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BBT: Pseudo-Qualitätssicherung im Bereich Alternativmedizin

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Das Bundesamts für Berufsbildung und Technologie (BBT) arbeitet an der Schaffung eines eidgenössisch anerkannten Berufsabschlusses für die nicht-ärztliche Alternativmedizin.

Die Etablierung eines eidgenössischen Abschlusses sei ein wichtiger Schritt zur Qualitätssicherung in diesem wachsenden Markt und der Bund strebe eine einheitliche Ausbildung im unübersichtlichen Feld der Alternativmedizin an, hält das BBT fest.

Das tönt gut. Qualitätssicherung in Bereich der Alternativmedizin fehlt bisher fast vollkommen und wäre daher nötig.

Eine verbesserte Qualitätssicherung wurde schliesslich auch den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern versprochen, wenn sie dem Verfassungsartikel zur Förderung der Komplementärmedizin zustimmen (Abstimmung Mai 2009). Besonders weit zum Fenster hinausgelehnt mit leeren Versprechungen haben sich an diesem Punkt – leider – Politikerinnen und Politiker der Sozialdemokratischen Partei (Simonetta Sommaruga, Jean-François Steiert, Edith Graf-Litscher) und der Grünen Partei (Yvonne Gilli), aber auch der Freisinnig-Demokratischen Partei (Rolf Büttiker).

Sie haben Qualitätssicherung im Bereich Komplementärmedizin / Alternativmedizin versprochen, dabei aber die zentrale Frage, nach welchen Kriterien Qualität in diesem Bereich beurteilt werden soll, vollständig ausgeklammert.

Daher noch einmal:

Nach welchen Kriterien genau soll beurteilt werden, wer/was im Bereich Komplementärmedizin / Alternativmedizin Qualität hat und was nicht?

Wer entscheidet über diese Kriterien?

Und nach welchen Kriterien werden diejenigen ausgewählt, die über diese Kriterien entscheiden?

Siehe dazu auch:

Komplementärmedizin-Abstimmung: Fragwürdige Versprechen zur Qualitätssicherung

Politikerinnen und Politiker, die sich nicht mit diesen Fragen befassen und darauf Antworten suchen, machen meines Erachtens eine Politik der leeren, populistischen Versprechungen. Das ist billig und ohne Aufwand zu haben. Qualitätssicherung wird zum inhaltslosen Schlagwort.

Seit der Abstimmung vom Mai 2009 ist ja nun einige Zeit vergangen und wir können schauen, wie sich die versprochene Qualitätssicherung anlässt:

– Es wurde inzwischen eine „Organisation der Arbeitswelt Alternativmedizin Schweiz» (OdA-AM) gegründet und vom Bund bisher mit 174 800 Franken unterstützt. Diese Dachorganisation reglementiert im Auftrag des Bundesamts für Berufsbildung und Technologie (BBT) die Berufsausbildung von nicht ärztlichen Alternativmedizinern. Ziel dieser Arbeit ist die Schaffung von eidgenössisch anerkannten Berufsabschlüssen.

– Mitglied der OdA-AM sind folgende Verbände:

APTN Association des Practiciens en Thérapie Naturelles;

HVS Homöopathie Verband Schweiz;

NVS Naturärztevereinigung Schweiz;

SEBIM Schweizerische Gesellschaft für Energie-, Bioresonanz- und Informationsmedizin;

SBO-TCM Schweizerische Berufsorganisation für TCM;

SVANAH Schweizer Verband der approbierten Naturärztinnen und Naturheilpraktikerinnen;

SVMAV Schweizer Verband für Maharishi Ayurveda;

hfam konferenz höhere fachschulen alternativmedizin;

VSNS Verband Schweizer Naturheilkunde Schulen.

Geht es um die Arbeit dieser Verbände in der OdA-AM um Qualitätssicherung, so wäre die erste Frage, nach welchen Qualitätskriterien diese Verbände ausgewählt wurden.

In diesem Punkt ist nicht ein Hauch von transparenten Qualitätskriterien sichtbar. Es scheint eher eine Frage erfolgreichen Lobbyings zu sein, wer hier Qualitätssicherung machen soll. Das bedeutet dann allerdings das Grounding jeder Qualitätssicherung.

(damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich habe weder die Neigung noch den Wunsch, in der OdA-AM irgendwie mitzuwirken und die Arbeit der OdA-AM begrifft mich nicht, da Phytotherapie nicht zur Alternativmedizin / Komplementärmedizin gehört. Siehe: Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?)

– Konkret erarbeitet die OdA-AM Berufsbilder für die vier Fachrichtungen traditionelle chinesische Medizin (TCM), Homöopathie, Traditionelle Europäische Naturheilkunde (TEM) und ayurvedische Medizin, die zu einem eidgenössisch anerkennten Berufsabschluss führen sollen.

Auch hier stellen sich viele Fragen, wenn es bei der Arbeit der OdA-AM und des BBT’s um Qualitätssicherung gehen soll:

Nach welchen Qualitätskriterien wurden diese vier Methoden ausgewählt. Es gibt mehrere hundert verschiedene Methoden in der Alternativmedizin / Komplementärmedizin. Oder muss ich auch hier davon ausgehen, dass es eine Frage des Lobbyings ist, welche Methode berücksichtigt ist?

– Weitere Fragen bezüglich Qualitätssicherung stellen sich, wenn man die einzelnen Fachrichtungen in den Blick nimmt. Wer entscheidet, was in Fachbereich Homöopathie, Traditionelle chinesische Medizin (TCM), Traditionelle Europäische Naturheilkunde (TEM) oder ayurvedische Medizin als Qualität zu gelten hat?

Im Fachbereich Homöopathie gibt es verschiedene Richtungen, deren Grundsätze sich zum Teil widersprechen (z. B. Kompex-Homöopathie, klassische Homöopathie). Wer entscheidet?

Traditionelle Europäische Medizin ist ein sehr junges Konglomerat, zusammengestellt aus denjenigen Puzzle-Teilen der alten europäischen Heilkunde, die den Bedürfnissen heutiger Menschen entgegen kommen. Wer entscheidet nach welchen Kriterien, welche Puzzle-Teile qualitativ überzeugen?

Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) ist als Exportprodukt zugeschnitten auf westliche Bedürfnisse und etwa 65 Jahre alt. Mit der sehr heterogenen alten chinesischen Medizin hat sie nur noch sehr wenig gemeinsam. Auch hier stellt sich die Frage, wer Qualität beurteilen soll.

Und zuletzt noch Ayurvedische Medizin. Hier ist schon ziemlich klar, dass die Sekte des Maharishi Mahesh Yogi, dem Begründer der Transzendentalen Meditation (TM), im Auftrag und mit Unterstützung des BBT’s bestimmt, was Qualität in der Ayurvedischen Medizin ist. Die „Yogi-Flieger“ sind auch im Vorstand der OdA-AM vertreten und steuern so generell mit im Aufbau der eidgenössisch anerkannten Berufbilder in der Alternativmedizin.

Der Tages-Anzeiger berichtete kürzlich über den fragwürdigen Stand der Dinge bezüglich der „Yogi-Flieger-Connection“:

http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/YogiFlieger-unterwegs-im-Auftrag-des-Bundes/story/31057135

Es sieht alles danach aus, dass die Qualitätssicherung innerhalb der einzelnen Fachrichtungen auf einem Binnenkonsens erfolgen wird.

Als Binnenkonsens wird ein Konsens bezeichnet, der nur innerhalb eines begrenzten Menschenkreises besteht, hier also aus denjenigen Vertretern der jeweiligen Fachrichtungen, die sich durch Lobbying durchgesetzt haben.

Fazit:

Solange keinerlei transparente und unabhängig von den einzelnen Methoden geltende Qualitätskriterien gelten, täuscht das BBT gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern Qualitätssicherung nur vor – während es eigentlich um Lobbying geht. Ist das jetzt die Qualitätssicherung, die uns vor allem die Grüne Partei der Schweiz (GPS) und die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS) so vollmundig versprochen haben?

Abschliessend:

Meiner Ansicht nach gibt es im Bereich der Alternativmedizin gar keine transparenten und unabhängig von den einzelnen Methoden nachvollziehbaren Qualitätskriterien, wenn wissenschaftliche Kriterien, welche diese Bedingungen erfüllen könnten, ausgeklammert sind.

Es ist mir aber auch klar, dass im Bereich Alternativmedizin wissenschaftliche Qualitätskriterien nicht zur Anwendung kommen können, wenn von diesen Fachbereichen noch etwas übrig bleiben soll.

Ich plädiere daher nicht gegen eine Regulierung durch das BBT.

Die Regulierung und Qualitätssicherung durch das BBT sollte sich aber auf die medizinischen Grundlagenfächer begrenzen, weil dort transparente und über einen Binnenkonsens hinaus nachvollziehbare Kriterien auffindbar sind.

Tut das BBT aber so, als mache es Qualitätssicherung in den Fachbereichen der Alternativmedizin, so gaukelt es den Bürgerinnen und Bürgern etwas vor, das nicht wahr ist.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen / Weiterbildung Pflanzenheilkunde / Kräuterwanderungen:

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Anthroposophische Pflege – offene Fragen

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In der Spitex-Zeitschrift „Schauplatz Spitex“ (6/09) ist ein Interview erschienen mit Eva Brändli, Leiterin der Spitex Meikirch-Kirchlindach im Kanton Bern.

Zitat: „Vorbei die Zeiten, wo ‚nur’ Beine gewaschen oder Medikamente gerichtet wurden – das Team von Eva Brändli rückt ‚den ganzen Menschen’ ins Zentrum der Pflege und macht die Anthroposophie zur Philosophie der Organisation.“

Da stellt sich zuerst einmal grundsätzlich die Frage, ob es angemessen ist, dass eine öffentliche, staatliche Organisation wie die Spitex „die Anthroposophie zur Philosophie der Organisation“ macht. Meiner Ansicht nach nein.

Das Interview ist zudem voller schönfärberischer und oberflächlicher Aussagen zur Anthroposophischen Pflege.

Es kommen all die wunderbar-sanften Schlagworte wie:

„Anthroposophische Pflege: Der Mensch als Ganzes steht im Mittelpunkt“ oder „Zur Selbstheilung anregen“.

Ausgeblendet wird wieder einmal die Grundlage, auf welcher Anthroposophie, Anthroposophische Medizin und Anthroposophische Pflege stehen – die Vorstellung, dass Krankheit und Behinderung durch moralisches Versagen in einem früheren Leben ausgelöst werden. Egoismus führt in einem späteren Leben zu Anfälligkeit für Infektionen, Lügenhaftigkeit zu Behinderung etc.

Siehe:

http://heilpflanzen-info.ch/blog/abstimmung-komplementaermedizin-kritische-fragen-an-simonetta-sommaruga-zur-foerderung-der-anthroposophischen-medizin.html

Keine Remoralisierung von Krankheit und Behinderung!

Meiner Ansicht nach ist es ein wichtiger Fortschritt der Moderne, dass Krankheit und Behinderung nicht mehr als Folge moralischer Schuld aufgefasst werden.

Die Förderung von Anthroposophischer Medizin und Anthroposophischer Pflege ist meines Erachtens ein Rückschritt in Richtung  einer Remoralisierung  von Krankheit und Behinderung.

Rudolf Steiner als alles überstrahlende Führerfigur der Anthroposophie sah sich selber nicht gerade bescheiden als Reinkarnation von Aristoteles und Thomas von Aquin. Und Ita Wegmann, seine Mitarbeiterin im Bereich „Anthroposophische Medizin“, galt ihm als Reinkarnation Alexander des Grossen. Nur schon solche Grössenphantasien müssten meines Erachtens eigentlich jede Glaubwürdigkeit in Frage stellen.

Rudolf Steiner’s „minderwertige Kinder“

Behinderte Kinder nennt Rudolf Steiner in seinen Vorträgen dagegen immer wieder „minderwertige Kinder“

(z. B. GA 317, S. 21, 33, 36, 39 [2x], 40 [2x], 41, 70, 106, 124, 145, 148 [2x], 153, 156, 162, 173 [4x], 175, 185)

Bei geistig Behinderten redete Rudolf Steiner gar von „Trottelinkarnation“.

(nach Strohschein, Albrecht: Die Entstehung der anthroposophischen Heilpädagogik, S. 214).

Einen körperlich behinderten Knaben, dem ein Bein fehlt, nennt Rudolf Steiner „Krüppelkind“ (GA 300, Bd. 1, S. 113).

Ob der Ausdruck „behinderte Kinder“ adäquat ist, darüber kann man geteilter Ansicht sein. Die von Rudolf Steiner verwendeten Ausdrücke „minderwertige Kinder“, „Trottelinkarnation“ und „Krüppelkind“ enthalten aber sehr abwertende Urteile. Weil die Betreffenden karmisch so tief stehen?

Lügnerische Menschen haben nach Rudolf Steiner eine schlechtere Wundheilung:

„So sonderbar es für unser Zeitalter klingt, wahr ist es aber doch, dass bei Menschen, die viel lügen, zum Beispiel Wunden unter sonst gleichen Bedingungen schwerer zu heilen sind als bei wahrhaften Menschen. Selbstverständlich darf man da nicht absolut schliessen, es können auch andere Gründe da sein. Aber alles übrige in gleicher Art vorausgesetzt, sind bei verlogenen Menschen Wunden schwerer zu heilen als bei wahrhaftigen Menschen. Es ist gut, solche Dinge im Leben zu beachten.“

(GA 125, S. 209, zit. nach Peter Selg, „Krankheit, Heilung und Schicksal des Menschen – über Rudolf Steiners geisteswissenschaftliches Pathologie- und Therapieverständnis, Verlag am Goetheanum 2004, S. 217)

Für Spitex-Pflegefachleute ist das relevant, weil sie häufig mit chronischen Wunden zu tun haben.

Spitex-Pflegefachleute sollten sich vorsehen bei Wundpatienten und deren Aussagen besonders genau überprüfen…!

Ich möchte jedoch nicht, dass irgendwann eine anthroposophisch imprägnierte Pflegefachfrau mit solch moralisierenden Wahnideen und Unterstellungen im Kopf beispielsweise mein Unterschenkelgeschwür behandelt.  Solche Remoralisierungen von Krankheit und Behinderung halte ich für hoch fragwürdig.

Keine Geistermedizin in staatlichen Pflegeinstitutionen!

Ein wichtiges Anliegen von Anthroposophischer Medizin (und damit auch Anthroposophischer Pflege) ist der Kampf gegen die anthroposophischen Widersachermächte Ahriman und Luzifer. In Lehrgängen für „Anthroposophische Pflege“ taucht als Richtziel auf:

„Ich weiss von den geistigen Hierarchien und verstehe die Bedeutung von Inkarnation und Karma, abgeleitet aus der anthroposophischen Menschenkunde.“

Die Rede von den „geistigen Hierarchien“ tönt für Aussenstehende einfach ein bisschen skurril und irritierend. Sie kaschiert aber geschickt, dass es in der anthroposophischen Vorstellungswelt wimmelt von Dämonen, Engeln, Gnomen etc. und dass diese Geisterwelt entscheidend einwirkt auf Gesundheit und Krankheit. Da stellt sich die Frage, ob wir eine solche Geistermedizin wollen – vor allem in staatlichen Pflegeinstitutionen.

Beispiel:

„Nehmen wir zum Beispiel eine solche Krankheit wie die Lungenentzündung. Sie ist eine Wirkung in der karmischen Folge, welche dadurch entsteht, dass der Betreffende während seiner Kamalokazeit zurückblicken kann auf einen Charakter, der in sich hatte Hang und Neigung zu sinnlichen Ausschweifungen, der in sich hatte sozusagen ein Bedürfnis, sinnlich zu leben. Verwechseln wir ja nicht, was jetzt einem früheren Bewusstsein zugeschrieben wird, mit dem, was im Bewusstsein der nächsten Inkarnation auftritt. Damit hat es zunächst nichts zu tun. Wohl aber wird das, was der Mensch während der Kamalokazeit sieht, sich so umwandeln, dass sich ihm Kräfte einprägen zu Vorgängen, welche die Lungenentzündung überwinden. Denn gerade in der Überwindung der Lungenentzündung, in der Selbstheilung, welche dabei vom Menschen angestrebt wird, wirkt die menschliche Individualität entgegen den luziferischen Mächten, führt einen förmlichen Krieg gerade gegen die luziferischen Mächte. Daher ist in der Überwindung der Lungenentzündung eine Gelegenheit, dasjenige abzulegen, was ein Charaktermangel in einer vorherigen Inkarnation war. So sehen wir förmlich wirken in der Lungenentzündung den Kampf des Menschen gegen die luziferischen Mächte.

Anders stellt sich uns die Sache dar, wenn wir bei dem, was wir im heutigen Sprachgebrauch Lungentuberkulose nennen…….Wo derartiges vor sich ging, ist wieder ein Kampf aufgeführt worden der menschlichen inneren Wesenheiten gegen das, was ahrimanische Kräfte angestellt haben.“

(aus: Rudolf Steiner, GA 120, S. 85ff., zit nach Peter Selg, „Krankheit, Heilung und Schicksal des Menschen – über Rudolf Steiners geisteswissenschaftliches Pathologie- und Therapieverständnis, Verlag am Goetheanum 2004)

Merke: Lungenentzündung hängt nach Rudolf Steiner zusammen mit dem Charaktermangel sinnlicher Ausschweifung in einem früheren Leben. Es steht ein Kampf gegen Luzifer an…

Da könnte doch statt Anthroposophischer Medizin und Anthroposophischer Pflege genauso gut auch ein katholischer Exorzismus helfen? Wie wäre es mit einer vergleichenden Studie?

Wenn Eva Brändli im Interview festhält, dass es bei Sterbenden vor allem darum gehe, den Mensche bis zur Schwelle zu begleiten, was mit anthroposophischem Hintergrund einfacher sei, dann kann ich dazu nur sagen, dass ich beim Sterben auf keinen Fall von einer anthroposophisch imprägnierten Pflegefachperson begleitet werden möchte, die den Raum voller Engel und Dämonen sieht und ihr „Wissen“ darüber in die Pflege einfliessen lässt.

Eva Brändli:

„Stelle ich beim Klienten Defizite fest, beziehe ich dieses Wissen in die Behandlung ein.“

Nein danke! Aber vielleicht erfahre ich ja gar nicht, dass ich anthroposophisch gepflegt werde. Eva Brändli: „Also, die Menschen wissen ja nicht, dass ich sie anthroposophisch pflege.“ Aha.

Einen offenen, transparenten Umgang und ein Erstnehmen der Mündigkeit des Patienten stelle ich mir anders vor. Wenn ich an meinem Wohnort die „Katholische Spitex“ engagiere, dann ist das erstens eine private, nicht staatliche Organisation und zweitens weiss ich, woran ich bin.

Zum Schluss des Interviews stellt die Journalistin noch die Frage: „Sehen Sie die Anthroposophie als Glauben?“

Eva Brändli: „Anthroposophie sehe ich als Geisteswissenschaft, als Philosophie. Mit diesem Hintergrund zu pflegen, schützt vor Burnout.“

Dazu gäbe es viel zu sagen.

Erstens: Als „Geisteswissenschaft“ sieht wohl nur die Anthroposophie sich selber. John Dewey (1859 – 1952) hat als „erste Erfordernis des wissenschaftlichen Verfahrens…“ die „volle Öffentlichkeit der Materialien und Prozesse“ bezeichnet (in: „Erfahrung, Erkenntnis und Wert“, Suhrkamp 2004). Davon kann bei anthroposophischen Überzeugungen, die einzig der behaupteten Einsicht des „Menschheitsführers“ Rudolf Steiner in „höhere Welten“ entspringen wohl kaum ernsthaft die Rede sein. Anthroposophie versteht sich zudem als Geheimwissenschaft, voll verständlich nur jenen, die auf dem geistigen Pfad weit genug fortgeschritten sind. Das passt ebenfalls ziemlich schlecht zur Öffentlichkeit aller Materialien und Prozesse.

Zweitens: Zu den „Erkenntnissen“ anthroposophischer „Geisteswissenschaft“ gehören auch ausgesprochen fragwürdige und problematische Ideen.

Zum Beispiel wenn Rudolf Steiner meint, dass blonde und blauäugige Menschen intelligenter sind als andere („Die blonden Haare geben eigentlich Gescheitheit“ Rudolf Steiner, GA 348, S. 98/99), dass die Indianer nicht von den Weissen ausgerottet wurden, sondern wegen ihrem schlechten Karma die Kräfte erwerben mussten, die sie zum Aussterben führten (Rudolf Steiner, GA 121, S. 79). Angesichts solcher Peinlichkeiten stellt sich die Frage der Glaubwürdigkeit dieser „Geisteswissenschaft“.

Drittens: Schon denkbar, dass Anthroposophie vor Burnout schützt. Schliesslich handelt es sich dabei um ein starkes Sinnsystem: Krankheit, Behinderung, Unglücksfälle, alle Unwägbarkeiten des Lebens, denen wir ausgesetzt sind, erscheinen zutiefst sinngetränkt.

Das erleichtert manches, kommt aber auch sehr heteronom daher – pfannenfertig von aussen geliefert. Made by Rudolf Steiner halt….

Bei stark Versteinerten jedenfalls scheint mir das ähnlich wie ein „Methadon-Programm“ für Sinnsüchtige.

Ich halte es für wertvoller und menschengemässer, Sinn im Kleinen selber zu entwickeln, sehr gegenwärtig, nicht über eine ganze Reihe von Reinkarnationen hinweg bis zu Aristoteles zurück, nicht unter Einbezug des ganzen Kosmos und einer Wurzelrassenlehre mit den Ariern an der Spitze der geistigen Entwicklung und den Indianern als dekadenter Abzweigung zwischen Ariern und Affen, wie das Rudolf Steiner tut (GA 100, S. 240 / S. 241 / S. 243).

Gefragt und gesünder wäre meines Erachtens eine kleine, bescheidene, immer unvollendet bleibende, eigene Sinnproduktion – oder gar eine „Sinndiät“ (Odo Marquard, Hans Blumenberg), weil unsere Ansprüche an Sinn vielleicht überzogen sind.

Nun nochmals zurück zur Anthroposophischen  Pflege:

Ich bestreite keineswegs, dass Anthroposophische Pflege wertvolle und wohltuende Elemente enthält wie Einreibungen und Wickel. Ich bin aber überzeugt davon, dass Einreibungen und Wickel auch ohne die fragwürdigen anthroposophischen Konstrukte eingesetzt werden können und dann genauso wertvoll und wohltuend sind. Oder sogar noch wirksamer.

Und im übrigen sind „ die Zeiten, wo ‚nur’ Beine gewaschen oder Medikamente gerichtet wurden“ auch jenseits der anthroposophischen Pflege wohl schon lange vorbei, wenn es sie denn je gab.

Politik & Komplementärmedizin – ein Trauerspiel

Nötig wäre meines Erachtens eine offene Diskussion über die Weltbilder und Werthaltungen in den verschiedenen Methoden der Komplementärmedizin. Meinem Eindruck nach meiden die meisten Politikerinnen und Politiker aus Nationalrat & Ständerat diese offene Diskussion wie der Teufel das Weihwasser.

Klar scheint mir, dass jeder Mensch an die anthroposophischen Widersachermächte Ahriman und Luzifer glauben darf. Und auch die meiner Ansicht nach höchst fragwürdige und diskriminierende anthroposophische Vorstellung, dass geistige Behinderung durch Lügenhaftigkeit in einem früheren Leben bewirkt wird, ist durch die Meinungs- und Religionsfreiheit geschützt.

Ob aber solche Lehren durch staatliche Unterstützung gefördert werden sollen, wie es leider ziemlich blind  und populistisch vor allem ParlamentarierInnen der Sozialdemokratischen Partei (SPS) und der Grünen Partei (GPS) fordern, ist eine Frage, die ernsthaft und offen diskutiert werden müsste.

Ob solche Lehren zum Beispiel ins Medizinstudium und in die Pflegeausbildung integriert werden sollen, wie es leider wiederum vor allem PolitikerInnen der Sozialdemokratischen Partei (SPS) und der Grünen Partei (GPS) fordern, müsste ernsthaft und offen diskutiert werden. Die beiden Parteien verweigern sich jedoch bisher dieser Debatte.  Eine differenzierte Haltung zur Komplementärmedizin scheint jedenfalls in weiter Ferne.  Komplementärmedizin ist ja grundsätzlich gut und wunderbar – genaueres Hinschauen erübrigt sich da……

SPS und GPS zeigen meinem Eindruck nach an diesem Punkt ein Mass an Fundamentalismus und Populismus,  das ich diesen Parteien gar nicht zugetraut hätte.

Dass es auf der rechten Seite des politischen Spektrums Fundamentalismus und Populismus gibt,  ist ja ziemlich offensichtlich.

Im Bereich der Komplementärmedizin sehen wir meinem Eindruck nach bei SPS und GPS eine linke Variante dieser Phänomene.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Ständerat: Komplementärmedizin soll ins Medizinstudium

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Ärzte, Zahnärzte, Chiropraktiker und Apotheker sollen angemessene Kenntnisse der Komplementärmedizin verfügen. Der Ständerat überwies eine entsprechende Motion. Der Bundesrat beabsichtigt, die Frage im revidierten Medizinalberufegesetz zu regeln.

Die Universitäten sollen Kurse anbieten, welche Grundkenntnisse in der Komplementärmedizin vermitteln, erläuterte Kommissionssprecher Felix Gutzwiller (FDP / ZH). Und er ergänzt, dass dabei schon einiges geschehen sei. Nur die Hochschule in Genf verfüge noch nicht über ein entsprechendes Angebot.

Die Angebote müssten indessen flächendeckend sein, sagte Ständerat Felix Gutzwiller zur Motion der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK). Diese Motion sei Folge einer gleichlautenden parlamentarischen Initiative und soll zur Beschleunigung des Anliegens beitragen.

Ständerat Rolf Büttiker (FDP / SO) erinnerte an das deutliche Ja zur Initiative für die Berücksichtigung der Komplementärmedizin am 17. Mai 2009. Die Motion verlange nur die Vermittlung von Basiswissen über Methoden, welche die Mehrheit der Bevölkerung wünsche. Denkbar sei eine obligatorische Basisausbildung von 30 bis 60 Stunden in einem Studium, präzisierte Rolf Büttiker.

Eugen David (CVP / SG) bemängelte, dass unter den Begriff Komplementärmedizin die verschiedensten Methoden fallen. An Universitäten sollten jedoch nur wissenschaftlich fundierte Methoden gelehrt werden.

Gesundheitsminister Didier Burkhalter erklärte sich zur Annahme der Motion bereit. Der Einwand Davids mache jedoch klar, dass das Thema komplex sei und seriöse Gesetzgebung brauche. Die Frage der Kenntnisse in Komplementärmedizin fliesse in die Revision des Medizinalberufegesetzes ein. Bis Ende 2010 sollte die Vernehmlassung zu dieser Revision beginnen, sagte Bundesrat Didier Burkhalter. Die Motion wurde vom Ständerat gut geheissen und geht nun an den Nationalrat.

Quelle:
http://www.bielertagblatt.ch/News/Schweiz/169235

Kommentar & Ergänzung:

Ein “Blumenstrauss” an Ständerat Eugen David (CVP, SG). Es scheint also tatsächlich Politiker zu geben, denen klar geworden ist, dass man nicht einfach pauschal und undifferenziert die verschiedenen Methoden der “Komplementärmedizin” in einen Topf schmeissen kann. Das ist erfreulich, herrscht doch bisher überwiegend die totale Pauschalisierung vor, wonach Komplementärmedizin einfach generell etwas Wunderbares ist. Wobei sehr bedauerlicherweise ausgerechnet die Sozialdemokratische Partei (SPS) und die Grüne Partei (GPS) sich meiner Erfahrung nach im Bereich Komplementärmedizin durch einen besonders hohen Naivitäts-Pegel auszeichnen.

Zur Komplexität des Begriffs Komplementärmedizin siehe:
Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff
http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2010/01/30/komplementaermedizin-ein-fragwuerdiger-begriff.html

Der Teufel steckt auch hier im Detail.

Ständerat Eugen David fordert, dass an Universitäten nur wissenschaftlich fundierte Methoden gelehrt werden sollten.
Das schliesst aber tendenziell Methoden der Komplementärmedizin schon aus. Die fünf zur Diskussion stehenden Methoden Homöopathie, Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), Anthroposophische Medizin, Neuraltherapie und Phytotherapie sind jedenfalls bei weitem nicht durchgängig als wissenschaftlich fundiert zu bezeichnen. Dies in deutlichem Gegensatz zu den fragwürdigen und auf Binnenkonsens beruhenden Schlussfolgerungen der sogenannten PEK-Studie, welche die Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit dieser fünf Methoden belegt haben will.

Zur Kritik an der PEK-Studie siehe:
Komplementärmedizin: Fragwürdige PEK-Studie zur Wirksamkeit
http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/06/24/komplementaermedizin-fragwuerdige-pek-studie-zur-wirksamkeit.html

Die Stimmberechtigten wurden meines Erachtens diesbezüglich im Vorfeld der Abstimmung vom 17. Mai durch sehr einseitige, realitätsferne bzw. zum Teil auch schlicht unwahre Aussagen bezüglich der wissenschaftlichen Fundiertheit der Komplementärmedizin getäuscht.

Siehe beispielsweise Statements von Ständerätin Simonetta Sommaruga (SP, BE) und Ständerat Rolf Büttiker (FDP, SO):

Komplementärmedizin-Abstimmung: Fragen an Ständerat Büttiker
http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/04/14/komplementaermedizin-abstimmung-fragen-an-staenderat-buettiker.html

Falschaussage von Simonetta Sommaruga zur Komplementärmedizin-Abstimmung
http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/04/15/falschaussage-von-simonetta-sommaruga-zur-komplementaermedizin-abstimmung.html

Der Kernpunkt scheint mir hier zu sein, dass eine Methode, die wissenschaftlich fundiert ist, gar nicht mehr zur Komplementärmedizin gezählt wird, sondern zur “Schulmedizin” gehört.
Zur Problematik des Begriffs “Schulmedizin” siehe:

Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck
http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2010/01/03/schulmedizin-ein-fragwuerdiger-ausdruck.html

Fordert man wie offenbar Eugen David, dass von den fünf zur Diskussion stehenden Methoden der Komplementärmedizin (Homöopathie, Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), Anthroposophische Medizin, Neuraltherapie und Phytotherapie) nur diejenigen an der Universität gelehrt werden, welche wissenschaftlich fundiert sind, dann steht die Phytotherapie zweifellos in der Pool-Position. Denn dass die Phytotherapie von den fünf mit Abstand am besten wissenschaftlich fundiert ist, wird wohl kaum von irgend jemandem ernstlich bestritten.

Aber auch hier wird die Situation komplex, sobald man genauer hinschaut:

Meiner Ansicht nach gibt es kein auch nur einigermassen überzeugendes Argument, weshalb Phytotherapie zur Komplementärmedizin zu zählen wäre. Dass Phytotherapie in diesem Fünfer-Päckli als Komplementärmethode verkauft wird, hat mehr mit politischer Strategie und politischem Lobbying zu tun, kaum aber mit realen fachlichen Gründen.
Siehe dazu:

Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?
http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2010/01/30/gehoert-phytotherapie-zur-komplementaermedizin.html

Es sprechen viel mehr Argumente dafür, Phytotherapie als Brücke zwischen Medizin und Naturheilkunde zu sehen – eine Position, welche beispielsweise die “Interessengemeinschaft Phytotherapie & Pflege” (IGPP) einnimmt (www.ig-pp.ch).
Die IGPP setzt sich für die Integration von fundierten Heilpflanzen-Anwendungen in Spitex-Organisationen, Pflegeheime und Kliniken ein. Sie arbeitet damit schon vor und erst recht nach der Abstimmung vom 17. Mai unspektakulär an der oft geforderten und selten realisierten Verbindung von Medizin und Naturheilkunde. Voraussetzung für ein Gelingen dieser Zusammenarbeit ist neben phytotherapeutischer Professionalität vor allem auch eine kooperative Grundhaltung zum medizinischen System.

Eine Dokumentation zum Thema “Phytotherapie in der Pflege” finden Sie hier:
moodle.heilpflanzen-info.ch/mod/resource/view.php

P.S.:
Bei der Frage, ob und welche Art von Komplementärmedizin an der Universität gelehrt werden soll, müsste meines Erachtens die wissenschaftliche Fundiertheit nicht das einzige Kriterium sein. Zu fordern wäre darüber hinaus eine offene Diskussion über weltanschauliche und ethische Aspekte. Anthroposophische Medizin beispielsweise basiert auf der Vorstellung, dass Krankheit und Behinderung durch moralisches Versagen in einem früheren Leben ausgelöst werden. Meines Erachtens gehört es zu den “Würden der Moderne”, dass Krankheit und Behinderung nicht mehr mit Schuld verbunden sind. Der Anthroposophischen Medizin aber geht es um eine Remoralisierung von Krankheit und Behinderung.
Details siehe:

Kritische Fragen zur Förderung der Anthroposophischen Medizin:
http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/05/01/abstimmung-komplementaermedizin-kritische-fragen-an-simonetta-sommaruga-zur-foerderung-der-anthroposophischen-medizin.html

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Anthroposophische Medizin ins Medizinstudium – offene Fragen (1)

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SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher (TG) fordert mit einer parlamentarischen Initiative im Nationalrat die Integration der Komplementärmedizin ins Medizinstudium (Mitunterzeichnende siehe Anhang), wobei es auch um die Anthroposophische Medizin geht. Dieses Anliegen ist auf den ersten Blick sympathisch.

Ein zweiter Blick zeigt aber viele Fragwürdigkeiten.

Das fängt schon damit an, dass es sehr problematisch ist, pauschal von “Komplementärmedizin” zu sprechen. Differenzierung wäre gefragt. Unter dem Etikett “Komplementärmedizin” finden sich sehr unterschiedliche Theorien und Überzeugungssysteme. Eine offene Diskussion darüber fehlt und ist meiner Ansicht nach überfällig.
Siehe dazu auch:
Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff
http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2010/01/30/komplementaermedizin-ein-fragwuerdiger-begriff.html

Zu fragen wäre etwa, welche Grundhaltungen und Werte angehende Mediziner und Medizinerinnen im Studium lernen sollen? Welche “komplementären” Ansätze wollen wir? Diese inhaltliche Auseinandersetzung vermeiden meinem Eindruck nach die Unterzeichner dieser parlamentarischen Initiative. Komplementärmedizin undifferenziert und pauschal gut zu finden scheint mir ziemlich naiv und zudem ein bisschen fundamentalistisch angehaucht.

Keine Remoralisierung von Krankheit und Behinderung!

Anthroposophische Medizin zum Beispiel basiert auf der Kernüberzeugung, dass Krankheit und Behinderung durch moralisches Versagen in einem früheren Leben verursacht wird (Karma).
Siehe dazu:
http://heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2009/05/01/abstimmung-komplementaermedizin-kritische-fragen-an-simonetta-sommaruga-zur-foerderung-der-anthroposophischen-medizin.html

Meiner Ansicht nach ist es eine der bedeutendsten Errungenschaften der Moderne, dass Krankheit und Behinderung nicht mehr mit Schuld und moralischem Versagen verknüpft sind. Wenn nun eine staatliche Förderung für die Anthroposophische Medizin verlangt wird, ist damit auch ein Schritt in Richtung einer Remoralisierung von Krankheit und Behinderung verbunden.

Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit sind ebenfalls wichtige Errungenschaften der Moderne. Jeder Mensch darf daher im Sinne der Anthroposophie glauben, dass beispielsweise Lügenhaftigkeit im nächsten Leben eine Behinderung auslöst.

Es fragt sich nur, ob unsere Medizinstudentinnen und -studenten im Studium solch fragwürdige Überzeugungen lernen sollen (dringender wäre ja vielleicht mehr Training von Patientengesprächen).

Erstaunlich ist für mich vor allem, dass ausgerechnet die Sozialdemokratische Partei (SPS) und die Grünen (GPS), die sich beide so behindertenfreundlich geben, ausgesprochen undifferenziert und unreflektiert für diese Remoralisierung von Krankheit und Behinderung eintreten.

Mich würde sehr interessieren, was genau inhaltlich nach Ansicht von SPS und GPS in den Vorlesungen über Anthroposophische Medizin vermittelt werden soll. Da sich die Anthroposophische Medizin praktisch ausschliesslich an ihrer Führerfigur Rudolf Steiner orientiert, gehören dessen Aussagen zu Gesundheit und Krankheit zweifellos in eine solche Vorlesung, auf dass zukünftige MedizinerInnen damit vertraut werden.

Mein Vorschlag für den Bereich Embryologie:

“Sehen Sie, wenn heute eine schwangere Frau gerade fragen würde, was man ihr zu lesen geben will – es gibt ja nichts! Man kann auch eigentlich schon zu gar nichts raten! Neulich bin ich in Basel in eine Buchhandlung gekommen, da fand ich das neueste Programm dessen, was gedruckt wird: ein Negerroman, wie überhaupt jetzt die Neger allmählich in die Zivilisation von Europa hereinkommen! Es werden überall Negertänze aufgeführt, Negertänze gehüpft. Aber wir haben ja sogar schon diesen Negerroman. Er ist urlangweilig, greulich langweilig, aber die Leute verschlingen ihn. Ja, ich bin meinerseits davon überzeugt, wenn wir noch eine Anzahl Negerromane kriegen, und wir geben diese Negerromane schwangeren Frauen zu lesen, in der ersten Zeit der Schwangerschaft namentlich, wo sie heute ja gerade solche Gelüste manchmal entwickeln können – wir geben diese Negerromane den schwangeren Frauen zu lesen, da braucht gar nicht dafür gesorgt zu werden, dass Neger nach Europa kommen, damit Mulatten entstehen; da entsteht durch rein geistiges Lesen von Negerromanen eine ganze Anzahl von Kindern in Europa, die ganz grau sind, Mulattenhaare haben werden, die mulattenähnlich aussehen werden!

So dass man sagen kann: Man beachtet eben heute gar nicht dasjenige, was in der geistigen Kultur enthalten ist. Es ist eben so, dass eine gesunde Erziehung auch allmählich in alles hineingehen wird, was wir lesen oder was wir uns erzählen lassen. Und da werden zum Beispiel einmal vielleicht, wenn man das beachtet, was Anthroposophie sagt, Romane entstehen für Schwangere. Wenn die Schwangeren diese lesen werden, werden sie schöne Menschen wieder vor sich haben, und die schönen Menschen werden aber auch geboren werden zu starken und schönen Menschen. Denn während der Schwangerschaft ist das Weib zugleich durch das, was sie im Kopfe tut, die Veranlassung zu der Tätigkeit, die in ihrem Unterleib vor sich geht. Sie macht die Formen des Kindes aus dem, was sie sich vorstellt, was sie empfindet, was sie will.
Und da, meine Herren, wird Geisteswissenschaft überhaupt handgreiflich. Da wird es so, dass man nicht mehr sagen kann: Das Geistige hat keinen Einfluss auf den Menschen.”

(Rudolf Steiner, Über Gesundheit und Krankheit, GA Band 348, S. 185, Vortrag vom 30. 12. 1922)

Wie viele hässliche oder gar behinderte Menschen könnten verhindert werden, wenn Gynäkologinnen und Gynäkologen über solch anthroposophische Grundsätze informiert wären und den werdenden Müttern passende (anthroposophische) Literatur verordnen könnten….
Und Frauen, die hässliche oder missgestaltete Kinder gebären, hatten während der Schwangerschaft wohl einfach das Falsche im Kopf….

Solche Erkenntnisse aus höheren Welten gehören unbedingt ins Medizinstudium….meinen offenbar die Sozialdemokratische Partei (SPS) und die Grüne Partei (GPS), welche leider an diesem Punkt ziemlich blind agieren.
Nein, so etwas natürlich nicht – werden SPS und GPS bestimmt sagen.
Aber was dann stattdessen, liebe SPS und GPS? Ich bin gespannt auf konkrete Vorschläge, und werde meinerseits gerne weitere liefern.

P.S. Beim “Negerroman”, den Rudolf Steiner so grässlich fand, soll es sich um den Roman “Batouala” von René Maran handeln, welcher inzwischen in der Reihe “Manesse Bibliothek der Weltliteratur” neu veröffentlicht worden ist.
Besprechung: http://www.afrikaroman.de/buch/rezensionen/autor_maran.php

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

Anhang:

Mitunterzeichnende der parlamentarischen Initiative von Nationalrätin Edith Graf-Litscher (TG):
Ruedi Aeschbacher, Evi Allemann, Josiane Aubert, Martin Bäumle, Didier Berberat, Daniel Brélaz, Marina Carobbio Guscetti, Max Chopard-Acklin, André Daguet, Walter Donzé, Hildegard Fässler-Osterwalder, Jacqueline Fehr, Hans-Jürg Fehr, Mario Fehr, Oskar Freysinger, Bastien Girod, Alice Glauser-Zufferey, Bea Heim, Francine John-Calame, Marianne Kleiner, Christian Levrat, Ricardo Lumengo, Ada Marra, Fabio Pedrina, Katharina Prelicz-Huber, Jean-Claude Rennwald, Stéphane Rossini, Maria Roth-Bernasconi, Silvia Schenker, Carlo Sommaruga, Jean-François Steiert, Hans Stöckli, Doris Stump, Adèle Thorens Goumaz, Andy Tschümperlin, Christian van Singer, Alec von Graffenried, Eric Voruz, Hansjörg Walter, Marie-Thérèse Weber-Gobet, Reto Wehrli, Thomas Weibel, Hans Widmer, Brigit Wyss, Josef Zisyadis.

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Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?

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Im Zusammenhang mit der Abstimmung vom 17. Mai 2009 über den Verfassungsartikel zur Förderung der Komplementärmedizin wurde im Parlament immer von fünf dazu gehörenden Methoden gesprochen: Homöopathie, Traditionelle chinesische Medizin (TCM), Anthroposophische Medizin, Neuraltherapie und Phytotherapie.
Diese fünf Methoden wurden als “Päckli” mit dem Etikett Komplementärmedizin bezeichnet.

Dieses “5er-Päckli” ist meines Erachtens ein reines Lobbying-Konstrukt. Fachlich gesehen scheint mir alles dafür zu sprechen, dass Phytotherapie nicht zur Komplementärmedizin gehört:

– Die Phytotherapie hat sich von ihrem Ursprung her aus einem medizinisch-ärztlichen Kontext heraus einwickelt. Der Begriff “Phytotherapie” wurde vom französischen Arzt Henri Leclerc (1870 – 1955) in die medizinische Wissenschaft eingeführt – als naturwissenschaftliche Fortsetzung der bis dahin praktizierten vorwissenschaftlichen “Kräutermedizin”.
Im deutschsprachigen Raum war der Internist Rudolf Fritz Weiss in den Anfängen der Phytotherapie eine zentrale Person.

– Phytotherapie in diesem Sinne strebt schon seit jeher danach, ihre Aussagen wissenschaftlich zu begründen, zu überprüfen und zu dokumentieren.

– Phytotherapie basiert auf Wirkstoffen und bewegt sich damit innerhalb der Regeln der Pharmakologie – bspw. bezüglich Wirkungsmechanismen, Resorption, Verstoffwechselung und Ausscheidung.

– Phytopharmaka müssen, damit sie von den Krankenkassen via Grundversicherung bezahlt werden, ihre Wirksamkeit genauso belegen wie synthetische Medikamente. Das unterscheidet sie fundamental von komplementärmedizinischen Präparaten aus Homöopathie und Anthroposophie, welche vom Wirkungsnachweis befreit sind.

– Alle relevanten Phytotherapie-Fachbücher sehen die Phytotherapie als Teil der Medizin. So beispielsweise Schilcher et. al. im “Leitfaden Phytotherapie” (2007):
“Moderne Phytotherapie ist keine “Alternativ-Medizin”, sondern Teil der heutigen naturwissenschaftlich orientierten Schulmedizin….Die Phytotherapie verfolgt ein naturwissenschaftliches, kausales oder symptomatisches Therapieprinzip und basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen.”

– Phytotherapie hat keine eigene Diagnostik. Sie stützt sich auf medizinische Diagnostik.

Aufgrund dieser Facts scheint mir sonnenklar, dass Phytotherapie nicht zur Komplementärmedizin zu rechnen ist.

Dann stellt sich allerdings die Frage, wo Phytotherapie überhaupt steht.
Phytotherapie ist nämlich auch nicht völlig deckungsgleich mit Medizin und Pharmakologie. Beispielsweise handelt es sich bei Anwendungen der Phytotherapie immer um eine Multi-Target-Therapie. Siehe dazu:
Phytotherapie: Auf die Mischung kommt es an

Ausserdem zeichnet sich die Phytotherapie aus durch ihren Naturbezug und durch die vielfältigen kulturhistorischen Bedeutungen der Heilpflanzen.

Am ehesten gehört Phytotherapie zur Naturheilkunde und ist damit ein (randständiger) Bereich der Medizin.

Siehe: Was ist Naturheilkunde?

Phytotherapie eignet sich aufgrund dieser Stellung ausgezeichnet als fundierte Verbindung zwischen Naturheilkunde und Medizin.

Dass Phytotherapie ins 5er-Päckli der Komplementärmedizin-Methoden integriert wurde, ist ein geschickter Lobbying-Schachzug, hat aber mit der Realität kaum etwas zu tun.

Diese Irreführung der Stimmberechtigten wurde möglich, weil die Schnürer des Päcklis – allen voran, leider, die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS) und die Grüne Partei der Schweiz (GPS) – dessen Inhalt gar nicht prüf(t)en, sondern Beliebigkeit und Populismus zur Handlungsmaxime machen. Würden die Propagandisten des 5er-Päckli ihre Aufgabe ernst nehmen, müssten sie sich meines Erachtens mit Unterschieden innerhalb dieser Methoden auseinandersetzen. Es würden sich dann Fragen stellen wie:
– Welche Elemente von Komplementärmedizin wollen wir?
– Welche Weltanschauungen stecken hinter den einzelnen Methoden?
– Sind diese Weltanschauungen demokratieverträglich und kompatibel mit einer offenen Gesellschaft?

Siehe auch:
Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck
Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck

Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Bregriff
Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff

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Der Begriff “Komplementärmedizin” wird seit einiger Zeit ziemlich inflationär und unreflektiert verwendet. Es wäre meines Erachtens jedenfalls an der Zeit, über diesen Ausdruck genauer nachzudenken.
Auf den ersten Blick handelt es sich bei der “Komplementärmedizin” einfach um Methoden, welche die “Schulmedizin” ergänzen sollen. Kratzt man ein bisschen an dieser Oberfläche, wird das Bild sogleich komplexer.

Die kritischen Fragen an den Begriff “Komplementärmedizin” hat meiner Ansicht nach Prof. Malte Bühring bereits 1999 aufgeworfen. In einem Editorial der Zeitschrift “Forschende Komplementärmedizin” schreibt der Inhaber des Lehrstuhls für Naturheilkunde an der Freien Universität Berlin:

“Auch als Mitglied der Schriftleitung habe ich nie verhehlt, dass ich
dem Titel dieser Zeitschrift, nämlich dem Ausdruck «Komple-
mentärmedizin», kritisch gegenüberstehe, ich selbst hätte ihn nicht
gewählt. Komplementär sagt mir auf der einen Seite zu viel – teil-
weise auch etwas Falsches – auf der anderen Seite zu wenig……
Was habe ich gegen «komplementär»? Sehr einfach könnte man es
mit «sich gegenseitig ergänzend» übersetzen, zu einem Ergänzen
bedarf es aber mindestens zweier Akteure. Den einen Part, näm-
lich den, der ein Ergänzen zulässt, müsste ja wohl die sog. Schul-
medizin spielen. Bei dieser ist Komplementärmedizin eine unge-
liebte Braut, hier sollen wir uns und unserem Publikum nichts vor-
machen. Komplementär signalisiert einen Anspruch, der nicht zu
halten ist, an dieser Stelle sagt mir der Ausdruck zu viel.
Tatsächlich hat komplementär in diesem Zusammenhang einen ne-
gativen Bedeutungswandel erfahren. Komplementär bezeichnet
den Aussenseiter, ähnlich wie «alternativ» in der alternativen Me-
dizin. Mit alternativ wird nicht ein zusätzliches, allgemein aner-
kanntes therapeutisches Angebot neben anderen Behandlungsme-
thoden bezeichnet, sondern ebenfalls die Tatsache des Aussensei-
ters. Niemand mag sein Verfahren so bezeichnen.

Vor allem leistet «komplementär» keinen Beitrag zu einer weite-
ren Differenzierung unter den vielen Methoden ausserhalb der
medizinischen «Schule» – hier sagt mir der Ausdruck zu wenig.
Er signalisiert ein Laisser-faire und eine Beliebigkeit, die nieman-
dem nutzt. Extrem fragliche Methoden werden in der Gesell-
schaft anerkannter Verfahren aufgewertet, einigermassen plausi-
ble Konzepte werden in fragwürdiger Gesellschaft selbst fragwür-
dig.
Ähnliches geschieht jetzt in der offiziellen Gesundheitspolitik, hier
werden die klassischen Naturheilverfahren zusammen mit den
«komplementären» bzw. den «alternativen» Methoden unter
«Unkonventionelle Medizinische Richtungen» (UMR) abgehan-
delt. Ich wehre mich dagegen.”

(Forschende Komplementärmedizin 1999;6:125-126)

Kommentar & Ergänzung:

Dieses Zitat legt meines Erachtens den Finger genau auf die zwei zentralen problematischen Bereiche.

1. Der Begriff “Komplementärmedizin” verspricht zuviel.

Komplementärmedizin ist für die “Schulmedizin” immer noch eine weitgehend ungeliebte Braut. Die Gründe dafür müssten genauer unter die Lupe genommen werden. Meiner Ansicht nach macht es sich ein grosser Teil der Komplementärmedizin bzw. Alternativmedizin zu einfach, wenn als Ursache für diese “Verschmähung” ausschliesslich Borniertheit seitens der “Schulmedizin” angenommen wird.

Meiner Überzeugung nach muss die Komplementärmedizin die eigenen blinden Flecken anschauen, wenn sie als Braut attraktiver oder auch nur genehmer werden will. Dazu gehören zum Beispiel Heilslehren, dogmatische Systeme und Gurutum, die in weiten Bereichen der Komplementärmedizin verbreitet sind. Diese Bereiche werden meines Erachtens nie kompatibel sein mit dem medizinischen System. Hier braucht es sehr viel mehr kritische Auseinandersetzung und Klärung innerhalb der Komplementärmedizin.

Statt dessen versucht die Komplementärmedizin die Anerkennung als “Braut” auf politischem Weg zu erzwingen. Kern dieses Versuches war die Volksabstimmung vom 17. Mai 2009 und ist jetzt die politische Umsetzung des Ergebnisses. Meiner Ansicht nach spricht sehr viel dafür, dass dieses Bestreben scheitern wird. Naturheilkunde und insbesondere die Homöopathie wurden schon einmal massiv politisch gefördert – im Nationalsozialismus. Ziel war damals die Vereinigung von Naturheilkunde und Schulmedizin zur Neuen Deutschen Heilkunde. Es wurden zahlreiche homöopathischen Krankenhäuser aufgebaut und grosse Summen aufgewendet insbesondere für die Erforschung der Homöopathie, aber auch der “Schüssler Salze” (Menschenversuche im Konzentrationslager Dachau). Dieses Projekt erlitt vollkommenen Schiffbruch.
Wer an ausführlicheren Informationen über die unheilsame Verbindung von Naturheilkunde & Nationalsozialismus interessiert ist, dem bzw. der empfehle ich mein Tagesseminar:
www.phytotherapie-seminare.ch/index.php.

2. Der Begriff “Komplementärmedizin” sagt zuwenig aus. Sehr zu recht kritisiert Prof. Malte Bühring meines Erachtens die Beliebigkeit und die mangelnde Differenzierung, die mit dem Begriff “Komplementärmedizin” einher geht. Im “Päckli” Komplementärmedizin sind ausserordentlich unterschiedliche Theorien und Weltbilder enthalten. Nötig wäre hier eine sorgfältige Differenzierung und eine offene Auseinandersetzung darüber, welche Art von Komplementärmedizin wir denn eigentlich wollen. Ich halte es hier gerne mit einer Aussage von Bruno Kesseli, dem Chefredaktor der Schweizerischen Ärztezeitung. Er schrieb in der Ausgabe 2006;87: 3):

“Komplementärmedizin… als Gesamtpaket zu befürworten oder zu verdammen ergibt…….etwa soviel Sinn, wie Pilze generell für geniessbar oder giftig zu erklären. Genau diese Haltung scheint aber einigermassen verbreitet zu sein.”

Die Komplementärmedizin-Lobby hat rund um die Abstimmung vom 17. Mai ein Päckli mit den fünf Methoden Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), Homöopathie, Anthroposophische Medizin, Neuraltherapie und Phytotherapie geschürt, ohne dass die politischen Parteien sich mit dem Inhalt differenziert auseinandergesetzt haben.
Auf dieses Päckli trifft meines Erachtens genau die folgende Aussage von Prof. Malte Bühring zu:

“Extrem fragliche Methoden werden in der Gesell-
schaft anerkannter Verfahren aufgewertet, einigermassen plausi-
ble Konzepte werden in fragwürdiger Gesellschaft selbst fragwür-
dig.”

Meiner Ansicht nach wäre es die Pflicht der Politikerinnen und Politiker, dieses 5er-Päckli aufzuschnüren und differenziert zu betrachten.

Fachlich gesehen ist es schon einmal sehr fraglich, ob Phytotherapie zur Komplementärmedizin zu zählen ist.
Siehe dazu:

Gehört Phytotherapie zur Komplementärmedizin?
http://www.heilpflanzen-info.ch/cms/blog/archive/2010/01/30/gehoert-phytotherapie-zur-komplementaermedizin.html

Ausserdem wäre m. E. eine offene Diskussion über weltanschaulichen Aspekte nötig. Anthroposophische Medizin beispielsweise basiert auf der Vorstellung, dass Krankheit und Behinderung durch moralisches Versagen in einem früheren Leben ausgelöst werden. Meines Erachtens gehört es zu den “Würden der Moderne”, dass Krankheit und Behinderung nicht mehr mit Schuld verbunden sind. Der Anthroposophischen Medizin aber geht es um eine Remoralisierung von Krankheit und Behinderung. Details siehe:
Kritische Fragen zur Förderung der Anthroposophischen Medizin:
Abstimmung Komplementärmedizin: Kritische Fragen an Simonetta Sommaruga zur Förderung der Anthroposophischen Medizin

Wenn nun Anthroposophische Medizin ins Medizinstudium eingebaut und via Grundversicherung bezahlt werden soll, braucht es meines Erachtens eine offene Diskussion darüber, ob wir eine solche Remoralisierung wollen.
Auf der politischen Ebene sind es (leider!) ausgerechnet die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS) und die Grüne Partei der Schweiz (GPS), welche am undifferenziertesten mit dem Thema Komplementärmedizin umgehen. SPS und GPS zeigen in diesem Bereich eine gehörige Portion an Beliebigkeit und Populismus. Ich würde von diesen Parteien eine differenziertere Betrachtung erwarten entsprechend dem Zitat von Bruno Kesseli. SPS und GPS treten nämlich bisher so auf, als ob alle (Komplementärmedizin-) Pilze essbar wären. Das scheint mir sehr naiv.

Siehe auch:
Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck
Schulmedizin – ein fragwürdiger Ausdruck

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Sozialdemokratische Partei (SPS) & Komplementärmedizin-Forschung: Widersprüche und selektive Wissenschaftsgläubigkeit

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Von allen politischen Parteien zeigt meines Erachtens die SPS im Umgang mit dem Verfassungsartikel zur Förderung der Komplementärmedizin – leider – die undifferenzierteste Position und das ausgeprägteste Schwarz-Weiss-Denken. Das zeigt sich auch in den Forderungen der Sozialdemokratischen Partei nach verstärkter wissenschaftlicher Forschung im Bereich Komplementärmedizin. Fragwürdig ist allerdings nicht diese Forderung an sich, sondern die Art und Weise, in der sie gestellt wird. Da verlangt zum Beispiel SP-Ständerätin Simonetta Sommaruga im SP Pressedienst vom 31. März. 2009: “Und es muss zwingend mehr wissenschaftliche Forschung an den Universitäten und Fachhochschulen betrieben werden können, damit die Wirksamkeit besser belegt werden kann.” Die selbe Simonetta Sommaruga sagt einige Tage später, in der Tagesschau vom 9. April 2009, 19.30 Uhr: “Wenn Bundesrat Couchepin aber die Zulassungsverfahren korrekt anwendet und umsetzt und unvoreingenommen prüft, dann gehe ich heute davon aus, dass die fünf Methoden wieder in die Grundversicherung zugelassen werden, weil sie nämlich wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sind, das haben alle wissenschaftlichen Studien gezeigt.” Das ist ja wahnsinnig schnell gegangen mit dem wissenschaftlichen Nachweis der Wirksamkeit…. Wenn alle wissenschaftlichen Studien die Wirksamkeit der fünf zu Diskussion stehenden Komplementärmedizin-Methoden zeigen, wozu braucht es dann noch “zwingend” mehr wissenschaftliche Forschung, damit die Wirksamkeit besser belegt werden kann? Nun, dieser Widerspruch lässt sich leicht auflösen: Die Aussage von SP-Ständerätin Simonetta Sommaruga, dass alle wissenschaftlichen Studien die Wirksamkeit der fünf Komplementärmedizin-Methoden zeigen, ist schlicht und einfach nicht wahr. Siehe dazu auch: Falschaussage von Simonetta Sommaruga zur Komplementärmedizin-Abstimmung Vor allem dass “alle” wissenschaftlichen Studien die Wirksamkeit (und Zweckmässigkeit) zeigen, scheint mir eine krasse Verzerrung. Aber schauen wir uns doch einmal die andere Aussage von Simonetta Sommaruga genauer an: “Und es muss zwingend mehr wissenschaftliche Forschung an den Universitäten und Fachhochschulen betrieben werden können, damit die Wirksamkeit besser belegt werden kann.” Wissenschaftliche Forschung sollte ergebnisoffen sein. Der Wissenschaft quasi einen Auftrag zu erteilen, der das Ergebnis schon vorspurt, ist ein sehr fragwürdiges Unterfangen. Wenn die Politik von der Wissenschaft Ergebnisse verlangt, um die eigenen Positionen zu untermauern, kommt das nicht gut heraus. Und diese Tendenz steckt meiner Ansicht nach in der Aussage von Simonetta Sommaruga. Zudem scheint mir, dass Simonetta Sommaruga die bisherige Forschung gar nicht zur Kenntnis nimmt. Wie sonst könnte sie behaupten, dass alle Studien die Wirksamkeit der Komplementärmedizin zeigen. Für einen ausgesprochen selektive Umgang mit der Forschungssituation spricht auch, dass SP-Ständerätin Simonetta Sommaruga als Beleg für die Wirksamkeit der Komplementärmedizin die Studie von Heiner Frei heranzieht, welche der Homöopathie eine Wirksamkeit in der Behandlung des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms (ADHS) zuschrieb (SF Sendung Arena vom 24. 4. 2009). Im ähnlichen Sinn sagte SP-Nationalrätin Bea Heim (SO) bereits am 19. Sept. 2007 im Nationalrat: “Der Wirksamkeitsnachweis der Homöopathie ist erbracht: Nehmen Sie die Studie der Universität Bern über den Ein- satz von Homöopathie bei Kindern mit Aufmerksamkeitsdefi- zitsyndrom, eine Studie nach den Prinzipien der «evidence- based medicine».” Selektive Studiengläubigkeit Solche Aussagen zeigen meinem Eindruck nach eine sehr fragwürdige Studiengläubigkeit. Offenbar blind geglaubt wird genau jener Studie, welche die eigene Überzeugung stützt. Wir scheinen es hier also mit einer selektiven Studiengläubigkeit bzw. einer selektiven Wissenschaftsgläubigkeit zu tun zu haben. Eine Studie zeigt aber nicht einfach die Wahrheit. Sie kann nicht einfach die Wirksamkeit der Homöopathie beweisen. Studien sagen nicht direkt, wie es ist. Sie müssen interpretiert und bewertet werden. Es gibt immer auch falsch-positive und falsch-negative Studien, zum Beispiel wegen statistischer Ausreisser, vor allem bei Studien mit wenig Teilnehmenden (wie bei der Studie Frei). Studien sind fehleranfällig, sonst gäbe es keine widersprüchlichen Ergebnisse. In der Studie von H. Frei zeigte sich bei Kindern mit ADHS offenbar nach ziemlich langer Behandlungdauer ein (schwacher) Vorteil der homöopathischen Behandlung gegenüber Placebo. Die Studie entspricht wissenschaftlichen Kriterien (randomisiert-doppelblind) und der homöopathischen Forderung nach Individualisierung. Sie ist daher ernst zu nehmen. Ein sorgfältiger Umgang mit Studien, der diese nicht einfach für die eigene Position instrumentalisiert, würde sich aber auch mit der Kritik auseinandersetzen, die gegen sie vorgebracht wird. Zum Beispiel bei der “Frei-Studie” die Einwände von Prof. Dr. med. Götz-Erik Trott – FA f. Kinder- u. Jugendpsychiatrie u.f. Psychosomatische Medizin und Psychotherapie: “Open-label-Phase unbegrenzter Dauer; im Schnitt 5,1 Monate (1-18 Monate!), Nur Responder wurden in die Studie aufgenommen (50% Besserung im CGI unter Homöopatika), Komorbiditäten wurden nicht erfasst, keine Untersuchung durch einen Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, die Eltern wussten, dass es sich um eine homöopathische Behandlung handelt, Carry-Over-Effekte wurden nicht berücksichtigt, auch unter Placebo fanden sich signifikante Effekte (p=0,04).” (Quelle: http://www.uniklinik-ulm.de/fileadmin/Kliniken/Kinder_Jugendpsychiatrie/Praesentationen/Trott_Psypharm_0908.pdf) Kritisiert wurde auch, dass nur die Eltern, die von der Homöopathie überzeugt sind, befragt wurden, nicht aber im Verlauf die betroffenen Kinder und Lehrer (Coulter MK, Dean ME, The Cochran library 2007, Issue 4, Wiley&Sons). Wenn man nur schon zur Kenntnis nehmen würde, dass es fachlich ernsthafte Kritik gibt an dieser Studie, würde man kaum derart plump gerade und einzig mit dieser Studie winken, welche die Wirksamkeit der Homöopathie beweisen soll. Ein sorgfältiger Umgang mit dieser Studie würde auch bedeuten, die Übersichtsstudie zur Kenntnis zu nehmen, welche nach Auswertung von vier Studien zu ADHS-Behandlung mit Homöopathie (incl. Studie von H. Frei) den Schluss zog, dass daraus keine signifikanter Effekt auf die Kernsymptomatik der ADHS sowie auf begleitende Störungen wie Angststörungen etc. festzustellen sei. Siehe: http://www.sfg-adhs.ch/downloads/adhsaktuell15.pdf Man muss meines Erachtens diese Kritik nicht teilen, aber sie mindestens zur Kenntnis zu nehmen wäre angemessen. Zur Kenntnis nehmen müsste man meiner Ansicht nach auch, dass es eine grosse Anzahl von Studien gibt, die wie die Studie Frei wissenschaftlichen und homöopathischen Kriterien entsprechen und keinen über Placebo hinausgehenden Effekt der Homöopathie zeigen konnten. Es scheint mir einfach eine Frage der Redlichkeit, kritische Einwände und gegensätzliche Resultate auch ernst zu nehmen und nicht nur selektiv jene Ergebnisse, welche die eigene Überzeugung stützen. Gerade bei der Forschung zur Homöopathie und zur Anthroposophischen Medizin ist die Lage gar nicht so klar und eindeutig, wie die SPS das darstellt. Im Gegenteil – es gibt Fragezeichen noch und noch. Warum blendet die SPS diese Seite komplet aus? Die total einseitige Rezeption und Darstellung der Forschung durch die SPS macht mir einen ziemlich fundamentalistischen Eindruck. Und dass nun “zwingend” die Wirksamkeit der Komplementärmedizin nachgewiesen werden soll, verstärkt diesen Eindruck noch. Was soll dann nach Ansicht der SPS geschehen mit negativen Ergebnissen? Weiterhin ausblenden und noch mehr Forschung verlangen? – Nur schon die Vorstellung, man könne pauschal die Wirksamkeit der Komplementärmedizin beweisen, scheint mir sehr realitätsfremd. In der Phytotherapie jedenfalls, in der ich mich auskenne, gibt es regelmässig positive und negative Forschungsergebnisse für einzelne Heilpflanzen. Ich kann mir schlecht vorstellen, auf welche Art pauschal die Wirksamkeit der Phytotherapie belegt werden soll. Aber die SPS verspricht so etwas – sie behauptet sogar, dass dies bereits geschehen sei. Und die Anthroposophische Medizin zum Beispiel basiert auf der Überzeugung, dass Krankheit und Behinderung durch moralisches Versagen in früheren Leben bedingt sind. Daraus folgen auf der therapeutischen Ebene Bemühungen um eine Verbesserung dieser Karma-Probleme. Es würde mich sehr interessieren, wie die SPS sich das genau vorstellt, wenn “zwingend” mehr Forschung stattfinden soll zum Nachweis der Wirksamkeit dieser “Karmaoptimierung”. Mehr dazu: Abstimmung Komplementärmedizin: Kritische Fragen an Simonetta Sommaruga zur Förderung der Anthroposophischen Medizin Komplementärmedizin-Abstimmung: Kritische Anmerkungen zur Anthroposophischen Medizin Aber wahrscheinlich wird dieser religiöse Kern der Anthroposophischen Medizin schon zum Vorneherein ausgeklammert, wenn es um Forschung geht, und man versucht Belege zu finden in Randgebieten, die solcher Forschung zugänglicher sind. Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn die Forschungslage differenziert und transparent dargestellt würde. Wenn man aber wie die SPS vollmundig und pauschal verkündet, dass alle Studien die Wirksamkeit generell zeigen, und damit implizit auch eine Aussage über die Karmatheorie macht, scheint mir das eine massive Verzerrung. Obwohl ich mich der Naturheilkunde zugehörig fühle, verzichte ich gerne auf diese Art politischer Unterstützung, die auf Falschaussagen, hoch selektiver Darstellung von Sachverhalten und fundamentalistischen Tendenzen basiert. Diese Art der Unterstützung wirkt sich meines Erachtens negativ aus auf die Entwicklung von Komplementärmedizin und Naturheilkunde. Ein weiterer Widerspruch soll hier noch angefügt werden: Die Sozialdemokratische Partei fordert einerseits “zwingend” mehr Forschung, damit die Wirksamkeit der Komplementärmedizin bewiesen werden kann. Andererseits setzt sich die SPS dafür ein, dass bestimmte Gruppen von komplementärmedizinischen Heilmitteln bevorzugt werden, indem sie von jeglichem Nachweis ihrer Wirksamkeit befreit sein sollen (bzw. bleiben sollen). Siehe dazu auch: Sozialdemokratische Partei & Komplementärmedizin: Heimatschutz auch für unseriöse Naturheilmittel? Der Widerspruch liegt hier darin, dass Hersteller komplementärmedizinischer Produkte, die keine Wirksamkeit dokumentieren müssen, auch kein grosses Interesse an Forschung haben werden. Wozu forschen, wenn doch die Zulassung auch ohne diesen Aufwand erhältlich ist. Dann steckt eine Unternehmungsleitung das Geld sinnvoller in die Werbung. Prof. Rudolf Bauer vom Institut für Pharmazeutische Wissenschaften der Universität Graz, einer der profiliertesten Arzneipflanzenforscher, schreibt unter dem Titel “Arzneipflanzenforschung – quo vadis?” zu dieser Problematik: “Für jedes zugelassene Arzneimittel muss der Nachweis von Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit erbracht werden. Dies gilt auch für pflanzliche Arzneimittel, auch wenn teilweise wegen der langen Erfahrung diese hohen Hürden als nicht nötig erachtet wurden. Rückblickend betrachtet, haben diese gesetzlichen Anforderungen die Arzneipflanzenforschung sicherlich stimuliert… Die Entwicklung, dass auf europäischer Ebene vor allem die Zulassung ,traditioneller‘ Arzneimittel mit ,weichen‘ Indikationen vorangetrieben wird, und die zunehmende Tendenz, dass pflanzliche Präparate als Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt gebracht werden, lassen die Befürchtung aufkommen, dass durch den Wegfall des gesetzlichen Drucks in Zukunft weniger in die Forschung investiert wird.” Quelle: http://www.infektionsnetz.ch/frame.php?frame=http%3A//www.infektionsnetz.ch/stage/networkcenter.php%3Fnw%3D13%26cat%3D0%26table%3Darticle%26view%3Darticle%26id%3D10307 Auf universimed / Phytoforum, 27. 6. 2005 Es ist genau diese für die Forschung sehr fragwürdige Entwicklung, welche die Sozialdemokratische Partei voran treiben will. Ihre Forderung, es müsse mehr geforscht werden im Bereich Komplementärmedizin, sabotiert die SPS also gleich selber, indem sie die Hersteller vom Forschungsaufwand befreit. Oder stellt sich die SPS vor, dass der ganze Forschungsaufwand zu Lasten des Staates geht? Wenn die Forschung dadurch firmenunabhängiger wird, wäre das ja gar nicht so schlecht, braucht aber sehr viel Geld. Allerdings könnte dieser “Schuss” auch hinten hinaus gehen. In den USA pumpte der Staat seit 1999 über das National Center of Complementary and Alternative Medicine (NCCAM) rund 2,5 Milliarden Dollar in die Forschung im Bereich Komplementärmedizin. Laut dem Portal www.news.de räumte NCCAM-Leiterin Josephine Briggs ein, dass der Erkenntnisgewinn ihrer Behörde im ersten Jahrzehnt äußerst dürftig war. Trotz grosser finanzieller Ressourcen sind die bestätigenden Durchbrüche für die Komplementärmedizin ausgeblieben. Im Gegenteil: Manche Ergebnisse dieser grossen, unabhängigen Studien stellen Überzeugungen der Komplementärmedizin sehr in Frage. Aber der SPS geht es ja darum, dass “zwingend” mehr geforscht werden soll, um die Wirksamkeit zu beweisen. Da werden doch wohl keine negativen Ergebnisse auftauchen……. Falls die SPS fordert, dass der Staat viel Geld in die Hand nehmen soll für die “zwingend” zu erbringende Forschung zum Nachweis der Wirksamkeit der Komplementärmedizin, hätte ich allerdings schon noch die Frage, ob es nicht dringendere Forschungsbereiche gäbe, die näher bei den sozialdemokratischen Kernthemen liegen. Beispielsweise die Erforschung von schweren, aber seltenen Krankheiten, die kaum erforscht werden, weil sich hier kein attraktiver Markt auftut. Ich bin nicht gegen Forschung im Bereich Komplementärmedizin. Voraussetzung dafür wäre aber schon, dass man positive und negative Ergebnisse zur Kenntnis nimmt und nicht so einseitig-fundamentalistisch daherredet, wie die Sozialdemokratische Partei (SPS) dies meiner Ansicht nach im Bereich Komplementärmedizin tut. Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Sozialdemokratische Partei (SPS) & Komplementärmedizin: Heimatschutz auch für unseriöse Naturheilmittel?

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Am 17. Mai 2009 haben die teilnehmenden Stimmberechtigten in der Schweiz einem Verfassungsartikel zugestimmt, welcher Bund und Kantone beauftragt, im Rahmen ihrer Zuständigkeiten die Komplementärmedizin zu berücksichtigen.

Am Parlament läge es nun, diesen sehr offen formulierten Auftrag zu konkretisieren. Die Mehrheit der Parlamentarierinnen und Parlamentarier vermeidet aber meinem Eindruck nach bisher jede Differenzierung. Zu hören sind hauptsächlich pauschale, vernebelnde Formulierungen und irreführende, unreflektierte, hohle Phrasen. Populismus halt, der sich um eine konkrete Auseinandersetzung mit dem Thema drückt.
Am deutlichsten zeigt sich dies – leider – bei der Sozialdemokratischen Partei (SPS).

Für die SPS – so mein Eindruck – ist Komplementärmedizin grundsätzlich und umfassend gut und heilsam.

Nebulöse Begriffe und hohle Phrasen

Das zeigt sich zum Beispiel in der Wortwahl. So fordert die Sozialdemokratische Partei den “Heilmittelschatz” und die “Vielfalt an traditionellen Heilmittel” zu bewahren und SP-Nationalrat Steiert verlangt Massnahmen zur Erhaltung bewährter Heilmittel.

Diese Forderungen nach Bewahrung des traditionellen Heilmittelschatzes tönen sehr schön und sprechen auch vielen Menschen aus dem Herzen. Wer stellt sich schon gegen die Bewahrung des traditionellen Heilmittelschatzes?
Hinter den schönen Phrasen versteckt sich aber nur die Forderung, dass auch in Zukunft Produkte als Heilmittel verkauft werden dürfen, ohne dass deren Hersteller die Wirksamkeit glaubwürdig dokumentieren müssen.

Die Problematik der schönen Phrasen, wie sie in diesem Zusammenhang von der SP verwendet werden, zeigt sich erst bei genauerem Hinsehen. Es ist nämlich vollkommen unklar, was die Sozialdemokratische Partei denn genau meint mit der Forderung nach Bewahrung des traditionellen Heilmittelschatzes.
Bisher konnte mir auch noch niemand in der SPS sagen, um welche Heilmittel genau es der Partei geht, geschweige denn, aufgrund welcher Argumente sie unter Schutz zu stellen seien.

Dabei stellen sich an diesem Punkt zahlreiche Fragen:

1. Was meint die SPS genau mit traditionellen Heilmitteln?

Wie alt muss ein Heilmittel sein, um als traditionell zu gelten? Zehn, fünfzig, hundert oder fünfhundert Jahre?
Und ist “traditionell” allein schon ein schützenswerter Wert?

Welche traditionellen Heilmittel genau will die SPS retten? Wirklich traditionelle Heilmittel wie Kamillentee oder Johannisöl sind nämlich nicht bedroht (aber was sind wirklich traditionelle Heilmittel?)

Und was spricht denn dafür, traditionelle Heilmittel pauschal unter Heimatschutz zu stellen?
Für mich steht fest, dass es wertvolle traditionelle Heilmittel gibt. Genauso existiert in diesem Bereich aber auch jede Menge Schrott und Betrug an Konsumentinnen und Konsumenten.

Ist “Tradition” für die SPS trotzdem generell gut und erhaltenswert?
Wenn Ja, dann schützt die SPS auch massenhaft hoch fragwürdige Heilmittel. Und ausserdem haben wir dann schlechtere Argumente gegen Frauenbeschneidung und Diskriminierung von Homosexuellen – beides ist traditionell gut verankert. Und Tradition ist doch generell schützenswert, oder?

Wenn nein: Welche Kriterien hält die SPS für geeignet zur Unterscheidung zwischen erhaltenswerten und nicht erhaltenswerten traditionellen Heilmittel? Oder will die SPS gar keine Unterscheidung?

Wer “traditionell” ganz simpel als “gut” betrachtet betreibt meines Erachtens eine ziemlich obskure Retro-Romantik, oder anders ausgedrückt eine Vergangenheitsverklärung.
Erstaunlich, dass die SPS auf dieser Welle surft.
Das Alter eines Heilmittels kann aber ja wohl nicht pauschal als Kriterium für Vertrauenswürdigkeit gelten. Sonst können wir uns auch einsetzen für die Erhaltung der “traditionellen” 60-Arbeitsstunden-Woche.

Welche Argumente also sprechen dafür, den traditionellen Heilmittelschatz – ganz generell – zu bewahren?

Und wenn der traditionelle Heilmittelschatz nach Ansicht der SPS ganz pauschal unter Schutz gestellt werden soll: Warum nicht auch der traditionelle Schatz an Operationstechniken und der traditionelle Schatz an Diagnosemethoden?
Traditionelle Operationstechniken und Diagnosemethoden müssten doch genauso schützenswert sein wie traditionelle Heilmittel, wenn “Tradition” ein Wert an sich ist?

Hat die SPS Argumente, warum die traditionellen Heilmittel ganz pauschal wirksamer, sicherer und wertvoller sind als traditionelle Operationstechniken und traditionelle Diagnosemethoden?
Oder geht es nicht vielleicht darum, dass es für traditionelle Heilmittel eine aktive Hersteller-Lobby gibt, während an traditionellen Operationstechniken und traditionellen Diagnosemethoden niemand auch nur einen müden Franken verdient.

2. Was meint die SPS genau mit “bewährte Heilmittel”?

Nach welchen Kriterien gedenkt die SPS zu bestimmen, was zu den bewährten Heilmitteln gehört, die es zu erhalten gilt‘
Heisst “bewährt” einfach “wirksam”? Dann braucht es Kriterien dafür, was als wirksam gilt. Die Erfahrung von Patienten, dass es ihnen nach der Anwendung eines Heilmittels besser geht, reicht nicht. Schliesslich heilen die allermeisten Krankheiten auch von selbst – und chronische Krankheiten bessern sich immer wieder zwischendurch.
Oder heisst “bewährt” einfach, dass das Heilmittel schon lange verkauft wird? Das ist ein sehr schwaches Argument, weil es nichts über Qualität aussagt. Auch völlig wirkungslose Pseudoheilmittel werden über Jahrhunderte verkauft. Die Medizingeschichte ist voll von Beispielen.

3. Was meint die SPS genau mit dem traditionellen “Heilmittelschatz”?

Der Begriff “Heilmittelschatz” ist meines Erachtens ziemlich manipulativ. Ein Schatz ist ja fraglos etwas Wertvolles, das es zu bewahren gilt.

Die Sozialdemokratische Partei sagt der Bevölkerung aber nicht, was genau sie zu diesem Schatz zählt (meinem Eindruck nach weiss die SPS das selber nicht). Hausspezialitäten von Apotheken und Drogerien?
Darunter gibt es viel Konsumentenbetrug wie zum Beispiel Abführtees, die als Wundermittel zur Gewichtsreduktion verkauft werden. Oder unnütze Vitalstoffpräparate, die laut Studien gar die Sterblichkeit der Konsumenten erhöhen könnten.

Oder geht es der SPS um die “Appenzeller Heilmittelliste”?
Im Kanton Appenzell (AR) ist ja der Verkauf von wirkungslosen (und zum Teil sehr fragwürdigen) Heilmitteln staatlich legitimiert. Diese Praxis ist durch das neue Heilmittelgesetz bedroht und soll nun offenbar mit Hilfe der SPS bewahrt werden.

Weshalb wird nicht offen dargelegt, um welche Art von “Heilmittelschatz” es geht?
Dann könnten die Bürgerinnen und Bürger nämlich mitdiskutieren, ob sie einen solchen pauschalen Schutz wollen. Ich vermute, dass sich dann eine Mehrheit der Bevölkerung für Differenzierung und gegen Pauschalisierung aussprechen würde. Auch bei der “Appenzeller-Liste” müsste man dann sorgfältig und differenziert prüfen, was erhaltenswert ist und zurecht als Heilmittel gelten soll und was nur dazu dient, kranken Menschen falsche Hoffnungen zu machen und ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen.
Dazu müsste man sich aber mit dem Thema auseinandersetzen und könnte nicht in einer bequemen Verklärung komplementärmedizinischer Produkte verharren.

Kann die Sozialdemokratische Partei konkrete Heilmittel nennen, für deren Schutz sie sich einsetzt, und begründen, weshalb sie diese Präparate für schützenswert hält?

Warum will die SPS solche Produkte schützen? Wo bleibt der Konsumentenschutz? Sollen auch weiterhin vollkommen unsinnige und unwirksame “Heilmittel” verkauft werden dürfen? Wem nützt dies? Warum verlangt die SPS “Heimatschutz” für Konsumententäuschung?

Die Sozialdemokratische Partei macht es sich meines Erachtens sehr einfach: Indem sie alle “traditionellen” Heilmittel als “Schatz” bezeichnet, muss sie sich keine Gedanken dazu machen, wie sich “Perlen” von “Schrott” trennen lassen. Es gibt ja offenbar für die SPS nur “Perlen”. In einem Schatz kann es niemals Schrott und niemals Betrug geben.

Kann die SPS wenigstens genau sagen, welche Heilmittelgruppen sie als “Schatz” unter Schutz stellen will?
Ist die SPS bereit, konkrete Beispiele zu diskutieren? Im Abstrakten kann man nämlich gut grosse Reden schwingen und schöne Worte machen.
Und welche Firmen sollen auf Kosten der Konsumenten von diesem pauschalen “Heimatschutz” für Schrott profitieren?

Dieser “Heimatschutz” für angeblich traditionelle Heilmittel schadet im übrigen auch jeder seriösen Phytotherapie / Pflanzenheilkunde. Diese dokumentiert und belegt die Wirksamkeit ihrer Heilpflanzen-Präparate nämlich sorgfältig durch aufwendige Entwicklungs- und Forschungsarbeiten. Unter dem Label “traditionell” laufen dagegen zahlreiche Produkte, die reine Trittbrettfahrer sind, nie einen müden Franken in Entwicklung und Forschung gesteckt haben und keinerlei Gewähr bieten für Wirksamkeit und Sicherheit.

Wenn der Staat Produkte als Heilmittel akzeptiert, deren Wirksamkeit in keiner Weise dokumentiert ist, muss sich jeder Phytotherapeutika-Hersteller ernsthaft überlegen, ob er noch unnötigerweise Geld in die Forschung steckt. Forschung wird so nämlich schnell einmal zum Wettbewerbsnachteil, wenn die Konkurrenz sich solche Ausgaben ersparen kann.

Transparenz wäre nötig als Minimalstandard

Oder ist die SPS wenigstens bereit, zu Gunsten der Konsumentinnen und Konsumenten für Transparenz zu sorgen und eine Deklarationspflicht einzuführen, die offenlegt, welche Produkte einen ausreichenden Wirksamkeitsbeleg vorweisen können, und welche unter dem Label “Heimatschutz” betreffend Wirksamkeit undokumentiert akzeptiert werden?

Wenn die staatliche Heilmittelkontrolle nämlich ein Produkt auf eine Heilmittelliste nimmt und zum Verkauf in Apotheken und Drogerien freigibt, macht er damit meines Erachtens eine positive Aussage zur Wirksamkeit. Und wenn er dabei unbesehen wirksame und unwirksame Produkte in den gleichen Topf wirft, wirkt er mit bei der Täuschung von Konsumentinnen und Konsumenten. Diesen schon jetzt bestehenden Zustand halte ich für vollkommen intransparent und unakzeptabel.

Sozialdemokratische Partei – blind für Konsumentenschutz im Bereich Komplementärmedizin?

Überraschend ist für mich, wie konsumentenfeindlich die SPS in diesem Bereich agiert – obwohl die Partei doch immer wieder hervorstreicht, dass sie die Interessen der Konsumenten vertritt. Davon kann ich hier nichts erkennen. Ich sehe blinde Loyalität gegenüber einer einflussreichen und zum Teil fundamentalistisch angehauchten Komplementärmedizin-Lobby.

Und ich bin erstaunt, wie nebulös, intransparent und manipulativ die von der SPS verwendeten Begriffe sind.
Meinem Eindruck nach kommt dies aus einer sehr einseitigen, pauschalen Interpretation der Komplementärmedizin als “heile Welt”.

Differenzierung statt pauschalen „Heimatschutz“

Gut dreissig Jahre Erfahrung im Bereich Komplementärmedizin / Naturheilkunde – den überwiegenden Teil davon als Ausbildner – haben mir ein differenzierteres Bild gezeigt. Ich kann je länger desto weniger einfach pauschal für oder gegen Komplementärmedizin sein. Es braucht meines Erachtens Differenzierung, nicht pauschalen “Heimatschutz”. Und es braucht viel kritische Auseinandersetzung, wenn die Komplementärmedizin sich weiter entwickeln soll. Und zwar “kritisch” im ursprünglichen Sinne einer griechischen “kritike”, einer “Kunst der Beurteilung” als Fähigkeit zu sorgfältiger Unterscheidung.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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