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Gemmotherapie: Ribes nigrum Mundspray gegen Halsschmerzen?

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Letzte Woche wurde ich gefragt, was ich von Ribes nigrum Mundspray gegen Halsschmerzen halte und ob es dazu Studien gebe. Ribes nigrum ist die Schwarze Johannisbeere. Das Präparat basiert auf Prinzipien der Gemmotherapie, die Auszüge aus Pflanzenknospen (Knospenmazerate) verwendet und dabei die in den Knospen enthaltenen Pflanzenwuchstoffe als wirksam erachtet.

Nun sind Pflanzenwuchsstoffe in Knospen fraglos wichtig für Pflanzen. Ob sie pauschal auch für Menschen positive Effekte haben, ist keineswegs gewiss und eher unplausibel.

Die vorliegenden Laborexperimente und Anwendungsbeobachtungen zu diesem Ribes nigrum Mundspray reichen nicht ansatzweise aus, um die weitreichenden Versprechungen der Gemmotherapie zu belegen.

Wer den Ribes nigrum Mundspray bei Halsschmerzen anwendet, wird überwiegend positive Erfahrungen machen, was aber auch daran liegen könnte, dass Halsschmerzen in der Regel von selbst wieder bessern. Möglicherweise wirkt auch das Alkohol-Glycerin-Gemisch als Trägerlösung lindernd und weniger die in äusserst geringer Konzentration vorhandenen Inhaltsstoffe der Johannisbeer-Knospen.

Manche Hersteller und Verkäufer von Gemmo Schwarze Johannisbeere Spray versprechen auch eine Cortison-ähnliche Wirkung bei Entzündungen und Allergien aller Art, zum Beispiel bei Rheuma, Arthritis, Gicht, nach Operationen und bei Fibromyalgie.

Das sind Behauptungen, für die es weder Belege noch glaubwürdige Erklärungen gibt.

Das ist aber ein generelles Phänomen rund um die Gemmotherapie-Präparate: Ausserordentlich weitreichenden Versprechungen stehen keinerlei Belegen gegenüber.

Siehe auch:

Heilsame Knospen? Die fragwürdige Welt der Gemmotherapie

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

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Interessantes zum Gelben Enzian, zum Enzianschnaps und zum Germer

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In der Zeitschrift der Österreichischen Gesellschaft für Phytotherapie (5/2017) präsentiert Univ.-Doz. Dr. Reinhard Länger einen informativen Beitrag über den Gelben Enzian (Gentiana lutea, Bild: Gelber Enzian).

 

Die Wirkung des Gelben Enzians ist verbunden mit dem hohen Gehalt an Bitterstoffen. Er wird angewendet bei Verdauungsbeschwerden wie Appetitlosigkeit und Völlegefühl.

Ausserdem wird aus den Enzianwurzeln der Enzianschnaps hergestellt. Die Pflanze wird bis zu 150 cm hoch, erreicht ein Alter von bis zu 60 Jahren und die Enzianwurzel kann in Kultur frühestens nach 4 bis 5 Jahren geerntet werden.

Enzianwurzel hat einen Bitterwert von mindestens 10 000. Der Bitterwert macht eine Aussage dazu, wie stark eine Substanz verdünnt werden muss, damit der bittere Geschmack noch wahrnehmbar ist.

Reinhard Länger hat diesen Bitterwert des Gelben Enzians in anschauliche Beispiele umgerechnet:

„Im Fall von Enzianwurzel bedeutet dies, dass 1g Enzianwurzel 10 Liter Wasser bitter machen kann. Die Bitterstoffe sind gemäß ihrer chemischen Struktur Secoiridoide. Mengenmäßig dominiert Gentiopikrosid (Bitterwert 12 000), die Substanz mit dem höchsten Bitterwert ist Amarogentin (Bitterwert 58 000.000, d. h. 1 g Amarogentin macht 58 000 000ml (= 58m3) Wasser bitter, dies entspricht einem großen Eisenbahn-Kesselwaggon)!“

Eine bitterere Substanz als Amarogentin ist kaum vorstellbar.

Zum Enzianschnaps erklärt Länger den Unterschied zwischen destilliertem und angesetzem Produkt:

„Für die Bereitung von destilliertem Enzianschnaps werden die frischen Wurzeln fermentiert und je nach Rezeptur mit Wasser eingemaischt oder Obstmaische zugesetzt. Die Bitterstoffe sind nicht flüchtig und gelangen daher nicht in das klare Destillat. Anders bei angesetzten Schnäpsen: die Inhaltstoffe werden extrahiert, der Schnaps ist daher braun und stark bitter.“

Der Text geht ausserdem auf Unterschiede zwischen dem Gelben Enzian und dem giftigen Germer (Veratrum album) ein:

„Blattrosetten des Enzian ähneln entfernt jenen des stark giftigen Germer. Beim heimlichen, unerlaubten Graben in der Dämmerung können daher Verwechslungen passieren. Die Alkaloide des Germer sind ebenfalls nicht flüchtig und würden daher auch nicht in ein Destillat übergehen. Bei Ansatzschnäpsen werden sie aber extrahiert. Im Fall einer Vergiftung tritt meist rasch Erbrechen ein, weshalb tödlich verlaufende Vergiftungen in letzter Zeit nicht aufgetreten sind. Bei Tageslicht sollte die Differenzierung von Enzian und Germer kein Problem darstellen: die Blätter des Enzian sind kreuz-gegenständig angeordnet, jene des Germer wechselständig.“

Quelle:

http://www.phytotherapie.co.at/pdf/PT0517.pdf

 

Kommentar & Ergänzung:

Interessant ist hier die Angabe, dass sowohl beim Enzianschnaps die Bitterwirkung als auch beim Germer die Giftwirkung von der Herstellungsweise abhängig ist.

Gelber Enzian und Germer unterscheiden sich auch in der Blattfärbung. Die Blätter des Gelben Enzians haben einen grünlich-bläulichen Ton, Germer dagegen einen grünlich-gelblichen Ton. Um diesen Unterschied sicher zu erkennen, muss man die Pflanzen möglichst nebeneinander in der Natur sehen

Sehr viele Gelben Enziane und Germer können Sie kennenlernen auf meinen Kräuterwanderungen im Berner Oberland – in Lenk im Simmental und in Mürren im Lauterbrunnental.

 

Der Germer ist unter der Bezeichnung Veratrum album ein wichtiges Mittel in der Homöopathie. Weil bei der Herstellung der Globuli die Pflanze so stark verdünnt wird, bis praktisch keine Wirkstoffe mehr verhanden sind, sind die Präparate ungiftig (zum Beispiel D6 = 1: 1 000 000 oder D12 = 1: 1 000 000 000 000).

Hauptanwendungsgebiete sind zum Beispiel Erschöpfung, schwacher Kreislauf, Kollaps, Kreislaufbeschwerden, Erbrechen und Durchfall. Veratrum album wird in der Homöopathie oft auch als Hauptmittel bei Cholera erwähnt. Das sind allerdings sehr grosse Versprechungen für ein Produkt, für dessen Wirksamkeit es – wie bei Homöopathika generell – keinerlei Belege für eine spezifische Wirksamkeit gibt.

Der Germer hat im Übrigen sehr schön geformte Blätter. Foto hier.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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[Buchtipp] „Zivilisierte Verachtung“, von Carlo Strenger

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Zivilisierte_VerachtungVerlagsbeschreibung

Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit

Moderne Gesellschaften stehen seit je vor der Herausforderung, das Zusammenleben unterschiedlicher Konfessionen, Ethnien usw. zu ermöglichen. Leitbilder wie das der multikulturellen Gesellschaft gerieten dabei jüngst in die Kritik. Zu Recht, so Carlo Strenger, habe der Westen mit der Idee der Political Correctness doch ein „Eigentor“ geschossen, da er nun selbst zum Ziel von Intoleranz werde.
Anhand konkreter Beispiele erläutert Strenger sein Gegenmodell der „Zivilisierten Verachtung“, einer Haltung, aus der heraus Menschen Positionen, die sie für irrational oder unmoralisch halten, verachten, ohne jenen, die sie vertreten, ihre Menschlichkeit abzusprechen. Zum Shop

Zum Autor Carlo Strenger

Carlo Strenger, in der Schweiz geboren und aufgewachsen, ist Professor der Psychologie an der Universität Tel Aviv. Er schreibt regelmäßig für den britischen „Guardian“ und Israels führende liberale Zeitung „Haaretz“.

Kommentar von Martin Koradi

Der Titel dieses Buches wirkt wohl auf viele Menschen eher irritierend. „Verachtung“ ist ein hartes Wort und „zivilisiert“ passt irgendwie ganz und gar nicht dazu.

Worum es Carlo Sprenger geht, wird deutlicher durch dieses Zitat aus dem Vorwort des Buches:

„Meine Motivation war, der relativistischen Tendenz der politischen Korrektheit, die glaubt, alle Positionen, Glaubenssätze und Lebensformen hätten den gleichen Respekt verdient, entgegenzuwirken. Dieser oft gedankenlose Respekt hat meiner Meinung nach vielen liberal eingestellten Menschen den Mut genommen, offensiv für die fundamentalen Werte der offenen Gesellschaft – Freiheit, Kritik und offene Diskussion – einzutreten. Die Gefahr, die ich sah und heute erst recht sehe, besteht darin, dass rechtsnationale Parteien und Gruppierungen die vakante Rolle der Verteidiger der freien Welt übernehmen, dabei aber die zu verteidigenden Werte der Aufklärung, die unsere Gesellschaft im Laufe der letzten Jahrhunderte humanisiert haben, durch Fremdenhass und das Schüren von Ängsten untergraben.“

Das Buch von Carlo Sprenger ist eine Aufforderung, sich ernsthaft mit Islamismus und Populismus auseinanderzusetzen und dabei die Werte der Aufklärung zu verteidigen. Damit ist es sehr aktuell.

Ausserdem:

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz).

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Grüntee gegen Zahnfleischentzündung

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Mundspülungen mit Grüntee schützen genauso effektiv vor Zahnbelag und Zahnfleischentzündung wie Chlorhexidin.

Chronische Gingivitis (Zahnfleischentzündung) infolge einer verstärkten Anlagerung von krankmachenden Bakterien an Zähnen und Zahnfleisch betrifft weltweit 50 bis 90 % der Erwachsenen.

Insbesondere bei Personen mit einer entsprechenden Anfälligkeit kann sich daraus eine Parodontitis entwickeln, eine Entzündung des Zahnhalteapparats. Konsequente, gründliche Mundhygiene kann frühzeitig der Entstehung von Plaques und Zahnfleischentzündung vorbeugen.

Dabei können ergänzend zur mechanischen Reinigung mit Zahnbürste, Zahnseide und Co. Mundspülungen mithelfen. Die Substanz Chlorhexidin gehört aufgrund ihrer antimikrobiellen Wirksamkeit zur Standardlösung im Kampf gegen bakterielle Entzündungen im Mundraum. Allerdings wird Chlorhexidin nicht für eine Langzeitanwendung empfohlen und kann Nebenwirkungen wie Taubheitsgefühl, Schwellungen und Schleimhautreizungen bewirken. Zudem kann es die Zähne, Füllungen und die Zunge bräunlich verfärben. Es sind allerdings auch Produkte erhältlich, welche keine Verfärbungen verursachen.

Verschiedene Mundspülungen auf pflanzlicher Basis werden als Alternative zu Chlorhexidin bereits angeboten.

Grüntee von der Teepflanze Camellia sinensis besitzt aufgrund seiner verschiedenen Inhaltsstoffe eine vielfältige gesundheitsfördernde Wirkung und kann auch als antibakterielles Mittel eingesetzt werden.

Eine iranische Wissenschaftlergruppe untersuchte nun in einer randomisierten Studie die Wirksamkeit einer Mundspülung auf der Basis von Grüntee gegen Chlorhexidin.

Die Studie umfasste 40 Teilnehmer, Medizinstudenten im Alter von 18 bis 25 Jahren. Sie wurden zu Beginn der Studie hinsichtlich ihres mundhygienischen Zustandes untersucht (Entzündungen des Zahnfleisches, Zahnfleischbluten, Ausmaß des Zahnbelags Plaque, Verfärbungen der Zähne). Danach wurden Zahnbeläge, Zahnstein und Verfärbungen entfernt und die Probanden in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine Gruppe bekam eine Mundspüllösung auf Basis von Grüntee, welche speziell für die Studie mit einem Tanningehalt von 1 % hergestellt wurde, die andere Gruppe bekam eine Mundspülung mit Chlorhexidin (0,12 %).

Die Studie war doppelblind. Das heisst: Die Testpersonen beider Gruppen wurden nicht darüber informiert, welche Lösung sie erhalten hatten, und auch die untersuchenden Ärzte wussten nicht, zu welcher Gruppe die Probanden gehörten.

Die Teilnehmer bekamen die Anweisung, über einen Zeitraum von vier Wochen zusätzlich zu ihrer normalen Zahnreinigung zweimal täglich eine Minute lang mit 15 ml der jeweiligen Lösung den Mund durchzuspülen.

Nach einer Woche und am Studienende wurden wiederum die zu Beginn untersuchten mundhygienischen Parameter durch ein und denselben Arzt überprüft.

Zu allen drei Überprüfungszeitpunkten liessen sich keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen festgestellen. In beiden Gruppen fanden die Untersucher nach einer bzw. vier Wochen Anwendung der Mundspülungen weniger Zahnbelag, Zahnfleischentzündungen und Zahnfleischbluten im Vergleich zum Befund beim Studienbeginn. Das bedeutet, dass die Spülungen mit Grüntee genauso wirksam waren wie jene mit Chlorhexidin. Mit Grüntee-Spülungen kam es zudem weniger zu Zahnverfärbungen als mit Chlorhexidin.

Quelle:

https://www.carstens-stiftung.de/artikel/gruener-tee-gegen-rotes-zahnfleisch.html

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26272266

 

Kommentar & Ergänzung:

Die Studie ist mit 40 Probanden ziemlich klein und daher in ihrer Aussagekraft begrenzt. Es gibt aber weitere Hinweise auf eine günstige Wirkung von Grüntee bei Zahnfleischentzündungen, zum Beispiel die Beobachtungsstudie hier:

Grüntee fördert gesundes Zahnfleisch

Wobei Beobachtungsstudien nur Hinweise auf mögliche Wirkungen geben, aber nie solche belegen können.

Die Gerbstoffe machen eine Wirksamkeit des Grüntees bei Zahnfleischentzündungen auch plausibel. Dabei dürfte eine direkte entzündungswidrige Wirkung im Vordergrund stehen – im Gegensatz zum Chlorhexidin, das indirekt Entzündungen hemmt über die bakterientötende Wirkung.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Rotes Weinlaub und Rosskastanien-Extrakt gegen Krampfadern – ja, aber in welcher Form?

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T-online hat einen Artikel zum Thema „Venenschwäche“ veröffentlicht mit dem Titel „Krampfadern vorbeugen: So zögern Sie sie hinaus.“

Darin gibt es eine Reihe nützlicher, aber auch schon ziemlich bekannter Tipps. Beispielsweise zu Risikofaktoren für Krampfadern wie:

langes Stehen

langes Sitzen

Bewegungsmangel

Übergewicht

Rauchen

Antibabypille

Hormonersatztherapien etwa in den Wechseljahren.

 

Auch wird auf die Bedeutung ausreichender Bewegung hingewiesen.

In einem Nebensatz kommt dazu noch netterweise eine Empfehlung zweier Heilpflanzen:

„In der Naturheilkunde werden auch Cremes und Umschläge aus rotem Weinlaub- oder Rosskastanien-Extrakt gegen Krampfadern eingesetzt.“

Damit trifft t-online im selben Satz voll ins Schwarze und voll daneben.

Rotes Weinlauf und Rosskastanien-Extrakt, das sind zusammen mit Buchweizenkraut (Rutin) tatsächlich die Favoriten der Phytotherapie, wenn es um Venenschwäche und Krampfadern geht.

Zwei Punkte laufen aber schief:

  1. Studien, die eine Wirksamkeit zeigen, gibt es beim Roten Weinlaub und beim Rosskastanien-Extrakt nur für Präparate zum Einnehmen, zum Beispiel in Kapselform. Dass die Wirkstoffe aus Rotem Weinlauf (Flavonoide) und aus Rosskastanien-Extrakt (Aescin) durch die Haut in relevanten Mengen aufgenommen werden, ist sehr unwahrscheinlich und nicht einmal ansatzweise belegt. Umschläge mit Roten Weinlaub oder Rosskastaniensalben sind daher als Anwendungsform sehr fragwürdig
  1. Es gibt keine fundierten Hinweise darauf, dass Präparate aus Rotem Weinlaub oder Rosskastanien-Extrakt vorbeugend oder gar heilend wirken bei Krampfadern, wie es der Text nahelegt. Belegt wurde eine Linderung der Beschwerden bei Venenschwäche bzw. Krampfadern. Venöse Stauungen (Ödeme) und das Gefühl schwerer Beine wurden reduziert. Das ist wertvoll, aber es ist eben nicht die Vorbeugung oder gar Heilung, die von der Werbung oft versprochen wird.

Darüber hinaus enthält der Text auf t-online noch Tipps zur Ernährung, zum Beispiel:

„Fördern Sie die Venendurchblutung mit Gewürzen wie Ingwer, Pfeffer und Chili.“

Nichts gegen Ingwer, Pfeffer und Chili, aber so ganz nachvollziehbar ist diese Empfehlung nicht. Der Wirkstoff im Chili (Capsaicin) wirkt beispielsweise auf der Haut durchblutungsfördernd und erweitert dazu kleine Kapillargefässe. Aber ob ich eine solche Wirkung auch auslösen kann durch Einnahme von Chili ist sehr fraglich. Wieviel Chili müsste ich denn täglich einnehmen, damit der Wirkstoff in relevanter Konzentration in kleinen Venen gelangt und sie erweitert. Und wäre das überhaupt sinnvoll für einen besseren venösen Rückfluss oder eher kontraproduktiv?

Quelle der Zitate:

http://www.t-online.de/gesundheit/krankheiten-symptome/id_46399962/krampfadern-vorbeugen-mit-sport-und-richtiger-ernaehrung.html

Siehe auch:

Empfehlungen zur Behandlung chronischer Venenleiden

Venenerkrankungen: Wirksamkeit von Rosskastanienextrakt erneut bestätigt

Cochrane-Studie zu Rosskastanien-Extrakt bei Venenbeschwerden

 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Können Flavonoide aus Rotwein, Heidelbeeren und Schwarztee vor Grippe schützen?

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Das „Aerzteblatt“ schreibt über sehr interessante Studien, die sich mit Zusammenhängen zwischen der Darmflora und Grippe-Infektionen befassen.

So haben Studien zum Beispiel gezeigt, dass die Pathogenität von Grippe-Viren von der Darmflora beeinflusst wird (Pathogenität von pathogen = eine Krankheit verursachend).

Mäuse sterben häufiger an einer Grippe, wenn ihre Darmflora zuvor durch Antibiotika beseitigt wurde. Wissenschaftler der Washington University School of Medicine in St. Louis vermuten, dass die schützende Wirkung über das Immunsystem zustande kommt. Der Darm enthält die größte Ansammlung von Immunzellen im Organismus, und die Darmbakterien sind entscheidend daran beteiligt, die Abwehrzellen für ihre Aufgabe der Infektabwehr auszubilden. Dabei spielt die Aktivierung von Typ I-Interferonen eine bedeutende Rolle, die von verschiedenen Körperzellen als Reaktion auf Virusinfektionen gebildet werden.

Mäuse, die aufgrund eines Gendefekts verstärkt Typ I-Interferone bilden, zeigten in Experimenten eine erhöhte Resistenz gegen Grippe-Infektionen.

Eine ähnliche Schutzwirkung wie die Gene entfalteten in weiteren Untersuchungen Darmbakterien. Da diese Darmbakterien nicht die Lunge als Eintrittspforte der Grippe-Viren erreichenkönen, muss es eine vermittelnde Substanz geben, die den positiven Effekt bewirkt.

Die Wissenschaftler suchten daher systematisch nach Stoffwechselprodukten der Darmbakterien, die in der Lage sein könnten, die Produktion von Typ I-Interferonen zu erhöhen. Dabei stiessen sie auf Desaminotyrosin.

Das Darmbakterium Clostridium orbiscindens, ein Verwandter des gefürchteten Durchfallerregers Clostridium difficile, kann Desaminotyrosin bei der Verstoffwechselung von Flavonoiden aus Rotwein, Heidelbeeren oder bestimmten Teesorten herstellen.

Desaminotyrosin hat in tierexperimentellen Studien die Produktion von Typ I-Interferonen angeregt und Mäuse vor tödlichen Grippe-Infektionen geschützt. Die Studie wurde in Science (2017; 357: 498-502) publiziert und wirft ein neues Licht auf die Bedeutung der Darmflora für die Infektionsabwehr, auch wenn die klinische Bedeutung für die Humanmedizin offen bleiben muss.

Flavonoide sind eine Gruppe von Pflanzenfarbstoffen, die in unter anderem in Petersilie, Heidelbeeren, Schwarztee, Zitrusfrüchten und Rotwein enthalten sind.

Weitere Untersuchungen haben gezeigt, dass die orale Gabe von Desaminotyrosin Mäuse vor einer Grippe schützt. Die Substanz bewahrte die Mäuse vor einem sicheren Grippetod, der sie erwartete, wenn ihre Darmflora vor der Infektion durch einen Antbiotika-Cocktail aus Vancomycin, Neomycin, Ampicillin und Metronidazol eliminiert wurde. Das spricht dafür, dass Desaminoyrosin offenbar die Schutzwirkung der Darmflora vermittelt.

Es sind nur nur wenige Darmbakterien bekannt, die in der Lage sind, Flavonoide abzubauen. Dazu zählt Clostridium orbiscindens. Dieser normale Darmbewohner reagiert empfindlich auf die Antibiotika Vancomycin und Metronidazol, was erklären könnte, weshalb Antibiotika-Behandlungen (bei Mäusen) die Pathogenität einer Grippe steigern.

Welche Bedeutung diese Entdeckung für die klinische Medizin und damit für den Menschen hat, ist unklar.

Denkbar wäre die vorbeugende Behandlung mit Desaminotyrosin.

Tatsächlich überlebten Mäuse die für sie im Normalfall tödliche Grippe, wenn sie vorgängig eine Woche lang mit Desaminotyrosin behandelt wurden. Die Behandlung blieb wirkungslos, wenn die Behandlung erst zwei Tage nach der Infektion mit den Grippe-Viren begonnen wurde. Die Sterblichkeit war dann laut sogar erhöht. Eine andere Konsequenz aus diesen Erkenntnissen könnte die Vermeidung unnötiger Antibiotikatherapien sein.

 

Allerdings fehlt es weitgehend an epidemiologischen Daten, die eine gesteigerte Anfälligkeit von Menschen für grippale Infekte nach Antibiotikatherapien zeigen. Eine vorbeugende Wirkung von Desaminotyrosin müsste zudem noch in klinischen Studien untersucht und bestätigt werden.

Das „Aerzteblatt“ schliesst mit der Bemerkung:

„Die Nutzen-Schadenbilanz von Rotwein dürfte eher negativ ausfallen. Gegen eine gesunde ausgewogene Ernährung mit anderen Flavonoid-haltigen Nahrungsmitteln dürfte nichts einzuwenden sein.“

 

Quelle:

https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/sw/Grippe%2FInfluenza?nid=77460

http://science.sciencemag.org/content/357/6350/498

 

Kommentar & Ergänzung:

Flavonoide gehören zur Gruppe der Polyphenole und sind eine sehr interessante Wirkstoffgruppe in der Phytotherapie. Über mögliche indirekte Wirkungen von Polyphenolen im Zusammenhang mit Verstoffwechselungsprozessen der Darmflora gibt es bereits einige Forschungsarbeiten.

Die hier präsentierten Forschungen zum Thema Grippeprophylaxe sind sehr spannend. Es zeigt sich dabei aber auch, dass diese Ergebnisse aus dem Labor und mit Mäusen noch sehr viele Fragen offen lassen, was eine wirksame Anwendung beim Menschen angeht.

Noch ist überhaupt nicht klar, ob Menschen von diesen Erkenntnissen profitieren, und falls das irgendwann der Fall sein sollte, wird wohl ein Pharmaprodukt auf der Basis von Desaminotyrosin daraus hervorgehen. Das lässt sich dann patentieren, wodurch die Forschungskosten wieder hereingespielt werden können. So funktionieren halt unsere Forschung und unsere Wirtschaft. Dass die Weinproduzenten eine klinische Studie mit Rotwein sponsern ist kaum anzunehmen.

Für die Phytotherapie scheint mir ein interessanter Punkt, dass Flavonoide über dieses Zusammenspiel mit der Darmflora eine ganz neue Kategorie von Wirkungen haben könnten. Auch unterstreichen diese Studien die grosse Bedeutung einer intakten Darmflora. Und dass flavonoidreiche Nahrungsmittel ein wichtiger Bestandteil einer vielfältigen Ernährung sind, wird durch diese Erkenntnisse erneut unterstrichen.

Beachtenswert sind dabei insbesondere die Anthocyane, eine Untergruppe der Flavonoide, die als blaue und rote Farbstoffe zum Beispiel in Beeren vorkommen (Heidelbeeren, Aroniabeeren, Schwarze Holunderbeeren, Schwarze Johannisbeern, Brombeeren, Himbeeren). Beiträge zum Thema „Anthocyane“ finden Sie, wenn Sie diesen Begriff als Suchwort oben rechts auf dieser Website ins Suchfeld eingeben.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Eisenpräparate nicht mit Kaffee, Grüntee, Schwarztee oder Rotwein kombinieren

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Eisenpräparate sollte man nicht zusammen mit Kaffee, Schwarztee, Grüntee oder Rotwein einnehmen. Diese Getränke reduzieren die Aufnahme von Eisen in den Körper durch ihren Gerbstoffgehalt.

Gerbstoffe binden die Eisenionen.

Quelle:

http://www.t-online.de/gesundheit/id_41285508/medikamente-wechselwirkung-mit-lebensmitteln.html

Kommentar & Ergänzung:

Grundsätzlich ist zu empfehlen, Medikamente nur mit Wasser einzunehmen.

Gerbstoffe aus Grüntee und Schwarztee sollen auch die Eisenaufnahme aus pflanzlichen Speisen verringern können. Das fällt allerdings nur ins Gewicht, wenn man Grüntee oder Schwarztee in grossen Mengen und regelmässig zu den Mahlzeiten trinkt. In diesem Fall wäre es günstiger, einen zeitlichen Abstand von einer Stunde einzuhalten zwischen der Mahlzeit und der Teeaufnahme.

Das Standardwerk „Teedrogen und Phytopharmaka“ schreibt dazu:

„Durch üblichen Teekonsum wird die Aufnahme von Eisen aus der Nahrung (Komplexbildung mit Tee-Polyphenolen) nicht negativ beeinflusst; bestenfalls sollte bei bekanntem Eisenmangel zwischen Mahlzeiten und Teetrinken vorsichtshalber ein zeitlicher Abstand von etwa 1 Stunde eingehalten werden.“

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Thymiantee bei Bronchitis

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Das Portal Apotheke-Adhoc empfiehlt als Hausmittel bei Bronchitis:

„Thymiantee: Thymian enthält viele antibakterielle ätherische Öle, weshalb er im Volksmund als „natürliches Antibiotikum“ bezeichnet wird. Für eine Tasse reichen ein bis zwei Teelöffel Thymiankraut. Dieser Tee sollte 10 bis 15 Minuten ziehen.“

Quelle:

http://www.apotheke-adhoc.de/branchennews/alle-branchennews/branchennews-detail/blogads-welche-hausmittel-helfen-gegen-bronchitis/

Kommentar und Ergänzung:

Ja, das ätherische Thymianöl wirkt stark antibakteriell, jedenfalls bei Untersuchungen im Labor.

Im Standardwerk „Arzneidrogen“ von Georg Schneider heisst es dazu:

„Das Öl war gegen 35 getestete grampositive und 18 gramnegative Bakterien sowie 11 Pilzarten mit MHK-Werten von 0,125 bis 8 mg/ml wirksam. Thymianöl ist eines der antibiotisch wirksamsten ätherischen Öle.“

Allerdings lässt sich ein Laborergebnis nicht einfach auf die Anwendung beim Menschen übertragen. Thymiankraut enthält zwischen 1% und 2,5% Thymianöl, wovon aber wegen schlechter Wasserlöslichkeit nur ein Teil ins Teewasser übergeht. Dann muss das Thymianöl nach der Aufnahme in den Körper allfällige Umwandlungsprozesse in der Leber überstehen, wird über die Blutbahn im ganzen Organismus verteilt und soll dann in den Atemwegen eine Konzentration erreichen, die Bakterien hemmt. Das ist eigentlich eher fraglich. Bei Thymiantee von einem „natürlichen Antibiotikum“ zu sprechen ist daher ziemlich überzogen.

Eine Inhalation mit Thymianöl scheint mir da besser geeignet, erreicht man doch so die Atemwege von aussen ohne Umweg über den Verdauungstrakt und die Blutbahn.

Will man über den Verdauungstrakt in den Atemwegen ätherische Öle zur Anwendung bringen, sind magensaftresistente Kapseln wirksamer, weil dadurch grössere Mengen zugeführt werden können.

In Frage kommen Sibrovita N (mit Eukalyptusöl) oder Gelomyrtol ( entspricht Gelodurat als kassenzulässige Variante wenn ärztlich verordnet), einem Präparat aus aus rektifiziertem Eukalyptusöl, rektifiziertem Süßorangenöl, rektifiziertem Myrtenöl und rektifiziertem Zitronenöl.

Für Thymianöl gibt es keine entsprechenden Kapseln.

Eine akute Bronchitis wird im übrigen in den meisten Fällen durch Viren ausgelöst. Thymianöl zeigt im Labor auch Wirkungen gegen Viren, doch ist dieser Effekt offenbar schlechter untersucht als die antibakterielle Wirkung. Im Labor getestet wurde die Wirksamkeit gegen Herpes simplex Viren, die für Fieberbläschen verantwortlich sind.

Ergänzend soll noch erwähnt werden, dass Thymianöl zudem schleimlösend bei produktivem Husten wirkt. Auch für diesen Zweck würde ich aber die Inhalation dem Thymiantee vorziehen, oder Sibrovita / Gelodurat / Gelomyrtol als Kapsel einnehmen.

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Ginkgo-Extrakt: Unerwünschte Nebenwirkungen auf Placebo-Niveau

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Ob Patienten mit dem Ginkgo-biloba-Spezialextrakt EGb 761® (Tebonin®) behandelt werden oder mit einem Scheinmedikament (Placebo) macht keinen Unterschied, was die Häufigkeit von Nebenwirkungen anbelangt. Zu diesem Resultat kommt eine Metaanalyse von 44 placebokontrollierten Studien, die kürzlich im Rahmen einer Poster-Präsentation auf dem Symposium der Europäischen Gesellschaft für Klinische Pharmazie (ESCP) in Heidelberg präsentiert wurde. In der Fachinformation des Ginkgo-Präparats Tebonin sind als potenziell auftretende unerwünschte Ereignisse Blutungen an einzelnen Organen, schwere Überempfindlichkeitsreaktionen, leichte Magen-Darm-Beschwerden sowie Kopfschmerzen und Schwindel aufgeführt. Wie oft diese Nebenwirkungen unter Tebonin im Vergleich zu Placebo auftreten, untersuchten zwei Mitarbeiter der Herstellerfirma Willmar Schwabe unter der Leitung von Professor Dr. Martin Schulz von der Freien Universität Berlin. Total werteten sie 44 randomisierte klinische Studien aus, in denen insgesamt 6415 Patienten entweder EGb 761 oder Placebo bekommen hatten. Für keine der aufgeführten Nebenwirkungen ergab sich in der Gesamtschau ein statistisch signifikanter Unterschied zwischen Placebo und EGb 761.

Die Autoren ziehen den Schluss, dass sich unter der Behandlung mit Tebonin sowohl unerwünschte Wirkungen als auch vermutete unerwünschte Arzneimittelreaktionen auf Placebo-Niveau bewegen. Die bisherige Bewertung potenzieller Nebenwirkungen sei womöglich verzerrt worden, weil zu wenige placebokontrollierte Studien betrachtet wurden.

Quelle:

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=72616

Kommentar & Ergänzung:

Das ist ein positives Ergebnis für den Ginkgo-biloba-Spezialextrakt EGb 761® (Tebonin®, in der Schweiz als „Tebofortin“ bzw. kassenzulässig bei ärztlicher Verordnung als „Tebokan“). Diese Aussagen lassen sich aber nicht einfach auf andere Ginkgo-Zubereitungen übertragen, insbesondere nicht auf Ginkgotee, der unterschiedliche Mengen von Ginkgolsäuren enthalten kann, die ein hohes allergenes Potenzial besitzen und in pharmakologisch-toxikologischen Untersuchungen auch cytotoxische, neurotoxische und mutagene Wirkungen zeigen.

Siehe dazu:

Ginkgotee nicht ohne Risiko

 

Einschränkend muss man sagen, dass die Untersuchung weitgehend vom Hersteller abhängig war und dass eine Poster-Präsentation an einem Kongress nicht gleich viel wert ist wie eine Publikation in einer Fachzeitschrift.

Das Thema ist aber grundsätzlich sehr interessant: Gibt man ein wirkstofffreies Scheinpräparat (Placebo), so sind vergleichbare Nebenwirkungen zu beobachten wie bei dem echten Arzneimittel, hier einem Ginkgo-Präparat.

Das heisst natürlich – und das wollen die Autoren auch sagen – dass das Ginkgo-Präparat gut verträglich ist.

Aber es heisst auch, dass bei der Anwendung eines wirkstofffreien Scheinpräparats Nebenwirkungen beobachtet werden können. Das ist auf den ersten Blick doch sehr erstaunlich.

Wie kommen solche unerwünschten Nebenwirkungen zustande?

Erstens können wirkstofffreie Scheinpräparate (Placebo) eine Erwartungshaltung erzeugen, die zu unerwünschten Nebenwirkungen führt. Das nennt man Nocebo-Effekt.

Siehe dazu:

Interessantes zum Nocebo-Effekt

Zweitens kann es sein, dass während der Einnahme eines Arzneimittels zufällig bestimmte Beschwerden auftreten, die dann fälschlicherweise dem Arzneimittel zugeschrieben werden.

Wenn ich über drei Monate ein Medikament X einnehme und während dieser Zeit zwei Tage Kopfschmerzen habe, kann ich den Schluss ziehen, dass es sich bei diesen Kopfschmerzen um eine Nebenwirkung von Medikament X handelt. Die Ursache für die Kopfschmerzen sehe ich bei Medikament X, obwohl die Kopfschmerzen und die Einnahme von X unabhängig voneinander sind. In diesem Fall spricht man von einem Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss.

Das tönt komplizierter als es ist. Mehr dazu hier:

Komplementärmedizin: Der Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss als häufige Irrtumsquelle

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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[Buchtipp] „Was tun – Demokratie versteht sich nicht von selbst“, von Gabriele von Arnim, Christiane Grefe, Susanne Mayer

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Was-tun-demokratie-verstehenVerlagsbeschreibung:

Ein Gefühl geht um in Europa: die Demokratie ist in Gefahr!
Nationalisten sind auf dem Vormarsch, und viele Bürger erleben zum ersten Mal, dass die liberale Demokratie keineswegs so selbstverständlich ist, wie man immer geglaubt hat, sondern ein fortwährender Prozess. Etwas, das man schützen, bewahren und mit Energie versorgen muss. Aber wie?
Fünf renommierte Journalistinnen geben in diesem kompakten Buch eine Antwort aus fünf unterschiedlichen Perspektiven. Ein Crash-Kurs in Staatsbürgerkunde, der mit Analysen, Informationen, Argumenten und Erfolgsgeschichten die Leser motiviert, sich für die Demokratie stark zu machen.
Gabriele von Arnim schreibt einen Liebesbrief an die Demokratie. Christiane Grefe erzählt davon, wie durch die Globalisierung Staat und Politik zugunsten der Wirtschaft so geschwächt wurden, dass viele Bürger das Vertrauen verloren haben. Aber das ist kein Naturgesetz: Wenn Bürger Druck machen, müssen Regierungen das Gemeinwohl wieder stärken. Elke Schmitter erinnert an demokratische Utopien, die schon vorhanden sind, man hat sie nur aus dem Auge verloren. Evelyn Roll zeigt, wie überlebenswichtig es für die Demokratie ist, eine Lüge wieder eine Lüge zu nennen, und wie man Realität und Erfindung auseinanderhalten kann. Und Susanne Mayer erzählt von positiven und gelungenen Beispielen demokratischen Engagements. Zum Shop

Zu den Autorinnen Gabriele von Arnim, Christiane Grefe, Susanne Mayer, Evelyn Roll, Elke Schmitter:

Gabriele von Arnim, 1946 geboren, studierte Politik und Soziologie. Als freiberufliche Journalistin arbeitete sie für Hörfunk, Fernsehen und Zeitungen. Sie lebte zehn Jahre in New York, unter anderem als Korrespondentin für „art“. Seit mehreren Jahren moderiert sie „Wortwechsel“ (SWR).

Christiane Grefe, Jahrgang 1957, Journalistenschule in München, Politik-Studium, Redakteurin bei Zeit, Süddeutsche Zeitung, Magazin, Wochenpost und GEO-Wissen. Seit 1999 Redakteurin und Reporterin im Berliner Büro der Zeit. Bücher: Ende der Spielzeit.

Susanne Mayer, geboren 1952, studierte Literaturwissenschaft. Kulturreporterin, Literaturkritikerin und Autorin seit 1986 bei DIE ZEIT.

Evelyn Roll, geboren 1952, Politologin und Theodor-Wolff-Preisträgerin, arbeitet als Reporterin und Autorin der „Süddeutschen Zeitung“ in Berlin.

Elke Schmitter, geboren 1961, studierte Philosophie in München und arbeitet als Journalistin für die taz, DIE ZEIT und die Süddeutsche Zeitung, seit 2001 für DER SPIEGEL.

Kommentar von Martin Koradi:

Dieses kleine Buch ist gut zu lesen und sehr anregend, um über Demokratie nachzudenken. Und das ist nötig, weil liberale Demokratien stark gefährdet sind und die Unterstützung von Demokratinnen und Demokraten brauchen.

Mir gefällt der Aufsatz von Christiane Grefe, in dem sie den Ursachen für die Anziehungskraft des Populismus nachgeht. Zitat:

„Wenn man verstehen will, woher die weltweite Anziehungskraft der Populisten, der drohende Zerfall Europas und die Hoffnung auf starke Männer und Staaten rühren, dann fordert das auch einen Blick zurück auf die Erfahrungen im globalen Finanzkasino und eine verfehlte Form der Globalisierung…..Rund um den Globus hat die einseitige Fixierung auf den Markt die sozialen Sicherheiten und Solidarstrukturen untergraben, Gemeinschaften, Kulturen und natürliche Ressourcen zerstört, den ökologischen Umbau des westlichen Wirtschaftsmodells aufgehalten. Und dabei wurden zugleich Politik und Staat so heruntergeredet und geschwächt, dass viele Bürger heute beiden misstrauen.“

Gabriele von Arnim präsentiert in ihrem Text zwei Zitate, die mich angesprochen haben. Eines davon stammt von Sylke Tempel, der Chefredaktorin der Zeitschrift „Internationale Politik“, die am 5. Oktober 2017 während des Sturmtiefs Xavier durch einen umstürzenden Baum ums Leben gekommen ist:

„Hinführung zur Demokratie ist immer auch Hinführung zur Komplexität. Der Reflexionsprozess ist wichtig. Die Demokratie ist kein Billy-Regal, das man einmal zusammenschraubt, an die Wand stellt und das war’s. In einer Demokratie gibt es einen inneren Zusammenhalt von Unverhandelbarem. Einen Wertekanon. Das sind keine absoluten Wahrheiten, nur relative. Wir müssen die Paradoxien hinkriegen.Es gibt keine perfekten Lösungen, immer nur eine Annäherung ans Ziel. Mehr schaffen wir nicht.“

Das zweite Zitat stammt von Lorraine Daston, der Direktorin des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte:

„Leider hat man das Recht zu wählen abgekoppelt von der Pflicht, sich zu informieren. Und ohne den informierten Bürger funktioniert keine Demokratie.“

Auch die zwei Beiträge von Evelyn Roll sind sehr ansprechend. Sie gibt „Tipps für den Umgang mit Demokratieverächtern“ und zeigt auf, wie im Informations- und Cyberkrieg mit Lügen und Faktenzersetzung die Grundlagen der Demokratie angegriffen werden.

Ausserdem:

Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz).

 

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