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Schleimlöser bei Husten: Schlüsselblumenblüten oder Schlüsselblumenwurzel?

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Die Echte Schlüsselblume (Primula veris) ist eine wichtige Heilpflanze bei produktivem Husten. Sie wird bei dieseer Indikation als Schleimlöser (Expectorans) eingesetzt wird.

Dabei ist es wichtig zu wissen, dass der Wirkstoffgehalt in der Schlüsselblumenwurzel deutlich höher ist als in den Schlüsselblumenblüten.

Präzis beschrieben hat dies vor kurzem ein Beitrag auf Apotheke-Adhoc:

„In der Phytotherapie finden sowohl die Blüten als auch die Wurzel Anwendung. Die Schlüsselblumenblüten enthalten jedoch weitaus weniger wirksame Inhaltsstoffe als die Wurzel. Bislang konnte nur ein geringer Anteil an Triterpensaponinen nachgewiesen werden. Ätherisches Öl ist zu etwa 0,1 Prozent enthalten, Flavonoide zu etwa 3 Prozent. Die Blüten werden volkstümlich bei Reizbarkeit, Ruhelosigkeit und Angstzuständen eingesetzt. Auch wenn die Wirksamkeit nicht belegt ist, kommen die Blüten außerdem bei Neuralgien, Kopfschmerzen oder Schlaflosigkeit zum Einsatz.

Die Wurzel enthält weitaus mehr Triterpensaponine, insgesamt können es bis zu 12 Prozent der Pflanzeninhaltsstoffe sein. Der Großteil bezieht sich auf das Aglykon Protoprimulagenin A und die dazugehörigen Glykoside – die Primulasaponine. Primverin und Primulaverin sind als Phenolgylkoside die Hauptkomponenten.“

Apotheke-adhoc geht auch auf den Wirkungsmechanismus der Schlüsselblume ein, also auf die Frage, wie die schleimlösende Wirkung der Saponine zustande kommt:

„Die Wirkung ist auf die Triterpensaponine zurückzuführen. Sie reizen die Magenschleimhaut und regen die Bronchialschleimhaut durch die Reizweiterleitung über Nervenfasern dazu an, mehr Schleim zu produzieren. Somit verdünnt sich das Sekret und kann leichter abgehustet werden. Als Nebenwirkungen können vereinzelt Magenreizungen oder Übelkeit auftreten. Die Wurzel kann als Expektoranz zum Beispiel mit Thymian, Spitzwegerich, Fenchel oder Süßholz kombiniert werden.“

Quelle:

http://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/nachricht-detail/arzneipflanzen-primula-veris-fruehblueher-gegen-husten/

Kommentar & Ergänzung:

Das ist ein fachlich kompetenter Text. Bei der Schlüsselblume steht heute tatsächlich die schleimlösende Wirkung im Zentrum.

Die erwähnten volkstümlichen Anwendungen der Schlüsselblumenblüten bei Reizbarkeit, Ruhelosigkeit, Angstzuständen, Neuralgien, Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit sind nicht plausibel. Schlüsselblumenblüten eignen sich aber gut zur Teeverschönerung. Sie sind auch enthalten im Präparat „Sinupret“, das bei Nebenhöhlenentzündung (Sinusitis) eingesetzt wird.

Bei Husten ist aber wegen des höheren Saponin-Gehalts mit grosser Wahrscheinlichkeit die Schlüsselblumenwurzel wirksamer. Allerdings ist sie einzeln nicht nicht fundiert auf ihre Wirksamkeit untersucht worden. Es gibt aber gute Studien zur Wirksamkeit einer Kombination von Thymianextrakt und Schlüsselblumenwurzelextrakt. Dieses Kombipräparat wird sogar in den Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) empfohlen.

Siehe dazu hier:

Erkältungsmittel: Hustenstiller und Schleimlöser bewertet

Schlüsselblume als Hustenmittel

 

Heilpflanzen-Extrakte aus Schlüsselblume und Thymian helfen beim abhusten

Den beschriebenen Wirkungsmechanismus der Triterpensaponine nennt man auch gastropulmonalen Reflex. Er ist nicht spezifisch für die Schlüsselblume, sondern tritt auch bei anderen Heilpflanzen auf, die Triterpensaponine enthalten.

Die Echte Schlüsselblume (Primula veris) steht im Übrigen unter Naturschutz. Zu Heilzwecken kauft man sie besser in der Apotheke oder Drogerie.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe

Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse

Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

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Saathafer – die Arzneipflanze des Jahres 2017

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Der Saathafer wurde vom Studienkreis „Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ an der Universität Würzburg zur Arzneipflanze des Jahres 2017 gewählt.

Der Saathafer (Avena sativa) ist ein Getreide und zählt zu den Süßgräsern (Poaceae oder Gramineae). Er bildet im Gegensatz zu Weizen, Roggen und Gerste seine Körner nicht in Ähren, sondern in vielfach verzweigten Rispen aus.

Die Haferkörner sind von Spelzen umschlossen, die durch einen speziellen Mahlgang entfernt werden müssen. Der Hafer liefert zwar tiefere Hektar-Erträge als Weizen, Roggen und Gerste, doch ist er diesen gegenüber beim Nährwert und nicht zuletzt beim Geschmack überlegen. Zudem ist Hafer weniger anspruchsvoll, denn er gedeiht auch auf kargen Böden und bei feuchter Witterung.

Drei Pflanzenteile des Saathafers stossen auf pharmazeutisches Interesse:

Haferstroh (Avenae stramentum) wird als Abkochung für Bäder bei Hautverletzungen und Juckreiz verwendet.

Für die Gewinnung von Haferkraut (Avenae herba) wird der Hafer vor seiner Blüte geerntet. Haferkraut ist reich an Flavonoiden, Saponinen und Mineralien (Kalium, Calcium, Magnesium), wobei den Flavonoiden entzündungshemmende und den Saponinen immunmodulierende Eigenschaften zugesprochen werden.

Haferkraut-Extrakte kommen daher bei trockener Haut und bei atopischer Dermatitis zur Anwendung.

In den Neunzigerjahren wurde in Frankreich durch Selektion eine Hafersorte mit einem besonders hohen Anteil an Flavonoiden und Saponinen gezüchtet, die schon sehr jung geerntet und durch ein besonderes Verfahren extrahiert wird. Der aufgereinigte Extrakt ist frei von Proteinen und wird für Hautpflegemittel wie Cremes, Körpermilch und Badezusätze eingesetzt, die für Allergiker speziell gut verträglich sein sollen. Seine Bedeutung für die Dermatologie wurde schon in neueren Fachpublikationen gezeigt. Haferkrautextrakt-Produkte werden aber auch zur Pflege von empfindlicher Haut (Babys, Senioren) und zur Behandlung von Wunden, Rosacea und nicht zuletzt von Psoriasis eingesetzt.

Das Haferkorn (Avenae fructus), aus dem die allseits bekannten Haferflocken hergestellt werden, ist reich an Ballaststoffen (Polysacchariden), von denen die löslichen β-Glucane etwa die Hälfte ausmachen.

In 100 Gramm Haferflocken sind etwa 4,5 Gramm β-Glucane enthalten, in der Haferkleie sind es sogar mehr als 8 Gramm pro 100 Gramm. Die β-Glucane geben dem Haferschleim seine Konsistenz. Indem sie die Verdauung und den Stoffwechsel beeinflussen, wirken sie sich günstig auf den Cholesterinspiegel und den Blutzuckerspiegel aus.

Die Fähigkeit der β-Glucane, Gallensäuren zu binden, führt wahrscheinlich zur Ausscheidung von Cholesterol und zur Reduktion des Gesamtcholesterol- und des LDL-Cholesterol-Spiegels, was einer Atherosklerose vorbeugen kann. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat im Jahr 2011 bestätigt, dass die Einnahme von Hafer-β-Glucanen zur Reduktion des Cholesterolspiegels beitragen kann.

Die unlöslichen Ballaststoffe regulierend ausserdem die Verdauungstätigkeit. Da sie die Aufnahme der Nährstoffe aus dem Darm in den Körper verzögern, steigt der Blutzuckerspiegel nach einer Mahlzeit zeitverzögert an, was eine geringere Ausschüttung von Insulin zur Folge hat. Schon vor 100 Jahren wurden daher diätetische „Hafertage“ für Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 eingeführt. Eine neuere Studie am Diabetologikum in Berlin hat gezeigt, dass die Insulindosis bei Patienten mit einem hohen Insulinbedarf nach zwei Hafertagen um bis zu 30 Prozent reduziert werden kann. Dieser günstige Effekt soll bis zu vier Wochen nachweisbar sein.

Haferflocken zeigen aber auch günstige Auswirkungen auf die Verdauungsorgane selbst. Die Darmwand wird durch die viskösen löslichen Ballaststoffe vor Reizen aus dem Darmlumen geschützt und ein empfindlicher Magen beruhigt.

Umstritten ist noch, ob Menschen mit Zöliakie zu Haferprodukten greifen können. Bei der Zöliakie entzündet sich die Schleimhaut des Darms nach dem Verzehr von Gluten, dem Kleber-Eiweiß in verschiedenen Getreidekörnern.

Gluten ist die dominierende Eiweissfraktion im Weizenkorn, Im Haferkorn herrscht dagegen das Globulin Avenalin mit 80% vor, während Gluten nur einen Anteil von 15 Prozent hat. Hirse, Mais und Reis gelten dagegen als glutenfrei.

Die Zusammensetzung des Glutens unterscheidet sich in den einzelnen Getreidearten und ihren Sorten. Allgemein besteht Gluten aus den Proteingemischen der Prolamine und Gluteline, die wegen ihres hohen Anteils an den Aminosäuren Prolin und Glutaminsäure so benannt worden sind.

Krankheitsauslösend sind bei der Zöliakie die Prolamine, allerdings mit unterschiedlicher Intensität. Für zahlreiche Zöliakie-Patienten ist zwar das Weizen-Prolamin Gliadin, nicht jedoch das Hafer-Prolamin Avenin unverträglich. Und die relative Unverträglichkeit des Avenins hängt zudem noch von der Hafersorte ab; es gibt Hafersorten, die sogar für eine glutenfreie Ernährung infrage kommen.

Mehrere Studien zur Verträglichkeit des Hafers bei Zöliakie-Patienten haben gezeigt, dass kleinere Mengen Hafer im allgemeinen gut vertragen werden. In Schweden und Finnland gilt die Aufnahme von bis zu 50 g Hafer pro Tag als unbedenklich. Es muss sich dabei jedoch um „nicht-kontaminierten Hafer“ handeln, der nicht mit anderem Getreide verunreinigt sein darf und speziell für diesen Zweck angebaut wird.

Der Studienkreis „Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ ist überzeugt davon, dass das diätetische und therapeutische Potenzial des Hafers noch nicht ausgeschöpft ist und hofft, dass die Arzneipflanze des Jahres 2017 Gegenstand weiterer Forschungen sein wird.

Quelle:

https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2016/10/28/noch-viel-potenzial-bei-hautkrankheiten-und-zoeliakie

Kommentar & Ergänzung:

Das ist eine ungewöhnliche Wahl, zählt doch der Hafer seit je her zu den Nahrungsmitteln und nicht zu den typischen Heilpflanzen. Nimmt man ihn aber aus der Perspektive der Heilwirkungen in den Blick, steht er in einem Übergangsbereich zwischen Phytotherapie und Ernährungstherapie. Und dieser Übergangsbereich ist durchaus interessant.

Wie gewohnt begründet der Studienkreis „Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ seine Wahl der Arzneipflanze des Jahres 2017 auch dieses Mal fundiert.

2016 war der Kümmel Arzneipflanze des Jahres, 2015 das Johanniskraut, 20114 der Spitzwegerich, 2013 die Kapuzinerkresse und 2012 das Süssholz.

Hier geht’s zur Website des Studienkreises:

http://www.welterbe-klostermedizin.de/index.php

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Aloe vera als Wundheilmittel

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In der Zeitschrift für Phytotherapie (2/2016) befasst sich Prof. Karin Kraft mit dem Thema „Phytotherapie in der Wundbehandlung“. Dabei geht es in einem Kapitel um Aloe-Gel als Wundheilmittel. Die Autorin Karin Kraft ist Professorin am Lehrstuhl für Naturheilkunde der Universität Rostock und eine ausgezeichnete Kennerin der Phytotherapie.

Nachfolgend eine Zusammenfassung dieses Abschnitts:

Aloe-Gel wird aus den Parenchymzellen der frischen oder lyophilisierten Blätter von Aloe barbadensis (Aloe vera, Aloe vulgaris) nach dem Entfernen der grünen Anteile gewonnen. Seine Hauptinhaltsstoffe sind Mucopolysaccharide, Enzyme, Anthranoide, Lignin, Saponine, Salizylsäure und Mineralstoffe.

Aloe-Gel beziehungsweise seine Inhaltsstoffe wirken in verschiedenen Untersuchungsmodellen bakterienhemmend, antioxidativ, schmerzstillend und entzündungshemmend. Das Gel stimuliert auch das Wachstum von basalen Keratinozyten im Reagenzglas. Hinweise auf eine lokale oder systemische Toxizität wurden bisher nicht gefunden

In Tierversuchen mit Mäusen zeigte eine Aloe-Behandlung wundheilende Effekte. Solche Experimente lassen sich aber nicht einfach so auf menschliche Wunden übertragen.

Der Wirksamkeitsnachweis von Aloezubereitungen durch Studien an Wunden bei Menschen ist noch nicht befriedigend gelungen.

Die Cochrane Collaboration fasste im Jahr 2012 in einem Review die Ergebnisse von 7 randomisierten und kontrollierten Therapiestudien mit Aloe-vera-Zubereitungen bei akuten und chronischen Wunden zusammen. Die Studien hatten eine sehr geringe Qualität. Eine randomisierte Studie bei Brustkrebspatientinnen mit Hautschäden nach Bestrahlung kam zum Schluss, dass nur neutraler Puder, nicht jedoch Aloe-Creme oder Basis-Creme wirksam waren.

Patienten mit Druckulcera, diabetischen oder venösen Ulcera wurden in einer randomisierten, doppelblinden Studie während 30 Tagen entweder mit einer Aloe vera/Olivenöl- oder mit einer Phenytoin-haltigen Creme behandelt. Dabei wirkte die Aloe vera/Olivenöl-Creme signifikant besser wundheilungsfördernd und analgetisch.

Die Autorin Prof. Karin Kraft zieht den Schluss: „Aloe-Spezies haben damit zwar ein Potenzial bei der Indikation ‚Unterstützung der Wundheilung’, weitere klinische Studien mit exakt definierten Zubereitungen sind jedoch erforderlich.“

Quelle: Zeitschrift für Phytotherapie Nr. 2 / 2016

https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/html/10.1055/s-0042-105039#R10-1055-s-0042-105039-31 (Zugang nur für Abonnenten)

Kommentar & Ergänzung:

Mit Aloe vera gibt es einen völlig absurden Hype. Irgendwelche Beschwerden zu finden, gegen die Aloe vera nicht helfen soll, dürfte schwer fallen. Das ist typische Indikationslyrik.

Inzwischen gibt zudem schon Putz- und Waschmittel mit Aloe vera – oder Stumpfhosen für schöne Beine….

Das ist reines Marketing. Ein Produkt, auf dem steht: „Mit Aloe vera“, verkauft sich einfach besser. Ob Aloe vera darin überhaupt eine Wirksamkeit entfalten kann und in der nötigen Konzentration vorhanden ist, spielt keine Rolle.

Im Bereich der Wundheilung scheint Aloe vera jedoch tatsächlich eine günstige Wirkung zu haben, auch wenn die Belege aus Studien dazu noch mager sind.

Bei kleinen Verbrennungen und bei Sonnenbrand wird Aloe vera frisch aufgelegt oder als Gel eingesetzt – und viele Anwender machen damit gute Erfahrungen. Eine kühlende und entzündungswidrige Wirkung ist jedenfalls plausibel.

Bei schlecht heilenden Wunden wie beim Ulcus venosum (venöses Unterschenkelgeschwür) könnte auch der Gel aus den Blättern über eine Feuchthaltung der Wunde günstig wirken und die Granulation fördern.

Bei den Aloe-Gelen aus dem Handel gibt es grosse Qualitätsunterschiede. Sie sind nicht als Arzneimittel, sondern als Kosmetika im Markt. Dadurch müssen die Hersteller keine Wirksamkeit belegen, was die Motivation der Hersteller für die Finanzierung grosser Studien sehr reduziert.

Ursprünglich wurde Aloe vera in der Heilkunde vor allem als starkes Abführmittel eingesetzt. Dazu verwendet man den Zellsaft, der nach dem Abschneiden der Blätter austritt. Durch Eindampfen an der Sonne oder im Vakuum entsteht eine braune bis schwärzliche Substanz, die als Hauptwirkstoff das Anthranoid Aloin enthält. Die therapeutische Bedeutung von Aloe vera als Abführmittel ist stark zurückgegangen, da es deutlich verträglichere Wirkstoffe gibt.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Heilpflanze des Jahres 2017: Das Gänseblümchen

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Das Gänseblümchen (Bellis perennis) ist zur Heilpflanze des Jahres 2017 gewählt worden. Fast jeder kenne das Spiel „Liebt mich – liebt mich nicht“ mit dessen Blättern, doch über die Heilwirkungen der heimischen Blume sei wenig bekannt, schreibt der Naturheilverein NHV Theophrastus. Der Verein will aus diesem Grund stärker über die Heilkraft der Gänseblümchen informieren.

Eine Prise Gänseblümchen im Tee habe sich besonders in der Kinderheilkunde bewährt schreibt der NHV Theophrastus. Das helfe bei Schwächezuständen, Erkältung und Durchfall, heisst es in der Pressemitteilung. Zudem werde das Gänseblümchen bei Hautausschlägen, Verletzungen und als Hustenmittel genutzt.

Die Wahl zur „Heilpflanze des Jahres“ wird jeweils vom Verein zur Förderung der naturgemäßen Heilweise nach Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus, durchgeführt.

Quelle:

http://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/pharmazie/nachricht-detail-pharmazie/gaensebluemchen-ist-heilpflanze-2017-heilwirkung-naturheilverein-erkaeltung-hustenmittel/

 

Kommentar & Ergänzung:

Nichts gegen das Gänseblümchen! Gar nichts!

Aber die Angaben zu den Anwendungsbereichen des Gänseblümchens als Heilpflanze sind in diesem Pressetext schwach.

Über allfällige Wirkungen des Gänseblümchens als Heilpflanze gibt es so gut wie gar keine gesicherten Erkenntnisse. Es fehlen experimentelle Untersuchungen und gut dokumentierte Erfahrungsberichte. Klinische Studien mit Patienten existieren erst recht keine. Einzig Angaben zu den Inhaltsstoffen sind zu finden. Danach enthalten die Blütenköpfchen zirka 2,7 % Saponine und etwas Flavonoide.

Keine gute Ausgangslage, wenn man das Gänseblümchen als Heilpflanze des Jahres 2017 präsentieren will.

Nun – man könnte die schwache Datenlage darlegen und für mehr Aufmerksamkeit für das Gänseblümchen und für mehr Forschung plädieren.

Oder man kann aus irgendwelchen Kräuterbüchern oder aus dem Internet Angaben zu den Anwendungsbereichen des Gänseblümchens zusammentragen und ungeprüft übernehmen. Das sieht dann zwar auf den ersten Blick besser aus, lässt aber eine fundierte Auseinandersetzung vermissen. Die Angaben zu Wirkungen und Anwendungsbereichen des Gänseblümchens im Pressetext des NHV Theophrastus machen den Eindruck, dass sie auf derart willkürliche Weise entstanden sind.

Der Gehalt an Saponinen lässt allenfalls die Anwendung als schleimlösendes Mittel bei produktivem Husten plausibel erscheinen. Eine Empfehlung als „Hustenmittel“ ist aber auf jeden Fall zu ungenau.

Und wenn Gänseblümchen in der Kinderheilkunde bei „Schwächezuständen“ helfen soll, dann stellt sich zuerst die Frage nach den Ursachen der zu behandelnden Schwächezustände. Denn Gänseblümchen – sollte es wirklich helfen – wird das ja wohl nicht in jedem Fall und unabhängig von der jeweiligen Ursache tun.

Und „Erkältungen“ als Indikation, das wirft ebenfalls Fragen auf:

Welche Art von Erkältung? Was genau soll das Gänseblümchen da bewirken?

Eine Wirksamkeit gegen „Durchfall“ ist sehr unwahrscheinlich, dazu müsste das Gänseblümchen Gerbstoffe in relevanten Mengen enthalten, was nicht der Fall ist.

Auch „Hautausschläge“ ist als Anwendungsbereich viel zu verschwommen, weil damit ganz unterschiedlich verursachte Erkrankungen bezeichnet werden können.

Kurz gesagt: Ich vermisse im Text des NHV Theophrastus kritische Auseinandersetzung und sorgfältige Urteilsbildung.

Siehe dazu auch:

Naturheilkunde braucht kritische Auseinandersetzung

P.S.:

Sehr viel fundierter begründet jeweils der „Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ an der Universität Würzburg seine Wahl der „Arzneipflanze des Jahres“.

Siehe dazu: Welterbe Klostermedizin / Arzneipflanze des Jahres

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Blume des Jahres 2016: Die Wiesen-Schlüsselblume (Primula veris)

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Die Loki Schmidt Stiftung in Hamburg hat die Wiesen-Schlüsselblume (Primula veris) zur Blume des Jahres 2016 ernannt. Damit soll für den Schutz dieser selten gewordenen Pflanze geworben werden, die in vielen Regionen auf der Roten Liste der gefährdeten Arten steht. Die jeweilige Blume des Jahres steht immer auch stellvertretend für einen bedrohten Lebensraum – das sind bei der Wiesen-Schlüsselblume sind sonnige, eher trockene Wiesen und lichte Wälder auf kalkhaltigen Böden.

Die satt gelben Blüten der Wiesen-Schlüsselblume gelten als Frühlingsboten, doch wird die Pflanze in vielen Gebieten immer seltener. Die intensive Nutzung von Wiesen und Weiden, die Düngung, und auch der Umbruch von Grünland zu Ackerland bewirken, dass die Pflanze an zahlreichen Orten nicht mehr zu finden ist. An anderen Stellen verdrängen Büsche und Bäume die lichtliebenden Schlüsselblumen, weil die traditionelle Nutzung der Wiesen aufgegeben wurde. Zwar kann die Blume des Jahres 2016 auch in lichten Wäldern wachsen, doch verschwindet sie, wenn die Beschattung im Wald zu stark wird. „Unsere letzten ungedüngten Wiesen auf trockeneren Böden müssen unbedingt erhalten werden“, fordert der Geschäftsführer der Loki Schmidt Stiftung, Axel Jahn.

Die Wiesen-Schlüsselblumen werden von vielen Insekten bestäubt, beispielsweise von Schmetterlingen, Hummeln, verschiedenen Fliegenarten und zahlreichen anderen.

Mit der Wahl der Wiesen-Schlüsselblume zur Blume des Jahres 2016 wirbt die Loki Schmidt Stiftung für einen schonenden Umgang mit den Lebensräumen dieser Pflanze. Als Schutzmaßnahme sollte dort auf eine Düngung verzichtet und jeder Nährstoffeintrag unterbunden werden.

Wird die Nutzung einer Fläche eingestellt, ist eine regelmäßige Biotoppflege anzustreben, beispielsweise durch Beweidung oder Mahd, um eine Beschattung durch Gehölze zu verhindern. Die Schlüsselblume braucht nämlich Sonnenbestrahlung. Viele weitere Pflanzen- und Tierarten profitieren ebenfalls von solchen Massnahmen.

Fotos der Wiesen-Schlüsselblume gibt es hier auf Wikipedia.

Mit der Bekanntgabe der Blume des Jahres erinnert die Stiftung an ihre Gründerin Loki Schmidt (1919-2010), die sich viele Jahrzehnte für den Naturschutz in Deutschland eingesetzt und die Aktion „Blume des Jahres“ im Jahr 1980 ins Leben gerufen hat.

Quelle:

www.loki-schmidt-stiftung.de

Kommentar & Ergänzung:

Die Wiesen-Schlüsselblume (Primula veris) wird, wie auch die Wald-Schlüsselblume (Primula elatior), als schleimlösendes Mittel bei produktivem Husten eingesetzt. Als Wirkstoff gelten Saponine, die in der Schlüsselblumenblüte vorhanden sind, aber in noch grösserer Konzentration in der Schlüsselblumenwurzel.

Angewendet werden Schlüsselblumen vor allem in Hustentee-Mischungen oder als Bestandteil von Hustensirup.

 

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Der Gewöhnliche Teufelsabbiss (Succisa pratensis) ist die Blume des Jahres 2015

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Die Loki Schmidt Stiftung hat den Gewöhnlichen Teufelsabbiss (Succisa pratensis) zur Blume des Jahres 2015 gewählt (Pflanzenfoto auf Wikipedia).

Mit der „Blume des Jahres“ macht die Loki Schmidt Stiftung jeweils auch auf einen bedrohten Lebensraum hin.

Beim Teufelsabbiss sind das magere und offene Feuchtwiesen, Moore und Heiden.

Das Rhizom ( = Wurzelstock) des Gewöhnlichen Teufelsabbisses wird bis zu 50 cm tief und stirbt im Herbst von unten ab. Der Teufel soll die Wurzel jeweils von unten abbeissen, aus Zorn über ihre Heilkraft, sagt ein alter Volksglaube.

Quelle:

http://www.loki-schmidt-stiftung.de/downloads/blumen_des_jahres_pdfs/Blume_des_Jahres_2015.pdf

 

Kommentar & Ergänzung:

Teufelsabbiss enthält Saponine, Bitterstoffe, Gerbstoffe, Stärke und Saccharose. Die Pflanze wurde in der traditionellen Volksheilkunde eingesetzt zur „Blutreinigung“, als Diuretikum, gegen Husten, Heiserkeit, Lungenerkrankungen, als Anthelmintikum (wurmwidriges Mittel), äusserlich bei Hauterkrankungen, Ekzemen, Geschwüren und Quetschungen.

Wie viele andere Pflanzen auch, wurde Teufelsabbiss früher gegen Pest empfohlen. Aber schon Tolstoi hat geschrieben: Wenn gegen eine Krankheit viele verschiedene Heilmittel empfohlen werden ist das ein Zeichen, dass sie unheilbar ist. Mit anderen Worten: Gegen Pest hat man früher in grosser Not einfach fast alles probiert, was greifbar war.

Keine dieser Indikationen ist aber bisher geklärt worden, so dass der Teufelsabbiss heute in der Phytotherapie nicht mehr zur Anwendung kommt.

Zum Anschauen in der Natur ist die Pflanze allerdings ausgesprochen hübsch, aber nicht häufig anzutreffen. Wenn Sie mehr Wildpflanzen und Heilkräuter in der Natur kennenlernen möchten, dann schauen Sie sich mal mein Programm 2015 für die Kräuterwanderungen an.

Botanisch gehört der Teufelsabbiss zur Pflanzenfamilie der Kardengewächse (Dipsacoideae), zu der auch die Witwenblumen, die Skabiosen und die Karden zählen.

Teufelsabbiss blüht erst spät im Jahr (Juli bis September) und wird von Bienen, Schmetterlingen und Fliegen bestäubt.

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Medikamentencheck für Erkältungsmittel: Sinupret

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Spiegel online veröffentlichte eine Beurteilung von „chemischen“, pflanzlichen und homöopathischen Erkältungsmitteln. Als Experte fungierte dabei Peter Sawicki. Der Internist und Diabetologe war von 2004 bis 2010 Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Köln.

Eines der beurteilten Erkältungsmittel ist Sinupret. Das Präparat enthält Eisenkraut, Enzianwurzel, Gartensauerampferkraut, Holunderblüten und Schlüsselblumenblüten. Sinupret forte wird bei akuter Nasennebenhöhlenentzündung eingesetzt und ist das am meisten verkaufte pflanzliche Arzneimittel in Deutschland.

Zu Sinupret schreibt Peter Sawicki:

„Das Präparat ist eine Mischung aus verschiedenen Pflanzenextrakten ohne nachgewiesenen Nutzen bei Virusinfekten und Infekten der oberen Atemwege. Grundsätzlich ist das Medikament (mit Ausnahme des Sirups) nur zur Behandlung der Infektion der Nasennebenhöhlen zugelassen – also nicht bei grippalen Symptomen“

Quelle:

http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/erkaeltung-was-hilft-gelomyrtol-umckaloabo-echinacea-im-test-a-954781.html

Kommentar & Ergänzung:

Ein hartes Urteil zu einem Präparat, das so häufig gekauft wird. Man könnte argumentieren, dass ein so häufig gekauftes Präparat auch wirksam sein müsse. Aber so einfach ist die Wirksamkeit nicht beurteilbar, weil eine akute Nebenhöhlenentzündung in der Regel nach ein paar Tagen auch von selbst abklingt.

Es gibt eine ganze Anzahl klinischer Studien zu Sinupret, die dem Präparat eine Wirksamkeit zuschreiben. Allerdings ist die Qualität der meisten dieser Studien nicht gerade hoch. Wikipedia führt eine neuere Studie an, die ein positives Resultat zeigte:

„Das 2012 zugelassene Sinupret extract wurde in einer doppelblinden, randomisierten, placebokontrollierten klinischen Studie an 386 Patienten untersucht. Das Hauptzielkriterium (ein Symptomwert, der nasale Sekretion, retronasale Sekretion, Verstopfung der Nase, Kopfschmerz und Gesichtsdruck berücksichtigt) war nach Behandlung mit Verum signifikant verbessert gegenüber der Behandlung mit Placebo.“

Die Studie wurde hier veröffentlicht.

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23193534?dopt=Abstract

Die „Medical-Tribune“ beschrieb 2012 die Studie so:

„Prof. Bachert berichtete über eine multizentrische Phase-III-Studie mit der Prüfsubstanz BNO 1016 (seit 1. Oktober als Sinupret® extract im Handel), die doppelblind, randomisiert und placebokontrolliert (DBRPC) mit 380 Patienten durchgeführt wurde. Sie erhielten über rund 15 Tage täglich entweder Placebo oder 480 mg BNO 1016 (3 x 2 Drg.).
Die Wirksamkeit wurde anhand des Major Symptom Score (MSS) bewertet, der fünf Symptome umfasst (anteriore bzw. posteriore Rhinorrhö, nasale Verstopfung, Kopfschmerz, Gesichtsschmerz). Ab dem dritten Behandlungstag zeigte sich ein deutlicher Unterschied zugunsten des Verums.

In dieser laut Prof. Bachert ersten DBRPC-Studie mit einem Phytopräparat bei akuter Rhinosinusitis waren Patienten unter der Phytotherapie 3,8 Tage früher geheilt als Angehörige der Placebogruppe. Der MSS zeigte sich am Tag 15 signifikant reduziert, was durch Sonographie der Nasennebenhöhlen bestätigt wurde.“

Quelle:

http://www.medical-tribune.ch/medizin/fokus-medizin/artikeldetail/rhinosinusitis-antibiotikum-oft-unnoetig.html

So wie eine einzelne Schwalbe noch keinen Frühling macht, macht eine einzelne gute Studie allerdings noch keine eindeutig belegte Wirksamkeit.

Leider. Auf diesem Hintergrund ist das harte Urteil des Experten nachvollziehbar, wenn die Kriterien der evidenzbasierten Medizin als massgeblich betrachtet werden.

Die Studie wurde mit „Sinupret extract“ durchgeführt, während im Spiegel von Sinupret oder Sinupret forte die Rede ist.

Das ist aber ein grosser Unterschied, der vielleicht bei dieser Beurteilung im Spiegel nicht oder zuwenig berücksichtigt wurde:

Sinupret Drg.:

Enzianwurzel (6 mg), Primelblüten (18 mg), Sauerampferkraut (18 mg), Holunderblüten (18 mg), Eisenkraut (18 mg)

Sinupret Forte Drg:

Enzianwurzel (12 mg), Primelblüten (36 mg), Sauerampferkraut (36 mg), Holunderblüten (36 mg), Eisenkraut (36 mg)

Sinupret und Sinupret forte enthalten getrocknete, pulvierisierte Heilpflanzen in einem Dragees und das in eher geringer Menge, wobei der Gehalt in Sinupret forte doppelt so hoch ist.

Sinupret extract enthält dagegen laut Beipackzettel pro Tablette 160,00 mg Trockenextrakt  aus Enzianwurzel, Schlüsselblumenblüten, Ampferkraut, Holunderblüten, Eisenkraut. Durch die Verwendung eines Trockenextraktes kann eine etwa vierfach höhere Konzentration an Wirkstoffen erreicht werden. Sinupret extract ist in Deutschland auf dem Markt, leider aber nicht in der Schweiz. Sinupret extract ist überzeugender und ich würde es vorziehen – jedenfalls für Erwachsene. Das Präparat kann in der Schweiz via Apotheke auch aus Deutschland besorgt werden.

Eigenartig finde ich die Verwendung von Schlüsselblumenblüten, weil Schlüsselblumenwurzel etwa 4mal mehr wirksamkeitsbestimmende Saponine enthält. Für Schlüsselblumenwurzel ist ein schleimlösender Effekt relativ gut dokumentiert. Auch sonst habe ich einige Fragezeichen zur Zusammensetzung von Sinupret. Für Enzianwurzel, Holunderblüten und Ampferkraut postuliert der Hersteller schleimlösende und antivirale Wirkungen, die jedoch hauptsächlich durch Tierversuche und Experimente mit Zellkulturen belegt werden. Solche Ergebnisse lassen sich nicht einfach auf die Anwendung am Menschen übertragen.

Mein eigenes Fazit: Sinupret und Sinupret forte überzeugen mich nicht (Sinupret, Sinupret forte) oder mässig (Sinupret Extrakt).

Sehr positiv bewerte ich, dass Bionorica als Hersteller von Sinupret ein mittelständischer Betrieb ist, der viel in Forschung und Entwicklung zugunsten von Phytopharmaka investiert. Ich schätze das auch bei anderen Herstellern (z. B. Schwabe, Zeller). Trittbrettfahrer haben wir genug. Wer in Forschung und Entwicklung investiert, sollte auch von Konsumentinnen und Konsumenten unterstützt werden.

P. S.

Ich selber bevorzuge im Übrigen bei Nasennebenhöhlenentzündung und Bronchitis eher Gelomyrtol®.

Siehe:

Myrtol / Gelomyrtol bei Husten und Bronchitis

Phytopharmaka: Gelomyrtol / Gelodurant / Sibrovita – was ist der Unterschied?

Myrtol bei Bronchitis und Sinusitis

Neu in der Schweiz: Gelomyrtol gegen Bronchitis und Sinusitis

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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Schmerzen? Chronische Erkrankungen? www.patientenseminare.ch

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Schlüsselblume als Hustenmittel

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Die Sendung „Puls“ von SRF berichtete über Heilpflanzen gegen Erkältungskrankheiten und kam dabei auch auf die Schlüsselblume zu sprechen.

Zitat:

„Von der attraktiven Frühlingsblume verwendet man die Blüten und Wurzeln für Heilzwecke. Sie reizen den Magen, dadurch bilden die Bronchien reflexartig neuen Schleim, der sich besser abhusten lässt. Vorhandenes Sekret wird verflüssigt. Besonders beliebt ist die Kombination mit Thymian.“

Quelle:

http://www.srf.ch/gesundheit/alltag-umwelt/mit-heilpflanzen-gegen-die-erkaeltung

Kommentar & Ergänzung:

Die Schlüsselblume wird vor allem bei produktivem Husten als schleimlösendes Mittel eingesetzt. Sie enthält Saponine als Hauptwirkstoffe, wobei der Gehalt in den Schlüsselblumenwurzeln etwa 4mal höher ist als in den Schlüsselblumenblüten.

Verwendet wird die Frühlings-Schlüsselblume (= Primula veris, Echte Schlüsselblume, Wiesen-Schlüsselblume) oder die Wald-Schlüsselblume ( = Primula elatior, Hohe Schlüsselblume), die in der Phytotherapie als gleichwertig gelten.

In der Natur sollten die Schlüsselblumen geschont werden. Für die Verwendung als Heilpflanze stehen Schlüsselblumen aus dem Anbau zur Verfügung.

Schlüsselblumenwurzeln und Schlüsselblumenblüten werden nur selten einzeln eingesetzt, sondern eher gemischt mit anderen Pflanzen in Hustenpräparaten wie Brusttee-Mischungen, Hustensirup, Hustentropfen etc.

Die Wirksamkeit eines Kombipräparates mit Schlüsselblumen und Thymian als Schleimlöser ist mit Studien belegt (im Gegensatz zu synthetischen Schleimlösern).

Die Wirkstoffe in den Schlüsselblumen sind nicht flüchtig und können daher nicht inhaliert werden – im Gegensatz zu Thymian. Thymianöl eignet sich gut zur Inhalation.

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Tipps für die Hustensaison

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In der Nordsee-Zeitung gibt der Lungenarzt Dr. Thomas Mutz vom Medizinischen Versorgungszentrum im Klinikum Bremerhaven nützliche Tipps aus der Phytotherapie zur Behandlung von Husten:

„Wenn einen tatsächlich eine Erkältung plagt, sind Ruhe, körperliche Schonung und unterstützende Maßnahmen wie Inhalationen, fiebersenkende und schmerzlindernde Medikamente sinnvoll. Hilfreich sind auch naturheilkundliche Therapien („Phytotherapie“) und alte Hausmittel wie Thymian, Efeu, Spitzwegerich, Isländisch Moos, Myrtol und Primel. Sei es nun als Inhalation, Arzneitee oder in anderer Darreichung. Zu bedenken ist aber auch stets, dass Husten immer auch ein natürlicher Schutzreflex ist und mit Antitussiva (Hustenstoppern) nicht komplett unterdrückt werden sollte. Eines ist sowieso klar: Ob mit oder ohne zusätzliche Therapien braucht der Mensch zur Regeneration mindestens eine Woche.“

Quelle:

http://www.nordsee-zeitung.de/nachrichten/wirtschaft_artikel,-Die-Hustensaison-hat-begonnen-_arid,811412.html

Kommentar & Ergänzung:

Die empfohlenen Heilpflanzen sind gut gewählt. Präzisieren müsste man nur den Satz: „Sei es nun als Inhalation, Arzneitee oder in anderer Darreichung“. Man könnte ihn nämlich so verstehen, als komme es auf die Darreichungsform nicht so an, als könne man die aufgeführten Heilpflanzen so oder so anwenden, zum Beispiel als Kräutertee oder als Inhalation.

Das wäre aber eine irrige Interpretation. Es kommt sehr darauf an, in welcher Form!

Interessant ist zudem die Frage, welche der erwähnten Heilpflanzen bei welcher Art von Husten geeignet ist.

– Thymian: Am sinnvollsten dürfte die Inhalation mit Thymianöl sein. Schleimlösend bei produktivem Husten.

– Efeu: Nur in Form von Efeuextrakt empfehlenswert. Schleimlösend, krampflösend auf die Bronchien.

– Spitzwegerich: Als Kräutertee oder als Bestandteil von Kräutertee-Mischungen („Brusttee“, Hustentee), für Inhalationen ungeeignet. Enthält Schleimstoffe. Eher bei trockenem Reizhusten.

– Isländisch Moos: Als Tee, der allerdings sehr bitter ist. In Hustenpastillen mit ungeklärter Wirksamkeit. Enthält Schleimstoffe, eher bei trockenem Reizhusten.

– Myrtol: Gemeint ist wohl „Gelomyrtol®“, ein Präparat, das ein Destillat aus einer Mischung von Eukalyptusöl, Süssorangenöl, Myrtenöl und Zitronenöl enthält und schleimlösend bei produktivem Husten wirkt. Es handelt sich um magensaftresistente Weichkapseln.

– Primel: Schlüsselblumenblüten und Schlüsselblumenwurzel enthalten enthalten Saponine mit schleimlösender Wirkung bei produktivem Husten. Bestandteil von Hustentee bzw. „Brusttee“ und von Hustensirup. Ungeeignet für Inhalationen, weil die Wirkstoffe nicht flüchtig sind.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Heilpflanzenkunde: Riesengoldrute (Solidago gigantea)

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Gigantisch, wie bereits der lateinische Name der Pflanze Solidago gigantea beschreibt, präsentiert sich das Riesengoldrutenkraut in charakteristischer Blüte im Auenwald und an heimischen Uferrändern. (Foto auf Wikipedia).

Die Pflanze aus der Familie der Korbblütler (Asteraceae) wird bis über zwei Meter hoch.

Das Auftreten in dichten Beständen und der typische gelbe Blütenstand in Form einer pyramidenförmigen Rispe machen das Riesengoldrutenkraut unübersehbar. Die ursprüngliche Heimat von Solidago gigantea liegt in Nordamerika. Als Neophyt hat das Riesengoldrutenkraut erst spät Beachtung als Heilpflanze gefunden.

Ursprünglich war die Riesengoldrute im Heilpflanzenhandel als Verfälschung der einheimischen Echten Goldrute (Solidago virgaurea)  verpönt und wurde erst im Laufe der Zeit als Ersatz dieser Art anerkannt. Der höhere Gehalt an Flavonoiden und Saponinen im Riesengoldrutenkraut wurde als Rechtfertigung zur Verwendung als Arzneipflanze herangezogen.

Goldruten-Extrakte fördern Aktivität der Glutathion-STransferasen (GST)

Als Hauptinhaltsstoffe im Riesengoldrutenkraut wurden bis zu 3,8 % Flavonoide als Quercetin, Kämpferol und Isorhamnetin und deren Abkömmlinge nachgewiesen. Triterpensaponine um die 10 % stellen die zweite Wirkstoffgruppe der Riesengoldrute dar. Ausserdem sind ätherisches Öl und Phenolkarbonsäuren wie Kaffee-, Ferula- oder Salizylsäure gefunden worden.

Extrakte der Goldrute fördern die Aktivität der Glutathion-STransferasen (GST), die eine entscheidende Rolle in der Entgiftung des menschlichen Organismus darstellen.

Sie fördern die Umwandlung von gewebsschädigenden Stoffen in hydrophile Metaboliten, die dann via Nieren und Harnwege ausgeschieden werden können. Diese Enzymaktivierung regt den körpereigenen Schutz gegen toxische und mutagene Effekte an. Mittels alkoholischer, flavonoidreicher Extrakte aus Solidago canadensis ( = Kanadische Goldrute) konnte diese Wirkung in vitro ( = im Reagenzglas) nachgewiesen werden. Auch die entzündungswidrige und gewebsschützende Wirkung von Extrakten aus der Riesengoldrute wurde getestet. Verglichen mit Diclofenac zeigte der hochkonzentrierte Extrakt die gleiche Wirkung.

Die Anwendung des Goldrutenkrauts setzt die Erhöhung der Harnmenge voraus. Goldrute kommt als Teezubereitung bei entzündlichen Erkrankungen der Blase und der ableitenden Harnwege, bei Nierengrieß und zur vorbeugenden Behandlung bei Harnsteinen zur Anwendung. Die gesteigerte Durchspülung der Niere und der Harnwege hemmt pathogene Keime.

In der Volksmedizin ist das Riesengoldrutenkraut und auch das Echte Goldrutenkraut als krampflösend und entzündungshemmend bekannt. Die krampflösende Wirkung ist beim Riesengoldrutenkraut etwas geringer als beim echten Goldrutenkraut.

Volksheilkundliche Anwendungen des Goldrutentees finden sich bei Rheuma und bei Gicht. Zudem wird ein abgekühlter Teeaufguss als Spülung zur unterstützenden Behandlung entzündeter Hautbereiche und bei Zahnfleischproblemen empfohlen.

Quelle:

Pharmaceutical Tribune Nr. 17/2011

http://www.pharmaceutical-tribune.at/dynasite.cfm?dsmid=110366&dspaid=954740

Kommentar & Ergänzung:

Goldrutenkraut gilt als Mittel zur Steigerung der Harnausscheidung, genauer: der Wasserausscheidung (Aquaretikum).

Das interessanteste Ergebnis aus der Goldruten-Forschung ist die Förderung der Aktivität der Glutathion-STransferasen (GST) mit der damit möglicherweise verbundenen Verbesserung der Entgiftungsfunktion.

Allerdings muss dabei beachtet werden, dass es sich dabei um Laboruntersuchungen im Reagenzglas handelt.

Ob diese Effekte in klinisch relevanter Art und Weise auch im menschlichen Organismus auftreten, ist ungeklärt. Es ist ein häufig gemachter Interpretationsfehler, vorschnell von Laborergebnissen auf Wirkungen im Menschen zu schliessen.

Zu erwähnen ist noch, dass die Riesengoldrute und die Kanadische Goldrute als Neophyten an vielen Standorten problematisch sind, andererseits aber noch im Spätsommer vielen Insekten als ergiebige Nahrungsquelle dienen.

Was sind Neophyten?

Neophyten sind Pflanzenarten, die (in)direkt durch Menschen in Gebiete eingeführt werden, in denen sie natürlicherweise nicht vorkommen. Als Neophyten werden Pflanzen bezeichnet, die erst seit der Entdeckung Amerikas (1492) bei uns vorkommen. Der Ausdruck „Neophyten“ bedeutet wörtlich «neue Pflanzen». Diese gebietsfremden Pflanzen sind zum grösstenteils harmlos (bspw. die Rosskastanie oder das Kleine Springkraut). Einige der neuen Pflanzen verhalten sich allerdings invasiv: Sie verwildern, breiten sich stark aus und verdrängen dabei die einheimische Pflanzenwelt. Bestimmte Neophyten sind sogar gefährlich für unsere Gesundheit, zum Beispiel Ambrosia (Allergien), Riesen-Bärenklau (Hautentzündungen durch Photosensibilisierung), andere können Bachufer destabilisieren oder Bauten schädigen. Solche Problempflanzen bezeichnet man als invasive Neophyten. Gegenwärtig gelten in der Schweiz 24 Pflanzenarten als nachweislich schädliche invasive Neophyten und 22 Arten als potentiell schädliche invasive Neophyten.

Die Kanadische Goldrute und die Riesen-Goldrute können durch Eindringen in schützenswerte Pflanzenbestände die natürliche Artenzusammensetzung stören. So werden vor allem Licht liebende Pflanzenarten durch die dichten Goldrutenbestände verdrängt.

Weitere invasive Neophyten:

Drüsiges Springkraut, Riesen-Bärenklau, Ambrosia, Japanischer Staudenknöterich, Essigbaum, Sommerflieder, Robinie, Kirschlorbeer, Götterbaum, Riesenaronstab.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

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