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[Buchtipp] „Politisches Framing“, von Elisabeth Wehling.

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Politisches-FramingVerlagsbeschreibung

Politisches Denken ist bewusst, rational und objektiv – diese althergebrachte Vorstellung geistert bis heute über die Flure von Parteizentralen und Medienredaktionen und durch die Köpfe vieler Bürger. Doch die Kognitionsforschung hat die ‚klassische Vernunft‘ längst zu Grabe getragen. Nicht Fakten bedingen unsere Meinungen, sondern Frames. Sie ziehen im Gehirn die Strippen und entscheiden, ob Informationen als wichtig erkannt oder kognitiv unter den Teppich gekehrt werden. Frames sind immer ideologisch selektiv, und sie werden über Sprache aktiviert und gefestigt – unsere öffentlichen Debatten wirken wie ein synaptischer Superkleber, der Ideen miteinander vernetzen kann, und zwar dauerhaft. In der Kognitionsforschung ist man sich daher schon lange einig: Sprache ist Politik. Höchste Zeit also, unsere Naivität gegenüber der Macht politischer Diskurse abzulegen.

Dieses Buch legt dazu den Grundstein. In einfacher Sprache deckt es zunächst auf, wie Sprache sich auf unser Denken, unsere Wahrnehmung der Welt und unser Handeln auswirkt. Es zeigt, wo die Wirkkraft mentaler Mechanismen wie Frames und Metaphern herrührt, und macht deutlich, wieso es für gesunde demokratische Diskurse unabdingbar ist, die Bewertungen von Gesellschaft und Politik durch vorherrschende Frames mit eigenen Wertvorstellungen abzugleichen – und für eine authentische Vermittlung der eigenen Weltsicht zu sorgen. Diesen Grundlagen folgt eine Analyse der augenfälligsten Frames unserer deutschsprachigen Debatten über Steuern, Sozialstaat, Gesellschaft, Sozialleistungen, Arbeit, Abtreibung, Islam, Terrorismus, Zuwanderung, Flüchtlingspolitik und Umwelt. Zum Shop

Zur Autorin Elisabeth Wehling

Elisabeth Wehling, geboren 1981 in Hamburg, studierte Soziologie, Journalistik und Linguistik in Hamburg, Rom und Berkeley. Sie promovierte in Linguistik an der University of California, Berkeley, ihr Forschungsbereich ist die politische Werte-, Sprach- und Kognitionsforschung. Seit 2013 leitet sie am International Computer Science Institute in Berkeley Forschungsprojekte zu Ideologie, Sprache und unbewusster Meinungsbildung mit Methoden der Neuro- und Verhaltensforschung sowie der kognitionslinguistischen Diskursanalyse. Sie hat zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht und ist Koautorin von Auf leisen Sohlen ins Gehirn (Carl-Auer, 2008) und The Little Blue Book (Simon & Schuster, 2012), zusammen mit George Lakoff. Wehling lebt in Berkeley, Kalifornien und ist in den USA und Europa als Beraterin für Politik und Wirtschaft tätig.

Kommentar von Martin Koradi

Elisabeth Wehling ist eine führende Expertin im Bereich des „Framings“ und schafft es ausgezeichnet, dieses faszinierende Thema verständlich und packend darzustellen. Chapeau! Es ist ausgesprochen spannend zu lesen, wie Sprache unser Denken bestimmt und dadurch die Politik beeinflusst. Elisabeth Wehling erklärt dazu die Grundlagen aus Neurowissenschaft und Kognitionsforschung und bringt dazu eine ganze Palette von anschaulichen Beispielen.

Erhard Eppler schreibt im Vorwort:

„Es ist ja nicht so,. dass wir erst denken und dann versuchen, dieses Denken in Worte zu fassen. Wir denken schon in unserer Sprache, und diese Sprache, in der wir denken, kennt bestimmte Frames. Im Oxford-Duden sind für ‚frame’ die deutschen Bezeichnungen ‚Rahmen’, ‚Gestalt’ und ‚Gerüst’ angegeben. So ist beispielsweise der Begriff der ‚Steuer’ eingebunden in einen Rahmen, der, meist durch Metaphern, seine Bedeutung, seinen Klang, in der Gesellschaft bestimmt. Zu diesem Rahmen gehört unter anderem der Begriff ‚Steuerlast’. Wir haben also eine Last zu tragen – welche, bestimmen die Gesetze. Es gibt Steueroasen, wo man der Steuer entkommt, aber rundherum ist eben die Wüste, in der man Steuer bezahlt. Dass wir die Steuer berappen, damit wir auf guten Strassen Auto fahren können und damit unser Bundesland Lehrer für unsere Kinder bezahlen kann, ist bei diesem Frame ausgeblendet. Daher ist Steuererleichterung immer gut: weniger Last……….

Wichtig ist dieses Buch aufgrund seiner Methode: Wer nicht aus dem Frame einer Behauptung ausbricht, kann widersprechen, so lange und so laut er will, er wird nur den Frame bestätigen. Nicht nur politisch Tätige können lernen, sich einiges zu ersparen.“

Das Buch „Politisches Framing“ von Elisabeth Wehling bietet eine exzellente Lektion dazu, wie unser Denken und unsere Sprache funktionieren und zusammenwirken. Dieses Wissen kann jeder und jede brauchen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterwanderungen und Kräuterkursen.

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Huflattich stärkt den Willen und die Durchsetzungskraft?

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Huflattich stärke den Willen, lese ich in einem Internet-Beitrag.

Er soll den Pionier in uns wecken und helfe den Menschen, sich durchzusetzen, aber auch, sich selber treu zu bleiben. Huflattich helfe, für ein paar Tage oder Wochen auf einige Verführungen zu verzichten und den guten Vorsätzen treu zu bleiben, indem er den Willen stärke………

Solche Beschreibungen sind Assoziationen und Fantasien über Pflanzen. Sie haben mit der Person zu tun, die solche Assoziationen und Fantasien hat. Mit der Pflanze, um die es hier geht, haben sie nichts zu tun.

Der Heilpflanze Huflattich werden hier Eigenschaften angedichtet, die nur im Kopf der „Dichterin“ vorhanden sind. Die Pflanze wird quasi als Depot  für eigene Assoziationen und Fantasien benutzt.

Es ist natürlich gar nichts dagegen einzuwenden, wenn Pflanzen unsere Assoziationen und Fantasien anregen. Im Gegenteil, das macht einen Teil ihrer Faszination aus.

Fragwürdig ist nur, wenn man nicht erkennt, dass es sich bei solchen Beschreibungen um Eigenproduktionen handelt, und glaubt, es handle sich um Eigenschaften der Pflanze.

Und wenn – wie in dem erwähnten Internet-Beitrag – eine Naturheilpraktikerin solche Beschreibungen liefert und ihre Patientinnen und Patienten danach behandelt, dann baut sie ihre Behandlung auf den eigenen oder fremden Fantasien und Assoziationen auf.

Und weil es im Bereich Komplementärmedizin / Naturheilkunde keine Qualitätssicherung gibt, kann das jeder und jede so machen. Man trifft heutzutage zum Beispiel Beschreibungen über das „Wesen der Pflanzen“, die reine Fantasieprodukte sind. Auf dieser Basis Therapieempfehlungen abzugeben, ist höchst fragwürdig.

Siehe:

Die fragwürdige Rede vom Wesen der Pflanzen

Wesen und Signatur der Heilpflanzen – Gänseblümchen

Zum Wesen der Heilpflanzen – Storchenschnabel gegen Schock

Huflattichtee trinken und schwupps, schon bin ich willensstark und durchsetzungsfähig. Die ideale Heilpflanze für Soldaten und Manager…….aber eigentlich kann das doch jeder und jede brauchen. Trinken wir doch alle Huflattichtee!

Aber halt, dann gleicht sich das ja wieder aus, wenn alle willensstark und durchsetzungsfähig werden. Also trinken Sie besser heimlich Huflattichtee und erzählen Sie es niemandem weiter….

Und wie praktisch, dass Huflattich gleich auch noch hilft, auf gewisse Verführungen zu verzichten. Dazu sind aber noch genauere Untersuchungen nötig zur Art der Verführung, gegen die Huflattich helfen soll.

Im Ernst: Wenn das so einfach wäre mit Durchsetzungsfähigkeit und Willensstärke. Gibt es tatsächlich Leute die glauben, dass uns der Huflattich diese Arbeit netterweise abnimmt?

Vielleicht weil er spezielle Kompetenzen hat im Bereich „Durchsetzungsfähigkeit“ als Pflanze, die schon bald nach dem Schnee kommt?

Dann könnte man ja Huflattich allenfalls als Symbol für Durchsetzungsfähigkeit nehmen.

Dann wäre es aber wichtig zu verstehen, dass Symbole von Menschen geschaffen werden und keine Eigenschaft der Pflanze sind.

Nachtrag:

Der Mensch ist – nach Ernst Cassirer (1874 – 1945) ein „animal symbolicum“, das heisst ein symbolbildendes und symbolverwendendes Wesen. Der Mensch hat nur über Symbole einen Wirklichkeitsbezug. Der Begriff „animal symbolicum“ hebt die typisch menschliche Fähigkeit hervor, Symbole hervorzubringen und in einer Welt der Symbole zu denken und zu leben.

In seinem Hauptwerk Philosophie der symbolischen Formen und vor allem in seinem anthropologischen Spätwerk Versuch über den Menschen erläutert Ernst Cassirer den Begriff. Wikipedia zum „animal symbolicum“:

„Der Mensch lebt nicht in einer rein physischen Umwelt, sondern in einem symbolischen Universum. Sprache, Mythos, Kunst, Religion und alle anderen Bereiche kulturellen Wirkens bilden die Fäden des symbolischen Gewebes. Jeder Fortschritt des menschlichen Denkens und der menschlichen Erfahrung verstärkt und erweitert dieses Gewebe…. Der Mensch zeichnet sich…..dadurch aus, dass er der Welt über das Symbol sowohl individuelle als auch kollektiv konnotierte Bedeutung verleiht.“

P.S: Huflattich (Tussilago farfara) blüht im Flachland jetzt im März (Volksnamen: Märzeblüemli, Teeblüemli, Zitröseli). In der Phänologie fällt seine Blühphase in den Vorfrühling

Es lohnt sich, die hübsche Pflanze zu beachten.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Weihrauch als Heilpflanze bei Rheuma und Darmentzündungen

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Die „Welt“ publizierte einen informativen Beitrag über Weihrauch.

Dabei kam auch die medizinische Wirkung zur Sprache:

„Sogar eine kleine medizinische Renaissance könnte das Weihrauchharz erleben, nachdem es als Arzneimittel weitgehend durch wirksamere synthetische Stoffe ersetzt worden war. In den 90er-Jahren fanden Pharmakologen im Harz eine Reihe von Substanzen, unter anderem die Boswellia-Säuren, die eine entzündungshemmende Wirkung haben sollen. So könnten sie möglicherweise Rheuma, chronische Darmentzündungen, Multiple Sklerose, Schuppenflechte, Asthma und die Beschwerden von Hirntumoren lindern

Die Forschung, in Deutschland vor allem an den Unis in Tübingen und Saarland, ist aber noch nicht abgeschlossen, es gibt erst wenige Studien mit Patienten. Eine Arzneimittelzulassung gibt es nicht.“

Quelle:

http://www.welt.de/wissenschaft/article13771012/Weihrauch-ist-eine-Wissenschaft-fuer-sich.html

Kommentar & Ergänzung:

In der Schweiz ist ein Weihrauchpräparat (H 15 Gufic) im Kanton Appenzell als Heilmittel zugelassen. Bei Rheuma (Arthritis) und Darmentzündungen (Colitis ulcerosa, Morbus Crohn) kommt Weihrauch in Tablettenform innerlich zur Anwendung. Weihrauchsalben, die seit einiger Zeit ebenfalls im Handel sind, eignen sich allenfalls bei Hautentzündungen (Neurodermitis, Psoriasis), aber nicht bei Rheuma. Es ist nämlich völlig ungeklärt, ob die Wirkstoffe durch die Haut aufgenommen werden können und auf diesem Weg eine Wirkung entfalten.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Die fragwürdige Rede vom „Wesen der Pflanzen“

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In der Pflanzenheilkunde stösst man seit einigen Jahren immer wieder auf ein angebliches „Wesen der Pflanzen“, das zu erkennen für die Heilwirkung bedeutsam sein.

Die Rede vom „Wesen der Pflanze“, von „wesenhaften Urtinkturen“ etc. ist meines Ansicht nach sehr unreflektiert und hoch fragwürdig. Um die problematischen Aspekte dieser Theorie zu verstehen, braucht es allerdings eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Begriff des „Wesens“.

„Auch wenn wir uns heute schwer tun, noch daran zu glauben, dass die Welt, so wie sie ist, zum allerbesten eingerichtet sei, handeln wir doch immer noch oft so, als habe sie gar keinen anderen Zweck als uns mit dem auszustatten, was wir zum Leben und zum guten Leben (oder dem, was wir dafür halten) brauchen. Zwar mag nicht alles gut sein in der Welt, aber das, was darin gut ist, ist doch allein deshalb gut, weil es für uns gut ist. Wir behandelt es so, als sei es für uns gemacht, so als wären wir die rechtmässigen Besitzer der gesamten nichtmenschlichen Umwelt. Die Bäume sind nur dazu da, uns Sauerstoff zum Atmen zu spenden (und natürlich auch Bücher aus ihnen zu drucken), andere Pflanzen und Tiere, um uns zu ernähren und uns zu kleiden usw. …..

Schon Aristoteles hatte in der Politik ähnliches behauptet, nämlich „dass die Pflanzen der Tiere wegen und die Tiere des Menschen wegen da sind, die zahmen zur Dienstleistung und Nahrung, die wilden, wenn nicht alle, so doch die meisten, zur Nahrung und zu sonstiger Hilfe, um Kleidung und Gerätschaften von ihnen zu gewinnen.“ Die Ontologie und Naturphilosophie des Aristoteles aber spricht eine ganz andere Sprache. Hier wird sorgfältig zwischen Artefakten, also von Menschen hergestellten Dingen, und Naturprodukten und insbesondere Lebewesen, unterschieden. Zum Wesen beider gehört die Zweckbestimmung, aber nur für die Artefakte gilt, dass ihr Zweck ihnen äusserlich ist. Sie sind tatsächlich für etwas da, für etwas gut, und zwar für etwas anderes. Ein Messer etwa ist zum Schneiden da. Darin erfüllt sich sein Zweck und zugleich sein Wesen: Es ist ein zum Schneiden bestimmtes Ding. Lebewesen hingegen haben ihren Zweck in sich selbst. Ihre Beschaffenheit dient nicht einem anderen, sondern ihrem eigenen Überleben und Wohl. Sie sind ihrem Wesen nach nicht „für etwas“ gut, sondern allein sich selbst ein Gut.“

Michael Hauskeller, Philosoph, in: Mögliche Welten, Beck Verlag 2006

Kommentar & Ergänzung:

Fatalerweise gibt es auch in einer esoterisch angehauchten Pflanzenheilkunde die Ansicht, dass die Heilpflanzen für uns da sind. Heilpflanzen haben dann nicht ihren Zweck in sich selbst. Ganz im Gegenteil ist es ihr Zweck und ihr Wesen, uns zu heilen. Auch die Beschaffenheit der Pflanzen dient in dieser Sichtweise nicht in erster Linie ihrem eigenen Überleben und Wohl: Formen und Farben gelten als Signaturen, die uns mitteilen, wofür die Pflanze für uns gut ist.

Diese Vorstellungen stellen den Menschen stark ins Zentrum der „Veranstaltung Natur“. Die Heilpflanzen jedenfalls werden hier in ihrem Wesen und in ihrer Beschaffenheit ganz auf den Menschen ausgerichtet gesehen.

So solle es dann beispielsweise tatsächlich das Wesen des Gänseblümchens sein, die Folgen einer Versehrung, einer physischen oder psychischen Gewaltanwendung zu lindern. Das heisst: Der Kern der Existenz des Gänseblümchens soll darin liegen, uns zu heilen von Gewaltanwendung. Es geht im „Wesen“ also nicht um das Gänseblümchen. Es geht exklusiv um uns. Eine ausgesprochen hochmütige Angelegenheit.

Hauskeller beschreibt diese anthropozentrische Position präzis und plädiert für die Einsicht, dass uns diese Position nicht zusteht. Damit verbindet er die Hoffnung, dass unser Blick frei wird………

„…für eine andere Art von Schönheit, eine Schönheit, die nichts mehr mit dem Nutzen zu tun hat, den die Gegenstände der Natur für uns haben, sondern gerade im Gegenteil aus ihrer Nutzlosigkeit entspringt, aus dem Umstand, dass sie ihrer Wesensbestimmung nach nur für sich da sind und allenfalls zufällig, aufgrund gänzlich kontingenter (= zufälliger, M.K.) Umstände, auch für uns.“

Michael Hauskeller, Philosoph, in: Mögliche Welten, Beck Verlag 2006

Kommentar & Ergänzung:

Die Vorstellung, dass Heilpflanzen ihrem Wesen nach für uns da sind, uns durch Farben und Formen mitteilen, wofür sie gut sind, spricht offensichtlich viele Menschen an. Wie schön: wir sind persönlich gemeint. Hier kümmert sich jemand um uns, ohne eigene Ansprüche und Erwartungen zu hegen. Aus dieser Sichtweise ergibt sich meines Erachtens eine ziemlich eigenartige Beziehung zu den Pflanzen.

Erstens ist es sehr einfach, jemanden zu lieben, der fraglos und ohne eigene Ansprüche für mich da ist. Ich plädiere im Gegensatz dazu für den Versuch, mit den Pflanzen eine Art von Beziehung zu finden auch mit dem Wissen, dass sie sich von sich aus nicht um uns kümmern und dass wir ihnen wohl ziemlich egal sind. Das ist eine anspruchsvollere, aber vermutlich auch reifere Art der Beziehung.

Denn zweitens ist die Vorstellung, dass sich da fraglos und ohne eigene Ansprüche jemand um mich kümmert, am ehesten noch für ein Kleinkind angemessen. In diesem Alter brauchen wir Eltern, die auf unsere Bedürfnisse eingehen, und die eigenen ein Stück weit zurückstellen. Auch schwer erkrankten Menschen können solche Vorstellungen möglicherweise gut tun. Aber als generelle Haltung den Heilpflanzen gegenüber scheint mir dies ziemlich fragwürdig.

Betrachten wir doch die Natur – wie Michael Hauskeller es anregt – weniger aus dem Blickwinkel des Nutzens für uns. Auf die Heilkräuter übertragen: Wir sollten meines Erachtens die schöne, aber ziemlich narzisstische und anthropozentrische Vorstellung, dass die Heilpflanzen mit ihren Kräften, Farben, Formen und mit ihrem Wesen auf uns gerichtet sind, zur Seite stellen. Und dann offen sein für eine Begegnung mit den Pflanzen jenseits dieser menschlichen Selbstüberschätzung…..

Wer nämlich die Wesensbestimmung der Heilpflanzen darin sieht, dass sie zu unserer Heilung da sind, der behandelt sie wie einen Artefakt, wie einen Gegenstand, der fremdem Zweck und Wesen unterliegt, und nicht wie ein Lebewesen, dessen Zweck ausschliesslich in ihm selber gründet.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Melisse (Melissa officinalis) bei Autismus?

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Vielversprechende Resultate einer Beobachtung

Tiefgreifende Entwicklungsstörungen wie Autismus werden durch qualitative Beeinträchtigungen in der gegenseitigen Interaktion, der verbalen und nonverbalen Kommunikation charakterisiert und durch ein
merklich beschränktes Repertoire von Aktivitäten und Interessen.
Eine Publikation in der Zeitschrift ProMed komplementär 4/2009 beschreibt eine kleine Beobachtungsstudie zur Anwendung von Melissenextrakt bei Autismus. Hier eine Zusammenfassung:

Melisse, so wird berichtet, besitze eine beruhigende und ordnende Wirkung. Aus dem Grund vermuten die Autoren der Studie, dass Melissenextrakt vielleicht wirksam sein könnte bei der Behandlung von Autismus.
.
An der Beobachtungsstudie nahmen drei ambulante männliche Patienten teil (16.1-17.3 Jahre; mean=16.7 Jahre; SD=0.4-Jahre). Ihre Intelligenzquotienten bewegten sich zwischen 56 und 88 (72+/?16), gemessen mit der Wechsler Intelligence Scale. Die Diagnose wurde unabhängig voneinander von zwei Psychologen gestellt und bestätigt. Alle Patienten waren frei von zusätzlichen medizinischen oder neurologische Erkrankungen und zudem wenigstens für einen Monat medikamentenfrei. Einer war vorgängig mit Methylphenidat, der andere mit Neuroleptika behandelt worden, beide mit ungünstigem Wirkungs-Nebenwirkungs-Verhältnis. Die Sprache eines Patienten bestand aus einsilbigen Wörtern, die der anderen aus einzelnen Wörtern (10-Wort-Vokabular). Eltern und Mentoren (= die Personen, die den Patienten im Alltag betreuten) bewerteten die Symptome mit der Verhaltens- (ABC) und Symptomkontrolliste. Melissenblätter-Trockenextrakt, (5.0-6.2:1, Auszugsmittel Wasser) in der Dosierung von 2 x 225 mg (2 x 1 Tbl.) wurde einen Monat lang verabreicht. Die pädagogischen Interventionen blieben vor, während und nach dieser Beobachtungsstudie gleich.
Die Bewertungen (Durchschnittswert beider Bewerter) wurden vor und am Ende von der Behandlungsperiode erstellt, wobei zwei Patienten zuerst Melisse, nach einer vierwöchigen Pause Placebo und ein Patient zuerst Placebo, nach einer vier- wöchigen Pause Melisse bekam.
Melisse verbesserte signifikant die ABC-Faktoren Reizbarkeit, Überaktivität, inadaequater Blickkontakt und unpassende Sprache. Die Symptomkontrollistenresultate zeigten eine signifikante Zunahme an Schläfrigkeit, verminderte Aktivität. Kein Patient klagte über Kopfschmerzen oder Magenschmerzen. Obwohl diese kleine Beobachtungsstudie nur einen bescheidenen therapeutischen Effekt von Melisse im akuten Management von Autismus-Patienten zeigte, so wurde doch eine leichte Verbesserung dieser schwer behandelbaren Symptome evident. Weiterführende diesbezügliche Untersuchungen wären nach Meinung der Autoren des Artikels wünschenswert.
Für die Praxis ziehen sie folgendes Fazit:

“Mangelnder Blickkontakt und vor allem die fehlende soziale Interaktion reduzieren die Effizienz pädagogischer Interventionen bei Patienten mit tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. Aus dem Grund sind auch zusätzliche psychopharmakologische Therapien unerlässlich, um die Symptome zu verbessern.
Wir beobachteten bei drei männlichen autistischen Patienten, diagnostiziert nach den ICD-10 Kriterien, den Effekt von Melisse. Die Patienten wurden eingeschlossen, wenn ihr Augenkontakt und ihre Sprache inadäquat für ihren Entwicklungsstand waren.
Reizbarkeit und Stereotypien verbesserten sich leicht während Behandlung mit Melisse.
Zusammenfassend: Melisse war in der kurzfristigen Behandlung bei einigen autistischen Patienten gering, aber doch wirksam.”

Quelle:
http://www.springermedizin.at
H. Niederhofer, ProMed komplementär 4/2009

Kommentar & Ergänzung:

Das ist natürlich tatsächlich eine sehr kleine Studien mit beschränkter Aussagekraft. Die Autoren stellen das selber fest und sind vorsichtig mit ihren Aussagen.
Aus Sicht der Phytotherapie scheint mir interessant, dass hier ein Melissen-Extrakt peroral angewendet wurde. Ich hätte bei dieser Indikation eher die inhalative Anwendung von Melissenöl erwartet.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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