel, nicht jedoch in der Schweiz.

Da haben wir also wieder einmal diesen schönen grossen Bogen von den Heilpflanzen-Anwendungen aus den Anfängen der Menschheit bis zur modernen Phytotherapie.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

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Vaginalcreme mit Fenchel gegen Scheidentrockenheit

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Eine Vaginalcreme mit Fenchel reduzierte in einer Studie die Symptome postmenopausaler Scheidentrockenheit.

Während der Wechseljahre wird die Östrogenproduktion im weiblichen Organismus vermindert. Dabei kommt es bei beinahe 40 % der Frauen zu Symptomen wie Brennen, Jucken, Scheidentrockenheit und Dyspareunie (Schmerzen während des Geschlechtsverkehrs). Der pH-Wert in der Vagina erhöht sich, was dazu führt, dass Krankheitserreger sich leichter ansiedeln und Entzündungen auslösen können. Sexuelle Aktivität kann dieser Entwicklung entgegen wirken, doch zahlreichen Frauen bleibt nur der Griff zu Cremes und Gleitmitteln.

Fenchelfrüchte aus Foeniculum vulgare werden sowohl in der traditionellen Medizin als auch in der modernen Phytotherapie eingesetzt. In einer Studie wurde untersucht, ob sich Scheidentrockenheit mit einer lokal anwendbaren Fenchelcreme lindern lässt.

Für die Studie wurde eine speziell hergestellte 5-prozentige Fenchelcreme an 30 postmenopausalen Frauen getestet. Die Probandinnen der Kontrollgruppe in dieser randomisierten Doppelblindstudie bekamen dagegen eine Placebo-Creme. Die Symptome Brennen, Jucken, Trockenheit, Färbung der Vagina und Dyspareunie wurden in ihrer Ausprägung vor Behandlungsbeginn sowie nach zwei, vier und acht Wochen erfasst.

Ein Abstrich diente der zytologischen Untersuchung und wurde beim Start und acht Wochen nach der Behandlung durchgeführt, ebenso wie eine Messung des pH-Wertes im Scheidenmilieu.

Im Vergleich zur Placebo-Creme führte die Fenchelcreme sowohl zu einer der Verbesserung zytologischen Parameter als auch zu einer signifikanten Verminderung der Symptome. Keine der 30 Frauen in der „Fenchelcreme-Gruppe“ litt nach der 8-wöchigen Behandlung unter Juckreiz oder Trockenheit, lediglich eine Probandin berichtete von leichtem Brennen und zwei von Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Der pH-Wert, der vor der Behandlung bei allen Frauen über pH 5 lag, war am Schluss der Behandlungsphase bei allen Frauen in der Fenchelcremegruppe tiefer als pH 5.

In der Kontrollgruppe dagegen erfuhren die Studienteilnehmerinnen nur eine leichte Besserung mancher Symptome, der pH-Wert und die zytologischen Werte veränderten sich im Vergleich zu den Ausgangswerten nur geringfügig.

In keiner der beiden Gruppen zeigten sich unerwünschte Nebenwirkungen durch die Anwendung der Cremes.

Quelle:

http://www.carstens-stiftung.de/artikel/fenchelcreme-gegen-scheidentrockenheit.html

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26617271

Kommentar & Ergänzung:

Diese Studie ist eine Überraschung, weil Fenchel in der Phytotherapie bisher hauptsächlich zur Linderung von Verdauungsstörungen und als schleimlösendes Mittel bei Husten eingesetzt wird. Im Zusammenhang mit Scheidentrockenheit taucht Fenchel bisher nicht auf. Allerdings zeigen Inhaltsstoffe des Fenchels im Labor östrogene Eigenschaften und das dürfte auch der Hintergrund dieser Studie sein.

Die untersuchte Fenchelcreme ist bisher nicht im Handel erhältlich und leider ist aus dem Abstract nicht ersichtlich, welche Art von Fenchelzubereitung genau verwendet wurde. Eigentlich müsste Fenchelöl in einer Basiscreme passen, da die östrogenen Inhaltsstoffe Bestandteil dieses ätherischen Öls sind. Zu klären wäre dann allerdings die adäquate Konzentration. Bis auf der Basis dieser Studie ein Präparat mit belegter Wirksamkeit und geprüfter Verträglichkeit vorliegt, dürfte es also noch einige Forschungsanstrengungen brauchen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Hausmittel gegen Bronchitis: Knoblauch

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Das Portal Apotheke-Adhoc empfiehlt zum Thema Hausmittel bei Bronchitis:

„Knoblauch enthält Sulfide, die antibiotisch wirken und die Entzündung in den Bronchien lindern können. Zudem unterstützt er den Abtransport des Schleims aus den Bronchien. Die scharfe Knolle ist deshalb ein altbewährtes Hausmittel gegen Bronchitis. Essen Sie bei einer akuten Bronchitis mindestens zwei Zehen pro Tag.“

Quelle:

http://www.apotheke-adhoc.de/branchennews/alle-branchennews/branchennews-detail/blogads-welche-hausmittel-helfen-gegen-bronchitis/

Kommentar & Ergänzung:

Knoblauch hat eine sehr lange Tradition als Hausmittel gegen Erkältungen, aber auch gegen andere Infektionen. Knoblauch-Wirkstoffe wie Allicin zeigen im Labor gute Wirkungen gegen Bakterien. Wie stark mit solchen Effekten auch im menschlichen Organismus gerechnet werden kann, ist aber nicht klar belegt. Schliesslich ist doch ein grosser Unterschied zwischen der Situation im Labor, wo Knoblauch-Wirkstoffe direkt und in grosser Konzentration auf Bakterien einwirken können, und der Situation im lebenden Organismus eines Patienten. Dort sind so hohe Konzentrationen wie im Labor oft nicht erreichbar und es gibt viele Störfaktoren, die im Labor fehlen.

Interessant ist aber, dass vor kurzem eine Studie der renommierten Cochrane-Collaboration zum Schluss kam, dass Versuchspersonen, die über drei Monate hinweg täglich eine Knoblauchtablette schluckten, im Vergleich zu einer Placebo-Gruppe seltener an einer Erkältung litten. Hier handelt es sich also um einen vorbeugenden Effekt. Wenn die Versuchspersonen eine Erkältung hatten, war die Krankheitsdauer in beiden Gruppen ähnlich (4,63 bzw. 5,63 Tage). Die untersuchte Knoblauchtablette enthielt allerdings 180 mg Allicin und wurde täglich einmal eingenommen. Umgerechnet auf frischen Knoblauch würde das zwischen 14 g und 36 g ausmachen, was aus sozialen Gründen nicht alltagstauglich ist.

Siehe auch:

Schützt Knoblauch vor Erkältungen?

Apotheke-Adhoc weist im übrigen zu Recht auf die Grenzen der Selbstbehandlung bei Bronchitis hin:

„Bei jeder Verwendung von Bronchitis-Hausmitteln gilt: sollte sich innerhalb einer Woche keine Besserung zeigen oder hohes Fieber dazukommen, sollten Sie auf jeden Fall einen Arzt aufsuchen.“

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Holunderbeeren gegen Erkältungen

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Der Schwarze Holunder (Sambucus nigra) hat schon lange einen Ruf als Helfer bei Erkältungskrankheiten. In der Phytotherapie wird ein Tee aus Holunderblüten verwendet. Er soll schweisstreibend wirken bei fieberhaften Infekten, wobei diese Wirkung allerdings nicht geklärt oder gar belegt ist. Experimentelle Studien deuten zudem auf eine auswurffördernde Wirkung bei Husten hin.

Der Saft aus Holunderbeeren wird traditionell empfohlen zur Vorbeugung und Behandlung von Erkältungen.

Ein Spezialextrakt aus Holunderbeeren zeigte im Labor antivirale Aktivität gegen Influenzaviren vom Typ H1N1. Flavonoide aus den Holunderbeeren banden dabei an die Virusoberfläche und hemmten dadurch das Eindringen der Viren in die Wirtszellen.

Ob ein solcher Effekt auch im menschlichen Organismus auftritt, bleibt dabei allerdings offen. Überzeugende Daten aus Studien mit Patienten lagen bis vor kurzem nicht vor. Das könnte sich nun ein Stück weit ändern durch eine Studie, die im Jahr 2016 publiziert und in der Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“ erwähnt wurde:

„Auch Oma lag mit ihrem Holundertee wohl nicht so falsch. In einer Studie mit 312 Flugreisenden verringerten sich die Symptome und die Dauer von Erkältungen bei den Teilnehmern, die regelmäßig einen Extrakt aus Holunderbeeren (Sambucus nigra) zu sich genommen hatten. Holunderbeeren sind sehr vitaminhaltig; sie enthalten Kupfer, Zink und Magnesium sowie Polyphenole in beachtlichen Mengen, was den Körper bei der Auseinandersetzung mit den Schnupfenviren offensichtlich unterstützt.“

Quelle:

http://www.spektrum.de/news/hilft-huehnersuppe-gegen-erkaeltung/1432792?_ga=1.189200047.529023555.1471969798

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27023596

Nutrients. 2016 Mar 24;8(4):182. doi: 10.3390/nu8040182.

 

Kommentar & Ergänzung:

Die Studie war doppel-blind und placebokontrolliert.

Signifikant verringerten sich die Symptome und die Dauer von Erkältungen. In der Placebogruppe traten zudem mehr Erkältungen auf als in der Holunderbeeren-Extraktgruppe (17 versus 12), doch war dieser Unterschied nicht signifikant.

„Most cold episodes occurred in the placebo group (17 vs. 12), however the difference was not significant (p = 0.4). Placebo group participants had a significantly longer duration of cold episode days (117 vs. 57, p = 0.02) and the average symptom score over these days was also significantly higher (583 vs. 247, p = 0.05). These data suggest a significant reduction of cold duration and severity in air travelers. More research is warranted to confirm this effect and to evaluate elderberry’s physical and mental health benefits.“

Quelle: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27023596

Wenn das Ergebnis statistisch „signifikant“ ist, bedeutet das, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es zufällig zustande gekommen ist, unter 5% liegt (p < 0,05).

In der Studie wurde ein standardisierter Extrakt aus Holunderbeeren verwendet. Es ist offen, wieob und wie weit sich die Ergebnisse auf andere Zubereitungen aus Holunderbeeren übertragen lassen.

Wichtig ist jedoch: Der Genuss von rohen oder ungenügend erhitzten Holunderbeeren kann zu Übelkeit und Erbrechen führen. Sie enthalten nämlich den Giftstoff Sambunigrin. Erhitzt man die Holunderfrüchte, baut sich Sambinigrin vollständig ab.

Siehe auch:

Holunderbeeren – gesund und fein

Schwarzer Holunder: Holundersaft bei Grippe und Erkältung

Giftigkeit: Schwarzer Holunder – Roter Holunder – Zwergholunder

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Stollen, Glühwein, Zimtsterne: Schadet Zimt der Gesundheit?

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Das fragt Spiegel online reichlich spät am 24. Dezember. Jetzt sind sie doch zum grossen Teil schon gegessen, die Zimtsterne……

Aber tatsächlich: Warnungen, zu große Mengen an Zimt seien gefährlich, hört man immer wieder. Schauen wir uns mal genauer an, was es mit diesen Warnungen auf sich hat.

Als Lebensmittelkontrolleure 2006 zimthaltiges Gebäck untersuchten, schlugen sie Alarm, weil die Hersteller von Zimtsternen sich nicht einmal ansatzweise an die damaligen Cumarin-Höchstwerte hielten.

Kurz darauf warnte das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) Verbraucher vor einer zu hohen Belastung mit Cumarin, wenn sie viel Zimt zu sich nehmen. Die Verunsicherung aufgrund dieser Warnung hält zum Teil bis heute an, obwohl unklar ist, ob das Cumarin aus Weihnachtsgebäck der Allgemeinbevölkerung real schadet.

Nach dem Bericht auf Spiegel online wurde der Zusammenhang nämlich entdeckt „bei Patienten, die täglich cumarinhaltige Medikamente einnahmen, um ihre Blutgerinnung zu hemmen. Ärzte beobachteten bei sechs bis acht von hundert Patienten Anzeichen für Leberschäden. In seltenen Fällen versagte die Leber ganz.“

Diese Aussage ist meines Erachtens fragwürdig, weil hier zwei Stoffklassen durcheinander gebracht werden. Bei den blutgerinnungshemmenden Medikamenten (z. B. Phenprocoumon, Präp: Marcoumar / Marcumar) handelt es sich um dimere Cumarine, während im Zimt einfache Cumarine vorliegen (ohne blutgerinnungshemmende Wirkung).

Cumarin wurde erstmals 1922 aus Tonkabohnen isoliert und jahrzehntelang als Aromatikum mit Vanillin-ähnlichem Geschmack in der Lebensmittelindustrie eingesetzt. In den 1950er-Jahren wurde dieser Verwendungszweck zuerst in den USA und dann in vielen anderen Ländern wegen des Verdachts auf krebsfördernde und leberschädigende Wirkungen verboten, weil die Verabreichung von Cumarin in grossen Dosen an Ratten und Hunde solche Effekte zeigte. Heute weiss man allerdings, dass die Verstoffwechselung von Cumarin beim Menschen anders verläuft und Cumarin in der Regel sehr rasch wieder ausgeschieden wird.

Spiegel online macht noch einen zweiten fragwürdigen Versuch, das Phänomen genauer zu fassen:

„Wie genau Cumarin das Organ schädigt, ist allerdings unklar. Eine kleine Studie mit 114 Patienten aus dem Jahr 2003 legt nahe, dass wohl vor allem Menschen mit Vorerkrankungen der Leber empfindlich reagieren. Setzten die Patienten die Medikamente wieder ab, bildeten sich die Schäden in der Regel zurück.“

In dieser Studie wurde ein Arzneimitttel zur Linderung von Venenbeschwerden hinsichtlich seiner Sicherheit untersucht, das Cumarin und Troxerutin enthielt. Die Testpersonen bekommen über 16 Wochen 30 mg Cumarin und 180 mg Troxerutin pro Tag. Im Gegensatz zur Darstellung auf Spiegel online traten weder Leberschäden noch andere ernsthafte Arzneimittelnebenwirkungen auf.

Siehe: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12776809

Spiegel online fährt fort:

„Dagegen gibt es keinerlei Berichte, dass vorweihnachtliche Zimtsternorgien Leberschäden auslösen. Das allein ist natürlich kein Freifahrtschein für hemmungslosen Zimtgenuss. Erhält jemand ein cumarinhaltiges Medikament, überwacht der Arzt die Blutwerte und erkennt bedenkliche Reaktionen schnell. Bei Weihnachtsmarkt-Fans passiert dies nicht.“

Hier kommt sie noch einmal, diese Vermischung mit den blutgerinnungshemmenden dimeren Cumarinen vom Typ Phenprocoumon.

Dennoch kann Spiegel online „gute Nachrichten für Zimtliebhaber“ verkünden:

„2014 fand das Chemische Landes- und Staatliche Veterinäruntersuchungsamt unter 24 Gebäckproben keine Überschreitungen mehr.“

Das liege zum einen daran, dass 2011 der Cumarin-Grenzwert in Gebäck angehoben wurde:

„In den Achtzigern hatten Experten ihn an der Nachweisgrenze, also möglichst gering, festgelegt. Damals deuteten Tierversuche darauf hin, dass Cumarin schon in winzigen Mengen krebserregend sein könnte. Das hat sich für Menschen glücklicherweise nicht bestätigt.“ (aus den Fünfzigern stammen die Tierversuche mit hohen Dosen…..M.K.).

Ein anderer Grund für die positive Entwicklung sei, dass die Lebensmittelhersteller nach der Diskussion von 2006 offenbar den Cumarin-Gehalt in ihren Produkten gesenkt haben.

Und was heisst das nun für die Gegenwart:

Das BfR hat Cumarin in Zimt 2012 neu bewertet. Bei Erwachsenen hält die Behörde nun 24 kleine Zimtsterne (120 Gramm) pro Tag bei einem 60 Kilo schweren Erwachsenen für vertretbar, zumindest, wenn er ansonsten keinen Zimt verzehrt. Im Jahr 2006 waren es nur acht (ungefähr 40 Gramm).

Und diese Menge Zimtsterne könnte man theoretisch das ganze Jahr über jeden Tag verspeisen, ohne Gesundheitsschäden durch Cumarin befürchten zu müssen.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) liess zudem verlauten, dass man über einen Zeitraum von ein bis zwei Wochen die dreifache Menge Cumarin aufnehmen darf, ohne dass Gesundheitsschäden drohen. Damit dürfen auch Spitzenzeiten im Advent abgedeckt sein.

Bei kleinen Kindern hält das BfR maximal sechs kleine Zimtsterne (30 Gramm) oder 100 Gramm Lebkuchen pro Tag für garantiert unbedenklich. Auch in diesem Fall lag der Grenzwert 2006 noch tiefer, nämlich bei vier kleinen Zimtsternen (20 Gramm) oder 30 Gramm Lebkuchen.

Aber so ganz entwarnen wollen die Behörden dann doch nicht, insbesondere bei Langzeiteinnahme. Spiegel online formuliert das so:

„Wer jeden Morgen Zimt übers Müsli streut oder regelmäßig Milchreis unter einer dicken Zucker-Zimt-Haube isst, erreicht allerdings schnell die empfohlene Höchstmenge: Nicht mehr als ein kleiner, abgestrichener Teelöffel Zimt am Tag (2 Gramm) sollte ein 60 Kilogramm wiegender Erwachsener täglich konsumieren. Bei Kleinkindern sollte nach einem halben Gramm Schluss sein.“

Ganz am Schluss des Artikels und nach vielem hin und her kommt dann doch noch der erlösende Hinweis, dass es auf die Zimtsorte ankommt:

„Für den eigenen Haushalt gibt einen einfachen Trick. Während bei fertig gebackenen Lebensmitteln meist nicht deklariert wird, welche Zimtsorte verwendet wurde, kann man zu Hause auswählen: Cassia-Zimt enthält durchschnittlich 3000 Milligramm Cumarin pro Kilogramm, das entspricht 0,3 Prozent. Auf ihn beziehen sich auch die Richtwerte des BfR.

In Ceylon-Zimt kommt Cumarin dagegen nur in Spuren vor: Ungefähr acht Milligramm pro Kilogramm sind enthalten, das entspricht 0,0008 Prozent.“

Wer selbst gern mit Zimt koche oder backe, sei mit dem cumarinarmen Ceylon-Zimt auf der sicheren Seite.

Quelle:

http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/zimt-ist-zu-viel-cumarin-gefaehrlich-mythos-oder-medizin-a-1126831.html

 

Kommentar & Ergänzung:

Keine Frage: Auch Pflanzen können schädliche Stoffe enthalten und es ist richtig, dass Behörden darauf ein wachsames Auge werfen.

Manchmal sieht es allerdings schon eigenartig aus, wenn jedes noch so theoretische Risiko ausgeschlossen werden soll, jahrelang darüber diskutiert wird und am Schluss dann Grenzwerte festgelegt werden, die in der Praxis sowieso kein vernünftiger Mensch überschreitet.

Hingegen ist der Hinweis durchaus nützlich, dass man falls möglich den cumarinarmen Ceylon-Zimt dem billigeren, aber cumarinreicheren Cassia-Zimt vorziehen soll.

In der Phytotherapie wird Zimt als verdauungsförderndes Gewürz empfohlen (Ceylon-Zimt) und kontrovers als unterstützendes Mittel bei Diabetes diskutiert. Bisher konnte ein ausreichender Wirksamkeitsnachweis in Studien zum Anwendungsbereich Diabetes nicht erbracht werden.

Siehe auch:

Zimt zur Senkung des Blutzuckers bei Diabetes

Zimt bei Diabetes: Zum aktuellen Stand des Wissens

Für Zimtsterne Ceylon-Zimt statt Cassia-Zimt verwenden

Zimt & Cumarin: Ceylon-Zimt unproblematischer als Cassia-Zimt

Cumaringehalt von Zimt schwankt stark

Pflanzenheilkunde: Zimt gegen Diabetes kontrovers beurteilt

Phytotherapie: Zimt regt den Magen an

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Saathafer – die Arzneipflanze des Jahres 2017

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Der Saathafer wurde vom Studienkreis „Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ an der Universität Würzburg zur Arzneipflanze des Jahres 2017 gewählt.

Der Saathafer (Avena sativa) ist ein Getreide und zählt zu den Süßgräsern (Poaceae oder Gramineae). Er bildet im Gegensatz zu Weizen, Roggen und Gerste seine Körner nicht in Ähren, sondern in vielfach verzweigten Rispen aus.

Die Haferkörner sind von Spelzen umschlossen, die durch einen speziellen Mahlgang entfernt werden müssen. Der Hafer liefert zwar tiefere Hektar-Erträge als Weizen, Roggen und Gerste, doch ist er diesen gegenüber beim Nährwert und nicht zuletzt beim Geschmack überlegen. Zudem ist Hafer weniger anspruchsvoll, denn er gedeiht auch auf kargen Böden und bei feuchter Witterung.

Drei Pflanzenteile des Saathafers stossen auf pharmazeutisches Interesse:

Haferstroh (Avenae stramentum) wird als Abkochung für Bäder bei Hautverletzungen und Juckreiz verwendet.

Für die Gewinnung von Haferkraut (Avenae herba) wird der Hafer vor seiner Blüte geerntet. Haferkraut ist reich an Flavonoiden, Saponinen und Mineralien (Kalium, Calcium, Magnesium), wobei den Flavonoiden entzündungshemmende und den Saponinen immunmodulierende Eigenschaften zugesprochen werden.

Haferkraut-Extrakte kommen daher bei trockener Haut und bei atopischer Dermatitis zur Anwendung.

In den Neunzigerjahren wurde in Frankreich durch Selektion eine Hafersorte mit einem besonders hohen Anteil an Flavonoiden und Saponinen gezüchtet, die schon sehr jung geerntet und durch ein besonderes Verfahren extrahiert wird. Der aufgereinigte Extrakt ist frei von Proteinen und wird für Hautpflegemittel wie Cremes, Körpermilch und Badezusätze eingesetzt, die für Allergiker speziell gut verträglich sein sollen. Seine Bedeutung für die Dermatologie wurde schon in neueren Fachpublikationen gezeigt. Haferkrautextrakt-Produkte werden aber auch zur Pflege von empfindlicher Haut (Babys, Senioren) und zur Behandlung von Wunden, Rosacea und nicht zuletzt von Psoriasis eingesetzt.

Das Haferkorn (Avenae fructus), aus dem die allseits bekannten Haferflocken hergestellt werden, ist reich an Ballaststoffen (Polysacchariden), von denen die löslichen β-Glucane etwa die Hälfte ausmachen.

In 100 Gramm Haferflocken sind etwa 4,5 Gramm β-Glucane enthalten, in der Haferkleie sind es sogar mehr als 8 Gramm pro 100 Gramm. Die β-Glucane geben dem Haferschleim seine Konsistenz. Indem sie die Verdauung und den Stoffwechsel beeinflussen, wirken sie sich günstig auf den Cholesterinspiegel und den Blutzuckerspiegel aus.

Die Fähigkeit der β-Glucane, Gallensäuren zu binden, führt wahrscheinlich zur Ausscheidung von Cholesterol und zur Reduktion des Gesamtcholesterol- und des LDL-Cholesterol-Spiegels, was einer Atherosklerose vorbeugen kann. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat im Jahr 2011 bestätigt, dass die Einnahme von Hafer-β-Glucanen zur Reduktion des Cholesterolspiegels beitragen kann.

Die unlöslichen Ballaststoffe regulierend ausserdem die Verdauungstätigkeit. Da sie die Aufnahme der Nährstoffe aus dem Darm in den Körper verzögern, steigt der Blutzuckerspiegel nach einer Mahlzeit zeitverzögert an, was eine geringere Ausschüttung von Insulin zur Folge hat. Schon vor 100 Jahren wurden daher diätetische „Hafertage“ für Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 eingeführt. Eine neuere Studie am Diabetologikum in Berlin hat gezeigt, dass die Insulindosis bei Patienten mit einem hohen Insulinbedarf nach zwei Hafertagen um bis zu 30 Prozent reduziert werden kann. Dieser günstige Effekt soll bis zu vier Wochen nachweisbar sein.

Haferflocken zeigen aber auch günstige Auswirkungen auf die Verdauungsorgane selbst. Die Darmwand wird durch die viskösen löslichen Ballaststoffe vor Reizen aus dem Darmlumen geschützt und ein empfindlicher Magen beruhigt.

Umstritten ist noch, ob Menschen mit Zöliakie zu Haferprodukten greifen können. Bei der Zöliakie entzündet sich die Schleimhaut des Darms nach dem Verzehr von Gluten, dem Kleber-Eiweiß in verschiedenen Getreidekörnern.

Gluten ist die dominierende Eiweissfraktion im Weizenkorn, Im Haferkorn herrscht dagegen das Globulin Avenalin mit 80% vor, während Gluten nur einen Anteil von 15 Prozent hat. Hirse, Mais und Reis gelten dagegen als glutenfrei.

Die Zusammensetzung des Glutens unterscheidet sich in den einzelnen Getreidearten und ihren Sorten. Allgemein besteht Gluten aus den Proteingemischen der Prolamine und Gluteline, die wegen ihres hohen Anteils an den Aminosäuren Prolin und Glutaminsäure so benannt worden sind.

Krankheitsauslösend sind bei der Zöliakie die Prolamine, allerdings mit unterschiedlicher Intensität. Für zahlreiche Zöliakie-Patienten ist zwar das Weizen-Prolamin Gliadin, nicht jedoch das Hafer-Prolamin Avenin unverträglich. Und die relative Unverträglichkeit des Avenins hängt zudem noch von der Hafersorte ab; es gibt Hafersorten, die sogar für eine glutenfreie Ernährung infrage kommen.

Mehrere Studien zur Verträglichkeit des Hafers bei Zöliakie-Patienten haben gezeigt, dass kleinere Mengen Hafer im allgemeinen gut vertragen werden. In Schweden und Finnland gilt die Aufnahme von bis zu 50 g Hafer pro Tag als unbedenklich. Es muss sich dabei jedoch um „nicht-kontaminierten Hafer“ handeln, der nicht mit anderem Getreide verunreinigt sein darf und speziell für diesen Zweck angebaut wird.

Der Studienkreis „Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ ist überzeugt davon, dass das diätetische und therapeutische Potenzial des Hafers noch nicht ausgeschöpft ist und hofft, dass die Arzneipflanze des Jahres 2017 Gegenstand weiterer Forschungen sein wird.

Quelle:

https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2016/10/28/noch-viel-potenzial-bei-hautkrankheiten-und-zoeliakie

Kommentar & Ergänzung:

Das ist eine ungewöhnliche Wahl, zählt doch der Hafer seit je her zu den Nahrungsmitteln und nicht zu den typischen Heilpflanzen. Nimmt man ihn aber aus der Perspektive der Heilwirkungen in den Blick, steht er in einem Übergangsbereich zwischen Phytotherapie und Ernährungstherapie. Und dieser Übergangsbereich ist durchaus interessant.

Wie gewohnt begründet der Studienkreis „Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ seine Wahl der Arzneipflanze des Jahres 2017 auch dieses Mal fundiert.

2016 war der Kümmel Arzneipflanze des Jahres, 2015 das Johanniskraut, 20114 der Spitzwegerich, 2013 die Kapuzinerkresse und 2012 das Süssholz.

Hier geht’s zur Website des Studienkreises:

http://www.welterbe-klostermedizin.de/index.php

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Aloe vera als Wundheilmittel

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In der Zeitschrift für Phytotherapie (2/2016) befasst sich Prof. Karin Kraft mit dem Thema „Phytotherapie in der Wundbehandlung“. Dabei geht es in einem Kapitel um Aloe-Gel als Wundheilmittel. Die Autorin Karin Kraft ist Professorin am Lehrstuhl für Naturheilkunde der Universität Rostock und eine ausgezeichnete Kennerin der Phytotherapie.

Nachfolgend eine Zusammenfassung dieses Abschnitts:

Aloe-Gel wird aus den Parenchymzellen der frischen oder lyophilisierten Blätter von Aloe barbadensis (Aloe vera, Aloe vulgaris) nach dem Entfernen der grünen Anteile gewonnen. Seine Hauptinhaltsstoffe sind Mucopolysaccharide, Enzyme, Anthranoide, Lignin, Saponine, Salizylsäure und Mineralstoffe.

Aloe-Gel beziehungsweise seine Inhaltsstoffe wirken in verschiedenen Untersuchungsmodellen bakterienhemmend, antioxidativ, schmerzstillend und entzündungshemmend. Das Gel stimuliert auch das Wachstum von basalen Keratinozyten im Reagenzglas. Hinweise auf eine lokale oder systemische Toxizität wurden bisher nicht gefunden

In Tierversuchen mit Mäusen zeigte eine Aloe-Behandlung wundheilende Effekte. Solche Experimente lassen sich aber nicht einfach so auf menschliche Wunden übertragen.

Der Wirksamkeitsnachweis von Aloezubereitungen durch Studien an Wunden bei Menschen ist noch nicht befriedigend gelungen.

Die Cochrane Collaboration fasste im Jahr 2012 in einem Review die Ergebnisse von 7 randomisierten und kontrollierten Therapiestudien mit Aloe-vera-Zubereitungen bei akuten und chronischen Wunden zusammen. Die Studien hatten eine sehr geringe Qualität. Eine randomisierte Studie bei Brustkrebspatientinnen mit Hautschäden nach Bestrahlung kam zum Schluss, dass nur neutraler Puder, nicht jedoch Aloe-Creme oder Basis-Creme wirksam waren.

Patienten mit Druckulcera, diabetischen oder venösen Ulcera wurden in einer randomisierten, doppelblinden Studie während 30 Tagen entweder mit einer Aloe vera/Olivenöl- oder mit einer Phenytoin-haltigen Creme behandelt. Dabei wirkte die Aloe vera/Olivenöl-Creme signifikant besser wundheilungsfördernd und analgetisch.

Die Autorin Prof. Karin Kraft zieht den Schluss: „Aloe-Spezies haben damit zwar ein Potenzial bei der Indikation ‚Unterstützung der Wundheilung’, weitere klinische Studien mit exakt definierten Zubereitungen sind jedoch erforderlich.“

Quelle: Zeitschrift für Phytotherapie Nr. 2 / 2016

https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/html/10.1055/s-0042-105039#R10-1055-s-0042-105039-31 (Zugang nur für Abonnenten)

Kommentar & Ergänzung:

Mit Aloe vera gibt es einen völlig absurden Hype. Irgendwelche Beschwerden zu finden, gegen die Aloe vera nicht helfen soll, dürfte schwer fallen. Das ist typische Indikationslyrik.

Inzwischen gibt zudem schon Putz- und Waschmittel mit Aloe vera – oder Stumpfhosen für schöne Beine….

Das ist reines Marketing. Ein Produkt, auf dem steht: „Mit Aloe vera“, verkauft sich einfach besser. Ob Aloe vera darin überhaupt eine Wirksamkeit entfalten kann und in der nötigen Konzentration vorhanden ist, spielt keine Rolle.

Im Bereich der Wundheilung scheint Aloe vera jedoch tatsächlich eine günstige Wirkung zu haben, auch wenn die Belege aus Studien dazu noch mager sind.

Bei kleinen Verbrennungen und bei Sonnenbrand wird Aloe vera frisch aufgelegt oder als Gel eingesetzt – und viele Anwender machen damit gute Erfahrungen. Eine kühlende und entzündungswidrige Wirkung ist jedenfalls plausibel.

Bei schlecht heilenden Wunden wie beim Ulcus venosum (venöses Unterschenkelgeschwür) könnte auch der Gel aus den Blättern über eine Feuchthaltung der Wunde günstig wirken und die Granulation fördern.

Bei den Aloe-Gelen aus dem Handel gibt es grosse Qualitätsunterschiede. Sie sind nicht als Arzneimittel, sondern als Kosmetika im Markt. Dadurch müssen die Hersteller keine Wirksamkeit belegen, was die Motivation der Hersteller für die Finanzierung grosser Studien sehr reduziert.

Ursprünglich wurde Aloe vera in der Heilkunde vor allem als starkes Abführmittel eingesetzt. Dazu verwendet man den Zellsaft, der nach dem Abschneiden der Blätter austritt. Durch Eindampfen an der Sonne oder im Vakuum entsteht eine braune bis schwärzliche Substanz, die als Hauptwirkstoff das Anthranoid Aloin enthält. Die therapeutische Bedeutung von Aloe vera als Abführmittel ist stark zurückgegangen, da es deutlich verträglichere Wirkstoffe gibt.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

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Schizophrenie: Häufigere Rückfälle bei Cannabis-Konsumenten

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Schizophrenie-Kranke, die nach der ersten Episode ihrer Psychose ihren Cannabis-Konsum fortsetzten, erleiden deutlich häufiger einen Rückfall als Patienten, die abstinent wurden. Zu diesem Schluss kommt eine prospektive Beobachtungsstudie, die im Fachjournal Lancet Psychiatry (2016; doi: 10.1016/S2215-0366(16)30188-2) publiziert wurde.

Riskant könnte insbesondere die Cannabis-Variante „Skunk“ sein, die einem besonders hohen Gehalt an Tetrahydrocannabinol (THC) aufweist.

Kognitive Störungen und psychotische Symptome können zu den aktiven Wirkungen der Cannabis-Drogen gehören. Nach dem Rausch normalisiert sich die Hirnfunktion zwar, doch vermuten viele Psychiater, dass der häufige Konsum von Cannabis die Entwicklung einer dauerhaften Psychose begünstigt.

Bei Patienten, die mit der ersten Episode einer Schizophrenie hospitalisiert wurden, war ein hoher Cannabis-Konsum auffällig.

Damit ist allerdings noch nicht zweifelsfrei belegt, dass der Cannabiskonsum ursächlich für das Auftreten der Schizophrenie-Episode ist.

Gemäss der sogenannten Selbstmedikationshypothese könnte der Cannabis-Konsum der Patienten nämlich auch ein (letztlich fehlgeschlagener) Versuch sein, die Symptome der Schizophrenie-Erkrankung durch Cannabis zu vermindern. Trifft diese Hypothese zu, sollten Patienten, die nach der Entlassung aus der Klinik weiterhin Cannabis konsumieren, ein reduziertes Risiko auf einen Rückfall haben.

In einer Gruppe von 256 Patienten, die Psychiater aus dem Süden Londons nach der ersten Episode ihrer Psychose betreuten, war jedoch das Gegenteil war der Fall.

Ein Rückfall trat bei denjenigen Patienten früher ein, die ihren Cannabis-Konsum nach der Entlassung aus der Klinik fortgesetzt hatten.

Besonders riskant scheint diesbezüglich der Konsum von „Skunk“ zu sein, einer Cannabis-Variante, die aus Pflanzen mit einem besonders hohen THC-Gehalt hergestellt wird.

Patienten, die täglich „Skunk“ konsumierten, hatten ein 3,28-fach erhöhtes Risiko für einen Rückfall.

Bei ihnen war es in einem Zeitraum von zirka zwei Jahren 1,77-fach häufiger zu mehreren Rückfällen gekommen und sie brauchten 3,16-fach häufiger eine intensive psychiatrische Behandlung.

Diese Risiken bestanden auch bei Patienten, die regelmäßig ihre Medikamente eingenommen hatten, allerdings in etwas abgeschwächtem Mass.

Die Resultate dieser Studie schließen nicht völlig aus, dass Patienten, bei denen die Medikamente nicht die erhoffte Wirkung erbrachten, eher geneigt waren, den Drogenkonsum fortzusetzen. Rachel Rabin von der Universität Toronto hält es in einem Kommentar zu den Ergebnissen jedoch für wahrscheinlicher, dass der Drogenkonsum den Rückfall begünstigt hat. Für diesen kausalen Zusammenhang spricht ihrer Ansicht nach, dass Patienten, die THC-ärmere Varianten wie Haschisch konsumierten, ein tieferes Rückfall-Risiko hatten. Haschisch hat eine geringere THC-Konzentration. Der Gehalt an Cannabidiol (CBD), dem antipsychotische Eigenschaften nachgesagt werden, ist dagegen höher.

In der Studie erkrankten allerdings auch Haschisch konsumierende Patienten häufiger an einem Rückfall als solche, die keine Drogen gebrauchten. Wissenschaftliche Belege für eine ärztliche Empfehlung zum illegalen Haschisch-Konsum kann aus den Studienresultaten sicher nicht abgeleitet werden. Rachel Rabin argumentiert jedoch, dass Haschisch das geringere Übel sein kann, wenn von einem fortgesetzten Cannabis-Konsum ausgegangen werden muss.

Quelle:

http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/70166/Schizophrenie-Cannabis-Konsumenten-erleiden-haeufiger-Rezidive

https://secure.jbs.elsevierhealth.com/action/getSharedSiteSession?redirect=http%3A%2F%2Fwww.thelancet.com%2Fpdfs%2Fjournals%2Flanpsy%2FPIIS2215-0366%2816%2930188-2.pdf&rc=0&code=lancet-site

 

Kommentar & Ergänzung:

Mit dieser Studie verdichten sich die Hinweise dafür, dass Cannabis-Konsum das Auftreten schizophrener Episoden fördern kann, jedenfalls bei entsprechendem Risiko. Kiffen kann zudem die Hirnentwicklung bei Jugendlichen ungünstig beeinflussen.

Das ändert aber nicht daran, dass Cannabis für manche Situationen eine wirksame Arzneipflanze sein kann. Zum Beispiel zur Linderung von Spastik bei Multipler Sklerose oder gegen Übelkeit und Appetitlosigkeit als Begleiterscheinung von Krebstherapien.

Eine ganze Reihe von Beiträgen zum Thema „Cannabis als Arzneimittel“ finden Sie über die Suchfunktion oben in diesem Blog, wenn Sie „Cannabis“ eingeben.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Lavendelöl-Präparat (Lasea®) bei Ängstlichkeit und Unruhe – jetzt auch in der Schweiz zugelassen

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Lasea® ist ein Phytopharmakon auf der Grundlage von Lavendelöl, welches bei Ängstlichkeit und Unruhe zur Behandlung von Erwachsenen angewendet wird.

Lasea® ist schon seit mehreren Jahren in Deutschland als Arzneimittel auf dem Markt und nun auch in der Schweiz zugelassen.

Angstlösende und beruhigende Eigenschaften konnten für das Lavendelöl-Präparat in zwei placebokontrollierten Studien nachgewiesen werden: Patienten, die Lasea® eingenommen hatten, erzielten im Vergleich zur Placebogruppe bessere Resultate in der Hamilton Anxiety Scale (HAMA) bezüglich Ängstlichkeit und Unruhe.

Lasea® löst keine Sedierung aus, ist gut verträglich und frei von Missbrauchspotential.

Literatur:

– Fachinformation Lasea®

– Deutsche Apotheker Zeitung, 2/2010

Quelle:

http://www.pharmavista.net/content/default.aspx?http://www.pharmavista.net/content/NewsMaker.aspx?ID=5416&NMID=5417&LANGID=2

 

Kommentar & Ergänzung:

Bei leichten generalisierten Angststörungen ist Lasea® eine gute Option. Hilft vielleicht nicht in jedem Fall, ist aber viel sicherer als Tranquillizer, die bei den Indikationen Ängstlichkeit und Unruhe zu häufig verschrieben werden und oft zu Abhängigkeit führen.

Siehe auch:

Studie bestätigt Wirksamkeit von Lavendelöl-Kapseln Lasea® bei Angststörungen

BfArM wehrt sich gegen Kritik an der Zulassung des Lavendelöl-Präparats Lasea®

Arznei-Telegramm kritisiert Lavendelöl-Präparat Lasea®

Lavendelöl-Kapseln gegen Angst und Depressionen

Lavendelöl-Präparat bei Angststörungen

Lavendelöl: Keine Interaktionen mir der „Pille“

 

Lavendelöl-Kapseln reduzieren Angst bei Depressionen (Fallstudie)

Studie: Lavendelöl lindert Angststörungen

Lavendelöl reduziert Angst und bessert den Schlaf

Phytotherapie: Lavendelöl als Angstlöser

 

 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Resveratrol bessert in Studie Hormonhaushalt bei Frauen mit Polyzystischem Ovar-Syndrom (PCOS)

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Das Polyphenol Resveratrol kommt in Weintrauben und einer Reihe anderer Früchte vor. In einer kleinen randomisierten Studie verbesserte Resveratrol die Hormonwerte von Frauen mit Polyzystischem Ovar-Syndrom (PCOS) deutlich. Die Studie wurde publiziert im Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism (2016; doi: 10.1210/jc.2016-1858).

Das PCOS ist mit einer Prävalenz von 6 bis 18 Prozent eine häufige hormonelle Störung von Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter. Prävalenz ist ein Begriff aus der Epidemiologie der aussagt, welcher Anteil der Menschen einer bestimmten Gruppe (Population) zu einem bestimmten Zeitpunkt an einer bestimmten Krankheit erkrankt ist.

Die meist übergewichtigen Frauen leiden an Zyklusstörungen mit seltener bis ganz ausbleibender Periode und klagen über einen Hirsutismus oder andere Androgenisierungserscheinungen wie Hautunreinheiten oder fettiges Haar. Bei vielen betroffenen Frauen liegt eine Insulinresistenz vor, wodurch das Diabetesrisiko ansteigt. Erhöhte Lipidwerte und Entzündungsparameter wie CRP weisen auf ein gesteigertes kardiovaskuläres Risiko hin.

Die Ursache des PCOS ist nicht genau bekannt. Eine gesteigerte Bildung von männlichen Geschlechtshormonen im Eierstock und auch in den Nebennieren ist ein gemeinsamer Faktor. Eine Therapie mit Antiandrogenen ist in der Regel nicht akzeptabel, und zahlreiche Frauen lehnen auch die Einnahme vTestosteron,Progesteron,klinische Studie,Placebo,on hormonellen Kontrazeptiva ab, von denen eine gute Wirkung erwartet werden kann.

Wissenschaftler der Medizinischen Universität Posen entdeckten bei Experimenten an Thekazellen des Eierstocks, dass Resveratrol die Bildung von Testosteron (nicht jedoch von Progesteron) vermindern kann.

Darum wurde in Kooperation mit Endokrinologen der Universität von Kalifornien in San Diego eine erste klinische Studie durchgeführt, an der in Posen total 30 Frauen mit einem PCOS (nach den Rotterdam-Kriterien) teilnahmen.

Die Probandinnen schluckten über einen Zeitraum von drei Monaten täglich eine Kapsel, die bei der Hälfte der Frauen das Resveratrol-Supplement eines amerikanischen Produzenten und bei der anderen Hälfte ein Placebo enthielt.

Als primärer Endpunkt der Studie legten die Forscher das Gesamt-Testosteron im Serum fest.

Die Wissenschaftler berichten hier von einem deutlichen Rückgang um 23,1 Prozent, während in der Placebo-Gruppe ein Anstieg um 2,9 Prozent gemessen wurde. Resveratrol verminderte nicht nur die Androgenproduktion im Eierstock. Auch die Variante DHEAS (Dehydroepiandrosteron-Sulfat), die hauptsächlich in den Nebennieren heergestellt wird, wurde um 22,2 Prozent vermindert, während sich dieser Wert in der Placebo-Gruppe um 10,5 Prozent erhöhte.

Darüber hinaus kam es zu einer Reduktion der Insulinkonzentration im Serum um 31,8 Prozent. Beim „Insulin Sensitivity Index“ zeigte sich eine Verbesserung um 66,3 Prozent. Die Resveratrol-Supplemente wurden gut vertragen, bis auf zwei Frauen, bei denen vorübergehende Sensibilitätsstörungen auftraten.

Aus den guten Resultaten lässt sich ableiten, dass die Durchführung weitergehender klinischer Studien gerechtfertigt wäre, um einen medizinischen Nutzen von Resveratrol beim PCOS zweifelsfrei zu belegen.

Dass solche grösseren Studien durchgeführt werden, ist allerdings eher unwahrscheinlich. Der US-Produzent vertreibt sein Resveratrol-Präparat als Nahrungsergänzungsmittel. Daher muss er für dieses Produkt keine Wirksamkeit belegen und deshalb auch keine aufwendigen und teuren Studien vorlegen. Er darf für sein Nahrungsergänzungsmittel aber auch nicht die Behauptung verbreiten, dass es einen klinischen Nutzen bei PCOS habe.

Nur wenn der Hersteller diese Aussage machen will, wird sein Produkt als Arzneimittel zulassungspflichtig und eine grosse Phase 3-Studie mit positivem Ergebnis unverzichtbar.

Quelle:

http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/71010/PCOS-Resveratrol-bessert-Hormonhaushalt-in-Studie

http://press.endocrine.org/doi/pdf/10.1210/jc.2016-1858

 

Kommentar & Ergänzung:

Resveratrol gehört zu den Polyphenolen und kommt in relativ grossen Mengen in der Haut von roten Weintrauben vor, aber auch in Himbeeren, Maulbeeren, Pflaumen, Erdnüssen und im Japanischen Staudenknöterich, der bei uns als Neophyt Probleme bereitet.

Resveratrol wird diskutiert und erforscht als Antioxidans, Krebsmittel, Anti-Aging-Mittel, Phytoöstrogen. Um die Substanz ist in den letzten Jahren ein gewisser Hype entstanden, was immer eine gewisse Vorsicht in der Bewertung nahelegt. So sind zum Beispiel die Wirkungen gegen Krebs vor allem im Labor an Krebszellen festgestellt worden. Untersuchungen an Krebspatienten, die eine erfolgreiche Anwendung von Resveratrol gegen Tumore belegen könnten, existieren jedoch keine.

PCOS als Forschungsbereich für eine mögliche Anwendung von Resveratrol ist mir neu. Die gemessene Reduktion des Testosteronspiegels ist interessant und könnte für weitere Anwendungsbereiche in Frage kommen.

Die Studie ist mit total 30 Frauen allerdings sehr klein und kann eine Wirksamkeit nicht sicher belegen. Das wird den Hersteller des Nahrungsergänzungsmittels nicht davon abhalten, sie in seine Marketingbemühungen einzubinden.

Die Tagesdosis betrug in der Studie 1500mg Resveratrol in einer Kapsel.

Der Text spricht ein wichtiges Problem pflanzlicher Naturheilmittel an. Werden sie als Nahrungsergänzungsmittel verkauft, braucht es dazu keinen Wirksamkeitsnachweis. Damit entfällt für die Hersteller meistens auch die Motivation, grosse, beweisende Phase-3-Studien durchzuführen. Ich selber bin nicht strikt gegen die Vermarktung pflanzlicher Präparate als Nahrungsergänzungsmittel. Ich ziehe aber Hersteller von, die ihre Präparate als Arzneimittel anmelden und auch die entsprechenden Phase-3-Studien durchführen. Diesen Forschungsaufwand gilt es meines Erachtens wertzuschätzen. Das ist aber auch aus Kostengründen für viele Firmen nicht zu stemmen.

Eine Phase-3-Studie lohnt sich für den Hersteller auch nicht, weil Resveratrol als Naturstoff nicht patentierbar ist. Die Forschungskosten lassen sich nicht auf den Produktpreis schlagen, weil jeder Konkurrent die Forschungsergebnisse auch für sich nutzen und sein Resveratrol-Präparat ohne Forschungsaufwand günstiger auf den Markt werfen kann. Wenn der Forschungsstand in manchen Bereichen der Phytotherapie ungenügend ist, dann kann das jedenfalls auch mit diesen nachteiligen kommerziellen Bedingungen zu tun haben. Das ist auf alle Fälle nicht einfach eine reine Schutzbehauptung.

Was ist eine Phase-3-Studie:

„Die Phase III umfasst die Studien, welche die für die Zulassung entscheidenden Daten zum Wirksamkeitsnachweis ermitteln. Üblicherweise sind mindestens zwei voneinander unabhängige kontrollierte klinische Studien, die jede für sich einen Nachweis der statistischen Signifikanz der Wirksamkeit erbringen, notwendig. Phase-III-Studien können viele tausend Patienten einschließen und sich über mehrere Jahre erstrecken. In der Regel handelt es sich um randomisierte Doppelblindstudien.“

Quelle: Wikipedia

Zu Resveratrol siehe auch:

Zur Bioverfügbarkeit von Resveratrol

Resveratrol aus Weintrauben als Diabetes-Heilmittel?

Resveratrol aus Rotwein als Entzündungshemmer

Mythos vom gesunden Rotwein bröckelt

 

 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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